Iconoclash im Zeitalter von Corona

Unter der heiligen Agatha habe ich früher oft gestanden.

Eine goldene Statue, die auf einem hohen Sockel steht und den Kircheneingang bewacht. Ihren Blick hat sie weder auf die vorbeieilende Gemeinde, noch gen Himmel gerichtet. Sie starrt ins Ungewisse, ihre rechte Hand zur Seite gestreckt, eine unbestimmte Geste, mit der sie die, dort unter sich scheint schützen zu wollen, mit der Linken hält sie das Kreuz vor der Brust.

 

Wenn wir aus der Messe kamen, die Erwachsenen stehen blieben, um sich zu verabschieden, noch ein paar Worte tauschten, ihre sozialen Kontakte pflegten, dann drehte ich meine Runden um die heilige Agatha. Es gab ja sonst nichts. Keinen Spielplatz weit und breit, nur ein Parkplatz auf der anderen Seite, dort ein weiteres Denkmal, der Pannenklöpper, der an das Schmiedehandwerk erinnert, Reichtum der Region. Aber zum Pannenklöpper durfte ich nicht, denn ich musste in Sichtweite bleiben. Also drehte ich Kreise um die Schutzpatronin Agatha, die der Stadt und auch darüber hinaus, in Attendorn schützt sie die Schmiede.

Der Unachtsamkeit von Schmieden ist auch einer der schlimmen Brände zu verdanken, die die Stadt erfahren hat, das war 1634, und wenn man sich klar macht, dass die Region auch Eisenland genannt wird, wird einem klar, warum Schmiede hier so wichtig waren. Bränden fiel die Stadt öfter zum Opfer, zuletzt im zweiten Weltkrieg.

 

Wegen Corona verbringe ich meine Zeit zu Hause und damit im Netz, dabei, Informationen über Krankheit und Quarantäne in der Region Südwestfalen zu suchen. Bis auf Läuse habe ich keine eigene Erinnerung an Zeiten, in denen wir jemals zu Hause bleiben mussten. Meine Mutter erzählt mir von Kinderlähmung, Zeitungsberichte erinnern an den Pockenausbruch vor fünfzig Jahre in Meschede, die ein Reisender aus Pakistan mitbrachte. Die Viren gelangten damals durch das Treppenhaus, den Essensaufzug, infizierten Menschen auch ohne direkten Kontakt.

Pandemie ist ein Zustand, der an Mittelalter erinnert, an Pest, an Hilflosigkeit, an katastrophale Zustände. Das ausgebrochene Chaos, bei dem nichts mehr hilft, außer vielleicht noch Beten. Der schwarze Tod hat auch in Südwestfalen gewütet und gegen ihn gab es für die meisten Menschen keine andere Rettung als den Glauben. Gelübde, Beten, Hoffen.

Als Kind konnte ich die Agatha nie in ganzer Person sehen, so hoch steht die Statue auf ihrem Sockel. Aber die vier Tafeln, die ihre Stele umgeben, waren damals genau auf meiner kindlichen Höhe. Und so lief ich wartend von einer Seite zur anderen, sah mir die Bilder an, war schockiert. Das Verlassen der Kirche nach dem Messegang am Sonntag wurde zum kindlichen Horrortrip. Bilder, heute im Internet für sensible Gemüter zensiert, waren meine Wegbegleiter nach dem Gottessegen. Jede Tafel eine menschliche Katastrophe.

Zu Füßen der Agatha sind Feuer, Wasser, Flucht und Hunger zu sehen.

 

Die Hungertafel habe ich nie vergessen. Die leeren Augen und hohlen Münder haben sich in mein Gedächtnis geprägt, leichter abrufbar als Munchs Schrei und immer verbunden mit einer Angst, die mich als Kind befiel, ob wir wohl verschont bleiben würden, wenn das Unglück kam, die potentielle Wirklichkeit von Krise und Konflikt schien  mir als Kind realer, das Ozonloch wuchs, die Bitterkeit des Krieges stand meiner Großmutter noch im Gesicht, die Berliner Mauer war  Zeichen des kalten Krieges und nicht zuletzt mussten wir wegen Tschernobyl auch mal zu Hause bleiben. Aber das alles wuchs sich dann aus, mit der Zeit verschwammen die Ängste zum von der Erwachsenen bewältigten Kindheitstrauma.

Und ohne die aktuelle Schockerfahrung hätte ich mich wohl auch nicht an sie erinnert. Corona hat die profane Sicherheit, in der man sich in in unserer Wohlstandsgesellschaft sonst befindet, plötzlich und ohne Vorwarnung umgestoßen.

Ich habe lange nicht mehr an die heilige Agatha meiner Kindheit in Olpe gedacht, aber wenn ich heute an sie zurückdenke, dann wird mir bewusst, wie weit sie und ich uns doch in meinem Leben nicht nur räumlich, sondern auch im Bewusstsein voneinander entfernt haben.

Gerne würde ich wieder an sie, oder einen anderen Heiligen glauben, ein Gelübde ablegen, an dem ich mich festhalten kann, bis zum Schluss. Ich könnte sie fragen, wie sie das ganze sieht mit Corona. Aber ich weiß, ich würde keine Antwort bekommen, Agatha schweigt und steht, streckt eine Hand schützend über die Gemeinde und umklammert mit der anderen das Kreuz. Das wird sie tun, solange sie auf ihrem Sockel steht.

Wir sind einander fremd geworden, Agatha und ich. Noch vor wenigen Wochen bin ich dort an ihrer ikonischen Figur selbst vorbei gelaufen, als es noch selbstverständlich war, sich draußen frei zu bewegen, unachtsam und unaufmerksam, was wollte ich schon mit Kirchen und Gedenken, das kam mir überflüssig und unmodern vor. Ich suchte nach mehr, was Besonderem, etwas, das richtig überrascht, der Clash, die Einzigartigkeit, aber bitte keine religiöse Ikone. Und die Bilder zur ihren Füßen, die mich früher als Kind in Angst und Schrecken versetzten, haben mich zu dem Zeitpunkt sowas von gar nicht interessiert.

Das überrascht mich jetzt, weil ich mir bewusst mache, wie aktuell sie doch sind, diese Bilder der menschlichen Plagen, heute noch, die Brände in Australien sind kaum gelöscht, die geflohenen Massen verzweifeln vor Europa, nicht nur die Wege am Rhein sind immer wieder überflutet, aus Angst vor dem Hunger reißen wir uns gerade die Nudelpackungen aus den Händen.

Wie kam es, dass Agatha und ich, oder zumindest das, was die Ikone, ihre bildliche Darstellung transportiert, die Sehnsucht nach Schutz vor Katastrophen, soweit voneinander entfernt haben?

„Das Heilige und das Profane“ so schreibt Mircea Eliade, „bilden zwei existentielle Situationen, die der Mensch im Laufe seiner Geschichte ausgebildet hat.“ Und so frage ich mich, ob es sein könnte, dass ich die Seinsweise, des modernen, areligiösen Menschen, so völlig in mich aufgenommen habe, dass ich nichts mehr von dem spüren konnte, was Eliade als heilig beschreibt, die Entwicklung von strukturell religiösen Symbolen, die universell in ganz unterschiedlichen Gesellschaften zu finden sind, so wie die Präsenz einer Schutzpatronin eben.

Noch vor meinem Studium bin ich aus der Kirche ausgetreten. Es kam mir vor wie eine logische Konsequenz, nach den Jahren in Israel und dann doch wieder zurück in Deutschland, stellte mein Austritt aus der Religion eine gewisse persönliche Ordnung her.

Heute kann ich nicht mal vor die Tür treten, draußen lauert das Coronachaos, und mit ihm der Tod, nicht unbedingt für mich, sondern vor allem für die vielen Menschen, an die ich es weiter geben könnte. Und ich verstehe nicht mehr, wie ich das alles so von mir habe fort halten können, und glauben, dass es nicht mehr möglich sei, vor einer solchen Katastrophe zu stehen, dass eine Krankenversicherung, der Gesundheitscheck, die Altersversicherung, das Arbeitslosengeld, die moderne Gesellschaft, einfach der gesunde Menschenverstand schon dafür sorgen würde, dass hier in unserer modernen Zivilisation schon alles so weiter laufen würde.

Was Eliade suchte, war die vergessene Wahrheit, er wollte, „dem entsakralisierten Menschen von heute die Bedeutung und den Inhalt der traditionellen Schöpfungen enthüllen“. Im Sakralen sieht Eliade die Notwendigkeit aus dem von Menschen Erlebten Chaos eine Ordnung wiederherzustellen, dabei helfen eben Gelübde, Gebete und Rituale.

Warum Fetische zerstört werden, überlegt der französische Soziologe Bruno Latour mit seiner Arbeit zu Iconoclash und hinterfragt damit die Praxis des Ikonoklasmus, Bildersturm, oder einfacher, wie können die weiter existieren, die die bildlichen Strukturen dessen zerstörten, was die Welt solange zusammen hielt.

Du sollst dir kein Bildnis machen, das erste göttliche Gebot bezieht sich auf das Unfassbare jeglicher Existenz, oft als das Verbot jeglicher Repräsentation, missverstanden. Denn ein Bild von etwas haben, bedeutet auch, eine feste Vorstellung von etwas zu haben.

Die Vorstellung vielleicht, dass wir als moderne Zivilisation vor Chaos und Katastrophen geschützt sind, abgesichert in unserem Hightech-Raum.

Für Latour ist die Menschheit nie modern gewesen, Viren, Umweltverschmutzung, künstliche Reproduktion, in alledem sieht er den Fehlglauben des Postmodernen sich jenseits traditioneller Grenzen zu bewegen. Wir haben uns von der Welt lediglich ein falsches Bild gemacht.

Und wenn die Bilder fallen, fallen dann auch wir selbst?

Sind wir verrückt geworden“, fragt sich Latour in seinem Text zu der Ausstellung Iconoclash, die 2002 in Karlsruhe zu sehen war. Die Mediatoren des Heiligen, so Latour, sind fragile, sie werden heute angebetet und morgen zerstört.

 

Mich hat die heilige Agatha für immer verloren, ich kann sie nicht anbeten, kein Gelübde ablegen, um den Schrecken heute abzuwehren, denn daran glaube ich nicht. Doch was Agatha und mich heute näher bringt, ist das Wissen, das ihre ausgestreckte Hand transportiert. Und zwar die Erkenntnis, dass wir Menschen immer schon Katastrophen und Chaos ausgesetzt waren und es weiter sind, und dass wir diese, mithilfe unserer uns eigenen Kreativität überwunden haben und werden. Der Mensch trägt das Chaos in sich, und gebärt daraus neue Sterne, wie Nietzsche schreibt. Unsere Kreativität ist das, an dem wir festhalten können, mit der wir Bilder und Beschützer schaffen, nur um sie wieder zu zerstören, Formeln finden, um sie wieder zu verwerfen, nur vergessen sollten wir nicht, dass dieser ewige Kreislauf aus Fort- und Rückschritt, aus Stirb und Werde, niemals zu durchbrechen sein wird, niemals, bis zum Schluss.

 

 

Wasser, Feuer, Flucht

Die Bilder wurden von Magdalena Bechheim zur Verfügung gestellt, Herzlichen Dank!

 

 

More by Barbara Peveling

Maria, die „gute Seele“ vom Kloster Steinfeld

Ich wollte immer wissen, was ein Mädchen dazu treibt, ins Kloster zu gehen. Wie diese Entscheidung getroffen wird? Was sie dazu motiviert, ihr Leben Tag und Nacht als „fromme Dienerin“ zu verbringen? Nun steht vor mir eine Frau im fortgeschrittenen Alter, die meine Mutter sein könnte. Sie sieht ihr ähnlich: dieselben hellen, lebendigen Augen, hohe Wangen, ein dunkler Rock, das helle Hemd, keine Uniform. Sie lächelt mich an, nicht weniger neugierig auf mich als ich auf sie. Ich fühle mich wohl bei ihr, habe keine Hemmungen, stelle ihr Fragen, die ich einer Nonne oder einer Ordensschwester schon immer stellen wollte und mich nie getraut habe.

——

Wenn Maria Goretti Augustin, 78, gütige Augen, Igelfrisur, glänzende Zähne, zurück auf ihr Leben blickt, strahlt sie Ruhe und Gelassenheit aus. Ob sie alles richtig gemacht habe, das wisse der Herr besser als sie. Sie habe ihm, dem Allmächtigen, ihr Leben geschenkt, ihre Träume anvertraut, ihre Ängste auch, sie habe ihre Gelübde abgelegt für ihn, Gott, den Schöpfer, um für die Menschen „da“ zu sein. Eine Art Eid, ein Versprechen, das sie „mit Herz und Seele“ immer gehalten habe.

„60 Jahre lang“.

St. Maria Goretti Augustin

Für Gott und die Menschheit da sein

Als Maria noch Rosa heißt, macht sich ihre Mutter große Sorgen. Das Mädchen, fünfzehn Jahre alt, gerade nicht mehr Kind, lebendig, neugierig, ganz dieser Welt zugewandt, habe nicht nur den Jungs den Kopf verdreht.

Rosa will alles sehen, hören, riechen, alles erleben. In einem Kloster will sie sogar drei Tage lang versuchen, zu schweigen. Die Ordens-Schwester, die die Einkehrtage organisiert, muss über das Mädchen laut lachen:

„Aber nicht Du, Rosa! Länger als eine Minute still zu bleiben, das schaffst Du, mein Kind, sowieso nicht!“

Diese Worte ärgern Rosa und wecken ihren Ehrgeiz. Gepackt vom Trotz und dem Willen, allen und sich zu beweisen, sie könne alles, auch drei Tage schweigen, geht sie mit der frommen Mädchengruppe in ein Schweigekloster: und sie schafft es. Tatsächlich hält sie drei Tage lang komplett ihren Mund. Sie sitzt ruhig und hört Stille. In der Stille begegnet sie einer Stimme. Rosa hört diese Stimme in sich wie eine Vision, die so „klar, so entschlossen“ gewesen sei wie nichts bis dahin:

„Ich will für Gott und die Menschheit da sein! Ich will eine Ordensschwester werden!“

Ihre Mutter habe nur den Kopf geschüttelt, als Rosa nach drei Tagen Schweigekloster nach Hause kommt mit ihrem frommen Wunsch.

„Ach, Kind, Du machst mich noch wahnsinnig. Hattest du vor dem Kloster nicht eine andere Vision? Wolltest Du nicht Mutter von 12 Kindern werden? Eine große Familie haben? Nun willst Du die Welt retten: für Gott und die Menschheit da sein!?“

Rosas Vision: Gott

Rosa schweigt zuerst und kämpft dann. Wie ein Mantra wiederholt sie, sie wolle in das Kloster gehen, sie wolle Gott und der Menschheit dienen, sie wolle in einen Orden eintreten, bis ihre Eltern schließlich ihren Widerstand aufgeben.

Diese Sätze hören sich in den Ohren von Rosas Eltern wie eine kaputte Schallplatte an, wie eine Schleife, sich unendlich wiederholend wie ein Wahn. Sie sind besorgt, wissen nicht, wie sie ihre einzige Tochter zu Vernunft bringen sollen. Der Vater, ein verschlossener, in sich gekehrter Mann, vom Krieg gezeichnet, versucht sein Kind mit Versprechungen zu lenken: er wolle Rosa, seiner Tochter jetzt schon alles geben, ihr sein ganzes Vermögen hinterlassen, jetzt schon sie glücklich sehen. Rosa schweigt. Sie sei glücklich, wenn ihre Eltern sie gehen ließen, sagt sie. In den Orden. Zu den Salvatorianerinnen.

Die Eltern weinen, segnen sie, und dann lassen sie ihre Rosa ziehen..

Mit 17 tritt Rosa in den Orden der Salvatorianer ein und nimmt einen neuen Name an. Es ist der Name eines italienischen Mädchens, das gerade im Vatikan heilig gesprochen wird. Maria Goretti, die Märtyrerin, die um ihre Unschuld gekämpft hat bis zum Tod, ist ab jetzt ihr Vorbild.

 Stimme der Stille

 Rosa kam ein Jahr bevor der Krieg ausbrach in Plattling bei Passau zur Welt als erstes, als erwünschtes, mit „Liebe und Freude umarmtes“ Kind.

Ihr Vater muß an die Front. Das Kind erinnert sich an ihn kaum. Maria erinnert sich an Wiesen, Wälder, Bäche. Das schöne grüne Bayern, ihre Heimat taucht immer wieder in ihren Träumen auf. Auch die Tränen ihrer Mutter, ihr Zittern als die Schüsse, „die Donner des Krieges“, zu ihnen nach Bayern kamen. Der Vater kam aus dem Krieg wie gebrochen. Das lebendige, aufgeweckte Kind fühlt sich manchmal sehr einsam, eingequetscht zwischen den schweigsamen Eltern, der besorgten Mutter und dem traurigen Vater, träumt Rosa manchmal von einer großen Familie. Sie will 12 Kinder haben.

Doch dann hört sie in der Stille des Schweigeklosters diese Stimme und folgt ihr. Sie verlässt ihre Eltern und  und wandert, wie von ihr verlangt, von einem Kloster des Ordens zum nächsten. Sie entdeckt die Bundesrepublik kreuz und quer. Im Allgäu, auf ihrer ersten Station, beginnt sie, in einem Kindergarten zu helfen. In Schweinfurt arbeitet sie in einem Krankenhaus als Pflegehelferin. In Horrem bei Köln wird sie Postulantin, Nonne auf Probe. Ein Jahr später legt sie in Köln ihr Gelübde ab.

Als Ordensschwester dient sie in den nächsten vier Jahren in Westfalen. In Warburg wird sie das „Mädchen für alles“. Sie hilft, wo sie gerade gebraucht wird: in der Küche, Wäscherei, im Garten, bei der Erziehung der Heimkinder.

Die Arbeit mit den Kindern habe ihr so große Freude gemacht, sagt Maria, dass daraus ihr Beruf wird. In Dortmund hat sie in den 60-er Jahren ihre Erzieherinnenausbildung absolviert und wird nach Kall in der Eifel in ein Internat versetzt. Hier findet sie ihre Berufung. Sie erzieht in den nächsten 30 Jahren 177 Kinder: schwer erziehbare Kinder, Kinder aus schwierigen, zerrütteten Familienverhältnissen, Kinder von alkohol-und drogenabhängigen Eltern, Kinder, die viel Leid und Gewalt erlebt und gesehen haben, Kinder die wenig Liebe gespürt haben, Kinder die keiner will.

Marias 177 Kinder

Marias ganze Freude, Marias ganze Sorge, Marias Leben: Die Kinder. Keine zwölf eigenen, wie sie sich das als junges Mädchen gewünscht habe. Dafür 177 Heimkinder! Jungs im Alter von 12 bis 14: verlassen, misshandelt, empfindsam, traurig, aggressiv, zart.

„Alle Geschöpfe Gottes“, sagt sie.

Sie habe sie herzlich empfangen und geduldig getröstet, unterrichtet, motiviert, ihnen geholfen, wieder auf die Beine zu kommen. Mit jedem einzelnen habe sie gelitten, gehofft und sich gefreut.

Am Anfang, als sie ins Internat kam, sei sie noch jung gewesen. Der Ton im Internat war streng, barsch und autoritär. Die Kinder sollten mit Regeln und Rute gerade gebogen werden und wurden „mit fester Hand“ gezüchtigt. Sie sei grundsätzlich immer dagegen gewesen. Sie sei mit den Kindern milder, freundlicher umgegangen, habe sie angelächelt, ihnen vergeben, mit ihnen geredet, an sie geglaubt.

„Laissez-faire“ kontra autoritär

In den Siebzigern sei es dann zu großen Veränderungen in den deutschen Internaten gekommen. „Über Nacht und per Gesetz“.  Der Erziehungsstil verwandelte sich in ein „Laissez-faire – lass jonn!“. Und habe die Kinder machen lassen, was sie wollen.

„Auch falsch!“ meint Maria, die erfahrene Erzieherin. Die Kinder hätten sich beschwert, niemand interessiere sich für sie, hätten sie gesagt. Überhaupt keine Regel, überhaupt keine Strenge täte den Kinder genauso wenig gut wie „zu viel Strenge, zu viel Rute, zu viele Regeln“. Kinder suchten Halt.

„Und was Kinder vor allem brauchen ist die Liebe!“ sagt Maria. „Wenn sie Liebe spüren, wenn sie sich auf jemanden verlassen können, dann können ihre schlimmsten Verletzungen geheilt werden. Dann verändern sich Kinder, werden fröhlicher, entspannter.“

Maria Gorretti wird bald Leiterin des Internates und arbeitet dort bis zur Pensionierung.

Zweifel und Pflege

Ob Sie Zweifel gehabt habe, die richtige Entscheidung damals getroffen zu haben, frage ich.

„All diese Jahre…?“

„Zweifel? Naja… wer hat keine Zweifel?!“ sagt Maria.

Die Zweifel gehörten zum Glauben. Für ihre Entscheidungsfreude sei sie sehr dankbar. Die Entscheidung sei weniger wichtig als ihre „Pflege“. Egal was man im Leben entscheidet, man müsse es „pflegen“. Wer heirate, Kinder habe, solle das pflegen. Genau wie die Entscheidung für den Orden.

„Alles braucht Pflege. Ohne Pflege geht alles kaputt.“

Maria glaubt, dass nichts verloren gehe, was man pflege. Es bleibe für immer.

„In diesem oder in einem anderen Leben.“

An das ewige Leben glaube sie selbstverständlich!

„Wir Menschen haben den Himmel auf der Erde. Unser Schöpfer hat uns die Fähigkeit gegeben, aus Himmel und Erde alles zu schaffen. Gott hat uns den freien Willen dazu gegeben! Voilà“.

Schmerztabletten

Aus dem Internat Kloster Steinfeld ist heute ein schickes, topmodernes Gästehaus geworden, in dem Geschäftsleute, Hipster und Künstler Ruhe und Inspiration suchen. Maria Goretti Augustin, 78, genießt ihre Gesellschaft.

Sie freue sich, von ihnen „frische, windige Energie“ zu bekommen und ihnen etwas von ihrer „Ruhe, Liebe und Freude“, die sie in all diesen Jahren im Dienste Gottes für die Menschheit gewonnen habe, „im Gegenzug“ zu geben. Und sie freue sich und sei Gott dankbar, dass das Kloster dank eines tüchtigen Geschäftsmannes, „einem aus der Gegend“, und seinem Manager, der als Kind im Kloster zur Schule gegangen sei, jetzt weiterhin existieren könne und sie und ihre drei Mit-Schwestern und die neun Patres da leben und beten lasse.

„Mit Geduld, Freude und Dankbarkeit“, trage Maria alle ihre Kreuze. Sie erzählt von ihrem Brustkrebs, der Operation, der Chemotherapie, den Bestrahlungen, der Prothese, einem Fahrradsturz, einem Hund, der sie gebissen habe, gerade als sie sich von den Strapazen der Krankheit erholt hatte, mit einem Lächeln. Ich traue meinen Ohren nicht und glaube etwas falsch verstanden zu haben.

„Aber das muss doch alles furchtbar wehgetan haben. Wie kommen Sie mit Schmerzen klar? “

„Ach, Schmerzen…! Es gibt so wunderbare Schmerzmittel!“, sagt Maria und lacht so herzlich, als ob sie einen guten Witz erzählt hätte.

Ich bin perplex. Alles habe ich erwartet, aber nicht so eine profane Antwort, so unpathetisch, ehrlich, eine, die dazu auch noch stimmt. Ich habe keine Fragen mehr.

Maria Rosa Goretti Augustin, „die gute Seele“ vom Steinfeld Kloster, wie alle im Kloster die Schwester nennen, habe vor 60 Jahren einen „Deal mit dem Herren“ abgemacht. Sie diene ihm und allen seinen Geschöpfen, „ohne wenn und aber“, leidenschaftlich, ehrlich, geduldig, und ER trägt dafür all ihre Ängste, beruhigt ihre Zweifel, stillt ihre Schmerzen. Mit Schmerztabletten, wenn es sein muss.

„Dank sei dem Herren dafür.“

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