Neue Orte „entwickeln“

NRW Geldern,

Dr. Ingrid Misterek-Plagge ist Geschäftsführerin des Kulturraums Niederrhein e.V., der aktuell das Residenzprojekt stadt.land.text NRW 2020 koordiniert. Der vorliegende Text ist aus einem Gespräch zu Care-Arbeit und Kulturförderung entstanden.

Am Niederrhein wächst und verändert sich die Förderlandschaft für Kultur ständig. Als Geschäftsführerin eines ländlich- urbanen Kulturraums hat Dr. Ingrid Misterek-Plagge täglich mit neu sich entwickelnden Formaten von Ausschreibungen und Veranstaltungen zu tun. Das Thema Care-Arbeit und künstlerische Förderung wird dabei sehr bewusst angegangen.

Beispielsweise wird gerade an einem Stipendienprogramm für AutorInnen und KünstlerInnen, gearbeitet, das sich um künstlerische Regionalforschung dreht und Care-Arbeit als elementaren Baustein des Angebots einbezieht.

Dabei will sich die Förderung nicht nur und ausschließlich auf Frauen konzentrieren. Auch für Männer müssen Strukturen geschaffen werden, die ihnen erlauben, Präsenz in Beruf und Familie miteinander zu vereinbaren. Angesprochen werden sollen auch KünstlerInnen, die vielleicht keine eigenen Kinder haben, sich aber um pflegebedürftige Angehörige kümmern. Diese müssen ebenso bedacht werden – genauso wie gleichgeschlechtliche Paare oder Menschen, die im Kontext einer Patchworkfamilie leben. Familie ist vielfältig und wandelbar. Als zentraler Teil der Gesellschaft hat diese auch eine wichtige Stellung im Leben von KünstlerInnen- und AutorInnen. Genau darüber, versichert die erfahrene Kulturförderin, Dr. Misterek-Plagge, denken Förderanbieter zunehmend nach.

In dem neuen cc-Ringenberg-Stipendium, das in diesem Jahr im Juni an den Start geht, wird beispielsweise die Residenzpflicht gelockert und durch eine Präsenzerwartung ersetzt.

Stipendiaten müssen nicht mehr als SchmuckerimitInnen ausharren, sondern können sich auch, sollte es notwendig sein, ins Homeoffice begeben und digital mit ihrem Aufenthaltsort in Kontakt bleiben. Eine Altersgrenze besteht nicht mehr, denn gerade die fällt oft in die Jahre der biologischen Reproduktion und bildet somit einen systematischen Widerspruch zur künstlerischen Reproduktion.

Kinder sind ein Bindeglied und Gewinn, besonders in einer ländlichen Region, und so kann auch die lokale Bevölkerung noch vom mitgebrachten familiären Anhang der Stipendiaten profitieren. Aber auch KünstlerInnen mit familiären Pflegeverpflichtungen werden in Zukunft mehr berücksichtigt. Ein finanzieller Sondertopf, der in Projekthaushalten eingeplant werden kann, sollte es KünstlerInnen und AutorInnen möglich machen, ihren Beruf in Zukunft besser mit Care-Arbeit zu vereinbaren. Zusätzliche Ausgaben in der Betreuungsarbeit können ebenso wie Fahrtkosten eingereicht und beglichen werden.

Ingrid Misterek-Plagge weiß, wovon sie spricht, auch sie hat Kinder und auch ihr hätte eine gerechtere Verteilung von Care-Arbeit in der Gesellschaft bei der Umsetzung ihrer beruflichen Karriere geholfen. Heute soll es kein beruflicher Nachteil mehr sein, Kinder zu bekommen, eine Familie zu haben, egal in welcher Sparte man arbeitet.

Im Bereich der Stipendienförderung gibt es eine große Vielfalt. Vielerorts werden Stipendien mit Aufenthalt angeboten, aber die Anbieter sind sich oft nicht bewusst, dass man es bei KünstlerInnen mit einer Berufsgruppe wie jede andere zu tun hat. Will heißen, Menschen mit Familie, die sich um Kinder kümmern oder Angehörige versorgen müssen. Hier sieht Dr. Misterek-Plagge einen wichtigen Einsatzbereich und Diskussionsbedarf. Sie ist als Geschäftsführerin einer erfolgreichen Kulturregion eingebettet in die europäische Kulturzusammenarbeit mit den benachbarten Niederlanden In grenzüberschreitenden Kunstprojekten lotet man gerade die Gelingensbedingungen erfolgreicher Stipendienangebote aus, um daraus einen Leitfaden für private oder kommunale Stipendienanbieter zu entwickeln.

Ein Sondertopf für den Care-Kontext bei Stipendiaten ist geplant. Und dafür ist es auch wichtig, so Dr. Misterek-Plagge, dass die Betroffenen ihre Bedürfnisse formulieren, dass auf Augenhöhe diskutiert wird, um endlich von dem Nimbus der „Genügsamkeit“ wegzukommen, der auf Seiten vieler Anbieter immer noch existiert. „Der Arme Poet“ von Carl Spitzweg steht hier als visuelle Metapher für den Schreiber, dem eine einfache Dachkammer ausreicht, um sein Werk zu realisieren. Dass dies nicht so ist und die Hartnäckigkeit des Mythos vor allem Frauen trifft, weiß Ingrid Misterek-Plagge ganz genau und so kann sich die Kunst- und Kulturszene glücklich schätzen, in ihr eine Verfechterin moderner Lebensansprüche für KünstlerInnen und AutorInnen zu haben.

 

 

Dr. Ingrid Misterek-Plagge

Die Bilder im Beitrag wurden von Dr. Misterek-Plagge zur Verfügung gestellt, Vielen Dank!

 

Mehr von Barbara Peveling

Die Unsichtbaren

“This is how we do things around here.”

– Bright und Parkin, 1997

 

Sie waren silbern und glänzend wie Engelshaar. Sie waren auch sehr lockig. Aber hart waren sie und hatten schneidende Kanten. Sie lagen überall herum, auf dem Boden neben den Maschinen, auf der Ladefläche des Firmentransporters, sogar auf den Schuhspitzen der Männer, die die Schneidemaschinen bedienten. Ich kann mich so gut an diese Späne aus Metall erinnern. Als Kind wollte ich sie aufheben und sammeln, und sie Weihnachten an den Baum zu hängen.

Schau, sagte ich zu meinem Großvater, so haben wir schon das Lametta fürs Fest!

Er war nicht einverstanden. Er sagte mir, dass ich mit den Spänen nicht spielen sollte, sie seien gefährlich, sie würden mich verletzen. Ich durfte sie nicht anfassen, aufheben, schon gar nicht in meine Tasche stecken, sollte sie gefälligst auf der Erde liegen lassen.

Natürlich habe ich sie doch aufgehoben, mir die Taschen vollgestopft und damit gespielt. Selbstverständlich schnitten mir die harten Späne in die Finger. Ich habe es nie jemanden erzählt, denn ich hatte ja etwas Verbotenes getan. Aber ich habe doch immer weiter damit gespielt. Das Blut wischte ich am Stoff meiner Kleider ab und schwieg.

Manchmal sahen die Späne aus wie kleine, sehr spitze Nägel. Je winziger sie waren, umso schwärzer waren sie. Das helle, silberne Leuchten kam von der Masse und besonders liebte ich ineinander gedrehte Späne. Sie sahen aus wie lange Bohraufsätze oder auch wie kunstvolle Schrauben. Wahrscheinlich habe ich deswegen dem Großvater in meinem Roman, die Produktion von Spaneinsätzen für Bohrmaschinen angedichtet, weil die Späne, ihr Glitzern und die von ihnen ausgehende Gefahr, mir so sehr im Gedächtnis haften geblieben sind, genau wie dieser Brandgeruch, der vom Schneiden noch an ihrem Metall haftete.

Heute frage ich mich, ob mir auch verboten worden wäre mit den Spänen zu spielen, wenn ich kein Mädchen, sondern ein Junge gewesen wäre. Vielleicht hätte mich einer der Arbeiter an den Maschinen zu sich gerufen, mich vor sich aufgebaut und indem er meine Hand und meinen Körper gerade hielt, mir gezeigt, wie man Metall bearbeitet. Aber ich war ja ein Mädchen und der Arbeiter hätte sicher Ärger gekriegt. Vielleicht wäre es auch als wichtig angesehen worden, mir schon als kleiner Junge den Zusammenhang von Metall und Produktion zu erklären und nicht zu warten, bis ich größer würde, um sicher zu gehen, dass ich mich überhaupt für so etwas interessierte, denn Mädchen, interessieren sich ja für solche Dinge gewöhnlich nicht. Vielleicht hätte ich meinem Großvater und alles was er mit seinem, aus einem Fabriksken, entstandenen Industrieunternehmen präsentierte, näher sein können, wenn ich ein Junge gewesen wäre. Ich werde es nie wissen. Das Leben hat meinem Großvater keine Zeit dafür gelassen.

Die Industrie und vor allem der Bereich der Metallproduktion sind Männerdomänen. Gerade die heiße Verarbeitung von Stahl manifestiert alles, was gemeinhin mit dem Stereotyp Männlichkeit verbunden ist: Kraft, Schweiß, Schmutz. Bei der kalten Metallverarbeitung, sowie den Produktvertrieb sind Frauen schon eher anzutreffen. Doch in der Unternehmungsleitung, auf den Chefetagen sind sie weiterhin in der Minderheit.

Unsichtbar, würde Carolin Criado-Perez sagen. Sie hat ein umfangreiches Buch zu der Frage geschrieben, warum Frauen heute immer noch in so vielen Bereichen unsichtbar sind. Und ihre Antwort darauf: It´s a mans world!

Männer sind das Maß aller Dinge, die Welt ist nach ihren Bedürfnissen gemacht. Die Ansprüche der Frauen fallen schlichtweg unter den Tisch. Die empfohlene Raumtemperatur in Büros ist für Frauen zu kalt. Die Grenzwerte von Chemikalien zu hoch, die Sicherheitsanzüge zu groß.

Autos sind nicht sicher für Frauen, weil die Tests auf den Typ Mann laufen. Auch in der Metallindustrie ist die Infrastruktur männlich dominiert, für Frauen fehlt es zum Beispiel an Toiletten in Maschinenhallen. Frauen machen die Hälfte der Gesellschaft aus, sind aber meist unsichtbar, besonders wenn es um Führungspositionen geht.

Klar gibt es Ausnahmen, auch in der Unternehmungsleitung und mit der Zeit immer mehr Frauen, die sich an der Spitze eines Unternehmens durchsetzen. Marie Bilstein beispielsweise war eine Frau aus Südwestfalen, die diesen Habitus beherrschte und nach dem Tod ihres Mannes Ferdinand Robert Bilstein den Familienbetrieb übernahm. Sie lebte von 1848 bis 1924 und führte den Betrieb erfolgreich, bis einer ihrer Söhne diesen übernahm. Ihre Tochter war eine der wenigen Frauen im Kaiserreich, die Kunst studierten.

Auch Nina Patisson führt als Frau heute erfolgreich das internationale Unternehmen Bäumer in Südwestfalen.

Als Urenkelin des Gründers war es für Nina Patisson erst undenkbar, die Spitze des Unternehmens zu übernehmen. Eine Ausbildung im familieneigenen Betrieb, der damals von ihrem Vater geführt wurde, kam für sie nicht in Frage. Sie studierte in Deutschland und im Ausland, arbeitete  einige Jahre für ein Unternehmen in Paris, bevor sie auf den Ruf aus der Heimat antwortete. Nina Patisson hat es sicher nicht bereut und noch weniger das Unternehmen. Doch sie fing nicht als Tochter im Unternehmen an, sondern als eine unter Gleichen. Und diesen eusozialen Ansatz trägt sie auch in ihre Unternehmensleitung. Bei dem Siegener Recruiting Slam rappt sie sogar ihr Unternehmen vor.  Bei ihr sind bereits sechzehn Prozent der Mitarbeiter Frauen, was nicht wenig ist für die Metallindustrie. Den Habitus eines „Unternehmers“ erlernte sie am Vorbild ihrer Vorgänger. Obwohl zuvor immer Männer das Familienunternehmen leiteten, war es außer Frage die Tochter von der aktiven Nachfolge auszuschließen. Heute bereitet es ihr keine Schwierigkeiten, sich in ihrem Arbeitsalltag durchzusetzen. Nina Patisson definiert sich jenseits femininer Stereotypen wie Nagellack und Handtasche, sie inkarniert einen ganz eigenen weiblichen Führungsstil.

Die französische Sängerin Juliette Katz hat kürzlich ein Video veröffentlicht, indem sie eine beeindruckende Analyse dessen leistet, was sie als „eine Frau“ zu sein bezeichnet. In ihrem atemlosen Text berichtet sie, wie sie selbst über Jahre hinweg versucht hat, in eine soziale Schablone zu passen. Statt sich als Frau zu fühlen, empfand sie sich in eine Rolle gezwängt. Denn eine Frau, die sich zu sehr schminkt, ist provokant, einer Frau, die sich zu wenig schminkt, wird vorgeworfen, sich gehen zu lassen. Eine Frau, die sich aufstylt, will Männer anmachen, aber wenn Frau sich bequem ankleidet, hat sie keinen Stil. Juliette Katz weist darauf hin, dass Frauen sich zu oft von außen definieren lassen und dass es eigentlich darum geht, die freie Wahl zu haben. Frei zu sein, sich die Achselhaare zu rasieren oder eben nicht. Die Entscheidung über den eigenen Körper und das eigene Leben sollen Frauen genauso frei treffen können wie ein Mann.

Diese Freiheit fängt damit an, dass Mädchen und Jungen nicht nach geschlechtlichen Stereotypen erzogen werden, sondern als Menschen behandelt werden, die diese Welt  entdecken. Sie verdienen es, die freie Wahl zu haben, und das fängt schon mit den Gegenständen an, mit denen sie spielen.

 

Beitragsbild mit freundlicher Genehmigung der Albrecht Bäumer GmbH

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