Der Wald hängt voller Spiegel

Ratingen-Cromford liegt definitiv nicht an der Straße der Arbeit. Dennoch treffe ich mich mit Thyra im Café der ehemaligen Textilfabrik – die nicht irgendeine Fabrik war, sondern die erste industrielle Fabrik auf europäischem Festland. Gebaut hat sie bereits 1783 ein gewisser Gottfried Brügelmann, der sich die Konstruktionspläne für die industrielle Verarbeitung von Baumwollgarn nicht ohne ein beträchtliches Ausmaß krimineller Energie beschafft hatte, nämlich durch Industriespionage. Immerhin hat er seine Fabrik nach dem britischen Vorbild in Cromford benannt und einen vollendeten englischen Landschaftspark um das Gelände bauen lassen.

Thyra ist schon da und bestellt gerade einen Kaffee.
Frau Holst, sagt die Kellnerin, wie schön, dass Sie mal wieder vorbeischauen.

Dabei ist es schon 16 Jahre her, dass Thyra hier gearbeitet hat – natürlich nicht in der Textilfabrik, sondern für den Landschaftsverband (LVR), der in der ehemaligen Produktionshalle mit angrenzendem Herrenhaus ein Industriemuseum betreibt.

Es ist eine seltsame Geschichte, sagt Thyra, dass ich damals hier gelandet bin. Denn eigentlich bin ich Tanzlehrerin.

Das war ein Knochenjob

Wir brechen auf und laufen Richtung Anger, wo mich Thyra auf die Wiesen hinweist, auf denen früher das Tuch ausgelegt und gebleicht wurde.

Hier wurde das Tuch auf den Bleichwiesen der Anger getrocknet

Das war ein Knochenjob, sagt Thyra. Hinter den Wiesen überqueren wir den Fluss und laufen auf ein herrschaftliches Anwesen zu. Es heißt Haus zum Haus.
Keine Ahnung, was das ist, auf jeden Fall ein staatstragender Name, sagt Thyra und lacht und ihr Lachen hört sich glücklich an, diese Art von Glück, die keinen Grund braucht.
Ich habe hier ja nur drei Jahre gewohnt; und davor war sie in Gummersbach, wo sie ihre erste Anstellung bekommen hat, in einer Ballettschule in Gummersbach, im Alten Rathaus.

Der Besitzer hatte das Rentenalter längst erreicht, aber wie Tänzer halt so sind, sagt Thyra, der hatte soviel Begeisterung für die Schule und für seine Kundschaft, der konnte gar nicht aufhören. Das war mein allererster Job. Meine Wohnung in Bergneustadt hat mir der Ballettschulenbesitzer besorgt.

Für unsere nächste Ballettschulenaufführung suchen wir Kinderspielzeug wie Roller oder Puppenwagen und außerdem suchen wir eine kleine Wohnung für unsere neue Mitarbeiterin.

350 Schülerinnen zwischen 3 und 80 Jahren hatte die Schule und jede bekam einen solchen Flyer in die Hand gedrückt. Eine Woche später hatte ich eine Wohnung. Er hat mich selbst hingefahren, mit seinem dicken Mercedes.

Der wusste über jeden Dackel Bescheid

Irgendwann, nach der Ich-weiß-nicht-wievielten Knieoperation, musste er die Ballettschule dann doch verkaufen, Tänzer haben eben meistens einen ziemlich kaputten Körper, sagt Thyra. Er war auch sehr groß, sogar größer als ich.
Thyra ist tatsächlich ziemlich groß, sicherlich über 1,80. Ich kann sie mir sehr gut als Tänzerin vorstellt, sie strahlt Disziplin und Leichtigkeit aus.
Der alte Besitzer war eine Institution in Gummersbach, der kannte Hans und Franz und wusste über jeden Dackel Bescheid, und wenn so jemand geht, geht eben auch die Kundenbindung in die Binsen.

Kostenfaktor Thyra

Der neue Besitzer wollte schließlich von mir wissen, warum denn so viele Leute die Schule verlassen. Der meinte offenbar, dass es an mir liegt.
An dir?
Ja, ich war die einzige Festangestellte und damit auch der Kostenfaktor schlechthin.

Wie war denn dein Tagesablauf?
Der Arbeitstag begann um 14 Uhr mit den Kleinen und das ging dann wie die Orgelpfeifen, weil die Älteren ja erst später aus der Schule kamen und am Abend waren die Erwachsenen dran. Und am nächsten Tag wieder um 14 Uhr angefangen. Bis abends um 20 Uhr.
Ganz schön viel, jeden Tag 6 Stunden unterrichten, sage ich (die nach jedem 1-Tages-Workshop zwei Wochen Urlaub braucht.)
Ja, das war wirklich viel.
Dann, eines Abends, ich wollte gerade nach dem Unterricht nach Hause gehen, ach Thyra, hieß es da, ich habe noch einen Brief für Sie, können Sie mir bitte den Empfang bestätigen, ja klar kann ich, sagte ich und quittiere den Brief und mache ihn auf und dann war das meine Kündigung.

Unterbezahlt für 23 Euro die Stunde

Im Nachhinein gesehen, war es aber gut, dass die mir damals in der Tanzschule gekündigt haben. Ich konnte nämlich, sagt Thyra, am Abend keinen Schritt mehr gehen vor Schmerzen. Ich habe das damals einfach akzeptiert und gedacht, meine Knie sind eben nicht die besten. Und erst, als ich dann arbeitslos war, habe ich gesehen, das geht auch anders! Das lag tatsächlich am vielen Stehen und am unaufgewärmten Tanzen.

Schön hier, oder? sagt Thyra. Und schau mal die Birke, die hier so einen 90 Gradwinkel macht.

Sieht ein bisschen aus wie ein Tänzerknie, oder?

Glücklicherweise habe ich ein Foto von der tanzenden Birke gemacht. Beim Abhören der Aufnahmen denke ich, dass es doch erstaunlich ist, wie sehr die Umgebung immer unsere Gespräche spiegelt und unsere Themen. Im Grunde, denke ich, hängt der Wald voller Spiegel, und in manche schauen wir hinein und in andere nicht.

Birke mit Tänzerknie

Danach habe ich erst einmal keinen neuen Job gefunden. Was auch daran lag, dass eine Festanstellung an einer Ballettschule extrem selten ist. Die meisten arbeiten als Honorarkräfte, wie das auch an der VHS üblich ist, wo man unterbezahlt für 23 Euro arbeitet. Brutto! Und das unternehmerische Risiko allein trägt.

Während sie arbeitslos war, hat Thyra sich künstlerisch engagieren können und das Musicalprojekt Oberberg mitgegründet. Nach einem Jahr Arbeitslosigkeit stolperte sie über eine Anzeige in der Zeitung, dass die Rheinland Kultur in Lindlar fürs Bergische Freilichtmuseum jemand suche, der bäuerliche Hauswirtschaft vorführt. Und da habe ich gedacht, naja, Kartoffeln kochen und Kräuterquark rühren, das kann ich.

Ich bin ganz überrascht, welche Trampelpfade deine App kennt, sagt Thyra, während wir durchs Gebüsch Richtung Stadtwald laufen.

Das war also mein Einstieg im Museum, sagt Thyra, und das ist ein total schöner Job, wenn man Natur mag. Ich habe gelernt, wie man auf einem Kohleofen kocht und das Holz hackt und das Anzündeholz abspaltet von den großen Brennklötzen. Ich habe Wildkräuter gelernt und Kühe melken und von der Milch Käse machen. Ich könnte auch auf einer Alm überleben, lacht Thyra. Der Hof Peters ist ein Bauernhof auf dem Stand der 1960er Jahre, und es ist natürlich viel anschaulicher für das Publikum, wenn da tatsächlich jemand wirtschaftet, wenn es da nach Essen riecht und im Herd das Feuer ist. Einen Bildschirm kann man immer montieren, aber das zu erleben, ist etwas ganz anderes.

Das Ding ist nur, sagt Thyra und lacht ihr Lachen, wenn ein Jahr vorüber ist, geht das ganze Programm wieder von vorne los. Und das fand ich … ein bisschen langweilig.

Die kann mehr als Ziegen melken

Im Freilichtmuseum hatte sie eine feste Stelle, vier Tage die Woche. Nach drei Jahren hat der LVR dann aber festgestellt, oh, Freilichtmuseum ist eine gute Sache, nur, im Winter ist da ja weniger los. Das müssen wir mal optimieren. (Es war die Zeit der großen Arbeitsoptimierung). Der LVR hatte damals regionale Kultur, Gesundheit und Straßenbau. An der Kultur wird natürlich als erstes gespart. Den Straßenbau haben sie an die spätere Straßen.NRW abgegeben, die sitzen auch in Gummersbach, hinterm Steinmüller.

Der LVR hat also Saisonbetrieb eingeführt, was eben bedeutete, dass ich die Hälfte des Jahres arbeitslos sein würde, und an dieser Stelle werden wir beinahe von Mountainbikern überfahren, deren Strecke über unseren Pfad verläuft.

Ratingen Stadtpark

Ich war allerdings vorher schon in der Zentrale aufgefallen. Vor allem dadurch, dass ich hartnäckig nachfragte, wie das Alternativkonzept aussieht, da ich ja meine Miete bezahlen muss. So bekam ich eine Aufgabe in der Zentrale in Brauweiler und konnte zeigen, dass ich organisatorisch und konzeptionell gut bin.

Damals hat der Landschaftsverband das Projekt Musik in den Klöstern initiiert. Und der Kollege, der das machen sollte, der war sehr gut in Marketing und Kommunikation. Aber nicht in Fleißarbeit. Die hat er an mich weitergegeben. Dann habe ich noch ein paar Vorschläge gemacht und ein paar Fragen gestellt, und dann war klar, die kann mehr als Ziegen melken. Tatsächlich bin ich dann nicht mehr zurück ins Freilichtmuseum, sondern nach Ratingen-Cromfort. Als Kassenleitung.

Plötzlich Führungskraft

An meiner Reaktion in den Aufnahmen wird klar, dass ich keine Ahnung habe, was eine Kassenleitung ist. Man verantwortet den Kassenbetrieb, schreibt die Dienstpläne und führt das Team, erklärt Thyra.

Meine Einstellung war vor allem auch der Tatsache geschuldet, dass ein elektronisches Kassensystem eingeführt werden sollte. Bis dahin ging beim LVR die Buchhaltung zu Fuß, sagt Thyra, und wie aufs Stichwort höre ich in den Aufnahmen ein Flugzeug auf seinem Anflug zum Düsseldorfer Flughafen, der nur 8 Kilometer entfernt liegt. Und – ganz revolutionär – sagt Thyra, wir fingen sogar an, E-Mails zu schreiben! Das war 2003. Vom Ziegen melken direktemang in die Digitalisierung.

Dann ging es Schlag auf Schlag mit der Karriere. Nach 3 Jahren Kassenleitung in Cromford wurde ihr die übergreifende Objektleitung aller damals sechs LVR-Industriemuseen angeboten.
Und auf einmal war ich Führungskraft mit 80 Mitarbeitern, sagt Thyra und lacht, noch immer überrascht von diesem gewaltigen Karrieresprung. Das Coole daran war, dass ich alles ja selbst schon einmal gemacht hatte, das hat mir sehr geholfen.

Wir bleiben stehen und sagen tolles Bild, nur weiß ich leider nicht mehr, was wir in diesem Moment bewundert haben.

Wahrscheinlich haben wir dieses Mohnblumenfeld gesehen

Später hat Thyra die Hälfte der Museen abgegeben und sich museumsübergreifenden Themen gewidmete, das bedeutete Projektarbeit. Man gab mir ein Buch und sagte, lesen Sie dieses Buch. Da steht alles drin über Projektmanagement. Ich dachte, ok, ich habe zwar nicht alles verstanden, aber probieren wir es einfach mal. Schritt für Schritt. Wie im Tanzunterricht.

Sag mal ein Beispiel, bitte ich sie. Zum Beispiel, sagt sie, wie planen und erfassen wir die Arbeitszeit der Mitarbeitenden? Bis dahin gab es handschriftliche Dienstpläne und Stundenzettel. Das ist aber old school und fehleranfällig, deshalb haben wir auf Software mit elektronischer Stempeluhr umgestellt. Ein riesiger Aufwand war das.

Wir stehen an einer Ampel gegenüber einem Haus. Auf einem Schild ist ein Hund abgebildet, der als Warnung gelten soll. Zu unserer Verblüffung steht genau dieser Hund plötzlich direkt neben uns, in echt. Ist das derselbe Hund, der hier abgebildet ist, frage ich die Besitzerin und deute auf das Schild. Nee, nicht ganz derselbe, lacht sie. Aber das ist wirklich meine Küche, sagt die Frau und deutet auf das Küchenfenster neben dem Schild.

Die kleinste Abteilung der Welt

Die Ampel springt auf grün.

Inzwischen, sagt Thyra, bin ich seit 23 Jahren bei der Rheinland Kultur.
Und seit die neue Chefin da ist und den Bereich umstrukturiert hat, hat Thyra sogar ihre eigene Abteilung bekommen. Am Stammsitz in Brauweiler leitet sie „die kleinste Abteilung der Welt.“
Endlich bin ich da angekommen, wo ich selbst gestalten kann. Wir machen museumsübergreifende Projekte. Die nächste Arbeitsbesprechung am Montag wird übrigens eine Arbeitswanderung sein!, sagt Thyra. Hoffentlich hält das Wetter!

Die Frau mit dem Hund überholt uns und wünscht uns ein schönes Wochenende. Wir wünschen zurück.

Findest du, dass es überhaupt Führung und Leitung geben muss?, frage ich Thyra, während ich meine Jacke anziehe, die Sonne ist weg und Wolken türmen sich auf.

Das ist eine gute Frage. Ich glaube, gesellschaftlich stehen wir an dem Punkt, dass wir schon noch jemand brauchen, der den Hut aufhat. Aber das heißt ja nicht, dass es nicht vielleicht auch eine Entwicklung geben könnte, die das eines Tages überflüssig macht. Wenn man die Historie anschaut, könnte das schon eine logische Weiterentwicklung sein.

Zurück in Cromford essen wir im Museumscafé einen unfassbar guten Käsekuchen, der noch ganz warm ist.
Du musst dir unbedingt das Museum anschauen und das Herrenhaus, sagt Thyra.
Zu jeder vollen Stunde wird das Mühlenrad in Bewegung gesetzt und man kann den berühmten Waterframes zuschauen, wie sie ihre Arbeit tun.
Und das mache ich auch.

Weiterführende Links zur Straße der Arbeit

Rundwanderung von Ratingen Cromford zum Blauen See
Übersichtskarte (Sauerländischer Gebirgsverein, Bergisches Land)

Mehr von Ulrike Anna Bleier

Von Menschen, die in Kapseln wohnen

Ich treffe sie an der Bushaltestelle der Linie 303.

Ich studiere die Aushänge, als wären sie in einer fremden Sprache verfasst. Fährt der Bus nach Gummersbach, frage ich, und sie sagt ja und dass der Bus normalerweise eine Schleife fahre, aber wegen einer Baustelle halte er vorübergehend nur hier. Deshalb die verwirrenden Aushänge. Ich sei also richtig.

Ich esse ein Kindercountry und weil sie so jung aussieht, biete ich ihr auch eins an, sie will nein sagen, sagt aber ja, bzw. etwas in ihr sagt ja. Wir schweigen ein bisschen. Dann ist es komisch zu schweigen, die Süßigkeiten verbinden uns und wir kommen ins Gespräch.

Sie staunt, dass man freiwillig 20 Kilometer durchs Gelände gehen kann.

Sie arbeitet im Rahmen eines Freiwilligen Sozialen Jahrs in der Pflege. Die Arbeit in der Klinik gefällt ihr. Sie sei nämlich sehr schüchtern und bei dieser Arbeit habe sie viel Kontakt zu anderen Menschen. Der Kontakt komme quasi von selbst mit der Arbeit. Außerdem mag sie die Geschichten, die die Patient:innen erzählen. Manche erzählen nichts, aber viele erzählen sehr viel. Und noch etwas: Es sei schön mitzuerleben, wenn Menschen gesund werden. 

Inklusive Pausen verbringt sie jeden Tag neun Stunden in der Klinik – pendeln nicht mitgerechnet. Deshalb kann sie sich mit mir auch nicht zu einem Spaziergang auf der Straße der Arbeit verabreden, sie hat einfach keine Zeit.

Erzählen Sie mir eine Geschichte

Wir sitzen im Bus und sehen aus dem Fenster und fahren auf der kurvenreichen Landstraße der Arbeit nach Hause. Sie will ihr Abitur nachholen und Kunstlehrerin werden. Sie kann nämlich sehr gut zeichnen. Sie verkaufe bereits einige ihrer Werke, kleine Zeichentrick-Serien und Mangas. Sie zeigt mir auf dem Handy eine Zeichnung, ein Junge mit einer Mütze und daneben ein japanisches Schriftzeichen. Sie schreibt auch Geschichten und manchmal zeichnet sie diese Geschichten.

Erzählen Sie mir eine Geschichte, sage ich.

Sie überlegt kurz und dann überlegt sie noch einmal länger. Vielleicht die hier, sagt sie. Sie handelt von Menschen, die in einer Kapsel leben. Sie denken, die Welt ist so, wie es in der Kapsel ist, und wissen nicht, dass es eine Kapsel ist, in der sie leben.

Wie das Höhlengleichnis, oder?, sage ich.

Kenne ich nicht.

Von Platon, sage ich. Sie zuckt mit den Schultern. Ich erzähle ihr das Höhlengleichnis und sie stimmt mir zu, dass es ähnlich ist. Nur die Schatten fehlen in ihrer Geschichte, stattdessen lernen ihre Menschen anhand von Erinnerungen und Erzählungen anderer, und ein paar Generationen später erkennen einige, dass es ein Leben außerhalb der Kapsel geben muss. Und machen sich auf den Weg nach draußen. 



Warum, frage ich, erkennen es die einen, und die anderen nicht?

Es hat, sagt sie, vielleicht mit den Monstern zu tun. Es sind natürlich gar keine echten, es sind künstliche Monster, sie wurden nämlich von Menschen geschaffen, aber nicht von denen, die in der Kapsel leben, sondern von Menschen, die außerhalb leben und alles kontrollieren.

Der Bus fährt seit 20 Minuten halsbrecherisch über die bergischen Dörfer, es gibt sehr viele Kreisverkehre und ich sitze gegen die Fahrtrichtung. Die Monster sitzen jetzt in meinem Magen und randalieren.

Warum haben die Menschen denn diese Monster geschaffen, frage ich.

Es ist, sagt sie, ein wissenschaftliches Experiment. Sie experimentieren mit den Menschen in den Kapseln, sie wollen wissen, wie Menschen sich verhalten, wenn man sie mit Monstern in eine Kapsel sperrt.

Sterben die Monster am Ende?

Der Bus fährt über einen Platz, links und rechts Polizei, wir schauen beide nach draußen, alles leuchtet blau.

Offenbar ist da etwas passiert, sage ich. Sterben die Monster am Ende?

Eigentlich nicht, sie sind ja künstlich, sagt sie und wir überlegen beide, ob etwas, das nur künstlich ist, sterben kann. Sie glaubt nein. Ich bin nicht sicher, ich bin nur sicher, dass ich darüber noch öfter nachdenken werde.

Das Ende der Geschichte, sagt sie, ist offen, das gefällt mir nicht so gut. Irgendwie ist die Geschichte noch nicht zu Ende.

Vielleicht, schlage ich vor, gibt es eine Fortsetzung, einen Teil II. Übrigens, wieso verlassen am Ende nicht alle Menschen die Kapsel?

Weil die meisten einfach nicht glauben, dass es ein Leben außerhalb gibt, sagt sie. Sie halten die anderen für Spinner, für Phantasten. Und die Monster halten sie für echt.

Und was unterscheidet die Phantasten von den anderen?

Die Hoffnung. Sie glauben an etwas und sie hoffen, dass es das, an was sie glauben, wirklich gibt.

Gefällt mir sehr gut, Ihre Geschichte, sage ich. Im zweiten Teil könnten die Phantasten sich ja auf die Suche machen nach dem, an das sie glauben. Ob es das wirklich gibt.

Ich muss jetzt aussteigen, sagt sie. Sie heiße Melina.

Melina steigt aus dem Bus, und ich setze mich in Fahrtrichtung. In meinem Magen ist es jetzt still. Vielleicht, denke ich, ist der Bus ja auch eine Kapsel. Und in zweihundert Jahren finden spätere Generationen Reste vom Asphalt und die Spuren der Linie 303, die ihre Schleifen fährt.

Weiterführende Links zur Straße der Arbeit

Etappe IV von Gummersbach nach Eckenhagen – Versteckte Wege
Übersichtskarte (Sauerländischer Gebirgsverein, Bergisches Land)

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