Möchtest Du Post bekommen?

Gerne schicke ich Dir eine Karte! Such Dir einen Ort aus (siehe Liste unten) und ich sende Dir einen Umschlag mit Deinem persönlichen Text von dort.

Die Auflage ist limitiert – jeden Text gibt es nur einmal. Er hat die Form eines japanischen Kurzgedichts (Haiku oder Tanka) und greift Eindrücke vor Ort auf. Bisher sind 21 solcher kurzen Texte/Karten entstanden, jeweils an einem anderen Schauplatz in der Region Aachen. Ab Freitag versende ich zwei Wochen lang jeden Tag einen davon per Post an die erste Bestellerin oder den ersten Besteller. Gratis natürlich.

Möchtest Du Dein eigenes Haiku oder Tanka geschickt bekommen? Dann schreib mir Deine Adresse mit einem Hinweis zum Text Deiner Wahl an: schreiber@regionaachen.de

Hier die alphabetische Liste der 21 Kurzgedichte nach ihren Schauplätzen:

  • A44, Immerath (alt), (1 Haiku, 1 Tanka)
  • Änderungsschneiderei, Düren (1 Haiku) [bereits bestellt]
  • Buchhandlung, Kreuzau (1 Haiku) [bereits bestellt]
  • Buslinie 52, Aachen (1 Haiku) [bereits bestellt]
  • Carl-Alexander-Park, Baesweiler (1 Haiku, 1 Tanka) [Haiku bereits bestellt]
  • Elisenbrunnen, Aachen (1 Tanka) [bereits bestellt]
  • Good Morning Vietnam (Imbiss), Aachen (1 Haiku) [bereits bestellt]
  • Hochsitz (A44), Jülich (1 Haiku) [bereits bestellt]
  • Kosmetikladen, Düren (1 Haiku)
  • „Lago Laprello“, Heinsberg (1 Tanka, erhältlich auf Niederländisch und Deutsch) [NL bereits bestellt]
  • Langweilerstraße, Niedermerz/Aldenhoven (1 Tanka)
  • Ludwig Forum für Internationale Kunst, Aachen (1 Haiku, 1 Tanka) [beide bereits bestellt]
  • Rurtalradweg, Kreuzau (1 Haiku)
  • Spargelfeld, Merzenich (1 Tanka)
  • Spiel- und Grillplatz, Gey/Hürtgenwald (1 Haiku) [bereits bestellt]
  • Sportplatz, Jackerath (1 Haiku)
  • Wassersportsee, Zülpich (1 Haiku)
  • Wilhelmina-Turm, Vaalserberg (1 Haiku, erhältlich auf Niederländisch und Deutsch)

Mehr von Pascal Bovée

Qual der Wahl

Müsste, pardon, dürfte ich in Deutschland wählen, müsste ich am kommenden Sonntag tapfer sein. Verkatert aus dem Bett kriechen, mich im Spiegel gar nicht anschauen, ohne mir Wasser ins Gesicht zu spritzen, ohne Frühstück, ohne Gewissensbisse, einfach geradeaus, ohne Umwege zur Wahlurne marschieren und meine Stimme dem kleinsten Übel abgeben. Fertig.

Mitgefühl wählen? Why not?

Von kleinen und großen Übeln

Eine Woche vor dem Tag D. fliegt die flache grüne deutsche Landschaft vor meinen Augen in Zuggeschwindigkeit an mir vorbei. Ich sitze in der ersten Klasse der Regiobahn (dank der Großzügigkeit des „AVV„), fahre aus dem Heinsberger Land nach Aachen und studiere die frisch aufgenommenen Fotos in meinem Smartphone: Wahlplakate mit vielen Sprüchen unter dem bleigrauen Himmel von Übach-Palenberg, der Stadt mit dem „spröden Charme“, wie sie mein ortskundiger Begleiter nennt. Diese muss eine Qual für meine deutschen Freunde sein, die jetzt wählen müssen, pardon, dürfen:

Ins Neuland, mit Kai, dem Piraten?

Das schöne an den Wahlen sind die kleineren Übel. Sie sagen: „Freu Dich aufs Neuland! Für Freiheit! Für Sicherheit! Für Dich!“ – wie mich ein Babyface von Piraten anlächelt: „Barrierefreies Netz überall!“

Klingt tausend Mal besser als „Grenzen sichern“! Fast so gut wie: „Mitgefühl kennt keine Obergrenze! Wählt Menschlichkeit!“, ein schöner Spruch, den ich am Tag davor in der westlichsten Stadt Deutschland, in „Übach-Palenberg“, an der Eingangstür der örtlichen Caritas registriere.

„Mieten, die bezahlt sein müssen“, „Die Linken“ scheinen zu wissen, was ihre Wähler am meisten kratzt. Wie sie aber den Mieten-Wahn in den Großstädten stoppen wollen, sagen sie nicht.

Netze überall! Mieten zahlen überall!

Drei Meter über die Erde hängen die AfD-Sprüche auf den düster blauen Plakaten, die in das Bleigrau des Himmels über Übach-Palenberg  übergehen: „Deutsche Grenzen sichern!“, „Schuldenunion stoppen!“,  „Asylchaos stoppen!“

   

Oh, Gott! Grenzen! Stoppen! Deutschland! Deutschland! Fast überall! Wo ist da die Alternative? Mut für Deutschland? Was ist mit dem Rest der Welt? Die deutsche Grenzen sichern? Wo? Gleich hier in Übach-Palenberg beginnen? Am ungeschützten Grenzübergang zu den Niederlanden? Wie stoppen? Mit Waffen?

Wer ist der kleine „man“, der alles kann?

„Kinderarmut kann man klein reden. Oder groß bekämpfen!“, darum Grün! Schöne grüne Sprachspiele mit dem Modalverb „kann“, das weder verspricht noch verpflichtet. „Oder“? Darum weiter!

„Damit die Rente nicht klein ist, wenn die Kinder groß sind“. Die Sozialdemokraten haben ihre Gerechtigkeitsthemen gefunden.

Mehr Gerechtigkeit, weiter mit Angela?

Damit sie mit Angela, sie strahlt mit einem unwiderstehlichen Lächeln von den riesigen Plakaten „ Erfolgreich für Deutschland!“ in den nächsten vier Jahren regieren können? Pardon, wollen, sollen, dürfen…?

***

Stammtisch-Probe-Sitzen im Wunderland

Wen werden die beiden deutschen Männer, die nicht unterschiedlicher sein können, wählen, die an meinem ersten „Stammtisch im Wunderland“ , einer Art wandernder Installation, mir zu Probe saßen? Es ist drei Monate her, die Nacht als ich meine Koffer nach Aachen gepackt habe.

Mein Gatte, ein frisch getaufter Genosse, der von seiner ersten Parteisitzung zurückkommt und mit mir bei einem Bier aufgeregt „The Wind of Change“ besprechen will, hat gar keinen Bock auf die beiden wildfremden Männer, die sich zu uns setzen. Ich habe sie angelächelt, aus Versehen, sie mit zwei Witzfiguren aus meiner Heimat verwechselt. Einer, groß, gebückt, unglückliche Augen, leidend unter Trennungsschmerz, wie ich nach exakt einem Bier von ihm persönlich erfahre. Seine peruanische Frau habe ihn, den Pendler zwischen Köln und Aachen, verlassen, weil sie auf ihn nicht mehr alleine zuhause in Köln warten wollte. Sein alter Kumpel aus der Schulzeit, der früher den Balkan als Freiheitsraum und Fluchtort für sich entdeckt hatte, hat die Ehre mit seinem untröstlichen Freund von einer Kneipe zu anderen zu ziehen. „Dat Bier hilft immer!“, meint der Tröster, „Hanni“, wie er sich vorstellt. Er, der ewige Single im 35. Semester Griechisch, Bulgarisch und Rumänisch. Zur Zeit stemple er beim „Onkel Harz 4“, bestellt uns alle eine Runde des dunklen wilden „Exoten“ aus Tschechien, original Prager Bier.

Sex und Religion

Der Tscheche aus der Flasche macht aus uns Experten für alle wichtigen politischen Fragen der Zeit. Hanni stürzt sich auf Angela, „den Mafiaboss mit mädchenhaftem Lächeln, die ihre Feinde meisterhaft verschwinden lässt“. Mein deutscher Mann lobt Martin, den Messias, mit dem er nicht nur die Partei, sondern auch die Gerechtigkeit in Deutschland retten will. Merkel könne mit Kritik umgehen, meint er, weil „sie die Kritik umgeht“.

„Vergiss es!“ sagt der kleine dicke Hannes abwertend.

„Gerechtigkeit ist mit DER Partei nicht mehr zu holen.“

Hannes ganze Familie habe traditionell seit Jahrzehnten Rot gewählt, jetzt seien sie aus Protest und Wut alle ausgestiegen.

Wohin seien sie übergelaufen, will ich fragen, beiße mir aber auf die Zunge. Wählen ist eine zu private Sache, erinnere ich mich. So wie Sex und Religion…

Der traurige Manni will sich irgendwie auch an der Diskussion beteiligen und entlarvt Erdogans Wirtschaftswunder. Ohne Deutschland hätte der „Sultan“ gar keine Chance am Bosporus gehabt, sagt er.

„Dank den anatolischen Türken in Deutschland, die hier von Harz IV leben, kann Erdogan jetzt sogar die Todesstrafe einführen“, fügt Manni hinzu: „Ja, das schaffen wir auch noch!“ sagt Hanni. „Ganz alleine… ohne Putin und Donald“.

Die bosnische Lösung

Ich will die ernsthaften Männergespräche ein wenig dämpfen und erzähle einen Witz von Mujo und Haso, die beiden Bosnier, an die ich gerade dachte als Manni und Hanni hereinkamen und ich sie anlächelte.

Die Lage in Bosnien – Arbeitslosigkeit, Armut, Korruption – Mujo und Haso zerbrechen sich gerade den Kopf, wie sie ihr Bosnien retten könnten: Haso dreht den Kopf besorgt: „ …zuerst gab es den blöden Krieg, dann kam die Privatisierung, nun müssen wir mit dem brutalen Kapitalismus klar kommen..!“ Mujo streicht sich mit dem Zeigefinger über die Lippen:

„Ach, vielleicht gibt es eine Lösung…“ sagte er.

„Welche?“

„Ein Krieg könnte uns retten! Einer gegen Amerika.“

„Was? Bis Du irre? Ein Krieg gegen die Supermacht der Welt??“ protestiert Haso.

„Genau! Deswegen!“ sagt Mujo. „Gewinnen wir den Krieg gegen diese Supermacht, werden wir Amerika! Verlieren wir ihn, werden wir es auch!“

Die drei deutschen Männer lachen zögerlich über die seltsame Logik der beiden Bosnier und ich glaube, ich muss einen besseren Witz erzählen und bin schon bei dem Cheffe und seiner Muse, Donald und Melania, dem Schreckenspaar aus dem weißen Haus, meinem neuen Albtraum und dichte einen alten Mujo-Haso-Fata-Witz um.

Diagnose: Love, Donald 

„Melania leidet, isst kaum noch, wird immer dünner, schaut traurig, geht von Arzt zu Arzt, doch alle Befunde scheinen in Ordnung zu sein. Als sie von einem Frauenarzt untersucht wurde, will der Arzt unbedingt Donald, ihren Ehemann sprechen:

‚Donald, Ihre Frau ist, wissen Sie, eigentlich gesund’. Pause. Langer Blick. Einfühlsame Stimme. Die Diagnose: Melania braucht Love, ein bisschen Liebe, Zuneigung, Zärtlichkeit, Sex!’

Donald verkrampft sich, schaut mürrisch, sagt nichts, geht raus. Im Wartezimmer sitzt die traurige Melania, knetet ihre langen Finger nervös und fragt: ‚Donald, was hat der Arzt gesagt?’ ‚Nix Gutes!’ meint der mächtigste Mann der Welt. ‚Dir ist, Melania, nicht mehr zu helfen…!“

Ich lache alleine. Die deutschen Männer an meinem Stammtisch sagen „ha-ha-ha“. Meinen bosnischen Humor verstehen sie nicht. Es ist spät, aber sie geben noch einmal alles und setzten ihre ernsthafte, deutsche Analyse fort:

„Schuld an Donald sei das System“, sagt mein deutscher Mann. Das Wahlsystem sei in Deutschland besser als in den USA. „Hillary hatte mehr Stimmen. Eine Millionen mehr…“

„…aber was macht den Unterschied…“, sagt Hannes. „Donald oder Hillary ?… Alles gleich..!“

„Alles gleich???“, regt sich mein deutscher Mann auf. „Wie meinst du das?“

Verschwörungstheorie 

Donald sei eine Witzfigur in den Händen der Weltwirtschaftsmafia. Amerika stecke in den Händen gefährlicher, dunkler Mächte. Donald sei wie Hillary. Ohnmächtig dagegen. Auch er werde von „den dunklen Mächten“ regiert. „Den Drahtziehern!“, so Hannes Theorie.

Manni, der Wirtschaftsexperte, sagt nichts. Er nickt brav vor sich hin. Ob er genau hört, was sein Freund sagt, oder noch in Peru nach seiner Liebsten sucht, die auf ihn nicht jeden Tag warten wollte und in ihre Heimat floh, ist nicht klar.

„Unsinn!“, höre ich meinen deutschen Mann protestieren. „Verschwörungstheorien!“ sagt er. „Wer sind die dunklen, geheimen Mächte?“ fragt er völlig aufgeregt. „Wer???“

„Das kann ich Dir, mein lieber Freund, nicht einfach so sagen. Es ist zu gefährlich!“ flüstert Hannes und kippt den letzten Tropfen des fünften Bieres hinunter.

„Ach, gefährlich? Für wen gefährlich? Was sind das für geheime Mächte! Wer? Sag!“

Hannes dreht feierlich den Kopf.

„Das kann ich leider nicht sagen…“, wiederholt er

Hahn & Hase

In meinem Kopf dreht sich alles vom Bier, lauten Männerstimmen und Stammtischverschwörungen. Ich will nach Hause gehen. Ich will die ganze Bierphilosophie beenden und höre mich sagen:

„… Nicht Juden etwa…oder meinst Du es vielleicht doch?“

Hannes schaut mich verblüfft an, wendet sich zu Manni:

„Siehst Du…?“

Meine Antwort scheint ein Volltreffer zu sein.

„Ach, die Juden und die Weltwirtschaftskrise? Das hatten wir schon mal! Damals in…“, höre ich meinen deutschen Mann protestieren.

„Ja, auch heute in Deutschland regieren sie im Hintergrund!“ sagt Hannes.

„Blödsinn!“ explodiert mein deutscher Mann.

In Deutschland erkenne man sie heute noch an ihrem Namen. „Sie heißen Hase, Fuchs oder Hahn“.

Ich muss laut lachen. Die mütterliche Seite der Familie meines deutschen Mannes heißt tatsächlich Hahn. Und er isst am liebsten bei einem „Hasen“ in Köln.

„Also, so wie wir…! Mein deutscher Mann kommt von einem Hahn… Und ich bin ein Hase“, höre ich mich rufen.

Hannes bekommt große Augen. Mein deutscher Mann springt vom Stuhl und geht. Ohne sich zu verabschieden. Ohne auf mich zu warten.

Besser er geht als dem kleinen, dicken Hannes mit den dünnen Löckchen eine zu knallen, denke ich mir, trinke mein Bier aus, winke den beiden Männern noch einmal zu und folge brav meinem deutschen Mann.

Deutschland ist dran

Ich solle lieber besser aufpassen… warnt mich mein Mann, als er am nächsten Tag den Löffel in die Hand nimmt und mein liebevoll zubereitetes Müsli mit Mango dann doch noch berührt. Wenn ich so weitermache, dem oder dem einfach so zuwinke…, ziehe ich noch das ganze Unglück Deutschlands auf mich, meint er.

„Jetzt ist es sowieso zu spät!“, kontere ich.

„Hätte ich immer aufgepasst, wäre ich gar nicht bei Dir gelandet…“, lächle ich und zwinkere ihm, meinem deutschen Mann, zu.

„Du bist mein Schicksal! Ohne Dich bin ich verloren…“, sagt er.

„Nun ist Deutschland dran!“ sage ich und gehe in mein Zimmer, meinen Koffer nach Aachen zu packen…

***

Kleiner Kim, große Bombe 

In der Aachener Fußgängerzone in der Pontstraße im Café Kittel, hinter dessen großen Scheiben ich den letzten Schluck meines Café au lait koste, wimmelt es von Studenten, Hipstern und Zukunft. Wen werden sie wählen? Müssen? Dürfen? Können? Wie gucken sie auf die Welt? Auf ihre Zukunft?

Meine Zukunft übt in Aachen seit drei Monaten die Welt zu entziffern. Inzwischen ist die Welt dreimal auf die Stirn gefallen. Der kleine Kim aus Nordkorea scheint unseren bosnischen Witz buchstäblich zu verstehen, will den Amerikanern den Krieg erklären und lässt ständig Atombomben über Japan fliegen. Donald scheint überfordert zu sein. Auf der einen Seite dieses irre Babyface mit der Atombombe, auf der anderen Hurrikans und Tornados, die Amerika verwüsten. Er rennt nur mit seiner Melania in Gummistiefeln umher und verteilt viele große Sprüche. Und Martin, der Genosse aus Würselen, der im Frühjahr wie ein Messias durch die Bundesrepublik zog und jeden, inklusive meines deutschen Mannes, mit dem „Wind of Change“ ansteckte, wirkt nun neben Angela wie eine ermüdete Witzfigur.

Natürlich ist weder das Rentensystem noch der Pflegedienst in Deutschland ohne uns Einwanderer zu retten, brüste ich mich bei den Genossen, deren Wahlbroschüre über Rentenprobleme ich in der Hand halte und zwischen vielen Worten und Statistiken zu verstehen versuche. Ich falte die Zeitung zusammen, stehe auf, gehe zur Theke. Plötzlich spüre ich einen stechenden Blick im Nacken. Ich drehe mich um und erkenne ihn sofort, den gebückten Riesen mit großen Augen, umrandet mit tiefen Schatten:

Manni! Die unselige Bekanntschaft aus der Kölner Kneipe meiner Probe-Stammtisch-Phase, der Pendler zwischen Köln und Aachen, meiner alten und der neuen Welt.

Genosse oder Spion

Er wirkt gelassener, als ob er ein paar Steine aus seinem schweren Rucksack inzwischen entleert hätte, und er trägt eine rote Krawatte.

„Genosse oder Spion?“, will ich in meiner direkten Sarajevo-Art raushauen, doch dann beiße ich mir wieder einmal auf die Zunge. Ja, Politik ist zu privat, so wie Sex und Religion.

„Manfred? Du siehst gut aus. Hast Du gute Nachrichten aus Peru?“

„Ja, das habe ich…“ sagt er und seine Augen fangen an zu leuchten.

„Meine Frau hat sich gemeldet!“

Sie haben sich versöhnt. Nach zwei Monaten dürfe er sie abholen. Er wolle sie nicht wieder verlieren, er habe eine Wohnung in Aachen gefunden…

„Einen Tag nach den Wahlen ziehen wir um…“

„Und Hanni? Wirst Du ihn nicht vermissen?“ frage ich noch so nebenbei.

„Neeee“, zieht er leise die Vokale lang. Es ist ihm unangenehm. Sein Blick klebt am Boden.

„Es hat mich gefreut!“ sage ich. „Und vielleicht bis bald. Mit Deiner Frau in Aachen!“…

Mehr von Slavica Vlahovic

Die Gourmetbrüder

Folge 4: Jetzt geht’s um die Wurst (und um Wagyu und um Herford und um Flatiron und um…)

Das Foto zeigt eine Fleischtheke

Es waren einmal drei Brüder. Wolfgang, Michael und Stephan Otto wuchsen im beschaulichen Heinsberg auf. Doch schon bald zog es die drei fort aus den heimatlichen Gefilden. Michael zog nach Aachen, um Ingenieur zu werden und Stephan und Wolfgang studierten BWL. Und dann passierte es: „Wir kamen in die Männer-Midlifecrisis und wollten nochmal was Anderes machen“, sagt Wolfgang Otto. Hier beginnt sie, die Geschichte von den drei Brüdern und dem guten Fleisch.

Alles hat mit ein paar Gefriertruhen in der Garage vom Vater angefangen und dann ging es auch schon los. Genauer gesagt es ging ins Flugzeug: auf eine Reise zu den Fleischgurus der Feinschmeckerwelt. Sie flogen nach Japan, nach Frankreich und in die USA zu Dan Morgan, der ihnen beibrachte, was das Wagyu oder auch Kobe genannte Rind alles kann. Ursprünglich stammt diese Sorte Rinder aus Asien und soll – dem Mythos nach – so ein saftiges Fleisch liefern, da es jeden Tag massiert wird: „Das ist aber Quatsch!“

Schließlich begannen die Brüder mit einem Onlinefleischversand. Um sich jedoch auch unter den Profiköchen einen Namen zu machen, gingen sie wieder auf Reisen. Diesmal aber mit dem Auto. Im Kofferraum ein paar ausgewählten Produkte in der Kühlbox; ihr Ziel: Sternerestaurants. „Einige waren total belustigt, als wir drei in den Laden kamen und gesagt haben: ‚Hier! Gutes Fleisch! Probier‘ es aus!‘“, erzählt Wolfgang Otto. Geklappt hat es alle Male. Inzwischen beliefern die Heinsberger neun von zehn Drei-Sterne-Restaurants in Deutschland. Inzwischen arbeiten auch 83 Angestellte im Ottounternehmen.

In einer schnieken Fabrikhalle haben sich die Brüder ihr Fleischimperium aufgebaut. Raues Backsteinwerk und robuste Träger zieren Büroflächen und Lagerhalle. Im Foyer begrüßt ein stilechter Fleischtrockenraum (auch Dry-Ager genannt) alle Neuankömmlinge – auf den ersten Eindruck etwas befremdlich, aber darum geht es eben: Fleisch.Das Foto zeigt einen Fleischtrockenraum

Es ist 17 Uhr. Aus der Showküche am Ende des Gangs wabern bereits leckere Gerüche in die Büroräume. Heute: Rosmarinkartöffelchen begleitet vom Rotweinsößchen und Fleisch vom Webergrill. Mitessen können die Angestellten zwar nicht – dafür finden zu viele Veranstaltungen statt – aber, wenn mal ein Platz frei wird, dürfen sie die herrenlosen Plätze einnehmen. „Man muss schließlich wissen, was man verkauft“, findet Wolfgang Otto. Er liebt gutes Essen. Kann sich an seinen letzten Besuch im Discounter gar nicht mehr erinnern und will es auch nicht! „Da verzichte ich lieber.“ Und irgendwie glaubt man ihm das auch. Wolfgang Otto war selbst jahrelanger Vegetarier: „Als ich das meiner Mutter gestanden habe, reagierte sie nur mit: „Junge, du bist verrückt, willst du sterben?“ Er lacht. Heute isst er fünfmal die Woche vegetarisch. Am Wochenende gibt es dann Fleisch. Selbstgekocht. Natürlich! „Meine Frau schimpft immer: Mit dir kann man nirgends mehr essen gehen.“ Er zuckt mit den Schultern. Unter seinen Brüdern sei er der Feingeist; begleitet mit der Firma Kochevents auf Segelyachten und Nobelweingütern. Es hört sich ein bisschen an wie im Märchen. Noch vor elf Jahren in der Garage heute auf der Yacht oder in der Showküche. Vom Aschenputtel zur Fleischprinzessin – ok, der Vergleich war schlecht, ich versuche es nochmal: drei Brüder für Gutes Fleisch!

Das Foto zeigt ein FleischgerichtVorspeise: Black Angus Tartar ans der Flanke mit Rotebeete, karamellisierten Silberzwiebeln, Meerrettichcreme, Brotchips und KresseBeim Männerkochen durfte ich zwar nicht mitmachen, aber weil ich so lieb geguckt habe, durfte ich noch nach Heinsberg ins kleine Restaurant der Ottos fahren und dort auch mal probieren: Man kann schließlich nur über Dinge schreiben, die man kennt… Oder? ?

Mehr von Marie Ludwig

Wie Holz und Feuer doch noch Freunde werden

Nun – das Korbflechten werde ich in meinem Leben vermutlich nicht mehr richtig lernen.

Meine Finger sind ungelenk, schon nach kurzer Probezeit spürte ich, wie sich wohl in Windeseile Schwielen an meinen Händen bilden würden. Es würde also etliche Tage und viel Fluchen benötigen, bis ich auch nur ansatzweise ein korb-ähnliches Konstrukt fertig stellen würde.

Und – entschuldige dafür – ich fürchte meiner Kollegin, die aus eine alten Korbmacherfamilie stammt und das Flechten im Blut hat (oder haben müsste) würde es wohl ähnlich gehen. Sie hatte mich zu einem meiner letzten Reisen nach Heinsberg – genauer gesagt nach Apweiler – begleitet.

Mehr von Ines Kubat

Mein Herz schlug mir bis zum Hals

„Wir hatten ja nichts“, sagt Josef Rademacher immer wieder erklärend. Nach dem ersten Weltkrieg und vor allem nach dem zweiten Weltkrieg waren die Leute schlichtweg arm und litten Hunger. Und was macht man, wenn man in dieser Zeit in einem Dorf wohnte, das so nah an der holländischen Grenze liegt, dass man die Nachbarn geradezu riechen kann, wenn sie den so heiß ersehnten Kaffee aufbrühen oder die teuren Zigaretten rauchen? Man wird kreativ. Man schleicht sich über die Grenze und kauft die Dinge, die dort viel günstiger sind als im eigenen Land. Und das schmuggelte man dann nach Deutschland. Soviel, wie man tragen und vor den Zollbeamten verbergen konnte. Das passierte vermutlich in allen westlichen Grenzregionen Deutschlands.

Und genauso passierte es auch in Effeld, einem kleinen Ortsteil der Gemeinde Wassenberg im Kreis Heinsberg. Dort war ich vor einigen Wochen bei Irmgard und Kurt Stieding zu Gast. Sie hatten mich eingeladen, einen kleinen Einblick in die Schmuggel-Vergangenheit dieser Gegend zu bekommen. Und dazu hatten sie eben auch Josef Rademacher eingeladen. Er stammt aus diesem Ort, der sich eng an die Grenze zu den Niederlanden schmiegt. Kaum fünf Gehminuten über Felder, da sieht man schon den Grenzstein.Und er erzählt gern von diesen Schmugglertagen, hat so einige Histörchen auf Lager und meistens ein leicht spitzbübisches Schmunzeln auf den Lippen.

Geschmuggelt wurde eigentlich immer. Aber die unterschiedlichen Zeiten Anfang des 20. Jahrhunderts brachten auch ganz unterschiedliche Sehnsüchte zu Tage. Vor allem nach dem zweiten Weltkrieg war das Verlangen besonders groß nach Kaffee und Zigaretten. Das machte zwar die Mägen der Kinder auch nicht voller, aber es diente als Ersatzwährung. Denn die beiden Luxusgüter waren damals mehr wert als Geld, das durch die Inflation praktisch nutzlos geworden war.

Mehr von Ines Kubat

Tonlos bei Atemlos

Mit klaren Handbewegungen macht die Dirigentin Brigitte Rothkopf auf sich aufmerksam. Der Chor kommt zur Ruhe: Die konzentrierten Blicke sind auf die Dirigentin gerichtet. Doch als sie die ersten Takte von Helene Fischers „Atemlos“ anschlägt, kommt kein Ton über die Lippen der Chormitglieder. Es herrscht absolute Stille. Dennoch performt der Chor schon längst. Aber eben auf eine ganz besondere Art: Mit Gebärden. Denn der Chor „singende Hände“ besteht aus Gehörlosen. Statt zu singen, lassen sie ihre Hände fliegen.

Ich habe die „singenden Hände“ bei einer ihrer Chorproben im Hörgeschädigtenzentrum in Aachen besucht. Auf ihre außergewöhnliche Weise musizieren rund 25 Menschen aus Düren, Heinsberg und Jülich schon seit dem Jahr 2001. In ihrem Repertoire findet sich vom Karnevalsschlager bis hin zur Kirchenmusik so ziemlich jedes Genre.

Bevor der Chor ein neues Lied einstudieren kann, muss die Dirigentin den Liedtext zunächst übersetzen. Übersetzen in die Gebärdensprache, die einen kleineren Wortschatz hat, weil zum Beispiel Artikel gar nicht existieren. Den „Sängern“ geht es vor allem um den Spaß, und den spürt man bei den Proben. Sie verstehen sich selbst eigentlich als Hobbychor, sind aber schon ein paar Mal aufgetreten: in Gemeinschaft mit einem singenden Chor. Und das ist für die Dirigentin Rothkopf gar nicht mal so einfach – schließlich will sie, dass beide Chöre synchron sind, ist aber selbst im Hören eingeschränkt und daher auf besondere Zeichen der anderen Musiker angewiesen.

Für die Gehörlosen ist der Gebärdenchor der Schlüssel in die Welt der Musik, die ihnen sonst verschlossen ist. Weder höhere Töne noch mehrere Stimmen können sie hören. Und nur wenn sie die Anlage ganz laut aufdrehen, spüren sie das tiefe Wummern des Basses. Als sich die Gruppe wortlos über den Tisch hinweg verständigte, wurde mir zum ersten mal wirklich bewusst wie ausgeschlossen sich Gehörlose fühlen müssen, wenn sie unter Hörenden sind, die keine Gebärden sprechen. Ich saß also da und hatte keinen blassen Schimmer worüber sie sich unterhielten, und was für die wortlosen Lacher sorgte. Ich konnte mich nicht einmal daran erinnern, wie die Gebärde für „Danke“ aussah.

Bei der Performance von „Atemlos“ war das schon anders, und ich erkannte einige Gebärden wieder. (Zu meiner Ehrenrettung: Dem Lied konnte man in den vergangenen Monaten kaum entkommen, sodass sich der Text zwangsläufig eingebrannt hatte).

Wer die „singenden Hände“ einmal in Aktion erleben will, muss sich vermutlich bis zum kommenden Frühjahr gedulden. Deshalb habe ich auch ein kurzes Video gedreht, damit ihre zumindest einen kleinen Einblick davon bekommt, wie dieser Chor „singt“.

Mehr von Ines Kubat