Der Ort, der mein Sauerland IST

Brunskappel: Dieses Dorf im Hochsauerlandkreis hat alles. Alles jedenfalls, was nach vier Monaten Sauerlandschreiberei für mich diese Region ausmacht. So läge das Dorf zum Beispiel ohne die immer wieder behauptete Sauerländer Sturheit heute am Grunde eines Stausees. Eine erstaunliche Überlebensgeschichte. Lage, Look und Geschichte geben dem Ort eine geheimnisvolle und zugleich vertraute Aura – wie in einem Agatha Christie Krimi oder einem von Firnis verdunkelten Landschaftsgemälde.

Aber auch die Dorffehde zwischen zwei Sägewerksbesitzern und die scheinbar nicht aufzuhaltende Schrumpfung gehören ins Bild. Und das zwischen Fachwerk und dunkle Holzverschläge bizarr überdimensioniert wirkende Schloß am Ortseingang, Ausdruck alter Feudalzeiten. Es war dazu bis vor ein paar Jahren in der Hand des „Feinds“, der das Dorf zerstören wollte.
Dabei hätten die zwei kauernden Löwen (Schafe? Hunde?) am Tor zum Schloss Wildenberg sicher auch unter Wasser toll ausgesehen.
Von Deutschlands angeblich ältester, der so genannten „1000 jährigen Eiche“ (die in Wahrheit wohl 300-500 Jahre alt ist) in Brunskappel, sind heute wegen einer Baumkrankheit auch nur noch Reste übrig. Ein schlechtes Omen für das schrumpfende Dorf, das selbst durch Sturheit diesmal kaum noch zu retten scheint.

Mein ganzes Sauerland verdichtet
Zunächst mal ist die Einfahrt ins Dorf eine Linkskurve und unterstützt damit meine wirre Theorie, mit der der Sauerlandaufenthalt und meine Motorradfahrerei im ersten Text zusammenkamen.
Mitten im Dorf führt außerdem eine kleine Straße eng und kurvig den Berg hinauf Richtung Elpe und lässt mich jedesmal freudig grinsen beim Hinaufknattern. Schonmal zwei Dinge, die für mich „Sauerland to love“ sind.

Der kleine Ort im Negertal hat zum Teil 300 Jahre alte Fachwerkhäuser, ist umgeben von Wald, Feldern und Weihnachtsbaumschulen und hat überhaupt sehr viel Sauerländer Geschichte hinter sich: Brunskappel ist wie die Eiche nominell über 1000 Jahre alt: Erzbischof Bruno von Köln stiftete hier, am Bächlein Neger, zwischen Winterberg und Olsberg vor über 1000 Jahren eine Kapelle, die (viel) später namensgebend für die Siedlung wurde. Da haben wir, tiefgründend, das Katholische in der Einöde, das so lang bestimmend war fürs Sauerland.

In der großen Kirche des Dorfs erfüllt eine 250 Jahre alte Barockorgel den Raum mit Musik und erinnert mich an den Film „Schlafes Bruder“: ein Bauernjunge als unerkanntes Musikgenie des 19. Jahrhunderts. Das hätte in der Abgeschiedenheit und walddunklen Talwelt des Sauerlands auch passieren können.

Allmählicher Aderlass
Heute hat Brunskappel die gleichen Sorgen, wie viele kleine Orte der Region: es gibt keine Kneipe, keinen Arzt, kein Café, keinen Bäcker, keinen Metzger, keine Schule. Von den vor 30 Jahren im Kampf gegen die Talsperre vereinten und später entzweiten 400 Einwohnern sind heute noch rund 250 übrig. Am Ortsende, direkt an der vielbefahrenen Straße durchs Tal, stehen einige Häuser leer.
Weiter hinten, wo sich das Tal weitet und einen schönen flachen Seegrund hergegeben hätte, spielen an einem sonnigen Sonntag nur drei Kinder neben der plätschernden Neger Fussball. Trotzdem gibt es natürlich eine Schützenbrüderschaft und Schützenhalle, auch einen Dorfverein und eine freiwillig Feuerwehr. Es gibt sogar jemanden, der Kunst macht, jedenfalls prangt „Galerie“ an einem Nebengebäude vom Schloß, wo Steine mit eingearbeiteten Kristallen oder Metallteilen stehen. Sorgen, Selbstverständliches und Eigensinn Sauerland Style.

Es gibt sie doch, die sagenhafte Sturheit
Dass man heute noch durch Brunskappel schlendern kann, über die kleine Brücke über die Neger, in die Kirche, um die Orgel zu sehen, den Hang hinauf zu den Höfen, zur Schützenhalle, ist zweifelsohne der immer wieder behaupteten Sauerländer Sturheit geschuldet.
Die Geschichte um die Talsperre ist faszinierend. Damals berichteten von  Spiegel über Die Zeit viele überregionale Medien darüber: Der Kampf des kleinen Dorfs gegen den Regierungspräsidenten, die Landesregierung und den Ruhrtalsperrenverein (RTV) in Essen. Er dauerte zehn Jahre, von 1974 bis 1984. 400 Dörfler im Tal gegen die Politik und Verwaltung und Gerichte sowie 600.000 Menschen und die Industrie im Ruhrgebiet, die mit dem Talsperrenwasser hätten versorgt werden sollen.

In dem langen, bitteren Kampf zerbrach aber auch das Dorf in zwei Hälften: diejenigen, die ob der scheinbar immer geringeren Chancen, das Dorf zu retten, den Streitereien im Dorf und der nicht endenden Ungewissheit ihre Häuser irgendwann für gutes Geld an den RTV verkauften und denjenigen, die weiter kämpfen wollten – Plansfeststellungsverfahren, 50 Millionen investierte DM vom RTV, Landesentwicklungsplan und beginnenden Vorarbeiten zum Trotz.

Bald gab es eine Bürgerinitiative für die Talsperre und eine dagegen, es gab Anfeindungen, Straßenseiten wurde gewechselt, bei bestimmten Leuten nicht mehr gekauft, Begriffe wie „Dorfverräter“ vergifteten das Zusammenleben, es wurde nicht mehr miteinander gesprochen, aber Flugblätter gedruckt. Wer diese Stimmung über Jahre in einem 400 Seelenort ohne Blessuren übersteht, hat ein gesundes Selbstbewusstsein – oder kein Herz. Sogar der Pfarrer, der die Gemeinde mehr als 20 Jahre lang betreut hatte, konnte den Streit im Dorf nicht mehr ertragen und verließ eines Nachts Brunskappel ohne sich nochmals umzusehen.

Das Dorf und der Untergang
Diese Dorfgemeinschaft, die in Essen, Arnsberg und Düsseldorf so lässig weggeplant wurde, schien also auch ohne Talsperre unterzugehen. Ende 1983, trotz laufender Verfahren und Einsprüche, fuhren Planierraupen auf. Am Nordausgang des Dorfes schoben sie rund 40.000 Kubikmeter Mutterboden zu einem Probedamm zusammen. Dann 1984 die Sensation: Das Oberverwaltungsgerichts in Münster entschied in einem Revisionsverfahren, dass die Negertalsperre nicht gebaut werden darf. Und auch die Revision dagegen, wurde vom Bundesverwaltungsgericht zurückgewiesen. Im Dorf wehten jedesmal die Fahnen des Schützenverein, die Glocken wurden geläutet.

Am Ende hatten Form- und Planungsfehler und der Starrsinn einiger Dörfler zur Rettung geführt. Scheinbar. Denn der RTV pokerte und drängte noch jahrelang weiter, plante offenbar nach einer Schonfrist mit der Umsetzung erneut zu beginnen. Noch bis 2005 betrieb er „Standortsicherung“ in Brunskappel und begann erst dann Grundstücke im Dorf wieder zu verkaufen. Ein erstaunlich ausdauerndes und zugleich selbstherrliches und die Gemeinschaft zersetzendes Verhalten durch einen öffentlich-rechtlichen Betrieb unter der Aufsicht des Landes. Hier in Brunskappel, reines CDU Land, sind jedenfalls damals die ersten Wutbürger zur Welt gekommen, nicht in Stuttgart am Bahnhof.

Schloß und Mensch
Das bereits erwähnte Schloß, der Prunkbau neben der Neger gleich am Eingang zum Dorf, spielt in diesem Drama auch eine Rolle. Das Schloß Wildenberg hat einige hundert Jahre Geschichte, Abriss, Umbau und Brand, dann Neubau 1907 hinter sich. Heute wirkt es eher wie ein Herrenhaus hinter großem Tor, ein wenig verloren und vernachlässigt, ist aber ein Hingucker, wenn man wie ich in vier Monaten durch 80 oder 100 Dörfer der Region gekommen ist, die sich architektonisch doch sehr ähnlich sind.

Eigentümer diese Monolithen war bis vor ein paar Jahren der verhasste Ruhrverband. Jene Institution, die sich 30 Jahre dem Untergang Brunsskappels widmte. Wie ist es dazu gekommen? Dem letzten Wildenberg der 70er Jahre stand, nach einigen 100 Jahren Familiengeschichte im Ort, finanziell das Wasser bis zum Hals. Da kam der Plan des Ruhrtalsperrenvereins (heute Ruhrverband), eine Talsperre zu bauen und Brunskappel im Stausee versinken zu lassen, gelegen.
Und obwohl Schloßeigentümer Schäfer-Wildenberg sich im Dorf als Vorkämpfer für den Erhalt des Dorfs gab, verkaufte er im zehnten Jahr es Kampfes 1984, nur eine Stunde vor der endgültigen Gerichtsentscheidung über die Talsperre, für einen zweistelligen Millionenbetrag seinen gesamten Besitz an den Ruhrverband. „Eine Stunde! Die wussten, wie das ausgehen würde. Das ist der eigentliche Skandal“, sagt einer im Dorf.

Seit ein paar Jahren ist das Schloß wieder in Privatbesitz, wenn auch nicht in der Hand derer von Wildenberg: Der alte Schäfer-Wildenberg kehrte auch nach dem Aus für die Negertalsperre nicht nach Brunskappel zurück, spekulierte angeblich mit Kakao, tätigte einige fehlschlagende Investments und verstarb vor wenigen Jahren offenbar völlig verarmt.

Ein Wald von Geschichten
Eine weitere Geschichte, über die ich stolperte, ist die von den zwei Sägewerksbesitzern, deren Konkurrenz über die Jahre zu Hass geronn. Zwei Feinde wie in einem Shakespeare Stück oder bei Dallas. Der eine ein erbitterter Gegner der Talsperre, der andere ein klassischer Kriegsgewinnler. Der eine heute tot, sein Sägewerk in Konkurs gegangen, der andere reich und mit hochmodernem Sägewerk in der Region der Platzhirsch. Da gönnte man sich nicht das Schwarze unter den Fingernägeln und kämpfte sich mit Tricks und Taktik wund.

Die Details dieser Geschichte würden hier zu weit führen, geben aber in jedem Fall einen guten Roman ab. Vielleicht schreib ich den, wenn nicht bald ein anderer tut. Wie ich schon in meinem Text über Literatur im Sauerland schrieb: Geschichten gibt es genug, richtig gute, tragische und witzige. Was in diesem Dorf zusammenkommt, ist eine Mix vieler Sauerland Essenzen.

Überhaupt seien, so erzählt man mir im Dorf, in den langen Jahren des Kampfs gegen die Talsperre wie in einem Brennglas alle erdenklichen menschlichen Schweinereien im Dorf vorgekommen, windige Figuren mischten mit und wollten ans locker sitzende Geld des Ruhrverbands, dazu Lügen, stiller Verrat und Intrigen.
„Noch heute, wenn eine Kleinigkeit vorfällt, brechen die alten Fronten wieder auf“, erzählt einer, „Da müssen ein oder zwei Generation vergehen, bevor das vergessen ist – wenn es das Dorf dann noch gibt.“

Heute leben nur noch 246 Einwohner in Brunskappel, diesem hübschen, alten Sauerländer Dorf. Holländer haben sechs oder sieben Häuser gekauft, kommen aber nur in den Ferien. Es gibt (fast) keine Kinder und derzeit keine Familien, die Kinder bekommen könnten. Wenn nichts passiert, frische Ideen und Kinder geboren werden, wird es diesmal wohl untergehen. Aber nicht im Wasser einer Talsperre, sondern in Überalterung und Landflucht des 21. Jahrhunderts und den Spätflogen einer nie gebauten Talsperre.

Mehr von Christian Caravante

This is the end, beautiful friend – verfrühtes Fazit – UPDATE

(Dies ist eine ergänzte und erweiterte Version, Details siehe Infobox unter diesem Text)

Die Straße ist wie mit gelbem und rotem Konfetti übersät, der Fahrtwind tost ins Gesicht, das Sonnenlicht bricht so grell durch die verfärbten Baumwipfel, dass vor mir einige Sekunden nur Licht und Dunkel ist, Blindflug mit 100 km über eine Sauerländer Bergstraße – und trotzdem ein großes Gefühl von sicher und gut und hier.

Ein spektakulärer 15. Oktober 2017 war das: 24 Grad, blauer Himmel, von den Bergstraßen und Gipfeln Fernsicht und Waldhorizonte, wie ich sie im Kunstunterricht mit verschiedenen Grüntönen bis ins hellgrau immer malen sollte, Seen glitzern und strahlen, die Segelboote wie Rosenblätter auf einem Teich. Die Wiesen entlang der Strecke gemäht, die Felder geerntet, Maisstängel stehen vertrocknet hunderte Meter neben der Straße in Reih und Glied, die Kolben leuchtend gelb wie Überlebende. Das Jahr geht zu Ende und gleichzeitig in zwei Wochen auch der Schreibauftrag. Ich kann nach so einem unfassbar schönen Tag wie gestern nur hoffen, dass das Sauerland auch von mir etwas bekommen hat, außer einen neugierigen, manchmal erstaunten, immer wohlwollenden Blick. Zeit für ein Fazit.

Auch halbes Sauerland ist zu viel
„Sauerland“ bedeutete ja im Sinne der „Regionalen Kulturpolitik“ nur den Hochsauerlandkreis. Kreis Olpe und der Märkische Kreis, die auch Ur-Sauerland sind, laufen als Kulturregion „Südwestfalen“. Ich war froh über die Zweiteilung, denn schon der HSK war in seiner Fülle von Orten und Themen und Entdeckungen in vier Monaten niemals zu bewältigen. Obwohl „Bewältigung“ und erschöpfend umfassende Erzählung mein Ziel nicht war. Nur ein Kratzen an der Oberfläche dessen, was „das Sauerland“ ist. Bloß einen Bogen spannen, Momente erzählen und hoffen, dass alles zusammenhält.

Es war Arbeit, auch wenn das für Außenstehende oft so nicht ausschaute. Da fährt einer mit Motorrad und Auto rum, geht Wandern und Radfahren, trifft Leute aus der Region zum Gespräch, besucht bekannte und weniger bekannte Orte, schleppt sein Notizbuch herum, sitzt manchmal auch auf einem Berggipfel oder seiner Terrasse – und schreibt Texte fürs Internet. Manchmal handeln die von Dingen und Leuten, die ihm begegnet sind, manchmal auch von ganz anderen Sachen: eine Haustür, eine Kurve, eine leere Telefonzelle, ein Aufkleber oder ein aufgeschnapptes Gespräch, das mit „Davon träum ich!“ endete.


Regionale Kulturpolitik?
In der Broschüre zur Regionalen Kulturpolitik (RKP) heißt es zwischen weiteren Absichten:

„Das Programm will die zehn Kulturregionen dabei unterstützen, sich auch im zusammenwachsenden (ja?, Anm.d.Verf.) Europa zu profilieren und ihre Attraktivität und Identität nach innen und außen zu stärken.“

Was man in solchen Broschüren eben schreibt.
Das mit „Identität nach Innen und Außen stärken“ passt noch am ehesten aufs Sauerland-Schreiber Stipendium. Jedenfalls dann, wenn die Texte in der Region für Zustimmung oder auch Kritik gesorgt haben, wenn sie Gespräche gestiftet oder den Blick auf das vermeintlich Bekannte hinterfragt haben. Wenn.

Klassische Kulturberichterstattung – das war mir von Anfang an klar – sollte der Westfalenpost oder dem WOLL Magazin überlassen bleiben. Meine Aufgabe sah ich stattdessen darin, in der Doppelrolle aus Bewohner und Buiterling (Zugezogener), mit begrenzter Zeit und festem Wohnsitz in der Region, das zu beschreiben, was ich bei meinen geplanten Zufallsbegegnungen erlebt habe. Nicht weniger und nicht mehr.

Und so wird es sicher auch enttäuschte Erwartungen gegeben haben, durch die Art und Weise, wie ich meinen Auftrag erfüllt habe, aus der Region zu berichten. StadtLandText war ein Pilotprojekt, ich der erste Sauerlandschreiber, der seine Rolle erst allmählich fand, die zentrale Orga erschien an manchen Stellen ausbaufähig und unterfinanziert – alles ganz normale Vorgänge in einem Projekt diser Größenordnung also.

Entäuschungen mögen aber auch durch die Inhalte entstanden sein: Manchmal führt so eine Spiegelung der eigenen Heimat, wie es die Sauerlandtexte ja auch sind, eine Beschreibung also des ganz Nahen und Gewohnten durch einen Fremden, zu der unangenehmen Frage, ob es denn so sein muss. Oder ob es auch anders sein kann. Und was „das Sauerland“ eigentlich ausmacht – jenseits der Klischees (stur, bodentständig, heimatverbunden, geraderaus…).
Die Spiegelung kann andererseits auch dazu führen, stolz auf etwas zu sein, das man gar nicht als so besonders begriffen hat. Da bekommt man dann von Außen gezeigt, dass es einem gut geht, dass das Leben hier gut ist und die Sauerländer zum Bespiel gar nicht stur, sondern im Gegenteil neugierig, auskunftsfreudig und offen sind. Da interessiert sich einer, das ist doch immer ein gutes Gefühl, oder?

Doku-Fiktion
Überraschungen, Sackgassen und Zufallsfunde, längst Bekanntes und Abseitiges nebeneinander, Kritisches und Affirmatives – manchmal alles in einem Text. Das ist mal besser, mal gar nicht gelungen. 
Ob ein paar Sauerländer nach vier Monaten dieser punktuellen Berichterstattung und subjektiven Schreiberei ihre Region ganz anders sehen? Ob Leute, die noch nie im Sauerland waren, wegen meiner Textes herkommen  – nun, bestimmt nicht. Das wäre vermessen.
In vier Monaten konnte ich nicht mehr beschreiben, als zwei, drei Bojen im Meer aus regionalen Eigenheiten, Traditionen und Geschichten. Ich habe ohne Anspruch auf regionale Vollständigkeit, journalistische Korrektheit und überprüfbare Schlussfolgerungen geschrieben. Das ganze ist eher eine Art Doku-Fiktion geworden als ein Portrai oder gar eine auch nur in Ansätzen erschöpfende Beschreibung. Im Zweifel für den Zweifel, wie Tocotronic mal gesungen haben.

Überhaupt habe ich nach den ersten Wochen mit dem Gefühl „Ich muss über dies&jenes schreiben, das haben die sich gewünscht, das ist ein Highlight, hat jemand gesagt“ einfach nur noch über das geschrieben, was mich packte. Das heißt, was mich tatsächlich animierte, es aufzuschreiben. Ganz. Nicht was repräsentativ oder offensichtlich interessant war. Und so müssen mehr als 30 weitere Ideen, Themen, Orte oder Menschen auf den nächsten Sauerlandschreiber warten – der dann aber ganz andere Dinge suchen und finden wird.

Bloß ein Blog
Hinzu kommt: ein Blog, selbst wenn er so viel gute Presse bekommt und auf so viel Interesse stößt wie StadtLandText, erreicht trotzdem nur eine sehr (sehr!) begrenzte Zahl von Menschen. Kleine fiktive Rechnung: Hier leben nur rund 200.000 potentielle Leser (habe als Zahl mal die Wahlberechtigten genommen). Von denen dürften vermutlich die üblichen etwa 10-15% prinzipiell Interesse an kulturellen Themen haben. Von den 10-15% wollten vielleicht 50% wirklich auch mal hineinlesen in den Blog, nachdem sie aus der Zeitung oder dem Fernsehen davon erfuhren und lesen überhaupt auch mal Blogs. Und von denen haben das dann 50% auch wirklich gemacht: Bleiben rechnerisch 8000 Leute. Ich glaube, es waren weit weniger.

Was mir oft passierte in den vergangenen Monaten, war das Folgende: Ich stellte mich als der Regionalschreiber Sauerland vor. Viele hatten dann tatsächlich vom Projekt gehört und sagten: „Finde ich super. Bin aber noch nicht dazu gekommen mal reinzulesen.“  Wie das Projekt außerhalb, im Rest von NRW, wahrgenommen wurde? Ich habe da nach Jahren als Zuarbeiter und Redakteur von Onlinekulturmagazinen so eine Ahnung.

Stille Tage in Kultur

Trotz Berichterstattung in allen Westfalenpost Regionalausgaben, in der WDR Lokalzeit, dem Woll Magazin und dem Westfalium, trotz der fleißigen Arbeit des HSK Kulturbüros: Auffällig fand ich, dass ich in vier Monaten keine einzige Anfrage aus der Sauerländer „Kulturszene“ oder sagen wir, von den Kulturmachern der Region, für ein Gespräch bekommen habe, keine einzige Einladung zu einer Veranstaltung, kein „komm doch mal auf einen Kaffee vorbei“, nichtmal ein Hinweis, das und das könnte interessant sein – und natürlich auch keine Einladung zu einer Lesung.
Das ist aber nicht schlimm und vielleicht nichtmal überraschend. Denn die Projekte, die ich kennenlernte, wurden ausschließlich durch ehrenamtliches Engagement am Leben gehalten. Und da hat man vermutlich einfach zu sehr mit der eigenen Arbeit zu tun als auf Öffentlichkeit durch ein Projekt wie StadtLandText zu hoffen, das selbst kaum Öffentlichkeit hat – außer die virtuelle in den Medien. An der Menge von Kulturplayern kann es wohl nicht gelegen haben, die sind, trotz der Vertreutheit zählbar. Wen ich dann in den vergangenen Wochen kennenlernte, hatte ich entweder vom Kulturbüro HSK empfohlen bekommen, selbst entdeckt oder von Gespärchspartnern ans Herz gelegt bekommen.

Fazitfazit
Ich habe in vier Monaten 1000 km Strecke im HSK zurückgelegt, habe das erste Heimatmuseum meines Lebens besucht, habe beim Löschen eines Brandes geholfen, habe Kirchen und Kapellen und Kreuzwege durchschritten, habe viele offene, neugierige, auskunftsfreudige Menschen getroffen, war auf Lesungen, Vernissagen, Konzerten, ich bin Flüsse entlang und Berge rauf und runter gewandert und gefahren, habe Klöster und Kunsthäuser von Innen gesehen, habe Menschen gesprochen, die ihre Region lieben, aber auch um die sozialen Probleme (Öffentlicher Nahverkehr, Kneipensterben, Dorfgemeinschaftsverödung, wenig tägliche Kulturangebote, Jugend geht weg…) wissen.
Ich stellte fest, hier ist fast alles aus Bürgersinn und Eherenamt. Jedenfalls die Kultur zu großen Teilen und selbst der Kulturjournalismus. Bei Zeitungsatikel-Honoraren der WP und WR von 12-20 Euro macht man das aus Lust und Laune, nicht aus Verdienstabsichten.

Was habe ich noch gelernt?
Hier sind die Sonntage oft alles andere als geruhsam, wenn das Wetter im Sommer und Herbst stimmt: Dann wird 14 Stunden bis in den späten Abend hinein gearbeitet, die Trecker dröhnen die Straßen hinauf und hinunter, abends wird noch mit Flutlicht auf den Wiesen Heu gewendet. Hier wird am Samstag der Gehweg mit Spatel, Drahtbürste und Besen bearbeitet, hier spricht kaum einer gern und gut über die Holländer, die hier viele Häuser und Hotels kaufen, aber ohne sie gäbe es die Hälfte des Tourismus nicht. Hier sieht man keine Polizei, so gut wie keine Menschen mit irgendeinem „Migartionshintergrund“, hier fahren fast nur Kinder und Alte Bus. Hier macht man regelmässig Abendspaziergänge durch die Feldwege, mit Hund oder Mann oder Freunden, sagt Hallo zum Entgegenkommenden. Hier gibt es eine Weihnachtsbaumkönigin, sehr viele Fliegen trotz angeblichem Insektensterben und es gibt um ein Vielfaches mehr Hochsitze als Theater- und Kinositze. Hier lässt man die Kirche im Dorf, aber geht auch seltener hinein. Und wenn man die Kirche kritisiert, dann wird vielleicht auch mal ein olles Plakat abgehängt, aber angesprochen wird man auf den Text nicht. Auch wenn man später hört, dass er nicht sehr gemocht wurde. Außerdem: Wer regelmäßig Hoch-Kultur schätzt, fährt ins Ruhrgebiet oder nach Köln, wohnt trotzdem gern hier. Wer liest, findet viele, tolle, eigentümergeführte Buchhandlungen, mehr als im Ruhrgebiet. Hier ist jeder in irgendeinem Verein und spricht über Heimat – und trotzdem scheint keiner mehr zu glauben, es geht einfach immer so weiter.

Hier begegnete ich Menschen, die ein gutes Leben führen, längst nicht mehr „hinterwäldlerisch“ abgetrennt von den Entwicklungen außerhalb. Ganz im Gegenteil: Viele der ganz großen Themen, wie die Digitalisierung, die Umbrüche in der Landwirtschaft, der Klimawandel, veränderte Familienstrukturen, Zuwanderung und Abwanderung, überalternde Gesellschaft sind hier sogar früher als anderswo sichtbar – mit allen Konsequenzen. Und der Sauerländer macht weiter. Weil er immer noch weiß, was er hat. Und ich weiß es jetzt auch.

Mehr von Christian Caravante

Sauerland Haikus IV – fast vergangene und untergegange Dörfer, wartende Grillen

Ein paar letzte Miniaturen der letzten Wochen. Herbst ist, und die Sauerlandzeit geht zu Ende. Für mich. Das Leben hier wird weitergehen wie zuvor. Gut zu wissen.

 

Blätter stoben gelbrot
Kometenschweif voran, voran
Herbstausfahrt

 

Natur mit Eintritt
Waldautobahn mit Schildern
Bruchhauser Steinöde

 

gelb strahlt Großzügigkeit
Chrysanthemen neben
Weihnachtsbäumen für 2027

 

Kuh kaut Regen regnet
Spinne spinnt Fliege ein
kühles Bier in der Dämmerung

 

Untergang geplant
aus Dorf sollte Seegrund werden
Tür der Dorfkneipe quietscht

 

Unterm Kreuz über allem
ferne Stimmen, LKW Rauschen
Fliege brummt auf dem Stein

 

nur eine Wiese im Wald
Maulwürfshügel hüten Scherben
Flurwüstung die Leben längst vergessen

 

Schritt, Grille verstummt
Sie wartet aufs Alleinsein wie
ich die Umarmung

 

 

 

Mehr von Christian Caravante

Wer schreibt das Sauerland? – Literaten und Landflucht

Große Werke sind in Abgeschiedenheit entstanden. In Bergen, Wäldern, in der Einöde. Moses, Jesus, Mohammed und L. Ron Hubbard hatten nicht in der Stadt, sondern in der Pampa ihren entscheidenden Moment – danach schrieb jemand ein Buch über sie oder sie schrieben es gleich selbst, geführt von „jenem höheren Wesen, das wir verehren“ (Heinrich Böll, Doktor Murkes gesammeltes Schweigen).

Sind Autoren – da Draußen in der Natur und allein mit sich und den Elementen – näher an der Muse, am Flow? Schreibt Langweile Bücher? Der Urtext de „Simplify Your Life“ Bewegung, „Walden“ von Thoreau entstand vor 150 Jahren in einer Hütte im Wald. Aber Thoreau ist zum Essen manchmal doch zu Mutti in die Stadt gegangen.

Peter Wohlleben geht mir mit seinen Baum-Erklärbüchern auf den Zwirn, aber findet LeserLeserLeser. Ein Sauerländer Autor hat sich auch damit befasst, höre ich immer wieder. Das Buch wird mir wie folgt vorgestellt: „Kennen Sie die Wohlleben Bücher, ja? Ein Sauerländer hat jetzt auch über Bäume geschrieben.“ Aha. Ein bisschen selbstbewussteres Marketing ohne Nachahmer-Geruch wäre wohl besser.

Womit ich endlich beim Thema wäre: Das Sauerland und die Bücher, das Sauerland und die Literatur. Es ist wohl so: Die allermeisten erfolgreichen oder bekannten oder jung und publizierten Autoren in Deutschland wohnen in Städten – wo auch immer sie aufgewachsen sind. Es gibt viele, ganz hervorragende Bücher, die auf dem Land spielen, mein letztes war „Grenzgang“ von Stephan Thome. Aber Thome, wie viel andere sind auf dem Land aufgewachsen, wohnen als Schriftsteller aber überall, nur nicht mehr auf dem Land.

Falsche Romantik
Land und Wald – derzeit jedenfalls Trends in Literatur und wohlständigen Weltfluchtgedanken. Das Sauerland hat beides zur Genüge. Die Schriftstellerin Juli Zeh sagte mal übers Landleben: „Menschen, die glauben, die Provinz sei eine Idylle, leben grundsätzlich in Städten“, und weiter: „Aus meiner Sicht ist der Unterschied zwischen Stadt und Land viel größer als zwischen Morgenland und Abendland.“

Ergänzen könnte man noch, dass die meisten, die mit dem Gedanken spielen, aufs Land zu ziehen, das nie tun werden. Und die, die dort schon leben, schreiben offenbar so lang nicht über ihre Erfahrung, bis sie dort nicht mehr leben. Die andere Erklärung wäre: Es gibt viele Autoren auf dem Land, aber sie werden nicht verlegt und gelesen. Und eine dritte: die Leute auf dem Land sind zu praktisch veranlagt. Sie wissen, es liest sowieso kaum noch jemand und lernen was Ordentliches. Bücher liegen im Ranking der Freizeitbeschäftigung auf einem „guten vierzehnten Platz“, sagte die Frankfurter Buchmesse halb zufrieden. Aber das ist weit abgeschlagen hinter „Kuchen essen“ und „Ausschlafen“.

Woher kommst du?
Ich kenne Friedrich Merz und Franz Müntefering und Susanne Veltins. Sauerländer Autoren kenne ich nicht. (Natürlich gibt es welche: hier Namen) Der letzte große Moment, der literarisch über die Grenzen des Sauerlands hinaus Bedeutung hatte, war kurz nach dem Krieg, der so genannte „Schmallenberger Dichterstreit“ über die Frage: Gibt es eine westfälische Literatur? Die Antwort der Alten: ja. Die Antwort der jüngeren Generation: nein, sondern nur gute und schlechte Literatur.

Beim Thema „gibt keine Sauerländer Autoren“ rufen viele sofort: Aber Peter Prange, 2,5 Millionen verkaufte Bücher, in soundsoviel Sprachen übersetzt! Ja, antworte ich dann, von dem habe ich hier auch schon gehört. Und auch, dass er seit den 70ern in Paris und sonstwo wohnt.
Ist wie mit dem von mir verehrten Ralf Rothmann, der vor 40 Jahren aus Oberhausen nach Berlin ging – und immer noch als Ruhrgebietsautor wahrgenommen wird – weil viele seiner Bücher dort spielen. Bei Prange kommt das Sauerland aber zum ersten Mal in seinem letzten Buch überhaupt vor. Paradox. Was es gibt, sind (natürlich!) auch Sauerland-Krimis. Dieses regionale Genre lässt ja kein Kleinst-Fleckchen der Republik mehr unbemordet. Und auch wenn das sicher Fans anders sehen: Literarisch sind diese Bücher nicht wirklich von Belang, eher buchgewordene Vorabendserien, manchmal auch nur erfolgreich, weil Dauertrend-Krimi und Da-wohn-ich zusammenkommen.

So, aber jetzt mal Hand aufs waldige Herz lieber HSKler: Wer von Euch kennt Christine Koch? Ach ja? Und wer hat schon etwas von ihr gelesen? … So viel dazu.

Die Sauerländer Nachtigall
Bei Christine Koch stolperte ich über ihren Spitznamen, die „Sauerländer Nachtigall“. Das klingt, sorry, nach singender Kneipenwirtin.
Die Frau schreibt Anfang des vergangenen Jahrhunderts Gedichte auf Sauerländer Platt, veröffentlicht in Heimatzeitschriften und später Bücher. Ihre Gedichte handeln von Natur, Heimatgefühlen und den „sauerländer Menschen“. Sie ist heute Namensgeberin der „Literarischen Gesellschaft Sauerland e.V., Christine-Koch-Gesellschaft“. Ich habe dann ein Buch mit Gedichten von ihr gelesen – die Übersetzung ins Hochdeutsch natürlich – wodurch, Netflix-Serienfreunde und OF-Fans wissen es, viel Originalität verloren geht.

Heimatliebe
Ich lese in vielen ihrer Texte den Wunsch, ihre Heimat zu verstehen und festzuahlten, die Menschen darin zu beschreiben. In ihren Gedichten kann man etwas von dem Leben spüren, das die Region lange prägte und das bis heute sichtbar ist. Das Landleben in seiner Abhängigkeit von Jahreszeiten, die harte Arbeit, die Entbehrungen. Aber sie findet in der Landschaft und den Menschen auch viel Schönheit, Feinheit, Weichheit, dazu Wünsche, Träume und in der Natur Kraft.
Manche Texte sind Sauerland unabhängig ein Memento Mori, ein melancholischer Versuch, Gefühle oder einen Augenblick festzuhalten. Nur weil sie auf Platt geschrieben sind und sehr oft Orte in der Region nennen, läuft das wohl als „sauerländer“ Dichtung. Aber ihre Themen sind universell. Sonst wäre es keine Literatur.

Der Regionale „Charakter“
So wie wir z.B. Walt Whitmans Naturelegien und Hymnen auf den neuen Menschen oder japanische Lyrik über Kischblüten und Kimonos lesen oder Mascha Kalékos Stadtgedichte, und vielleicht gepackt werden von Dingen, die wir nicht erlebt haben und kennen können, so kann man bei Christine Koch einige schöne Verse über das Leben – zu der Zeit in dieser Region finden.

Meine Allergie auf auf verallgemeinernde Zuschreibungen eines regionalen „Charakters“ macht mir allerdings in manchem Text zu schaffen. Solche Typisierungen sind eigentlich immer Quatsch, egal ob in USA, Japan oder dem Sauerland, weil die Gemeinsamkeiten mit anderen Regionen und Gegenden und Menschen doch überwiegen, nicht die Besonderheiten.

Literarische Gesellschaft Sauerland
Die Christine-Koch-Gesellschaft ist, wie ich immer wieder hörte, ein inzwischen etwas überalterter Club von rund 300 Menschen, die zum Teil auch selbst schreiben und sich der Förderung von Autoren und Literatur in der Region widmen.
Seit einigen Monaten gibt es nun einen neuen, jüngeren, Vorstand. 1. Vorsitzende ist die Bildhauerin Stephanie Schröter aus Arnsberg. Sie möchte im Verein einiges modernisieren, plant erstmal weniger Lesungen, vielleicht drei oder vier im Jahr. Im November kommt zu diesem Zweck der unvermeidliche Peter Prange. Außerdem wird es noch zwei oder drei Vorträge zu philosophischen oder Sachthemen geben. Weiterhin soll es im ganzen Sauerland Veranstaltungen geben, nicht nur in Schmallenberg oder Arnsberg. Nicht neu ist der Plan einer Schreibwerkstatt für junge Leute, aber sie soll nun durch jüngere Dozenten durchgeführt werden. Geplant ist ein  zeitgemäßer Internetauftritt und das Layout der Vereins-Literaturzeitschrift “Der Edelrabe” ins Heute zu bringen.

Der Vorstand ist ehrenamtlich tätig und der ganze Verein damit ein typisches Beispiel für die Kulturarbeit in dieser Region: Hier geht nichts ohne engagierte Einzelpersonen und fast immer geht alles ohne Geld von Mutter Staat. Die Regionale Kulturpolitik mag ihre Festivals haben, die Ganzjahresarbeit, z.B. für Literatur, bezahlen die Leute selbst – vor allem mit Zeit.

Ein Buchladen für jedes Tal
Jedenfalls beackert die Christine-Koch Gesellschaft fruchtbaren Boden. Denn im Gegensatz zu vielen Großstädten, die fest in der Hand von einer Mayerschen Buchhandlung oder einer anderen Kette sind und im Verhältnis zur Einwohnerzahl über wenige kleine Buchhandlungen verfügen, bin ich im Sauerland auf eine geradezu erstaunliche Zahl inhabergeführter, unabhängiger Buchläden gestoßen. Sie mögen kämpfen, aber sie leben.

Vielleicht wirkt hier ja die Dorfsolidarität positiv. Nachfrage beim Börsenverein des Deutschen Buchhandels: Etwa 60 Buchhandlungen der Region sind Mitglied, im Hochsauerlandkreis allein 20. Rechnen wir noch einige dazu, die ohne Verbandelung auskommen ist das eine erstaunliche Zahl. Wo doch die Wege weit sind und amazon über Nacht auch ins letzte Tälchen liefert.

WOLL, ne?
Und einen eigenen Verlag hat das Sauerland: WOLL verlegt unter anderem Bücher aus und über die Region, darunter Christine Kochs Gedichte. Im Sortiment aus Humorigem, Lebenserinnerungen, plattdeutscher Mundartforschung sowie Jugendbüchern und Regionalführern, gibt es aber weniger als fünf Romane. Am besten dürften die Poster des WOLL Verlags mit Sauerländer Umgangs- und Schimpfworten gehen, die ich überall hängen sehe. Literatur – wen wundert es – bringt nicht so richtig Umsatz.

Buchläden leben
In einer der größten Buchhandlungen der Region, bei „Bücher und mehr“, erfahre ich: Gut 40% des Geschäfts machen die Touristen aus. „Bücher und mehr“ ist ein schöner, gut sortierter Laden in Schmallenberg. Die beiden netten Eigentümerinnen kennen die Bücher in ihrem Laden, kennen überhaupt sehr viele Bücher und auch ihre Kunden. Der Online Shop ist nicht nur digitales Beiwerk, sondern offenbar echter Umsatzbringer, erzählen sie. Auch wenn sich viele die Bücher in den Laden bestellen. Was den beiden natürlich noch viel lieber ist. So geht das hier.

Aber auch mit weniger Sorgfalt scheint es zu gehen: Am anderen Ende des HSK, in Olsberg, ist die kleine Buchhandlung Käpt’n Book. Die vier großen Schaufenster zeigen so gut wie keine Bücher, sondern Firlefanz und Buchnippes und wirken vernachlässigt. Und auch Innen sieht es nicht nach moderner Buchhandlung oder wenigsten gemütlich-chaotisch aus: ein schlauchiger Raum, Kachelboden und eine Reihe von etwa zehn Regalen an der rechten Wand. Sortiment: von allem ein bisschen. Profil? Nicht erkennbar. Warum da kaufen, könnte man denken. Um die Ecke ist nur noch für die Internet-Verweigerer ein Argument.

In Verdrehung des Namens der Schmallenberger Kollegen konnte der Laden in Siedlinghausen: „Mehr und Bücher“ heißen. Keine richtige Buchhandlung. Das Schaufenster voller Krims und Krams, Puppen und Porzellan, Ratgeber und Setzkastenfiguren. Drinnen links Kiosk mit Kippen und Zeitungen und die Bestseller der Spiegel Liste auf einem Ständer, daneben Lotto, geradeaus Schreibwaren, mitten drin unfassbarer Nippes und Deko-Kram „für ein schönes Zuhause“ und hinten rechts die „Buchhandlung“ – 3 Regale mit undurchschaubarer Systematik. Bahnhofsbuchhandlung ohne Bahnhof.
Der nette Eigentümer erklärt, er schaue beim Sortiment auf die Liste des Spiegel, bestelle immer ein Exemplar, und dann, weil er sich für Politik interessiert, hat er rechts vor der Kasse noch ein Tischchen mit Biografien von Westerwelle bis Weißnichtwer. „Und wen meine Frau noch ein schönes Buch liest, kommt das auch hier hin.“ Er finden den Preis des neuen kenn Follet eine Frechheit. „Ich bin 72, ich höre in einem Jahr auf.“, sagt er dann noch. Und mit ihm auch der Laden. In Meschede, in Arnsberg und auch kleineren Städten – manchmal (über)leben hier zwei Buchhandlungen. Für mich immer Beleg eines lebenswerten Orts.

Amazon hat also auf dem Land offenbar noch nicht gewonnen. Aber Umsatzeinbrüche und die neue digitale Welt dürften hier nicht zeitverzögert, sondern früher als anderswo zu spüren sein. Und was die Literatur aus dem Sauerland angeht: Vielleicht wird bald ein Autor aus Oberhundem berühmt, schreibt bewegende Bücher und alle meine hier gemachten Behauptungen werden Lügen gestraft. Das wäre schön! Geschichten gibt es genug. Flaubert sagte: „Alles wird interessant und wichtig, wenn man nur lange genug hinsieht.“

 

Mehr von Christian Caravante

Der schnarchende Riese – Sylt vs Sauerland

Viele sieht man nicht und wenn, dann fast immer auf Autos mit HSK oder Olper Kennzeichen. Es scheint, nur sie fahren den SAUERLAND Aufkleber auf dem Kofferraum durch die Gegend. „Sauerland“ steht da,  links unten mit einem leichten Aufschwung nach rechts unten verlaufend, in handschriftlicher Anmutung und unterstrichen von zwei Zacken und einem sanftem Schwung bis zum „d“ am Ende.

Gestalterisch ist das 90er Jahre Diddl Maus mit – mir jedenfalls – allzu offensichtlichen Assoziationen: hier ist alles handgemacht und persönlich (die Schrift), wir haben Berggipfel, nicht zu schroff (die Zacken im Strich darunter) und wir fühlen uns unterschätzt. Graphologen meinen nämlich, wer seine Unterschrift noch unterstreicht, leide unter Minderwertigkeitskomplexen.

Mein Problem ist aber gar kein ästhetisches. Und auch die Behauptungen von Bedeutsamkeit kenne ich seit Jahrzehnten aus dem Regionalmarketing des Ruhrgebiets. Mein Problem ist gestörte Wahrnehmung: Ich sehe nämlich in dem zackig und geschwungenen Strich unter dem „Sauerland“ Schriftzug immer und jedes Mal das nörgelnde Strich-Männchen aus den Werbepausen der 70er und 80er Jahre, La Linea von Osvaldo Cavandoli. Der, und nicht ein angedeuteter Höhenzug, liegt mit dickem Bauch schnarchend unter dem Sauerlandschriftzug. Schauen Sie mal genau hin!

Beim ersten Mal hab ich gelacht und dem gewitzten Gestalter gratuliert. Wenn es nur mehr Leute sehen könnten! Denn das ist doch ein viel passenderes Bild für die Region, der schlafende Riese. In jedem Fall mit mehr Vision und Power als dem Schriftzug „Sauerland“ noch stilisierte Berge hinzuzufügen – als wenn irgendwer das nicht wüsste.

Aber was wollen diejenigen sagen, die sich den Aufkleber aufs Auto kleben, denen es offenbar gestalterische Gestrigkeit und allzu naheliegende Symbolik einerlei ist. Wofür genau steht „Sauerland“? Da es vor allem Sauerländer selbst herzeigen wohl für Heimatverbundenheit. Und das ist in Ordnung. Aber was müsste es bedeuten, damit sich Auswärtige den Sticker stolz als Statement aufs Auto kleben?

Als mir jemand neulich erzählte, dem Tourismus hier gehe es gut, es gäbe nämlich immer mehr Leute, die nicht mehr 600 km bis nach Sylt führen, sondern lieber ins Sauerland kämen, hielt ich das für durchaus möglich. Aber als ich dann wieder einen der Aufkleber sah, war mir nicht mehr so sicher. Sylt hat ja gleich zwei Aufkleber: Die allen bekannte Silhouette von Sylt und die zwei Schwerter der bekannten Sansibar auf der Insel.

Und jetzt sollen diese zeigefreundlichen, klassenbewussten Urlauber mit ihren Audis, BMWs und Benzen vermehrt ins Sauerland kommen? Möglich. Aber sicher ohne sich hernach einen so dezenten wie sichtbaren Aufkleber ihres Lieblingsortes aufs Auto kleben.

Diese Urlauber wollen vermutlich nicht kommunizieren: Wir mögen Naherholung, wir geh’n in den Wald, wir mögen mittelhohe Berge, mittelgroße Seen und mittelgroße Städte und die 90er.

Der Syltaufkleber kann nur zum Sauerlandaufkleber werden, wenn er sich mit dem diffusen Sylt-Gefühl auflädt: Wir sind oben – und das ist nicht für jeden. Bevor aber in Bad Fredeburg ein Barbour Laden statt des Birkenstock Outlet öffnet, bevor das Wildschweinsalmibrötchen zum neuen Krabbenbrötchen wird und das Mittelgebirgsskifahren, die elitär und ökologisch einzig richtige Entscheidung, bevor das passiert, ist es noch ein weiter Weg. Da haben es schrumpfende Inseln in der Nähe von Hamburg leichter.

Wann also erwacht der schlafende Riese, wischt mit zwei fuchtelnden Bewegungen den schiefen Schriftzug über sich weg, wie einen albernen Albtraum – und steht auf?

 

Mehr von Christian Caravante

Bleiben UND Gehen

BLEIBE. Wie ist das nur gemeint. Trotzig als Verb? Oder heimelig als Nomen? In jedem Fall ein Statement an diesem alten Fachwerkhaus in der Mitte des kleinen Orts an der Straße nach Winterberg. Neben dem Haus mit seinem hohen Giebel plätschert der re-naturierte (ja auch das, scheint im Sauerland manchmal nötig!) Bach, um die Ecke der Metzger, ein Restaurant, eine Pizzeria, ein Hotel, der Bäcker, die Post, ein kleiner Supermarkt, ein Getränkehandel, zwei Bankfilialen und die Kirche.

Ein funktionierender kleiner Ort, auch wenn ein zweites Restaurant inzwischen geschlossen ist und im andern nie Leute zu sein scheinen und es keine Kneipe im engeren Sinn mehr gibt. Auch das „Erlebnismuseum“ des Orts, zu Tier und Pflanzenwelt im Sauerland, musste vor drei Jahren schließen, weil für die notwendige Modernisierung kein Geld zusammenkam. Das Freigehege kurz hinter dem Ort, oberhalb im Wald, zur Forschung und zum Anschauen von Ernie und seinen Freunden. Das sind 20 Hirsche, die zur Fütterung ganz nah kommen. Das Gehege sollte ebenfalls dicht machen, konnte aber – wie so oft in der Region – durch eine ehrenamtliche Initiative gerettet werden. Hierbleiben. Dableiben.

Einen Kindergarten, schön gelegen direkt über der Stadt am Waldrand, und auch eine einzügige Grundschule – sie hat Schüler aus 12 umliegenden Orten und „Bauernschaften“, und eine Arztpraxis mit drei Ärzten gibt es – Landarztmangel zum Trotz. Ein Ort zum Bleiben, weil er lebt. Links und rechts die Hügel, eine Wallfahrtskirche auf dem Berg – keine Windräder, keine freilaufenden Wisente (DIE Reizthemen im Sauerland). Und auch der alte Herr, der tagein, tagaus mit Hut auf dem Kopf vorm Haus an der Hauptstraße sitzt, weil da noch was passiert, der ist real. Sauerland working.

Da geht es anderen im HSK anders: All die Durchfahrtsorte mit, tja, gar nichts. Nur Häuser zum Wohnen. Die großen und kleinen Orte mit Leerständen direkt an der Hauptstraße, vor allem am Ende und Anfang. Da dröhnen dann die Motorräder am Samstag und Sonntag niemanden mehr aus dem Schlaf. Da nutzen dann auch die schöne Natur, eine 800 jährige Geschichte, höhere Busfrequenzen oder Bleibe-Anreize nichts mehr. Diese Orte führen ein Leben als Untote, in denen das gemeinschaftliche Leben stirbt und die Leute nur bleiben, weil sie keine Alternative haben. Netflix und Sky Abos, Einladung zu Freunden am Ort oder weite Autofahrten als Sozialleben.

Warum diese Entwicklung? Kleinere Familien, zermürbende Pendeljob und dem zeitsparenden Einkauf irgendwo in der großen Stadt am Weg, Fernbeziehungen, ausbleibende Touristen an den Rändern, Klimawandel und weniger Schnee, die Kneipenerträge zu gering, Söhne und Töchter von Bauernhöfen, die lieber studieren, dazu auch hier eine alternde Gesellschaft, die biologisch bedingt kleiner wird.

In meinem Städtchen aus Fachwerk, mit einem bisschen Tourismus, Landwirtschaft sieht es okay aus, denn es gibt den „Schnadegang“. Schon ein paar hundert Jahre. Einst, als es noch keine Grundbücher und Katasterkarten gab, diente er der mündlichen und schriftlichen Überlieferung der Gemeindegrenzen. Man traf sich mit den Nachbargemeinden und prüfte gemeinsam den Grenzverlauf. Heute ist der Schnadegang Anlass alle und alles kennenzulernen, und neben Schützenfest und kleineren Gastrofestival die Nachbarn zu treffen.

Letzten Samstag, 7.30 Uhr morgens zog deswegen die Blaskappelle durchs Städtchen, Feuerwehr fuhr vorweg – mein Sohn und ich in Pyjamas vor der Tür, still staunend. Leute mit Wanderstöcken und Hüten, mit Rucksäcken und Hunden. Das war der frühe Auftakt für 18 km Schnadegang im Jahr 2017, querfeldein, bergauf und ab, mit Mittagsrast und Abschlussfest über der Stadt. Sie stiegen dann in einen Bus, um zum Startpunkt für ihren Rundherummarsch zu kommen.

Um 9 abends, es dämmerte, die Familie und ich saßen nach einem faulen Tag im örtlichen Restaurant bei Bier und Hirschragout. Und wie wir saßen tröpfelten alle paar Minuten Wanderer an uns vorbei – Schnadegänger auf dem Heimweg nach über 12 Stunden, still und entspannt, ein bisschen verschwitzt, lächelnd mancher, jedenfalls ganz da. Bleibe! Das hab ich verstanden.

#sauerland #stadtlandtext

Mehr von Christian Caravante