Die Kneipe

Ulli, pass auf, es ist so. 2019. Schon 2019 hab ich da manchmal mutterseelenallein am Tresen gesessen. Da kann ich mein Bier auch zuhause trinken. Setz ich mich vor den Spiegel, dann ist mehr los. Und billiger ist das auch.

Also komm mir nicht mit Corona. Corona haben alle gehabt. Aber da war schon vorher niemand, Ulli. Keine Sau. Und deshalb sag ich, der Lothar macht nicht mehr lang. Der macht nicht mehr lang, und das ist gut so. Der hat fertig, der Lothar. Weißt du, wie alt der ist? 60, 61, sowas. Und wenn die vergessen haben, dem in die Rentenkasse zu zahlen, was sie sehr wahrscheinlich vergessen haben: ein ganz armes Schwein. 

Naja, so ist das. Früher haben wir alle gedacht: Hallo, wir sind die Könige! Das ist halt vorbei. Aber Stammgäste nimmst du nicht aus, Ulli, dabei bleibt es. Die Stammgäste sind dein Kapital. Das hat der Lothar nie verstanden. Da hast du einmal dein Portemonnaie vergesssen, einmal schwach auf der Tasche, da ging der Hahn zu. Und deshalb ist da keiner mehr hin, mein Lieber. Corona, von wegen. 

Jetzt hat er es noch mit einer neuen Kellnerin versucht. Meint die, sie wär bildhübsch, hat sie selbst gesagt. Ich hab die ignoriert, mein Gott, es gibt schönere. Ist nicht meine Welle, sag ich zu meiner Frau. Ich sag: Zahl du bei der, und dann gehen wir. Und das haben wir gemacht. Und sind dann runter zu der neuen. Die gefällt mir ja nicht. Gar nicht gefällt die mir, schon das Interieur. Aber die nehmen für frisch Gezapftes einen Euro. Null vier! 

Klar, Ulli, klar. Das ist der Einstiegspreis. Aber so hab ich das auch bei der Gans erlebt, die waren ewig auf eins fuffzig. Die hatten da immer ein Dreißig-Liter-Fass. Und in zwei Stunden haben die locker zwölf Fässer durch. Dann hatten die mal die Brauerei gewechselt. Das ging auf eins siebzig, aber das hielt sich auch lange. Und jetzt sind sie auf zwei. Aber was krieg ich sonst für zwei? Nichts, Ulli, nichts! Ich will nur mein Bier trinken, in Remscheid. 

Und der Lothar, der versteht es einfach nicht. Der lässt ihn verkommen, den schönen Laden. Wirst sehen, am Ende steht der da, mit seiner Zicke von Kellnerin, und zählt aber die Penunze. Das wär früher nicht passiert. Als noch der eine die Kneipe gemacht hat, der eine mit dem Bart. Der, wo immer selbst noch die Leiter hoch ist. Weil oben der Fusel steht. 

Weißte doch selber, wie der heißt! Der ist jetzt in Günzburg. Günzburg, Ulli! So sind halt die Zeiten. Ich warte einfach darauf, dass der Lothar die Miete nicht mehr zusammenkriegt. Das ist bald soweit, und dann: Bing! Wechselt die Truppe. 

Der ist ja gar nicht Hauptpächter. Der Hauptpächter sitzt auf Malle. Ewig schon. Weiß aber keiner genaues. Ich war neulich auch da. Malle, mein ich. Geht ja jetzt wieder. Und was soll ich sagen! Weißt du selbst, Ulli, weißt du selbst. Die haben Kneipen. Schweden! Finnen! Deutsche! Iren! Holländer! Alle in einem Laden. Und was du sonst noch denken kannst. Pool. Billard. Dart. Wahnsinn. Nur essen kannst du da nicht. aber da musst du dich halt entscheiden. Ob du essen willst oder trinken, Ulli. Im Leben. 

Na. Wir wollen mal sehen, wie lange der Lothar es noch macht. Leid tut er mir schon, das geb ich zu. Aber ich hab’s ihm immer gesagt. Jetzt ist es zu spät. Jetzt kommt erstmal der Weihnachtsmarkt, mein Lieber. Und Weihnachtsmarkt, das ist ein Gemetzel, das weißt du. Da kommt keiner gut raus. 

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Vamos a la playa

Vamos a la Playa

Da vorne, da in dem Wald habe ich meine Kindheit verbracht. Ich habe alle mittelgroßen morschen Baumstämme aufgehoben und umgedreht auf der Suche nach Ameisen. Einmal habe ich eine gegessen. Sie rannte auf meiner Zunge herum bis ich sie verschluckte. Als ich abends im Bett lag, konnte ich nur noch an diese Ameise denken. Wie sie jetzt durch meinen Körper krabbelt. Wenn ich heute nicht einschlafen kann glaube ich manchmal, sie lebt immernoch dort und krabbelt durch meinen Körper, obwohl ich es besser weiß.

Ich habe den Bach gestaut der durch den Wald verläuft. Ich. Ich habe den mächtigen Bach gestaut, mit meinen eigenen Händen, mit meinen eigenen Füßen, mit Steinen und mit Baumrinde für die kleinen Ritzen zwischen den Steinen. Mit allem was zu finden war, haben wir einen Staudamm gebaut. Meine Kinder und Kindeskinder haben später den Wald besetzt und in den Bäumen gewohnt. Als die Bagger kamen, konnten sie nichts ausrichten.

Ich habe den Stachelbeerstrauch auf der Wiese neben der großen Straße da vorne gefunden. Ich habe ihn als Geheimnis bewahrt und einmal die Woche besucht, bis mir ein Freund lieb genug war, das Geheimnis und die Stachelbeeren mit ihm zu teilen.

Ich habe auf dem Weg zu Schule immer getrödelt. Ich habe den ganzen Weg geschafft, ohne die Ritzen zwischen den Gehwegsplatten zu berühren. Auf den Heimweg von der Schule habe ich meine Hand im Gehen an den Häuserwänden entlang streifen lassen. Die Fingerkuppen waren danach schwarz, obwohl die Häuser auf dem Weg alle weiß oder gelb gestrichen waren. Meine Mutter sagte zu mir, ich sähe aus wie ein Verbrecherin, die man überführt hat, so könne ich, dürfte ich nicht mitessen. Ich schrubbte und schrubbte meine Hände, aber es ging nie wieder ab.

Ich war die, die über die Mauer da geklettert ist um den Ball zu holen. Ich habe mich an Dornensträuchern gepiekst. Ich habe mich an Brennesseln verbrannt, aus Versehen, aus Notwendigkeit und aus Mut. Ich habe ein Fahrrad geklaut und ich wurde erwischt. Ich habe einen Stein nach Jemandem geworfen und ihn getroffen und es hat mir fürchterlich leid getan.

In unseren Klamotten sind wir im Sommer in den Brunnen gestiegen bis uns zu kalt wurde. Auf dem warmen Asphalt haben wir uns trocknen lassen bis ein Auto kam. Dann standen wir auf und ließen das Auto durch und wenn es durchgefahren war, dann legten wir uns wieder hin, wenn wir trocken waren gingen wir nach Hause.

Meine Eltern schickten meine Brüder am Wochenende morgens zur Bäckerei um Brötchen zu holen. Am Abend davor legten sie dafür etwas Geld auf dem Telefontisch, damit sie länger schlafen konnten.  Wir saßen dann immer zusammen im Garten, da auf der Terrasse. An einem Morgen war ich als erstes wach. Ich nahm das Geld und ging zum Bäcker, obwohl ich noch viel zu klein war. Der Laden hatte noch zu. Also ging ich wieder zurück und legte mich in mein Bett. Niemand hatte etwas bemerkt. Aber ich vergaß die leere Straßen nicht.

Ich habe da hinten auf dem Ascheplatz ein Fußballturnier gewonnen im Elfmeterschießen. Und danach ein Fahrrad in der Tombola. Die ganze Mannschaft ist jubelnd mit dem Pokal um den ganzen Platz gelaufen als wäre es die Weltmeisterschaft gewesen. Und ich bin mit dem Fahrrad hinterher. Da vorne standen die Flutscheinwerfer. Und da war der Ballcontainer. Ungefähr.

An einem Sommer als ich dreizehn war, ging ich jeden Tag raus um in dem hohen Gras zu spazieren. Jeden Tag. Ohne zu wissen was ich dort, oder irgendwo auf der Welt wollte oder sollte. Ich konnte an jedem Tag die Spuren sehen, die ich am Tag zuvor hinterlassen hatte. Als die Schule wieder anfing, kam ich nicht mehr. Und danach auch nicht.

In der Kneipe haben wir uns später besoffen. Die Wirtin kannte meine Eltern, aber sie hat ihnen nie etwas gesagt. Es war besser für sie Umsatz zu machen und besser für uns, wenn keiner von uns noch mit dem Roller fuhr, sondern zu Fuß nach Hause ging. Nicht selten krachte auch mal einer gegen einen Baum.

In der Kirche ging mein Opa zur Kommunion, meine Mutter ging dort auch zur Kommunion. Mein Vater ging in der Kirche vom Nachbarsdorf zur Kommunion und meine Mutter hat ihn dort geheiratet, aber mich hat man auch in diese hier geschickt. Gefirmt hat man mich da auch.

Später saßen wir im Urlaub jeden Tag mit einem Sechserpack Wasserflaschen am Strand, weil viele über das Meer kamen, um sich vor dem neuen Krieg und der Hitze zu retten. Damals fing das gerade erst an. Aber es wurden mehr und mehr und so viele Wasserflaschen konnte man gar nicht besorgen.

Auf der betonierten Treppe neben der Schule habe ich gesessen und geraucht. Zum ersten Mal. Und dann immer wieder. Es war der heimlichste Ort hier. Dort habe ich später geküsst, gekifft. Einmal habe ich dort auch geweint. Ich habe nicht geweint als man die Bodenplatten rausriss, und die Schule gleich mit, das war mir egal. Aber ich würde mich gerne nochmal dort hinsetzen, auch um eine zu rauchen. Das war der Ort der kleinen Freiheit.

Ich habe meinen Kopf durch den Zaun gesteckt wenn Besuch kam. So wie unser Hund. Er kannte nur den Blick durch den Zaun, und den Gang durch das Dorf. Wenn ich hier stehe, kommt es mir vor als steckte mein Kopf auch immer noch in diesem Zaun fest.

Ich habe alle Pflaumen eingesammelt im Garten von der anderen Familie. Ich habe jeden Wurm aus den Pflaumen herausgepult und in den roten Eimer geworfen und die ohne Wurm in einen grünen. Ich habe Zucker über den Pflaumenkuchen gestreut im Herbst, denn ohne ging es nicht. Da vorne hing die frische Wäsche, ich habe sie tausend mal von meinem Zimmer aus trocknen sehen. Und gelacht, wenn es regnete und sie hektisch abgehängt wurde. Und noch mehr gelacht, wenn man sie vergaß.

Ich habe das Motorengeräusch gehört, den Benzinduft geatmet und dem Reifengummi zugesehen als es wie Speck auf dem Teer von der Kartbahn brannte. Ich habe gesehen wie der Asphalt ausfranste und bröckelig wurde, als würde er vertrocknen wenn eine Weile niemand darauf fährt.

Der Apfelbaum. Der Apfelkuchen. Der Pflaumenbaum. Der Pflaumenkuchen. Das Auto in der Garage. Die Schaukel, die quietschte. Man hörte, wenn noch ein anderes Kind im Garten war, meistens aber nur den Wind. Der Fahrradständer schleift über den Boden an einem Sommerabend. Ein Propellerflugzeug stört die die Stille, die Vögel haben den Ort übernommen. Der Grill. Der Geruch. Der Nachbar flammt das Unkraut nicht mehr vom Gehsteig. Kommunion in der Kirche. Dasselbe Foto seit 3 Generationen: Mama, Papa, Kind, Kerze. Ein Haus das ich nie erben wollte. Der Horizont klebte mir hier am Auge.

Ich habe diesen Ort verlassen, bin durch die Welt gereist und niemals wiedergekehrt, auch wenn ich nun an derselben Stelle stehe.

In 80 Jahren ist das der Weg zum Strand. Warm wird es dann sein. Sehr warm. Das Meer ist dann vielleicht hier angekommen. Und die Vögel müssen im Winter nicht fort.

Davon habe ich nichts. Mir bleibt nur der Übergang. Das panische Jetzt in dem wir leben. Mir bleibt, nicht das, was war. Und das, was wird, werde ich nicht sehen. Auch mir bleibt nur diese Lücke. Ich hab das ja immer gewusst, aber ich dachte es fühlt sich anders an.

 

Mehr von Deborah Kötting

Wie Aachen zu mir kam – Verwechslung, eine Vorgeschichte (1)

Folge 1  

„Mujo & Haso!“, hätte ich fast gerufen als ich den staunenden Blick der beiden hereinspazierenden Männer erwische, die wie zwei alte ausgehungerte Bären die neue Veedels-Kneipe betreten und ihre Augen an mir kleben ließen. Wie auf Kommando hebt sich meine Hand zum Gruß.

Dass auch sie die neue frisch eröffnete Veedel-Szenekneipe in Shabbychic-Look entdecken würden, wundert mich nicht. Die Stimmung aus Nostalgie, Zerstörung und Lust auf Freiheit, die alten goldblumigen Tapeten, gemischt mit den neuen Wallblechimitaten in 3d und groben, abgerissenen, unverputzten Wänden ist genau die Mischung die ich an diesem Abend brauche, um meiner Aufregung vor den Aufgaben, die vor mir stehen und den aufgewühlten Stimmen in meinem Kopf freie Luft zu geben.

Flora 6 Hirsch

Aber dass   „Mujo und Haso“, die komische Gestalten aus meiner Heimat, die mich überall und immer wieder verfolgen, sich trauen an so einem Abend und so einem Ort genau bei mir um die Ecke aufzukreuzen? Das geht mir zu weit!

Seit Jahren tauchen die beiden schrägen Vogel vor mir auf, sobald ich meinen Koffer gepackt habe, sobald sich meine Ohren vor Aufregung, Freude, Traurigkeit oder Glück spitzen.

Jetzt hat es mich wieder gepackt: Ein Stipendium in Aachen wartet auf mich und die schöne Aufgabe, eine ganze Region vier Monate lang in deutschen Wirtschaften zu erforschen, sie unter meine ganz persönliche Lupe zu nehmen, meine Stammtische  mitten im deutschen Wunderland zu gründen. Der Alien in mir war erwacht und bereit auf das Abenteuer.

Veedel-Szenekneipe in Shabbychic-Look: Die Stimmung aus Nostalgie,

Zerstörung und Lust auf Freiheit

Mein deutscher Mann hatte mich kurz zuvor von unterwegs angerufen. Nach seiner ersten Parteisitzung wollte er mit mir in der „Flora 6“, dieser neuen Hip-Kneipe in Köln-Nippes, auf seine und meine neue Ära anstoßen. Ich war sofort dabei. Seine frisch geweckte Leidenschaft für Politik stachelt mich an. Sein feuriger Genosse aus Würselen,   hat auch mich mit seinem „Wind of Change“ angefeuert und ich bin bereit ihn, meinen deutschen Mann wieder zu bewundern und seine Ansichten aus allen Ecken und Nähten in Angriff zu nehmen. Wer, wenn nicht er, mein Held, soll die Sozialdemokratie und damit Deutschland retten? Und mich, den Alien, der sich in Deutschland wieder langsam fremd fühlt. Und fürchtet. Und: wer wenn nicht, ich, seine Ehefrau,   soll ihn dabei unterstützen. In meiner Tasche knistert die frisch ausgedruckte E-Mail,   der Stipendium-Vertrag aus Aachen. Ich will ihm, meinem deutschen Mann, damit imponieren. Mit einem triumphierenden Lächeln, wortlos damit vor der Nase winken. Doch dann treten die beiden Männer mit den ansteckenden Blicken in die Kneipe, glotzen mich an und ich kann nicht anders als die Hand zu heben und sie anzulächeln.

Das hätte ich lieber sein lassen sollen, wünscht sich mein deutscher Mann am nächsten Tag beim Frühstückt. Die beiden komischen Kerle, die ich offensichtlich mit meinen Heimathelden verwechselt hatte, hätte ich uns besser erspart…

…die nächste Folge: Verfolgung

Mehr von Slavica Vlahovic