Jam-Session am Highway 2

Ort: Kulturgut Haus Nottbeck | Datum: Fr/Sa, 18./19.08.2017 | Wetter: bewölkt, Regen, 20°C

Aus der Helligkeit und Wärme des Cafés hinaus auf den Hof. Das Auge braucht einen Moment. Es ist dunkel. Nacht- und Land-dunkel. Die leuchtenden Linien um den Sandplatz und die Lichtsäulen vor den Gebäuden sind vor einer Stunde erloschen. Die umliegenden Höfe nur zu erahnen. Um die Ecke, verklingt Stimmengewirr. Das Glimmen von Zigarettenspitzen außer Sicht. Über Brücke und Gräfte auf die Streuobstwiese. Der Wind steht richtig. Man hört das Rauschen der A2.

Highway in Hörweite

Statt einer Tankstelle an einem Highway hier ein altes Rittergut mitten im Nichts. Hier hält nicht mal mehr ein Bus. Der ehemalige Sitz des Amtsdrosten. Kreisgrenze. Kulturregionsgrenze. Jetzt Ort der Westfälischen Literatur. Und statt amerikanischer Rockstars on the road Westfälische Literatinnen und Literaten. Ebenfalls auf Tour. Anreisende aus Berlin, Hamburg, dem Ruhrgebiet. Und hier: Stop! – And Read! Eine literarische Jam-Session umgeben von Klinker, Wassergraben und Münsterländischer Felderlandschaft. Unplugged und down-to-earth.

„Fast schon Natur-Kitsch hier. Aber wenn’s schon mal da ist…“

Lese-Sessions rund um das Kulturgut. Auf einer Picknickbank mit ehemaligem Stallgebäude im Rücken. Entlang der Gräfte gehend. Auf dem Fußballplatz gegenüber dem Kulturgut. Soundscapes im Gartenhaus und im Saal. –Verschränktes Gelände – Lügende Landschaft – Kreisverkehr – An der Tankstelle – am kai – Immer wieder: Orte. Räume. Blicke. Und Bewegungen. Über allem: Sprache(n). Und dazwischen: tauscht man sich aus.

Wir stehen dicht gedrängt unter einem Sonnenschirm aus meiner Camping-Bulli-Ausstattung. Auf dem Fußballplatz. Hinterm Parkplatz. Gegenüber vom Sandplatz. Philipp mit Kamera und Equipment neben mir. Daniel mit Zeichenblock und Stift hinter mir. Ich halte den Schirm. Ein paar Ausfallschritte entfernt das Tor. Darin: Christoph Wenzel. Ebenfalls mit Schirm. Um uns herum: Regen. Satte grüne Wiesen. Und Lyrik. Gelesen vom Autor himself. Live und unplugged.

„Wer Lyrik schreibt, ist verrückt, wer sie für wahr nimmt, wird es.“        (Peter Rühmkorf)

Am Samstag Lese-Live-Streams. Vom Stop am Highway raus ins Netz. Lokal & digital. Junge Lyrik aus Westfalen für ein paar Minuten fast weltweit. Nottbeck an den Kreis- und city limits: ein Ort, der verknüpft. Einige waren bereits hier. Eine Woche, um zu schreiben, zu sortieren. Gedanken und Texte. Andere sind das erste Mal da. Man kennt sich. Man sieht sich zum ersten Mal. Geht um das Gut, gen Stromberg, allein und gemeinsam.

Lyrik riecht nach Orangen und Zigarettenqualm. Schmeckt nach Ginger Ale und Bier. Und dem heimischen Klaren.


Seit Herbst 2016 geben sich Künstler und Künstlerinnen aus Westfalen auf dem Kulturgut Haus Nottbeck in Oelde-Stromberg die Klinke in die Hand. Stop ˈnˈ Read ist ein Projekt der LWL-Literaturkommission für Westfalen in Zusammenarbeit mit der Kulturgut Haus Nottbeck GmbH. Idee und Konzept stammen von Walter Gödden, die Kommunikation übernimmt Fiona Dummann.

Um die Kurzlesungen zu verfolgen, muss man nicht in die unendlichen Weiten der Westfälischen Provinz aufbrechen. Die Stops werden auf der Website des Projekts zugänglich gemacht. Mit vielen bekannten Gesichtern, gezeichnet von Daniel Unrau. Und den Clips von Philipp Wachowitz. Das Line-Up des Wochenendes und in Kürze auf der Homepage des Projekts Stop ˈnˈ Read zu sehen:

   Greta Ganderath | Marius Hulpe | Adrian Kasnitz | Georg Leß |              Arnold Maxwill | Sarah Marie Meinert | Hendrik Otremba | Charlotte Warsen | Christoph Wenzel | kolberg+stern


Die Veranstaltung „Junge Lyrik“ mit Live-Streams und Abendveranstaltung am Samstag fand im Rahmen des hier! festival. regional. international. des Netzwerks literaturland westfalen statt. Das Literaturfestival bietet noch bis zum 30. September verschiedenste Veranstaltungen in ganz Westfalen  – und auch über die Regionsgrenzen hinaus. Stadt.land.text NRW 2017 ist mit einer Lesung der RegionsschreiberInnen Westfalens am 26. September 2017  in der Studiobühne der KulturRäume Gütersloh dabei.

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Once Upon a Hill

Ort: Stromberg | Datum: 15.08.2017 | Wetter: bewölkt, Regen, 26°C

Wind weht um den Stromberger Berg. Und trägt Düfte heran. Alte Obstbäume. Pflaume, Apfel. Spärlicher die Holunderbeeren. Kürzlich gemähtes Gras. Und etwas Malziges. Maische aus der naheliegenden Brennerei oder Brauerei? Silage? Leberwurstbrote? Leberwurstbrote in Tupperware. Apfelstücke. Trinkpäckchen. Den Strohhalm aus der Hülle friemeln. An einer Stelle ist die durchsichtige Hülle an den weißen Halm geschmolzen. Knibbeln mit dem Fingernagel. Durch die Silberfolie pieksen. NICHT RENNEN BEIM TRINKEN!

„Erwachsene erinnern sich nicht daran, wie es war, ein Kind zu sein.

Auch wenn sie es behaupten.

Sie wissen es nicht mehr. Glaub mir.“

Burg im Rücken, der Blick vom Stromberger Berg: überwiegend Äcker, Weiden und Dörfer OWLs. Wenn man sich auf die Zehenspitzen stellt, den Hals lang macht und an den Brombeerranken und Büschen vorbeischielt, kann man einen Blick in Richtung meiner Heimatstadt werfen. Und meiner Grundschule. Die App sagt, sie liegt etwa 20 Minuten entfernt.

Gepicknickt wurde auf der Wiese an der alten Kastanie. Es brauchte etwa die Hälfte meiner Klasse, um sie mit weit ausgestreckten Armen und Gesicht in der Borke zu umschließen. Der Stamm schon damals zu Teilen ausgehöhlt. Den Kopf weit in den Nacken gelegt, um nach den Früchten in der Krone zu sehen. Heute springt der Blick. Zoomt. Stellt scharf. Der Hügel, ja. Aber sie ist nicht mehr da. Etwa 130 Jahre ist sie alt geworden. Ich komme ein Jahr zu spät, erfahre ich am Abend.

„Manchmal reden die Erwachsenen davon, wie schön es war, ein Kind zu sein. Sie träumen sogar davon, wieder eins zu sein.“

Ich steige die verschiedenhohen und -breiten Stufen des Stromberger Bergs herunter. Das Gassbachtal. Stöcke von der Brücke werfen. Schiffchen fahren. Bis sie am nächsten Kiesel hängen bleiben. Oder – Attacke! – kentern. Und der Spielplatz mit der längsten Rutsche überhaupt. Noch immer rutschen die Turnschuhe auf nassen Halmen beim steilen Aufstieg. Ob mir beim Erklimmen die Puste ausgegangen ist? Heute kann ich den Gegner zumindest benennen: Beckumer Berge.

Musik fließt mir die Stufen herab durch den Wald entgegen. Ein erster Vorgeschmack auf den Abend. Das Herzstück eines jeden Stromberg-Ausflugs: das Kinderstück der Freilichtbühne. Damals waren es Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer. Eine Insel mit zwei Bergen und dem tiefen blauen Meer. Auch heute Abend alte Bekannte. Und ein weit entfernter Ort. Eine geheimnisvolle Insel. Und wieder: Meer.

Bunte Gestalten bevölkern bereits jetzt den Vorplatz. Ein Weihnachtsmann, ein Mädchen mit Huhn, zwei Statuen. Dazwischen Kinder in Regencapes mit Stift und Zettel. Die Figuren führen bereits ein in die Welt der Kinder- und Jugendbuchautorin Cornelia Funke. Ein Kinder-Funke-Fest. Ein paar glaube ich bereits in den Kostümen des heutigen Abends zu sehen. Die beiden Statuen zum Beispiel. Die Meerjungfrau. Die Nonne. Und die beiden alten Damen in schwarzen Kleidern.

„Aber wovon haben sie geträumt, als sie Kinder waren?

Weißt du es?

Ich glaube, sie träumten davon, endlich erwachsen zu sein.“

Der Herr der Diebe. Ein Kinderstück? Eher ein Familienstück. Wie auch die ihm zugrundeliegende Geschichte. Die Geschichte der Waisen Prosper und Bo, die es in die Stadt aus den Erzählungen ihrer Mutter verschlägt. Die magische Stadt. Die Stadt des Mondes. Venedig. Auf den Stufen vor der Heilig-Kreuz-Kirche. Den Burgplatz zu fluten habe man dann doch nicht in Angriff genommen. Auch wenn sich das Wetter kurz vor Beginn der Abendvorstellung nochmal alle Mühe gibt. Aber: Taubenschwarm, Touristen, Löwen und geschwungene Brücke. Und Musik.

Zu Melodiefragmenten aus der Unendlichen Geschichte und dem Herrn der Ringe entrollt sich das Abenteuer der beiden Brüder, die bei einer venezianischen Kinderbande Unterschlupf finden. Einer Bande um den Herrn der Diebe, hier die jüngste Meisterdiebin aller Zeiten. Die erwachsen sein will. Weil dann niemand mehr Vorschriften machen kann. Ihnen auf den Fersen der Detektiv Victor. Und über allem: eine Erzählung. Und Magie. Die schließlich auch am Rad der Zeit drehen kann.

„Was tun Erwachsene so den ganzen Tag, Victor?“, fragte er.

„Arbeiten“, antwortete Victor. „Essen, einkaufen, Rechnungen bezahlen, telefonieren, Zeitung lesen, Kaffee trinken, schlafen gehen.“

Ich habe den Bulli an der Grundschule am Hang geparkt. Es sind Sommerferien, die Parkplätze leer. Mittlerweile ist es dunkel. Asphalt und Blätter noch nass vom Regen. Erstes zögerliches Gezirpe. Vom Stromberger Berg schaue ich in die Ferne. Oben Wetterleuchten und Windradblinken. Unten wabernde Lichter. Die Musik noch im Ohr, die Geschichte im Kopf. Der Schemen einer Kirchturmspitze zwischen den Lichtpunkten. Vielleicht der Campanile di San Marco.


Venedig im Münsterland, könnte man das Programm der Burgbühne Stromberg diesen Sommer überschreiben. Der Herr der Diebe, für die Bühne bearbeitet von Wolfgang Adenberg, stand zuerst fest. Mit dem Wunsch, beide Stücke mögen am selben Ort spielen, wurde dann das Erwachsenenstück ausgesucht: Der Impresario aus Smyrna (Carlo Goldoni). Noch bis Anfang September erweckt das ca. 100-köpfige Ensemble auf und hinter der Bühne die Lagunenstadt unter der Regie von Hendrik Becker zum Leben. Dafür lohnt sich das Erklimmen des Burgbergs!

Die Zitate sind Cornelia Funkes Herr der Diebe (2000) entnommen.

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Backstage am Bach

Ort: Beelen | Datum: Mi, 02.08.2017 und Fr/Sa, 04./05.8.2017 | Wetter: Festivalwetter (von allem etwas und davon viel)

Ich lasse das Fenster herunter. Merkwürdig ruhig ist es hier. Keine schrittfahrende Bulli-Kolonne vor mir. Keine am Straßenrand haltenden Pkw mit vollgestopften Kofferräumen: Schlafsäcke, Panzer-Tape, Dosen-Ravioli. Keine Ordner oder Parkplatzanweiser. Keine bepackten Festivalfans, Dosenbier in Händen, Taschen auf dem Rücken, Zelte unterm Arm. Keine Live-Musik, wummernden Anlagen oder Generatoren. Kein Geruch nach Gegrilltem. Vor dem letzten Hof rechts fegen eine Frau und eine Handvoll Kinder Stroh zusammen.

2 Tage, 2 Bühnen, 20 Bands, über 2000 Musikbegeisterte

Es ist das 24. Krach am Bach Festival in Beelen. Aufbauwoche. Noch zwei Tage, bis das Gelände seine Tore öffnet. Ab hier geht es während des Festivals nur zu Fuß weiter: zur Kasse, zum Zeltplatz am Festivalgelände, zum Einlass oder zum Frühstück. Heute  f a h r e  ich erstmals am Fliesenstudio Hartmann vorbei. Das Gebäude ist noch das, was es auch die restlichen 360 Tage im Jahr über ist – die Lagerhalle. Sie wird heute aufgeräumt und hergerichtet für den Festivalbetrieb am Wochenende. Bändchen, Programme und Pfandmarken für den Zeltplatz werden dann hier ausgegeben.

Der Backstage-Parkplatz dahinter: eine Wiese, begrenzt von Weidezaun, Maisfeld, Stallwand und Landstraße. Tine holt mich ab. Sie wird mir heute einen Einblick hinter die Kulissen des Festivals geben. Wir gehen durch den Eingang, den am Freitag und Samstag die Bands nehmen. Noch steht hier kistenweise Bühnentechnik. Zwischen ausgeräumtem Pferdestall und Koppel der Backstage-Bereich. Ein Holzsteg, um bei Regen nicht im Matsch zu versinken. Davon abgehend mehrere Pavillons. Gemütlich sieht’s hier aus. Sofas, Palettentische und Lampen mit Fransen, Bierzeltgarnitur, Kicker. Lichterketten und Deko kommen noch. WG-Party im Großformat, könnte man denken.

Vor End das größte Zelt. Tine stellt mir Sarah vor. Sie organisiert das Catering hier im Backstage-Bereich. Mehr als nur Brötchen-Schmieren für etwa 100 Leute in wechselnden Schichten. Sie managt auch die Wünsche der Bands. Das Kurioseste? Tine und Sarah überlegen. Allergien oder Unverträglichkeiten, veganes oder vegetarisches Essen – Standard. Zwei paar schwarze Baumwollsocken, sagt Sarah schließlich. Hier wird alles besorgt, was im weitesten Sinne mit Catering zu tun hat. Am Donnerstag. Großeinkauf. Für das Festival und das traditionelle Nachbarschaftsgrillen am Donnerstagabend.

Von der HIGH HORSE rüber zur WALTZING WANNERUP

Vor dem Cateringzelt beginnt das Festivalgelände. Einige Bauzäune stehen schon. Der Zeltplatz ist bereits abgetrennt. Momentan wird die große Bühne aufgebaut. Alles ehrenamtliche Helfer. Viele kommen aus dem Ort und der Umgebung. Wie Tine und Sarah haben sie sich von ihrer regulären Arbeit frei genommen, um hier beim Festival zu helfen. Dafür erhalten sie freien Eintritt. Aber allein damit, ca. 40 Euro Eintritt, sei der Einsatz auch nicht aufzurechnen, so Sarah. Man will einfach helfen, beim Festival, der Gemeinschaft dabei sein. Überhaupt habe ich den Eindruck, am Festival sind ganz Beelen und Umgebung beteiligt.

Die Einweiser an den Parkflächen stellt seit Jahren der MGV-Concordia Beelen. Auch am Freitag werden der Bulli und ich von einem der MGV-Mitglieder auf eine der Wiesen für Zelte und Pkw gelotst. Neben dem Park- und dem Catering-Team im Backstage-Bereich wären da noch das Kassen-Team, das Camping-Team, die Besetzung der Bierstände, die Stagehands, die Elektronik, Bühnenauf- und Abbau, die MEKs (das Mobile Einsatz Kommando), usw. Insgesamt etwa 200 Personen, schätzen Tine und Sarah. Dazu der Festivalausschuss, bestehend aus ca. 25 festen Helfern und Helferinnen, die zum Teil seit Beginn, zum Teil seit einigen Jahren dabei sind.

Das Team ist in den 24 Jahren Krach am Bach gewachsen. Auch dank der Musik. In den letzten Jahren hat sich der Schwerpunkt vor allem der Headliner in Richtung Stoner Rock verlagert. Was im achtköpfigen Musikausschuss irgendwie Konsens war, was selbst gern gehört wird, erklärt mir Tine. Ansonsten nach wie vor Spartenvielfalt: Postrock, Hardrock, Punk, Prog, Psych, Doom, Blues. Ein Rezept, das ankommt. Seit drei Jahren in Folge ist das Festival zum Auftakt ausverkauft. Dieses Jahr sogar erstmals bereits zwei Wochen im Voraus, keine Abendkasse.

„Und auch am Ende heißt es wieder, was übrig bleibt, geht an Menschen, die wenig haben, aber umso mehr benötigen.“

Schon von Beginn an wurde das Krach am Bach als Benefiz-Festival geplant, erklärt mir Klaus am Samstag im Backstage-Bereich. Zwischen einem Interview und dem Verabschieden von The Brew. Er ist seit der ersten Stunde dabei, beim Krach am Bach e. V. Der Erlös des Festivals geht jedes Jahr an gemeinnützige Vereine und Institutionen aus Beelen und dem Kreis Warendorf. Überwiegend regional und projektgebunden. Zu dem festen Kern von Empfängern treten jedes Jahr auch neue Projekte hinzu, da ist das Team offen für Anfragen.

Freitags, wenn alles steht, bevor das Festivalgelände offiziell öffnet, gibt es einen kleinen Sektempfang für alle Helferinnen und Helfer, die gerade eine Hand frei haben. Als ich Freitag für mein Bändchen an der ehemaligen Lagerhalle in der Schlange stehe, sehe ich im Hintergrund eine noch nicht ganz geleerte Flasche stehen. Und muss grinsen.

Nach dem Festival wird noch eine Party für all die helfenden Hände ausgerichtet. Dazwischen: das große Ausschlafen. Als ich Samstag gegen neun zu trommelndem Regen wach werde, sind Sarah und Tine schon wieder backstage auf den Beinen.


Wie seine Besucherinnen und Besucher war auch das Line-Up des diesjährigen Krach am Bach in Beelen bunt gemischt und international. 20 Bands aus Europa, den USA, Kanada und Australien. Eigentlich müssten dem Line-Up aber noch 200 weitere Namen hinzugefügt werden: die aller ehrenamtlichen Helferinnen und Helfer aus Beelen und darüber hinaus, ohne die hier nur ein paar Wiesen und Stoppelfelder zu sehen wären.

Stellvertretend stehen hier die beiden, die mich mit hinter die Kulissen genommen haben: Christine Feuersträter und Sarah Austermann. Nächstes Jahr wird das Krach am Bach dann ein Vierteljahrhundert alt. Auf ein Wiedersehen!


Zehn Momentaufnahmen vom Krach am Bach 24

  1. Aufschrift auf einem Zelt unweit des Festivalgeländes: „Camping ist ein ZUSTAND, in dem der Mensch seine eigene Verwahrlosung als ERHOLUNG begreift. – Thomas Hobbes“
  2. Nebenan wird mit einem Autoreifen Flunkyball gespielt.
  3. Die Durchsage auf der Hauptbühne: Bei den Fundsachen an der Kasse ist ein Jack-Russel-Terrier abzuholen.
  4. Vor dem Auftritt von Soap Bubble Orchestra: fünf junge Männer in gestreiften Bademänteln vor der WALTZING WANNERUP Stage.
  5. Die komplette Besetzung des Bierwagens groovt zu Schildkrötenthomas von Dyse.
  6. Direkt vor mir filmt ein Mann mit seinem Smartphone mit ausgestrecktem Arm über die Menge hinweg zwei Songs von Causa Sui – insgesamt ca. 16 Minuten (er wechselt aber ab und zu die Hand).
  7. Ein Junge, der mit etwa bis zur Hüfte geht, steht in kompletter Ledermontur vor der Hauptbühne und wartet auf den Auftritt von Motorpsycho.
  8. Neben dem Technikzelt der kleinen Bühne tanzt eine Frau barfuß mit geschlossenen Augen zu The Legendary Flower Punk.
  9. Trotz Glasverbots zwei Mülltonnen auf dem Stellplatz: eine für Buntglas, eine für Weißglas.
  10. Zwei Männer schauen sich am Samstag auf dem abgeernteten Feld vor dem Fliesenstudio Arm in Arm den Sonnenuntergang an.

 

 

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Gewebe einer Kulturlandschaft

Ort: Bauerschaft Schmedehausen, jetzt aber wirklich | Datum: So, 09.07.2017 | Wetter: sonnig, 24°C

Hohlweg, das klingt nach Mutproben bei Neumond, dem Ruf eines Uhus und sich im Schutz der Nacht anschleichenden Räubern. Hinter dieser Wallhecke oder jenem Erdwall könnten sie gelegen haben. Gleich neben dem Sandweg, leicht erhöht, verborgen hinter Brombeerranken oder üppigen Maisstangen. Lauernd auf die Händler, die mit ihren Packtieren auf dem Weg in die Niederlande an der Eselsfüchte Halt gemacht haben. Oder auf die Wallfahrer, die entlang der Hofkreuze durch die Wald-und Felderlandschaft gen Telgte zogen. Und noch heute ziehen. Eine Kulturlandschaft, die, so Hubert, an anderen Stellen des Münsterlandes aufgrund von Flurbereinigung verschwunden ist.

Flurbereinigung, die: „Zusammenlegung und Neueinteilung von zersplittertem landwirtschaftlichem Grundbesitz.“ Sagt Duden. Auf meiner Karte heißt das: gelbliche Linien, wie mit dem Lineal gezogen. Ein Setzkasten aus weißen und hellgrünen ordentlich-rechteckigen Feldern. Das gibt es hier nicht. Ich bin in der Bauerschaft Schmedehausen bei Greven, „Wo vorbei an alten Höfen / Sich die Glane schlängelt hin“. Oder die schmalen Landstraßen. Hubert, hier in der Gegend aufgewachsen, hat mich vorgewarnt: Selbst mit Navi finden hier Viele nicht mehr heraus, geschweige denn hinein.

Hier gibt es sie noch, kleinparzellige landwirtschaftliche Flächen, gerahmt von Wällen und Waldstücken. Und Geschichte(n). Hubert Brockötter zeigt mir beides. Während unserer Tour über Wirtschafts- und Forstwege füllt sich meine Karte sowohl mit Eindrücken als auch mit Erzählungen. Ich überschreibe die zweidimensionale Karte der Region auf meinen Knien. Blasse Linien werden farbig. Vernetzungen von einem Ort zum anderen tun sich auf.

Spuren- und Fährtenlesen mal anders.

Die Wallhecken und Erdwälle markierten früher die Besitzverhältnisse. Bis hier her ist es mein Stück Land, da drüben kannst du walten. Hubert erzählt, dass in seiner Kindheit dann die Bundeswehr hier Manöver geübt hätte. Und die Kinder von den umliegenden Höfen natürlich alle hin und gucken. Heimlich. Die Dorfjugend traf sich bei den Pümpelbänken. Holzbänke, mitten in der Schonung aufgebaut. An einer Bank befand sich eine Kiste mit einem kleinen Büchlein, zum Unterschreiben, Nachrichten hinterlassen. Wie das Zettelchen-Schreiben in der Schule. Oder die Messenger-App. Es gibt sie wohl noch, aber sie werden nicht mehr aufgestellt.

Der Gertrudensee – „Angeln, Baden und Lagern für Unbefugte verboten!“ – gehört dem ASV-Greven 1933 e. V. Was heute ein See ist, war früher Lehmgrube. Mit einer Lorenbahn wurde der Lehm damals in Richtung Kanal transportiert. Da in der Nähe wurden dann die Ziegel gebrannt. Viele der umliegenden Höfe sind aus dem typisch gelben Backstein gebaut. Heute liegt der Lehm unter der grünspiegelnden Wasserfläche, in zehn Metern Tiefe. Munkelt man. Genau kann man es schließlich nicht wissen.

Wir haben heute die Bauernschaft Schmedehausen, Bockholt und die Haselheide durchquert. Sind sogar an der Grenze zum Kreis Warendorf gewesen. Sagt meine Karte. Und in natura? Da ist die Grenze nur sichtbar, wenn der eine Kreis den Grünstreifen an der Landstraße ein paar Tage später mäht als der andere. Wir fahren an einem Stück Staatswald entlang. Auch hier suche ich vergeblich einen schwarz-rot-goldenen Schlagbaum, einen Zaun oder ein offizielles Siegel. An den liegengelassenen Baumstämmen erkenne ich stattdessen den Übergang von Holz, Rinde und Blättern zu Humus, spinnenvernetztes Gewebe und schwarz-schillernde Bewegung.


Hubert Brockötter ist, wie sein Vater, Zimmermann mit Meisterbrief. Im Nebenerwerb ist er Landwirt. Schon sein Großvater bewirtschaftete den Hof in der Bauerschaft Schmedehausen, allerdings noch an anderem Standort. Den Fremdenführer gibt er nur in Ausnahmefällen. So beispielsweise, um auf die ihm gut bekannte Kulturlandschaft aufmerksam zu machen. Der Bau von mehreren Windenergieanlagen hätte viele der Wege und Orte, die wir heute besucht haben, verschwinden lassen. Mit den Münsterland-Safaris kann man diese Orte geführt besuchen. Oder einfach auf eigene Faust – zu Fuß oder mit dem Rad.

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