honigstraße

ich stehe also in rheurdt schaephuysen und habe die handbremse angezogen. während der knapp einstündigen autofahrt ist ein paar mal die frage aufgekommen, ob sich der weg lohnt. alles ist in die erste dickwattige schwüle des jahres gehüllt. außerdem ist feiertag. der nachmittag wirkt ein wenig beleidigt darüber, seine einladung zur trägheit abzulehnen und ihn stattdessen mit aktivität zu füllen. nach einer strecke, die über den rhein, unspektakuläre landstraßen aber immerhin durch die alpen führt; mir den blick auf einige röhrend überholende heckscheiben mit tribal-aufklebern, erdbeerfelder und weiße waden in karierten dreiviertelhosen gewährt hat; mich mehrmals daran erinnert, dass er jetzt wohl da ist, der sommer 2020, erreiche ich eine steile einfahrt. es ist die auffälligste unebenheit, die aggressivste steigung, die mir in der region bisher begegnet ist.

jan kommt sie herunter und öffnet mir, er lebt hier mit niels. beide tragen kleidung, die worte wie „werkeln“ und „es gibt immer was zu tun“ nahelegen. während der nächsten zwei stunden zeigen sie mir ihren hof. relativ schnell muss ich feststellen, dass „hof“ nicht die richtige beschreibung für das areal ist, das die beiden – und seit kurzem auch jans mutter – ihr zuhause nennen. es klingt zu sehr nach landwirtschaft, nach nutztierhaltung, nach milchsteuer. was hier passiert, hat wenig mit pragmatik zu tun. die beiden haben sich – und es klingt so abgedroschen wie es wahr ist: ein kleines paradies geschaffen. neben dem haupthaus, das sie bewohnen, gibt es eine garage, ein etwas muffiges gästehaus mit sauna, das noch zum partyhaus umfunktioniert werden soll, und einen weiteren verschlag, hier ist gerade ein pfau drin, sagt niels und öffnet die tür, gibt den blick frei auf das dort ruhig und majestätisch thronende tier vor großen buntglasfenstern.

zwischen den gebäuden führt ein schmaler kiesweg durch bäume und brennholzstapel, es gibt eine wasserpumpe, wildwachsende blütenpflanzen, wildwachsende pflanzen ohne blüten, einen kirschbaum. am ende grenzt das grundstück an ein feld, man sieht nichts als feld. dahinter kommt nur noch holland, sagt jan. insgesamt laufen zwei pfaue über den hof, neben ihnen halten die beiden gänse und hühner, sie imkern, Honigstraße wurde der hof früher auch genannt. an der garage hängt noch das alte straßenschild. sie haben eine katze, einen hund, eine jugendliche gans, die sich verhält wie ein hund und uns während des spaziergangs auf schritt und tritt über das grundstück begleitet. sie hätte sich zu sehr an die beiden gewöhnt, sagen sie. auf der benachbarten wiese grasen zehn ziegen, das wäre praktisch, dann müssten sie die wiese nicht mehr mähen.

jan (38) ist polizist beim LKA und niels (32) ist arzt. sie haben sich vor fünf jahren entschieden, aus einem essener vorort aufs land zu ziehen. wobei das hier ja kein richtiges land wäre, sagt jan, man wäre schließlich schnell überall. er arbeitet weiterhin in duisburg, niels hat einen job in der gegend. beide kommen aus dem ruhrgebiet. ob ihnen etwas fehle, frage ich, wir stehen im riesigen bewaldeten gehege der hühner, das kaum ein gehege ist, sondern eher wirkt wie ihr eigenes  schattiges dorf. In der mitte steht der hühnerschlag wie eine kirche, im vergitterten krankenhaus unweit des zentrums päppeln sie lädierte hennen aus legebatterien auf und die küken tun ihre ersten schritte. um das areal baumeln leere weinflaschen in der luft. wenn man nur sie betrachtet und die dekoelemente, die sporadisch aber liebevoll-konsequent in gewächse, fenster, auf baumstümpfe oder zielsicher ins hoch gewachsene gras drapiert wurden, könnte man sich auf dem gelände eines kleinen, naturverbundenen festivals vermuten, auf dem verspielter bummeltechno läuft. wie, um das gegenteil zu beweisen, kräht einer der hähne laut.

nein, ihnen fehle nichts. sie wären auch in essen nicht diejenigen gewesen, die viel ausgegangenen sind, auf konzerte oder ähnliches. im ort gebe es außerdem musik-programm und manchmal kabarett, normalerweise zumindest, das würde ihnen reichen. außerdem bekämen sie hier fast täglich besuch aus der nachbarschaft, man wäre hier sofort integriert gewesen. zur bestätigung kommt kurze zeit später ihr nachbar vorbei, um frische eier abzuholen. natürlich hätten sie sich am anfang gedanken gemacht, sagt jan, so als homo-paar hier her und reden würden eh alle, aber das wäre nie ein größeres ding gewesen. als die leute gemerkt hätten, dass sie vegetarier sind, waren sie überraschter. und erst, wenn sie keinen schnaps trinken würden, meint jan, würde es problematisch.

als ich zurückfahre ist es abend, die luft nicht mehr ganz so feucht. mehr neue beobachtungen gibt die autofahrt für ein szenisches ende des textes nicht her. ich habe trotzdem gute laune, weil ich das gefühl habe, zwei menschen getroffen zu haben, die die frage nach dem „wie wir leben wollen“ für sich richtig beantwortet zu haben scheinen; die zufriedenheit ausstrahlen, ohne es darauf anzulegen. das finde ich selten.

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KLEINANZEIGEN 12. April 2046

12. April 2046, Warendorf, Kreis Warendorf
Gesucht: Hochzeitsaufnahmen von 1850 bis 2010

Für ein gemeinnütziges Projekt suchen wir: Bild- und Tonmaterial von alten Hochzeiten
Postkarten, Zeichnungen, Gemälde, Fotografien, Videos, Holos, Tonaufnahmen…

Ziel unseres Projektes ist es, ein interaktives Lernspiel als Unterrichtsmaterial für die dritte bis fünfte Klasse zu erstellen. Den Hauptinhalt dieses Spiels soll eine Sammlung virtueller Dorfhochzeiten bilden mit verschiedenen Heiratsbräuchen von überall auf der Welt.
Mehr über das Projekt erfahren Sie auf weddingworlds.com.
Dort können Sie uns auch finanziell unterstützen.

Kontakt hier.

12. April 2046, Telgte, Kreis Warendorf
Schüler-Demo!

Seit 2039 wird der Bildungsetat in Münster jedes Jahr weiter gekürzt. Auch in diesem Jahr hat die Bildungsministerin Sibylle Klein angekündigt, die Ausgaben für Schulen und Universitäten weiter zu verringern. Die Folge dieser andauernden Kürzungen: Veraltete Lehrmittel, marode Schulgebäude, zu kleine Räume, zu große Klassen, Personal-Kündigungen, unzureichend ausgebildete Lehrkräfte, sinkende Schulleistungen, sinkendes Bildungsniveau, steigende Abbrecherquote, usw.
Zudem können lernschwache Schüler aufgrund des Lehrermangels kaum angemessen unterstützt werden, wodurch sie oftmals weit hinter dem eh schon niedrigen Klassenniveau zurückbleiben. Besonders lernstarke Schüler hingegen werden gefördert, indem man sie aus der Klasse nimmt und in eine der NRW-Landschulen versetzt. Auf diese Weise wird die Kluft zwischen Stadt und Land, zwischen besser und schlechter ausgebildeten Schaulabgängern bzw. -abbrechern immer größer. Zugleich verhindert das Einzugsgebiets-Gesetz, dass Stadt-Schüler ohne Empfehlung eine der besser ausgestatteten Schulen auf dem Land besuchen.
Das alles sorgt natürlich für große Frustration unter den Schülern, vor allem, wenn ihnen durch den naheliegenden Vergleich mit den Landschulen immer wieder vor Augen geführt wird, wie es anders sein könnte.
Diese offensichtliche Ungerechtigkeit hat in der Vergangenheit immer wieder zu Auseinandersetzungen zwischen Stadt- und Landschülern geführt.
Um den beiderseitig vorhandenen Ressentiments und Vorurteilen entgegenzuwirken, unsere Kräfte zu bündeln und so vereint gegen die unzumutbaren Zustände an den Stadtschulen vorzugehen, organisieren die Jungen Linken gemeinsam mit dem Solidarität für Münster e.v. und der ALM seit zwei Jahren regelmäßig gemeinsame Demonstrationen und Streiks.
Da vom 23. Bis 26 April die Etat-Verhandlungen in Münster stattfinden, wollen wir auch jetzt, am 15. April wieder gemeinsam demonstrieren: Gegen weitere Kürzungen, gegen das Einzugsgebiets-Gesetz, gegen die Benachteiligung der Stadt-Schüler und für einen offenen und gleichberechtigten Austausch!
Aus Solidarität mit unseren Mitschülern aus Münster, von denen viele kein Fahrzeug zur Verfügung haben, wollen wir diesmal keine Senkrecht-Demo starten, sondern uns zu Fuß treffen, und zwar am Prinzipalmarkt in Münster um 12 Uhr. Bringt Banner, T-Shirts, Screens, Holos mit – alles, womit ihr eurer Wut und eurem Wunsch nach Gerechtigkeit Ausdruck verleihen könnt.
Auf Musik wollen wir diesmal bewusst verzichten, um die Ernsthaftigkeit unseres Anliegens zu unterstreichen. Diese Demonstration ist keine Party, sondern ein politischer Akt!
Sagt allen Bescheid – auch Familienmitglieder, Freunde, Lehrer, Erzieher und andere Unterstützer sind willkommen!

WANN: 15. April 2048, 12 Uhr
WO: Prinzipalmarkt Münster
WIE: Zu Fuß! (Parkplätze gibt es in der Gartenstraße und am Niedersachsenring, am besten wäre es jedoch, wenn ihr mit den Öffentlichen kommt)

Abgesehen davon sammeln wir gerade Spenden für unser Mobile-School Projekt. Bis Ende 2048 wollen wir mit dem gespendeten Geld insgesamt 10 Hybrid-Busse und 5 kleinere Hybrid-Wagen für die Stadtschulen kaufen, sodass Klassen und Schülergruppen aus Münster sich mobil im Umland und in Europa bewegen können.

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KLEINANZEIGEN 11. April 2045

11. April 2045, Ahlen, Kreis Warendorf
Adoptivsenioren für unsere Familie gesucht

Für unsere kleine Familie suchen wir noch einen oder zwei ältere Menschen zur Adoption. Wir – das sind Abbe (49), Len (45), Mellory (48), Mihai (34) und Epi Lou (2). Abbe, Len und Mellory leben bereits seit vier Jahren zusammen auf einem alten Bauernhof in der Nähe von Werne. Vor drei Jahren ist dann Mihai dazu gestoßen und im Dezember 2043 kam unser Baby Epi Lou auf die Welt. Nun würden wir unser Familienglück gerne mit einem oder zwei älteren Menschen teilen.
Mit uns auf dem Hof leben zwei Pferde – Rose und Bobbi, ein alter Hund – Tex, zwei Katzen – Mimi und Cher, ein Mini-Schwein, was nicht so mini geblieben ist, wie seine erste Familie es sich gewünscht hat – Lola, zwei Leucht-Kaninchen mit „Wackelkontakt“ – Flexi und Karl, und elf legeschwache Hühner, die wir aus einer Farm gerettet haben, wo sie aufgrund ihres geringen Nutzwerts ermordet worden wären. Keines dieser Tiere wird bei uns ausgebeutet, gequält oder unter unangemessenen Bedingungen gehalten, was uns sehr wichtig ist.
Wir ernähren uns vegan. Unsere Nahrungsmittel bauen wir zum großen Teil selbst an. Energie gewinnen wir fast ausschließlich aus Biomasse, Solar- und Windkraft.
Neben unserer Arbeit auf dem Hof engagieren sich Abbe und Len als Sozialarbeiter*Innen in Berlin, Mellory ist Chef-Chirurgin am St. Marien Krankenhaus in Ahaus und freiwillige Tierpflegerin im Haustier-Hospiz Warendorf und Mihai arbeitet als Roboter-Psychologin an der Technischen Universität Westmünsterland.
Abgesehen davon feiern, spielen und kochen wir gerne gemeinsam, wir lieben Musik, Kunst und Literatur und diskutieren oft und ausführlich über aktuelle politische Themen. Len und Mellory teilen außerdem ihre Leidenschaft für das Reisen. Mihai und Abbe bleiben dagegen lieber zuhause. Wir haben auch oft Freunde zu Besuch. Eigentlich ist fast immer jemand hier. Im Sommer wohnen meistens jugendliche Reisende bei uns, die uns gegen Kost und Logis auf dem Hof aushelfen.
Wir alle legen großen Wert auf offene Kommunikation, eine lebendige Debattenkultur, Fairness, Gleichstellung und frei ausgelebte Sexualität. Außerdem setzen wir uns aktiv für den Umwelt- und Artenschutz sowie für verschiedene soziale Projekte ein, wie zum Beispiel aktuell Solidarität für Münster oder Make Kin Not Babies.
Wir suchen jemanden (über 60), der oder die unsere Überzeugungen, Werte und Leidenschaften teilt, sich aktiv in das Zusammenleben auf dem Hof einbringen und gerne vollgültiger Teil unserer Familie werden würde.

Wenn du Interesse hast, sieh dir hier unser Profil auf MakeKin.com an!

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KLEINANZEIGEN 10. April 2044

10. April 2044, Legden, Kreis Borken

SMARTE VERTIKALE GARTENANLAGE, VERTIKALER GEMÜSEANBAU, VERTIKALE BEGRÜNUNG, SMARTE HYDROPONIK, SENKRECHT-GARTEN, VERTICAL GARDENING, VERTICAL PLANTATION, SMART VERTICAL FARMING

Verkaufe wegen unfreiwilligem Umzug nach Münster:
Smartes Hydroponik-Außen-System/Vertikaler Gemüsegarten, beidseitig begrünbar von Der Beeter
2x2m, auch kombinierbar als Heckenelement
gebraucht, ca. drei Jahre alt, funktionstüchtig
Stabiler Rahmen, Stahl-Verblendung
Smarte Bewässerungs- und Düngeanlage
Kombinationsantrieb: Solarkraft, Strom
Lautlos-Garantie.
Derzeitig bepflanzt mit Kirsch-Tomaten, Zucchini, Maracuja und Bananocado.

Herstellergarantie bis Januar 2046
Nährlösung haltbar bis mind. Januar 2046

1400 Un. VB

10. April 2046, Senden, Kreis Coesfeld
Acura Hybrid Kamome XS

Da vor kurzem meine Mutter gestorben ist, im hohen Alter von 124 Jahren – wenn es einen Gott gibt, habe er sie selig – verkaufe ich nun ihren kanariengelben Acura Hybrid, Modell: Kamome XS.
Das Fahrzeug ist ca. fünf Jahre alt und hat einige Kilometerchen auf dem Buckel – meine Mutter hatte ein, im wahrsten Sinne des Wortes, sehr bewegtes Leben…
Trotzdem ist er gut in Schuss, fährt, fliegt und schwimmt tadellos, hat keinerlei Macken oder Störungen. Der Innenraum ist absolut keim- und bakterienfrei.
Die Hybrid-Modelle von Acura bewegen sich alle mit einem Kombinationsantrieb aus Solar-, Fahrtwind-, Gravitationskraft und Strom. Der Kamome XS ist ein Dreisitzer mit 900 Liter Stauraum und drei Türen. Ideal für Fahrten zu zweit, mit Kind, oder alleine. Perfekt, um sich zügig und unabhängig auf dem Land zu bewegen und für kleinere Reisen innerhalb Europas.
Ich freue mich, wenn der Wagen über diesen Weg einen neuen Besitzer findet.

Marke: Acura
Modell: Kamome XS
Kilometerstand: 1.400.075 km
Erstzulassung: 01.11.2041
Kraftstoff: Solar-, Fahrtwind-, Gravitationskraft, Strom
Leistung: 10.000 PS, max. 500 km/h im Straßen-Modus, 900 km/h im Flugmodus, 300km/h Wasser-
Modus
Bordcomputer: Autonom, TOM43
Fahrzeugtyp: Klein-Hybrid
Anzahl Türen: 2/3
HU bis: November 2051
Umweltfaktor: 2+
Außenfarbe: Gelb
Innenausstattung Material: Kunstleder

Selbstfahr-Option: Ja, bis zu 100 km/h im Straßen-Modus
Klimaanlage: Ja
Sitzheizung: Ja
Keim- und bakterienfrei: Ja
R-Con-Connect: Ja
Unterhaltungsangebot: Radio, Holo-Film, Holo-Telefonie, Multi-Media-Player
Kühlbox: Nein
Convertible: Nein

Alle weiteren technische Details finden Sie hier.

Preis: 19.000 Un. VB

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abstand

das gefühl, es ist etwas los; so wie es als kind an weihnachten oder dem geburtstag war, ein bisschen beklommener vielleicht; die drei sekunden schlaftrunkenheit zwischen aufwachen und wach werden, wenn die synapsen noch nicht ganz verschaltet; es erst langsam ins bewusstsein sickert, was denn heute genau anders ist.

jegliche witze, die jemals über corona gemacht worden sind, altern über die woche sehr schlecht. während bäume, sträucher und narzissen ausschlagen, als wäre überhaupt nichts los, sich in mir trotz all der situation so etwas wie frühlingsgefühle aufbauschen, werden dinge, die bis vor zwei wochen zum guten, sozial akzeptierten ton gehörten, von tag zu tag verachtenswerter: rausgehen, freund*innen treffen, spaß haben. fast ein bisschen höhnisch klebt über den immer ernsteren, immer sorgenvolleren gesichtern der virolog*innen und politiker*innen, die ich nach wie vor wie in einem öffentlich-rechtlichen rausch inhaliere, der himmel, leider blau, leider klar und wolkenlos und einladend. die leute tun genau das, was sie nicht tun sollen, sie sind draußen, nehmen teil am einzigen event, das neben olympia noch nicht abgesagt werden konnte: sonne in deutschland. ihr bild, biertrinkend und unter leuten, landet unter umständen und ohne ihr wissen im internet, dem ort, wo sich dieser tage scheinbar der rest von ihnen aufhält und an dem, wie immer, schnell geurteilt und noch schneller verurteilt wird.

noch ist die ausgangssperre (ein wort das dunkel und trist ist, nach gefängnishof und aschenbecher klingt) nicht beschlossen, stattdessen ist isolation das MUST DO der stunde und mein meist gut kompensiertes, aber tief in sich drin sehr introvertiertes ich, freut sich fast ein bisschen über den auferlegten rückzug, den stillstand der welt. entschleunigung, runterkommen, kontemplation; zuhause bleiben, um leben zu retten. mehrmals am tag halte ich mir die absurdität meiner doppelten isolation vor augen: schreibresidenz in einem schloss, auf dem land und dann bricht die pandemie aus, na klar. mein privileg im sonst wankenden, bangenden kunst-, kultur-, und literaturbetrieb drückt ein bisschen, ich schiebe es weg, nehme das e-bike, die luft tut gut und bläst die gedanken an den virus kurzzeitig aus dem hirn; fühle mich sofort 30 jahre älter, fahre als sabine oder annette, die im alltag häufiger auf weleda-produkte zurückgreift, im „tour“-modus in den ort und aus dem ort heraus, bin in 2 minuten im nächsten naturschutzgebiet, schwitze überhaupt nicht. die wege sind flach, die landschaft weit, ich sehe auf meinen bisherigen touren mehr kühe, pferde, schafe und hühner als mein gesamtes leben in gentrifizierten vierteln diverser großstädte zuvor. pferde fand ich immer bisschen peinlich, mittlerweile schau ich auf ihre koppeln und denke manchmal „schön“.

mein lieblingsort diese woche, eine bauerschaft namens „berg“, fünfzehn minuten fahrzeit vom schloss. man fährt einen selbigen hoch (ohne anstrengung durch e-bike), durch ein waldstück, steht dann auf einer straße, die eher ein weg ist, zwischen drei bis vier weit voneinander entfernten bauernhöfen und einer einsamen bushaltestelle. außerdem, auffällig: ein sportplatz . über dessen eingang baumeln, so imposant wie in liebenswerter unbeholfenheit, die buchstaben des vereins (?) in der luft: HSC BERG. ich lasse den blick schweifen, er schweift wirklich, noch nie ist mein blick in solcher regelmäßigkeit  irgendwohin geschweift wie hier, atme ein, liebe immernoch alles.

noch etwas altert dieser tage schnell: meine fingerknöchel. generell scheinen die hände – neben klopapier –  viel über den deutschen umgang mit der krise zu sagen. durch die vielen waschungen einer verdörrten, teils blutigen wüstenlandschaft ähnelnd, klatschen sie sie zusammen, singen oder musizieren zu einem verabredeten zeitpunkt vom balkon, um dem kranken- und pflegepersonal zu danken und vielleicht auch ein bisschen für sich selbst. schon lieb, denke ich. es wäre noch cooler, wenn das personal ihren vermietern in den nächsten monaten einfach applaus vom balkon überweisen könnte, das denke ich auch, und rolle den berg wieder runter, an grasenden schafen vorbei, die abendsonne färbt ihre wolle ein bisschen rosa, zurück in richtung schloss.

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Into the Wild. Auf den Spuren H. D. Thoreaus

Ort: Münster | Datum: Di, 04.07.2017 | Wetter: Sonne und Wolken, 20°C

„Die Kernvorführung ist mitten im Wildnisbereich des Schlossgartens angesiedelt, also keine Gewährleistung für naturbedingte Risiken.“ Das auf 44 Köpfe begrenzte Publikum begibt sich an diesem Abend als erstes auf die Spuren von „Aussteiger, Naturfreund, Freigeist und Rebell“ Henry David Thoreau. Direkt hinter dem Schloss Münster. Unmittelbar vor den Stufen dieses Monuments Schlaunscher Baukunst soll gleich die Wildnis beginnen. Und die Stille. Keine Handys, keine Gespräche. Solitude and Silence.

Eine ambivalente Stille: ein Chor übt mehrstimmigen A-cappella-Gesang auf der Rasenfläche zwischen Schloss und Botanischem Garten. Vom Vorplatz dringt Stimmengewirr und Musik vom Protestcamp des Asta, der auf die Knappheit von bezahlbarem Wohnraum in Münster aufmerksam machen will. Alles wird Teil der Inszenierung. Auch die Umwelt und der Weg hin zur Ausgrabungsstätte. Die schlürende Amsel am Wegesrand ebenso wie die Spiegelung im Oktogon und der Trampelpfad, der uns zum Ort des Geschehens führt. Zu den Überresten der Hütte am Walden Pond.

Graben im geistigen Untergrund

Die Ausgrabung – Operation Thoreau hat einen abgelegenen Ort mitten in der Natur der Großstadt geschaffen. Die Brennnesseln ragen mannshoch in die Lichtung, es riecht nach Anti-Mückenspray und aufgeworfener Erde. Außengeräusche sind auch hier noch vernehmbar, aber seltsam gedämpft. Vogelgezwitscher wirkt dafür umso lauter. Carsten Bender und Stefan Nászay treten als Archäologen auf, die in Thoreaus Erbe graben. Zitate aus dem Werk des Aussteigers fliegen durch die Szenerie wie Erdbrocken. Nachdenklich, verzückt, leidenschaftlich graben sie sich in den Untergrund.

wo ich lebe. wofür ich lebe.

In was für einer Gesellschaft möchte ich leben? Welche Aufgabe kommt der Regierung zu? Sollten nicht alle Menschen dieselben Rechte haben? Diese Fragen sind für Thoreau unmittelbar mit dem weitgehenden Rückzug aus der ihm gegenwärtigen Gesellschaft verbunden. Der 28Jährige zieht am 4. Juli 1845, dem Amerikanischen Unabhängigkeitstag, in ein selbstgebautes Blockhaus in den Wäldern von Concord, Massachusetts.

Ein Selbstexperiment. Zwei Jahre, zwei Monate und zwei Tage treiben den Schriftsteller in der Wildnis seine Gedanken zu Gesellschaft und Natur um. Sie finden Eingang in sein zeitgleich entstehendes, weltbekanntes Werk Walden or Life in the Woods (1854). Ein Werk, das Viele nach ihm zu alternativen Lebensentwürfen inspiriert hat. Filmische und literarische Road Trips sind vom Geiste Thoreaus beseelt. Ob er wohl heute mit einem Bulli durch Neuengland fahren würde?


Wilm Weppelmann und Manfred Kerklau haben den 200. Geburtstag des amerikanischen Schriftstellers zum Anlass genommen, Henry David Thoreaus Gedankenwelt in einer künstlerischen Ausgrabungsstätte neu zu entdecken. Die Uraufführung im Schlossgarten Münster und das Stück Wildnis mitten in der Stadt sind noch bis zum 16. Juli 2017 zu sehen.

Die Ausgrabung – Operation Thoreau ist eine Produktions-Kooperation des Kulturgrün e. V. und der MAKE Theaterproduktion. Weitere Informationen finden sich auf der Website des Projekts. Die Zitate sind ebenfalls der Website entnommen.

Mehr von Claudia Ehlert