Das Haus und seine drei MMM

Der folgende Text „Das Haus und seine drei MMM“ ist von Lene B. und im Rahmen des Literaturateliers Südwestfalen entstanden.

Aus einer Regionsschreiberin werden viele, und dazu noch Geheimnisse über Häuser und ihre Bewohner verraten!

Häuser sind wie Lebewesen, nur aus Stein, von Menschen erschaffen: Die Fenster sind Augen, die alles beobachten, die Türen sind Münder, die verschlingen und wieder ausspucken und dass Wände Ohren haben, ist hinlänglich bekannt. Außerdem haben Häuser ein Gedächtnis, das sich entweder im Keller, auf dem Dachboden oder im Schuppen befindet. Leider spucken die Münder keine Worte aus und das Gedächtnis ist oftmals von den Bewohnern geplündert, was aber bleibt, das ist die Aura. Ich bin überzeugt davon, dass Häuser ein Karma haben, ein gutes oder ein schlechtes, je nachdem, was sie so gesehen, gehört und gefressen haben. Und eine Aura, je älter das Haus ist, desto geheimnisvoller. Standardisierte glatte, saubere Neubauten, eher ein paradoxes Zeugnis unseres zeitgenössischen Individualismus, müssen sich ihre Aura erst noch erarbeiten. Wir wohnen in einer etwas älteren Villa. Villen und schöne Häuser aus der Zeit der Jahrhundertwende gibt es viele in dieser Stadt – der Zweite Weltkrieg hat sie unversehrt gelassen und mit Ausnahme von Häusern, die durch Modernisierungswahn oder Zerfall zerstört oder entstellt wurden, ist der alte Baubestand fast durchgehend vertreten. Es gibt prachtvolle Unternehmervillen und hübsche Jugendstil-Bürgerhäuser. Aber dieses Haus ist weder das eine noch das andere, es ist definitiv anders und wir haben tatsächlich schon viele Villen und alte Häuser jedweder Sorte von innen und außen gesehen. Der Stil ist eine Mischung zwischen dem damals modernen Heimatschutzstil, traditioneller Villenarchitektur, außen und innen sichtbare Anklänge an die Idee der Reformpädagogik und die Schlichtheit des Bauhauses.

Außerdem steht das Haus nicht, es residiert, wie es sich für ein Haus mit einer äußerst ehrwürdigen Anschrift, gehört. Damals, zur Zeit seiner Erbauung war es bezogen auf die Straße tatsächlich das allererste Haus am Platz. Errichtet auf einer der höchsten Erhebungen des damaligen Stadtgebiets, etwas außerhalb an einer frisch gekürten Lindenallee, die zu einem kurz vorher errichteten Denkmal führte. Dadurch hatte das Haus einen nahezu unverstellten Blick auf die Innenstadt, wäre dies heute noch der Fall, so könnte das Haus mit beinah allen Türmen des Ortes Blickkontakt halten. Heute müsste sich das Haus etwas verbiegen oder einen Schritt beiseitetreten, was es aber nicht kann, da sein Fundament fest in der Erde verankert ist. Hoffentlich. Umgekehrt ist das Türmchen mit dem kupfernen Turmhelm, das sich an das Haus schmiegt, von etlichen unbebauten und unbewaldeten Punkten der Stadt aus sichtbar, vor allem wenn die Sonne scheint und die Zinnhaube, die roten Dachziegeln und die frisch gestrichene, in einem hellen Muskatton gehaltene Hauswand leuchten lässt. Und das Haus lässt sich gerne und lange von der Sonne bescheinen: Morgens wärmt die aufgehende Sonne das Portal und die vordere Fassade, um einmal um das Haus zu tanzen, die andere Hälfte den ganzen Mittag und Nachmittag lang von Süden und Westen aus zu bestrahlen und dann gegen Abend die Rückseite mit dem Garten in ein rotes Licht zu tauchen. Man könnte das Haus als eines der wenigen Nutznießer der Klimaerwärmung bezeichnen, vor 150 Jahren waren auch in  hier die Sonnentage weniger und dafür die Regentage mehr. Offensichtlich leiden die Alleebäume heute wesentlich mehr unter den veränderten klimatischen Bedingungen der letzten Jahre.

 

Doch auch, wenn es so hoheitlich tut, das Haus ist ein Scheinriese: Von der Hauptstraße aus betrachtet zeigt es ein schlichtes, hochgewachsenes Antlitz mit einem Balkonerker und einem kastenförmigen Anbau. Geht man die Allee entlang, von wo aus der Eingang erreichbar ist, schrumpft das Haus in sich zusammen, dafür rückt sich der Turmerker ins Blickfeld. Ein typisches Element der Villenarchitektur jener Zeit und an dieser Stelle deshalb so auffällig, weil der Betrachter dadurch ein völlig neues Bild vom Haus bekommt. Neben dem Turm tut sich das Eingangsportal auf, von schlichten runden Säulen getragen, der Blick wird direkt auf die bunten, Art Deco-artigen Bleiglasfenster gelenkt, die den inneren Treppenaufgang zu den oberen Gemächern markieren. Das Portal wirkt gerade nicht beeindruckend-abschreckend, sondern warm und einladend. Breit ist das Haus von der Eingangsseite nicht, vom Portal aus sind es nur fünf Schritte bis zur Rückseite des Hauses mit Zugang zum großen Garten. Von dort aus wirkt das Haus klein: tief heruntergezogenes Dach, schlicht, von der Küche ist der Zugang zum Garten ebenerdig. Ebenso schlicht wie erhaben wirken die inneren Räumlichkeiten: keine besonders großen, aber viele Räume, natürlich mit hohen Decken, jedoch ohne Stuck. Dafür alles schön verwinkelt, viele runde Ecken. Der Erbauer des Hauses hatte wohl einen sehr eigenen, aber durchaus guten und modernen Geschmack.

 

Mit der Zeit hat das Haus ein Eigenleben entwickelt und bisweilen etwas sonderbare Anwandlungen – wie ein älterer Herr, der so seine schrulligen Eigenarten entwickelt. Bei starkem Regen bildet sich im Keller ein kleines Rinnsal, das irgendwo auftaucht, irgendwo abfließt und so schnell verschwindet wie es aufgetaucht ist, ohne dass Schaden entsteht. Schief ist es außerdem, jedoch nicht sichtbar, fast unmerklich. Die Schrägen fallen nur dann auf, wenn man versucht, Möbel gerade auszurichten, was selbst nach stundenlangem Messen und dem Einsatz der Wasserwaage nicht wirklich gelingt. Schief ist eben schief, bleibt schief und zwingt anderes dazu, auch schief zu sein. Immerhin hat sich dieses Haus um dieses Privileg, schief und schräg sein zu dürfen, durch 150 Jahre langes Ausharren verdient gemacht. Der hölzerne Treppenaufgang schwingt beim Hoch- und Heruntergehen auch schon sehr verdächtigt mit, zeigt Risse und gewisse Neigungen. Kein Wunder, es ist ja kaum abzuschätzen, wie viele Beine dort schon hoch- und heruntergestapft sind. Bei uns sind es die Knie, die irgendwann schlapp machen, bei den Häusern die Treppenstiegen. Eine Eigenart, die bei uns allerdings auf wenig bzw. gar keine Gegenliebe stößt ist, dass sich das Haus regelmäßig zu schütteln scheint, um damit den Staub der Jahrhunderte aufzuwirbeln. Noch nie habe ich in einem so staubigen Haus gewohnt. Trotz unserer intensiven und hand- sowie nervenaufreibenden Grundrenovierung vor dem Einzug hat sich der Staub irgendwohin zurückgezogen, um dann in voller Pracht wieder hervorzutreten. Egal wie sehr man hinter den Wollmäusen herjagt, für jede gefangene kommen einen Tag später drei neue aus unsichtbaren Löchern hervor.

 

Neben dem Staubaufwirbeln, Wasserlassen und seiner Schräglage scheint das Haus zudem eine weitere Vorliebe zu haben, nämlich die für Besitzer, deren Nachnamen mit M beginnen.

Herr Müller, der jetzige Hausbesitzer und Bewohner der unteren, der „Belle Etage“, hat das Haus vor über zehn Jahren einem Fabrikanten abgekauft, dessen Fabrik in Sichtweite ca. 800 m weiter die Straße abwärts stand und vor ein paar Jahren abgerissen wurde. Mittlerweile steht dort ein Baumarkt. Nur noch ein paar Meter alte Gleise eines alten Bahnanschlusses zeugen davon, dass hier mal ein produzierendes Unternehmen seine Ware verladen hat. Der damalige Hausbesitzer und Unternehmer, Walther Mayer, gehörte ganz offensichtlich nicht zu der Hautevolee der Industriellen der Stadt, taucht dementsprechend in den Abhandlungen zur Wirtschaftsgeschichte nicht auf. Ebenso führt das Haus ein von der Lüdenscheider Architekturgeschichtsschreibung als auch von der Denkmalpflege unentdecktes Dasein, als ob es auch die Fähigkeit besitzen würde, sich tarnen zu können – oder hat es doch was zu verbergen?

 

Dafür ist jedoch die mündliche Überlieferung sehr rege, gefühlt ist jeder „Ur-Einwohner“ dieser Stadt hier schon einmal durchs Wohnzimmer gelaufen. „Ah, das Haus von Mayers, da wohnt ihr jetzt drin“. Die „Mayers“ schienen eine sehr soziale Unternehmerfamilie gewesen zu sein: viele Kinder vor allem in den Kriegs- und Nachkriegszeiten wurden von „den Mayers“ durchgefüttert und mit Süßigkeiten versorgt. Jetzt ist es ein Müller-Haus und unsere Vermieter pflegen ein herzliches Verhältnis zu ihren Mitmenschen.

Wir sind denn also in ein sonderbares, aber zugleich offenes Haus eingezogenen, das mittlerweile ziemlich viele Bewohner beherbergt. Unten wohnen die beiden stolzen Hausbesitzer, die dritte und vierte Etage haben wir mit zwei Erwachsenen und zwei pubertierenden Mädels in Beschlag. Dazu vier mongolische Wüstenrennmäuse, verteilt auf drei nicht gerade kleine Nagarien in drei Zimmern, das Ergebnis eines missglückten Vergesellschaftungsversuchs und raumgreifender Zeuge dessen, dass Mäuse nicht anders als Menschen sind: man kann miteinander oder halt nicht. Mittlerweile haben aber alle Mäusedamen ihr Begegnungstrauma überwunden und ihre persönlichen Nischen gefunden: Die zur Fülligkeit neigende Esther wohnt im Jugendzimmer, die zur pingeligen Reinlichkeit neigende „Maus“ durfte sich im Büro niederlassen und Team Corona und Influenza genießen ihre Zweisamkeit in der Wohndiele mit allem Wohl und Weh. Im Garten sind mit Linda, Rosa und Bianca letztes Jahr drei gefiederte Marketingexpertinnen eingezogen: jedes gelegte Ei wird mit lautstarkem Gegacker kommentiert. Und wenn es mit dem Legen mal nicht klappt, wird trotzig darüber hinweggeschwiegen.

 

Genau genommen, hat sich das Haus zu einem ganzjährigen Biotop mit einer erstaunlichen Artenvielfalt entwickelt: Im Frühjahr brüten die Vögel um und an dem Haus. Bis Sommer letzten Jahres haben wir eine Meisenfamilie unter meinem Bürofenster, das zur Dachterrasse hin gelegen ist, geherbergt. Die Meisen haben sich allerdings als Untermieter nicht besonders gut betragen. Papa Meise hat uns, wenn wir auf der Terrasse saßen, immer aufs Übelste beschimpft. Außerdem haben die Vögelchen in ihrem Nest offensichtlich so randaliert, dass hinter der Schieferwand der Inhalt des alten Fachwerks abgebröselt ist. Somit musste unser Vermieter die Meisenwohnung verschließen. Ich vermisse Papa Meise trotzdem. Vermutlich hat die Meisenfamilie wie die zig anderen Vogelarten in einer der vielen umliegenden Vogelhäuser, Bäume oder Hecken ihren Platz gefunden. Die Miete wird in Gezwitscher und Geträller abgegolten.

Im Sommer machen sich dann die Wespen breit. Jedes Jahr bauen sie ihr Nest an einer anderen Stelle am Haus, Nischen gibt es ja schließlich genug. Warum sollten sie auch wegziehen, schließlich werden sie von uns am Frühstückstisch immer mitversorgt. Gierig sind sie, diese schlanken zierlichen Kampfflieger, ganz flau wird einem schon, wenn man beobachtet, mit welchem zähen Eifer Riesenstücke aus dem Schinken geschnitten und dann zwischen den Beinen abtransportiert werden. Ist auch kein Problem, wir haben genug. Als Dank dafür erwarte ich nur, nicht gestochen zu werden, was nicht immer so verstanden wird. Als jedoch ihre Majestät sich diesen Herbst in unserer Wohnung eine Bleibe suchen wollte, da haben wir sie rausgeschmissen. Genug ist genug und die Befürchtungen, den hohen Ansprüchen einer Wespenkönigin nicht gerecht werden zu können, war dann doch zu groß.

In den Ritzen des Hauses, zwischen den  Schieferplatten, in den Mauern, in dem Gartenboden und in dem sich über die halbe Schuppenwand ziehenden Insektenhotel nisten die kleinen Erd- und Mauerhummeln und die dicken Mauerhummeln, die sich wie die Wild- und Honigbienen ihre Bollen und Leiber an unseren Blumenbuffet auf der Terrasse vollladen. Die Entlohnung für den Vermieter: Allerlei Gesumme und Gebrumme und possierliche Eskapaden, die dicke, allzu beladene Hummeln vollbringen. Neben verschiedenen Arten von Schmetterlingen gehört sogar ein Taubenschwärmer zu unseren Blumenkübel-Tafelgästen. Eigentlich sind Taubenschwärmer in wärmeren südlichen Gefilden beheimatet, haben aber infolge der Klimaerwärmung ihren Lebensraum etwas ausgedehnt. Zweitausend Kilometer fliegen diese kleinen, einem Kolibri ähnlichen Geschöpfe jedes Jahr in den Süden hin und zu uns wieder zurück. Unglaublich. Die Zikaden haben ebenfalls aus südlicheren Gefilden Einzug gehalten, allerdings in Scharen. Sie sitzen in den Rhododendren, und ihr um Aufmerksamkeit heischendes Gezirpe in lauen Sommernächten grenzt an Lärmbelästigung. Zum Glück sind sie für uns weit genug weg und haben sich noch nicht auf unsere Dachterrasse vorgewagt. Im Gegensatz zu ihrem Artverwandten, das Heupferdchen, das abends plötzlich auf dem Nachttisch neben meinem Bett saß und mich dreist anstarrte. In dem Moment fühlte ich mich doch etwas wie die Prinzessin im Märchen „Der Froschkönig“. Ich tat es ihr auch gleich, nur dass ich das Heupferdchen raus- und nicht gegen die Wand schmiss. Die Besuche reißen auch im Herbst nicht ab: dicke fette Hausmutterraupen in der Petersilie auf dem Küchenboard, Marienkäfer, die in den Falten unserer Vorhänge ihr Winterrefugium suchen. Im Winter beherbergen wir verschiedene frierende Spinnen in den unzähligen Zimmerecken. Die Decken sind hoch und wir haben keine Lust, uns ständig nach derselbigen zu strecken, so haben die kleinen Krabbler ihre Ruhe vor uns. Die Stubenfliegen erwähne ich nur kurz, die nerven einfach nur. Die einzigen Viecher, die wirklich meinen Unwillen erregen, sind die Lebensmittelmotten, die, ich weiß nicht wie, klammheimlich unseren Lebensmittelschrank bevölkern, um sich im Mehl-, Nudel- und Reisvorrat bequem zu machen. Dass die Tiere sich ihren Lebensraum wieder zurückerobern, kann ich verstehen, aber warum haben sie sich dieses Haus dafür ausgesucht?

 

Letztes Jahr hat unser Vermieter mit Verschönerungsarbeiten begonnen: Abgesehen davon, dass das Haus jetzt in einem hellen Muskat erstrahlt, wurden im Eingangsportal neue, helle Sandsteinplatten verlegt. Beim Ausschachten des Eingangsbereiches wurde ein alter Herrenschuh geborgen, der trotz des Verrottungszustands noch erkennen ließ, dass es sich hier um einen eleganten, zu dieser Zeit modernen Herrenschuh handelte. Ich schloss auf Abwehrzauber – ein in dieser Gegend eigentlich sehr unübliches Ritual, beim Hausbau Schuhe vor der Türschwelle mit der Spitze nach vorne Richtung Ausgang zu vergraben, um das Böse abzuwehren. Kein Wunder, dass das Haus unter solch einem guten Stern steht – dachten wir alle zumindest. Natürlich haben die glücklichen Hausbesitzer vor diesem Hintergrund den Schuh tunlichst wieder an seinen angestammten Platz  „in situ“ vergraben lassen, natürlich mit der Spitze nach vorn, damit das Unglück weiß, wohin es gehört. Herr Mayer muss wohl sehr abergläubig gewesen sein, ungewöhnlich für einen pragmatischen  Unternehmer, urteilte ich etwas vorschnell. Kurz nach der feierlichen Schuhbestattung vertraute mir unser Vermieter zu Forschungszwecken seinen Ordner „Hauskauf – Ordner 2: Baugeschichte“ an, denn Herr Mayer war gar nicht der Häuslebauer. Beim ersten Sichten der Kopien aus dem Archiv des Bauamtes tauchte ein weiteres M in der Geschichte des Hauses auf.

 

Das dritte M, der Hausbauer Heinrich Matzke, müsste eigentlich von der chronologischen Abfolge her als erstes M gezählt werden, in unserer Wahrnehmung trat er aber als Letzter auf den Plan und erweckte mit seiner offensichtlich verhaltenen Existenz meine Neugier. Wer war er, dass er so ein „anderes“ Haus erbauen ließ, warum der vergrabene Schuh und warum hinterließ er  in der kollektiven Erinnerung der Hausgeschichte keine Spuren? Irgendetwas triggerte mein wissenschaftliches Jagdfieber, Herr Matzkes Schuh wurde wieder angemessen begraben, aber ich heftete mich dennoch an seine Versen. Wie nötig der gute Mann den Abwehrzauber hatte, konnte ich da noch nicht ahnen, auch nicht, dass ihn dieser Schutz schnell verließ, als er das Haus bereits nach 10 Jahren verkaufte. Auch nicht, warum ihn die  Geschichtsschreibung der Stadt ebenso vergessen hatte dieses Haus, das eigentlich alles andere als unsichtbar und unauffällig ist – ebenso wenig unauffällig wie der Bauherr und sein Schicksal, das sich mir peu á peu entblätterte wie sich der  Putz alter Häuser löst bis das nackte Mauerwerk hervortritt.

Mehr von Barbara Peveling

Here Comes The Sun

Der folgende Text mit dem schönen Titel „Here Comes The Sun“ ist von Sandra Scherer und entstand im Rahmen des virtuellen Literaturateliers Südwestfalen.

Aus einer Regionsschreiberin werden viele, schöner könnte der Abschied nicht sein!

An einem trüben Novembermorgen sitze ich mit einer Tasse Tee an meinem Schreibtisch im Corona-Homeoffice. Im Hintergrund streamed mein Bluetooth-Lautsprecher „Here Comes the Sun“ von den Beatles.

Meine Gedanken schweifen ab. Auf dem Kamin steht das Schwarzweiß-Foto einer jungen glücklichen Familie, das Anfang der 70er-Jahre aufgenommen wurde. „Diese Familie, das waren wir.“, sinniere ich, „Lange ist’s her…“

Ich denke zurück an meine frühe Kindheit in Buschhütten. Wir wohnten in einer kleinen Werkswohnung unter dem Dach, zu der auch ein weitläufiger Garten gehörte. Den ganzen Tag spielte ich mit einer Horde von Kindern aller Altersklassen und verschiedener Nationalitäten auf der Straße und hinter den Häusern. Die älteren Leute saßen draußen auf den Bänken, schauten uns beim Spielen zu und unterhielten sich oder schälten Kartoffeln.

Manchmal bauten wir kleine Flöße und ließen uns damit auf dem nahegelegenen Bachlauf treiben. Manchmal streunten wir aber auch nur so durch die Gärten und aßen die frischen Erbsen von den Sträuchern der Nachbarn. Im Winter fuhren wir Schlitten an einem Hang direkt an der Straße. Es war eine unbeschwerte Zeit für uns Kinder der 60er/70er-Jahre. Eine Zeit, in der von sogenannten „Helikoptereltern“ noch keine Rede war.

„Here Comes the Sun“, erklang es auch schon damals aus dem analogen Radio, während ich in einer Ecke der Küche spielte und meine Mutter singend mit dem Kochgeschirr hantierte.

Nein, vermögend waren wir damals nicht. Mein Vater, der aus der Pfalz stammte, war Former von Beruf. Er besuchte gerade die Technikerschule in Stuttgart, um für sich und seine Familie eine Existenz aufzubauen. In seiner Heimat, einer sehr schönen Kleinstadt namens Meisenheim mit freundlichen Menschen, gab es leider nur wenig Arbeit und so hat es ihn schließlich ins Siegerland verschlagen.

Meine Mutter war damals eine sehr attraktive junge Frau in den Zwanzigern, und sie hatte diese Art von Stärke, die man nur von Menschen kennt, die schon viel erlebt haben und schon sehr früh in ihrem Leben Verantwortung übernehmen mussten. Sie war eine Kämpfernatur, die sich immer für die Schwachen einsetzte, oder wie meine Mutter von sich selber sagte: „ein Gerechtigkeitsfanatiker“. Vielleicht hat sie diese Stärke ja in ihrer schweren Kindheit erworben. Denn: “Was uns nicht umbringt macht uns nur stärker“. So lautete einer ihrer Lieblingssprüche.

„Little darling, it’s been a long, cold, lonely winter“, singen die Beatles weiter. Ein langer, kalter, einsamer Winter… So hat es sich wohl angefühlt, als meine Oma damals das Haus ihrer gutbürgerlichen Familie im niederschlesischen Hirschberg fluchtartig verlassen musste, um zusammen mit ihren zwei kleinen Kindern und ein paar Habseligkeiten im Gepäck auf die große Reise zu gehen.

Ein eiskalter Winter war es auch, als die Rote Armee im Februar 1945 nach Niederschlesien vordrang. Die Familie meiner Oma besaß eine Baude im Riesengebirge, die Wiesengrundbaude. Als meine Oma von der Ankunft der Russen erfuhr, setzte sie ihre zwei kleinen Kinder in einen Hundeschlitten und schickte Leo, ihren treuen Schäferhund, alleine mit ihnen zur Baude, wo ihre Tante die Kinder in Empfang nehmen konnte. Dort waren sie erst einmal in Sicherheit. “Lauf Leo, lauf zur Baude“, rief meine Oma. Und Leo rannte, als ginge es um sein Leben. Der Hund kannte die Strecke im Schlaf und meine Oma vertraute dem Tier blind.

Glücklicherweise durften sie doch noch etwas länger in Schlesien bleiben. Die obere Etage ihres Hauses war inzwischen schon von Polen besetzt und bis zu ihrem Tode erzählte meine Oma immer wieder die Geschichte, dass die Polen ihr handgeschnitztes Treppenhaus verfeuert hätten.

Doch etwa im Jahr 1946/47 mussten sie ihre Heimat endgültig verlassen.

Es war ein langer Weg, und er führte sie durch einige Lager in der Ostzone, die unter der Aufsicht russischer Soldaten standen. Sie wurden sehr schlecht behandelt und schlimme Dinge ereigneten sich dort – auch vor den Augen der Kinder. Später sprach man darüber nicht mehr.

Bei Oschersleben, wo sie eine vorübergehende Bleibe im Haus einer Lehrerin gefunden hatten, gab es einen wasserführenden Kanal, den sogenannten „großen Graben“. Ihn zu durchqueren, das war der Weg in die Freiheit, der Weg in den Westen. Doch die Durchquerung des Grabens war lebensgefährlich, denn er wurde von bewaffneten Soldaten bewacht.

Es gab viele, die noch aus dem Osten nach drüben fliehen wollten; und meine Oma musste sich und zwei Kinder ernähren. So kam es also, dass meine Mutter im Alter von 5 Jahren in ihrem besten Kleid und schon damals ihrer Wirkung auf andere bewusst, einen russischen Soldaten becircte: „Du hast aber ein schönes Pferd… Darf ich das mal reiten?“, fragte sie, während sie innerlich vor Angst zitterte. Verzückt von dem süßen Mädel ließ der Soldat meine Mutter aufsitzen und führte das Pferd am Zügel entlang des Kanals. Er unterhielt sich mit ihr und erzählte ihr, dass er auch eine kleine Tochter habe und zeigte ihr Bilder von seiner Frau und seinen Kindern, die weit weg im fernen Russland lebten und die er sehr vermisste.

Unterdessen schlich meine Oma unbemerkt im Halbdunkel mit einem Gefolge von Flüchtlingen im Schlepptau durch den Graben. Sie mussten vorsichtig sein und durften sich nur langsam bewegen, um keine Geräusche im Wasser zu verursachen. Als meine Oma sicher von ihrer Mission zurückgekehrt war, sagte meine Mutter unvermittelt: „Tschüss, ich muss jetzt gehen“, sprang vom Pferd und lief in Richtung eines erleuchteten Bauernhofes, wo sie behauptet hatte zu wohnen. Auf halbem Weg drehte sie sich noch einmal um: „Morgen komme ich wieder!“ Der Soldat winkte ihr nach.

Die lange Reise, auf der meine Mutter ihre Kindheit verloren hatte, verschlug sie schließlich in das Siegerland. Der Empfang hätte kälter nicht sein können. Siegen war ausgebombt. Es gab schon für die Einheimischen zu wenige Wohnungen und das letzte was man jetzt noch gebrauchen konnte, waren Flüchtlinge.

Aber all dies gehörte zu der Zeit, als ich in Buschhütten das Licht der Welt erblickte, längst der Vergangenheit an. Man stürzte sich in das Wirtschaftswunder und nutzte die Chancen, die sich boten. Davon, dass in Deutschland noch 20 bis 25 Jahre zuvor ein Weltkrieg getobt hatte, war zu dieser Zeit nichts mehr zu spüren. Und vielleicht war das auch der Grund, weshalb wir Kinder, eine so unbeschwerte Zeit genießen durften. Es war die Zeit der 68er, der Befreiung und der Abkehr vom Spießertum der 50er-Jahre.

Manchmal erzählten einem alte Opas von ihren Kriegserlebnissen, doch es hörte sich eher nach einem riesigen Abenteuertrip an. Mein Pfälzer Opa berichtete von einem langen Marsch bei minus 50 Grad durch Russland bis in den Ural. „Dawei, dawei“…. weiter, weiter sagten die Russischen Soldaten immer wieder, denn wer hinfiel, der stand nicht wieder auf. Der Weg war gepflastert von Leichen.

Mein schlesischer Opa, der sich von meiner Oma getrennt hatte, weil er im Lazarett eine Krankenschwester kennengelernt hatte, erzählte, dass auch er in russische Gefangenschaft geraten war. Glücklicherweise sei er aber ein guter Schachspieler gewesen, und die Soldaten hätten immer mit ihm spielen wollen. So hat er sich schachspielend durchgeschlagen, für ein Butterbrot und Wodka.

Inzwischen sind schon 50 Jahre vergangen, in denen ich gefühlte 100 Mal umgezogen bin, in verschiedene Wohnungen und in verschiedene Städte wie Bonn, Berlin oder auch Baku.

Aber irgendwann zog es mich dann doch wieder zurück in meine Siegerländer Heimat, wo ich jetzt rein zufällig in derselben Buschhüttener Firma arbeite, in deren Werkswohnung mein Leben dereinst begann.

Die Sonne scheint nun in mein Corona-Homeoffice und aus der Bluetooth-Box tönt „Here comes the sun, and I say: It’s all right“. Alles ist gut – eines Tages – bestimmt…, denke ich. „Alles wird gut“, sagte meine Mutter immer.

„Sun, sun, sun, here it comes“.

Ich muss jetzt den Tisch decken. Meine Tochter kommt gleich aus der Schule. Meine Sonne.

Mehr von Barbara Peveling