Amnesie

Immer wieder taucht in meinen Gedanken diese Frage auf, was denn meine Großeltern gemacht haben, damals, ob diese Nazis gewesen waren oder nicht. Dabei weiß ich schon, dass meine beiden Großväter nicht in der nationalsozialistischen Partei gewesen waren oder an die Front geschickt wurden. Aber die Suche nach der Haltung meiner Vorfahren gegenüber der rechten Vergangenheit meiner Heimat bricht nicht ab. Es ist eine Konstante meiner Existenz, sie gehört zu mir, genauso wie eine Allergie, Asthma oder eine Sehstörung. Die Vergangenheit ist eine Gegenwart, mit der man leben lernen muss. Einer meiner Großväter war Arzt und deswegen freigestellt, der andere als Soldat bei der Nachrichtenübermittlung eingezogen. Meine Großeltern haben den Krieg vielleicht überlebt, indem sie sich anpassten. Das kann eine Antwort sein. Trotzdem habe ich in meinem Kopf nie wirklich Klarheit gegenüber der Frage gefunden, was meine Großeltern gemacht oder besser gedacht haben, in der NS-Zeit, welche Position sie  innerlich bezogen haben. Denn es war ja eine Zeit, in der über viele Ansichten nicht gesprochen wurde oder durfte. Da ist eine große Leerstelle in meinem Gedächtnis. Die jetzt in der Coronakrise sogar noch größer geworden ist. Denn ich kann die Ängste, Sorgen und Verzweiflung meiner Großeltern, die Krieg, Bomben, Rezension und Hunger erlebten, nun vielleicht besser spüren und nicht nur erahnen. Und trotzdem ist da ein schales Gefühl geblieben, eine Bitterkeit, ein Fragezeichen, eine offene Gleichung.  Im Gegensatz zu meinen Vorfahren, kann ich mich derzeit wenigstens selbst Glauben machen, dass die Gegner kein politisches System sind, sondern eine tückische Krankheit, gegen die ich allein machtlos bin. Doch damals war es vielleicht nur eine andere Form von Virus, der sich nicht über Atemwege, sondern über gesellschaftliche Strukturen verteilte, und gegen den man sich doch hätte wehren können.

Wenn meine Vorfahren auch nicht in der Partei gewesen waren, nicht selbst im Nationalsozialismus mitgemacht hatten, so waren sie doch nicht im Widerstand aktiv, und wenn nicht, wer waren sie dann gewesen?

Vielleicht waren sie einfach nur Mitläufer, hatten sich vom Strom treiben lassen und sich nicht gegen das braune System gewehrt.

Ohne Mitläufer, schreibt Géraldine Schwarz, wäre Hitler nie in der Lage gewesen, die Verbrechen zu begehen, für die wir Deutsche uns heute noch schämen. Die Frage, was geschehen wäre, wenn in Deutschland die Mehrheit nicht mit, sondern gegen den Strom geschwommen wäre, wurde sich in Deutschland lange nicht gestellt, zu beschäftigt war man damit, das Land, die Gesellschaft neu aufzubauen, die aktiven Täter zu benennen und zu verurteilen, der Opfer zu gedenken. Überhaupt, es wäre unmöglich gewesen, die acht Millionen Mitglieder der Partei ins Gefängnis zu werfen und zu verurteilen.

Man musste sich arrangieren, um weiter zu leben, nach vorne sehen und so wurde aus denen, die von den Alliierten Mitläufer genannt wurden, auch weiter Träger der Gesellschaft.

Der Großvater von Géraldine Schwarz, Karl Schwarz, war einer dieser Mitläufer, er hatte eine Mineralölgesellschaft in Mannheim, und wurde nach dem Krieg von seinem ehemaligen jüdischen Geschäftspartner verklagt, dessen Anteile am Unternehmen er zu Kriegsanfang unter dem Naziregime viel zu günstig erworben hatte. Géraldine Schwarz schreibt von der Verleugnung oder Negierung ihres Großvaters, dem déni. Denn Karl Schwarz ist es nahezu unmöglich anzuerkennen, dass das dritte Reich ein illegales Regime war und folglich auch diese seine Geschäftstransaktion unter diesem Aspekt beurteilt wurde. Diese historische Amnesie war typisch für die Nachkriegsepoche, Schwarz erinnert an die Worte von Hannah Arendt, die in den fünfziger Jahren schockiert war, von der Abwesenheit eines Schuldbewusstseins in der deutschen Bevölkerung.

Diese kollektive Amnesie hat dazu geführt, dass nicht wenige Menschen in einer ähnlichen Situation sind wie ich, nicht genau wissen, welche Position ihre Vorfahren bezogen haben und warum. Eine soziale Amnesie, die ihren Ursprung in einem kollektiven Trauma hat. Emotionale Taubheit und Erstarrung sind beispielsweise Reaktionen auf Traumas, die auch in der Gemeinschaft ihren Ausdruck finden können.

So habe ich also nie viel über meinen Großvater gewusst, der im Rahmedetal aufgewachsen ist. Wenn ich mich für das Regionsschreiberstipendium beworben habe, dann, weil ich an einem Roman über meinen Großvater arbeite. Mit diesem Text versuche ich eine dieser vielen Fragen zu beantworten, die sich mir bei der Lektüre der Gedächtnislosen über die Vergangenheit meiner Vorfahren in Südwestfalen stellte.

„Mutmaßungen über einen Großvater“ hieß einer der Texte, mit denen ich mich für das Stipendium beworben habe, eine Kurzgeschichte, die in der Zeitschrift „Kunst und Kultur“ erschien.

Meine Erinnerungen an meinen Großvater sind sehr verschwommen. Ich erinnere mich an einen sehr großen und breitschultrigem Mann, der vor uns Kindern durch den Wald läuft, wir folgen ihm und sind bemüht, die Hände im Rücken gekreuzt zu halten, so wie er. Aber das ist ein Foto, von dem ich diese Erinnerung habe und wahrscheinlich ist er viel zu früh verstorben, als dass ich erzählte von erlebter Erinnerung unterscheiden könnte.

Er soll gut in Sprachen gewesen sein, geschickt und schlau, heißt es. Ich habe mir für meinen Roman einen Großvater erfunden, der einem Puzzle gleicht. So habe ich mich von der Erzählung meines Grundschullehrers inspirieren lassen, der beim Spielen am Dorfrand während des Einmarschauf einen Panzer der Alliierten stieß und sogar ein Stück mitfuhr, um Bonbons und Schokolade zu erhalten. Das muss 1945 gewesen sein, vielleicht zur Ruhrkesselschlacht. Jedenfalls habe ich es mir für meinen Roman so erfunden. Aber seit meinem Stipendium weiß ich, dass ich mir diesen Großvater im Roman nur ausgedacht habe, dass manche Teile des Puzzles vielleicht nie zusammen passen werden. Aber was ich nun als Regionsschreiberin gelernt habe, ist, dass mein Großvater als Kleinunternehmer wahrscheinlich das gemacht hat, was so viele in seiner Heimat dort schon immer gemacht haben, eine Werkstatt gründen, etwas herstellen, ein Teil der Metallindustrie werden, oft aus Draht, ein Fabriksen aufmachen.

Gar nichts spektakuläres, sondern einfach die Fortsetzung einer langen Geschichte lokaler Produktivität, die sich in der Gestalt des Pott Jost, dessen Denkmal in Altena steht, wohl am besten manifestiert. Die Legende um Pott Jost erzählt von dem Erfindungsreichtum eines lokalen Kaufmanns, der zum kleinen Fabrikbesitzer wird.

Zu dieser lokalen Produktion gehörte auch die Teilnahme der lokalen Industrie an der Zulieferung von Teilen für die Kriegsmaschinerie. Genau wie heute lokale Unternehmen in der Krise aufgerufen werden, Atemschutzmasken und Desinfektionsmittel herzustellen, wurden Unternehmen im zweiten Weltkrieg augerufen, sich an der Waffenproduktion zu beteiligen.

Denn wenn der Zeiger auf fünf vor Zwölf steht, dann kommt danach Null.

Bei den Mesopotamiern bedeutete Null so viel wie Nichts. Griechen hingegen, als auch Römer brauchten gar keine Null, auf dem Abakus blieb die entsprechende Stelle einfach leer. Eine Stelle, bei der etwas fehlt, steht im Duden und stellt dabei die Frage, was denn da nun hingehört. Schwer vorstellbar, dass es mit einem Nichts anfängt, aber vielleicht auch nur ein anderes Wort für der Punkt, an dem sich alles trifft. Charles Seife hält die Null für den Zwilling der Unendlichkeit. Die das Unbeschreibliche und das Unendliche erahnen lässt. Sie wird gefürchtet und geächtet.

Die Stunde Null ist ein Gründungsmythos der Bundesrepublik. Die deutsche Gesellschaft und ihre Träger in Kultur und Industrie waren auch nach Kriegsende mehr mit dem NS-Regime verstrickt, als sich bislang eingestanden wurde, eine schmerzhafte Vergangenheit, die übersehen wurde, die niemand so wirklich wahr haben wollte, eine Wunde, die sich schließen musste, um sie später, heute, als Narbe betrachten zu können. Der Journalist Thorsten Mack hat kürzlich eine Dokumentation veröffentlicht, in der er die NS-Verstrickung der Gründungsväter von Documenta und Berlinale vorstellt.

Solche Dokumentationen sind ein wichtiger Schritt im kulturellen Gedächtnis der Gesellschaft, um die Vergangenheit zu bewältigen und mit dem gewonnen Bewusstsein der Gegenwart zu begegnen. In den städtischen Museen von Lüdenscheid wurde eine solche Dokumentation in Form einer Ausstellung von November 2019 bis Februar 2020 präsentiert. Der Leiter Dr. Eckhard Trox und seine Mitarbeiterin Ursula Delhougne haben dabei eine umfangreiche Bestandsaufnahmen zusammen- und ausgestellt, die sich in produktiver und nicht anklagender Weise mit der kriegsbeteiligenden Vergangenheit der Region auseinandersetzt, daher auch der Titel der Ausstellung: „Friedliches Lüdenscheid?

Ein Mittelpunkt der Ausstellung war die Spitze eine V2 Rakete. Die Vergeltungswaffen, oder auch V-Waffen wurden im zweiten Weltkrieg nicht nur gegen militärische, sondern auch zivile Ziele eingesetzt, wie beispielsweise im Raum London und Südengland. Aus Angst vor Spionage wurde die Produktion dieser Waffen dezentralisiert, und so teilweise auch in Südwestfalen hergestellt.

Fotonachweis: Jutta Rudewig/Lüdenscheider Nachrichten

Die Rolle der südwestfälischen Industrie als Zulieferer für die Kriegsmaschinerie wurde lange aus dem kollektiven lokalen Gedächtnis verdrängt. Zu der Ausstellung gehörte das Tagebuch des Rüstungskommandos Lüdenscheids, das dokumentierte wie in den Kriegsjahren gut bis zu 209 Unternehmen zu Rüstungsbetrieben wurden. In der ersten Zeit wurde sich mit Information begnügt, aber schon bald Druck ausgeübt auf Unternehmen, die sich der Rüstungsfertigung verweigerten und weiterhin Zivilgüter herstellen wollten. Solchen Unternehmen wurde mit Stilllegung oder Enteignung gedroht. Auch über den Mangel an Rohstoffen, Treibstoff, Gas und Kohle, sowie Arbeitskräften wurden Unternehmen in ihren Entscheidungen beeinflusst. Arbeiter, die in keiner kriegsrelevanten Tätigkeit beschäftigt waren, wurden eingezogen. Firmen, die sich dem Rüstungskommando unterstellten, bekamen Unterstützung.

Die regionale Industrie wurde zum Mitläufer im kriegstreibenden Alltag des NS-Regimes, indem kaum jemand den Mut fand einen Handschlag mit der NSDAP abzulehnen, wie Konrad Adenauer es bereits 1933 getan hatte.

Auch Zwangsarbeiter wurden in der Region eingesetzt. In dem Rüstungstagebuch ist eine distanzierte Haltung zu der Einstellung dokumentiert. Es waren Fremde, die zum Arbeiten kamen und durchgefüttert werden mussten. In der Ausstellung „Friedliches Lüdenscheid?“ war auch der Holzkoffer eine Fremdarbeiterin zu sehen, mit der sie, vielleicht fünfzehn oder sechzehn Jahre alt, nach Lüdenscheid kam. Das historische Objekt wurde mit einem berührenden Brief gestiftet, indem eine Frau aus Lüdenscheid ihre Kindheitserinnerung an die Besitzerin des Koffers, Anuschka, schildert.

Fotonachweis: Jutta Rudewig/Lüdenscheider Nachrichten

Ob diese Anuschka aus der Ukraine wohl mal meinen Großeltern über den Weg gelaufen ist? Ich weiß es nicht, und werde es nie wissen, denn die Zeit ist zu schnell vorbei gegangen und mir keine geblieben, sie danach zu fragen. Und mein Großvater hat sein Unternehmen auch erst nach Kriegsende gegründet. Wie das möglich war, ist mit Sicherheit unspektakulärer gewesen, als ich es mir für den Roman überlegt habe. Es ist sogar sehr wahrscheinlich, dass diese Gründung sich in die Kontinuität des Lokalen einschrieb: aus einer Garage wird ein Fabriksen und daraus dann eine Fabrik. Was mal mit der Erzgewinnung anfing, wird zur Drahtherstellung, zu Knöpfen und von der Metallverarbeitung zu Verbindungsteilen für die Elektrotechnik. Vor kurzem bin ich bei der Recherchearbeit auf ein sogenanntes Grubentuch gestoßen.

An diese blau- oder graukarierten Tücher kann ich mich noch genau erinnern, sie hingen bei meinen Großeltern in der Küche, sie wurden im Fabriksken meines Opas gebraucht, wurden dort im Maschinenraum eingesetzt, genauso wie auf der Toilette. Das Grubentuch als Relikt und Metapher für die lange Dauer der Bergmannszeit in Südwestfalen, bei der aus der Eisensuche schließlich Eisenproduktion wurde und in der es immer einen Pott Jost gegeben hat und geben wird, jemand der aus sehr wenig eine große Erfindung macht.

 

 

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Do it yourself!

Ein paar Tage brauche ich schon, um meinen virtuellen Besuch in der Wunderkammer der Zukunft zu verarbeiten. Die Veranstaltung glich einem Ritt durch Space Mountain. Das ist Pflicht, wenn wir das Disneyland besuchen, dann fordern die Kinder auch immer eine Fahrt im Tomorrowland ein. Man wird darin mit einer Geschwindigkeit von 75km2 in zahlreichen Saltos während zweieinhalb Minuten 36 Meter hoch geschleudert. Wenn ich in dieser Attraktion sitze, muss ich immer die Augen zumachen, sonst überlebe ich den Tripp nicht.

Die Attraktion inspirierte sich an Jules Verne „Von der Erde zum Mond“. In seinem Roman von 1865  hat Verne tatsächlich viele Einzelheiten der echten Mondfahrt vorausgenommen. Max Thinius imaginiert, ähnlich wie Verne, die Zukunft. Genau wie im Space Mountain brauche ich erstmal Dunkelheit, Isolation. Um den wilden Ritt des Vortrags von Max zu überstehen, lasse ich meine Kamera in der Videokonferenz erstmal ausgeschaltet und höre nur aufmerksam zu. Max Thinius ist Futurologe und hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Zukunft zu gestalten, indem er als Berater und Seminarleiter auftritt. Er erzählt beispielsweise von E-Residenz in Estland, der dänischen Brauerei Mikkeller, die sich auch für eine pazifistische Vision der Zukunft einsetzt.

Es geht um eine digitalisierte Welt und die vollkommen neuen Möglichkeiten, die diese bietet. Online wird zuzusagen ein Selbstmade-Kit angeboten, der dem Benutzer erlaubt, sich selbst in einem bestimmten Bereich zu perfektionieren. Orte werden zunehmend dezentralisiert. Wir können heute auf dem Land leben und weiter mit der Stadt verbunden bleiben. Vor der Industrialisierung heizten die Menschen ihre Unterkunft mit Brennmaterial. Während die Industrialisierung die Menschen vom Land in die Stadt trieb wurden die lokalen Heizanlagen von zentralen Heizkraftwerken übernommen. Die Digitalisierung kehrt diesen Prozess um, erklärt Max Thinius, in der Zukunft werden wir uns beispielsweise über Solarenergie selbst versorgen können. Die Vernetzung schützt vor einem eventuellen Ausfall. Es ist eine Zukunft, die bereits existiert und die vielen Menschen Angst macht. Vor einigen Jahren wurde dies in dem Begriff der Urbanisieserung veranktert.

So stellt der Historiker und Museumsleiter Dr. Eckhard Trox die Frage nach Herrschaft und Dienerschaft im digitalen Zeitalter. Auch darauf hat Max Thinius eine Antwort, er erzählt von moderner Sklaverei, in der Giganten aus dem Netz sich unserer Daten bedienen, uns praktisch ausbeuten und zu modernen Sklaven machen. Aber das ist kein Grund sich der Digitalisierung zu verwehren, sie ist eine Zukunft, die bewusst gestaltet werden muss und das ist die Arbeit von Max Thinius.

Gerade in der Coronakrise haben wir gesehen, wie wichtig Digitalisierung ist, auch, um einen Ausgleich zu schaffen, gegenüber der rasanten und umweltzerstörenden Mobilität. Die Konzepte von dem Futurologen Max bieten auch eine Entschleunigung. Er gibt das Beispiel, wie er in Kopenhagen in einer Gemeinschaft aktiv sein kann, ohne selbst immer physisch anwesend sein zu müssen.

Dies scheint aktuell in der Klima- und Coronakrise eine Grundvoraussetzung zu sein, um weiter in einer offenen und friedlichen Welt zu leben. Wir können alternative Konzepte mit moderner Innovation sehr gut verbinden.

Während des Corona-Lockdowns habe ich das selbst mit der Schule meiner Kinder sehr intensiv erlebt. Am Anfang war da Panik. Die Lehrer begnügten sich damit, uns Lernpakete zu schicken. Verzweifelt saßen wir vor Aufgaben wir Bruchrechnen, Restedivision oder Partizipien. Wutanfälle wechselten sich ab mit Anfällen von Hysterie. Mit der Zeit aber wurde das Material innovativer, es gab Links zu Videos auf Youtube, die den Kindern, sowie auch mir, das Bruchrechnen spielerisch erklärten. Eine Freundin schickte mir den Dokumentarfilm „être et devenir“ (sein und bekommen), indem es um Familien geht, die ihre Kinder nicht in die Schule schicken. Die Vision, dass Kinder auch begleitet und frei lernen können und nicht nur in Institutionen, hat mir geholfen, meine Panik zu überwinden und die täglichen Emails der Lehrer als eine Art Do it yourself Kit zu nehmen, mit der ich das Lernen der Kinder innovativ gestalten konnte. Ich weiß heute, dass meine Kinder nicht dauerhaft in die Schule gehen müssen, sie können digital lernen. Theoretisch könnten wir morgen nach Lüdenscheid ziehen, meine Kinder von dort weiter eine französische Schule virtuell besuchen. Wir müssten dazu gar nicht in große Städte, nach Düsseldorf, Frankfurt, Berlin oder Hamburg, ziehen. Also dort, wo französische Familien leben müssen, wenn sie nach Deutschland zum Arbeiten kommen, und sicher gehen möchten, dass ihre Kinder weiter vom französischen Lernsystem mit direkten, sei es auch nur virtuellen, Kontakt gefördert werden.

Die „Wunderkammer der Zukunft“ ein Projekt Museen der Stadt Lüdenscheid verbindet auf innovative Weise lokale Wirtschaft, Industrie, Stadtplanung und Kultur. Sie dient dazu über unsere Zukunft zu reden und Impulse zu setzen. Lüdenscheid leuchtet und strahlt weit in die Zukunft hinein.

 

 

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Heiliger Medardus

Wenn der Schüler bereit ist, erscheint der Meister. Manchmal halt in Einhornform auf Klopapier  ©lka

 

Seit einer Woche liege ich mit einer Grippe flach. Hier eine Auswahl an Dingen, die ich verpasst habe:

  • das Mittelalterfest auf der Burg Altena
  • die Führung im Kloster Grafschaft
  • der  Mondscheingottesdienst
  • trinken mit Regionsschreiberin des Ruhrgebiets
  • der Spaziergang „Auf den Spuren jüdischen Lebens“ in Bad Laapsphe.

Was ich außerdem nicht tun konnte: Mich in Südwestfalen in spirituellen Unterfangen ausprobieren. Ich kann nicht fasten, nicht mit Südwestfalen sprechen, keine Kirchen besuchen und schon gar nicht pilgern.

Es sei denn, es gibt eine spirituelle Disziplin, die daraus besteht, vor allem zu liegen, Hörbücher zu hören, und alle paar Stunden mit tränenden Augen eine True-Crime-Doku auf YouTube zu schauen?
Ab und an arbeite ich ein paar Minuten fiebrig an einer Kurzgeschichte und habe langsam den Verdacht, dass man ihr auch anmerkt, dass ich fiebere. Andererseits: Betrunken schreiben kann jeder. Vielleicht ist unter Fieber schreiben mein Ding – aus dem Weg Sartres Amphetaminaffinität, Pollocks Trinkfreude, Nan Goldins Hang zu Heroin. Ich stelle vor: Fever Writing. Ist wie Action Painting, nur viel passiver.

Vielleicht ist es Zeit, Frieden mit meiner Grippe zu schließen. Mit mir, meinem Körper und seiner Unvollkommenheit. Vielleicht bin ich genau so gedacht. Und vielleicht kann Spiritualität dabei helfen, das zu verinnerlichen.

Dunkel erinnere ich mich an ein Werbe-Video der Mormonen. (Die Heiligen der Letzten Tage sind eines meiner Hobbys und üben eine Dauerfaszination auf mich aus – auf meiner To-do-Liste steht weit oben, südwestfälische Mormonen zu kontaktieren.)
Ich suche auf YouTube das Video, über die Geschichte einer wunderschönen Ballerina-turned-Designerin, die mit Gottes Hilfe eine schwere Krankheit durchstanden hat und mich daran erinnert, dass mein Wert nicht an meiner Fähigkeit hängt, Dinge zu leisten. Auch wenn ich manchmal gar nichts leisten kann.

Ich liege still und atme ruhig. Ich höre dem Regen zu. Ich bitte den heiligen Medardus, den Schutzheiligen der Fieberkranken, mein Fieber zu senken. Ich höre in Dauerschleife Leon Bridges’ River und denke über Erneuerung nach und über Gnade.
Ich schlafe weiter.

Nachtrag:

Medardus ist auch Schutzpatron der Stadt Lüdenscheid. Mehrere gewitzte Lüdenscheider haben mir schon verraten, dass die Lüdenscheider ihre Stadt gerne scherzhaft „Regenscheid“ nennen und ich, eine Stadt weiter, in Altena, kann diese Einschätzung nur unterschreiben. Es ist nass im märkischen Kreis. Ich habe mal paar Monate in England verbracht und kann mich nicht erinnern, dort soviel Regen erlebt zu haben.
Da passt es gut, dass der heilige Medardus auch Schutzpatron der Schirmemacher ist und nicht nur bei Fieber, sondern auch bei Regen um Hilfe angerufen wird.
Dass Medardus für Regen verantwortlich ist, ist anscheinend so offensichtlich, dass es in verschiedenen Ländern eine Art Siebenschläferregel zu seinem Gedenktag, dem 8 Juni,  gibt: „Wenn es an Medardus regnet, wird es 40 Tage nass“, wissen die Tschechen. Und die Lüdenscheider sowieso.

Mehr von Lisa Kaufmann