Zwischenruf: Schnipsel

Als Regionenschreiber ist man ja oft auf der Jagd. Nach DEM Satz, der wirklich etwas von der Umgebung erzählt, DEM Moment, in dem Menschen etwas offenbaren. Die Jagd macht müde. Deshalb setzt man sich. Und wenn man dann sitzt, ereignen sich Satz oder Moment manchmal völlig unvermittelt. Viel öfter noch ereignet sich gar nichts. Und am häufigsten ein Weder-Noch, das erstaunlich dringend aufgeschrieben sein will. Verstreute Notizen.

Blecher, Talweg. Zwei Jungs in Jeansjacken, die mit Fingern auf das staubige Fenster eines verlassenen Hauses malen. Sie kichern sich zu, der eine vollendet sein Werk mit gekünsteltem Schwung, während der andere ihn vor Aufregung zu boxen beginnt: Schnell, mach schnell! Ihre Gelfrisuren glitzern in der Sonne, endlich ist der größere fertig, sie sprinten los, noch im Rennen platzt Gelächter aus ihnen, ein Kieselstein springt ins Gebüsch. Auf dem staubigen Fenster ein Herz, darin steht: Anna + Nils.

Solingen, Hügelstraße. Die Katze, die den Notierenden mustert, gemessen an ihm vorbeischreitet, noch den Kopf dreht, als sie fast schon an der nächsten Ecke ist, als bliebe sie zu gern auf ein Schwätzchen, würde aber leider dringend andernorts gebraucht.

Remscheid, Am Bahnhof. Vor dem Schaufenster sprechen zwei Mädchen über die darin ausgestellten Handyhüllen. Sie zeigen auf einzelne und lachen schrill und sind sich einig, dass sie süß oder fake oder voll eklig sind. Ein junger Mann tritt aus dem Laden und beschäftigt sich abschätzig mit seiner Zigarette. Er raucht ein paar Züge, die Mädchen mustern ihn. Als er fast fertig geraucht hat, geht er kurz ins Geschäft und kommt mit einer der Handyhüllen aus dem Schaufenster wieder. Er geht zu dem linken der beiden, die etwas längere, glatt-glänzende Haare hat, und sagt: Schenk ich dir. Das Mädchen sieht auf das Produkt hinab, ein Gummilappen mit Flausch, dann sieht es die Freundin an, mit Wimpern, so schwarz und lang, als könnten sie Entschuldigungen zufächeln. Sie fächelt, flüstert fast: Ey, ich hasse die Farbe.

Hochdahl, Hildener Straße. Der BMW, goldbraun, fabrikneuer Glanz, der an den Straßenrand rangiert, als handele es sich um eine denkbar knappe Parklücke (obwohl weit und breit kein anderes Auto steht). Der Mann, der aussteigt und sich Staub von der Kleidung wedelt, er wedelt an sich hinunter, hinauf, noch einmal hinab. Kein Körnchen zu sehen. Dann schließt er die Tür, worauf der Kofferraum aufgleitet, welchem er eine Yogamatte entnimmt. Der Kofferraum gleitet wieder zu, und nach beiden Seiten winkend gehen Mann und Matte ab.

Mettmann, Jubiläumsplatz. Auf der Bank einer Bushaltestelle ein junger Mann mit raspelkurzen Haaren, daneben ein hagerer alter mit ballonseidenem Trainingsanzug. Der junge erzählt, dass er nicht mehr jeden Tag Bier trinken könne, am Jubi, dass er auch mit dem Scheiß aufhören müsse, dass er die Bude aufgeräumt habe, dass die Sachbearbeiterin ihm ein Merkblatt mitgegeben habe, ein Merkblatt, sagt er, an das er sich halte. Er spricht von Perspektive und dass er diesmal durchziehen wolle, er wiederholt, durchziehen, er fügt hinzu, er habe jetzt ein paar Jahre die Zügel schleifen lassen, aber das sei nicht das Ende der Welt. Der alte trinkt Bier und nickt und trinkt und raucht und trinkt und nickt und unterbricht und fragt: Haste noch eins?

Odenthal, Johann-Heck-Straße. Ein Mann mit karierten Hosen stampft aus der Tür. Er blickt um sich, dann läuft er auf einen Wagen zu, packt den Griff, rupft aus dem Inneren ein Päckchen Zigaretten. Er steckt sich eine an, pafft drei Züge, hält dann die Luft an und blickt in den Himmel. Als er den Rauch wieder auspustet, ist kaum mehr etwas davon zu erkennen, als hätten sich die Schwaden in seinem Inneren abgesetzt. Zufrieden hustet er zweimal.

Grund, Grunder Schulweg. Eine Frau mit metallisch gewellter Frisur beugt sich über ein Hochbeet voller Salatköpfe. Mit einem Schäufelchen stochert sie vorsichtig große Radien um die Pflanzen herum. Dabei spricht sie in beruhigendem Ton auf die Blätter hernieder, als müsste sie Pferde bändigen, zärtlich reibt sie einen Lollo rosso zwischen den Fingern. Als sie den Beobachter bemerkt, hält sie die Luft an, dreht dann ruckartig den Kopf und führt ihr Gespräch fort wie nach unterbrochener Verbindung.

Mettmann, Goldberger Mühle. Zwei Gestalten waten ans Ufer des Bachs durch den zähen Moorschlamm Routine. Sie sind mit Fremdheit aneinander gebunden, wie das nur Vater und Sohn gelingt. Der Vater trägt Latzhose und einen Pullover mit greller Aufschrift, der Sohn Baseballkappe und darunter fettiges Haar. Am Rand des Wassers angekommen, zücken sie Angelruten und entfernen sich voneinander. Eine Gruppe Enten gleitet tuschelnd davon. Der Sohn wirft die Angel aus, lässt sie zurücksurren, sein Blick milchig vor Pubertät. Wenn der Vater ihm etwas zuruft, unverständliche Silben, dreht er sich mit einer Schwere um, in der Verzweiflung über die Existenz des Elternteils aufglimmt, sie scheint ihm selbst vor dem Beobachter peinlich zu sein. So angeln sie beide eine halbe Stunde lang, gehen ein paar Schritte hin, ein paar her, achten darauf, einander niemals zu nahe zu kommen, keiner fängt einen Fisch. Dann nickt der Vater dem Wasser zu. Er tritt den Rückzug an, der Sohn folgt ihm, ihre Ruten tragen sie auf der Schulter. Die Enten haben sich in der Mitte des Bachs versammelt, das Schnattern eingestellt, sie blicken den beiden staunend hinterher.

Erkrath, Neandertal. Wie ich das Handy an den Computer anschließe, um rasch ein paar Bilder von meinen Ausflügen auf die Festplatte zu ziehen. Wie es mir entgleitet, zwischen die Sofakissen rutscht und auf dem Boden aufschlägt. Wie ich es an seinem Ladekabel vorsichtig wieder aus dem vergessenen Reich unter dem Polstermöbel hervor bugsiere, vorbei an Beinen, über Teppichkanten hinweg. Wie ich es schließlich hervorziehe und mich das Display anblinkt, staubig und staunend wie ein erwachtes Kind.

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Der Autor

Ah, Autor? Wat für Autos machense denn? Kleiner Scherz. So, jetzt hier mal Schuhe aus, und Kleingeld aus den Hosentaschen. Rest könnense anbehalten. Ich leg jetzt einmal die Nadel, dann haben wir nachher keinen Stress. Weil, wennse dann auf dem Bauch liegen, dann komm ich nit mehr gut ran. Und wenn dann der Doktor sagt, man sieht nix, wir brauchen Kontrastmittel? Ja, dann stehenwa da.
Welcher Arm isset denn? Der linke? Schreibense mit dem? Na, dann brauchense den doch gar nit.
Ja, dat is mir schon klar: Ein Autor schreibt. Gebense mir mal den anderen. Da pieksen wir. Wo tut’s überhaupt weh? Außen? Da?
Brauchense keine Sorgen haben. Mit dem Ding hier findenwa alles. Dat läuft mit 1,3 Tesla. Gibt schon welche, die laufen mit 7. Dat is aber dann eher für Gewebe. Wir wollen ja auf den Knochen raus.
Wat sindse denn jetzt so blass? Mögense keine Nadeln?
Autor also, so so so. Krimi wahrscheinlich! Oder Fantasy? Les ich ja alles nit. Ich les nur Science-Fiction. Kennense dat? Aber nit so nen Asimov-Scheiß.
Entschuldigung.
Aber hab ich ein Mal probiert. Mach ich nit nochmal. Ich les richtige Science-Fiction. Philip K. Dick. Kennense den? DAT is ein Schriftsteller.
Legense sich mal hier hin. Genau. Und nit erschrecken. Ich zieh jetzt mal an ihnen. Hau ruck!
Da habense sich ja doch erschreckt.
Philip K. Dick also. Dat K steht für Gefahr, sag ich immer. Wennse mal schreiben können wie der, dann würd ich auch wat von ihnen lesen. Aber wennse aus Köln kommen, dann müsstense doch eigentlich singen, oder? Hab ich so dat Gefühl. In Köln singen immer alle. Kommen doch alle Bands da her. Is bestimmt wegen Karneval. Haben wir hier natürlich auch, Karneval. Aber nit so. Nit so.
Und wie gefällt es ihnen auf dem Land? Is mal wat anderes, oder? Klar, muss man mögen. Aber die Stille, sag ich immer. Die Stille!
Philip K. Dick also. Und Harry Potter. Dat les ich auch noch. Obwohl das kein Science-Fiction is. Wat hab ich immer gesagt: Geh mir weg mit dem Scheiß.
Entschuldigung.
Aber geh mir weg. Und dann hat mir das trotzdem mal eine angeschleppt. Band drei. Der lag dann da. Und nur Fernsehen is ja auch nix, sag ich immer.
Jetzt nit mehr bewegen, bitte. Geht ja auch gar nit. Den haben wir gut eingepackt, wa? Den Arm.
Und dann hab ich dat gelesen, Harry Potter. Und soll ich ihnen mal wat sagen? DAT hat Substanz. Hier, mit diesen, wie heißen die. Mit diesen Dementoren. Sowat kann man nitt schreiben, wenn man dat nit erlebt hat. Also, nit jetzt das Zaubern und so, schon klar. Aber die sind ja, also, dat is ein Symbol, ich sag mal, dat geht schon eindeutig so in Richtung: Depression.
Ich mach ihnen jetzt noch die Kopfhörer auf. Dat is, weils gleich ein bisschen laut wird da drin. Aber da müssense sich auch keine Sorgen machen. Wennse mal auf einem Höhner-Konzert waren. Dat is dat gleiche. Habense gehört? HABENSE GEHÖRT? Kleiner Scherz.
Wat schauense denn? Sindse nervös?
Ich geb ihnen gleich mal hier dat Bällchen. Da könnense drücken. Wenn wat is.
Ich bin ganz in der Nähe.

So! Dat waret schon. War nit so schlimm, oder? Kommense mal her, stehense mal vorsichtig auf. Kontrastmittel habenwa nit gebraucht. Wennse mich fragen, is dat eh nur eine Sehnenscheidenentzündung. Da hat der Arzt nur nit richtig hingesehen. Kommt vor, kommt vor. Is leider so.
Ich würd ihnen gerade mal noch die Nadel rausmachen. Schön drücken. Dat gibt nen blauen Fleck. Aber dat kommt an bei den Damen, dat sag ich ihnen. Besser als dat mit dem Geschreibsel, wa? War nämlich bei Philip K. Dick auch immer dat Problem. Wennse mich fragen. Deswegen hat der sich auch den Schädel weggekloppt mit Drogen aller Art. Na, fürs Schreiben waret gut. Aber glücklich geworden is der auch nit. Dat machense hoffentlich besser. Ich würd mich freuen, wenn ich mal wat lese von ihnen. Werdense mal berühmt!
Wat schwitzense denn so?
Is doch vorbei jetzt.

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Die Insel

Ich sag lieber: Majorca. Das hat für mich auch mit Respekt zu tun. Malle sagen nur die, die da zum Saufen hinfahren. So: Malle is nur einmal im Jahr. Hab ich auch einmal gemacht. Brauch ich nit nochmal.
Majorca is was anderes, dat is schön. Da haben mein Mann und ich uns nochmal verliebt, sag ich immer. Deshalb wollten wir auch dieses Jahr wieder hin. Silberne Hochzeit! Wird jetzt nix draus.
Wir feiern dann einfach nächstes Jahr. Fünfundzwanzig plus eins. Mal was anderes. Aber dat is schon schade, dass jetzt die ganzen Feste ausfallen. Hier in Mettmann hätten wir Weinfest, dat is jetzt immer so um den Dreh, wir hätten Heimatfest. Wenn uns dat einer gesagt hätte, dass Karneval das letzte Mal Feiern ist!
Dann hätten wir auch nix anders gemacht, is klar.
Wollen Sie vorne ein bisschen fransig?
Schon richtig, dass die Sachen ja jetzt überall ausfallen. Verpasst man nix. Aber man darf auch bisschen traurig sein, dass sie auch hier ausfallen. Ja, oder nicht? Stattdessen steh ich jetzt mit der Maske im Laden. Und ich sag Ihnen wat, ich krieg Atemnot. Dat is heut der erste Tag, wo ich nich auch noch Bauchschmerzen kriege. So im Oberbauch. Ganz fies. Hat mir ein Arzt erklärt, der hier Kunde ist, der sagt: Kommt vom flachen Atmen. Das kriegen die alle in den Krankenhäusern. Die müssen ja auch den ganzen Tag ihre Masken aufhaben. Ich hab hier auch so eine. FFP3.
Ja, weil: Da hat man ja schon auch eine Verantwortung. Wenn ich jetzt hier krank werden? Mein Mann, mein Sohn, die gehen schon auch wieder ins Büro und kommen abends nachhause. Aber die sehen da ja nur ihren Computer und vielleicht mal den Chef. Hier geht in einer Tour die Klingel! Da kommen die Leute rein und raus, und ich sag ja immer, Maske auf und bitte Hände waschen und desinfizieren und Pipapo. Aber am Ende is dat jetzt hier Risikozone.
Ohren frei?
Macht das Schneiden auch nich leichter. So ne Maske. Aber ich bind die jetzt bei allen so im Nacken fest. Dann kann man auch waschen, haben Sie ja gesehen. Ganz ehrlich: Ich finds schon komisch, dass wir jetzt wieder auf haben dürfen. Also: Dass wir dürfen und die Kosmetiker nich. Zum Beispiel. Obwohl, ´ne Freundin von mir, die macht Pediküre und Maniküre, so mobil, auch im Altersheim. Und Pediküre darf die seit ner Woche wieder. Die sagt: Ich werd noch bekloppt. Ich darf den Leuten an die Füße, aber an die Hände darf ich nit, wo ist denn da der Unterschied? Für so ein Virus.
Ich mach Ihnen hier so ein bisschen stufig rein, dann hat das Pfiff.
Naja, wahrscheinlich wollen sie halt, dass nit gleich alle wieder auf die Straße rennen. Und is ja auch richtig. Ich sag immer, die Leute können ja mit mir tauschen. Wenn die unbedingt raus wollen. Ich mach meinen Job gern. Aber ich hab auch nen Garten zuhause. Und das war was, in den ersten Wochen nach dem Lockdown. Schön immer um zwei in die Hängematte. Und dann Buch und Feierabend. So war das.
Bisschen ausdünnen noch? Würd ich schon machen.
So ein Garten ist schon was tolles. Und die Luft ist ja jetzt auch so gut. Weil natürlich weniger Abgase. Und ich weiß gar nich, wann ich das letzte Mal so einen blauen Himmel gesehen hab. Als ich ein Kind war, wenn man da ein Flugzeug entdeckt hat, dann war das was besonderes. Das ist heute auch wieder so.
Und das kann doch so bleiben. Ja, oder nicht? Wenn am Tag mehr Flieger nach Majorca gehen, als Bahnen nach Düsseldorf. Dann is doch was verkehrt! Und klar is das schön, wenn was billig ist. Aber Easyjet für 20 Euro, hör mir auf. Deswegen fliegen sie doch auch nach Malle wie die Verrückten. Setzen sich aufn Strand und haben um zwei schon nen Kopp und nen Sonnenbrand. Und baggern die Frauen an. Ist doch wahr.
Wir gehen auf Majorca immer wandern, mein Mann und ich. Früher is unser Sohn noch mitgekommen, aber der fährt jetzt mit seiner Freundin. Und dann ruft er mich immer vorher an und fragt, Mama, wo seid ihr gelaufen dieses Jahr? Und das laufen die dann auch. Weil dat so schön is, da.
Ich tu jetzt nochmal den Nacken kürzen und dann sind wir fertig.

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Bergisch Babel I

Mettmanner Murmeleien (Warmlauschen)

„Der ist nicht da.“
„Hast du geklingelt?“
„Hab ich gerade.“
„Komm, klingel nochmal.“
„Der ist nicht da!“
„Alter, klingel.“
„Klingel du doch! Ich weiß, dass der nicht da ist.“
„Jetzt drück die Klingel, Alter. Mach!“
„Ich klingel ja schon!“
„Na also. Wenn du nicht klingelst, dann kann der auch nicht da sein.“

//

„Der Thomas hat ja ´ne eigene Band, ne? Aber der spielt jetzt nur noch sporadisch.“
„Was heißt das?“
„Na, einmal im Jahr.“

//

„Toastbrot, Leberwurst, Schoki. Und hast du die Bohnen?“
„Dosenbohnen.“
„Dosenbohnen?“
„Wegen Corona.“
„Zeig mal.“
„Hier. Sogar Bio.“
„Bio, bio. Gibt’s nichts normales?“
„Das ist normales!“
„Du wieder.“

//

„Und seit wann wohnt ihr da jetzt? Oktober?!“
„Wir dürfen auch nichts draußen abstellen, nichts. Nicht mal das Fahrrad. Schau ich nach draußen: Da stehen die anderen Fahrräder doch auch!“
„Da hätt’ ich keine Ruhe. Nee, da hätt’ ich keine Ruhe.“

//

„Ging ja vor allem darum, dass ich mich mal mit jemandem zusammensetze und ein bisschen quatsche.“
„Ja.“
„War schön gewesen.“
„Ja.“
„Frische Luft! Tut immer gut.“
„Ja. Ja.“
„Und ein paar Bierchen.“
„Das! Ja.“
„Naja, aber dann. Die Arbeit.“
„Oh ja.“
„Steckste nicht drin.“
„Ja. Nein.“
„Und bei dir? Alles gut?“
„Ja!“

//

„Michelle! MICHELLE! Der fährt nach OBEN!“
„Der fährt NICHT nach oben!“
„Doch, ey! Kom mal rüber jetzt!“
„Komm du rüber! Der fährt nicht nach oben, der fährt hier!“
„Nein, ey, jetzt guck doch mal! Guck da, ey, da fährt der, echt!“
„Ja, echt?“
„Da steht das doch!“
„Boah, ich bin so ein dummes Kind, ey!“
„Ja, komm jetzt! Du – oh. Entschuldigung. Entschuldigen Sie. Sagen Sie, ist der Bus Nummer 16 schon abgefahren?“

//

„Du, das ist die Monika, die trinkt so viel! Ich nicht.“
„Gar keinen Alkohol?“
„Doch! Doch, doch.“
„Ach so. Meine Schwester, die trinkt gar keinen Alkohol!“
„Der Prosecco?“
„Für mich!“
„Für mich!“
„Für mich!“
„Und noch vier Alt.“
„Drei! Ich kann das ja nicht verkraften. Krieg ich Kopfschmerzen. Und auch mit dem Magen, von der Säure her. Also, gemischt geht. Mit O-Saft!“
„Na dann? Auf die Gesundheit. Einschließlich Anhang, ne?“
„Prost.“
„Prost.“
„Prost.“
„Das ist interessant. Ich hab früher immer nur stilles Wasser getrunken hier.“
„Ja, deshalb hab ich für die Stimmung gesorgt.“

//

„Hömma, haste ma?“
„Ich hab doch selber nix.“
„Ist doch Quatsch. Ihr seid doch alle Millionäre!“
„Nee, ich hab nix. Sag mal, guck mich mal an?“
„Mil-lio-nä-re!“
„Dir hat doch einer auf die Nase gehauen?“
„Na sicher. Haste jetzt ma?“

//

„Jetzt doch nochmal: Christel oder Christa?“
„Christel.“
„Ach, ich dachte Christa!“
„So hab ich mich früher genannt.“
„Ach so, ja. Ist aber schon ein paar Tage her?“
„Ja, viele Tage.“

//

„Wissen Sie, von wem das ist?“
„Was?“
„Das.“
„Was?“
„Das Graffito.“
„Das?“
„Ja.“
„Na, das ist doch immer von irgendwem.“

//

„Ist genau wie bei mir! Der Meier macht Bauleitung. Der hat aber nie was an den Niklas weitergegeben. Und der Niklas natürlich …“
„Ich glaub, da ist die Mutter gestorben.“
„Vom Niklas?!“
„Ja.“
„Ach komm.“
„Dem sein Vater lebt auch nicht mehr.“
„Wirklich?“
„Geht schnell. Wie ist das bei dir?“
„Mutter wird 93. Ist aber schon fünf Mal tot gewesen.“
„Nein.“
„Doch. Die haben ihr jetzt was verschrieben. Zur Entwässerung. Sonst hätte sie wahrscheinlich schon die Augen zugemacht.“
„Na sicher. Na sicher.“
„Du. Ist der Zement jetzt durch?.“
„Der ist durch.“
„Dann nagel da mal noch schnell ´nen Nagel rein. Und dann machen wir Mittag.“
„Mittag?“
„Ja. Der Niklas jedenfalls, der kriegt vom Meier nie was, der Meier macht ja bei uns die Bauleitung, und deshalb hat der Niklas jetzt … Hörste?“

//

„Die haben mich nicht gefragt, ob ich einen Tausender könnte. Wollte.“
„…“
„Sind einfach vorbeigefahren!“
„…“
„Als würd sie das nichts angehen. Nicht interessieren!“
„…“
„Tja dann.“

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Sehen, Wissen und Staunen

Zwei Männer im Wald

Sehende:     Hörst du das? Da fließt ein Bach. Wie leise er fließt und doch irgendwie stark!

Wissende:   Das müsste der Diepensiepener Bach sein, sicher bin ich aber nicht. Es gibt hier einige Bäche: Den Stinder,                      den Hassel- und natürlich den Mettmanner Bach, den Schwarz- und den Angerbach, den Laubecker …

Beständig fließt der Bach. Dabei trällert er sein Lied, mutig und klar. Und während er so flüstert, da schwebt er vorbei an Erlen, an Pappeln, Brombeersträuchern und an Geschöpfen, die ihn zu verehren wissen. Der Bach schmilzt immer fort dahin und ist doch immer gleich, voller Zuversicht. Er verwandelt sich, zaubert und brennt; und ist immer gleich. Kein Hindernis ist ihm bekannt, der Bach bleibt er selbst. Kurvig tanzt er durch Tal und Land, nimmt kleine und große Steine mit, lässt andere liegen, bahnt sich den Weg, der ihm bestimmt. Die Leute versuchen ihn zu überholen oder ihn zu überbrücken, doch darüber kann der Bach nur spotten. Hörst du es auch? Jeder tropfen lächelt dich an, jeder Tropfen weiß alles.

Da gleitet ein Wasserläufer über den Bach, für ihn ist er ein reißender Strom, ein breiter Fluss aus zähflüssigem Blei; und der Wasserläufer hat recht. Der Bach ist stärker als du und ich, er hat keinen Anfang und kein Ende. Der Bach ist eins.

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Sehende:     Wie das duftet, ich liebe den Geruch von Gras. Irgendwie beruhigend, findest du nicht auch?

Wissende:   Da wird wohl einer gemäht haben.

Es wird vom Wind gestreichelt, das Gras. Wie gute Freunde strecken sich die Halme und wiegen sich gemeinsam in den Tag hinein und in die Feuchtigkeit. Ein Meer aus grün und glitzernden Spitzen, dicht an dicht, einander ähnelnd und doch alle verschieden. Und der Wind, der nimmt sie mit, er trägt sie auf seinen Schultern in die Welt hinaus. Das Gras und sein Duft, sie reiten auf dem Wind. Der Duft ist des Grases Sprache, hörst du es nicht auch? Es spricht vom Leben, vom süße, starken Leben, erzählt dir von seiner Mutter, der Erde, die ihn gebar und die ihm alles gibt, was es braucht. Mit einem Schmunzeln auf den Lippen sagt es dir, wie sehr es seinen Vater liebt, die Sonne. Seinen Vater, der es stets umarmt und ihm Kraft gibt. Und es streckt dir, während es davon berichtet, die Hand entgegen und gibt auch dir diese Wärme, die Liebe und das Vertrauen, das ihm stets zuteil wurde. Ruhe liegt in der Stimme des Grases, Ruhe und Gleichklang. Jedes Wort, das ihm über die Lippen schleicht, das sich um dich legt, sagt Erde und Wärme, sagt Leben.

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Sehende:     Wollen wir uns kurz hinsetzen, ich bin schon so müde. Vielleicht dort in den Schatten.

Wissende:   Willst du erschlagen werden, das ist eine Stieleiche. So eine Eichel auf den Kopf,                                                                      muss nun wirklich nicht sein!

Einmal hat sich ein Liebespaar unter meinen Armen geküsst. Das war schön! Danach waren die Zwei jedoch drauf und dran ihre Namen in mich zu ritzen, als würde das die Liebe offizieller machen. Der Bub hatte sein Taschenmesser vergessen, Glück gehabt. Wie lang das wohl her ist? 30 Jahre vielleicht? Was ich nicht schon alles erlebt habe in meinen 80 Jahren: Ganz klein war ich mal und hatte ja noch keine Ahnung von der Welt. Da habe ich noch so viel ausprobiert und meine Arme in alle Richtungen gestreckt, stets auf der Suche nach dem sonnigsten Plätzchen. Ein paar haben sie mir dann abgeschnitten, komisch diese Menschen. Jahr um Jahr bin ich gewachsen und irgendwann war es mir dann wichtiger die schon vorhandenen Arme zu stärken und auszubilden. Was habe ich da nicht für tolle Verzweigungen genommen und in manchem Jahr ein Blattwerk gehabt, dass der olle Farn von nebenan nur doof geschaut hat. Hin und wieder brüteten sogar Vögel in meiner Krone, so prächtig ist die. Nur schade, dass niemand meine Wurzeln sehen kann, denn eben so prächtig, wie ich mich gen Himmel strecke, wachse ich auch in den Boden. Puh da bekomme ich doch gleich wieder Durst.

Ich habe außerdem noch einiges vor mir! Ein Verwandter von mir wurde kürzlich erst 700 Jahre alt! Wer weiß, wie lange ich es mache?

Den Bub mit seiner Frau im Arm und dem vergessenem Taschenmesser, den gibt es dann jedenfalls nicht mehr.


Dieser Text entstand anlässlich der Lesung im Museum «Haus Dahl» im Oberbergischen Kreis. Thematisch ging es an diesem Tag um Einkehr und die Natur. Das Staunen wurde bereits in der Antike als Unterbrechung der Erwartung beschrieben und war für Platon der Beginn aller Philosophie. Die Romantiker des 18. und 19. Jahrhunderts würden das Staunen vielleicht als die Fähigkeit beschreiben, das Ganze und die Einheit hinter der Dinglichkeit der Natur zu sehen. Ihr Ziel war es, der Natur wieder näher zu kommen, gar mit ihr zu verschmelzen. Eben so wie die Romantiker das «Eins-Sein» anstrebten, lehnten sie die Trennung von Kunst und (Wissen)schaft ab und wollten die Gesellschaft durch diese Verbindung poetisch machen. Schlegel und Novalis nannten die Romantik deshalb eine «progressive Universalpoesie». In diesem Sinne:
Reicht es dem Menschen beim sonntäglichen Spaziergang den einen oder anderen Baum zu kennen?
In welcher Beziehung stehen wir heute zur Natur? 
Können wir sie noch bestaunen?

Mehr von Dimitri Manuel Wäsch

Game of S.K.A.T.E

«SKATE», nennt sich die Königsdisziplin des Duells auf dem Skateboard. Bei diesem Wettbewerb macht einer der beiden Teilnehmer einen Trick vor, der andere bekommt danach die Chance, diesen zu wiederholen. Schafft er es nicht, bekommt er einen Buchstaben. Zuerst das S, beim nächsten Scheitern das K, und so weiter, bis das Wort «Skate» ausgeschrieben ist. Insgesamt darf man sich also vier Fehler erlauben, beim fünften bekommt man noch eine zweite Chance, mit dem sechsten hat man verloren.

«Man fährt nicht gegeneinander, höchstens gegen sich selbst», sagt Sven Spierling-Meine, der Organisator des Skatecontests, welcher im Skatepark Stadtwald in Mettmann an einem Samstagnachmittag mal im Regen, mal unter Sonnenschein stattfindet.

Sven, selbst Skater seit seiner Jugend, arbeitet für das örtliche Jugendamt und genießt die Abwechslung des regulären Arbeitsalltags sichtlich.

Dieses Miteinander, welches Sven beschreibt, wird auch dem Laien sofort ersichtlich. Schafft einer den Trick nicht, wird er vom Gegner, Pardon, dem «Mit-Skater», sofort unter Applaus aufgemuntert, ein Raunen geht durch die Reihen, man freut und ärgert sich gemeinsam. Umso schöner ist es, wenn sich ein Duell zuspitzt, beide Skater hoch konzentriert sind und einander wieder und wieder übertreffen; es folgt stets frenetischer Jubel von allen Seiten.

Konzentration ist beim Skaten ein treffendes Stichwort, denn neben der körperlichen Leistungsfähigkeit, spielt sich dieser Nischensport vor allem im Kopf ab. Genauer: Im Frontallappen. Dieser Bereich des Gehirns, der grob gesagt hinter der Stirn liegt und den Säugetieren vorbehalten ist, nimmt unter anderem eine zentrale Rolle in Bereichen der Emotionsregulation, der Planung motorischer Abläufe, der Gedächtnisintegration, aber auch der Persönlichkeit und des Sozialverhaltens ein. Ferner wird diesem Hirnareal eine Wechselwirkung mit Achtsamkeit attestiert, welche unserer Entwicklung und dem Wohlbefinden dienlich, vielleicht unabdingbar ist.

In einer psychologischen Studie versuchten zwei Forscher von der Memorial Universität in Kanada (Seifert & Hedderson, 2009) eine Verbindung zwischen dem Skateboarden und der intrinsischen Motivation, sowie dem Zustand des «Flows» herzustellen. Ein jeder kennt das erfüllenden Gefühl des Flows, welches sich durch völlige Vertiefung und dem Aufgehen in einer Tätigkeit definiert. Der Studie zufolge stellte das Skaten bei den befragten und beobachteten Skatern eine Möglichkeit dar, selbst gesteckte Ziele auch unter Widrigkeiten und Rückschlägen zu verfolgen, dabei die Konzentration zu erhöhen und den Fokus der Aufmerksamkeit zu verringern. Diese Tätigkeiten führten zu intensiven Episoden der Flow-Erfahrung und böten eine emotionale Grundlage für den Erhalt von intrinsicher Motivation. Skater berichteten über das Erleben von Freiheit, Autonomie, Herausforderung und Erfolg.

Klingt das in Anbetracht unseres Alltagswahnsinns und der dazugehörigen Portion Informationsüberflutung nicht einfach nur traumhaft?

Soviel zur Wissenschaft hinter dem Board, doch woher kommt dieses Skaten überhaupt? Zu Beginn der 50er Jahre suchten findige Surfer in Kalifornien eine passende Alternative bei zu geringem Wellengang. Daraufhin packten diese ganz einfach Rollschuhrollen (roller skate wheels) unter Bretter, das sogenannte «Bordstein Surfen» war geboren und entwickelte sich bald zu einem eigenen, auf der ganzen Welt gefeierten Sport unter neuem Namen: Skateboarding.

Auch die Geschichte des Wettbewerbs «SKATE» hat seine Historie. Bevor ein jeder sich die Tricks und Kniffe im Internet anschauen konnte, war dies nicht nur ein Messen der Fähigkeiten, sondern mehr noch ein Austausch an theoretischem und praktischem Wissen. Man lernt schließlich voneinander. Heute findet man eine schier unendliche Bandbreite an sogenannten Skate-Tutorials, also Kanälen im Internet, welche eigens darauf spezialisiert sind, die Theorie des Skatens zu vermitteln. Die Theorie. Auf dem Brett stehen und «Bordstein Surfen» muss man immer noch analog und der Lernerfolg mit Freunden auf der Straße ist zum Besserwerden unerlässlich, da kann man noch so viel im unendlichen Internet surfen.

Und das ist es auch, was an diesem Samstagnachmittag am meisten imponiert. In einer Welt der Bildschirme trifft man hier auf junge, sportliche Menschen, die ein Miteinander pflegen und leben. Auch die älteren, zunächst verdutzten Zuschauer, welche sich heute zum Skateplatz verirren, merken sofort, dass diese Freude und dieses Lebensgefühl einen schönen Kontrast zu den im Mobilfunktelefon vergrabenen Köpfen ergibt.

Ganz abgesehen von den zahlreichen Blessuren und gröberen Verletzungen, die bei extremer Ausführung, dies sei nicht unerwähnt, mit dem Skaten einhergehen, ist dies ein Training für den ganzen Körper. Rutscht einmal ein T-Shirt nach oben, oder wirft man einen Blick auf jene Burschen, die ohnehin oberkörperfrei unterwegs sind, muss man sich sofort entscheiden, vor Neid zu erblassen oder anerkennend den Kopf zu schütteln. Nun gut, wahrscheinlich beides.

Und so rollt der Tag im Mettmanner Skatepark dem Abend entgegen, mit ihm junge Männer auf Brettern, die lachen, schwitzen, fallen und aufstehen, die mit sich und miteinander in Kontakt stehen und bei all dem auch noch unglaublich cool aussehen.

Glauben Sie daran, dass es nie zu spät ist, etwas Neues zu beginnen? Neal Unger ist 60 Jahre alt und bezeichnet sich selbst als einen Anfänger. Und eines steht fest. Wenn Sie mit einem Board im Skatepark Stadtwald in Mettmann auftauchen, treffen Sie auf junge Leute, die sich freuen werden die Leidenschaft für das Skateboarden mit Ihnen zu teilen.

Ihr Körper und Geist werden es Ihnen danken.

Mehr von Dimitri Manuel Wäsch