#mein muensterland – Interview mit Regionsschreiberin Claudia Ehlert

Das Projekt stadt.land.text NRW 2017 geht zu Ende. Vier Monate lang waren zehn Regionsschreiberinnen und Regionsschreiber dank des Jubiläums 20 Jahre Regionale Kulturpolitik NRW in den zehn Kulturregionen des Landes unterwegs. Sie haben sich dem Alltag und der kulturellen Vielfalt NRWs auf ganz unterschiedliche Weise schreibend genähert und so einen anderen Blick auf die Besonderheiten und Alltäglichkeiten der zehn Regionen geworfen.

Claudia Ehlert war im Münsterland unterwegs. Mit ihrem Campingbulli. Vier Monate lang on the road das Münsterland im wahrsten Sinne des Wortes erfahren und via Logbuch online einen Einblick in ihre Erlebnisse geben – das war ihr Projekt. Dabei standen abgelegene Orte und damit verbunden Menschen in Bewegung im Mittelpunkt ihres Schreibens und Fotografierens. Zum Abschluss stellen wir all die Fragen, die gerne (öfter) hätten gestellt werden dürfen. Ein exklusives Interview für stadt-land-text.de mit der Regionen-, pardon, Regionsschreiberin des Münsterlandes:

SLT:        Na, wie is?

Ehlert:   Joa, ne. Und selbst?

SLT:        Jo.

An dieser Stelle ist das Interview für alle Westfälinnen und Westfalen beendet und alles Essenzielle gesagt. Für die anderen, die gerne viele Worte machen, geht es an dieser Stelle weiter:

SLT:        Vier Monate lang im Bulli unterwegs. Leben, arbeiten und schlafen im Campervan. Da fragen sich unsere LeserInnen natürlich: Wo duscht man eigentlich?

Ehlert:   So viele Vorteile das Leben in Bewegung hat – ein eigenes Bad mit Wanne und Dusche gehört tatsächlich nicht dazu. Wenn ich im Bulli übernachtet habe (Ich habe nach wie vor meine kleine Wohnung in Münster behalten. Hat man erstmal eine schöne bezahlbare Wohnung in Münster gefunden, gibt man sie nicht so einfach her), geschah dies auf Stellplätzen oder Campingplätzen. Um die Illusion des viral gehenden Bildes von historischen Bullis an stillen Waldseen und inmitten wilder Wiesen in nostalgischen Sepiatönen mal gleich zu Beginn zu zerstören. Ich saß übrigens auch nicht bei Sonnenuntergang auf dem Dach des Bullis oder habe vor der geöffneten Seitentür im Morgengrauen Yoga gemacht. Stichwort: #therealvanlife. Stellplätze, oder auf Parkplätzen ausgewiesene Wohnmobil-Stellflächen, liegen praktischerweise in der Regel in der Nähe von Frei- oder Hallenbädern. Campingplätze bieten ihren BesucherInnen sanitäre Anlagen zur Benutzung an. Für 50 Cent haben Sie dann drei Minuten warmes Wasser. Für die 5-Minuten-Haarkur müsste man also aus der Dusche rausschlappen und noch eine Münze nachwerfen.

SLT:        Der Bulli und Sie: „Gefährt und Gefährte“ Ihres Road Trips, haben Sie in einem Ihrer Einträge Ihre Beziehung beschrieben. Eine noch recht junge Beziehung, wie uns berichtet wurde. Nach vier Monaten intensiver Kennenlernzeit auf engstem Raum – die erste Verliebtheit vorbei? Knirscht es auch mal im Getriebe?

Ehlert:   Frisch ist die Beziehung in der Tat noch. Anfang des Jahres haben wir uns kennen gelernt. Während der Ausbauphase, die mehrere Wochenenden in Anspruch genommen hat, ist der T5 allerdings bereits ein Teil der Familie geworden. Der große Testlauf startete im Mai, als wir in 18 Etappen bis zum Nordkapp und zurück unterwegs waren. Kleinere Missstimmungen gibt es ja in jeder guten Beziehung – ein fiepender Ladebooster, ein röhrender Lüfter – aber der große Streit blieb da aus. Umso erschrockener war ich, als der ‚Neue‘ gleich im ersten Monat im Münsterland unweit der Burg Hülshoff plötzlich ausfällig wurde. Die leuchtende Motorkontrollleuchte hat mich die ganze Partnerschaft auf einen Schlag in Frage stellen lassen. Was, wenn er jetzt hier stehen bleibt? Muss ich dann doch alleine weiter?

SLT:        Hatten Sie eigentlich keine Angst?

Ehlert:   In diesem Moment tatsächlich schon. Vor allem vor den Menschen um einen herum. So viele potentielle helfende Hände, die es zu enttäuschen gilt. Menschen, die einen beim rückwärts Ausparken einweisen, die einem bereitwillig den Weg zeigen, die mit eigenen Erlebnissen zur Stelle sind. Leider kann man nicht jede Hilfe annehmen. Noch dazu, wenn man durch die eigene nunmehr zehnjährigen Fahrerfahrung auf einen Vorrat an angesammeltem und erlerntem Wissen zurückgreifen kann.

SLT:        Sie sagten ja in einem Interview zu Beginn des Projekts, dass der Bulli die Menschen anzieht, dass er wie ein Katalysator für Gespräche ist. Scheinbar auch für Hilfsbereitschaft. Was ist noch besonders am Erfahren der Region mit einem Bulli?

Ehlert:   Der Bulli macht das Aufsuchen bestimmter Orte, so, wie ich sie kennenlernen konnte, erst möglich. Orte, die ab vom Schlag liegen, hatte ich mir zum Ziel gesetzt. Das waren Orte, die vielleicht nicht so präsent sind in der Wahrnehmung des Münsterlandes, weiße Flecken auf der kulturellen Landkarte. Aber das waren auch ganz buchstäblich Orte, die mit öffentlichen Verkehrsmitteln gar nicht oder nur bedingt erreichbar sind. Der Blick durch die Windschutzscheibe, er verstellt nicht die Sicht auf die Region. Er öffnet ihn auch nicht unbedingt. Er schlägt sich aber in seinem Festhalten nieder. Er ist – nur oder gerade eben – ein anderer.

SLT:        Sie leben und arbeiten seit einigen Jahren aufgrund Ihres Studiums in Münster. Wie hat sich Ihr Blick auf das Münsterland durch die letzten vier Monate verändert?

Ehlert:   Ich glaube, durch die andere Art der Fortbewegung hat sich mein Blick vor allem geweitet. Die Erfahrung habe ich schon mit Beginn des Projekts, mit der ersten Parkplatzsuche in Münster gemacht. Münster ist DIE Fahrradstadt. Und egal, wie lange man schon dort wohnt, wie gut man sie zu kennen glaubt: das erste Mal mit dem Auto richtet den inneren Stadtplan völlig neu aus. Bekannte Orte, das Festival in Beelen, das Kloster am Emsradweg, sehen aus dieser Perspektive ganz anders aus. Auch mir zuvor unbekannte Orte sehen mit dem Blick der Regionsschreiberin anders aus. Dem mehr und mehr vernetzten und vernetzenden Blick.

SLT:        Nach welchen Kriterien haben Sie die von Ihnen besuchten Orte ausgewählt? Wie sind Sie vorgegangen?

Ehlert:   Die Zusage für das Stipendium kam, mitsamt der zugeteilten Kulturregion, Ende März diesen Jahres. Neben diversen Presseanfragen habe ich mich mit dem Projekt also bereits durch Recherche im Vorfeld zeitintensiv beschäftigt. Die Recherchen begannen bei Gesprächen mit Familie, FreundInnen und KollegInnen, dem Querlesen von (Auto-, Fahrrad-, Wander-, allgemeinen) Reiseführern älteren und neueren Datums, gingen über alle Broschüren, derer ich in der Touristeninformation in Münster habhaft werden konnte, diverse Materialien und Hinweise des Teams um das Kulturbüro des Münsterland e. V.s, bis hin zu teils in Details ausufernden Internetrecherchen. Wie mit Sicherheit auch in den anderen neun Kulturregionen gibt es im Münsterland eine Vielzahl von Kulturinstitutionen, Vereinen, KünstlerInnen, Tourismuseinrichtungen, Unternehmen und deren Social Media Plattformen und, nicht zuletzt, anderer Blogs, die sich mit der Region und Kultur in allen Facetten beschäftigen.

SLT:        Spielte auch die Literatur der Region eine Rolle? Ist da doch irgendwo das Studium der Literatur- und Kulturwissenschaft mit eingeflossen?

Ehlert:   Mich hat während der Stipendiumszeit Literatur aus Westfalen und dem Münsterland begleitet. Klassiker, wie Jägersbergs Weihrauch und Pumpernickel, Denneborgs Das Wildpferd Balthasar oder Wincklers Der tolle Bomberg. Aber auch Jüngeres. Otrembas Über uns der Schaum oder Etgetons Rucksackkometen. Viele Autorinnen und Autoren stammen aus dem Münsterland, bzw. Westfalen, leben hier oder machen hier mal wieder Station, mit Blick auf die Beckumer Berge. Auch aus diesen Texten und Begegnungen habe ich Ideen für weitere Texte, weitere Orte entwickelt. Letztlich kann man sagen, ich habe viele Orte des Münsterlandes gesehen. Und über die geschrieben, die mich irgendwie gepackt haben, mit denen ich etwas anfangen konnte. Hat mich an einem Ort nichts gepackt, ist kein runder Text entstanden. Und ich konnte fortfahren.

STL:        Sind Ihnen bestimmte Orte besonders im Gedächtnis geblieben? Empfehlungen für den Kurztrip? Das Wochenende? Die Ferien im Münsterland?

Ehlert:   Ich war an sehr unterschiedlichen Orten. Sei es tief im Untergrund, in den Kellern des Münsterlandes, ebenso wie auf seinem Balkon. Oftmals waren es Orte, wo die Vergangenheit sichtbar ist und auf die Gegenwart, manchmal auch auf die Zukunft trifft. Ich war an Grenzen, wo Konzepte bröckeln und sich zersetzen. Wo sie hinterfragt werden. Müssen. Wer durch meine Texte von mir besuchte Orte aufsuchen möchte – gerne. Vermutlich wird man sie, einmal selbst vor Ort, aber ganz anders wahrnehmen. Es ist ja nun doch – nur oder gerade eben – EINE Perspektive.

SLT:        Was nehmen Sie von den verschiedenen Begegnungen, von denen Sie in Ihren Texten erzählen, vor allem mit?

Ehlert:   Die Menschen, denen ich begegnet bin, sind tatsächlich sehr unterschiedlich gewesen. MünsterländerInnen und Zugezogene oder BesucherInnen, Kinder und Erwachsene, KünstlerInnen und KulturvermittlerInnen, Kulturinteressierte und nicht-so-aber-dann-doch-Interessierte, KulturmanagerInnen, PolitikerInnen, MitarbeiterInnen der Presse verschiedenster Medien. Es waren viele tolle Begegnungen. Inspirierend, bereichernd, prägend. Engagierte und sympathische Menschen, die oft weit mehr tun und leisten, als das, was von ihnen bspw. jobtechnisch verlangt wird. Oftmals. Manchmal auch weniger.

Kunst und Kultur ist wichtiger Bestandteil der Region. Im Gespräch mit verschiedenen KünstlerInnen habe ich immer wieder die Erfahrung gemacht, dass sich von der künstlerischen Tätigkeit allein in der Regel aber nicht leben lässt. Entweder gibt es einen Job zur Sicherung des Lebensunterhalts. Oder aber das Angewiesen-Sein auf Stipendienprogramme. Alle Menschen, die ich getroffen habe, hatten eines gemein: die Bewegung. Im Alltag, in der Freizeit, im Job, im Privatleben. Und man kommt mit Ihnen ins Gespräch – wenn man aufrichtig interessiert ist und bereit, sich Zeit zu nehmen.

SLT:        In diesem Sinne: Vielen Dank für Ihre Zeit!

Ehlert:   Nich dafür!

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A Privileged Place

Ort: Münster | Datum: Sa, 10.06. – Fr, 01.10.2017 | Wetter: Entweder es regnet, oder …

Nairy Baghramian: Privileged Points. Hinterhof Erbdrostenhof, Münster. Skulptur Projekte Münster 2017.Ein Urzeittier. In Teilen. Wie ein aufgebockter Tausendfüßler harrt es im Hof. Ein Stück Saurierskelett. Gebrochenes Rückgrat. Zur Schau gestellt. Hinter Mauern und eisernen Toren, zu besichtigen, täglich von 10.00 bis 20:00 Uhr, freitags bis 22:00 Uhr. „Ich weiß, was das ist. Wie heißt das Tier nochmal?“ Trauben von Menschen stehen um das Grau herum oder sitzen auf dem Weiß. Picknicken. Pausieren. Führungen auf Deutsch, Englisch, Holländisch. Gezückte Smartphones. Ein vorübergehendes Labyrinth von abgestellten SP-Leihrädern.

Das neonrot leuchtende Logo weist den Weg auf den Vorplatz und in den Hinterhof. Von der Salzstraße oder vom Servatiikirchplatz aus durch ein Tor zu betreten. Die Skulptur im Freien. Die Verbindungsachse aber durchzieht das Portal, das Gebäude. Wer den Erbdrostenhof betreten will, läuft einen kleinen Schlenker. Die Skulptur bedeutet einen Umweg. Eine Verzögerung. Wenn auch nur minimal. Ein Guide im Regiestuhl – vor dem Gebäude, dahinter, bei Regen auch mal darin oder unter dem Balkonvorsprung des Saals. Ein Aufblicken vom gewohnten Weg.

„Eine Skulptur ist das, was im Wege steht“Ayşe Erkmen: On water. Stadthafen 1, Münster. Skulptur Projekte Münster 2017.

Nicht Touristin, nicht Einheimische, schaue ich den Suchenden beim Suchen zu. Der tastende Blick, der sich vom Stadtplan löst, über die auf Asphalt gesprayten Logos und Pfeile streift und die Straßenzüge und Gebäude mustert. Soll man ihnen sagen, wo die Skulptur steht? Schmunzeln. Und dann wieder Stirnrunzeln. Ob des ganz selbstverständlichen Betretens ansonsten anderen vorbehaltener, abgelegener oder unbeachteter Orte. Die Skulptur und ihre AnhängerInnen als Eindringlinge im Gewohnten, Ruhigen, Vorgeformten. Ziehen die Blicke auf sich. Noch immer wirken sie fehl am Platze. Ich versuche, Orte aufzusuchen, die mir weniger vertraut sind. An denen sie nicht wie Fremdkörper im gewohnten Bild wirken.

Mika Rottenberg: Cosmic Generator. Gartenstraße 29, Münster. Skulptur Projekte Münster 2017.Das Schild springt nicht ins Auge. Trotz leuchtendbunter Birnchen. Unweit des Asia-Shops wieder ein obligatorisches SP-Fahrräder-Labyrinth. Beim Betreten des Ladens zur Rechten eine Frau hinter der Theke. Ist sie Verkäuferin? Der Laden doch noch in Betrieb? In den Regalen stehen Produkte. Kitsch. Lametta, lachende Eier, Ananas-Schwimmreifen. Ohne die anderen, unsicher ein- und auftretenden Suchenden, hätte ich die Dame vielleicht gefragt, ob ich wirklich richtig bin. Mika Rottenberg: Cosmic Generator. Gartenstraße 29, Münster. Skulptur Projekte Münster 2017.Ob ich einfach so eintreten darf. Nur, um mal zu gucken. Schmale Gänge. Regale bis zur Decke. Spinnweben wiegen sich im Takt des schwenkenden Standventilators. Im verdunkelten Raum zur Straße hin schaut man in die Röhre. Bis nach Mexiko.

„Kunst als Ausflug?“

Kunst im öffentlichen Raum. Skulpturen auf dem Weg zur Uni, dem Weg zur Arbeit, dem Weg zum Einkaufen. Was passiert, wenn man sie vom Sockel hebt? Macht es sie nahbarer? Oder senkt es die Hemmschwelle? An der Promenade im Schatten des Buddenturms rollen die Köpfe, kriecht fremde Farbe den Rücken hinauf. Oder die sandfarbene Museumswand, außen, neben der Treppe. „Die Schlange wurde nach Drinnen verlegt.“ Vielsprachige Schlange von Menschen. Schilder wie im Freizeitpark an der Hauptattraktion. „Ab hier noch 30 Minuten.“ Freier Fall? Loopings? Endzeitstimmung ohne Eis! Unweit des Aasees Sprünge im LED-Panel. Ei Arakawa: Harsh Citation, Harsh Pastoral, Harsh Münster. Wiese vor Haus Kump, Mecklenbecker Straße 252. Skulptur Projekte Münster 2017.Harsh Münster? Den Weg übers Wasser versperren des Nachts Metallzäune mit spitzen Zacken.

Was geht, was kommt wieder – nur woanders – und was bleibt? In vier oder fünf Jahren könne man erst etwas über die Wirkung der diesjährigen Skulptur Projekte sagen, so der künstlerische Leiter Kasper König in einem Interview mit Ulrike Timm für den Deutschlandfunk. Als ich nach dem Abbau der Skulpturen erneut den Weg zum Erbdrostenhof einschlage, ertappe ich mich dabei, wie ich einen kleinen Schlenker laufe. Statt den geraden Weg zu nehmen. Ich blicke auf.

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Tag der Wahl

Ort: Münster | Datum: So, 24.09.2017 | Wetter: diesig bis sonnig, 13°C

Es ist Sonntag. Um kurz vor 7:30 Uhr brennt im Foyer der Grundschule Licht. „Herzlich Willkommen“. Die Tür ist geöffnet. Hier treffen heute drei Wahlbezirke Münsters aufeinander. In meinem Wahlbezirk sind wir sechs WahlhelferInnen. Drei für die erste, drei für die zweite Schicht. Wir begrüßen uns, stellen uns kurz vor, werden auf einer Liste abgehakt. Alle da. Wir werden belehrt. Keine Parteinahme während der Ausübung des Ehrenamts. Keine Parteisymbole auf der Kleidung. Ich schaue an mir herunter: grauer Pullover, blaue Jeans. In Ordnung.

Wir bereiten das Foyer für die Wahl vor, kleben eine Karte der 334 Wahllokale Münsters an die Backsteinwand, neben die Klassenfotos der GrundschülerInnen. Stadtbezirke, Wahlbezirke, Standorte der Wahllokale. Die grauen Straßen werden von blauen Linien durchschnitten, die sie in gerade und ungerade Hausnummern, stadtein- und stadtauswärts teilen. Je näher der Blick zur Kartenmitte, zur Altstadt, wandert, desto mehr blaue Cuts, desto mehr rote Punkte. Überwiegend sind Schulen die Orte der Wahl.

Außerdem hängt aus: ein Muster des Stimmzettels „für die Wahl zum deutschen Bundestag im Wahlkreis 129 Münster am 24. September 2017“. 13 Wahlmöglichkeiten für die Erststimme. In Schwarz. 23 Wahlmöglichkeiten für die Zweitstimme. In Blau. Auf Recycling-Papier. Hinter der kleinen Holzbühne an der Wand des Foyers hängen papierne Schuhe an einer Leine, alle gleichförmig. Aber jeder anders bunt bemalt. Davor stehen heute die Wahlkabinen. Auch in ihnen aufgehängte Zettel. Sie fordern dazu auf, keine Selfies mit ausgefüllten Stimmzetteln zu machen.

Um Punkt 8:00 Uhr betreten die ersten Wahlberechtigten das Foyer. Eine junge Frau und ein älteres Paar. Auch ich gebe meine Stimmen ab und mache mich dann vorerst auf den Heimweg. Über 40% meines Wahlkreises haben in den letzten Wochen bereits per Briefwahl gewählt. Viel Andrang wird demnach nicht mehr erwartet. Als ich zu der Nachmittagsschicht zu 13 Uhr zurückkehre, drängen sich bereits über drei Zeilen auf der Strichliste – die Anzahl der abgegebenen Stimmzettel. Noch weitere fünf Stunden sind die Wahllokale geöffnet.

Die älteste Wählerin an diesem Nachmittag ist 94, sagt mir ihre Begleitung. Außerdem eine Erstwählerin, wie mir deren Begleitung ebenso stolz verkündet. Ganze Familien gehen wählen (bis zum Alter von sechs Jahren darf man mit in die Wahlkabine), dazu Kinderwagen, Laufräder und Kick-Boards. Einige Kinder ziehen ihren Anhang hinter sich her, zeigen auf Gebasteltes. „Das hab ich gemacht!“ Eine ältere Dame glaubt, in der Gummibärenmischung auf unserem Tisch zeichne sich bereits „rot-grün“ ab. Ich sitze an der Urne und zähle die Stimmabgaben. Bedanke mich für jeden eingeworfenen Wahlschein. Ein paar bedanken sich auch bei mir.

Wie das für uns ist, fragt ein älterer Herr, bei einer Wahl zu helfen, bei der man die AfD wählen könne. „Wir sind unparteiisch“, entgegne ich.

Als ich gegen 18:00 Uhr den letzten Strich auf meiner Liste mache, waren es 528 Wählende. In Anzug, Abendkleid, Fahrraddress oder Jogginghose. Eine Wahlbeteiligung von über 80%. Ein gutes Gefühl. Je mehr, desto besser, desto demokratischer, denke ich. Die Auszählung findet öffentlich statt. Die Tür zum Foyer bleibt die ganze Zeit geöffnet. Die Öffentlichkeit scheint die Ergebnisse allerdings von zuhause aus zu verfolgen. 528 Stimmzettel. Das Auseinanderfalten der Stimmzettel erinnert mich an das Auseinanderfalten von Losen auf der Kirmes.

Fast zwei Stunden sortieren und zählen wir aus. Erst die übereinstimmenden Erst- und Zweitstimmen, dann die Zweitstimmen, dann die Erststimmen. Jede Zahl wird gegengeprüft. Wird in eine Liste eingetragen. Gestapelt, in Umschläge gepackt und versiegelt. Per Telefon werden die Ergebnisse durchgegeben, bevor alle Dokumente direkt zur Stadt gebracht werden. Die leeren Urnen werden später abgeholt. Stühle und Tische werden zusammengeräumt. Als die Auszählung beendet ist, lese ich die ersten Nachrichten von Freunden. Als ich gegen 20 Uhr zuhause bin, schalte auch ich die Nachrichten ein.

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Einblicke und Ausblicke

Ort: Zwischen Haus Rüschhaus und Burg Hülshoff | Datum: Sa, 29.07.2017 | Wetter: sonnig und bewölkt, 21°C

Von dem Fenster über den Ställen, links von dem weißen zweiflügeligen Tor, konnte die Droste den Hof überschauen. Ein Schritt ans kleine Fenster, ein Blick hinaus aus ihrem „Schneckenhäuschen“. Wenn Hufschlag oder Kutschengeklapper nahte, die Gräfte überquerte und auf dem Vorplatz zum Halten kam. Noch bevor die Küche unten betreten wurde und Stimmengewirr durch ein weiteres Fenster in ihre Stube drang, wusste sie bereits, wer den Hof besuchte. Heute hätte sie uns auf dem kopfsteingepflasterten Vorplatz beobachten können, wie wir die Fassade betrachten. Eine Begegnung der Blicke.

Vor uns liegt das Rüschhaus mit seinen zwei Gesichtern. Hierhin zog die Droste mit 29 Jahren nach dem Tod ihres Vaters, erzählt mir Jochen. Der Bruder Werner übernahm den Familiensitz und Geburtsort der Droste, die Burg Hülshoff. Das herrschaftliche Wasserschloss. Annette und ihre Mutter sowie ihre Schwester Jenny wurden, letztere bis zu ihrer Hochzeit, in der von Johann Conrad Schlaun gebauten Sommerresidenz sesshaft. Ein Landsitz mit großem Bauerngarten und Obstbäumen. Mit barocker Pracht im Gartensaal und westfälischem Schinken in der Küche.

Die Droste erkundete die Landschaft, machte sich oft auf zur fünf Kilometer entfernten Burg. Nicht mit der Kutsche. Jochen erklärt mir, dass das Rüschhaus keine eigene Kutsche besaß. Für besondere Gelegenheiten wurde eine geliehen. Annette war meist zu Fuß unterwegs. Ich muss an Jane Austens Stolz und Vorurteil denken. Die Droste als Lizzy Bennet mit Rocksäumen voller Erde und Kletten? Ihr Blick auf Natur und Umgebung sind in jedem Fall prägend für einen Großteil ihres literarischen Werks. Auch in ihren Briefen berichtet die Droste immer wieder von ihren Ausflügen. Wer ihr Werk kennt, kann auch heute Bezüge zur Landschaft ausmachen.

Du starrtest damals schon
So düster treu wie heut‘,
Du, unsrer Liebe Thron
Und Wächter manche Zeit;

(Aus: Die Taxuswand)

Libellen zittern über ihn,
Blaugoldne Stäbchen und Karmin,
Und auf des Sonnenbildes Glanz
Die Wasserspinne führt den Tanz;

(Aus: Der Weiher)

Während Haus Vögeding so aussieht, als könnten die Droste und Levin Schücking gleich um die Ecke biegen, um hier zu Rasten und eine Creme aus Gänseeiern zu essen, hat der Hof Hüerländer seinen Standort wegen des Baus der Autobahn seit der Erwähnung in den Briefen der Droste geändert. Hier wird Minigolf gespielt, als wir den Weg entlangkommen. Ein Stück renaturierte Münstersche Aa hingegen könnte sich dem, was die Droste damals gesehen hat, wieder annähern. Als sie dort bei Hochwasser gestanden und abgesehen hat, ob die Überquerung des Flusses auf ihrem Weg zur Burg möglich ist. Ein Raum im Wandel.

Entlang von Weihern, Wiesen und Waldstücken. Stromtrassen, Windkraftanlagen und der Autobahn. Panoramen und Details. Schweifender und fokussierter Blick. Hier wird demnächst auch ohne kundige Führung ein Einblick in Werk und Welt der Droste sowie darüber hinaus möglich sein. Zwischen Gräftenhof und Wasserschloss soll eine Droste-Landschaft entstehen. Ein Raum des Dialogs. Zwischen Landschaft und Literatur. Zwischen Werk und Rezeption sowie der künstlerischen Auseinandersetzung durch Autorinnen und Autoren der Gegenwart. Aber auch mit Blick auf die Veränderungen von Natur und Kulturlandschaft. Wandel und Brüche.

Nahe der Burg überqueren wir einen kleinen Bach. Hier hat zu Zeiten der Droste eine Wassermühle gestanden, die sie mit ihren Geschwistern in der Kindheit oft aufgesucht hatte. Sie haben in der Bruchlandschaft gespielt. Eine unbeschwerte Kindheit, wie in Bullerbü? frage ich Jochen. Na, dann aber doch auch mit einer Portion Jane Austen. Die Droste nahm auf der Burg am Unterricht ihrer jüngeren Brüder teil. Unüblich für die Zeit, aber die Eltern bestanden darauf, dass auch die Tochter gefördert wurde. Nichtsdestotrotz hatte man sich als Anna Elisabeth Franzisca Adolphine Wilhelmine Louise Maria von Droste-Hülshoff zu verhalten.

Wir folgen schließlich dem Verlauf der alten Allee des Anwesens, die auf ein weißes Tor zuläuft. Wenn die Droste-Landschaft fertig ist, wird dieses Tor geöffnet. Heute gewährt es zumindest schon mal einen Einblick in das Dahinter.


Dr. Jochen Grywatsch, Leiter der Droste-Forschungsstelle und Geschäftsführer der Annette von Droste-Gesellschaft, hat mir Einblicke in Leben und Werk der Droste und ‚ihre‘ Landschaft gegeben. Außerdem einen Ausblick in die geplante Droste-Landschaft und den Ausbau der beiden Dichterorte. Haus Rüschhaus in Münster-Nienberge und die Burg Hülshoff in Havixbeck sollen durch die Annette von Droste zu Hülshoff-Stiftung unter der Federführung des LWL zu einem Droste-Kulturzentrum und Zukunftsort Literatur ausgebaut werden.

Die Zitate aus dem Werk Annette von Droste-Hülshoffs sind dem Droste-Portal entnommen.

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Into the Wild. Auf den Spuren H. D. Thoreaus

Ort: Münster | Datum: Di, 04.07.2017 | Wetter: Sonne und Wolken, 20°C

„Die Kernvorführung ist mitten im Wildnisbereich des Schlossgartens angesiedelt, also keine Gewährleistung für naturbedingte Risiken.“ Das auf 44 Köpfe begrenzte Publikum begibt sich an diesem Abend als erstes auf die Spuren von „Aussteiger, Naturfreund, Freigeist und Rebell“ Henry David Thoreau. Direkt hinter dem Schloss Münster. Unmittelbar vor den Stufen dieses Monuments Schlaunscher Baukunst soll gleich die Wildnis beginnen. Und die Stille. Keine Handys, keine Gespräche. Solitude and Silence.

Eine ambivalente Stille: ein Chor übt mehrstimmigen A-cappella-Gesang auf der Rasenfläche zwischen Schloss und Botanischem Garten. Vom Vorplatz dringt Stimmengewirr und Musik vom Protestcamp des Asta, der auf die Knappheit von bezahlbarem Wohnraum in Münster aufmerksam machen will. Alles wird Teil der Inszenierung. Auch die Umwelt und der Weg hin zur Ausgrabungsstätte. Die schlürende Amsel am Wegesrand ebenso wie die Spiegelung im Oktogon und der Trampelpfad, der uns zum Ort des Geschehens führt. Zu den Überresten der Hütte am Walden Pond.

Graben im geistigen Untergrund

Die Ausgrabung – Operation Thoreau hat einen abgelegenen Ort mitten in der Natur der Großstadt geschaffen. Die Brennnesseln ragen mannshoch in die Lichtung, es riecht nach Anti-Mückenspray und aufgeworfener Erde. Außengeräusche sind auch hier noch vernehmbar, aber seltsam gedämpft. Vogelgezwitscher wirkt dafür umso lauter. Carsten Bender und Stefan Nászay treten als Archäologen auf, die in Thoreaus Erbe graben. Zitate aus dem Werk des Aussteigers fliegen durch die Szenerie wie Erdbrocken. Nachdenklich, verzückt, leidenschaftlich graben sie sich in den Untergrund.

wo ich lebe. wofür ich lebe.

In was für einer Gesellschaft möchte ich leben? Welche Aufgabe kommt der Regierung zu? Sollten nicht alle Menschen dieselben Rechte haben? Diese Fragen sind für Thoreau unmittelbar mit dem weitgehenden Rückzug aus der ihm gegenwärtigen Gesellschaft verbunden. Der 28Jährige zieht am 4. Juli 1845, dem Amerikanischen Unabhängigkeitstag, in ein selbstgebautes Blockhaus in den Wäldern von Concord, Massachusetts.

Ein Selbstexperiment. Zwei Jahre, zwei Monate und zwei Tage treiben den Schriftsteller in der Wildnis seine Gedanken zu Gesellschaft und Natur um. Sie finden Eingang in sein zeitgleich entstehendes, weltbekanntes Werk Walden or Life in the Woods (1854). Ein Werk, das Viele nach ihm zu alternativen Lebensentwürfen inspiriert hat. Filmische und literarische Road Trips sind vom Geiste Thoreaus beseelt. Ob er wohl heute mit einem Bulli durch Neuengland fahren würde?


Wilm Weppelmann und Manfred Kerklau haben den 200. Geburtstag des amerikanischen Schriftstellers zum Anlass genommen, Henry David Thoreaus Gedankenwelt in einer künstlerischen Ausgrabungsstätte neu zu entdecken. Die Uraufführung im Schlossgarten Münster und das Stück Wildnis mitten in der Stadt sind noch bis zum 16. Juli 2017 zu sehen.

Die Ausgrabung – Operation Thoreau ist eine Produktions-Kooperation des Kulturgrün e. V. und der MAKE Theaterproduktion. Weitere Informationen finden sich auf der Website des Projekts. Die Zitate sind ebenfalls der Website entnommen.

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Münstersche Meditation

Ort: Münster | Datum: Mo, 03.07.2017 | Wetter: durchwachsen, 22°C

Ich drehe die erste Runde mit dem Bulli um den Block. Vier Straßen um den schilfgesäumten Teich mit Rasenfläche und Bank-Mülleimer-Kombi. Ich zähle rundum. Bullis: drei. Der Trend zum Campervan scheint auch in Münster Mauritz sichtbar. Das wilde Leben on the road griffbereit direkt vor der Haustür. Zumindest von April bis Oktober, so geben die Saisonkennzeichen Auskunft. Ich zähle weiter. Freie Parklücken: null.

Die Erfindung des Automobils veränderte das menschliche Verhältnis zu Raum und Zeit. Autofahren in Münster denkt diese Relation nochmals neu. Jahrelang habe ich die Promenade und den Prinzipalmarkt täglich überquert – auf zwei Rädern. Der Blick durch die Windschutzscheibe eröffnet mir nun ein ganz anderes Bild von Münster. Ich muss meine innere Karte neu ausrichten, überschreiben. Einbahnstraßen, Sackgassen, Sperrungen für den Pkw-Verkehr.

In Münster fährt man Fahrrad.

Ich drehe die zweite Runde um den Block und stelle fest: Autofahren in Münster hat eine ganz andere Dynamik als zweirädrige Fortbewegung. Wo die Motoren stoppen, treten die Radler in die Pedale. Der Berufsverkehr schleicht morgens in die Stadt hinein und abends wieder hinaus. Dann braucht es zwei Ampelschaltungen, um eine Kreuzung zu überqueren. Jede Rotphase wird zu einer Meditation. Jeder ausscherende Bus eine Atemübung. Bremsen und Anfahren – Durch die Nase ein und langsam durch den Mund ausatmen.

Die Parkplatzsuche wird zur automobilen Entschleunigung.

Zur Uni, zum Einkaufen, zur Arbeit, zum Aasee, zur Kneipenkarawane, zum Kanal. Fahrradfahren ist in Münster kein Trend. Fahrradfahren ist keine Koketterie mit dem einfachen Leben. Fahrradfahren ist kein Flanieren auf zwei Rädern. Fahren Sie einmal auf der Promenade in gemächlichem Tempo jenseits der Ideallinie. Ähnliche Erfahrungen lassen sich auf den Rolltreppen der Londoner U-Bahn machen.

Ich drehe die dritte Runde um den Block. Wieder entpuppt sich eine vermeintliche Parklücke als Ausfahrt. Geduld. Da, plötzlich, eine bulliförmige Bucht. Ich parke das Gefährt parallel zum Radweg. Ein Blick in den Seitenspiegel: Bäume säumen die Straße, die auf den Teich zuläuft. Fahrradfahrer ziehen vorbei. Wir schauen ihnen nach. Ich lehne mich im Fahrersitz zurück und lasse die Arme sinken. Am Ende der Meditation steht die Entspannung.

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