KLEINANZEIGEN 9. April 2043

9. April 2043, Borken, Kreis Borken
Traditionelle Hochzeitsrequisite

Wir haben den Dachboden meines kürzlich verstorbenen Großvaters entrümpelt und dabei eine Kiste mit alten Hochzeitsrequisiten gefunden.
Zum Verkauf stehen nun:

– ein Holzhahn 60 Un.
– ein Tannenkranz mit Rosen und Schleifen aus Kunststoff 10 Un.
– ein bunter Stab mit Bändern (1,50 m) 10 Un.
– eine Holztruhe mit Schnitzereien (Blumen, Namen: „Emilia + Erik“, Jahreszahl: 2001) 130 Un.
– ein weißes Hochzeitskleid + Schleppe 400 Un.
– ein langes blaues Kleid 350 Un.
– ein schwarzer Zylinder 50 Un.
– zwölf Silberlöffel 70 Un.
– zwei Paar Holzpantoffeln (Größe 39, Größe 43) je 30 Un.
– eine Zipfelmütze 10 Un.
– eine Pfeife 15 Un.
– ein Paar gelber Strümpfe (Größe 46, ungetragen) 5 Un.
– eine kleine doppelläufige (wohl selbstgebaute) Kanone 120 Un.

Ausstattung komplett: 1000 Un.

Alle Gegenstände sind höchstens einmal in Gebrauch gewesen. Das weiße Kleid hat zwei kleine braune Flecken auf der Brust und der Schleier ist unten ein wenig verfärbt (siehe Aufnahmen). Ansonsten keinerlei Mängel!
Die Funktion der meisten Gegenstände ist uns nicht bekannt. Außerdem sind wir uns bei einigen Dingen, wie zum Beispiel den Socken und der Kanone nicht sicher, ob sie zu den Hochzeitsrequisiten gehören oder nur aus Versehen in der Kiste gelandet sind.

Verkauf aus Gender-Equality-Gründen nur an Sammler, Museen, Künstler,… nicht zum persönlichen Gebrauch gedacht!

KOMMENTAR 10.4.2043, 16:15 Uhr:
Hallo, wenn Sie Interesse haben, kann ich Ihnen die Funktion der meisten Gegenstände gerne erklären. Nur die gelben Socken kann ich leider nicht zuordnen. Ich komme selbst aus dem Kreis Borken und habe vor etwa 50 Jahren meine Hochzeit traditionell gefeiert.

KOMMENTAR 10.4.2043, 20:23 Uhr:
Das ist freundlich. Aber ich und meine Lebensgefährten lehnen die Institution der Ehe prinzipiell ab. Außerdem haben wir kein Interesse daran, lokalpatriotischen Tendenzen Vorschub zu leisten durch die Wiederbelebung höchstwahrscheinlich zurecht ausgestorbener Bräuche.

KOMMENTAR 10.4.2043 21:34 Uhr:
Verstehen Sie mich nicht falsch. Ich bin kein Ehe-Befürworter und lebe inzwischen selbst seit 15 Jahren geschieden und in einer offenen Beziehung. Auch bin ich mit meinen 75 Jahren immer noch mit der Aufarbeitung meiner Ehe beschäftigt und versuche stets, patriarchale Muster in meinem Verhalten aufzudecken und zu überwinden. Zudem beschäftige ich mich seit einigen Jahren intensiv mit dem strukturellen Sexismus der 10er und 20er Jahre in Europa. Sie haben hier also keinen Gegner vor sich! Mein Anliegen ist es lediglich, das alte und teils fast verlorene Wissen über regionale Traditionen und Bräuche weiter zu geben und so zu bewahren – nicht weil, ich diese Traditionen und Bräuche wieder belebt sehen möchte, sondern aus denselben Gründen, aus denen wir jede Geschichtsforschung betreiben: Ich glaube, dass uns die Vergangenheit viel über die Gegenwart erzählen kann, und dass wir uns nicht von ihr abwenden sollten, selbst wenn sie uns nicht gefällt.
Was aber an der Heimatliebe, mal ab vom Patriotismus, so schlimm sein soll – das verstehe ich nicht ganz.

KOMMENTAR 12.4.2043 19:50 Uhr:
Entschuldigen Sie meine vorschnelle Reaktion. Zu meiner Verteidigung: Auch heute noch gibt es Menschen, die unsere Haltung kritisieren und uns für unsere Lebensweise angreifen. Daher wohl meine grundsätzliche Abwehrhaltung. Sie haben natürlich Recht, und wir würden gerne hören, was Sie uns erzählen können.
Lokalpatriotismus ist so „schlimm“, zum einen, weil er mit dem Bestehenden versöhnt und zum anderen, weil er das Vertraute über das Fremde stellt. Heimatliebe ist also eine Form der Idealisierung der eigenen Verhältnisse. Dabei wird das Negative ausgeblendet und das vermeintlich Positive glorifiziert. Zudem wird ein Wir-Gefühl erzeugt, das auf Abgrenzung basiert und somit den Nährboden bildet, auf dem Diskriminierung und Faschismus wachsen. Außerdem werden bestimmte gesellschaftliche Strukturen unhinterfragt übernommen und gefestigt, nach dem Motto: Hierzulande läuft das eben so und so. Diese unkritische Aneignung alter Gewohnheiten und Gepflogenheiten, ist extrem gefährlich! Kurz gesagt: Heimatliebe ist entweder Realitätsflucht oder Xenophobie oder beides. Es sei denn, unter Heimat wird etwas anderes verstanden, als hier angenommen.

KOMMENTAR 12.4.2043, 20:05 Uhr:
Mein Angebot steht nach wie vor. Wollen wir uns treffen, soll ich Ihnen schreiben oder wollen Sie eine Audionachricht?

KOMMENTAR: 14.4.2043, 09:55 Uhr:
Vielen herzlichen Dank!
Eine Audionachricht wäre sehr freundlich.

AUDIO 14.4.2043, 22:03 Uhr:

KOMMENTAR 19.4.2043, 23:45 Uhr:
Würde das blaue Kleid nehmen. Für 250. Ok?

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KLEINANZEIGEN 8. April 2042

8. April 2042, Schöppingen, Kreis Borken
Taste Design Assistant für StartUp aus Schöppingen gesucht

Wir von Dicon sind ein junges internationales Team, das seit 2041 Invitro-Printmeat-Produkte herstellt und vertreibt. Mit den digitalen Wurstwaren von Dicon können unsere Kunden all ihre carnivorischen Gelüste befriedigen, und das ganz ohne schlechtes Gewissen.
Dicon Bio Würste und Schinken sind nicht nur preiswert und lecker, sondern in ihrer Produktion auch umweltfreundlich und fair. Keine Tierhaltung- und Schlachtung, keine CO-2-Emission, keine Überproduktion und keine Qualitätsschwankungen. Mit nur wenigen Klicks können unsere Kunden unter rund achtzig verschiedenen Fleischwaren und Geschmacksvarianten ihr Wunschprodukt auswählen, downloaden und printen. Alles on-demand, verlässlich, direkt, ohne Wartezeiten oder Versandkosten, weltweit!
Wir verstehen es als unsere Aufgabe, den Veganismus zur besseren Option für jeden zu machen und damit einen Beitrag zur Förderung der Biodiversität unserer Region zu leisten.
Außerdem setzen wir uns aktiv für den internationalen Tier- und Umweltschutz, eine gesunde Ernährung und faire Arbeitsbedingungen ein. Darum benutzen wir in unseren Produkten keine Geschmacksverstärker oder künstlichen Konservierungsmittel, und arbeiten ausschließlich mit Bio, Fairtrade- und Fair-Emloyment-Firmen zusammen.
Du willst Teil dieses wunderbaren Projekts und unseres dynamischen Teams werden? Dann bewirb dich jetzt als Taste Design Assistent am Standort Schöppingen.

Deine Aufgaben:

  • Aufregende Tastes kreieren – Lass deiner kulinarischen Kreativität freien Lauf
  • Unseren Chief Taste Designern assistieren – Arbeite mit bekannten Größen aus dem Taste Design Bereich
  • Neue Produkte testen – Dein feiner Gaumen ist unser Kapital
  • Geschmackliche Impressionen sammeln – Trete in den kulturellen Austausch und finde Inspiration
  • Und: Unsere Mission unterstützen – Leiste einen Beitrag zu fairen Arbeitsbedingungen, Umwelt- und Naturschutz und weltweiter, gesunder Nahrungsmittelversorgung

Dein Profil:

  • Umwelt- und Tierschutz sind dir ein Anliegen, genauso wie faire Arbeitsbedingungen und gesunde Ernährung für alle
  • Du bist Veganer oder Vegetarier, wärst aber bereit zu Zwecken der Inspiration und Produktverfeinerung gelegentlich Fleisch und andere tierische Produkte zu kosten
  • Du liebst die Arbeit im Team
  • Self-care ist für dich ein wichtiger Bestandteil des Alltags
  • Equality ist selbstverständlich für dich
  • Du reist gerne und schätzt den kulturellen Austausch
  • Du sprichst fließend Deutsch und Englisch
  • Du hast eine abgeschlossene Ausbildung als Taste Designer oder Koch, mindestens vier Semester Kulinarik studiert, über mehr als zwölf Monate in der Gastronomie gearbeitet, oder bringst auf anderen Wegen erworbene Erfahrung im Bereich Taste Design mit
  • Idealerweise hast du relevante Kenntnisse im Bereich 3-D-Meat-Programming

Was wir bieten:

  • Flexible Arbeitszeiten und -orte
  • Flexibles Jobprofil
  • Finanzielle Anerkennung von bis zu vierzig free-work-Stunden pro Monat
  • Finanzielle Anerkennung von bis zu sieben Monaten unabhängige Weiterbildung pro Jahr
  • Junge & dynamische Teamkultur mit regelmäßigen Teamevents
  • Viele virtuelle Ausflüge und Real-Life-Reisen
  • Mitgliedschaft im Münsterland Co-Working-Space (mit kostenlosem Zugang zu allen Angeboten und Räumlichkeiten des MCWS)
  • Faire Arbeitsbedingungen, fairer Lohn
  • Hochmoderne Arbeitsräume mit vielen kostenlosen Angeboten, wie: Kantine, Café, Schwimmbad, Gymanstikraum, Fitness-Studio, Musikraum, Toberaum, Noise-Raum, Ruheraum, Sexraum, Kneipe, Dancefloor (DJs und Bands an vier Abenden die Woche), außerdem: Körpertherapie, Psychotherapie, Physiotherapie, Beziehungstherapie, Sextherapie, Tanzstunden, Sprachunterricht, Musikunterricht, Malunterricht, Kochkurse, Programmierkurse, Handwerkskurse, Sozialkurse, Teamwork-Kurse, Pflanzensängikurse, Self-care-Kurse, Awareness-Kurse, … Scherz. Wie gesagt, sind wir ein kleines Team. Ein schickes Büro haben wir trotzdem. Komm uns gerne besuchen, und überzeuge dich selbst.

Das klingt gut? Dann bewirb dich jetzt hier. Wir freuen uns auf dich!

Stay creative, stay healthy, stay good

Dein DICON Team

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KLEINANZEIGEN 6. April 2040

6. April 2040, Erle, Kreis Borken
Wir suchen neue Mitglieder

Inzwischen ist erwiesen, was wir schon seit Jahren glauben, und worauf sich unser Engagement stützt: Zuspruch, Tanz, Gesang und erotische Rede können das Wachstum und die Gesundheit von Pflanzen unterstützen. Sehen Sie sich hier den derzeit neusten Bericht dazu an. Unsere junge münsterländische Tradition der Pflanzensängi gewinnt somit nicht nur an Wertschätzung, sondern auch an Popularität. Von dieser erfreulichen Entwicklung hoffen wir zu profitieren!
Wollen auch Sie sich aktiv für den Umweltschutz engagieren, ihre Pflanzen-Liebe zum Ausdruck bringen und ein starkes Zeichen gegen die Ausbeutung der Natur setzen? Dann treten sie unserem multilingualen Pflanzensängi-Chor bei! Jeden Mittwoch um 16 Uhr treffen wir uns zum klönen und singen. Dabei nehmen wir uns jedes Mal einen bestimmten Baum, einen Waldabschnitt oder einen Garten vor, von dem wir glauben, dass er unsere Aufmerksamkeit und Zuneigung gerade besonders dringend benötigt. Im nächsten Jahr haben wir außerdem vor, einen kleinen Feldsängi-Wanderchor zu gründen, mit dem wir dann im Frühling die Saat besingen wollen. Wenn Sie Fragen haben, Aufnahmen hören wollen, oder mehr über unseren Verein und unsere Projekte erfahren möchten, melden Sie sich hier, oder kommen Sie einfach am nächsten Mittwoch um 16 Uhr ins Café Erle.
Bei Interesse sehen Sie sich unbedingt auch das Erotic-Talk-Projekt unserer Freunde von Sexecology an!

6. April 2040, Horstmar, Kreis Borken
Schmerzlich vermisst!

Seit gestern Morgen vermissen wir unsere Gerti. Sie ist etwa dreißig Zentimeter groß, zwei Jahre alt und okker-braun gefleckt. Aktuelle Aufnahmen finden Sie hier. Wir machen uns große Sorgen, da Gerti noch nie alleine unterwegs war und sich verlaufen, verletzen oder irgendwo hängen bleiben könnte. Sie hat die unglückliche Angewohnheit, ihren Kopf durch Löcher und Spalten zu stecken, aus denen sie ihn dann nicht wieder herausbekommt. Sie ist so schrecklich neugierig! Außerdem fällt sie noch ab und zu vorn über und hat dann Schwierigkeiten, sich eigenständig wieder aufzurichten. Falls Sie unsere Mini-Giraffe gesehen oder sonst irgendwelche Hinweise über ihren Aufenthaltsort haben, sagen Sie uns bitte Bescheid. Wir sind für jede Hilfe dankbar und zahlen selbstverständlich Finderlohn!

KOMMENTAR 8.4.2041, 17:34 Uhr
ANIMAL ENGINIEERING IST TIERQUÄLEREI! Es ist unmoralisch, genmanipulierte Tiere zu kaufen, zu halten, zu verkaufen, oder auch nur unkritisch darüber zu sprechen. Zur Erzeugung individualisierter Haustiere wie der Mini-Giraffen von IPet müssen meist tausende von Testtieren ihr Leben lassen. Viele der genmanipulierten Embryonen sterben schon im Mutterleib, andere werden zwar lebendig geboren, sind aber aufgrund der genetischen Veränderungen nur wenige Stunden oder Tage überlebensfähig. Manche halten länger durch, aber unter was für Qualen! Zudem werden oftmals hunderte Tiere als Überschuss entsorgt. Nur weil das nicht direkt vor unseren Augen passiert, heißt das nicht, dass wir wegsehen dürfen!
Fast 70% aller Eurasier ernähren sich vegetarisch. Du auch? Wie kannst du es dann verantworten, ein genmanipuliertes Tier zu halten, für das wahrscheinlich hundert andere gestorben sind. Das ist nicht nur heuchlerisch, sondern auch grausam.

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FUTURE FRESKO

Wer keine Zeit oder Lust hat, den gesamten Text zu lesen, kann direkt zum AUFRUF* springen.

Schweigsam und katholisch seien die Münsterländer, wurde mir gesagt. Schweigsam, katholisch und stinkreich! Irgendjemand sprach auch von Schüchternheit und Stursinn. Überrumpelnde Direktheit und ein dröger Humor werden ihnen nachgesagt, aber damit kokettieren ja irgendwie alle Deutschen oberhalb des Mains, oder? Die Berliner und Pommerschen auf jeden Fall. Gutmütig sollen sie außerdem sein, das hab ich bei der Droste gelernt, von der, so viel meine ich doch schon mitbekommen zu haben, die meisten sich hier gerne vertreten wissen. Gutmütig und herzlich jedenfalls, womit sie wettmachen, was ihnen an „Geistesschärfe“ fehlen mag – ihre Worte, nicht meine! Ja, und schüchtern, ein wenig leicht zu verschrecken sind sie wohl, träumerisch, religiös tatsächlich – extrem religiös, das betont sie mehrmals, brave Leute eben, aber trotzdem fürchterlich abergläubisch, allerdings auf die harmlose Art und Weise – so wie alles am Münsterländer eigentlich harmlos sei. Wohlhabend ja das stimmt, obwohl nicht zum Spekulieren veranlagt, großzügig mit ihrem Reichtum – dem finanziellen und dem Herzensreichtum, bescheiden außerdem. Was sich hier allzu sehr zu schmücken müssen glaubt, gilt als „windbeutelig“. Ok. Außerdem lächeln alle immerzu, steht da, und jeder dritte Mann heißt Henrichjännchen oder Jannberndchen. So ist das also im Münsterland.

Bestätigen kann ich davon bisher kaum etwas, widerlegen auch sehr wenig. Eine Woche hatte ich Zeit, um die Region kennenzulernen, eine Woche, als deren Höhepunkt ich eine Location-Tour über fünf Burgen und Schlösser erlebte, mit abschließendem Gelage im Pinkus, wo man den Wacholder Schnaps, mir neu, in tiefen Löffeln reicht.
Sieben Tage also, bevor ich mit einer Lungenentzündung ins Krankenhaus kam. Hier konnte ich mich nun tatsächlich einer der oben genannten Eigenschaften überzeugen: dem scheinbar immer noch sehr stark ausgeprägten Katholizismus (dauernd war vom „Lieben Gott“ die Rede), wohingegen die Schweigsamkeit und Schüchternheit des Münsterländers eine Behauptung bleiben, für die ich dank meiner sehr sym- und empathischen Zimmernachbarin immerhin ein starkes Gegenbeispiel habe. Im Krankenhaus verbrachte ich eine weitere Woche. Und seit dann am Tag meiner Entlassung die Nachricht kam, dass das Künstlerdorf in Schöppingen, wo ich untergebracht war, aufgrund der Corona Krise schließen würde, bin ich nun wieder in Berlin bei meiner Familie und warte darauf, dass die Ausgangsbeschränkungen aufgehoben werden und ich meine Residenz wieder antreten kann.

Bis dahin bleibt mir, die Region auf alternativen Wegen zu erkunden, auf literarischen eben und auf digitalen vor allem!
Ein Freund von einem Bekannten hat mal gesagt: Um einen Ort wirklich kennenzulernen, müsse man sich die lokalen Kleinanzeigen ansehen. Das habe ich getan und werde ich auch weiterhin tun. Bisher erfahren habe ich so zum Beispiel und immerhin, dass irgendjemand in Schöppingen 27 Badvorleger zu viel hat. Auffällig ist außerdem, dass es in Schöppingen momentan nur fünf zu-verschenken-Anzeigen gibt, wohingegen in allen kleineren Nachbarorten durchschnittlich 15 bis 30 oder sogar mehr Gegenstände verschenkt werden… Was sagt uns das? Wer weiß. Für Rückschlüsse ist es zu früh.

Die SZ empfiehlt bei Reiselust und gegen Fernweh „digitale Reisen“ per Livecam – zum Adlerhorst in Kalifornien etwa, zur Nkorho Bush Lodge im Kruger-Nationalpark, wo man Antilopen beim Kämpfen beobachten kann, oder an die Eiger-Nordwand. Aufregend! Auch ins Münsterland kann man solche digitalen Reisen unternehmen. Meine besten Screenshots vom Rathausplatz Senden, einer Baustelle in Emsdetten oder dem Marktplatz Warendorf bekommen Sie in den nächsten Tagen hier zu sehen.

Sollten das die Anfänge zukünftiger Arten des Reisens sein, so passt mir das umso besser, denn die Zukunft der Region ist mein Thema.
Future Fresko lautet der Titel meines Projektes und beschreibt ungefähr, was ich vorhabe: Die italienische Freskenmalerei ist eine Art der Wandbemalung, bei der die Farbe direkt auf den frischen Kalkputz aufgetragen wird. Ich verstehe diese Technik als Analogie zu meinem Vorhaben, die ländliche Region als „unbeschriebenen“ bzw. „unbemalten“ Raum zu nutzen, um darin verschiedene literarische Zukunftsvisionen zu entwickeln, also im übertragenen Sinne: diesen „Raum“ zu „bemalen“. Dabei will ich die Stadt und mit ihr das alte Versprechen der Moderne und die aus dem Bruch mit diesem Versprechen sich ableitenden Dystopien und pessimistischen Ausblicke sofern möglich hinter mir lassen, um stattdessen, dem ursprünglich Wortsinn von „Fresko“, abgeleitet von al fresco, zu Deutsch: „ins Frische“, entsprechend „ins Frische“ zu gehen, heißt „frische Ideen“ aufzufinden und zu entwickeln.

Entstanden ist diese Idee aus einer Frage, die sich mir als passionierte Science-Fiction-Leserin irgendwann aufdrängte: Warum beziehen und bezogen sich fast alle Zukunftsvisionen – ob utopisch, dystopisch oder ambivalent – immer auf urbane Ballungszentren, und warum spielt die Entwicklung von Orten und Landschaften mit Denkmalwert kaum je eine Rolle darin? Steht dahinter nur die Extrapolation der aktuellen Entwicklung von Bevölkerungsstrukturen, oder gibt es andere, interessantere Gründe, die es zu erforschen lohnt?

Kleinstädte, Dörfer und Landschaften werden in der spekulativen oder futuristischen Literatur immer nur dann zum Handlungsort, wenn alle gesellschaftlichen Systeme gescheitert und zusammengebrochen sind, kurz: in der Postapokalypse, die ja ihrem Wesen nach vor allem vom Bruch mit dem großen Versprechen der Moderne erzählt: dem ewigen Fortschritt. Vielleicht, könnte man mutmaßen, muss die Stadt nur in der Zeit nach der Katastrophe und damit nach dem Ende des Fortschritts nicht mehr Zentrum des Geschehens sein, weil sie ihre Bedeutung als Symbol für dieses Versprechen dort bzw. dann eingebüßt hat. Vielleicht existiert nach der Vorstellung der Autoren aber auch gar kein Zentrum mehr, und die „Bespielung“ des ländlichen Raums in der Postapokalypse verdeutlicht auch die Zersplitterung einer Gesellschaft in kleinste Einheiten angesichts der ständigen existentiellen Bedrohung.
Aber, frage ich: Könnte der ländliche Raum, das Dorf, die Kleinstadt nicht gerade wegen seiner Vernachlässigung in der spekulativen Literatur auch als unbeschriebener Raum für neue Ideen dienen? Wie sähe ein Gegenentwurf zu den fast ausschließlich düsteren Visionen der Zukunft abseits urbaner Zentren aus?
Wenn die literarischen Visionen zukünftiger Großstädte nur noch vom vorhersehbaren Verfall oder der unabwendbaren Zerstörung erzählen, wenn all diese Visionen einander ähneln und den Verfall/die Zerstörung darum umso unausweichlicher wirken lassen, wenn die Zukunft der Großstadt also besiegelt scheint: Vielleicht ist es dann im Gegensatz dazu der ländliche Raum, indem das Unerwartete, das Überraschende, der Erhalt des Erhaltenswerten, das Gedenken des Gedenkenswerten und die neue Hoffnung ihren Platz finden.

Das Münsterland bietet sich insbesondere aus zwei Gründen für die Beschäftigung mit solchen Fragen/Themen an: erstens wegen seiner zahlreichen Schlösser, Burgen und historischen Stadtkerne – Orten also, in denen sich Denkmalwert und Nutzwert treffen. Damit meine ich: Eine Burg hat eben nicht nur einen Denkmalwert, wie z.B. eine Statue, sondern auch einen Nutzwert. Damit können Schlösser, Burgen, historische Stadtkerne – architektonische Denkmäler im Allgemeinen immer auch etwas über die Integration der Gedenkkultur in das alltägliche Leben erzählen. Dasselbe gilt im Grunde auch für Punkt zwei: Die stark kulturell geprägte sogenannte „Parklandschaft“ des Münsterlandes. Auch sie vereint Denkmal- und Nutzwert, und sogar noch einen dritten: den Wert des „Natürlichen“, wodurch sie außerdem zur Betrachtung des Verhältnisses zwischen Kultur und Natur, zwischen Denkmalpflege und Umweltschutz anregt.

Kurz gesagt: Ich möchte darüber nachdenken, inwiefern Vorhandenes und Vergangenes erhalten, gepflegt, geschützt, wiederhergestellt oder dem gedacht werden könnte; wie sich Traditionen und Orte des Gedenkens entwickeln; und was unerwartetes Neues hier entstehen könnte.
Dabei will ich mich nicht allein auf meine Fantasie, eigene Eindrücke und Recherchen verlassen, zumal die Möglichkeiten, Eindrücke zu sammeln, zu recherchieren und sich inspirieren zu lassen aufgrund der aktuellen Situationen stark eingeschränkt sind. Insbesondere fehlen mir die zufälligen Entdeckungen und Begegnungen, welche für das Kennenlernen einer Region doch so wichtig sind. Einen Ersatz dafür gibt es wahrscheinlich (noch) nicht, aber vielleicht eine Alternative. Und jetzt komme ich endlich zu meinem Aufruf.
*Und zwar: Rufe ich Sie auf, mit mir zu teilen, was mir beim Kennenlernen des Münsterlandes und der Münsterländer helfen könnte.
Damit gemeint sind zum einen: interessante Ideen, Befürchtungen, Visionen und Hoffnungen bezüglich der Zukunft des Münsterlandes – insbesondere seiner Traditionen, Bräuche, Kultur- und Naturdenkmäler.
Und zum anderen: Alles, was mir einen Einblick verschafft, den ich mir nicht selbst verschaffen könnte.
Sie haben eine Drohne und würden mir damit eine Kamerarundfahrt durch Ihren Ort/Ihre Schweinefarm/Ihre Lieblingswandergegend genehmigen?
Sie sind Hobby-Hacker und haben Zugriff auf sämtliche Überwachungskameras der Region?
Sie glauben, die Apokalypse naht und würden mir gerne Ihren Bunker zeigen?
Oder möchten Sie einfach mal Ihre persönliche Vorstellung von der Zukunft loswerden?
Dann schreiben Sie mir an: schreiberin@muensterland.com
(Fast) alles ist erzählenswert, (fast) alles interessiert mich. Für (fast) alles bin ich dankbar.
Die literarischen Erträge meiner Überlegungen und Ihrer Mithilfe werden Sie hier in den nächsten Monaten lesen können.
Vielen Dank.
Bleiben Sie gesund!
Halten Sie Abstand!

Charlotte M. Krafft

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#mein muensterland – Interview mit Regionsschreiberin Claudia Ehlert

Das Projekt stadt.land.text NRW 2017 geht zu Ende. Vier Monate lang waren zehn Regionsschreiberinnen und Regionsschreiber dank des Jubiläums 20 Jahre Regionale Kulturpolitik NRW in den zehn Kulturregionen des Landes unterwegs. Sie haben sich dem Alltag und der kulturellen Vielfalt NRWs auf ganz unterschiedliche Weise schreibend genähert und so einen anderen Blick auf die Besonderheiten und Alltäglichkeiten der zehn Regionen geworfen.

Claudia Ehlert war im Münsterland unterwegs. Mit ihrem Campingbulli. Vier Monate lang on the road das Münsterland im wahrsten Sinne des Wortes erfahren und via Logbuch online einen Einblick in ihre Erlebnisse geben – das war ihr Projekt. Dabei standen abgelegene Orte und damit verbunden Menschen in Bewegung im Mittelpunkt ihres Schreibens und Fotografierens. Zum Abschluss stellen wir all die Fragen, die gerne (öfter) hätten gestellt werden dürfen. Ein exklusives Interview für stadt-land-text.de mit der Regionen-, pardon, Regionsschreiberin des Münsterlandes:

SLT:        Na, wie is?

Ehlert:   Joa, ne. Und selbst?

SLT:        Jo.

An dieser Stelle ist das Interview für alle Westfälinnen und Westfalen beendet und alles Essenzielle gesagt. Für die anderen, die gerne viele Worte machen, geht es an dieser Stelle weiter:

SLT:        Vier Monate lang im Bulli unterwegs. Leben, arbeiten und schlafen im Campervan. Da fragen sich unsere LeserInnen natürlich: Wo duscht man eigentlich?

Ehlert:   So viele Vorteile das Leben in Bewegung hat – ein eigenes Bad mit Wanne und Dusche gehört tatsächlich nicht dazu. Wenn ich im Bulli übernachtet habe (Ich habe nach wie vor meine kleine Wohnung in Münster behalten. Hat man erstmal eine schöne bezahlbare Wohnung in Münster gefunden, gibt man sie nicht so einfach her), geschah dies auf Stellplätzen oder Campingplätzen. Um die Illusion des viral gehenden Bildes von historischen Bullis an stillen Waldseen und inmitten wilder Wiesen in nostalgischen Sepiatönen mal gleich zu Beginn zu zerstören. Ich saß übrigens auch nicht bei Sonnenuntergang auf dem Dach des Bullis oder habe vor der geöffneten Seitentür im Morgengrauen Yoga gemacht. Stichwort: #therealvanlife. Stellplätze, oder auf Parkplätzen ausgewiesene Wohnmobil-Stellflächen, liegen praktischerweise in der Regel in der Nähe von Frei- oder Hallenbädern. Campingplätze bieten ihren BesucherInnen sanitäre Anlagen zur Benutzung an. Für 50 Cent haben Sie dann drei Minuten warmes Wasser. Für die 5-Minuten-Haarkur müsste man also aus der Dusche rausschlappen und noch eine Münze nachwerfen.

SLT:        Der Bulli und Sie: „Gefährt und Gefährte“ Ihres Road Trips, haben Sie in einem Ihrer Einträge Ihre Beziehung beschrieben. Eine noch recht junge Beziehung, wie uns berichtet wurde. Nach vier Monaten intensiver Kennenlernzeit auf engstem Raum – die erste Verliebtheit vorbei? Knirscht es auch mal im Getriebe?

Ehlert:   Frisch ist die Beziehung in der Tat noch. Anfang des Jahres haben wir uns kennen gelernt. Während der Ausbauphase, die mehrere Wochenenden in Anspruch genommen hat, ist der T5 allerdings bereits ein Teil der Familie geworden. Der große Testlauf startete im Mai, als wir in 18 Etappen bis zum Nordkapp und zurück unterwegs waren. Kleinere Missstimmungen gibt es ja in jeder guten Beziehung – ein fiepender Ladebooster, ein röhrender Lüfter – aber der große Streit blieb da aus. Umso erschrockener war ich, als der ‚Neue‘ gleich im ersten Monat im Münsterland unweit der Burg Hülshoff plötzlich ausfällig wurde. Die leuchtende Motorkontrollleuchte hat mich die ganze Partnerschaft auf einen Schlag in Frage stellen lassen. Was, wenn er jetzt hier stehen bleibt? Muss ich dann doch alleine weiter?

SLT:        Hatten Sie eigentlich keine Angst?

Ehlert:   In diesem Moment tatsächlich schon. Vor allem vor den Menschen um einen herum. So viele potentielle helfende Hände, die es zu enttäuschen gilt. Menschen, die einen beim rückwärts Ausparken einweisen, die einem bereitwillig den Weg zeigen, die mit eigenen Erlebnissen zur Stelle sind. Leider kann man nicht jede Hilfe annehmen. Noch dazu, wenn man durch die eigene nunmehr zehnjährigen Fahrerfahrung auf einen Vorrat an angesammeltem und erlerntem Wissen zurückgreifen kann.

SLT:        Sie sagten ja in einem Interview zu Beginn des Projekts, dass der Bulli die Menschen anzieht, dass er wie ein Katalysator für Gespräche ist. Scheinbar auch für Hilfsbereitschaft. Was ist noch besonders am Erfahren der Region mit einem Bulli?

Ehlert:   Der Bulli macht das Aufsuchen bestimmter Orte, so, wie ich sie kennenlernen konnte, erst möglich. Orte, die ab vom Schlag liegen, hatte ich mir zum Ziel gesetzt. Das waren Orte, die vielleicht nicht so präsent sind in der Wahrnehmung des Münsterlandes, weiße Flecken auf der kulturellen Landkarte. Aber das waren auch ganz buchstäblich Orte, die mit öffentlichen Verkehrsmitteln gar nicht oder nur bedingt erreichbar sind. Der Blick durch die Windschutzscheibe, er verstellt nicht die Sicht auf die Region. Er öffnet ihn auch nicht unbedingt. Er schlägt sich aber in seinem Festhalten nieder. Er ist – nur oder gerade eben – ein anderer.

SLT:        Sie leben und arbeiten seit einigen Jahren aufgrund Ihres Studiums in Münster. Wie hat sich Ihr Blick auf das Münsterland durch die letzten vier Monate verändert?

Ehlert:   Ich glaube, durch die andere Art der Fortbewegung hat sich mein Blick vor allem geweitet. Die Erfahrung habe ich schon mit Beginn des Projekts, mit der ersten Parkplatzsuche in Münster gemacht. Münster ist DIE Fahrradstadt. Und egal, wie lange man schon dort wohnt, wie gut man sie zu kennen glaubt: das erste Mal mit dem Auto richtet den inneren Stadtplan völlig neu aus. Bekannte Orte, das Festival in Beelen, das Kloster am Emsradweg, sehen aus dieser Perspektive ganz anders aus. Auch mir zuvor unbekannte Orte sehen mit dem Blick der Regionsschreiberin anders aus. Dem mehr und mehr vernetzten und vernetzenden Blick.

SLT:        Nach welchen Kriterien haben Sie die von Ihnen besuchten Orte ausgewählt? Wie sind Sie vorgegangen?

Ehlert:   Die Zusage für das Stipendium kam, mitsamt der zugeteilten Kulturregion, Ende März diesen Jahres. Neben diversen Presseanfragen habe ich mich mit dem Projekt also bereits durch Recherche im Vorfeld zeitintensiv beschäftigt. Die Recherchen begannen bei Gesprächen mit Familie, FreundInnen und KollegInnen, dem Querlesen von (Auto-, Fahrrad-, Wander-, allgemeinen) Reiseführern älteren und neueren Datums, gingen über alle Broschüren, derer ich in der Touristeninformation in Münster habhaft werden konnte, diverse Materialien und Hinweise des Teams um das Kulturbüro des Münsterland e. V.s, bis hin zu teils in Details ausufernden Internetrecherchen. Wie mit Sicherheit auch in den anderen neun Kulturregionen gibt es im Münsterland eine Vielzahl von Kulturinstitutionen, Vereinen, KünstlerInnen, Tourismuseinrichtungen, Unternehmen und deren Social Media Plattformen und, nicht zuletzt, anderer Blogs, die sich mit der Region und Kultur in allen Facetten beschäftigen.

SLT:        Spielte auch die Literatur der Region eine Rolle? Ist da doch irgendwo das Studium der Literatur- und Kulturwissenschaft mit eingeflossen?

Ehlert:   Mich hat während der Stipendiumszeit Literatur aus Westfalen und dem Münsterland begleitet. Klassiker, wie Jägersbergs Weihrauch und Pumpernickel, Denneborgs Das Wildpferd Balthasar oder Wincklers Der tolle Bomberg. Aber auch Jüngeres. Otrembas Über uns der Schaum oder Etgetons Rucksackkometen. Viele Autorinnen und Autoren stammen aus dem Münsterland, bzw. Westfalen, leben hier oder machen hier mal wieder Station, mit Blick auf die Beckumer Berge. Auch aus diesen Texten und Begegnungen habe ich Ideen für weitere Texte, weitere Orte entwickelt. Letztlich kann man sagen, ich habe viele Orte des Münsterlandes gesehen. Und über die geschrieben, die mich irgendwie gepackt haben, mit denen ich etwas anfangen konnte. Hat mich an einem Ort nichts gepackt, ist kein runder Text entstanden. Und ich konnte fortfahren.

STL:        Sind Ihnen bestimmte Orte besonders im Gedächtnis geblieben? Empfehlungen für den Kurztrip? Das Wochenende? Die Ferien im Münsterland?

Ehlert:   Ich war an sehr unterschiedlichen Orten. Sei es tief im Untergrund, in den Kellern des Münsterlandes, ebenso wie auf seinem Balkon. Oftmals waren es Orte, wo die Vergangenheit sichtbar ist und auf die Gegenwart, manchmal auch auf die Zukunft trifft. Ich war an Grenzen, wo Konzepte bröckeln und sich zersetzen. Wo sie hinterfragt werden. Müssen. Wer durch meine Texte von mir besuchte Orte aufsuchen möchte – gerne. Vermutlich wird man sie, einmal selbst vor Ort, aber ganz anders wahrnehmen. Es ist ja nun doch – nur oder gerade eben – EINE Perspektive.

SLT:        Was nehmen Sie von den verschiedenen Begegnungen, von denen Sie in Ihren Texten erzählen, vor allem mit?

Ehlert:   Die Menschen, denen ich begegnet bin, sind tatsächlich sehr unterschiedlich gewesen. MünsterländerInnen und Zugezogene oder BesucherInnen, Kinder und Erwachsene, KünstlerInnen und KulturvermittlerInnen, Kulturinteressierte und nicht-so-aber-dann-doch-Interessierte, KulturmanagerInnen, PolitikerInnen, MitarbeiterInnen der Presse verschiedenster Medien. Es waren viele tolle Begegnungen. Inspirierend, bereichernd, prägend. Engagierte und sympathische Menschen, die oft weit mehr tun und leisten, als das, was von ihnen bspw. jobtechnisch verlangt wird. Oftmals. Manchmal auch weniger.

Kunst und Kultur ist wichtiger Bestandteil der Region. Im Gespräch mit verschiedenen KünstlerInnen habe ich immer wieder die Erfahrung gemacht, dass sich von der künstlerischen Tätigkeit allein in der Regel aber nicht leben lässt. Entweder gibt es einen Job zur Sicherung des Lebensunterhalts. Oder aber das Angewiesen-Sein auf Stipendienprogramme. Alle Menschen, die ich getroffen habe, hatten eines gemein: die Bewegung. Im Alltag, in der Freizeit, im Job, im Privatleben. Und man kommt mit Ihnen ins Gespräch – wenn man aufrichtig interessiert ist und bereit, sich Zeit zu nehmen.

SLT:        In diesem Sinne: Vielen Dank für Ihre Zeit!

Ehlert:   Nich dafür!

Mehr von Claudia Ehlert

Die Mitte Europas – Meeting Halfway

Ort: Auf der Hälfte zwischen Athen und Reykjavik | Datum: So, 08.10.2017 | Wetter: wechselhaft, 10°C, oder: ein isländischer Sommertag

Stanislaw Mucha macht sich in seinem 2004 erschienenen Dokumentarfilm Die Mitte nicht auf, die Ränder und Grenzen Europas zu betrachten, wie es viele europäische Road Movies auf der Suche nach einer postmodernen europäischen Identität machen. Er fragt nicht nach dem Anfang oder Ende. Sondern er sucht das Zentrum des Kontinents. Er und sein Team begeben sich in zwölf Ortschaften, die allesamt behaupten, die Mitte Europas zu markieren. Seine Recherche führt ihn dabei nicht nur nach Deutschland und Österreich, sondern auch nach Polen, Litauen, die Slowakei und die Ukraine.

Ausstellung "Meeting Halfway" im Rahmen des Münsterland Festivals part 9 im DA Kunsthaus Kloster Gravenhorst. Im Anschluss ist die Ausstellung mit den fotografischen Arbeiten in der Burg Vischering zu sehen.Zumindest diesen Herbst liegt sie vorübergehend im Münsterland, die Mitte Europas. Hier, auf halber Strecke zwischen Athen und Reykjavik, treffen Kunst aus dem hohen Norden und dem tiefen Süden Europas für zwei Monate intensiv aufeinander. Beim Münsterland Festival part 9. Auf der heutigen Kunsttour zur Eröffnung der Druckgrafik-Ausstellung im Dormitorium des Klosters Bentlage in Rheine und in der Galerie Münsterland Emsdetten sowie einer abschließenden Kuratorinnenführung zu Meeting Halfway im DA Kloster Gravenhorst ganz buchstäblich. KünstlerInnen und BesucherInnen sind im Bus gemeinsam unterwegs, machen an den drei Orten im Münsterland Station, kommen über Kunst ins Gespräch.

Kunst, Musik und Dialoge im Spannungsfeld von Gegenwart und Vergangenheit

Vielfalt und Facettenreichtum. Unterschiede und Gemeinsamkeiten. In Paraskevi Papadimitrious Werk mischen sich Medusenhäupter mit Playmobilmännchen und Aliens. Widersprüche in ein und demselben Körper der Gegenwart. Von der Drei- hin zur Zweidimensionalität und zurück. So kann man in Valgerður Hauksdóttirs Euphonie nicht nur verschiedene Ebenen und ihren Dialog entdecken, sondern auch durch sie hindurchschreiten. Ein Kunstbuch Anna Snædís Sigmarsdóttirs wird zur isländischen message in a bottle. Thanos Tsiousis erzählt in seinen Holzschnitten antike Muster neu. Ein Über- und Ineinander von Vergangenheit und Gegenwart.

Der isländische Fotograf Einar Falur Ingólfsson bereist auf den Spuren von W.G. Collingwood und Johannes Larsen Saga Sites. Konkrete Orte, die Eingang in die isländische Sagenwelt gefunden haben. Manche wirken bis auf den letzten Stein unverändert, in der Wildnis der Zeit enthoben. Manche im Tourismuszeitalter angekommen. Deutliche menschliche Spuren in der Landschaft. Verstrichene Zeit. Manche von der Natur wieder eingeholt. Ins Auge stechen die Fotografien von Zäunen, mitten in der Weite. Jeder Bauer baut sie aus dem, was er gerade (übrig) hat, hat einen eigenen Stil. Sie begrenzen nichts. Dienen allein den Tieren als Schutz, als Zufluchtsort vor der Witterung. Shelters.

Der Umgang mit den alten als eine Suche nach den neuen Mythen Europas?

Panos Kokkinias nimmt ebenfalls Landschaft in den Blick. Er inszeniert seine Fotos, wartet auf den perfekten Augenblick. Ein stilles Meer. Eine leere Ebene. Und setzt dann den Menschen hinein. In Konflikt? Verloren? Unheimlich? Der Betrachtende steht in Distanz zum Geschehen. Distanz, die Raum für Ironie und Befremden schafft. Yorgos Zois‘ Videoinstallationen beschäftigen sich mit der Wirtschaftskrise. Leere Werbeschilder wirken wie ihre Zeichen. Out of Frame. Casus Belli. Ein sich schließender Rollladen bringt eine ganze Gesellschaft zum Einsturz. Der Kollaps beginnt still, am Ende der Schlange, aber pflanzt sich von dort aus fort. Vor der Kulisse eines abgesperrten Amphitheaters.

Wo Salz von Nordatlantik und Mittelmeer aufeinander treffen.Die unterschiedlichen Arbeiten werden zu Reiseführern ihrer Länder, die Klischees bestätigen und brechen. Es geht um das kulturelle Erbe und seine Bedeutung in der Gegenwart. Ganz materiell und figürlich bis hin zur abstrakten Einbindung in die druckgrafischen Werke der isländischen und griechischen KünstlerInnen. Zwischen Fiktion und Realität. Ein Zusammenbringen von Techniken, Mustern, Themen, Zeiten. Von Holzschnitten über Collagen und Fotografien bis hin zur Videoinstallation. Trotz aller Kontraste finden sich auch Parallelen in den künstlerischen Arbeiten: Natur, Sagenwelten, wirtschaftliche und gesellschaftliche Krisen und das Meer.

Treffen auf halber Strecke. Island – Griechenland. Nordatlantik – Mittelmeer. Ein Treffen in der Mitte. Einige Werke der Grafikprojekt-Ausstellung entstanden während der zweiwöchigen gemeinsamen Arbeit in der Druckwerkstatt auf dem Kloster Bentlage im Mai 2017 in Rheine. Begegnungen zwischen KünstlerInnen, Landschaften und Gedankenwelten. Porträtdrucke, über die sich Blumen ranken. Ein gestochenes Tagebuch mit Überraschungsmoment: das Wasser, das über Bündel aus Schwarzdornreisig rinnt. Geht man am Gradierwerk in Rheine entlang, schmecken die Lippen danach salzig. Wie nach einem Spaziergang am Meer.

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