Heimat festhalten – die Wunderkammer von Holthausen – TEIL 2

‘Wir, die Überlebenden, sehen alles von oben herunter, sehen alles zugleich und wissen dennoch nicht, wie es war.’ W.G. Sebald, Ringe des Saturn

„Wer ist eigentlich dieser Heimat?“ – diese Frage stellte sich vor, während und nach dem Besuch im Westfälischen Schieferbergbau und Heimatmuseum in Holthausen. Einige unfertige und andeutende Gedanken schrieb ich schon in TEIL 1 dieses Versuchs über Heimat und Erinnerung und das Glück der Entdeckung.

Beim Gang durch die vielen, verschachtelten, mal luftigen, mal engen Räume, bei dieser Reise durch Volksfrömmigkeit und Religion, Jagd und Waldwirtschaft, durch Schieferbergbau und Industrie, Handwerk und am Ende sogar Kunst, sind es weniger die einzelnen Objekte, die erzählen, als das ganze Haus. Vor allem erzählt es von der Unmöglichkeit das Leben zu zeigen, wie es ist, oder war. Gerade in dieser Vergeblichkeit, die durch die schiere Masse an Objekten und Themen und Darstellungen nur noch deutlicher wird, darin liegt die Kraft und das Faszinierende. Nie weiß ich, was mich im nächsten Raum, am Fuss der nächsten Treppe erwartet, welches Licht, welcher Böden, welche Epoche, ob Vitrinen oder Bilder, Möbel oder Maschinen, welcher Teil der Geschichte aus dem Sauerland.

Romanmaterial und blinde Flecken
Elektrisiert arbeite ich mich von Raum zu Raum. Es ist genau, was ich liebe, egal ob in Literatur oder Film oder eben einem Museum: Fragmentierte, parallellaufende Erzählungen, durch winzige, höchstens erahnbare Linien verknüpfte Momente oder Artefakte – im Grunde bedeutungslos, aber durch den hinzugedachten Menschen, ein Lebenszeichen. Das sind Rufe aus der Vergangenheit – mal berührend, manchmal unverständlich, immer ein bisschen rätselhaft.

Jeder Weg zwischen zwei Räumen kurbelt an der eigenen Fantasiemaschine: Wer waren F. C. Selz und A. J. Wendler, zwei sauerländer USA-Auswanderer im 19. Jahrhundert, deren Namen allein schon für einen Thomas Pynchon Roman reichten. Fotos von Männern im Saloon der beiden in Canyon City, Oregon: Alle an einen langen Tresen gelehnt, alle ohne ein Lächeln, dafür mit mächtigen Schnurrbärten. Draußen der Witz von einer Stadt mitten im Dreck – wie das nächste Foto zeigt.
Wer war die kleine Elisabeth Schrewe, die nur zwei Jahre alt wurde, Anfang des letzen Jahrhunderts, wer hätte sie sein können und was erlebt? Ist „Kindersterben“ jemals Alltag gewesen? Was aus der Strickwaren Fabrik Solomon Stern ab 1936 wurde, ist bekannt, wenn auch hier nicht erzählt. Diesen ekligen, ausbeuterischen, räuberischen Teil des Nationalsozialismus gab es aber auch im Sauerland. Wenn der Hammer eines Schusters oder das Fernglas eines Jägers etwas übers Sauerland erzählen, oder ein Saloon in den USA und Tabakpflanzen in einer Vitrine die Vergangenheit greifbar machen sollen, dann doch eigentlich auch das Schicksal des größten jüdische Unternehmens, der Firma Salomon Stern mit 120 Beschäftigten.

Und plötzlich Kunst
Mitten im Museum, in Bauch und Brust des Hauses, residiert die Südwestfälische Galerie – eine Sammlung mit 7000 Werken ab dem 19. Jahrhundert, die „aus dem Sauerland stammen oder über die künstlerische Arbeit mit dem Sauerland verbunden sind“. Rund 150 Bilder werden durchgehend gezeigt und es gibt immer wieder Ausstellungen zeitgenössischer Kunst.
Die Dauerausstellung beginnt mit Selbstportraits. Passend, denn das ganze Haus ist im Grunde ein komplexes, unüberschaubares, widersprüchliches, inspirierendes Selbstportrait der Region. Es gibt Werke hier ansässiger und verzogener Künstler zu sehen, Skulptur, Malerei, Grafik. Auch hier wie im Rest des Hauses folgen die Werke keiner ausgearbeiteten Narration, sondern „Sauerland“ ist der weite, vielschichtige und assoziative Rahmen für alles.

Hach, Heimat. In diesem Museum jedenfalls sollen die Objekte nicht bloß eine „Storylinie“ illustrieren, sondern zeigen widersprüchliche, vereinzelte, befremdliche Objekte in einer räumlichen und zeitlichen Co-Existenz. Das Museum erzählt immer auch von der Welt, vom Leben, wenn es von sich selbst erzählt. „Erinnerung“ wird zum kreativen Prozess – ohne Anspruch auf Korrektheit, Vollständigkeit oder wissenschaftliche Nüchternheit – zu einer  wahren Wunderkammer. Hooked to Heimat. Dies war das erste, wird aber nicht das letzte Heimatmuseum für mich sein.

Mehr von Christian Caravante

Heimat festhalten – Die Wunderkammer – TEIL 1

„Lauter Buchstaben und Zeichen aus dem Setzkasten der vergessenen Dinge“, W.G. Sebald, Austerlitz.

Bremse ziehen, rechts ran, was ist DAS denn? Etwas oberhalb der Straße ein gigantischer, sicher 30 Meter hoher und 100 Meter breiter Schieferhaufen. Nein, vielmehr ein enormer Schieferschuttberg, wie die Ruine einer antiken Hügelgrabstätte, riesig, schwarz, glänzend. Im Sauerland wartet weiterhin hinter jeder zehnten Kurve eine Überraschung. Und der Hügel passt in doppelter Hinsicht: Ich bin auf dem Weg ins Städtchen Holthausen zum „Westfälischen Schieferbergbau und Heimatmuseum“.

Eine Herausforderung, wegen des – jedenfalls für mich – ambivalenten, unklaren, gern als Kampfbegriff verwendeten Worts „Heimat“. Soviel vorab: dieses Museum ist für mich ein Ereignis. Wie der Schiefer-Schuttberg bei der Anreise türmten sich beim Besuch bald Assoziationen, Fantasien, Erinnerungen und grundsätzliche Fragen über Heimat, Vergangenheit und museale Präsentationen übereinander. Dieses Haus ist eine Wunderkammer.

Der Blogtext in zwei Teilen ist mein bescheidener Versuch einen Weg auf diesen Hügel aus Gedanken zu finden – und vielleicht eine Aussicht.

Heimat ist fremd
Das Museum in Holthausen – ich gestehe – ist das erste deutsche Heimatmuseum meines Lebens. Heimatmuseum – das klang für mich piefig, national und provinziell. Bei mir kam eh immer nur Fernweh, nie Heimweh. Heimatmuseum, ob an der Nordsee, im Schwarzwald oder Sauerland, ist das nicht konzeptionsloser, konservativer Krimskrams mit handgeschriebenen Hinweisschildern? Ist das nicht eine Erd- & Schollenverbundheit, die mir fremd aber nicht Heimat ist? Heimat ist immer da, wo man liebt und lebt, dachte ich lang. Um dann – vermutlich eine dieser leidigen Alterserscheinungen – festzustellen: Heimat ist in einem, egal wo man hingeht. Sicher kann man sie auch woanders finden, irgendwo ankommen, weit weg von dem Ort, an dem man aufgewachsen ist. Allein, dann ist das die so genannte „zweite Heimat“.

Luftblasen aus der Tiefe
Heimatmuseum bedeutete bisher für mich einen Versuch, etwas zu konservieren, das allzu sehr im Fluss ist, etwas, das Interpretationen und erinnerungspolitischen Absichten unterworfen ist, die mehr mit dem Heute, als dem Gestern zu tun haben. Dazu, Heimat ist individuell und nicht kollektiv zu fassen. Sie besteht aus Erinnerungen und Gefühlen, Gerüchen und Familientraditionen, aus nostalgischen Anwandlungen und der eigenen Geschichte – die man ja selbst kaum korrekt und zusammenhängend erzählen kann.

Heimatmuseum bedeutet hingegen ausgewählte Alltagsobjekte meist namenloser Besitzer in Schaukästen mit einer zusammenhängenden Erzählung zu versehen und zu behaupten: So ist das hier. Die Menschen, die Geschichte machen, verschwinden hinter Gegenständen, die alles und deshalb nichts bedeuten können.
Ein Hammer, eine Schürze, ein Kruzifix, eine Stickerei, ein Tisch, ein Geweih – was erzählen die als Haufen von Zeug auf einem Flohmarkt? Und was bedeuten sie im Museum? Und wo sind darin die Menschen, die jeden Tag vor die Tür gehen, gut gelaunt, mies drauf, vorfeudig, traurig, gestresst, allein, mit Absichten und Unzulänglichkeiten? Heimatmuseum, Volksfest, Trachtenverein, Brauchtumpflege und Heimatfilm: allerhöchstens Luftblasen aus der Tiefe des kulturellen und biografischen Ozeans einer Region und ihrer Menschen. Oder?

In Fraktur
Das Grundproblem vieler historischer oder Heimatmuseen, die Auswahl und das Auslassen, fand ich gleich am Eingang zum Museum in Holthausen auf der „Historischen Tafel“ bestätigt, laut der die neuzeitliche Geschichte der Region so verlief:

„1929 bis 1933 Weltwirtschaftskrise, 1939 bis 1945 Zweiter Weltkrieg, 1945 Gründung der UNO, 1949 Konrad Adenauer wird Bundeskanzler.“

1933-39, Nationalsozialismus, Verfolgung und Vernichtungkrieg? Nö. Diese Haltung ist „Heimatschutz“ als blinder Fleck. Warum braucht „Heimat“ so verzweifelt eine Geschichte von Erfolgen und Siegen? Egal, denke ich, jetzt reingehen, wer weiß, wer diese Tafel in Frakturschrift angebracht hat und warum sie immer noch hängt – hoffentlich ist sie kein Motto für das, was mich drin erwartet, sondern selbst ein Artefakt vergangener Denk- und Schreibweisen.

Damaskuserlebnis
Dem Betreten der Räume, ich kann es nicht anders sagen, folgte sehr bald meine Bekehrung, mein Fall vom Pferd vor Damaskus. Ich bin schon im dritten Raum hellwach und begeistert. Der Rundgang beginnt recht unvermittelt mit Kunstwerken des sauerländer Bildhauers Eugen Senge-Platten und einigen Fotos von ihm, führt hinauf in Räume, wo in großen Glaskästen vor Fototapete drapiert ausgestopfte Tiere aus Wald, Wiese und Himmel erstarrt sind. In einer Ecke grobe Holzskulpturen, in einer anderen bunt bemalte Fensterläden mit der Geschichte einer Sauerländer Mörderin. Weiter geht es in Räume, die komplette Werkstätten von Schuhmachern, Druckern und dem untergegangen Handwerk des Stellmachers beherbergen. Dazwischen mal Fotos, mal Leuchtkästen, mal Arrangements zu Strickwaren, Tabak, zur Auswanderung in die USA oder zur „Holzwurst“. Kabinette mit Stubeneinrichtung und Totengedenkbildern, Urkunden von Dorfwettbewerben, Hinweisschilder, Fotoerklärtafeln über Holzwirtschaft und das Zimmer des Künstlers und Verkehrsamtsleiters und freien Mitarbeiter des Museums Leo Bittner.

Jedes Objekt, ob besonders, alltäglich, verständlich oder fremd, wurde bei meinem Rundgang Teil eines nicht fassbaren Ganzen. Da entstand Energie zwischen den tausenden Dingen und ihren unendlichen Geschichten in den vielen, verschachtelten Räumen. So kann ich Heimat glauben. Weil so Leben ist.

Ich verliere mich bald in den sich immer wieder auftuenden Räumen und Kabinetten, Themen und Gegenständen, ich schreibe, fotografiere, erinnere mich an Besuche im Sauerland als Kind, ich assoziiere so wild und durcheinander in Bildern und Worten wie Christoph Schlingensiefs Theater…. Und dann werde ich nur durch Zufall nicht im Haus eingeschlossen – was vielleicht das größte Abenteuer als Sauerlandschreiber hätte werden können. Vor dem Haus, an einem Sommerabend kann ich nur noch denken. Mehr davon!

„Es liegt einem auf der Zunge, wie hier Vogelfutter in der Fixierschale, Blumensamen neben dem Feldstecher, die abgebrochene Schraube auf dem Notenheft und der Revolver überm Goldfischglas zu lesen sind.“ Walter Benjamin, Das Passagen-Werk

ENDE TEIL 1

Mehr von Christian Caravante

Einblicke und Ausblicke

Ort: Zwischen Haus Rüschhaus und Burg Hülshoff | Datum: Sa, 29.07.2017 | Wetter: sonnig und bewölkt, 21°C

Von dem Fenster über den Ställen, links von dem weißen zweiflügeligen Tor, konnte die Droste den Hof überschauen. Ein Schritt ans kleine Fenster, ein Blick hinaus aus ihrem „Schneckenhäuschen“. Wenn Hufschlag oder Kutschengeklapper nahte, die Gräfte überquerte und auf dem Vorplatz zum Halten kam. Noch bevor die Küche unten betreten wurde und Stimmengewirr durch ein weiteres Fenster in ihre Stube drang, wusste sie bereits, wer den Hof besuchte. Heute hätte sie uns auf dem kopfsteingepflasterten Vorplatz beobachten können, wie wir die Fassade betrachten. Eine Begegnung der Blicke.

Vor uns liegt das Rüschhaus mit seinen zwei Gesichtern. Hierhin zog die Droste mit 29 Jahren nach dem Tod ihres Vaters, erzählt mir Jochen. Der Bruder Werner übernahm den Familiensitz und Geburtsort der Droste, die Burg Hülshoff. Das herrschaftliche Wasserschloss. Annette und ihre Mutter sowie ihre Schwester Jenny wurden, letztere bis zu ihrer Hochzeit, in der von Johann Conrad Schlaun gebauten Sommerresidenz sesshaft. Ein Landsitz mit großem Bauerngarten und Obstbäumen. Mit barocker Pracht im Gartensaal und westfälischem Schinken in der Küche.

Die Droste erkundete die Landschaft, machte sich oft auf zur fünf Kilometer entfernten Burg. Nicht mit der Kutsche. Jochen erklärt mir, dass das Rüschhaus keine eigene Kutsche besaß. Für besondere Gelegenheiten wurde eine geliehen. Annette war meist zu Fuß unterwegs. Ich muss an Jane Austens Stolz und Vorurteil denken. Die Droste als Lizzy Bennet mit Rocksäumen voller Erde und Kletten? Ihr Blick auf Natur und Umgebung sind in jedem Fall prägend für einen Großteil ihres literarischen Werks. Auch in ihren Briefen berichtet die Droste immer wieder von ihren Ausflügen. Wer ihr Werk kennt, kann auch heute Bezüge zur Landschaft ausmachen.

Du starrtest damals schon
So düster treu wie heut‘,
Du, unsrer Liebe Thron
Und Wächter manche Zeit;

(Aus: Die Taxuswand)

Libellen zittern über ihn,
Blaugoldne Stäbchen und Karmin,
Und auf des Sonnenbildes Glanz
Die Wasserspinne führt den Tanz;

(Aus: Der Weiher)

Während Haus Vögeding so aussieht, als könnten die Droste und Levin Schücking gleich um die Ecke biegen, um hier zu Rasten und eine Creme aus Gänseeiern zu essen, hat der Hof Hüerländer seinen Standort wegen des Baus der Autobahn seit der Erwähnung in den Briefen der Droste geändert. Hier wird Minigolf gespielt, als wir den Weg entlangkommen. Ein Stück renaturierte Münstersche Aa hingegen könnte sich dem, was die Droste damals gesehen hat, wieder annähern. Als sie dort bei Hochwasser gestanden und abgesehen hat, ob die Überquerung des Flusses auf ihrem Weg zur Burg möglich ist. Ein Raum im Wandel.

Entlang von Weihern, Wiesen und Waldstücken. Stromtrassen, Windkraftanlagen und der Autobahn. Panoramen und Details. Schweifender und fokussierter Blick. Hier wird demnächst auch ohne kundige Führung ein Einblick in Werk und Welt der Droste sowie darüber hinaus möglich sein. Zwischen Gräftenhof und Wasserschloss soll eine Droste-Landschaft entstehen. Ein Raum des Dialogs. Zwischen Landschaft und Literatur. Zwischen Werk und Rezeption sowie der künstlerischen Auseinandersetzung durch Autorinnen und Autoren der Gegenwart. Aber auch mit Blick auf die Veränderungen von Natur und Kulturlandschaft. Wandel und Brüche.

Nahe der Burg überqueren wir einen kleinen Bach. Hier hat zu Zeiten der Droste eine Wassermühle gestanden, die sie mit ihren Geschwistern in der Kindheit oft aufgesucht hatte. Sie haben in der Bruchlandschaft gespielt. Eine unbeschwerte Kindheit, wie in Bullerbü? frage ich Jochen. Na, dann aber doch auch mit einer Portion Jane Austen. Die Droste nahm auf der Burg am Unterricht ihrer jüngeren Brüder teil. Unüblich für die Zeit, aber die Eltern bestanden darauf, dass auch die Tochter gefördert wurde. Nichtsdestotrotz hatte man sich als Anna Elisabeth Franzisca Adolphine Wilhelmine Louise Maria von Droste-Hülshoff zu verhalten.

Wir folgen schließlich dem Verlauf der alten Allee des Anwesens, die auf ein weißes Tor zuläuft. Wenn die Droste-Landschaft fertig ist, wird dieses Tor geöffnet. Heute gewährt es zumindest schon mal einen Einblick in das Dahinter.


Dr. Jochen Grywatsch, Leiter der Droste-Forschungsstelle und Geschäftsführer der Annette von Droste-Gesellschaft, hat mir Einblicke in Leben und Werk der Droste und ‚ihre‘ Landschaft gegeben. Außerdem einen Ausblick in die geplante Droste-Landschaft und den Ausbau der beiden Dichterorte. Haus Rüschhaus in Münster-Nienberge und die Burg Hülshoff in Havixbeck sollen durch die Annette von Droste zu Hülshoff-Stiftung unter der Federführung des LWL zu einem Droste-Kulturzentrum und Zukunftsort Literatur ausgebaut werden.

Die Zitate aus dem Werk Annette von Droste-Hülshoffs sind dem Droste-Portal entnommen.

Mehr von Claudia Ehlert

TRANSFORMATION – doc / fest on tour

 

 

Stoffe, Stoffe, Stoffe…

Fäden. Geschichten. Erzählungen.

Von Tüchern und Webmaschinen

Von Filmen und Rollen

Früher und Heute

Noch mal hin und zurück

Eine Dekonstruktion

Die Fabrik, die Ruine, der Film

Die verlassene Tuchfabrik, eine Bühne

Das Tuchwerk, ein Museum

Mausetot

Filmrollen ausgraben

Die Transformation

Doc Fest on tour

Es lebe die Kunst

Fünfzehntausend Fabrikarbeiter einst

In Webereien, Spinnereien, Färbereien,

Mit Akkordarbeit

In der Aachener Tuchfabrik

Nun der Doc Film auf Reisen

Spinnt, webt, färbt neue Stoffe

Neue Geschichten für das neue Publikum

Im Dreiländer Eck

In der Grenzstadt Aachen zuerst

    

Backziegel ohne Dach

Ein Raum der Sehnsüchte

Eine Ruine

Spuren der Zeit ohne Brandstiftung

In sich versackte Vergangenheit

Träume unter offenem Himmel

Begegnung der Suchenden

Nach neuen Bildern, Tönen, Wörter

Nach Sinn der verlorenen Träume

Dokumentarfilmer auf Reisen

Wollen berühren, bewegen, beeindrucken…

Da wo das Leben stehen geblieben ist

In der Tuchfabrik

    

Eine kleine energische Frau gibt den Ton an

Herzliches Lächeln, dunkle Augen, warme Stimme

Miriam Pucitta, das südländische Blut in Aachen

Im Hintergrund schwebt ein weiser Hut

Maestro der Tour

Michael Chauvistré

Unruhig, still, nachdenklich

Er, der Cheffe, ist überall

Sein Blick hin und her

Sucht die Frau mit der warmen Stimme

Sie kommt sofort

Lächelt ihn an,

Umarmt seinen Leib und sein Leid,

Zerknittert der helle Leinenanzug

The Show must go on

 

Wie früher Schichtarbeiter

Drängt nun das Publikum

Vor dem Tor der alten Fabrik

Neugierig, bunt, jung, reif, groß, klein

Paare, einsame Seelen, Aliens, Eltern

Drei Kinder, zwei Hunde

Der weise Hut und die warme Stimme grüßen

Jeden persönlich, herzlich

 

   

In der Ruine duftet Kardamom und Zimt

Arabische Röllchen locken, ein Versprechen

Durstlöscher: Frischgezapftes, Wein und Wasser

Der Thekenchef, rund und grimmig, dient wortlos

Sein pummeliger Bub, ernst, schüchtern, genauso

Nur der quirlige Helfer mit dunklen Locken

Springt hin und her und lächelt bei jedem

Der Charmingboy, ein Araber,

Flüchtling aus Ramallah, erfahre ich später

Das Wort, zu anonym für soviel Licht in seinen Augen

Film. Blues. Ruine.

In der Ecke ertönt die Musik

Gitarre und Kontrabass

Gemeinsam

Raue, kratzige Stimme füllt die Ruine

Dringt ins Blut

Öcher Blues

Mit Dieter und Uwe

    
Eine vergessene Geschichte der Aachener Textilindustrie

Ein Sprung in die Vergangenheit

In der Maschinenhalle des Tuchwerks

Stoffe, Stoffe, Stoffe

The Show must go on

DOCFEST ON TOUR

In der Aachener Tuchfabrik

Die Transformation

Wo Weberei und Färberei jetzt schweigen

Spricht und spinnt „Dügün“ – Hochzeit auf Türkisch

Unter Kommando von Marcel Kolvenbach & Ayşe Kalmaz

 

Zwischen Museumsexponaten

In der Maschinenhalle der Tuchfabrik

Neue frische Filmbühne eingerichtet

Das Kinopublikum eilt in die Fabrikhalle

Wie früher Textilarbeiter

 

Stoffe, Stoffe, Stoffe…

Bunte, weiche, stramme Stoffe der Tuchfabrik

Heute Museumsexponate

Für Dokumentarfilme

…Kohle war gestern, Strukturwandel auch…

In grauer Gegenwart der verlorenen Jobs

Tanzen im weisen Tüll die rosa Träume der Einwanderer

Braut und Bräutigam aus Duisburg-Marxloh

Sie kräftig, kurvig, kerngesund, eine Türkin

Er, Türke, lächelnd, leger, logisch

Ein Elvis-Typ, der unter die Haube der Tochter seines Chefs will

Dügün – Hochzeit auf Türkisch

    

Happy End mit Vorahnungen und Zuschauerfragen

Vor dem Publikum stehen drei Männer und eine Frau im Rampenlicht

Marcel mit seinem weisen Stoff der Sehnsucht nach Glück und Heimat

Baris, ein kleiner Öztürk mit Feuer im Herz, Brückenschläger mit Insidercharme

Überall Zuhause, in Ost und West, zwischen den Welten, Türkei und Deutschland

Michael Chauvistré und Mirjam Pucitta, der Cheffe und seine Muse

Happy Endings Film mit Doc NaTour.

Nach der Hochzeit ist vor der Hochzeit

Nach dem Film ist vor dem Film

In der Ruine

Das arabische Versprechen duftet noch

Bier und Wein gehen zur Neige

In der rauen Stimme Blues

Bis zum Morgenrot

Unter Kerzen

In Vino veritas

 

 


Die Fotos:
Die Freie Fotografin Pascalina Vretinari hat das doc/fest am 24.06.2017 im Tuchwerk fotografisch dokumentiert.
www.vretinari.de
Ausnahme: Die drei Fotos während der Filmvorführung (unten im Text) stammen von Slavica Vlahovic.

Mehr von Slavica Vlahovic

Cross the borders

Ort: Vreden | Datum: Sa, 15.07.2017 | Wetter: sonnig, 21°C

SPRACHGRENZE. GRENZE DES GUTEN GESCHMACKS. REVIERGRENZE. Ich überquere sie mit wenigen Schritten auf dem Weg in den ersten Stock. Handel und Schmuggel. Mit Kiepe, Hundekarren, Händlerwagen und Berkelzomp verkehrten die Menschen zwischen den Niederlanden und Deutschland. Vreden liegt im Westmünsterland, in unmittelbarer Nähe zur Region Achterhoek, Niederlande. Reger Austausch von Waren im Grenzgebiet. Neben Fliesen, Tabak und Pfeifen stehen heutige Exportschlager der Region. Hier schließt sich der Kreis: mein Navi stammt ebenfalls aus dem deutsch-niederländischen Grenzgebiet.

AUSGRENZUNG. EINGRENZUNG. GRENZVERKEHR. GRENZEN heißt die neue Dauerausstellung des KULT in Vreden. Die Grenze wird hier als ein Ort präsentiert, ein Raum der Bewegung und Begegnung. Ein Anlass, über Gemeinsamkeiten und Unterschiede zu beiden Seiten der Staatsgrenze zu sinnieren. Und zu erkunden, ob auch im Alltag der Menschen – damals wie heute – ebenda eine Grenze verläuft. Alltagsgegenstände wie Holzschuhe und Hauben lassen allerdings auf ganz andere Kriterien der Grenzziehung schließen. Wirtschaftliche, soziale und religiöse.

Korn und Frikandel. Frau Antje und der Kiepenkerl.

Es geht auch an die eigenen Grenzen. Automatische Zuordnungen hinterfragen. Stereotype entlarven. Deutsche? Münsterländer? Niederländer? Nach dem Rundgang sitze ich im zukünftigen Sonderausstellungsbereich. Heute gibt’s hier Kaffee und Kuchen. Neben mir am Tisch unterhalten sich zwei Paare lebhaft. Auf – ja, auf was eigentlich? Einzelne Wörter erkenne ich als Deutsch, andere als Niederländisch. Und dazwischen? Platt! Sie stammen, so entnehme ich dem Gespräch, aus der Region. Aber ob von deutscher oder niederländischer Seite kann ich auch nach einem Stück Donauwelle nicht sagen.

Zwischen Zwillbrock und Eibergen

Jetzt will ich sie aber auch sehen, die Staatsgrenze. Spätnachmittags erreichen der Bulli und ich einen kleinen Flachdachbau. Keine Vorhänge, keine Rollladen, keine Hausnummer. Drinnen: eine leere Kakaoglasflasche im Fenster und ein Sicherungskasten, dessen Tür offensteht und in den weißen Raum hineinragt. Draußen, unweit des Baus: ein von hohem Gras und Sträuchern umrankter Grenzstein mit zwei Wappen. Auf der einen Seite drei Balken, auf der gegenüberliegenden zwei Löwen.

Auf der anderen Straßenseite das blaue Schild mit gelbem Sternenkreis und der weißen Aufschrift „Nederland“. Daneben ein Schild „Berkelland“. Daneben: eine freistehende Skulptur. Der Rasen hier ist kurzgeschoren. Durch eine Edelstahllinse folgt der Blick einem schmalen Graben. Links davon Weidezaun und Gehöft, rechts davon Weidezaun und Gehöft. Open Schakel / Offenes Kettenglied von Piet Slegers wurde als gemeinsames Projekt der Städte Vreden und Eibergen 1995 zur Öffnung der Grenze zwischen den Niederlanden und Deutschland aufgestellt.


GRENZEN heißt die neu eröffnete Dauerausstellung des KULT in Vreden. Anhand der Region Westmünsterland wird aufgezeigt, welche Bedeutungen einer Grenze im Alltag zukommen können. Und wie der oder die Einzelne damit umgeht. Stichwort Schmuggel. Originale sind zu diesem Thema übrigens leider noch nicht zu sehen. Trotz mehrfacher Aufrufe in der Lokalzeitung. Ein in Aussicht gestellter Schmuggel-BH wurde in letzter Minute doch noch zurückgezogen. Hier also nochmals der Aufruf: Wer doch noch ein Schmuggler-Unikat in den Dienst der Wissenschaft geben möchte, melde sich beim KULT in Vreden. No questions asked…

Mehr von Claudia Ehlert

Die difizilen Dämmungen der Dämmerung

Es ist ja mittlerweile ein gut gelüftetes Geheimnis, dass sich der Philosoph Jean Paul Sartre einst ein Arbeitszimmer im Innenhof seiner Pariser Wohnung extra hat anfertigen lassen. Er ließ Schreiner kommen und beauftragte sie, das Zimmer vollständig aus Bücherregalen zu bauen, ohne irgendwelche Steinmauern.

Als die angerückten Schreiner (im franz. Bau-Jargon des 20. Jahrhunderts auch gerne „Holzfrisöre“ genannt) mit ihrer Arbeit fast fertig waren und gerade die dünnen Pappwände als einzige Außenhaut an die Rückseite der Regale tackerten, fragten sie Sartre, ob er sich denn ganz sicher sei, mit seinem Vorhaben und ob sie nicht doch noch eine zusätzliche Dämmung aufbringen sollten. Der nächste Winter würde kalt werden und die Wände seien doch unzureichend dünn. Sartre soll daraufhin gesagt haben: „Machen Sie sich um mich keine Sorgen. Für die Dämmung sorge ich in den nächsten Jahren schon selbst!“ („Ne me faites pas inquiète. Pour l’isolation que je fais dans les prochaines années se redresser tout»)

Nun, wer einmal ein paar Sartre-Werke an eine zugige Türkante gelegt, oder gar welche gelesen hat, der weiß, dass diese sich hervorragend als Dämmerung in vielen Lebenslagen eignen.
Jahre später saß Sartre dann in seinem mittlerweile vollkommen vollgestellten Arbeitszimmer, hatte alle Regale mit seinen eigenen Schriften gefüllt, lehnte sich zurück und sagte (Achtung, das ist jetzt, im Gegensatz zu allem, was Sie bisher gelesen haben, wahr):

Einem Eigentümer spiegeln die Güter dieser Welt das eigene Dasein wider“

Überreste von Sartres Arbeitszimmer (Modellbeispiel)

Ich hatte mir also vorgenommen, mich mit dem Niederrheiner als Eigentümer und als Entsorger zu beschäftigen. Mit seinem Besitz, dem Abfall, den Neuanschaffungen, dem Gerümpel, dem Geröll, den weggeworfenen Apfelkitschen, laminierten Spanplatten, den benutzten Wattestäbchen, den abgewrackten Autos, den aufgelösten Brausetablettenresten und auch noch dem letzten Rotz Bierspucke in seinen Gläsern.

Aber wer ist er denn, dieser NiederrheinerInnen, von dem Hans Dieter Hüsch gesagt hat „Der Niederrheiner weiß nichts, kann aber alles erklären“? Ich finde das ist ein tolles Angebot und ich nehme es gerne in Anspruch.

In Mönchengladbach frage ich wahllos ein paar Leute, wie der Niederrheiner denn so drauf ist. Ich bekomme unter anderem die Antwort, man wüsste es jetzt auch nicht so genau aber der Niederrheiner sei „jedenfalls anders als der Düsseldorfer.“ Aha!

Ich kenne keinen Düsseldorfer, daher sagt mir das jetzt nichts.

(Im Übrigen ist es so: Ganz NRW behauptet anscheinend vorallem ja „anders als der Düsseldorfer“ zu sein. Bis auf Köln, dort behauptet man, auch ungefragt, nicht zu wissen was Düsseldorf ist)

In Düsseldorf haben sie mehr mit Schrebergärten und so“ lautet die Erklärung weiter. Ich glaube dieser Niederrheiner will mich ein Bisschen verarschen. Allgemein scheint Mönchengladbach aber eher eine Stadt zu sein in der heute keiner Krawall will, denn die meisten behaupten tatsächlich sowas wieman könne nicht alle über einen Kamm scheren“, es gäbe ja „überall immer solche und und solche“. Aha. Der Niederrheiner ist heute diplomatisch. Ich ziehe weiter.

Ein guter Ort jedoch, um sich etwas erklären zu lassen, ist in jedem Fall ein Museum. Ich lasse die diplomatisch antwortenden MönchengladbacherInnen hinter mir und fahre nach Grevenbroich in das „Museum der niederrheinischen Seele“ in der Hoffnung, dass es seinem ambitionierten Namen standhalten kann.

Vom Bahnhof Grevenbroich aus ist man recht schnell im Stadtpark, der durch seine grüne Sattheit besticht. Nach ein paar Metern sieht man schon die Villa Erckens. Es ist eines von diesen alten Gebäuden, gelb mit weißem Stuck, über Jahre fleißig renoviert und gepflegt, jetzt inmitten der chlorophyllgestärkten Natur sieht es aus, als hätte man ein Stück Buttercremetorte auf eine Wiese geworfen.

Ich rausche hinein. Außer mir und der Frau an der Kasse ist keine Menschenseele dort. Der Niederrheiner und die Niederrheinerinnen scheinen über die Beschaffenheit ihrer Seelen bereits gut informiert zu sein und sind schon, so sah ich es auf dem Hinweg, konzentriert mit Eis essen zugange. Sie kennen schon genug was ich noch zu erkennen suche.

Der Mensch versteht sich selbst nur im Erleben seiner selbst“, wieder Sartre, ein Satz der sich tatsächlich am besten beim Eis essen und mit der Zunge vorzüglich durchkontemplieren lässt.

Space is the Place, gilt auch in Grevenbroich. Wer diesen Ort hier passiert, hat gute Chancen die Villa Erckens und auch die Eisdielen zu finden.


Die
Dauer-Ausstellung, wegen der ich gekommen bin erstreckt sich über drei Stockwerke. Dialekt-Hörproben empfangen einen schon im Treppenhaus mit den unterschiedlichen Aussprechgepflogenheiten der Ortschaftsbezeichnung Grevenbroich:

Grevenbroooch, Grewwebruch, Grievebuich, Grävenbräuich Griwwebruch.

AEIOUÄÖEI

Der Niederrheiner scheint flexibel und kreativ in der Lautmalerei zu sein. Eine Regel habe ich aber dennoch bereits gelernt, merke:

Ein „ o i “ wird in dieser Gegend häufig wie ein langes „O“ gesprochen, das eine Sekunde am Gaumen zu verharren hat, bevor es hinausflöten darf. Probieren Sie es aus!

Grevenbroich, Hambroich, Broich, Korschenbroich, Tüschenbroich.

Wenn Sie anfangen zu husten, dann machen Sie es falsch.

Im Obergeschoss finden sich weiter viele Mitmach-Stationen und ausklappbare Karten, kurze Statements von Niederrheinern und Niederrheinerinnen zum Thema Energie, ein kleine Sammlung, von niederrheinischen Gemälden aus diversen Epochen (beliebte Motive: Garzweiler, Autobahnen, Landschaft).

Die Welt zu Gast am Niederrhein. Niederheinische Kunst in Petersburger Hängung auf Bordeaux-Rot.

Im Untergeschoss der Villa Erckens befindet sich eine alte Kniehebelmünzprägepresse von 1817. Das 200 Jahre alte Gerät war laut Begleittext seinerzeit „ein Meilenstein der Technikgeschichte.“ Münzen konnten damit mit viel weniger Körperkraftaufwand hergestellt werden als zuvor. Mit dem Wissen darum, dass derzeit in ganz Europa laut darüber nachgedacht wird das Bargeld in Zukunft vollständig abzuschaffen, wirkt das Gerät mit seinem großen hölzernen Rad und dem vielen Eisen umso archaischer. Ich stelle mir vor, wie irgendwann in ferner Zukunft neben dem Katapultähnlichen Gerät, jener Computer stehen wird, mit dem einst der erste Bitcoin errechnet wurde. Unsere ferne wunderbare „gegenstandslose“ Zukunft.

Weiter gibt es im Untergeschoss einen Film aus den 50er Jahren in dem die Bagger und die fortschrittliche Mechanisierung des Braunkohletagesbaus Garzweiler angepriesen werden. Die zackige 50er Jahre Sprechweise imponiert mir, ich schaue den Film gleich viermal hintereinander, um die darin erklärten Optimierungserrungenschaften auch wirklich zu verstehen. Ich werde dieses Wissen sicher gebrauchen können, wenn ich mir demnächst Garzweiler ansehe.

Ebenfalls findet sich im Keller ein Werbefilm einer Zuckerfabrik-Fabrik, die stolz verkündet ihre Bauteile vom Niederrhein aus über den ganzen Globus auszuliefern. Der Spot schließt mit dem Slogan:

Wir können sagen: Unser Feld ist die Welt“.

Ähnliches wird Monika Pirch vielleicht auch mal durch den Kopf gegangen sein, während sie ihren Essayfilm „1ha 43a“ gedreht hat, welcher im 1. Stock der Villa Erckens in voller Länge zu sehen ist.

Der Anlass zum Film: Die Filmemacherin gar selbst hat ein Feld, oder eher ein Stückchen Ackerland von eben dieser Größe geerbt und erzählt in ihrem Film von ihrem Umgang mit diesem Erbe.

Zunächst muss sie es aber finden. Irgendwo zwischen Aachen und Köln gelegen, zwischen unzähligen anderen Äckern versteckt, ist ohne Kartografie nicht auszumachen, wo ihr neuer Besitz anfängt und wo er aufhört. Auf den ersten Blick ist es schlicht weites Land, dessen Anblick Stadtmenschen nur als Ausblick aus dem Regionalzug kennen.

Sartre schrieb in seinen „Wörtern“:

Felder und ein Haus verleihen dem jungen Erben ein stabiles Bild seiner selbst; wenn er seinen Kies berührt oder die Fensterrauten seiner Veranda, berührt er sich und bildet mit Hilfe ihrer Dringlichkeit die unsterbliche Substanz seiner Seele.«

Monika Pirchs Film in der Ausstellung


Man sieht Monika Pirch in ihrem Film
zwar ehrfürchtig, doch auch eher ratlos über ihr Feld stapfen.

Ihr Erbe scheint ihr eher Fremdes zu sein, das sie scheu begrüßt, als dass es sie prompt mit jenem existenziellem Selbstverständnis schwängert, wie es Sartre beschreibt.

Auf konventionelle Weise, was in diesem Falle Ackerbau bedeutet, weiß Monika Pirch mit ihrem Erbe nichts anzufangen, sie hat keine Ahnung von der Landwirtschaft.

Es widerstrebt ihr aber auch, es einfach zu verkaufen, schließlich hat es ihrer Familie über mehrere Generationen als Rückendeckung, als substanzielle Absicherung gedient. Als Lösungssuche spielt sie daher sechs Szenarien durch, was sie mit diesem Stückchen Land mitten im Nirgendwo anstellen könnte: verkaufen, bestellen, Nutzung für Windenergie, Zeltplatz. Wofür sie sich am Ende entscheidet, müssen Sie sich am besten selber anschauen gehen.

Ein durchaus spannendes Portrait einer Lebensfrage.

Die unsterbliche Substanz der niederrheinischen Seele habe ich heute noch nicht entdeckt aber ich habe noch (typisch niederrheinisch?) eher schweigsam bei einem Eis über die Seele kontempliert.

Wie isset?“

Joa….Jut. Und selbst?

Joa….auch.“

Jut“

Sehr geheimnisvoll…

Falls Sie Sartres Arbeitszimmer einmal besichtigen wollen, Überreste davon finden Sie vielleicht noch ungefähr hier:

51° 10′ 49.646″ N 6° 26′ 34.095″ E

Mehr von Deborah Kötting