Das Haus

Ich weiß noch, als wir das Haus gesehen haben. Wir sind hier rein, es war dreckig, es war kalt, die Müllsäcke standen bis da vorn, der Biergarten voll mit Laub aus zwei Jahren Leerstand. Und Rattenfallen, das war nicht schön. 20 Mitglieder waren wir. Und dann haben natürlich alle gesagt: Also, nee, komm, das? Das Ding ist 130 Jahre alt und’n Groschengrab.

– Und ich sag: Aber wenn wir das jetzt nicht mal probieren!
– Und wieder alle: Jaaah, aber wie willst’n das machen? Ist doch viel zu groß.
– Ich sag: Wir machen nur diese Kneipe hier, dieses kleine Ding. Und den Raum dahinter. Und den Raum hinter dem Raum. Alles andere trennen wir ab, Küche, Treppe, großen Saal.
Ich hab’s sogar mit Photoshop einmal gebastelt, damit man’s sieht.
– Und dann alle: Okay, lass uns das probieren.
Anfang Januar war das. Am dritten Februar haben wir Tag der offenen Tür gehabt. Und bis dahin das ganze Dinge saubergemacht. Und während wir hier saubermachten, haben wir gesagt: Naja, Tag der offenen Tür. Da kommen wir mit den kleinen Räumen ja nicht hin. Das schaffen wir nicht. Also haben wir al-les saubergemacht. Dann kam der Tag der offenen Tür – und wir hatten hier 400 Leute: Endlich geht es weiter mit dem Haus!
Das war eben der Start. Und dann ging das sehr schnell, alles.

Lagerfeuer Fernsehen

Gibt natürlich viele im Ort, die haben hier ihre Kindheit verbracht. Da unten war ein Freibad, früher. Da ist man hin, so in den 60er Jahren. Bis Mitte der 70er, 80er, Sonntagsausflug. Der Biergarten brummte damals. Der war voll. Gab ja auch nicht viel anderes. Da hatte man noch Lagerfeuer Fernsehen zuhause, abends. Sonst nichts. 
Das Bad ist schon lange nicht mehr. Ist ein Biotop draus geworden. Joah. Aber die Leute, die jetzt in unserer Genossenschaft sind, im Verein, die das finanzieren – das ist genau diese Klientel. Die kennen das Haus von früher. Die sagen, das muss erhalten bleiben.
Ich würde meinen, wir haben jetzt rund 250 Mitglieder. 60 oder 70, die regelmäßig, wirklich regelmäßig kommen. Zu unterschiedlichen Konzerten. Jazz, Punk, Hardrock, Blues, Klassik. Sogar eine Kinderoper haben wir schon gemacht.
Das war natürlich nicht abzusehen. Hat ja nur angefangen, weil zwei Leute einen Ort gesucht haben. Ein Jazzer und ich. Ich bin für den Blues zuständig.
Oben im Bistro haben wir über 14 Jahre lang Session gemacht, einmal im Monat. Dann starb der Pächter irgendwann, es wurde ein neuer Pächter gesucht, und weil unsere Musikveranstaltungen immer besser liefen, haben wir gesagt: Können wir uns nicht bewerben?
Wir sind dann zum Bürgermeister. Und der hat gesagt: Hör mal, macht das doch. Also haben wir einen Verein gegründet, ein Konzept vorgelegt. Aber im Bistro war das nicht gewünscht. Das sollte ein Restaurant werden, kein Club.
Und dann standen wir da. Wir wollten ja nur eine Location, wo wir weiter Musik machen konnten.
Das Haus, also, das kannten wir natürlich. Wir wussten auch, da ist immer einer drin, ein Gastronom. Und immer ein anderer. Alle zwei Jahre hat das gewechselt, und es gibt wenige, die ohne ein blaues Auge raus sind. Ab und zu lief’s mal, dann machte es wieder dicht.
Der Eigentümer? Der kam auch regelmäßig auf unsere Sessions. Und das ging dann so:
– Hey, hör mal, Hubert! Was ist eigentlich mit deiner Hütte da unten?
Ja, kannste haben! Zweieinhalbtausend im Monat, dafür könnt ihr’s mieten.
– Vergiss es.
Das war eigentlich der Ausgangspunkt. Und dann haben wir ihm irgendwann gesagt:
– Wenn das Ding leer steht, kriegst du’s nie verkauft. Das ist kalt. Geht nicht. Die Leute kommen hier rein. Können sich nichts vorstellen. Also! Machen wir einen Deal mit dir. Wir beleben das Haus. Du kannst es aber weiter zum Verkauf anbieten. Und wenn sich ein Käufer findet, gehen wir sofort wieder raus.
Okay!
Und dann haben wir aus dem Stand in 10 Monaten über 80 Konzerte gemacht.

Familie, Religion, Sport, Gedöns

Natürlich waren auch immer mal Leute da, die das Haus … Also, die sich dafür interessiert haben! Aber nach näherem Hinschauen und nachdem die mal mit ihrer Bank gesprochen haben, ne? Da haben die alle gesagt: Nee, das wird nichts. Die haben zwar gesehen: Wenn wir unsere Musikveranstaltungen machen, dann! Aber ein Gastronom lebt von seinen Tischen. Selbst, wenn wir hier John Lee Hooker haben, oder Barbara Dennerlein, sagt der doch: Interessiert mich nicht. Ich brauch meine Tische. Daran ist es letztendlich immer gescheitert.
Aber der Eigentümer wollte verkaufen. Der hat uns gesagt: Wir verlängern nochmal um drei Monate.
– Sagen wir: Drei Monate ist zu kurz, wir brauchen Planungssicherheit.
– Und er: Ihr könnt’s ja kaufen!
Uns war klar: Wenn wir hier rausgehen, ist das Ding wieder platt. Das kann keiner, das macht keiner. Der Eigentümer wollte 300, das war völlig überteuert. Wir haben als Verein gesagt:
– Maximal 150.
– Und er: 300!
Es war klar, da bewegt sich nicht viel. Da kamen wir auf die Idee mit der Genossenschaft. So kam dann einiges zusammen. Er ist am Schluss doch deutlich mit dem Preis runtergegangen. Und dann haben wir das Haus gekauft.

Weißte.

Lief letztlich auch über den Kulturstammtisch. Das war auch so ein Projekt von unserem Verein, mit dem wir ja eigentlich nur das Bistro übernehmen wollten. Alle zwei Monate treffen wir uns hier mit Kulturschaffenden aus dem Ort und besprechen, wie wir miteinander etwas tun können. Fördermittel, gemeinsame Veranstaltungen, Ressourcenteilung, lokale Kulturpolitik. Alles Mögliche.
Letztens gab’s die Idee zu einem Kalender, der alle Kulturveranstaltungen hier versammelt. Die haben wir dann auch mit unserem Kulturdezernenten besprochen. Wir haben ja kein Kulturamt, und der neue Dezernent ist auch noch zuständig für Familie, Religion, Sport, Gedöns. Ich hab mich zehn Mal mit ihm getroffen. Na, wie läuft denn hier alles? Jaah, müssen wir umsetzen! Wir treffen uns wieder, und das müssen wir wirklich umsetzen!
Und wegen dem Kalender, da hatten wir auch hier gesessen, da hatte er gesagt: Jaah, da müssen wir mal schauen, dass wir die Firmen ins Boot holen, dass wir da Sponsorengelder für kriegen!
– Ich sag: Weißte.
Ich kann auch Graphik, nebenher, und die Druckkosten für sowas kannste ja vergessen, heutzutage, und ich bin natürlich einer, der ungern darauf wartet, dass irgendjemand irgendwelche Besprechungen und Abwägungen und ja nee, da müssen wir erstmal einen Plan machen, und – ach.
Ich mach dann.

Plug and play

Als der Hurricane Katrina damals die Wiege des Blues und des Jazz’ überschwemmt hat, hab ich gesagt:
– Wir müssen ein Benefizkonzert machen.
Das war die erste Bluesveranstaltung in diesem Ort. Daraus entstanden die Sessions im Ort. Und seitdem geht das halt so, ne? Dabei bin ich natürlich kein Profi Musiker, nur Kaufmann, früher in der Medizintechnik. Spiel ein bisschen Klavier, ein bisschen Hammondorgel, und hab da viel Spaß dran. Eine Hammondorgel haben wir hier im Haus auch auf der Bühne stehen, Baujahr ´64, sowas hat kein Club. Wir haben auch einen Konzertflügel. Schlagzeug ist da, Verstärker sind da, ein hochwertiger Mixer, mit dem man bis zu 32 Spuren aufnehmen kann. Das war immer die Prämisse, dass man hier eine ständig spielbereite Bühne hat. Musiker auf Tour und auch lokale Bands können kommen. Plug and play.
Und sie kommen! Wir haben natürlich die Konkurrenz der großen Kulturmetropolen, Köln, Düsseldorf, Ruhrgebiet. Aber wir haben auch einen Vorteil. Wir kriegen 200 Leute rein, aber auch, wenn nur 40 drin sind, hat das ´ne Atmosphäre. Die Menschen sitzen nah an der Bühne. Das ist was anderes, als in der Lanxess Arena über Leinwand zu kommen. Vor Anfragen können wir uns jedenfalls nicht retten. 120 Konzerte hätten wir dieses Jahr gehabt, plus 40 geschlossene Gesellschaften, die bringen mit dem Getränkeverkauf das Budget herein, plus nochmal 12 literarische Veranstaltungen.
Tja.
Wir haben Zuschuss beantragt, bis August halten wir durch, vielleicht auch länger.
Und immerhin: Uns gibt’s auch auf YouTube.

Mehr von Tilman Strasser

Oh Lord, let me go, Gesänge aus dem Lockdown

Den Semmelsegen schaue ich mir auf dem Klo an. Mir hat vorher die Zeit gefehlt, mit Homeoffice, Homschooling, Homestipendium, Homeputzen, Homekochen, Homebacken, überhaupt all dem Home, rennt mir die Zeit weg, was sonst geteilt, oder Häppchenweise, vielleicht auch als feine Schnittchen meinen Alltag gliedert, schlägt nun voll rein, überlastet und überfordert mich. Also, Klo. Die Ratschen, der Turmbläser, mit fällt wieder das Kommentar ein, das ich irgendwann mal auf Twitter geliket und sogar geteilt habe, indem eine Mutter schrieb, dass sie, seitdem sie Kinder hat, kapiert, dass sie schneller scheißen kann, wenn jemand von außen gegen die Tür trommelt. Ein Witz, den wahrscheinlich nur Mütter verstehen, einfach die, die täglich parat stehen, die Care-Arbeit machen.

Jetzt aber ist es endlich mal ruhig, und ich höre dem Pfarrer zu, wie er seine einführenden Worte spricht und dann, allein in der Kirche, das Lied „Lobet den Herrn“ anstimmt. Er hatte mir vorher schon im Interview erzählt, dass ihm das besonders fehlen würde, die vielen Menschen, die sonst gemeinsam beim Semmelsegen dieses Lied laut anstimmen.

Die Musik hat Johann Sebastian Bach zu dem Lied von Joachim Neander kombiniert.

Als ich es höre, habe ich sofort das Bild meiner Mutter vor mir, die, neben mir stehend, das Lied singt, weil sie es so gut kennt, und weil ich in meinem Leben meistens, wenn ich in der Kirche, mit ihr zusammen war.

Jetzt im Corona-Lockdown, ist dies der Moment, an dem ich zu weinen anfange. Vielleicht, weil die Kantate von Bach so schön ist, vielleicht, weil ich an all die Momente denken muss, in denen ich Menschen gemeinsam habe singen höre und wenn viele Menschen laut zusammen singen, entsteht immer ein Gefühl von Gemeinschaft, aber ganz sicher, weil ich endlich hier raus will, nicht mehr eingesperrt weiterleben, wie eine Pflaume im Haus oder auf dem Klo sitzend, um mal ein klein wenige Ruhe zu bekommen, ich will endlich wieder mein Leben zurück haben. Das Gefühl individueller Entmachtung überrennt mich, ich möchte meine Existenz wieder irgendwie selbst bestimmen, wenn auch nur mit so einfachen Dingen, wie am Flussufer zu sitzen, Enten beim Baden zu zu sehen, mit Freunden im Wald zu spazieren, ein Konzert zu besuchen oder einfach auf einer Party zu tanzen. Ich will die Normalität zurück, über die Paolo Giordano in seinem Buch In Zeiten der Ansteckung schreibt. Selbst, wenn sie diffus ist und noch ungenau.

Aber jede Normalität ist weit weg, sie ist mir abhandengekommen wie eine Gleichung, an die ich mich plötzlich und unerwartet nicht mehr erinnern kann. Und ich bin sicher nicht die Einzige, der Pfarrer im Lifestream auf Youtube aus Attendorn, der gerade in einer von der Leere hallenden Kirche, allein mit sich und seinem Glauben einen Segen abhalten muss, wünscht sich mit Sicherheit auch in eine andere Normalität als diese zurück. Und noch bevor er den Semmel segnet, hält er eine kurze Rede:

Der Mensch lebt nicht vom Brot allein.

Damit zitiert er Jesus, der diese Worte nach vierzig Tagen in der Wüste zum Teufel gesagt hat und damit selbst aus dem Deuteronomium zitierte. Nicht nur Brot, sondern auch Nahrung fürs Herz.

Wir sitzen im Lockdown, unser Alltag ist heruntergefahren auf das, was als systemrelevant gilt, was wir zum Überleben brauchen. Aber das ist eben nicht nur unser tägliches Brot, das ist, in Wahrheit, so unendlich viel mehr. Dabei bin ich mit dem Pfarrer und seiner Rede völlig einig.

Als ich aus dem Badezimmer trete, heule ich aber nicht mehr, weil ich jetzt nun sehr fest hoffe, dass wir uns später, nach dem Lockdown, auch daran erinnern werden, dass wir nicht nur vom Materiellen allein leben, von Klopapier und Nudeltüten, sondern von soviel unendlich viel mehr, Herznahrung eben.

Ein Lied, das die Welt und auch Religionen verbindet, hier singt auch die Queen die Bach- Kantate in London.

 

Und damit ihr die Botschaft auch nicht vergesst, an dieser Stelle das Herznahrung- Lied dazu von Janis Joplin dazu, denn die großartigsten Sängerinnen hören niemals auf zu singen!

 

 

Mehr von Barbara Peveling

Peer-Moll und meine neue Alte 

Die Lesung am vergangenen Sonntag lief gut, die Zuhörer und ich, wir hatten schöne 60 Minuten, doch eines wurmt mich noch immer: die Stahlsaiten.

Meine Gitarre, mit der ich zwischen den gelesenen Texten das eine oder andere Lied trällerte, passte mit seinem fulminanten Klang nicht zu den gezupften Liedern und da ich als kreativ Schaffender tatsächlich einmal Geld in der Tasche habe, Danke NRW, könnte ich einen Teil davon doch in eine Klampfe investieren? Gedacht, getan! Das unendliche Internet spuckt mir einige Musikgeschäfte in der Umgebung aus, ich entscheide mich intuitiv für «Der Musikflohmarkt Wuppertal». Die Internetpräsenz besteht aus nur einer einzigen Seite und nach Öffnungszeiten suche ich vergeblich. Das klingt für mich nach «Hier dreht sich alles um die Instrumente» und nach «meistens bin ich sowieso im Laden»; all das fällt irgendwie aus der Zeit und ist mir auch deshalb sehr sympathisch.
Ich rufe also kurz an: «Ja, ich bin jetzt noch so bis 13:00 Uhr im Laden, dann kurz weg …», «passt!», unterbreche ich meinen Gesprächspartner in Wuppertal, «… ich fahre direkt los!»
Trotz des dauer-trüben Wetters ist meine Laune oben, über die leere Landstraße schwebe ich gemütlich zu meiner neue Gitarre; dass ich fündig werde, ahne ich schon.

Dort angekommen trete ich ein und ein ebenso gut gelaunter und netter Mann sitzt entspannt auf einem Hocker. «Wir haben telefoniert, Dimitri!», sage ich und strecke ihm die Hand entgegen. Der Raum ist mehr Instrument als Gemäuer, überall hängt potentielle Musik von der Wand, dazu sitzen die Ziehharmonikas still in Regalen, sie warten geduldig bis sich einer erbarmt und sie bespielt. Auch die Trommeln schweigen ausnahmsweise, die Flöten bleiben unter sich. All diese Instrumente betören mich, meine Augen werden groß, das frivole Orchester und sein väterlicher Dirigent strahlt mich an. «Ja, hallo. Peer.»

In Musikgeschäften war es mir als Kind schon so, als tauchte ich in eine Parallelwelt ab. Es war ein verheißungsvolles Gefühl, als stünde man in der Schlange beim Kiosk, nur noch stärker. Dort sah und hörte man Neues und Berauschendes. Vielleicht spielte dort jemand in einer abgelegenen Ecke eine Gitarre an und hat dabei diesen weit nach innen gerichteten Blick im Gesicht stehen. Dort roch es nach Instrumenten und Verstärkern, nach Holz und meist ein wenig nach abgestandenem Rauch. Die Menschen dort hatten außerdem immer dieses ehrliche «du» auf den Lippen. Ein «du», welches so authentisch klang, weil das «ich» viel herumgekommen war. Ein «du», welches so selbstverständlich über die Lippen kam, weil man versteht, welche Schatten ein «Sie» werfen kann. Musikgeschäfte waren für mich seit je her Emanzipation und nicht zuletzt Freiheit. Darüber sinnend, sehe ich meinen Gitarrenlehrer, dessen Namen wir kaum ohne Kichern aussprechen konnten, da er «Fick» hieß und ich sehe, wie er geduldig dort sitzt und wartet, bis wir ausgelacht haben. Wie die schulterlangen Haare das schmunzelnde Gesicht umrahmen. Und das auch er diesen tief nach innen gerichteten Blick beherrschte, sehe ich nun.

Jetzt erkläre ich Peer zunächst, was ich so mache und welches Instrument ich in etwa suche. Er hört aufmerksam zu und greift zielsicher nach einer Gitarre, auf der ich sogleich zu träumen beginne. Wir sitzen dabei ruhig auf unseren Hockern und lauschen der Sprache des Instrumentes.
Ziemlich bald bricht es aus mir heraus, «ich nehm‘ sie!», und wir sitzen noch eine terele zusammen und unterhalten uns. Hin und wieder kommen Kunden herein und bringen verschiedene Wünsche mit, fragen nach Blockflöten und einer Klarinettenreinigung, nach einem Akkordeon oder einfach nur nach Plektren. Peer weiß stets Bescheid! Sollte er einmal nicht weiterhelfen können, verweist er an einen Kollegen und beweist damit, was für eine ehrliche Haut er ist.

«Wie ist das mit der Konkurrenz im Internet?» Es sei definitiv schwerer geworden, von einst zwölf Musikgeschäften in Wuppertal seien nur noch drei übrig geblieben, ich schüttele ratlos den Kopf. Musikgeschäfte, ihr dürft nicht verschwinden! In diesem Moment spüre ich ja ganz deutlich, wie wichtig dieser Kontakt, die Beratung ist. Mehrmals erzählt Peer, dass er auch Anfängern einfach verschiedene Gitarren in die Hände gibt und erklärt, wie man ein e-Moll greift, um den klanglichen Unterschied zu demonstrieren. Peer! Abgesehen davon, dass das der Inbegriff von gutem Service ist, hast du gerade e-Moll gesagt?! E-B-G?! Mein absoluter Lieblingsakkord!! Vielleicht nimmst du ihn auch als Beispiel, weil er so wunderbar einfach zu greifen ist, auf der anderen Seite ist das E sogar in deinem Namen übermächtig. Nein! Das kann kein Zufall sein, deine basslastige, ruhige Stimme, sie klingt ja auch irgendwie nach e-Moll!

Von den Instrumenten, dem Geruch, von Peer und den Akkorden bin ich wie benebelt und will die Gitarre kaum aus der Hand geben, «wem gehörte sie denn eigentlich?» Ich suchte explizit nach einer gebrauchten, man bekommt mehr für sein Geld und die Gitarre ist schon eingespielt; außerdem braucht man ja auch nicht immer alles neu!
Peer kneift ein Auge zusammen, «einem Herren», drückt er dabei heraus und muss sich eingestehen, nicht mehr berichten zu können. Peer, besten Dank, ich bin doch Schreiberling und meine Fantasie wartet nur auf Lücken zum Füllen:

Ein wenig bitter war es schon, im Kopf saß das Wissen über all jene Zupfmuster und Bassläufe, über Akkordwechsel und die Kadenzen, die er so sehr liebte, doch Heinrichs Hände waren nicht mehr gewillt den Anweisungen folge zu leisten. An diesem Tag bröckelte die Entscheidung in feinem Staub von der Wand, die Zeiger die Uhr mahnten ihn mit überdeutlichen Rotationen zur Vernunft; der Enkel konnte das Geld gebrauchen und so wollte er sie schließlich verkaufen, die Gitarre auf der er schon so lange seine Seele aufspannte. Als sei es ein kleines Kind, setzte er das Instrument auf seinen Schoß, streichelte mit der Hand über die Saiten und drehte zur selben Zeit die Spannung aus ihnen heraus.
«Sei nicht so melancholisch!» Seine Frau, vital und keck wie eh und je, mahnte ihn von der Küche aus quer durch den Korridor. Sie kannte ihren bereits grauen und doch irgendwie noch bunten Hund und seinen Hang zur Melancholie. Er warf ihr im Augenwinkel gespitzte Lippen entgegen, meist hatte sie doch recht, und nun wird ihm mehr Zeit bleiben, um mit ihr zu spielen.

Trotzdem tat es ihm gut, dieses letzte Geleit. Es sang einerseits vom Erlöschen, es tänzelte trunken auf einem sinkendem Schiff und klang dabei doch gleichermaßen nach Sonnenuntergang im lauen Spätsommer.
«Wohin du wohl kommst?»

Zu mir Heinrich, erst zu Peer, dann zu mir und in die Welt; ich werde sie in Ehren halten!


Das bunte Orchester und seinen Dirigenten finden
Sie auf der Klotzbahn 10-12 in Wuppertal oder einfach unter
https://www.der-musikflohmarkt-wuppertal.de

 

Hier jeweils ein Klangbeispiel um den Unterschied zwischen den Stahl- und den Nylonsaiten zu demonstrieren … natürlich in e-Moll ;). 

Mehr von Dimitri Manuel Wäsch

22:33 Uhr, Bochum Jahrhunderthalle

Der Fotografengraben ist mäßig voll, auf der Bühne sitzt der Künstler mittig vorne auf einem Hocker, vor ihm ein Gerät, das er wie ein Schaltpult bedient. Beim Singen ruckt er manchmal mit dem schwarz behuteten Kopf, seine Augen sind die meiste Zeit geschlossen. In der Regel nutzt er seine Hände zur Rhythmuseinhaltung, Raum-Körper-Koordination und zur symbolischen oder tatsächlichen Erhebung von Machtansprüchen. Viel in Bewegung ist er nicht.

Die Fotografen treten sich auf der freien Fläche zwischen Bühne und Publikum gegenseitig auf die Füße. Nur die Männer in den orangefarbenen T-Shirts verstehen es, den unscheinbar wirkenden Kameraleuten mit ihren je eigenen Tempi auszuweichen. Die Mienen der Orangefarbenen sowie der Kameraleute bleiben währenddessen ungerührt. Im Graben klickt es leise.

Ein Schrei unterbricht den Fotografentanz. Ein Mann mit runder Brille, ausgemergeltem Gesicht und dichtem, braunem Haar, hält sich krampfhaft an der Absperrung fest, ruft: „So schön! Es ist so schön!“ Seine Stimme überschlägt sich, keiner der Fotografen schaut sich um. 22:39 Uhr



>Ritournelle in der Jahrhunderthalle Bochum<

Aus 33 Neonröhren besteht EUROPA, die Ruhrtriennale-Installation am Westgiebel der Jahrhunderthalle. ©mhu
Aus 33 Neonröhren besteht EUROPA, die Ruhrtriennale-Installation am Westgiebel der Jahrhunderthalle. ©mhu
Jahrhunderthalle, Ritournelle, Ruhrtriennale: Das sind drei Begriffe, die zusammengehören. Seit 2002 gibt es das internationale Festival der Künste im Ruhrgebiet, die Ruhrtriennale, die mit dem Elektro-Musikfest Ritournelle ihre alljährliche Eröffnung feiert – und zwar im Festivalzentrum, der Jahrhunderthalle in Bochum.
Zu Gast bei der Ritournelle war in diesem Jahr nicht nur SOHN, sondern auch Nicolas Jaar, Ahmet Sisman u.v.m. Das Festival zeigt Produktionen aus den Sparten Theater, Tanz, Musik, Literatur und Bildende Kunst.

Die Jahrhunderthalle

1902 vom ehemaligen Montankonzern, Bochumer Verein, für die Düsseldorfer Gewerbe- und Industrieausstellung im Stadtteil Stahlhausen erbaut, wurde die Halle später als Gebläsemaschinenhalle für die Hochöfen des Bochumer Vereins genutzt und stetig erweitert. 1968 kam es zur Stilllegung der Halle, über die Nachnutzung wurde jahrzehntelang diskutiert. Seit 2003 ist die Stätte Spielort der Ruhrtriennale und mittlerweile beliebter Veranstaltungsort sowie Bestandteil des Westparks.

Mehr von Melanie Huber

Backstage am Bach

Ort: Beelen | Datum: Mi, 02.08.2017 und Fr/Sa, 04./05.8.2017 | Wetter: Festivalwetter (von allem etwas und davon viel)

Ich lasse das Fenster herunter. Merkwürdig ruhig ist es hier. Keine schrittfahrende Bulli-Kolonne vor mir. Keine am Straßenrand haltenden Pkw mit vollgestopften Kofferräumen: Schlafsäcke, Panzer-Tape, Dosen-Ravioli. Keine Ordner oder Parkplatzanweiser. Keine bepackten Festivalfans, Dosenbier in Händen, Taschen auf dem Rücken, Zelte unterm Arm. Keine Live-Musik, wummernden Anlagen oder Generatoren. Kein Geruch nach Gegrilltem. Vor dem letzten Hof rechts fegen eine Frau und eine Handvoll Kinder Stroh zusammen.

2 Tage, 2 Bühnen, 20 Bands, über 2000 Musikbegeisterte

Es ist das 24. Krach am Bach Festival in Beelen. Aufbauwoche. Noch zwei Tage, bis das Gelände seine Tore öffnet. Ab hier geht es während des Festivals nur zu Fuß weiter: zur Kasse, zum Zeltplatz am Festivalgelände, zum Einlass oder zum Frühstück. Heute  f a h r e  ich erstmals am Fliesenstudio Hartmann vorbei. Das Gebäude ist noch das, was es auch die restlichen 360 Tage im Jahr über ist – die Lagerhalle. Sie wird heute aufgeräumt und hergerichtet für den Festivalbetrieb am Wochenende. Bändchen, Programme und Pfandmarken für den Zeltplatz werden dann hier ausgegeben.

Der Backstage-Parkplatz dahinter: eine Wiese, begrenzt von Weidezaun, Maisfeld, Stallwand und Landstraße. Tine holt mich ab. Sie wird mir heute einen Einblick hinter die Kulissen des Festivals geben. Wir gehen durch den Eingang, den am Freitag und Samstag die Bands nehmen. Noch steht hier kistenweise Bühnentechnik. Zwischen ausgeräumtem Pferdestall und Koppel der Backstage-Bereich. Ein Holzsteg, um bei Regen nicht im Matsch zu versinken. Davon abgehend mehrere Pavillons. Gemütlich sieht’s hier aus. Sofas, Palettentische und Lampen mit Fransen, Bierzeltgarnitur, Kicker. Lichterketten und Deko kommen noch. WG-Party im Großformat, könnte man denken.

Vor End das größte Zelt. Tine stellt mir Sarah vor. Sie organisiert das Catering hier im Backstage-Bereich. Mehr als nur Brötchen-Schmieren für etwa 100 Leute in wechselnden Schichten. Sie managt auch die Wünsche der Bands. Das Kurioseste? Tine und Sarah überlegen. Allergien oder Unverträglichkeiten, veganes oder vegetarisches Essen – Standard. Zwei paar schwarze Baumwollsocken, sagt Sarah schließlich. Hier wird alles besorgt, was im weitesten Sinne mit Catering zu tun hat. Am Donnerstag. Großeinkauf. Für das Festival und das traditionelle Nachbarschaftsgrillen am Donnerstagabend.

Von der HIGH HORSE rüber zur WALTZING WANNERUP

Vor dem Cateringzelt beginnt das Festivalgelände. Einige Bauzäune stehen schon. Der Zeltplatz ist bereits abgetrennt. Momentan wird die große Bühne aufgebaut. Alles ehrenamtliche Helfer. Viele kommen aus dem Ort und der Umgebung. Wie Tine und Sarah haben sie sich von ihrer regulären Arbeit frei genommen, um hier beim Festival zu helfen. Dafür erhalten sie freien Eintritt. Aber allein damit, ca. 40 Euro Eintritt, sei der Einsatz auch nicht aufzurechnen, so Sarah. Man will einfach helfen, beim Festival, der Gemeinschaft dabei sein. Überhaupt habe ich den Eindruck, am Festival sind ganz Beelen und Umgebung beteiligt.

Die Einweiser an den Parkflächen stellt seit Jahren der MGV-Concordia Beelen. Auch am Freitag werden der Bulli und ich von einem der MGV-Mitglieder auf eine der Wiesen für Zelte und Pkw gelotst. Neben dem Park- und dem Catering-Team im Backstage-Bereich wären da noch das Kassen-Team, das Camping-Team, die Besetzung der Bierstände, die Stagehands, die Elektronik, Bühnenauf- und Abbau, die MEKs (das Mobile Einsatz Kommando), usw. Insgesamt etwa 200 Personen, schätzen Tine und Sarah. Dazu der Festivalausschuss, bestehend aus ca. 25 festen Helfern und Helferinnen, die zum Teil seit Beginn, zum Teil seit einigen Jahren dabei sind.

Das Team ist in den 24 Jahren Krach am Bach gewachsen. Auch dank der Musik. In den letzten Jahren hat sich der Schwerpunkt vor allem der Headliner in Richtung Stoner Rock verlagert. Was im achtköpfigen Musikausschuss irgendwie Konsens war, was selbst gern gehört wird, erklärt mir Tine. Ansonsten nach wie vor Spartenvielfalt: Postrock, Hardrock, Punk, Prog, Psych, Doom, Blues. Ein Rezept, das ankommt. Seit drei Jahren in Folge ist das Festival zum Auftakt ausverkauft. Dieses Jahr sogar erstmals bereits zwei Wochen im Voraus, keine Abendkasse.

„Und auch am Ende heißt es wieder, was übrig bleibt, geht an Menschen, die wenig haben, aber umso mehr benötigen.“

Schon von Beginn an wurde das Krach am Bach als Benefiz-Festival geplant, erklärt mir Klaus am Samstag im Backstage-Bereich. Zwischen einem Interview und dem Verabschieden von The Brew. Er ist seit der ersten Stunde dabei, beim Krach am Bach e. V. Der Erlös des Festivals geht jedes Jahr an gemeinnützige Vereine und Institutionen aus Beelen und dem Kreis Warendorf. Überwiegend regional und projektgebunden. Zu dem festen Kern von Empfängern treten jedes Jahr auch neue Projekte hinzu, da ist das Team offen für Anfragen.

Freitags, wenn alles steht, bevor das Festivalgelände offiziell öffnet, gibt es einen kleinen Sektempfang für alle Helferinnen und Helfer, die gerade eine Hand frei haben. Als ich Freitag für mein Bändchen an der ehemaligen Lagerhalle in der Schlange stehe, sehe ich im Hintergrund eine noch nicht ganz geleerte Flasche stehen. Und muss grinsen.

Nach dem Festival wird noch eine Party für all die helfenden Hände ausgerichtet. Dazwischen: das große Ausschlafen. Als ich Samstag gegen neun zu trommelndem Regen wach werde, sind Sarah und Tine schon wieder backstage auf den Beinen.


Wie seine Besucherinnen und Besucher war auch das Line-Up des diesjährigen Krach am Bach in Beelen bunt gemischt und international. 20 Bands aus Europa, den USA, Kanada und Australien. Eigentlich müssten dem Line-Up aber noch 200 weitere Namen hinzugefügt werden: die aller ehrenamtlichen Helferinnen und Helfer aus Beelen und darüber hinaus, ohne die hier nur ein paar Wiesen und Stoppelfelder zu sehen wären.

Stellvertretend stehen hier die beiden, die mich mit hinter die Kulissen genommen haben: Christine Feuersträter und Sarah Austermann. Nächstes Jahr wird das Krach am Bach dann ein Vierteljahrhundert alt. Auf ein Wiedersehen!


Zehn Momentaufnahmen vom Krach am Bach 24

  1. Aufschrift auf einem Zelt unweit des Festivalgeländes: „Camping ist ein ZUSTAND, in dem der Mensch seine eigene Verwahrlosung als ERHOLUNG begreift. – Thomas Hobbes“
  2. Nebenan wird mit einem Autoreifen Flunkyball gespielt.
  3. Die Durchsage auf der Hauptbühne: Bei den Fundsachen an der Kasse ist ein Jack-Russel-Terrier abzuholen.
  4. Vor dem Auftritt von Soap Bubble Orchestra: fünf junge Männer in gestreiften Bademänteln vor der WALTZING WANNERUP Stage.
  5. Die komplette Besetzung des Bierwagens groovt zu Schildkrötenthomas von Dyse.
  6. Direkt vor mir filmt ein Mann mit seinem Smartphone mit ausgestrecktem Arm über die Menge hinweg zwei Songs von Causa Sui – insgesamt ca. 16 Minuten (er wechselt aber ab und zu die Hand).
  7. Ein Junge, der mit etwa bis zur Hüfte geht, steht in kompletter Ledermontur vor der Hauptbühne und wartet auf den Auftritt von Motorpsycho.
  8. Neben dem Technikzelt der kleinen Bühne tanzt eine Frau barfuß mit geschlossenen Augen zu The Legendary Flower Punk.
  9. Trotz Glasverbots zwei Mülltonnen auf dem Stellplatz: eine für Buntglas, eine für Weißglas.
  10. Zwei Männer schauen sich am Samstag auf dem abgeernteten Feld vor dem Fliesenstudio Arm in Arm den Sonnenuntergang an.

 

 

Mehr von Claudia Ehlert

18:42 Uhr, Bochum Südring Ecke Viktoriastraße

Die Massen waren einmal, es ist Sonntagabend und zwischen den Ständen liegt der Müll. Der letzte Festivaltag wird noch einmal begangen, weil „Moop Mama, halt.“ – „So ein Quatsch! Weil: Carpark North! Und Staubkind!“ – „Alter, hört ma‘ auf. Auf leeren Magen streit ich nich. Wo gibbet hier Eis?“ Vor den Bühnen sammeln sich die Leicht- und Einhornbekleideten. Am Südring und in den Seitenstraßen stehen auf den Bordsteinen die Volksfest-Büdchen. Lange Warteschlangen bilden sich vor den Airbrush-Tattoo-Ständen. Schilder versprechen eine Haltbarkeit von drei Wochen, die Motivauswahl gestaltet sich bei vielen als schwierig. Erstens richtet sich der Preis des Tattoos nach dem Grad der Detailliertheit und zweitens ist da noch die Frage, wohin mit der komprimierten Farbe. Ein Mann, Mitte bis Ende Zwanzig, entscheidet sich für eine Stelle oberhalb der linken Brust. Dafür knöpft er sein Hemd auf. Rasiert ist er nicht. An einem anderen Stand hat ein zierlich anmutendes Mädchen ihren Fuß zwischen den Oberschenkeln der Airbrush-Tätowiererin platziert.

An der Viktoriastraße Richtung Königsallee findet sich auf der rechten Seite der König-Pilsener-Stand. Einem Mini-Biergarten gleichend wird unten das Bier ausgeschenkt und oben gesungen. „Wie auf’m Ballermann“, erklärt ein Vorübergehender einem Jugendlichen die Anordnung. Auf dem Containerdach steht ein Mann, der sich „Burkhard aus Duisburg“ nennt. Er singt Schlager – ob gecovert oder selbst geschrieben, ist nicht herauszuhören. Eine Frau steht vor dem kleinen Biergarten und hält ihr Handy nach oben. Burkhard aus Duisburg hat sonst kein Publikum.

Die Gespräche im Bermuda3Eck halten sich in Grenzen. Vorwiegend sucht man sich gegenseitig. Eine junge Frau etwa hält in der rechten Hand ihr Handy ans Ohr, in der linken hat sie einen blauen Becher, den sie in die Höhe hebt. „Links. Links. Links“, sagt sie. Und: „Verdammt, ich bin hier links.“ Sie steht zwischen zwei Getränkewagen auf einer freien Fläche zwischen den Fahrbahnen. Diese Information teilt sie ihrem Gesprächspartner nicht mit.

Ein anderer kramt aus seiner Hosentasche sein Smartphone, es vibriert. Er schaut auf den Display, seufzt und sagt: „Oh, Hase. Das kann doch nicht so schwer sein.“ Er hebt ab und navigiert: „Ich seh dich, komm rüber.“ Ein Mann, Mitte Zwanzig, kommt verschmitzt lachend auf ihn zu.

Der Rasenstreifen, der die Fahrbahnen der Viktoriastraße voneinander trennt, ist beliebter Ruhe-Ort. Nebeneinander aufgereiht stehen die Bierbänke und sitzen die Menschen auf dem Boden. Manch einer hat eine Decke mitgebracht, es wird von den Ständen rundherum Essen und Getränke angeschafft. Ein jeder hört eine andere Musik, das Genre ändert sich je nach Himmelsrichtung.

Vor der WDR1Live-Bühne ist es am vollsten. Carpark North spielt noch, danach kommt Moop Mama. Ein älteres Pärchen steht am rechten Rand der Bühne. Er ist in Teilen graumeliert, sie gewichtig. Er will diese Band hören, sie nicht. Während er mit leuchtenden Augen immer wieder nach vorne zieht – ein Schritt, dann noch einer – entfernt sie sich im gleichen Rhythmus von der Bühne. Nach drei Schritten ist der Abstand zwischen den beiden wohl zu groß. Er besinnt sich, tritt vier Schritte zurück, sie kommt ihm einen halben entgegen. So entfernen sie sich kontinuierlich vom Spektakel. Wenig später rappt Moop Mama: „Bochum ist ein guter Standpunkt – weit genug weg von Dortmund und Köln.“ 21:13 Uhr


>Bochum Total<
Hände und Einhörner. ©mhu
Hände und Einhörner. ©mhu
Ein bisschen hat es etwas mit den Ferien in Nordrhein-Westfalen zu tun: Etwa eine Woche vor den Sommerferien steht das knapp 365.000 Einwohner starke Bochum in der Regel vier Tage lang Kopf. Seit 1986 gibt es das Umsonst- und Draußen-Festival im Bochumer Bermuda3eck (ein Bereich in der Nähe des Hauptbahnhofes, der mit einer hohen Dichte an Clubs, Bars und Kneipen aufwartet und dessen Name wohl Programm ist). Von Studierenden ins Leben gerufen, erinnert Bochum Total heute eher an ein Volksfest. Gute Bands kommen trotzdem. Und die Stimmung ist top.

Mehr von Melanie Huber