DIE SPOEKENKIEKERIN UND DAS FRÄULEIN

Das Fräulein sitzt auf einem Sessel und liest.
Sie liest sehr konzentriert, zumindest sieht sie so aus, als läse sie konzentriert. Ihre Stirn ist von zitternden Furchen durchzogen.
Hinter ihr steht das Zimmermädchen und kämmt dem Fräulein summend das lange rote Haar.
„Ach, was für schönes Haar ihr habt“, sagt das Zimmermädchen und kämmt.
„Hm“, brummt das Fräulein.
Sie schweigen. Das Fräulein blättert um, die Türe geht auf, ein Luftstoß fährt durch den Raum, das geöffnete Fenster schlägt gegen den Rahmen, das Küchenmädchen tritt herein mit dem Frühstück.
„Guten Morgen“, sagt das Küchenmädchen.
„Guten Morgen“, sagt das Zimmermädchen.
„Und, was gibt es Neues?“, fragt das Zimmermädchen.
„Nicht viel“, sagt das Küchenmädchen, „und bei dir?“ Die beiden flüstern, um das Fräulein nicht beim konzentrierten Lesen zu stören.
Das Küchenmädchen zuckt mit den Schultern. „Ach, ich hab gehört, bei der Kaline hat sich gestern auf dem Weg zum Milchholen eine Taube in den Haaren verfangen.“
Das Zimmermädchen kichert. „Das würde mich nicht wundern, bei dem Gestrüpp, das die auf dem Kopf trägt.“
Die Mädchen kichern beide.
„Aber du, ich hab ja was anderes gehört über die Kaline“, sagt das Küchenmädchen.
„Was hast du denn gehört?“, fragt das Zimmermädchen.
„Also ich hab gehört, die Kaline soll gestern beim Milchholen einen Hasen in ihrer Haube gefangen haben.“
„Fräulein, wollt ihr heute Orangensaft zum Frühstück trinken?“, fragt das Küchenmädchen.
„Hm“, sagt das Fräulein, ohne den Blick von den Seiten zu heben. Das Zimmermädchen zuckt mit den Schultern. Das Küchenmädchen schenkt Orangensaft aus einer Karaffe in ein Glas.
„Vielleicht stimmt ja beides. Würde mich gar nicht wundern.“
„Bestimmt stimmt beides. Das würde mich wirklich gar nicht wundern.“
„Fräulein“, fragt das Küchenmädchen. „Wollt ihr das Frühstück heute auf dem Bett oder am Tisch einnehmen?“
„Hm“, macht das Fräulein. Das Küchenmädchen rollt mit den Augen, das Zimmermädchen zeigt auf den Tisch. Nun also werden Teller, Schüsseln und Tassen vom Tablett auf den Tisch geräumt, da geht erneut die Türe auf, ein Luftstoß fährt durch den Raum, das geöffnete Fenster scheppert gegen den Rahmen, und die Wäscherin kommt herein.
„Guten Morgen“, sagt die Wäscherin.
„Guten Morgen“, sagen das Zimmermädchen und das Küchenmädchen.
„Fräulein, passt es ihnen, wenn ich jetzt die Laken wechsle?“
„Hm“, sagt das Fräulein.
Das Zimmermädchen und das Küchenmädchen zucken mit den Schultern und nicken. Also nimmt die Wäscherin ein frisches Laken aus dem Korb und packt die Decken und Kissen vom Bett auf die Chaiselounge.
„Habt ihr schon gehört?“, fragt die Wäscherin verschwörerisch. Sie flüstert, um das Fräulein nicht beim Lesen zu stören, oder um verschwörerisch zu klingen.
„Dass Kaline einen Hasen gefangen hat?“
„Oder eine Taube.“
Die Wäscherin runzelt die Stirn.
„Ein Wildschwein hat sie gefangen, hab ich gehört. Mit bloßen Händen!“
„Aha“, sagen das Zimmermädchen und das Küchenmädchen gleichzeitig.
„Fräulein“, fragt die Wäscherin vorsichtig, „soll ich auch die Kissenbezüge wechseln?“
„Hm“, sagt das Fräulein.
In diesem Moment geht die Tür ein drittes Mal auf und die Magd schaut herein.
„Wisst ihr schon das Neuste?“, schreit sie atemlos.
„Dass Kaline ein Schwein gefangen hat?“
„Ach was, das sind ja Nachrichten von gestern. Der Alfred Meissner will der Schäferwitwe eine Abreibung geben.“
„Was?!“, fragt das Fräulein und schaut von ihrem Buch auf.
„Eine Abtreibung. Ach, du lieber Gott“, sagt das Zimmermädchen, „aber warum denn… die Beiden? Das hätte ich ja im Traum nicht gedacht… Obwohl, wenn ich so drüber nachdenke…“
„Der Alfred Meissner will der Spoekenkiekerin eine Abreibung geben“, wiederholt die Magd.
„Ach, eine Abreibung“, sagt das Zimmermädchen.
„Ein Abreibung!“, sagt das Küchenmädchen.
„Jaja aber warum?! Was hat sie getan?“, fragt das Fräulein.
„Sie soll ihn einen paranoiden, zurückgeblieben, engstirnigen Despoten genannt haben.“
„Um Himmels willen“, sagt das Zimmermädchen.
„Warum sollte sie das getan haben?“, sagt das Fräulein, mehr zu sich selbst als zu den Mädchen.
„Naja, ganz Unrecht hat sie ja nicht“, sagt die Wäscherin.
„Psssscht“, macht das Küchenmädchen.
„Schon gut“, sagt das Fräulein.
Die Wäscherin nickt dem Küchenmädchen mit hochgezogener Augenbraue zu.
„Der hat sie nicht mehr alle beisammen, das ist doch kein Geheimnis.“
„Das stimmt, der hat sie wirklich nicht mehr alle beisammen. Der treibt uns noch alle in den Ruin mit seinem Naturschutz“, sagt das Zimmermädchen.
„Was soll das überhaupt heißen, Naturschutz?“, fragt die Wäscherin.
„Dabei fing doch alles so gut an…“, sagt das Zimmermädchen.
„Naja, so langsam wünsch ich mir fast den Alten wieder her. Der hat uns wenigstens die Eisenbahn gebracht“, sagt das Küchenmädchen.
„Jaja, aber ob die jetzt gebaut wird oder nicht, das steht ja wohl in den Sternen“, sagt die Wäscherin.
„Naturschutz, was soll das überhaupt heißen?“, fragt das Küchenmädchen.
„Er will nicht, dass das Moor trocken gelegt wird für die Schienenstrecke“, erklärt die Magd.
„Verrückt ist der, was will der denn mit dem Moor?“, fragt die Wäscherin.
„Weiß der Geier“, sagt die Magd.
„Oder die Spoekenkiekerin“, sagt das Zimmermädchen.
„Ach, was die so sieht, darauf würd ich nichts geben“, sagt die Magd.
„Neulich hat sie gesehen, wie dem Schulten der Wagen umgekippt ist, und zwei Tage später ist dem Schulten wirklich der Wagen umgekippt“, sagt das Zimmermädchen.
„Ja aber der kippt ja alle Woche einmal um.“
Das Zimmermädchen zuckt mit den Schultern.
Unterdessen kaut das Fräulein nachdenklich auf den Innenseiten ihrer Wangen.
„Also ich hätte nichts dagegen, wenn der mal jemand eine ordentliche Abreibung verpassen würde“, sagt die Magd. „Ich mein ja nur… Wie die sich aufspielt immer.“
„Ich hab gehört, sie solls mit…“, das Küchenmädchen senkt die Stimme wieder und flüstert, „…ihren Böcken treiben.“
„Ich hab gehört, sie solls mit Frauen treiben!“, sagt die Wäscherin.
„Pfui, wider die Natur ist das!“, sagt die Magd.
„Wider die Natur!“, sagt irgendeine von den Mädchen.
„Und überhaupt, eine Frau als Schäferin, und dann auch noch Spoekenkiekerin. Also ich bin ja nicht rückschrittig, aber das geht doch zu weit.“
„Und eine Franzosenhure ist sie auch“, schreit die Magd.
„Wider die Natur ist das.“
„Wider die Natur!“
„Also was denn nun? Franzosenhure oder Lesbe? Beides geht ja wohl nicht“, sagt das Zimmermädchen.
„Ach bei der kommt jede Bezeichnung zu kurz!“
„Genug!“, sagt das Fräulein nun und wedelt mit den Händen. „Raus, raus, raus“, ich will in Ruhe lesen.
Die Mädchen spitzen die Lippen und verlassen beleidigt das Zimmer. Das Fräulein sitzt auf ihrem Sessel und schaut mit sorgenvollem Blick aus dem Fenster. Ihr rotes Haar schimmert feurig und gefährlich.

Am nächsten Morgen sitzt das Fräulein wieder an derselben Stelle und lässt sich vom Zimmermädchen die Haare bürsten. Sie versucht zu lesen, aber nach jeder Zeile wandert ihr Blick über die Seite hinaus zum Fenster. Irgendwann legt sie seufzend das Buch weg und sagt mit aufgesetzter Heiterkeit in der Stimme: „Und was gibt es Neues?“
Das Zimmermädchen hält inne und blickt verwirrt auf den Scheitel des Fräuleins.
„Was es Neues gibt, Fräulein?“
„Ja, erzähl mir doch mal, über was spricht man heute?“
„Also gut. Wenn Sie es wissen wollen: Der Hinrich Kägebein ist gestern besoffen in den Rinnstein gefallen und hat sich am Bordstein das Jochbein gebrochen.“
„Oh. Das muss weh tun.“
„Ja sehr, er klagt den ganzen Tag.“
„Und sonst?“, fragt das Fräulein.
„Die Erna heiratet am Wochenende“, sagt das Zimmermädchen.
„Das ist doch Nachricht von gestern“, antwortet das Fräulein.
Das Mädchen gibt einen schnippischen Laut von sich.
„Und weiter? Gibt’s was Neues über die Schäferwitwe?“
„Oh ja allerdings“, das Zimmermädchen macht eine Pause, um die Spannung zu steigern. „Der Gemeindevorsteher will ernst machen.“
„Ernst? Was heißt das? Wann?“
„Na, sie fragen Sachen. So genau weiß ich es auch nicht.“
„Warum?“
„Also, das Teufelsweib will heute Nacht aufgewacht sein und mal wieder allerhand Unglaubliches gesehen haben.“
„Was hat sie denn gesehen?“
„Wollen Sie es wirklich wissen?“
„Aber ja, sonst würde ich doch nicht fragen.“
„Nagut, ein fürchterliches Monster will sie gesehen haben, im Moor. Ein Gesicht wie eine… eine Ameise soll es gehabt haben, das Monster, und Beine…“
„Sprecht ihr über die Spoekenkiekerin und das Monster, das sie gesehen haben will?“ Soeben ist die Tür aufgegangen, ein Luftstoß ist durch das Zimmer gefahren und das Küchenmädchen ist herein getreten. „Der Meissner will jetzt ernst mit ihr machen, hab ich gehört.“
„Ja aber, was heißt das, ernst?“, fragt das Zimmermädchen.
„Na du fragst Sachen, woher soll ich das wissen? Ein Monster will sie gesehen haben im Moor, ganz und gar grässlich soll es ausgesehen haben, mit riesigen Schaufeln als Armen.“
„Schaufeln als Arme? Ich hab gehört, es soll Äxte statt Arme gehabt haben. Äxte, mit denen es die Birken im Moor gefällt hat.“
„Sprecht ihr über das Monster, das die Schäferwitwe heute Nacht gesehen haben will?“
Die Wäscherin steht im Türrahmen und blickt ins Zimmer.
„Ich hab gehört, es soll einen schwarzen, blinkenden Hinterleib statt eines Popos gehabt haben, und gigantische Zangen statt Händen.“
„Ich dachte Schaufeln statt Händen?“
„Also mir wurde gesagt Zangen.“
„Und Bahngleise will sie außerdem gesehen haben, im Moor, das aber kein Moor mehr war, sondern ein verlottertes Hirsefeld, mit Bahngleisen, die da hindurch führten.“
„Heißt das, wir kriegen unsere Bahn doch noch?“, fragt das Küchenmädchen.
„Ach. Die ist doch keine echte Spoekenkiekerin, die macht sich nur wichtig.“
„Was sie geträumt hat, das erzählt sie uns, sonst nichts.“
„Aber warum will der Meissner ernst machen mit ihr?“, fragt das Fräulein.
„Naja, das Monster soll ein Gesicht wie eine große  Ameise gehabt haben.“
„Ja und?“
„A Punkt Meise. Alfred Meissner.“
„Ach du Gott, das ist doch vollkommen lächerlich.“
„Meine Rede.“
„Ja, aber es geht ja noch weiter. Das Ameisenmonster will sie beobachtet haben, wie es die Bahngleise aus dem Boden gerissen hat, wie irre.“
„Jaja das hab ich auch gehört. Dass es die Gleise aus dem Boden gerissen haben soll, wie irre.“
„Das hat sie sich doch ausgedacht.“
„Hat der Meissner auch gesagt! Und dass er ernst mit ihr machen will, wenn sie nicht aufhört, sich solchen Schund auszudenken.“
„Also ich glaub dem Weib kein Wort.“
„Vielleicht ist es gar kein Weib. Mit den Armen“, die Mädchen lachen.
„Oder sie hat erst gar keines werden sollen.“
„Das ist Gotteslästerung! Der Herrgott hat sie schon richtig gemacht, aber der Teufel hat seine Finger im Spiel, oder was anderes…, sodass sie jetzt ganz falsch missraten ist. Das wird es sein.“
„Das wird es sein!“
„Falsch oder missraten“, sagt da Fräulein.
„Wie bitte Fräulein?“
„Egal.“
„Hm, na ich jedenfalls glaube dem Teufelsweib kein Wort.“
„Kein Wort!“
„Auch dass der Schäfer damals im Bach ertrunken sein soll…“
„Danke, danke, das reicht“, sagt das Fräulein und zieht ihr rotes Haar unter den Händen des Zimmermädchens weg. „Lasst mich alleine, ich will lesen.“
Die Mädchen verschwinden und das Fräulein steht auf, um das zu tun, was sie eben den lieben Tag lang so tut.

Kommen wir jetzt zum dritten Morgen, denn natürlich spielt diese Geschichte an drei aufeinander folgenden Morgenden, ganz so, wie es sich gehört.
Wieder sitzt das Fräulein in seinem Sessel und wieder kämmt das Mädchen ihr die Haare. Das Fräulein sieht aus, als habe es zu wenig geschlafen, und ich als Erzählerin weiß: sie hat tatsächlich sehr wenig geschlafen.
Jedenfalls kämmt das Mädchen, während es die Lippen zusammenpresst, und das Fräulein kaut an den Fingernägeln.
„Der Meissner will die Spoekenkiekerin aus dem Ort jagen, heute Abend!“, platzt es plötzlich aus dem Zimmermädchen heraus.
„Was?!“ Das Fräulein schaut auf.
„Der Meissner will die Spoe…“
„Ja, das habe ich verstanden, aber Himmels willen warum denn das jetzt? Was hat sie schon wieder getan?“
„Also ich habe gehört, sie soll wieder von diesem Monster angefangen haben.“
„Oh nein.“
„Oh doch“, sagt das Küchenmädchen, das gerade mit dem Frühstück ins Zimmer tritt.
„Nur hat es diesmal nicht nur Leid und Zerstörung angerichtet, sondern auch noch gekämpft – mit einem zweiten Monster.“
„Ein zweites Monster?!“ fragt das Zimmermädchen mit schriller Stimme. „Das wird ja immer toller.“
„Aber ja, und dieses zweite Monster soll Flügel gehabt haben wie ein Schmetterling.“
Das Zimmermädchen lacht. „Na das geht jetzt aber zu weit. Auf was die für Gedanken kommt. Ich glaub kein einziges Wort, das aus diesem Breitmaul heraus kommt.“
„Also ich hab gehört, das zweite Monster soll Arme wie ein Mensch gehabt haben, aber Fühler und Barthaare wie ein Schmetterling“, sagt die Wäscherin, die natürlich auch wieder zur rechten Zeit herein tritt. Weshalb sie jeden Tag die Laken wechselt – wer weiß. Vielleicht hat das Fräulein seine Periode.
„Und das Ameisenmonster soll dem anderen Monster an die Gurgel gegangen sein.“
„Das war dem Meissner dann wohl zu viel des Hohns, und nun will er sie mit dem Bauer Wimsen und dem Bauer Wilmsen verjagen.“
„Aber Fräulein, was ist denn los? Warum haben sie denn Tränen in den Augen?“
„Bestimmt vor Wut, dass sich dieses Teufelsweib so gotteslästerliche Sachen ausdenkt. Ameisenmonster mit Werkzeug als Armen. Wer kommt denn auf sowas? Das hat ihr doch der Teufel in den Kopf gesetzt.“
„Hallelujah.“
„Ja, ja du hast recht. Ich bin sehr wütend.“, sagt das Fräulein. „Lasst mich am besten allein. In meiner Wut werde ich oft ungerecht“. Die Mädchen nehmen Korb, Kamm und Tablett und schleichen aus dem Zimmer. Das Fräulein weint und grübelt fast bis zum Abend. Zwischendurch isst sie eine ganze Ananas, währenddessen weint und grübelt sie nicht, aber danach fängt sie gleich wieder an.

Am Abend lässt sie sich vom Zimmermädchen die Kerzen anzünden und legt sich dann weinend und grübelnd ins Bett. Sie trägt immer noch ihr Nachthemd vom Morgen, und gebadet hat sie auch nicht. Duschen gab’s damals noch nicht.
Irgendwann hört sie ein Ticken am Fenster. Sie richtet sich auf und blickt zu den Gardinen, hinter denen nichts zu sehen ist als schwarze Nacht.
Gerade als sie sich wieder zurücklegen und weiter weinen will, hört sie es wieder – „Tack“, macht es. Sie springt auf, läuft zum Fenster und öffnet es.
„Hallo? Liebste, meine Liebste, bist du es?“, fragt sie in die Dunkelheit hinein.
„Wenn ich denn deine Liebste bin, so ist es deine Liebste, ja“, sagt eine heisere, tiefe Stimme. „Endlich“, quiekt das Fräulein, läuft zum Schrank, holt eine Leiter dahinter hervor und schiebt sie durch das Fenster nach draußen.

Kurz darauf erscheint ein hellblonder Schopf im Fensterrahmen, dann ein paar blassblaue Augen, eine spitze Nase, und ein voller, roter Mund.
„Meine Liebste, endlich, ich hab mir solche Sorgen gemacht. All das Gerede vom Gemeindevorsteher und dass er ernst machen will, dass er dich aus dem Ort jagen will, und die Monster und… Stimmt das, dass er dich fortjagen will? Ich komme mit dir! Ich komme mit!“

Sie drückt der blonden einen langen Kuss auf die Lippen noch ehe diese durch das Fenster steigen kann. „Jetzt beruhige dich“, sagt die Blonde mit ihrer ungewöhnlich tiefen Stimme und lacht.
Dann stemmt sie ihren Oberkörper über das Fensterbrett und schwingt die Beine ins Zimmer.
„Du machst mich wahnsinnig“, sagt das Fräulein traurig und setzt sich aufs Bett. „Jetzt sag mal, stimmt es, dass du den Gemeindevorsteher einen paranoiden, zurückgebliebenen, engstirnigen Despoten genannt hast?“
„Natürlich nicht. Darauf wäre ich ja gar nicht gekommen. Hast du Ananas hier?“
„Aufgegessen. Sorry. Jetzt erzähl schon und beeil dich.“
„Also… Ich hab so Hunger auf Obst. Hast du gar nichts?“
„Doch, hier, Kiwi.“
„Danke. Also vor drei Tagen hatte ich diese Vision, in der jemand, jemand, dessen Gestalt ich nicht erkennen konnte, nur die Stimme konnte ich hören, eine tiefe Stimme war es, jedenfalls hat diese Gestalt gesagt, der Meissner würde verrückt werden und sei ein genauso paranoider, zurückgebliebener, engstirniger Despot wie der Alte.“
„Ach du Gott.“
„Davon hab ich dann der Frau Bäcker erzählt und die muss es weiter getratscht haben, aber ohne zu sagen, dass nicht ich den Meissner einen paranoiden, zurückgebliebenen, engstirnigen Despoten genannt habe, sondern…“
„Jaja ich versteh schon. Und dann? Was hab ich da für schaurige Märchen über Ameisenmonster mit Schaufel-Armen gehört? Was soll das denn nun wieder bedeuten?“
„Das allerdings weiß ich auch nicht. In den zwei Nächten darauf habe ich immer um 1 Uhr nachts aufwachen und ins Moor gehen müssen. Und da im Moor habe ich diese Monster gesehen. Fürchterliche Ungetüme. Erst war da nur der ameisenköpfige Gestaltenwandler. Wo anfangs Menschenarme waren, hatte er bald riesige Schaufeln, die sich später zu Äxten und schließlich zu Zangen verwandelten.“
„Du hast geträumt!“
„Nein, meine Schuhe waren voller Schlamm am nächsten Morgen.“
„Du bist gewandelt im Schlaf.“
„Nein nein, ich weiß es genau, es war genau wie mit dem Wagen vom Schulten und wie in der Nacht vorher. Und wie mit dem Schäfer, du weißt…“
„Schhhh! Sprich nicht davon.“
„Hast du ein bisschen Wein hier? Ich bin schon ganz heiser.“
Das Fräulein reicht der blonden eine Karaffe mit Wein. Die Blonde trinkt direkt aus der Karaffe.
„Und dann? Was hat es mit dem Schmetterling-Ding auf sich?“
„Ja, das hab ich in der zweiten Nacht gesehen, ein Monster ähnlich wie das erste – aus Fleisch, Metall und… Insekt. Erst sah es fast aus wie ein gewöhnlicher Mensch, nur mit Fühlern und Barthaaren wie ein Schmetterling eben, und dann ist dem anderen an den Hals gefallen und sie haben gekämpft.“
„Aha.“
„Du glaubst mir nicht.“
„Doch doch, ich glaub dir, aber du musst zugeben, das klingt alles sehr… sehr… fantastisch.“
„Das ist mir bewusst.“
„Und dann? Wieso will der Meissner dich verjagen?“
Die Blonde schüttelt den Kopf. „Weil er verrückt wird. Der dachte, ich will mich über ihn lustig machen. A Punkt Meise, A Punkt Meissner. Ich sags dir, der wird noch ein genauso paranoider, zurückgebliebener, engstirniger Despot, wie…“
Sie hielt inne, dann fing sie an zu lachen.
„Ich selbst, ich selbst wars.“
„Was warst du?“
„Na die den Meissner in meiner Vision den paranoiden, zurückgebliebenen, engstirnigen Despoten genannt hat, als der er sich jetzt erweist.“
„Verstehe. Aber ich mach mir gerade ehrlich gesagt mehr Gedanken darüber, wie wir verhindern, dass der Meissner dich verjagt.“
„Ich hatte gehofft, wir könnten… ein kleines… Ritual vielleicht…“
Die Blonde schaut mit großen Augen und rotweinverfärbten Lippen zur Rothaarigen auf.
„Ein Ritual…“
„Gegen den Meissner.“
„Das geht nicht. Nicht schon wieder.“
„Sonst muss ich weg. Diesmal wirklich. Willst du, dass ich weg gehe?“
„Nein, aber… Wenn sie uns sehen…“
„Dann gehen wir beide. Nach Frankreich.“
„Hm.“
„Komm, wir tun es gleich heute Nacht. Es ist Vollmond! Wenn das kein Zeichen ist.“
„Das Fräulein seufzt und fasst sich an die Nasenwurzel.“
„Du weißt, dass das unsere einzige Chance ist. Der Meissner ist wahrscheinlich in diesem Moment schon auf dem Weg hierher.“
Das Fräulein sieht die Blonde nachdenklich an und kaut auf ihren Lippen.
„Also gut. Wir brauchen Kerzen, viele Kerzen, ein totes Kaninchen, einen Gegenstand vom Meissner, eine Strähne von deinem Haar, und einen Dachziegel. Aber ich kann nichts garantieren. Es könnte auch alles nach hinten los gehen.“
„Das Risiko gehe ich ein.“

Wenig später sieht man sie beiden… das heißt, eigentlich sieht sie keiner, das sagt man nur so – also es sieht keiner die beiden den Feldweg zum Moor einschlagen. Die Blonde geht voraus, während das Fräulein sich immer wieder besorgt umschaut. Alle Fenster im Schloss sind dunkel, und auf den Wegen streifen nur die Geister. Vom Meissner und seinen Bauern weit und breit keine Spur.
Der Mond scheint voll und rund am Himmel. Er hat dieselbe Farbe wie das Haar der Spoekenkiekerin.
Über dem Moor hängt dichter Nebel, eine Eule sitzt auf einem abgestorbenen Ast und beobachtet die beiden Frauen.
„Pass auf, wo du hintrittst“, sagt die Blonde zum Fräulein.
Nach etwas zwanzig Minuten haben sie die Hütte des alten Schäfers erreicht. Die Schafe der Schäferin liegen wie weiße Flocken davor im Gras.
„Hier?“, fragt die Blonde.
„Nein, hier werden sie dich als nächstes suchen, wenn sie dich am Schloss nicht finden. Lass uns weiter gehen.“
Eines der Schafe hebt den Kopf, und sieht den Frauen nach, wie sie tiefer ins Moor laufen.
Eine feine Brise streicht durch das Wollgras, die Rote erschauert und bleibt stehen.  „Hier. Hier ist es gut.“
Die Blonde stellt den Korb ab und sieht sich um. „Hier einfach auf dem Weg?“
„Nein, da, da ist eine freie Fläche.“
Sie gehen zu der freien Fläche, und die Rote beginnt, die Kerzen, die sie mitgebracht haben, in einem Halbkreis aufzustellen. In die Mitte platziert sie eine Tonschale.
„Gib mir dein Haar“, sagt sie zur Blonden. Die Blonde reißt sich ein paar Haare aus und legt sie in die Schale. „Gut, gib mir den Gegenstand vom Meissner“. Die Blonde greift unter ihren Rock und zieht ein Taschentuch hervor, das die Rote nun in die Schale legt. „Gut. Gib mir jetzt das tote Karnickel.“ Die Blonde greift wieder unter ihren Rock. Sie wühlt eine Weile darunter herum. „Hm.“
„Wo ist das scheiß Karnickel? Wir haben nicht ewig Zeit.“
„Jaja, warte es muss hier irgendwo…“
„Da hängt es doch, am Korb.“
„Ach ja.“
Die Blonde gibt der Roten das Karnickel, die murmelt einen Spruch, und reißt dem Tier dann mit einem Ruck die linke Pfote aus dem Leib. Mit der Pfote umrundet sie drei Mal die Schale, küsst sie dann und wirft sie hinter sich ins Gras.
„Gib mir jetzt die Streichhölzer.“
Die Blonde gibt der Roten die Streichhölzer, die nun anfängt, von rechts nach links die Kerzen anzuzünden. Anschließend wirft sie einen Streichholz in die Schale. Das Taschentuch und die Haare kokeln ein bisschen vor sich hin. Es riecht unangenehm.
Die Rote murmelt nun ununterbrochen irgendetwas unverständliches. Die Blonde schaut interessiert zu.
„Gib mir jetzt den Dachziegel.“ Die Blonde reicht der roten den Dachziegel aus dem Korb. Die Rote nimmt den Ziegel, hält ihn in den Rauch der verkohlenden Haare und wirft ihn dann mit einem lauten Schrei hinter sich. Der Ziegel fliegt in die Dunkelheit davon.
„So, das sollte genügen. Hoffe ich zumindest.“
„Und jetzt?“, fragt die Blonde.
„Warten.“
„Hier?“
„Ja.“
Das Fräulein schaut in den Himmel auf. „Ich glaube, es dräut ein Gewitter.“
„Hast du gerade wirklich ‚es dräut‘ gesagt.“
„Entschuldige.“

Die zwei Frauen setzen sich nebeneinander auf den weichen Torfboden und warten. Das gelbe Licht der Kerzen flackert. Irgendwo ruft eine Eule, ein Schaf blökt in der Ferne. Zehn Minuten vergehen. Der Mond zieht langsam über den Himmel. Zwanzig Minuten vergehen. Die Blonde kratzt sich einen Mückenstich blutig. Dreißig Minuten vergehen. Die Blonde will gerade aufstehen und sich die Beine vertreten, da ist mit einem Mal ein Schrei zu hören – ein Männerschrei, dann aufgeregte Stimmen.
„Das sind sie.“
„Ist er tot?“
„Um Gottes Willen nein. Hoffe ich jedenfalls. Wir können nicht einfach jeden umbringen, der uns nicht in den Kram passt“, sagt das Fräulein. „Außerdem hatten wir dafür ein größeres Opfer gebraucht.“
„Schade“, sagt die Blonde. „Warum stehst du auf?“
„Wir gehen hin.“
„Aber…“
„Wir gehen hin. Falls er dich angreifen will, lauf weg so schnell du kannst, und schreib mir unter falschem Namen, wenn du in Frankreich bist.“
„Ok.“
„Ich hab Angst“, sagt die Rote in bestimmendem Ton, während sie hurtigen Schrittes den Weg zurück gehen. Die Blonde hält sie an der Schulter fest. Das Fräulein dreht sich um. Sie umarmen einander innig, bevor sie weiter gehen.

Nach ein paar hundert Metern sehen sie drei Männer auf dem Weg, von denen einer am Boden sitzt und sich den Kopf hält. Er hat eine große Platzwunde an der Stirn. Die Rote atmet tief ein, dreht sich noch einmal zur Blonden um, küsst sie auf den Mund eilt dann auf den Mann am Boden zu.
„Aber Herr Meissner, was ist ihnen denn passiert?“, fragt sie, und wirft sich vor ihm auf die Knie. Dabei behält sie seine Augen im Auge. Der Meißner schaut sie erst verständnislos, dann zornig, schließlich traurig und endlich mit einem unentschlossenen Grinsen an, wie jemand, der einen Witz nicht verstanden hat, sich aber nicht die Blöße geben will. „Hmmm“, macht er, „Hmmmm“. Seine Stimme klingt ungewöhnlich hoch.
„Herr Meissner? Herr Meissner!“ Das Fräulein greift ihn bei den Schultern und schüttelt ihn ein wenig. Sein Kopf schlackert auf dem dicken Halse. „Wassss wasss, was hast du gesagt?“
„Herr Meissner, ich hab gefragt, was ihnen passiert ist.“ Sie dreht sich um und schaut der Blonden, die nun hinter ihr aufgetaucht ist, besorgt ins Gesicht. Der Meißner nimmt seine Hand von der Stirn und betrachtet das Blut daran. Dann schüttelt er sich, zwinkert ein paar Mal.
„Ach, gar nichts, gar nichts, wertes Fräulein. Ich hab hier nur diesen… diesen Ziegel an den Kopf bekommen, nichts weiter. Ah, Frau Schäferin, wie gut, dass ich sie treffe.“
Die Schäferin blickt den Meissner an, wie jemand, der Angst hat, gleich eine gewischt zu kriegen. Die Rote hält mit zusammen gepressten Lippen den Atem an.
„Ich wollte… Ich wollte Sie um Ihren Rat bitten.“
Die Bauern, die sich eben an Alfred vorbei drängen wollen, wahrscheinlich, um die Blonde zu packen, bleiben stehen und sehen ihn verwirrt an. „Das ist die Seherin“, flüstert der eine dem Mann am Boden zu, ohne die Blonde aus den Augen zu lassen. „Die Schäferwitwe. Vielleicht erkennst du sie durch das Gegenlicht des Mondes nicht.“
„Doch doch doch. Genau die suche ich. Und ich erkenne sie ganz deutlich.“
Die Spoekenkiekerin kichert.
„Alfred geht es dir gut? Du bist verwirrt“, sagt einer der Bauern und beugt sich über den Mann am Boden.
„Nein. Nein ganz im Gegenteil. Mir ist gerade etwas sehr wichtiges klar geworden. Frau Schäferin, vielleicht sind Sie so freundlich und laden mich auf ein Glas Wasser in die Hütte ein? Ich will sie um ihren Rat bitten.“
„Äh aber natürlich.“
„Was machen sie überhaupt hier im Moor?“, fragt der Meissner nun an das Fräulein gewandt. Seine Augen glänzen.
„Einen Spaziergang“, sagt das Fräulein freundlich. Die beiden Bauern hinter dem Meissner sehen sich verwirrt an und zucken mit den Schultern. Ihnen ist es ja im Grunde egal – die Sache mit der Spoekenkiekerin, und überhaupt alles eigentlich.
„Frau Schäferin, ob ich wohl auch ein Glas Wasser?“, fragt nun das Fräulein nun an die Blonde gewandt.
„Natürlich, natürlich kommen sie gerne alle mit zur Hütte. Ich habe Wasser und Bier und vielleicht sogar noch ein bisschen Brot und Wurst. Kommen sie ruhig alle mit. Wem ich helfen kann, dem helfe ich.“
Dann hält sie dem Meissner die Hand hin. Der greift dankend danach, steht langsam auf und bleibt dann schwankend, den Kopf in den Nacken gelegt, stehen.
„Wasssss…. Was für eine schöne Nacht“, sagt er und atmet tief ein.
„Ja, was für eine Nacht“, sagt die Blonde und blickt über die nebelverhangene nächtliche Ebene, während ungefähr 400 Jahre später und wenige Meter entfernt ein Monstrum namens ANT mit gigantischen Füßen aus Titan im Moor steht und den Toten gedenkt.

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im schatten der friedhofsmauer

durch pandämlichen sicherheitsabstand

streng limitiert

braten wir kross in der sonne

nach dem pfannthastischen rezept

eines christlich motivierten patchworksupergauleiters

mit einem bunten resteeintopf

aus korruption, betrug, krieg und gewalt

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ohne autowahn

hurrah

hambi bleibt

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der zug ist abgefahren

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Wenige Wochen später waren wir zurück nach Berlin gezogen.
Es hatte bestimmt ein Jahr gedauert, bis ich Xae endlich vergessen hatte, und ich wunderte mich nun, dass ich diese Zeit völlig verdrängt zu haben schien.
Sie war die erste gewesen, die mich verletzt hatte, das erste, was ich verloren hatte, jedenfalls soweit ich mich nun erinnern konnte. Wir meinen ja, als Kinder seien wir unbeschwert gewesen, weil es noch nichts gab oder nicht viel, das wir vermissen konnten, nichts, von dem wir glauben konnten, es verloren zu haben. Aber stimmt das überhaupt? Welche Verletzungen habe ich noch vergessen? War Xae wirklich die erste?

Ich stand vor dem verfallenden Schloss im Jahr 2000 und fragte mich, ob es diesen Punkt in der Vergangenheit, den ich anstrebte, diesen Zustand, nach dem ich mich sehnte, überhaupt jemals gegeben hatte. Ob es dieses Gefühl der Wahrhaftigkeit, dem ich seit Jahrzehnten schon verzweifelt  nahe zu kommen versuchte, überhaupt jemals gegeben haben konnte.

Der Erdboden, nach dessen Nähe ich mich so sehnte, war doch nichts weiter als die absolute letzte Wahrheit, eine sprachlich nicht zu fassende Wahrheit, durch nichts zu erschüttern – ein Kern, ein Ich, ein Unveränderliches – unerreichbar, und damit nur als Illusion existent.

Ich hatte mich nie für jemanden gehalten, der an eine solche Wahrheit glaubt oder glauben will. Aber insgeheim hatte ich wohl doch immer danach gesucht oder zumindest gehofft, dass, wenn ich nur zurück könnte zu diesem einen imaginären Punkt, wenn ich nur tief genug graben würde…

Aber es gibt keine Zustände, begriff ich nun, nur Prozesse, nur einen einzigen Prozess. Daher kann man auch keinem Zustand gedenken und keinen Zustand rekonstruieren. Alles verändert sich permanent und unvorhersehbar. Der Wind bewegt den Grashalm, eine Hummel fällt herunter, fliegt davon, die Welt ist nicht dieselbe wie eben noch, weder in der Vergangenheit noch in der Gegenwart. Ich griff nach meinem Armband und öffnete mit einem Knopfdruck die Schnalle. Sofort lag ich wieder in dem Bett in dem Zimmer in der Bibliothek in dem Land auf dem Planeten in der Zeit, die ich zu kennen glaubte und in der ich doch nie gewesen war. Plötzlich war ich mir nicht mehr sicher, ob Urras wirklich nur eine Zwischenstation war oder nicht schon mein Zuhause.

ENDE

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MOMUMENT Teil XIII und XIV

DREIZEHN

Hinter mir im Gebüsch raschelte es. Eine Amsel wahrscheinlich, dachte ich und erschrak als ich mich umdrehte und einen Bisam sah. Er hielt inne, als er mich einatmen hörte und raschelte dann geschäftig davon. Ich starrte ins Gebüsch, ein Hundehaufen lag im Laub. Wieso lag da ein Hundehaufen? Hatte jemand ein Foto von der Scheiße seines Haustiers gemacht? „Das Foto zeigte den Bisam“, sagte die Stimme. „Ach, und die Scheiße habt ihr einfach mit reingenommen?“, sagte ich. Die Stimme antwortete nicht.

Ich betrachtete das Laub und fragte mich, ob es sich echt anfühlte. Das Moos zu berühren, hatte ich mich nicht getraut, aus Angst, es könnte meine Erinnerung an das Gefühl von echtem Moos überlagern. Aber inzwischen war ich mir nicht mal mehr sicher, ob ich überhaupt noch wusste, wie sich „echtes“ Moos anfühlte oder ein „echtes“ Blatt, ob ich den Unterschied wirklich spüren würde. Und was überhaupt bedeutete „echt“, wenn dieses „Echte“ nicht mehr existierte bzw. nicht mehr zugänglich, nicht mehr erfahrbar war? Ist der Baum im Wald echt, wenn niemand es bezeugen kann? Ich berührte ein Blatt, das über die Lehne der Bank hing, zerrieb es zwischen meinen Fingern, bis die Zellen zerdrückt waren und es feucht wurde. Dann riss ich ein zweites ab, roch daran, es roch vertraut säuerlich, und steckte es in den Mund. Ich kaute. Es schmeckte nach gar nichts.

Jetzt erst bemerkte ich, dass neben der Bank ein Pfad durch das Gebüsch führte. Er kam mir bekannt vor. Ich folgte dem Weg an einer kleinen Kapelle vorbei und über die Stever. Links von mir tauchte eine Gräfte auf, ich sah das verfallende Schloss und mit einem Mal erinnerte ich mich. Ich erinnerte mich, dass ich als Kind mal mit meiner Klasse hier gewesen war. 2035 oder 36 musste das gewesen sein – die Zeit, in der ich und meine Moms bei meiner Tante gewohnt hatten. Danach hatte ich das Schloss nie wieder besucht. Wieso eigentlich nicht? Ich wusste es nicht. Meine Klassenlehrerin Frau Boer war sehr technikaffin gewesen, weswegen wir nicht, wie die meisten anderen Klassen die Burg Vischering besuchten, sondern das Schloss Senden, wo eines der ersten virtuellen Prozess-Museen Deutschlands eingerichtet worden war. Ich erinnerte mich an die Allee, auf der ich jetzt stand. Es war heiß gewesen, ich hatte geschwitzt. Vor mir waren Nelly und Xae gelaufen und ich war eifersüchtig gewesen, weil Xae nicht neben mir ging, sondern neben Nelly, der immer diese bekloppten Panel-Jackets trug und dessen Eltern Landwirte waren und der außerdem ein Junge war. Ich erinnerte mich, wie wir über die Brücke gegangen, wie ich stehen geblieben war, vorgegeben hatte, die Schildkröten in der Gräfte zu beobachten, in Wirklichkeit aber nur getestet hatte, ob Xae auf mich warten würde. Wartet sie? Ich guck so aus dem Augenwinkel.
Sie hatte nicht gewartet, sie war mit Nelly weiter gegangen, ins Schloss und ich hatte irgendwann aufgegeben.
War ja klar.
Und war hinterhergelaufen.
Renn halt vor. Xae dreht sich um. Sie sagt nichts, sie guckt nur so, macht die Augen so weit auf. Was soll das jetzt heißen? Ist sie annoyed? Ist sie annoyed von mir? Ja genau Xae. Ja ok, dann geh doch mit deinem scheiß Nelly. Das ist doch komplett lächerlich, wie du an ihm klebst. No shit. Aber bitte.

 

VIERZEHN

Vor dem Eingang werden VR-Brillen verteilt. Ja, hätte ich auch meine eigene mitnehmen können. Thanks. Frau Boer guckt mich und Xae ganz excited an, als sie die Brille aufsetzt, irgendwie sweet. Ich versuche, einigermaßen happy auszusehen. Für die Boer.
Ich setz das Ding auf und seh erst mal gar nichts, beziehungsweise naja halt alles wie vorher. Ah, jetzt fängt der Vortrag an. Wir sollen uns ruhig frei auf dem Gelände und im Schloss bewegen. Ok. Jeder kann sich seine Tour individuell zuammenstellen. OK. Wow. Das ist ja der Wahnsinn, individuell ist ja immer gut. Ich guck zu Xae und Nelly rüber. „Together?“, fragt sie mich jetzt. Ich sag natürlich Ja. Was soll ich auch sagen. Nein? Und mich lächerlich machen? „Ok lass erst mal draußen bleiben, wenn die anderen reingehen“, sag ich.

Wir bleiben also vor dem Schloss auf der Brücke stehen. „Muss man irgendwas machen, damits anfängt?“, fragt Nelly. Jesus, how stupid ist der Junge? „Auf den grünen Pfeil klicken, glaub ich“, antwortet Xae. Ich klicke auf den grünen Pfeil. „Willkommen im Schloss Senden…“, Begrüßung yadda yadda yadda. Dann wird das Bild weiß, dann leere Wiese, paar Bäume, Bauernhaus oder sowas in der Art halt.

„Urkunden belegen, dass sich auf diesem Grundstück schon im 9. Jahrhundert ein sächsischer Hof befand. Das Schloss beziehungsweise der Ursprungsbau des Schlosses wurde allerdings erst Anfang des 15. Jahrhunderts für einen Herrn namens Ludeke Droste erbaut, dessen Vater das Grundstück im 14. Jahrhundert gekauft hatte. Ludekes Sohn Sander ließ später das Herrenhaus errichten.“ Jetzt erscheint der linke Teil vom Schloss. „Das erste seiner architektonischen Art und damit Vorbild für die Bauweise der westfälischen Renaissance. Das Rathaus in Münster zum Beispiel ist auch in diesem Stil erbaut, das kennst du vielleicht.“ Hm ok. „Typisch ist vor allem der Staffelgiebel, den man hier seht.“ Grün blinkende Linien auf dem Dachgiebel. Wow. „Booooring“, ruft der dumme Nelly und geht weiter. Xae natürlich hinterher.
„Im 16. Und 17. Jahrhundert ist das Schloss immer wieder angegriffen, geplündert und teilweise zerstört worden, was ein Grund für die vielen An- und Umbauten ist. Den Ursprungsbau ist leider heute nicht mehr erhalten.“ Sad. „Der älteste verbliebene Teil des Schlosses ist das Herrenhaus aus dem 15. Jahrhundert. Teile des Verbindungshauses stammen aus derselben Zeit. 1719 kam dann das schiefe Mannenhaus dazu, das damals natürlich noch nicht schief war…“ For real?  „…und 1899 der Rombergtrakt, der heute an der Stelle steht, wo früher der Ursprungsbau gestanden hat.“
Nacheinander ploppen das Verbindungsgebäude, das schiefe Haus und der Teil hinterm Herrenhaus auf.

„Im Zweiten Weltkrieg wurde das Schloss dann von britischen Soldaten besetzt. Angeblich wollten die sich durch die Zerstörung der Einrichtung an den Deutschen rächen, weswegen sie einen Großteil des Mobiliars in die Gräfte warfen.“ Ein Stuhl fliegt aus dem Fenster. Haha Oh Jesus. „Und tatsächlich hat man in den letzten Jahren so einiges im Graben gefunden, zum Beispiel das hier.“ Jetzt ist ein Kran am Ufer aufgetaucht, der irgendwas rauszieht, aha ok, ein Klavier. Exciting. „Einige Jahre später wurden Vertriebene…“ Wo ist Xae, sind die schon dahinten? Ich geh links ums Schloss rum. Da stehen sie und lachen über irgendwas. What‘s so funny? HÄ? Egal. Ich dreh mich demonstrativ weg und dem Schloss zu. Sofort fängt der Typ wieder an zu brabbeln: „Die Turmspitze ist natürlich, wie man sehen kann, nicht die originale Spitze. Die soll im Krieg 1944 von einem englischen Tiefflieger, bei einer Notlandung abgerissen worden sein.“
Ein mini Flugzeug fliegt übers Schloss gegen die Spitze, Spitze kracht runter, Splash. Was für geile Special Effects, no shit.
„Das hier“, rote Pfeile in der Luft. „…die sogenannte ‚Krone‘ ist ein architektonisches Zitat der alten Spitze. Sie wurde 2019 angebracht und beweist ein für die damalige Zeit relativ modernes Verständnis von Denkmalpflege. Während man in den meisten Burgen und Schlössern der Region versucht hat, einen bestimmten historischen Zustand zu rekonstruieren, hat man sich hier dafür entschieden, den besonderen Charakter des Schlosses zu betonen. Da das Schloss keinen bestimmten Stil repräsentiert, wäre es auch ziemlich schwierig gewesen, sich für einen Zustand zu entscheiden. Heute steht das Schloss und seine Instandsetzung für den Wandel – und zwar nicht nur den Wandel der Stile über die Jahrhunderte, sondern auch der Werte in Bezug auf Denkmalschutz und Denkmalpflege. Das sieht man zum Beispiel an der Spitze, aber auch an der Einrichtung des Schlosses, wenn wir uns die Gebäude später von innen ansehen.“

Ich geh weiter an der Gräfte entlang, an Xae und Nelly vorbei. What the hell? Die gucken irgendwas im Gras an, kp, egal halt.
„Übrigens war hier in den 1960ern ein Internat eingerichtet, nachdem die Familie Funnemann aus Münster das Schloss gekauft hatte. Wenn die Gräfte im Winter zugefroren war, sind die Kids manchmal darauf Schlittschuh gelaufen.“ Kids, haha Oh man. „Aus den Berichten eines ehemaligen Internatsschülers wissen wir, dass die Eisfläche auch manchmal als Projektionsfläche für abendliche Diashows genutzt wurde. Weißt du noch, was ein Dia…“ Jaja, shut up.
Die Gräfte friert innerhalb weniger Sekunden zu, ein Bild flackert über das Eis, ein Foto scheinbar, von was? Was ist das? Ein paar verkleidete Jungs. Ok that’s weird. Sieht eigentlich ganz sweet aus, Diashow auf dem Eis. Why not.
„Diese Tradition haben wir aufgegriffen. Jedes Jahr am zweiten Advent, findet bei uns die Cinema on Ice Night statt. Allerdings mussten wir in den letzten drei Jahren…“ Bla bla bla.

„Dieser Baum wurde von den Jungs damals zum Klettern benutzt, es gibt sogar einige Fotos, die vom Baum aus geschossen wurden und das Schloss aus der Vogelperspektive zeigen.“ Jetzt sieht man einen Jungen auf dem Ast sitzen. „Und dort hinten, im Kanal, waren die Internatsjungs im Sommer oft baden.“ Warum erzählt der mir das?
Jetzt scheint die Sonne plötzlich, also i.r.l.  Es wird wärmer. Ich nehm die Brille ab und dreh mich um. Xae und Nelly stehen da und zeigen auf die Spitze. Wahrscheinlich hören die sich auch grad die story mit dem Flugzeug an. Xae hat ihre Haare aufgemacht. Ja klar, is klar. Bitch. Sie lachen. Ich setz die Brille wieder auf und geh weiter
„Im schiefen Mannenhaus, das damals natürlich noch nicht schief war…“ I knooooow! Du wiederholst dich buddy, „…wohnte der Internatsleiter mit seiner Frau.“ Erzählt er mir das Internatszeug, weil er denkt, das interessiert mich? So als Teenager? Haha. Es ist so fucking cringy, wenn sie versuchen, es uns Recht zu machen, or worse: uns zu imitieren. Mein Gott ey.
„Die Sicherung des Mannenhauses war eine der ersten Sanierungsmaßnahmen seit 2015. Ohne den Einsatz des Vereins Schloss Senden wäre das Haus wahrscheinlich schon vor ein paar Jahren in die Gräfte gestürzt. Zugänglich wurde es jedoch erst wieder 2026. 2027 hat ein Investor aus Hamburg es dann zu einem Gruselkabinett umgebaut, das allerdings drei Jahre später wieder schließe musste, nachdem ein Junge aus dem Fenster geklettert und sich das Genick gebrochen hatte. Zum Glück kann der Junge heute wieder laufen.“
Den rausfallenden Jungen haben sie sich zum Glück gespart.
„Seit 2031 wird das Mannenhaus nun zu verschiedenen Zwecken vermietet. Vor zwei Monaten fand hier zum Beispiel eine Drama Performance statt und im nächsten Monat wird eine Tanzgruppe…“ Blaaaa. Ein paar Gänse hocken im Gras. Ich geh dran vorbei, sie latschen weg. Sind die jetzt real oder nicht? Ich guck über die Brille. Sind real.
Soll ich auf Xae warten? Ich steh noch ein bisschen auf der Brücke rum. Jetzt fängt er wieder an, mir irgendwas über die Brücke zu erzählen. My dear God, please, stop it. „Kommt ihr?“, ruf ich. Sie antworten nicht. Geh ich halt alleine rein. Das muss ich mir echt nicht antun.

Drinnen stehen Aubrey, Frigga und Rin. Frigga sieht bescheuert aus, ihr Kopf ist viel zu klein für die Brille. Aber Frigga sieht halt irgendwie eh immer slightly dumb aus. Sorry it’s a fact.
„Das hier war zu Internatszeiten der Speisesaal. Hier soll es Senfspender gegeben haben, mit denen die Jungs über die Tische geschossen haben.“ Der Typ lacht, eine Reihe Tische taucht auf, an denen Jungs in gemusterten Pullis sitzen und sich gegenseitig mit Senf bespritzen. „Später wurde hier das Schloss-Café eingerichtet.“ Die Jungs verschwinden wieder. Jetzt komplett anderes Interieur, runde Tischchen, ältere Damen vor gigantischen Torten.
„Seit den 1980er Jahren war das Schloss nämlich ein Hotel mit Casino. Nach einem Brand im Dachstuhl musste es Ende der 90er jedoch geschlossen werden. Danach stand es erst mal mehrere Jahre lang leer und verfiel, bis der Förderverein Schloss Senden sich der…“ Gott ist das boring. Ich nehm die Brille ab und guck Frigga zu, wie sie mit offenem Mund rumsteht und ihren Überbiss lüftet. Haha, sorry, that’s mean, aber ich muss lachen. Aubrey und Rin sind inzwischen weiter gegangen. Wo ist Xae? Egal. Egal. Stop thinking about her, hör auf so clingy zu sein.

Ich geh weiter. Ohne Brille sieht alles voll leer aus, voll slick irgendwie. Obwohl, im nächsten Zimmer wieder nicht. Holzvertäfelung, Muster-Tapete, verzierter Kamin. Ich setz das Ding wieder auf.  „Das ist das Kaminzimmer. Hier haben die Jungs abends am offenen Feuer gesessen und Musik gehört, zum Beispiel die Beatles. Kennst du die überhaupt noch?“ Hard Days Night wird angespielt.
Ein paar Jungs sitzen in den Sesseln vor dem Kamin, einer liest, einer bindet dem Lesenden die Schnürsenkel zusammen. Witty!
„Seit über zehn Jahren finden hier verschiedene Kunstveranstaltungen statt. Konzerte, …“
„Eeeey Edda ist das nicht eine deiner Moms?“
What? Rin steht im Türrahmen und zeigt auf irgendwas, das ich nicht sehen kann. „Hä?“
„Die da, die ist doch deine Mom.“ Oh no, nononono, please not. Ich klicke auf das Connect-Symbol unten in der Symbolleiste und sehe, was er meint. Auf einem der Sessel vor dem Kamin sitzt meine Mutter und liest aus ihrem Buch, grüner Einband, ihr erster Roman. Davor ungefähr dreißig Leute, die mit langen Fingern im Gesicht zuhören. Fuck. Oh fuck. Das hatte ich vergessen. Ja man, das war so klar, ich sag einfach nichts, vielleicht reden sie dann über was anderes.
„Das ist eine von Eddas Moms, glaub ich.“
„For real now?“
„Yessss.“ Okay, wow, thanks Mom. Richtig richtig angenehm. No shit.
Ich geh raus, weiter, die Treppe hoch.
„Hier waren die Zimmer der Jungs eingerichtet.“
Irgendwer hier? Nee. Ok. Kein Bock mehr ey. Ich geh den Gang entlang in eines der Zimmer. Zwei Betten, zwei Tische, das wars.
„Morgens vor dem Frühstück mussten die Jungs in ihren Zimmern am Frühsport teilnehmen. Wer verschlief oder nicht mitmachte, musste zur Strafe fünf Runden ums Schloss drehen. Schau doch mal aus dem Fenster.“ No thanks buddy. Ich nehm die Brille ab und steck sie in meine Tasche. Die Betten sind natürlich verschwunden, der Tisch auch, stattdessen stehen lauter Leinwände unter dem Fenster. Ich geh hin, und leg eine auf den Boden. What the hell? Das Bild ist komplett mit weißer Farbe zugekleistert, teilweise bestimmt zwei Zentimeter dick. Quer darüber oder besser dadurch geht ein Strich, ein Kratzer, als hätte jemand mit nem krassen Fingernagel die Farbe abgekratzt. Darunter sieht man ein anderes, also ein richtiges Gemälde mit dunklen Farben. Ich kann Schuhe erkennen, und was ist das? Ein Auge? Wenn ich hier kratzen würde… Nee ey, ich lass es lieber.

Ich stell das Ding zurück, geh raus und guck in den nächsten Raum – auch n Atelier. Und weiter.
Im dritten Zimmer stehen Klangschalen und so stuff, lauter Tücher und Kerzen und so, wahrscheinlich ein Meditationsraum. Ah ja, steht auch an der Tür: „Zwischennutzung Montags – Freitags 8 bis 14 Uhr. Awareness & Meditation“. Das vierte Zimmer ist abgeschlossen. „Zwischennutzung Montags bis Donnerstags 10 bis 16 Uhr. Kickboxen.“
Also, ich geh einmal komplett durch. Manche Türen sind offen, manche geschlossen. Physiotherapie, Gitarrenunterricht, Atelier, Atelier, Büro.
Noch eine Treppe höher find ich ganz vorne ein leeres Zimmer mit einem Stuhl am Fenster. Hier ist es gut, aber ich geh trotzdem weiter. Die Türen dahinter sind alle verschlossen, verschlossen, verschlossen. An der dritten steht: „Astronomy Class“. Sweet! Ah Shit, Tür ist leider auch zu. Ok what now? Ich geh wieder in das kleine Zimmer vorne und knie mich auf den Stuhl. Geht das Fenster auf? Yes! Das ist perfekt. Hier bleib ich einfach, bis die anderen fertig sind.
Ich guck raus, die Sonne scheint, es ist noch heißer geworden. Blue sky, über den Gemüsebeeten vor dem Schloss fliegen Feldroboter. Ich setz meine Sonnenbrille auf. Da unten hinter der Brücke sitzen zwei im Gras. Wer ist das? Sieht aus, als würden sie Arm in Arm… Sind das Xae und Nelly? Das kann nicht sein. Wer ist das? Wer?
Es fühlt sich an, als würde mir jemand in den Bauch fassen, nach einem Klumpen Eingeweide greifen und daran ziehen.

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MOMUMENT Teil XII

ZWÖLF
Hinter der dritten Brücke stellte ich den Roller ab und setzte mich auf eine Bank. Die Sonne schien natürlich. Ich fragte mich, ob es in der Simulation auch manchmal regnete, stürmte oder gewitterte. „Du kannst gerne das Wetter verändern.“
Ich betrachtete die Lichtreflexe auf dem Wasser. Plötzlich machte es mich wütend, diese ganze falsche Idylle. Was war denn mit den Stürmen, mit den Überschwemmungen, waren die dokumentiert? Oder die Waldbrände? Und was war mit Unfällen, gab es Verbrechen, Mord, gab es Krieg? Ob man den Krieg einfach pausieren, abschaffen, ausblenden konnte, oder man sich einfach mitten ins Gefecht stellen konnte, mitten in die Schussbahn, mitten auf das Ziel der Bombe, ohne verletzt zu werden? Und was war mit dem langsamen Ende der menschlichen Zivilisation auf der Erde? Mit dem Aussterben der Arten? War auch dieses Ende dokumentiert worden? Wie weit in die Zukunft reichte die Simulation? Würde ich einen Ausflug in die Zerstörung, einen Urlaub in der Katastrophe machen können?
„Die Katastrophe ist jetzt“, sagte die Stimme nüchtern.
Wieder weinte ich. Diesmal lange und laut. Es hörte mich ja niemand und mir wurde bewusst, dass ich zum ersten Mal in meinem Leben wirklich sicher sein konnte, dass ich allein war.

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MOMUMENT Teil X und XI

ZEHN
Ich sah zu, wie sich die Baumreihe links von mir mir auflöste und die beiden Felder, die sie trennte zu einem verschmolzen. Ich sah zu, wie aus dem Maisfeld ein Kornfeld wurde und dann wieder ein Maisfeld. Ich sah, wie die Wallhecke vor mir verschwand, die Windräder verschwanden, monströse Mähdrescher auftauchten und ebenfalls wieder verschwanden, und wie der Bach sich füllte und breiter wurde. Ich spürte, wie die Hitze nachließ und die Luft feuchter wurde. Dann sah ich, wie sich das Feld um 1940 plötzlich wieder teilte. Dort, wo vorher bzw. später eine Baumreihe gestanden hatte, tauchte nun wieder dichtes Feldgeholz auf, dass sich immer weiter in die Länge zog und langsam zur Hecke zurückbildete. Auch vor mir war eine Hecke aus dem Boden gewachsen und das Feld dahinter war zu einer Weide geworden. Und der Bach! Jetzt erst erkannte ich, dass der Bachlauf plötzlich eine Beule hatte, wo vorher keine gewesen war. Es sah aus, als habe ihn jemand zusammen geknüllt und wieder lang gezogen.
Und dann war mit einem mal Schluss. 1907. Weiter ging es nicht. Das einzige, was sich kaum verändert hatte bis hierhin, war der Berenbrocker Busch hinter dem Feld am anderen Ufer.

Ich schob den Roller erst an den Feldrand und dann das letzte Stück am Bach entlang. Nach ungefähr fünf Minuten stand ich am Ufer des Kanals, aber es gab keinen Weg, wie ich erwartet hatte. Der Radwanderweg war ja erst irgendwann in den 90ern gebaut worden. Daran hatte ich nicht gedacht. Ich sah auf die Anzeige an meinem Armband. Ein rotes Ausrufezeichen blinkte hinter der Jahreszahl. „Was bedeutet das?“, dachte ich. „Dass die Rekonstruktion zu dieser Zeit und an dieser Stelle nicht verlässlich realitätsgetreu sind. Um zu sehen, welche Ausschnitte anhand authentischer Bildquellen rekonstruiert und welche ergänzt wurden, wähle die Quellenansicht.“
„Ok, wie mach ich das?“
„Ich mach das für dich.“

Vor mir erschienen mehrere Rahmen aus grünem Licht, die jeweils markierten, welcher Ausschnitt der Simulation auf einer Fotografie oder einem Landschaftsgemälde basierten. Am Kanal entlang gab es einige dieser Ausschnitte. Als ich mich jedoch umdrehte, sah ich nur ein paar sehr kleine orangene Rahmen über dem Feld schweben. „Was bedeutet das Orange?“, dachte ich.
„Die orange umrahmten Ausschnitte wurden anhand des unscharfen Hintergrunds auf Bildern vom anderen Ufer rekonstruiert.“

Ich betrachtete die Landschaft hinter mir. Wenn man genau hinsah, konnte man erkennen, dass sie nicht echt war. Direkt neben mir stand eine junge Weide, etwas weiter links genau dieselbe. Und auch im Rasen am Ufer waren sich wiederholende Muster zu erkennen. Er war aus immer demselben Bodenausschnitt zusammengesetzt worden. Derselbe Klee, dieselbe Butterblume, derselbe Zigarettenstummel alle 1,5 Meter. Ich lachte.

Ein Stück schob ich den Roller noch am Kanal entlang. Diese Vergangenheit in denselben Farben zu sehen wie die Gegenwart, war auf eine Weise faszinierend, gleichzeitig aber auch enttäuschend, weil entmystifizierend – ententfremdend. Ich hatte sie mir immer in schwarz-weiß vorgestellt, ein Reflex, der sich nicht abstellen ließ und ein Beweis dafür, wie sehr schon die Erfindung der Fotografie unsere Vorstellung von Zeit, von Realität beeinflusst hatte, und damit ein nie mehr auszulöschender Teil unseres Menschseins geworden war, unserer „Natur“, wie man früher sagte.

Als es mir zu anstrengend wurde, hielt ich an, tippte auf die Jahreszahl und gab direkt „2000“ ein. Für einige Sekunden wurde es weiß um mich herum. Dann sah ich wieder den Kanal vor mir, allerdings immer noch keinen richtigen Radweg – mehr sowas wie ein Schotterweg. Und endlich fiel mir ein, dass ich nicht am eigentlichen Kanal, sondern vor der Alten Fahrt stand.

Als Kind war ich nur selten an diesem alten Arm des Kanals entlanggefahren. Wir hatten uns an den Weg gehalten, der vom Bach aus die Umgehung entlangführte, aber die war erst in den 1930ern gebaut worden, weshalb ich vom Feld aus natürlich direkt bis zum ursprünglichen Kanal gelaufen war. Ein kleines Stück rollte ich den holprigen Weg entlang, bog dann links ab und landete endlich auf der Dortmund-Ems-Route. Nun kam mir auch alles etwas vertrauter vor.

ELF

Ich fuhr unter der ersten Brücke hindurch, ein paar Gänse liefen schnatternd über den Weg, unter der zweiten Brücke hindurch, ein Kahn lag am anderen Ufer, unter der dritten Brücke hindurch. Weiter als bis zu dieser „dritten Brücke“ hatten wir als Kinder nicht fahren dürfen, warum auch immer. Vielleicht war Tante Mia selbst nie weitergefahren und die Vorstellung, dass wir uns an einem Ort aufhielten, den sie nicht kannte, machte ihr Angst.

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