Bergisch Babel II – Corona Edition

Bahnfahrer:innen-Brummelei (Warmlauschen II)

„Nein, komm, ich bitte dich. Ich bitte dich! Haben schon ganz anderes überstanden. Ja was denn, was denn. Pest zum Beispiel! So.“

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„Du, ich will mir nicht anhören müssen, dass ich nicht aus dem Haus darf. Ich guck das alles nicht mehr. Mach ich nicht.“

„Ja gut, wir haben jetzt jedenfalls alle Home Office und …“

„Das ist auch so ein Ding! Das mein ich! Home Office. Sowas gab’s doch vorher gar nicht!“

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„… Weil die einfach so laut gelacht haben, die ganze Zeit, und dann war die Aishe so, jetzt lass den doch mal, und ich mein, stimmt ja auch, ist ja eigentlich auch gemein, aber hast du das gesehen, das sah so scheiße aus, so von der Seite, und die Aishe hat sich voll aufgeregt, aber ich konnt halt auch nicht aufhören zu lachen, und jetzt hat dem seine Mutter jedenfalls gesagt, der ist jetzt in Quarantäne, weißt du.“

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„Lass gleich mal eine rauchen. Jetzt ist auch schon egal.“

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„Eins aber. Ich seh euch da nicht als Sieger rausgehen. Oder dass ihr vernünftig kompensiert werdet. Seh ich nicht.“

„Und wenn ich den Spahn schon höre. Das wird von der Regierung jetzt auch alles ausgenutzt. Kann mir keiner erzählen, dass die das erst seit gestern wissen.“

„Das ist ja auch die Frage: Was – macht – der – Staat? Und wenn ich dann lese: Veranstaltungen mit soundso vielen Leuten sollen abgesagt werden. Ja, denken die auch mal an die Veranstalter?“

„Das muss die Regierung absagen! Wer selbst absagt, kriegt keine Entschädigung.“

„Ich sag’s dir ehrlich. Für Leute wie uns! Das ist die wahre Katastrophe.“

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„Na hören Sie mal, überall Panik, Panik, Panik, man kann ja kein Radio mehr hören, Panik, Panik, und dann mach ich das Radio aus, dann geh ich einkaufen, und dann steh ich am Regal, und ich sag Ihnen, immer noch alles voller Toilettenpapier!“

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„Find das ja geil, ne?“

„Was noch?“

„Wie jetzt alle hamstern.“

„Ja.“

„Gestern mit einer in der Schlange.“

„Okay.“

„Und die so mit zwölf Packungen Sauerkraut. Echt zwölf, ich hab gezählt.“

„Da kannste Katzen mit vergiften.“

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„Du … Du? Entschuldige! Entschuldige bitte, aber es müssen sich alle infizieren. Alle! Mindestens 70 Prozent! Ja … Ja … Aber glaube mir doch, erst wenn … Wenn 70 Prozent infiziert sind, wird sich das Virus nicht weiter verbreiten! Ja … Ja … Jetzt komm aber. Komm … Na, ich sitz hier den ganzen Tag in der Regionalbahn. Da kann mir der Nachbar genauso gut den Finger in die Nase stecken! Entschuldige bitte … Ja.“

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„Mein Arzt ist in Erkrath. Da komm ich jetzt doch gar nicht hin. Kann ich eh vergessen.“

„Ja gut. Ich sag immer, wenn ich nicht immun wär, dann hätt ich’s schon längst.“

„Das schon. Aber was ich nicht verstehe: Warum geht man nur 14 Tage in Quarantäne? Ist doch viel zu kurz?“

„Da hilft nur eins, mein Guter. Weiter, immer weiter ist die Devise. Und nie zur Seite gucken.“

 

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Bergisch Babel I

Mettmanner Murmeleien (Warmlauschen)

„Der ist nicht da.“
„Hast du geklingelt?“
„Hab ich gerade.“
„Komm, klingel nochmal.“
„Der ist nicht da!“
„Alter, klingel.“
„Klingel du doch! Ich weiß, dass der nicht da ist.“
„Jetzt drück die Klingel, Alter. Mach!“
„Ich klingel ja schon!“
„Na also. Wenn du nicht klingelst, dann kann der auch nicht da sein.“

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„Der Thomas hat ja ´ne eigene Band, ne? Aber der spielt jetzt nur noch sporadisch.“
„Was heißt das?“
„Na, einmal im Jahr.“

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„Toastbrot, Leberwurst, Schoki. Und hast du die Bohnen?“
„Dosenbohnen.“
„Dosenbohnen?“
„Wegen Corona.“
„Zeig mal.“
„Hier. Sogar Bio.“
„Bio, bio. Gibt’s nichts normales?“
„Das ist normales!“
„Du wieder.“

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„Und seit wann wohnt ihr da jetzt? Oktober?!“
„Wir dürfen auch nichts draußen abstellen, nichts. Nicht mal das Fahrrad. Schau ich nach draußen: Da stehen die anderen Fahrräder doch auch!“
„Da hätt’ ich keine Ruhe. Nee, da hätt’ ich keine Ruhe.“

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„Ging ja vor allem darum, dass ich mich mal mit jemandem zusammensetze und ein bisschen quatsche.“
„Ja.“
„War schön gewesen.“
„Ja.“
„Frische Luft! Tut immer gut.“
„Ja. Ja.“
„Und ein paar Bierchen.“
„Das! Ja.“
„Naja, aber dann. Die Arbeit.“
„Oh ja.“
„Steckste nicht drin.“
„Ja. Nein.“
„Und bei dir? Alles gut?“
„Ja!“

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„Michelle! MICHELLE! Der fährt nach OBEN!“
„Der fährt NICHT nach oben!“
„Doch, ey! Kom mal rüber jetzt!“
„Komm du rüber! Der fährt nicht nach oben, der fährt hier!“
„Nein, ey, jetzt guck doch mal! Guck da, ey, da fährt der, echt!“
„Ja, echt?“
„Da steht das doch!“
„Boah, ich bin so ein dummes Kind, ey!“
„Ja, komm jetzt! Du – oh. Entschuldigung. Entschuldigen Sie. Sagen Sie, ist der Bus Nummer 16 schon abgefahren?“

//

„Du, das ist die Monika, die trinkt so viel! Ich nicht.“
„Gar keinen Alkohol?“
„Doch! Doch, doch.“
„Ach so. Meine Schwester, die trinkt gar keinen Alkohol!“
„Der Prosecco?“
„Für mich!“
„Für mich!“
„Für mich!“
„Und noch vier Alt.“
„Drei! Ich kann das ja nicht verkraften. Krieg ich Kopfschmerzen. Und auch mit dem Magen, von der Säure her. Also, gemischt geht. Mit O-Saft!“
„Na dann? Auf die Gesundheit. Einschließlich Anhang, ne?“
„Prost.“
„Prost.“
„Prost.“
„Das ist interessant. Ich hab früher immer nur stilles Wasser getrunken hier.“
„Ja, deshalb hab ich für die Stimmung gesorgt.“

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„Hömma, haste ma?“
„Ich hab doch selber nix.“
„Ist doch Quatsch. Ihr seid doch alle Millionäre!“
„Nee, ich hab nix. Sag mal, guck mich mal an?“
„Mil-lio-nä-re!“
„Dir hat doch einer auf die Nase gehauen?“
„Na sicher. Haste jetzt ma?“

//

„Jetzt doch nochmal: Christel oder Christa?“
„Christel.“
„Ach, ich dachte Christa!“
„So hab ich mich früher genannt.“
„Ach so, ja. Ist aber schon ein paar Tage her?“
„Ja, viele Tage.“

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„Wissen Sie, von wem das ist?“
„Was?“
„Das.“
„Was?“
„Das Graffito.“
„Das?“
„Ja.“
„Na, das ist doch immer von irgendwem.“

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„Ist genau wie bei mir! Der Meier macht Bauleitung. Der hat aber nie was an den Niklas weitergegeben. Und der Niklas natürlich …“
„Ich glaub, da ist die Mutter gestorben.“
„Vom Niklas?!“
„Ja.“
„Ach komm.“
„Dem sein Vater lebt auch nicht mehr.“
„Wirklich?“
„Geht schnell. Wie ist das bei dir?“
„Mutter wird 93. Ist aber schon fünf Mal tot gewesen.“
„Nein.“
„Doch. Die haben ihr jetzt was verschrieben. Zur Entwässerung. Sonst hätte sie wahrscheinlich schon die Augen zugemacht.“
„Na sicher. Na sicher.“
„Du. Ist der Zement jetzt durch?.“
„Der ist durch.“
„Dann nagel da mal noch schnell ´nen Nagel rein. Und dann machen wir Mittag.“
„Mittag?“
„Ja. Der Niklas jedenfalls, der kriegt vom Meier nie was, der Meier macht ja bei uns die Bauleitung, und deshalb hat der Niklas jetzt … Hörste?“

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„Die haben mich nicht gefragt, ob ich einen Tausender könnte. Wollte.“
„…“
„Sind einfach vorbeigefahren!“
„…“
„Als würd sie das nichts angehen. Nicht interessieren!“
„…“
„Tja dann.“

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Wien – Viernheim – Mettmann – Wuppertal: Vier Nächte, vier Betten

Morgen 1

Noch einmal in Wien aufwachen, direkt an der großen Umgehungsstraße im neunten Bezirk, ich kenne die gefühlt 100.00 Pendler selbstredend alle persönlich, werde sie jedoch nicht vermissen. Dafür bleibt auch keine Zeit, denn just ist das Studium abgeschlossen, sitze ich auch schon im ICE Richtung Mannheim. Nun ist es 18:30 Uhr, Donnerstag der 29.6.2017 und ich habe gut acht Stunden reise hinter mir und etwas, das sich anfühlt wie ein festgezurrter Knoten, zwischen zwei Nackenwirbeln. Nicht’s desto Trotz geht es vom Mannheimer Hauptbahnhof sofort weiter nach Viernheim, meine Heimatstadt, ins griechische Restaurant. Meine Familie hat seit Weihnachten kaum etwas von mir gehört und nun das Recht mich beim Essen zu beobachten. Anschließend treffe ich noch einen Freund auf ein Bier zu viel und schlafe meinen Knoten ein wenig fester in den Nacken.

Morgen 2

Am nächsten Tag geht es jedoch ohne Rücksicht auf Verluste direkt weiter, ein neues Kapitel beginnt, eines, auf dass ich mich seit Wochen freue: Schreiber für die Kulturregion Bergisches Land. «Was ist das?», wurde ich bisher etliche Male gefragt und stolperte immer wieder über verschiedenen Erklärungsversuchen. Nach einer Weile antwortete ich insgeheim auf die Frage «Was machst du dort», dies fiel mir leichter, denn mein Ziel ist klar: Das Bergische Land, seine Menschen und die Natur literarisch und journalistisch Erkunden. Noch (ins)geheimer: Abstand gewinnen. Die letzten fünf Jahre Großstadt lagen mir in den Knochen und wohl auch zwischen den Ohren, jetzt bin ich gespannt, welche Neurosen ich vom Landleben wohl davontragen kann. Deshalb sitze ich die 300km trotz eines Staus in Köln mit einem Dauergrinsen im Auto.

Kurz vor dem Ziel meldet sich meine Reiseführerin mit ihrer blechernen Stimme zu Wort, «in zwei Kilometern parken, du musst zu Fuß zum Ziel», ein Schmunzeln auf meinen Lippen. Die besagten zwei Kilometer später missachte ich jeden gut gemeinten Ratschlag und biege von einer Landstraße im Nirgendwo auf eine Art Feldweg im Niemandsland ab, denke kurz an die Idylle von «Twin Peaks» in der gleichnamigen TV-Serie und fühle mich wie «Agend Cooper» persönlich.

Die letzten Meter führen mich über eine steinige Piste, «wie romantisch», denke ich mir, und als ich mein zukünftiges Domizil, erblicke, stehen auch schon Frau Utke, meine Betreuerin im Bergischen, und die Vermieterin Frau Bruckhaus vor der Tür.

«Guten Tag Frau Bruckhaus, guten Tag Frau Utke. Ich freue mich endlich angekommen zu sein». Das Wort «ankommen» hallt für mich noch lange nach. In meinen fünf Jahren Großstadtdschungel konnte ich meistens dann ankommen, wenn ich abseits der Kaffeehäuser und Fiaker in der Natur war; Eindrücke verarbeiten, durchatmen. Jetzt wohne ich gewissermaßen abseits und kann so viel atmen, wie ich will, wohne in einem frei stehenden, kleinen Ferienhäuschen, die roten Ziegelsteine, alle unterschiedlich, begrüßen mich eben so herzlich, wie meine Gastgeber. Auch im Inneren werde ich überall liebevoll empfangen, sei es vom Licht, das sich in allen Winkeln breitmacht, von den schweren Tannenzapfen, die wir in meiner Kindheit bedrohlich Gockel nannten, und die wir in den Schulpause zur «Gockelschlacht» über den Hof donnerten, oder auch von den zahlreichen, liebevollen Details, wie dem kleinen Wasserschieber in der Dusche. «Ferien scheinbar Zuhause». Als Werbeschreiber würde ich wohl auch den ein oder anderen Taler verdienen, aber es gibt bekanntlich viele Wege auf die Schiefe Bahn zu geraten, bleibe ich doch lieber ein anständiger Regionsschreiber.

Frau Bruckhaus hat mir übrigens einen Kuchen gebacken und nachdem das erste Stück im Magen liegt, lerne ich Herrn Bruckhaus kennen. Ein robust wirkender Mann mit festem Händedruck, hellen Augen und auffallend schönen Zähnen. Er trägt eine einfache Brille und wirkt ebenso besonnen wie tatkräftig. Er begrüßt mich herzlich, der flotte Spruch springt ihm über die Lippen am Schnauzer vorbei, geradewegs auf mich zu; ich glaube, ich komme so langsam an.

Am ersten Abend habe ich keine Energie mehr zum Kochen, ich esse Reis und Soße, beides von einem entfernten Onkel, den ich überhaupt nicht kenne, irgendwie komme ich mir bei diesem Abendmal bodenständig vor, so allein in Mettmann mit Reis, Stift und Papier.

«TIK TAK TIK TAK», gerade als ich die Ruhe zu verstehen lerne, drängt sich eine Uhr auf. Wie selbstverständlich hole ich mir die kleine Tretleiter (Frau Bruckhaus hat an alles gedacht), nehme die Uhr von der Wand und die Batterie heraus. Die Vögel danken es mir dafür in bergischem Zwitschern. Auf 7.15 Uhr bleibt die Uhr stehen und ich gehe bald schlafen.

Morgen 3

Als ich früh morgens aufwache, regnet es und ich bin ein wenig enttäuscht, da auch meine Stimmung etwas verregnet ist. Viele Eindrücke, viele Strapazen und heute geht es gleich weiter. Wir haben eine Auftaktveranstaltung, bei der alle zehn Regionsschreiber (für Verfechter des Gender-Wahnsinns soll hier nicht unerwähnt bleiben, dass sieben Frauen unter den zehn Auserwählten sind), sowie die jeweiligen Betreuer und Organisatoren zusammenkommen. «Oder einfach liegen bleiben?», frag ich mich und versuche mit aller Kraft das Klingeln meines Weckers zu leugnen. Nein, nein, nein! Zum Liegenbleiben hab ich noch genug Zeit, immerhin werde ich nun für’s kreative Schaffen entlohnt, dazu gehört oft auch das Liegenbleiben, aber nicht heute.

Die Tagungsstädte liegt ebenfalls im Bergischen Land, in Wuppertal, ist also nicht weit weg von meinem neuen Zuhause, und nachdem mir der Kaffee klar gemacht hat, dass der Tag eben doch vielversprechend ist, komme ich gut gelaunt an der Silvio-Gesell-Tagungsstätte an. Selbstverständlich treffe ich hier auf tolle Leute mit denen ich die Lust am Schreiben teile und das Beste: Jeder ist erschöpft, ich falle deshalb also nicht negativ auf. Es wird viel zu viel gegessen und noch bis nach Mitternacht in kleinem Kreise auf einen Geburtstag angestoßen, ich falle ins Bett und frage mich dann doch irgendwie, wann das mit dem Schreiben losgeht.

Morgen 4 

Ich kenne diesen Silvio nicht, aber seine Betten sind spitze! An meinem vierten Morgen im vierten Bett wache ich zum ersten Mal von allein auf, beinahe zumindest. Denn auch hier sind die bergischen Vögel omnipräsent, sie begleiten mich seit zwei Tagen und versüßen mir diesen Morgen. «Besten Dank! Möchtet ihr, dass ich mal über euch schreibe?».

Ich fühle mich munter und spiele ein wenig Gitarre, da merke ich, dass sich mein Spiel etwas verändert hat. Das ist mir im Auslandssemester in den USA schon mal passiert. Man tritt in eine andere Welt, die natürlich abfärbt, und dies vor allem im musischen, wo Durchlässigkeit und Sensibilität ständig mitschwingt. Außerdem merke ich jetzt, dass es etwas fehlt: Der Knoten im Nacken ist weg! Wo ist der denn hin?

Bin ich nun angekommen?


Alle Informationen zu den wundervollen Appartements der Familie Bruckhaus in Mettmann finden Sie hier.

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Von Mikroskopen und wirklich wichtigen Dingen

In der Rankestraße 4-6 in Erkrath steht eine Schule, das Gymnasium Hochdahl um genau zu sein. Eine Schule wie jede andere, eine auf dessen Internetseite Bilder von Jugendlichen sind, die an Mikroskopen sitzen oder an der Tafel stehen, die lachen und Tag für Tag das eigene Wissen der Körpergröße anpassen. Doch was sich am Montag dem 3. Juli dort abspielt, steht der Bildungsrelevanz des regulären Lehrplans nichts nach, ganz im Gegenteil. Denn an diesem Tag stehen in der Aula drei Männer auf der Bühne, die Eindrücke hinterlassen werden, welche man durchs Pauken nicht gewinnen kann. Im Rahmen des internationalen Theaterfestivals «Neanderland Biennale 2017» inszenieren die drei Schauspieler Matthias Kuchta, Laurant Varin und Zbyszek Moskal ein Stück namens «Papas Kriege», das im Kern auf Feldpost und Tagebucheinträgen ihrer Landsleute, nämlich deutschen, französischen und polnischen Soldaten im Ersten und Zweiten Weltkrieg, basiert. Rhapsodisch und unter Einsatz bewegter Bilder, sowie Musik, thematisieren diese drei Schauspieler gleichermaßen minimalistisch wie imposant nichts geringeres als Europa und den Krieg.

Gleich zu Beginn wird dem Zuschauer ein zentraler Kontrast deutlich: Gemeinsamkeiten und Unterschiede. Alle drei tragen weiße Hemden und Jeans, der deutsche mit Gürtel und adrettem Schuhwerk, der Franzose eine 3/4 Jeans und insgesamt legerer gekleidet. Als der Deutsche am Aufbau eines Campingtisches scheitert, scheinbar für ein gemeinsames Picknick, zieht er für seine zwei Kompagnons obligatorische Grenzen aus Kreppband; vergeblich. Unter Jauchzen werden diese übersprungen, ein Spiel entfaltet sich, man tanzt und der kurz darauf ausbrechende Streit wird durch den Schnaps, den der Pole aus der Tasche zieht zunächst beigelegt, bricht gleich wieder aufs Neue aus. Gemeinsamkeiten und Unterschiede eben.

«Die Polen stehlen», «Die Deutschen sind Nazis» und «Die Franzosen sind verniggert», werfen sie dem Publikum nacheinander entgegen. Wer jetzt nicht über seine eigenen Stereotype, gerne auch die unbewussten, nachforscht, dem ist vielleicht nicht mehr zu helfen. Diese kargen, hasserfüllten Worte schweben noch wie ein schmutziger Schleier im Raum als die Drei bald darauf entspannt am Boden liegen und sich einander ihre Träume zuwerfen. Nicht irgendwelche Träume, unter Seufzern verlautbaren sie sich gegenseitig die Namen dieser Träume, «Eva», ruft der Pole, es folgen «Bernadette» und «Annegret».

Immer wieder schwankt die Stimmung dieses Stückes und der Protagonisten zwischen Einigkeit und Twist, doch die Gemeinsamkeiten überwiegen, namentlich die Liebe, das Lachen, der Tanz, aber auch die Angst und die Trauer. Denn während der Eine an der Front vergeblich auf Post seiner Frau wartet, versteckt sich der Andere vor den Bomben und letzterer hat einfach nur Durst. Durch die Authentizität in höchstem Maße ergreifend, sprechen die drei Künstler in den Stimmen von Menschen, die doch viel mehr teilten, als sie trennte. Subtil und brachial zugleich werden hier die einfachsten, urmenschlichsten Dinge vor dem Hintergrund des vielleicht komplexesten, bestialischsten portraitiert; dem Krieg.

Mit breiter Brust fordert der Deutsche nun Respekt für sein Volk und rechtfertigt dadurch den Krieg. «Unser Volk zuerst mit Gottes Segen», schließt die Ansprache. Nein, hier wird kein Soldat im Krieg zitiert, ungefähr so stand es jedoch im Buch «Mein Kampf».

Die Ähnlichkeit zum derzeitigen Protektionismus vom ungarischen Ministerpräsidenten Viktor Orbán oder Sebastian Kurz, dem österreichischen Bundesparteiobmann der konservativen ÖVP, schockiert. Es ist traurig aber wahr. Gebetsmühlenartig wird ein und derselbe populistische Jargon auch heute noch über jede Vernunft hinaus nicht nur gepredigt, sondern gewählt. Spätestens als Szenen des Flüchtlingsbusses von Clausnitz eingespielt werden, «Wir sind das Volk, wir sind das Volk», jeder kennt die verstörenden Bilder, ist die Aktualität dieses Stückes nicht mehr zu verkennen und die Luft in Millionen kleine Teile zerschnitten, der Kloß im Hals schwer, die Augen feucht.

Das Stück ist vorbei und die Künstler sitzen am Bühnenrand, offen für Fragen und selbst bereit dem überwiegend jungen Publikum fragen zu stellen.

«Europa ist eine Chance zum anders sein, ist Vielfalt», sagt Kuchta. Eine Weile wird über Krieg gesprochen, über Europa, persönliche, familiäre Schicksale werden ausgetauscht und man ist gemeinsam betroffen.

In der Rankestraße 4-6 in Erkrath steht eine Schule, in der am 3.7.2017 weitaus mehr gelernt wurde, als an Mikroskopen oder an der Tafel gelernt werden kann. Denn während in Europa verzweifelt um Einigkeit und Zusammenhalt gerungen wird, wurde hier mit einfachsten Mitteln hinterfragt, ob wir zwischen «uns» und den «anderen» überhaupt unterscheiden können.

Das einzig Üble: Es war die letzte Vorstellung in Deutschland.

Vielleicht ist dies jedoch lediglich eine Chance für Sie unsere polnischen Freunde und Nachbarn kennenzulernen. In Polen, oder besser, im polnischen Teil Europas, wird das Stück noch aufgeführt.

Matthias Kuchta, Laurent Varin & Zbyszek Moskal

Hier finden Sie die Künstler Matthias Kuchta und Zbyszek Moskal

Bis zum 23. Juli haben Sie die Möglichkeit, mitreissende Vorstellungen von Künstlerinnen und Künstlern aus Frankreich, Polen und Deutschland zu besuchen. Lassen Sie die Neanderland Biennale 2017 nicht ohne eine Besuch vergehen.

Mehr von Dimitri Manuel Wäsch