Ich möchte mich nicht vergessen

Alfred ist ein Kundschafter, sagt Tina und ruft: Alfred! Alfred bleibt zwar stehen, aber ohne sich umzudrehen. Er hat die Aufgabe, vorne zu sein und zu gucken, sagt Tina.

Alfred ist ein Therapiehund. Tina setzt ihn ein, wenn sie zu ihren Patienten ins Pflegeheim geht; die Patienten lieben ihn. Nicht, weil er so verschmust ist, das ist offenbar nur meine eigene Vorstellung von einem Therapiehund. Sondern, erklärt mir Tina, weil er so geduldig ist. Und weil ich anhand seines Verhaltens Dinge erklären kann.
Was denn zum Beispiel? Zum Beispiel komme ich mit Alfred ins Patientenzimmer. Alfred beachtet den Patienten gar nicht, sondern schaut aus dem Fenster. Typisch, sagt der Patient. Für mich interessiert sich niemand, nicht einmal ein Hund.
Vielleicht liegt es ja gar nicht an Ihnen, sage ich dann. Vielleicht liegt es daran, dass sich ein Hund zunächst einmal für die Vorgänge da draußen interessiert. Viele Patienten erkennen dann, dass jeder eine eigene Perspektive hat. Selbst ein Hund. Und umso mehr freuen sie sich dann, wenn Alfred sich streicheln lässt, das mag er nämlich auch gerne.

Für den Spaziergang mit Tina habe ich die Straße der Arbeit verlassen, wir gehen durchs Neandertal wie auf einem endlos grünen Teppich aus Wald und Wiese und sprechen über ihren „seltsamen“ Karriereweg. Sie kommt aus der Nähe von Bad Münstereifel, und hatte überhaupt keinen Plan, was sie mal werden wollte. Das war die Zeit, in der man Frauen in Männerberufe holen wollte, da sagte mein Lehrer, dat wär doch wat für dich, Tina. Ja, dat wär was für mich, – aber mehr aus dem Stolz heraus, das er mich da drin gesehen hat, schiebt sie hinterher; und in ihrer Stimme schwingt dieser Stolz noch immer mit, aber auch die Distanz der Jahre und wie sie ihr jüngeres Ich ein bisschen belächelt, auf eine freundliche Art.

Wieso denn nicht die große weite Welt?

Sie kommt aus einer Handwerkerfamilie und das Burschikose des Handwerks strahlt auch Tina aus. Zunächst hat sie bei einem Bauschreiner ein Praktikum gemacht, aber das war mit harter, körperlicher Arbeit verbunden, mit sehr viel schwerem Tragen. Also half sie lieber beim väterlichen Betrieb mit, der auf das Bauen von Gartenhäusern spezialisiert war, sie strich die Häuschen an und suchte sich dann einen Ausbildungsbetrieb in der Nähe. Einen, den ich mit dem Mofa erreichen konnte. Das Praktische stand im Vordergrund.

In Bad Münstereifel ist sie immer an einem Reisebüro vorbeigelaufen, da hätte ich gerne gearbeitet, aber das hätte ich mir nie zugetraut. Ich komme vom Dorf, was soll ich da den Leuten erzählen von der großen weiten Welt?, ruft ihr jüngeres Ich, das die Antwort schon weiß, und Alfred, der die Antwort noch nicht weiß, dreht sich um zu uns und schaut erstaunt: Wieso denn nicht die große weite Welt?

Bleib lieber bei dem, was du dir zutraust, sagte Tina sich und schloss ihre Ausbildung als Anstreicherin ab. In den zwei Jahren, die ich dort gelernt habe, hatte ich jeden Montag eine Magenschleimhautentzündung. Jeden Montag morgen war mir schlecht, weil ich mich wieder mit dem Meister auseinandersetzen musste. Der war nicht bösartig, aber er wollte mich erziehen. Wie man richtig zu sein hat. Zum Beispiel, dass man nicht reden darf auf der Arbeit. Ich hatte mal eine Suppenterrine dabei und die Leute nach heißen Wasser gefragt, für so etwas habe ich sofort eins auf den Deckel bekommen. Ich sollte möglichst unsichtbar sein.

Alfred komm, ruft Tina und wir biegen ab und laufen in ein Dorf, von dem ich später, als ich den Text schreibe, keine Ahnung mehr habe, wie es dort ausgesehen hat. Tina und Alfred kennen den Weg, in meiner Erinnerung gehen wir eine lange Schleife und überall duftete es nach Blumen, Gras und Moos. Und nach Hund, denn als wir Pause machen, darf ich Alfred streicheln und mit beiden Händen fest in sein dichtes Fell greifen und ihn kraulen. Er lehnt sich an mein Bein und lässt seine Zunge aus dem Maul baumeln.

Das Kind im Brunnen

Mein damaliger Freund studierte Maschinenbau in Aachen, also saß ich da mit dem Studienbuch und dachte, was studierst du denn jetzt? Bei Sozialarbeit blieb sie hängen, das Fach erschien ihr machbar, wie Tina sagt. Warst du die erste in der Familie, die studiert hat?, frage ich. Ja klar, sagt Tina und beschreibt, wie sie sich im Sekretariat anmeldete und schon bei der Frage: Sozialarbeit oder Sozialpädagogik überfordert war. Wo ist denn der Unterschied? Und bekam zur Antwort: Wenn das Kind in den Brunnen gefallen ist, stehen die Sozialpädagogen herum und fragen, wie konnte das nur passieren? Die Sozialarbeiter fragen, wie kriegen wir das Kind wieder heraus.

Sie entschied sich für Sozialarbeit.

Wir lachen.

Nach dem Studium fing sie in einem Wohnheim für psychisch erkrankte Menschen an, und da war ich total erstaunt, wie meine Kolleginnen sich über Menschen austauschten. Wie sie über Methoden und theoretische Behandlungsansätze sprachen. Es reichte nicht, Sozialarbeiterin zu sein, man musste sich auch so verhalten! Das war mir vollkommen fremd, diese Erkenntnisse hatte das Studium in mir nicht hervorgerufen. In Psychologie hatte sie einen Professor, der tiefenpsychologisch gearbeitet hat – auch mit uns Studentinnen und der hat einfach bei jeder Frau vorausgesetzt, dass es da etwas gibt in ihrer Kindheit, wovon sie nichts weiß. Dass da was mit euch passiert ist, das ihr gar nicht wisst! Da kommst du, sagt Tina, als ungepelltes Ei natürlich ins Grübeln, wer könnte das gewesen sein, wer könnte mir etwas angetan haben? Natürlich hat es auch bei einigen gestimmt, denn die Wahrscheinlichkeit ist schon recht hoch, dass eine Frau Missbrauch oder andere Gewalt erfahren hat. Mir aber hat es ein schlechtes Gewissen gemacht, als würde ich keine Verantwortung übernehmen wollen, für das, was mir vermeintlich passiert ist.

Trotz aller vermuteten Unzulänglichkeit stellte sie bald fest, dass sie mit ihren Patient:innen sehr gut zurecht kommt und schnell Zugang zu ihnen hat.

Wahrscheinlich, sagt Tina, weil nicht alles, was mir erzählt wurde, gleich eine Methode nach sich zog.

Sie hat, denke ich beim Abhören der Aufnahmen, die Fähigkeit, Ironie so zu verpacken, dass es sich absolut nicht ironisch anhört. Man könnte auch sagen, sie verzichtet auf die Methoden der Ironie, sie ist es einfach.

Eigentlich ist der Mensch immer falsch

Mit ihrem Mann ist sie schließlich nach Mettmann gezogen, wo sie in der Tagespflege für Psychisch Erkrankte arbeitete. Da ging es vor allem darum, dass die Leute in eine Tagesstruktur kommen und nicht wieder in eine Depression verfallen. Sie vielleicht sogar wieder fit für den Arbeitsmarkt werden. Dass sie sich überhaupt wieder als wertvolle Menschen fühlen, obwohl sie ja dem Arbeitsmarkt nicht mehr zur Verfügung stehen. Das ist nämlich stark miteinander gekoppelt. Es ist Wahnsinn, sagt Tina, wie schnell du aus so einem Rasterleben heraus auf eine schwarze Seite fällst, wenn du nicht mehr genügst.

Wir gehen über ein offenes Feld, ich höre den Wind, der ins Mikro pfeift. Bei den Bewerbungstrainings wird einem vermittelt, dass es an einem selbst liegt, wenn man keinen Job bekommt. Wenn du so und so auf dem Stuhl sitzt, dann wird das nix. Eigentlich ist der Mensch immer falsch, deshalb musst du ihn formen, dann ist er richtig!

Es heißt ja immer Psychisch Kranke, aber das ist eigentlich falsch. Sie sind ja nur er-krankt, vorübergehend erkrankt. Dann lassen wir sie halt mal so, wie sie jetzt gerade sind! Sie hat zum Beispiel im Sommer Weihnachtslieder abspielen lassen, um den Besucher:innen zu zeigen: Verrückte Zeiten. Nicht bekloppt, nur verrückt! Da ist sie wieder, denke ich begeistert, diese sehr spezielle ironiefreie Ironie.

Es ist wichtig, dass ich mit dabei bin

Alfred, der Saunickel, ist verschwunden. Tina ruft nach ihm, aber er kommt nicht. Der merkt natürlich, die ist am Quatschen, da schau ich lieber mal selbst, wo was los ist.

Der Tod ihres zweiten Kindes stürzte sie in eine schwere Krise. Aber es musste weitergehen, nur wurde das Weiter immer schwerer. Die Trauer begleitete die ganze Familie, wir waren irgendwie gedämpft, sagt Tina. Dann starb der Vater, der Schwiegervater, die Mutter. Da war der Ofen dann langsam aus. Sie machte eine Mutter-Kind-Kur und kam dort das erste Mal mit Kunsttherapie in Berührung. Ich kann aber nicht malen, sagte sie. Egal, sagte die Therapeutin. Sie malte die Familie: die Kinder, den Mann, die Eltern, die Schwiegereltern. Fertig?, fragte die Therapeutin. Fertig, sagte ich. Und wo sind Sie?, fragte die Therapeutin. Da habe ich, erzählt Tina, einfach vergessen, mich selbst mit auf das Bild zu malen.

Kalkofen im Neanderthal, wurde 1672 zum ersten Mal urkundlich erwähnt.

Das war für mich der Schalter. So möchte ich nicht leben. Ich möchte mich nicht vergessen. Es ist wichtig, dass ich mit dabei bin. Und es war toll zu merken, dass ich mich über das Malen offenbar so tief ausdrücken kann. Dass da eine Wahrheit ans Licht kam, die mir nicht bewusst war. Und dafür muss ich noch nicht mal gut malen können.

Da ist der Alfred ja wieder, haste gut gemacht, sagt Tina, weil Alfred zurückgekommen ist. Wir gehen runter ins Tal.

Sie begann eine Ausbildung als Kunsttherapeutin. Ihr Mann unterstützte sie und sie stürzte sich mit vollem Elan in die neue berufliche Richtung. Im ersten Jahr war es vor allem Selbsterkunden. Und sie lernte, wie man ein echtes Feedback gibt: nicht bewerten, nicht interpretieren. Nur beschreiben. Was sehe ich? Wie ist das Bild gemacht? Das musst du üben, sagt Tina, bis du das verinnerlichst.

Schau mal, ein Reiher. Wir bleiben stehen. Hier ist beim letzten Unwetter ein Junge schwer verletzt worden. Ein Baum ist umgefallen und hat den Jungen beim Radfahren erwischt. Eine große Baumlücke klafft auf der Seite des Weges, und auf der anderen Seite, parallel zur Düssel, sieht man die Leitplanke, die erneuert worden ist. Oft läuft sie hier mit Alfred entlang, bevor sie ins Hospiz geht, wo sie seit 13 Jahren als Kunsttherapeutin arbeitet. Die Sozialarbeit ist quasi im Rucksack mit dabei.

Zusätzlich hat sie noch einen Honorarjob im Krankenhaus, doch da hat sie kürzlich gekündigt. Um Coronapatienten aufnehmen zu können, hatte das Krankenhaus die Palliativstation einfach geschlossen! Zack!, ruft Tina empört. Die Betten wurden für Coronapatienten vorgehalten – aber es lag ja keiner drin. Und dafür wurde monatelang eine Palliativstation geschlossen! Ich finde das so falsch, sagt sie. Und loyal sein zu können, das ist für mich die Grundvoraussetzung, um irgendwo zu arbeiten. Wenn ich in einem System nichts ändern kann, dann will ich wenigstens das System nicht weiter stärken. Bewundernswert, sage ich. Naja, das war schon ein ziemliches Hin und Her, sagt Tina. Und finanziell desaströs.

Und Alfred? Als die Familie sich entschloss, einen Hund zu bekommen, wollte sie wissen, wie so ein Hund funktioniert und hat mit ihm eine Hundetherapieausbildung gemacht. So ein Elo ist wirklich ein fantastischer Hund, sagt sie. Der strahlt dich nicht den ganzen Tag an, aber das würde mir auch ziemlich auf den Geist gehen.

Alfred nimmt sie nicht nur zur Kunsttherapie mit, sondern bietet auch den Hundeführerschein im Kindergarten an. Die Kinder lernen zum Beispiel, wie man sich verhält, wenn man Angst hat. Weglaufen und schreien ist das Gegenteil von dem, was man tun sollte. Ach, denke ich, hätte ich das als Kind auch gelernt!

Alfred ist mit einem anderen Hund beschäftigt und reagiert nicht auf Tinas Rufen. So eine Hundebegegnung ist eben interessanter, sagt Tina. Wenigstens hat er keinen Jagdinstinkt und läuft keinen Wildtieren hinterher.

Die Kinder waren nicht angeschaltet

Das könntest du ja auch ausbauen, das Hundetraining, sage ich. Nö, sagt Tina prompt. Das ist viel zu anstrengend. Auch für Alfred. Wenn dann fünf Kinder den Hund streicheln, sage ich: So, jetzt wechseln wir mal, wer will denn mal der Hund sein? Und der, der besonders doll war, bekommt dann die Rolle vom Hund und dann merkt er schnell, dass er das schon nach 20 Sekunden nicht mehr sein will. Siehste, so geht’s dem Hund auch. Das kommt gut an, aber ist sehr anstrengend. Du hast den Hund, du hast die Kinder – und du hast die Erzieher.

Bei der letzten Prüfung ist es wirklich schlecht gelaufen. Die Kinder waren gar nicht richtig angeschaltet. Manche können noch nicht mal die Leine richtig halten. Keine Körperspannung, das merkt der Hund sofort, dann geht der weg. Dann muss ich denen erst mal beibringen, wie man eine Verbindung herstellt. Wie man eine Beziehung aufbaut.

Denn eine Leine halten, das bedeutet letztlich: den Kontakt halten, zum Hund, aber auch zu sich selbst.

Weiterführende Links zur Straße der Arbeit

Wanderung durchs Neandertal entlang der Düssel
Übersichtskarte (Sauerländischer Gebirgsverein, Bergisches Land)

Mehr von Ulrike Anna Bleier

Dein leeres Herz aus Pappe

Die Reise geht jetzt nach innen. Ist ja klar, denn mit Außen ist’s erstmal Essig – und wenn schon keine spannenden Projekt-Begegnungen mit anderen Menschen, keine interessanten Ortsbegehungen, keine aufwühlenden Gespräche, dann vielleicht doch endlich die markerschütternde Begegnung mit dem eigenen Ich. Dachte: ich.
Was das Haus dachte, ist nicht überliefert, es muss aber etwas ähnliches gewesen sein. Gemeint ist das Haus, in dem ich zur stadt.land.text-Zeit wohne. Es ist alt und schön und groß, da möchte man schon mal wissen, was die Welt im Innersten zusammenhält. Oder wenigstens, was das bei einem selbst tut. Interessanterweise hat die Antwort wie bei der Reise nach außen mit Klopapier zu tun. Aber von vorn.
Vor einigen Tagen reiste ich ganz besonders beflissen nach innen und wurde umso heftiger aufgeschreckt durch den Klang italienischer Opernarien. Ich glaube, es war Puccini. Ich weiß es aber nicht genau, denn ich bin kein Fan von Opern. „Ich bin kein Fan von Opern!“, wollte ich denn auch aus dem Fenster brüllen, besann mich aber, als ich sah: Da wird gearbeitet.
Es arbeitete da ein Nachbar, zweifellos vom wissbegierigen Haus geschickt. Er räumte nämlich die ebenfalls zum Haus gehörigen Schuppen aus und Puccini half allem Anschein nach dabei. Was auch nötig war, denn dort drin schien es Gerümpel zu geben, Staub, Metall-Lawinen und allerlei Anlass für Flüche. Deshalb wohl schickte das Haus bald auch weitere Bewohner hinzu. Darunter die Eigentümer:innen, die sich bereits fahrlässig ewige Regionsschreiber-Zuneigung eingefangen haben durch zwei geheime Tugenden (na gut: Liebenswürdigkeit & starkes Essen).
Anlass genug, das Fenster nun doch zu öffnen. Fast hätte ich auch doch noch „Ich bin kein Fan von Opern!“ gebrüllt. Kam rechtzeitig zu Verstand. Fragte stattdessen, ob ich helfen könne. Konnte ich nicht, weil verschnupft, und seine Keime behält man in diesen Tagen besser für sich. Bekam stattdessen die Highlights der Entrümpelung zur Ansicht aufs Fensterbrett gestellt.
Nun ist’s mit Reisen nach außen wie nach innen ja die gleiche Crux: Es wird nicht immer schöner. So war ich gerade erst zu der Erkenntnis gelangt, dass ich einem Virus, das Menschen zum Zuhausebleiben zwingt (und so Tempo und Lautstärke herunterregelt und am Ende noch an der dusseligen Konsumlogik kratzt) eigentlich nichts als Sympathie entgegenbrächte – brächte es nicht auch Leute um die Ecke. Und so stand nun unter anderem auch eine Flasche vor mir, deren Inhalt aussah wie der Urin eines Pharaos.
Ganz so alt und unerquicklich war sie dann doch nicht, die Flüssigkeit. Ob sie indes zum Spülen von Motoren oder zur spontanen Alkoholvergiftung nützlich sein sollte, bekamen wir nicht heraus (womöglich zu beidem, und ganz sicher taugt sie auch jetzt noch zur Desinfektion). Dafür landeten zu schnell neue aufregende Gegenstände auf dem Fensterbrett:
Eine rostige Stichsäge.
Eine verwunschene Glühbirne.
Ein Heft mit Shakespeare-Stücken.
Und schließlich eben: Uraltes Klopapier.
Nun ist in diesen Tagen so viel über Klopapier nachgedacht und geschrieben worden wie nie. Jüngst erst mutmaßte man im Neanderthal Museum (das dem alten, schönen, großen Haus direkt gegenüberliegt), dass unser Urahn womöglich schon Blätter und Moos zu vergleichbaren Zwecken gehortet hatte. Seltsam also, dass ausgerechnet dieser ebenfalls historische Fund noch einmal eine neue Perspektive auf den Komplex ermöglicht. Doch er tut’s – weil die Aufschrift („1A – 400 Blatt“! „Feinstes Toilettenpapier“!) eine absurde Verwurzelung im deutschen Denken & Leben unterstreicht. Weil die Staubflusen auf dem Hygieneartikel erzählen von dem Versuch, einem natürlich-rohen Vorgang etwas zivilisatorische Zartheit zu verleihen. Und weil eben auch etwas Anrührendes liegt in der Umarmung von Lagen um Lagen inzwischen pergamentartigen Papiers um ein kleines, leeres Herz aus Pappe.
Vielleicht sind nicht alle hierzulande hamsternde Horste (obwohl, einige sind’s mit Sicherheit).
Vielleicht sehnt sich manche:r in kruden Zeiten auch nur danach, einmal ebenso umarmt zu werden.
Von 1A-400 Blatt.

Mehr von Tilman Strasser

Zwischenruf: Pandemie-Paradoxa

Ich sitze im Neandertal und nebenan übt ein Mensch Posaune. Da er’s kann, der Posaunenmensch (er übt nur noch Details), ist das ein prima Zustand. Das Neanderthal ist ohnehin schön, hat nur noch nicht offenbart, ob es mit h geschrieben sein will oder ohne. Nach 16 Tagen habe ich herausbekommen: Beides geht (aber für die Details habe ich ja auch noch Zeit).

Ich würde meine:n Posaunennachbar:in gern kennenlernen, doch die Zeiten sind missgünstig. Unnötige Reisen, unnötige Aufenthalte in belebten Räumen, letztlich auch unnötige Sozialkontakte sollen vermieden werden, sagt die Bundesregierung. Das Internet sagt: #StayTheFuckHome (zumindest der Teil des Internets unter Vernunftsverdacht).

Ein Freund sagt: Uns Künstler:innen und Kulturschaffenden brechen gerade zuhauf die Aufträge weg. Du dagegen: Vier Monate Stipendium statt Existenzangst, Landleben statt Gefahrenzone Stadt, sei froh! Sie haben recht, Regierung, Internet und Freund. Hilft allerdings nicht gegen die Wirkung dieses neuartigen Gefühlscocktails. Frühlingsgefühle mit einem guten Schuss Panik. No more FOMO, aber auch no more Zwischenmenschlichkeit. Der Posaunenmensch übt an dieser Stelle einen dramatischen Triller, es ist, als hätten wir’s geplant.

Wie alle stadt.land.text-Stipendiat:innen bin ich mit einem Projektvorhaben in die Kulturregion gereist: Im Bergischen Land solltewolltedurfte ich mit Menschen sprechen, die etwas zu erzählen haben, hatte vor, Ureinwohner:innen wie Neuangekommenen ihre Geschichten abzulauschen, ihre Sprache zu verdichten, Monologe zu schreiben und Porträts, die etwas vermitteln über die Gegend und die Menschen darin. Wie ein anderer Freund sagte: Joah. Verträgt sich so mittel mit social distancing, wa?

Projekt ruht also. Posaunist:in ruht jetzt ebenfalls (der Triller klang wirklich knifflig). Wir hatten beide eigentlich gerade erst angefangen. Aber Gefühlscocktails machen eine:n eben auch fahrig: Just hatte ich mich über eine Biene gefreut, die durchs angelehnte Fenster kam (findiges Tier, grazile Beinchen, schicker Pelz, Biene müsste man sein! Jetzt aber raus hier, wir nehmen’s ernst mit dem Sicherheitsabstand), dachte, dass man nur den still genossenen Espresso wirklich zu schätzen weiß – da regte ich mich bereits wieder über einen munteren Spaziergänger:innenpulk vor meinem Fenster auf, könnt ihr nicht gucken/hören/lesen oder seid ihr schlicht/asozial/ignorant?

So ist’s mit allem. Hier noch die Aufgaben sortiert, zu denen man sonst nie kommt, die Bücher bereitgelegt, die immer schon mal gelesen gehörten, da bereits wieder drei Stunden am tagesschau-Livestream geklebt und sinnlos Push-Mitteilungen über neue Hochrechnungen konsumiert. Im einen Moment blickt man noch beim unumgänglichen Einkauf in Düsseldorf fassungslos auf leergerupfte Regalreihen (was für eine utopisch-schöne Vorstellung übrigens, diese Laune der Natur würde allen ein Stück durchgeballerter Konsumkultur abgewöhnen oder die zwangsläufig eintretenden Erholungserscheinungen der Umwelt schmiedeten an einem steigenden Bewusstsein für den Klimawandel mit, wollen wir das vielleicht gemeinsam forcieren? JA? Top!). Im nächsten Augenblick erspäht man genau vor dem REWE einen wohlgelaunten Erpel, der – verflixt. Ich wollte ja eigentlich von diesem Erpel erzählen.

Jener Erpel also watschelte, als ich vorhin notgedrungen das letzte Päckchen Linsen mit mir Richtung Landsitz trug, auf dem REWE-Parkplatz umher, offensichtlich bester Dinge. Den vorbeihastenden Menschen wich er mit spürbarer Missbilligung aus, kommentierte prallgefüllte Einkaufstüten mit einem Quäken und suchte den Winkel, in dem das Sonnenlicht grünes Halsgefieder zum Leuchten bringt (Spoiler: Fand ihn auch). Als ich mich neben ihn setzte, schüttelte er den Schnabel, und weil mir das angesichts meines Linsenpäckchens, angesichts der ganzen Lage die einzig richtige Reaktion zu sein schien, fragte ich den Enterich, wie lange diese Sache noch dauern würde. Ob er darauf zufällig auch eine Antwort habe. Wie man den Ernst der Situation allen, wirklich allen begreiflich machen könne, was das für die Wirtschaft bedeute, was für die Welt, was für die Friseurinnen und Friseure. Was er davon halte, welche Katastrophen für diese nun gerade aus dem öffentlichen Bewusstsein gespült würden, allen voran die erschütternde Situation Geflüchteter an den Toren Europas. Ich fragte, ob wir hinterher wenigstens klüger wären und die Leute im Sozial- und Gesundheitssektor mehr rühmen würden und bezahlen, ebenso wie viele Journalist:innen und Politiker:innen, ach, und ob er es eher als Stresstest für die Gesellschaft sähe, der Rechtsruck-, Abschottungs-, Wutbürgertendenzen noch befördere, oder als Möglichkeit zur Umkehr, zur Wiederentdeckung von Innerlichkeit und Solidarität und Espresso.
Der Erpel sagte erwartbarerweise, halt’s Maul, ich bin ein Erpel, und watschelte ab (Erpel sind grob).

Immerhin aber ging’s mir besser damit, die Fragen einmal gestellt zu haben, weshalb ich das Bienen, Erpeln und allen anderen dringlich empfehlen möchte: Alles aussprechen, alles auf den Tisch legen jetzt mal, dafür haben wir doch nun Zeit. Müssen hoffen, dass diese Kurve abflacht. Und ich hab noch Linsen, wenn wer braucht.

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