partnertherapie ist zwingend notwendig!

melanie ließ den scheibenwischerarm mit einem saftigen schmatzen an die windschutzscheibe zurückschnalzen. zwischen wischerblatt und windschutzscheibe klemmte nun auf der fahrerseite mit der schriftseite nach unten ein kleiner weißer zettel. jens würde ihn sicher sehen, wenn er morgen – möglicherweise endgültig – ihre gemeinsame wohnung in erlangen verlassen würde.

sie hatten gestern schon wieder gestritten. viel heftiger als früher. das kam jetzt oft vor, seitdem ihr gemeinsamer sohn im frühjahr zum studieren nach münchen gezogen war und sie nun auf niemand mehr rücksicht nehmen mußten. nach dreiunddreißigjähriger routine aus maloche, haushalt und ehe hatten sie sich auseinandergelebt. melanie hatte schon lange geahnt, dass da was im busch war und vermutet, dass jens unter wasser schießt und diesmal nicht lockergelassen bis sie alles, aber auch wirklich alles, aus seinem mund erfahren hatte. und das war weit mehr als sie verkraften konnte. wie bei einem eisberg, bei dem der größte und gefährlichere teil unsichtbar unter der wasserlinie liegt, war sie mit ihm im schlepptau von der eisigen oberfläche ihrer erkalteten beziehung zu den dunklen abgründen getaucht, auf denen ihre marode beziehungskiste mit einem heftigen knirschen aufgelaufen war. das schiff war leck geschlagen, wasser an bord, jens und melanies titanic sank. langsam aber sicher und jetzt immer schneller.

jens hatte nicht nur einen kleinen seitensprung, nein sogar eine feste bettgeschichte und das mit ihrer besten freundin, zu der sie sich seit kindertagen innig verbunden gefühlt hatte. schon seit fast einem ganzen jahr ging das so mit den beiden. als er ihr dann noch gestand sich obendrein beim heimlichen bumsen in ute verliebt zu haben, war melanie wie eine wahnsinnige über ihn hergefallen. jens hatte ihre schläge kaum abgewehrt. schließlich hatte er eine abreibung verdient. aber was sollte er tun? bis zu seinem lebensende das haus abzahlen und sich dafür von seinem aufgeblasenen ausbeuterchef anbrüllen und rumschubbsen lassen und dann wieder abends nach hause zu seiner schwermütigen hausfrau mit der schon lange nix mehr lief… alles was früher einmal aufregend gewesen war war mittlerweile stinklangweilig und zur lästigen gewohnheit verkommen. sein inneres navi sagte: sackgasse – bitte wenden! oder mit vollgas gegen die wand…

jens war nach seiner schmerzhaften beichte wie ein geschlagener hund nach oben gegangen und hatte angefangen wortlos seinen buko* zu packen. wenn du jetzt zu IHR gehst, dann brauchst du dich hier nicht mehr sehen zu lassen! hatte sie ihm gedroht und dabei so fest die faust geballt bis ihre knöchel weiß hervortraten. und so hatte er heute im wohnzimmer übernachtet und sie sich im gemeinsamen schlafzimmer die augen ausgeheult voll trauer und wut über den gemeinen verrat. morgen früh würde er dann erstmal zu seinem alten kumpel kai zurück ins ruhrgebiet fahren für ein paar tage. hauptsache ihn erstmal nicht mehr sehen hier. aber sie hatte beschlossen ihm noch eine wichtige nachricht mit auf den weg zu geben…

melanie kramte schniefend in ihrer handtasche nach kuli und papier und fand dabei den abreißblock, den ihr heute nachmittag der sympathische apotheker von dechsendorf geschenkt hatte. der junge attraktive mann im weißen kittel hatte sie angelächelt und gefragt, ob sie neben dem ibu vielleicht noch ein paar taschentücher oder einen notizblock gebrauchen könnte. die taschentücher lagen nun vollgerotzt und zerknüllt zwischen den scherben der familienbilder, die sie vor empörung über den idioten und die falsche schlange an die ausgeblichene schlafzimmerwand geschmettert hatte. sie hatte sich irgendwann beruhigt, ihren kopf mit den unfrisierten haaren und grauen ansatz am scheitel auf die fadenscheinige bettwurst gelegt und traurig an die kahle zimmerdecke mit dem häßlichen wasserfleck gestarrt. gleich sollte auch der praktische notizblock mit dem aufdruck IHR ZUVERLÄSSIGER PARTNER FÜR IHREN PRAXISBEDARF seinen zweck erfüllen. ob sie morgen noch was aus der apotheke gebrauchen könnte und ob ER jetzt wohl einen mundschutz über seinem gewinnenden lächeln tragen würde?

jens hatte gestern noch in seiner verbannung eine halbe flasche seines geliebten single malts niedergemacht und war frühmorgens mit einem üblen kater aufgewacht. nein, kein alptraum, der absolute supergau, vor dem er immer so schiß gehabt hatte war eingetreten. nur gut dass melanie gestern schmerztabletten besorgt hatte… er stellte sich unter die dusche, zog sich rasch an und verzichtete sogar auf seinen morgenkaffee, dachte, das könne an der nächsten raststätte nacholen. pustekucken, pandemie- times, baby!

die haustür schloss sich hinter ihm mit einem satten endgültig klingenden geräusch. nach dem ehedramamief von drinnen tat ihm die frische morgenluft gut. jens atmete tief, stieß die verbrauchte luft mit einem tiefen seufzer wieder aus und übersah zunächst den zettel, als er in seinen wagen stieg. erst auf der autobahnzufahrt zur A3 entdeckte er melanies nachricht, die er für einen im wind flattertenden werbezettel gehalten hatte: kein wir, kein du, kein ich: PARTNERTHERAPIE IST ZWINGEND NOTWENDIG hatte sie für sie beide lapidar beschlossen und verkündet und die wichtigkeit ihrer fachfräulichen diagnose mit einem energischen ausrufezeichen unterstrichen. als ob man eine verunfallte ehe wie einen klapprigen wagen zur reparatur in die werkstatt bringen könnte. war es zum hohn oder aus gewohnheit, dass sie ihre sardonische nachricht mit LIEBE GRÜSSE gekröhnt hatte? ach, mellie! seufzte er wieder nachdenklich und tieftraurig. was ist nur aus uns geworden. er wurde sich plötzlich bewußt, wie sehr er sie immer noch liebte und hatte absolut keine ahnung, wie sie aus dieser scheiße wieder heil gemeinsam rauskommen sollten. für einen kurzen augenblick spielte er mit dem furchtbaren gedanken die augen zu schließen und mit vollgas gegen einen der betonbrückenpfeiler zu rasen. aber wozu? wer hätte das verdient? dann vielleicht sogar lieber erstmal partnertherapie versuchen? doch beim gedanken daran einem fremden menschen, womöglich noch so einer studierten klugscheißerischen, männerhassenden emanzentussi, ihre schmutzige ehewäsche auszubreiten drehte sich ihm sein knurrender magen um… und wie verdammt nochmal sollte er aus der nummer mit ute rauskommen!  bildete er sich doch ein, sich bei den heimlichen nummern in sie verguckt zu haben, oder vielleicht doch nur – verrannt?

irgendwann hatte jens die A45 erreicht und war ohne halt oder stau über die leere autobahn durchs siegersauerland gerast, dann wie immer in dortmund süd abgefahren und am stadion und rombergpark vorbei durch die fast leeren innenstadtstraßen in die weststadt gerollt. die adlerstraße war dank home office, kurzarbeit und quarantäne voll mit parkenden autos, aber er fand trotzdem eine parklücke nahe kais haustür. als er ausstieg klebte melanies zettel immer noch an der windschutzscheibe. jens erinnerte sich an das das große heupferd, das sich mit seinen saugnäpfen an den füßen erfolgreich an der windschutzscheibe festgeklammert hatte, als sie von einem grillfest im grünen in die stadt zurückgefahren waren. jens hob den den scheibenwischer leicht an und ein schwaches lüftchen erfaßte den treuen begleiter aus erlangen, das papierne zeugnis seiner verkackten ehe, das nun elegant mit der schriftseite nach oben indiskret auf den bürgersteig segelte.

die nette eckneipe in der adlerstraße, in der sie oft zusammen mit den anderen stammgästen am tresen gesessen hatten, war pandemiebedingt geschlossen, also hatten sie zwei mal pommes schranke mit curry bei kommarando bestellt und nach dem dritten lecker pilsken mit korn in kais knautschledernen sitzlandschaft hatte er seinem alten kumpel alles erzählt, was ihm auf dem herzen brannte. kai schüttelte den kopf! ausgerechnet ute – ute die stute! ob er nicht wüßte, dass kai auch mal mit ihr… so ein luder! mensch, jens, da haste dir was eingebrockt, junge junge… und was wollt ihr denn immer noch in dem scheißbayern? kommt endlich zurück in den pott! eine kurze zeit herrschte betrenes schweigen zwischen den alten freunden. dann hatten sie in nullkommanix kais laptop an die stereoanlage angeschlossen, ein neues bier am hals und spielten schon leicht angesoffen youtube-disco.

eben noch hatte kai max goldt den sänger von foyer des arts (es gibt so viel) wissenswertes über erlangen, jensens fränkische wahlheimat, höhnen lassen. goldt hatte sich in seiner studentenzeit seine holstener liesel auf finncrisp als fremdenführer in franken finanziert. danach schlug jens mit ihrer gemeinsam lieblingspotthymne versöhnliche töne an: wir sind das ruhrgebiet, die geile meile die dich glücklich macht röhrte wolle petry zu schlagerhaftem stadionrock. wie auf kommando gröhlten die beiden freunde lauthals mit und lagen sich in den armen als sie mit pipi in den augen wie derwische durch kais erdgeschosswohnung hoppsten. und hol‘ dir bloß den blöden zettel von mellie wieder! in meiner nachbarschaft lebt neuerdings ein asphaltbibliothekar, wer weiß was der damit anstellt, woll?

* beischlafutensilienkoffer

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beste zutaten für das jüngste gericht

unter unsern schreibgestählten hintern

toter rasenteppich

über leeren gräbern

WER

hat die zombies in die rückgebaute kirche gesperrt

in den sterbenden wald gejagt

tief vergraben unter den rotbuchenwurzeln der autonomen baumhäuser

der schwarz vermummte block

beantwortet lieber keine fragen

hat keinen bock

auf allzu klein kariertes

ist sich selbst

freundlich

antworten genug

nicht nur ihm fehlt

was WER

aus dantes inferno

abpumpt

aus brunnen ohne stöpseln

für IHR all zu gemeines wohl

unnatürlich

exlex

per gesetz

im schatten der friedhofsmauer

durch pandämlichen sicherheitsabstand

streng limitiert

braten wir kross in der sonne

nach dem pfannthastischen rezept

eines christlich motivierten patchworksupergauleiters

mit einem bunten resteeintopf

aus korruption, betrug, krieg und gewalt

gefickten sondermüllschicksalen

und fahrn fahrn fahrn

turbo auf der alten autobahn

mit e-bike hin und weg

ganz easy

ohne autowahn

hurrah

hambi bleibt

am sterben

weil wir sowieso nicht zusammen leben können

die bande of refugees

spukt derweil in the geisterhaus

der zug ist abgefahren

der bus fährt selten

no exit

aus die maus

entstanden unter dem eindruck der stadt.land.text -veranstaltung GEISTERDÖRFER UND SEHNSUCHTSORTE zusammen mit kolleg*innen, organisator*innen und führern beim gespräch mit waldschützern im hambacher wald am größten loch von NRW (hambacher tagebau) und dem bürgermeister von morschenich unter corona und der bevorstehenden sommerdürre. WER ist ein anagramm?

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an den haaren herbeigezogen

warum wollen bei corona immer alle zum frisör? haare brennen doch gut und wachsen nach dem tod bekanntlich weiter. ersteres hab ich vor ein paar jahren beim zigarilloanzünden auf michas rheinhessischer schafsweide in lörzweiler zu spüren bekommen. ein laues lüftchen wehte mir bei einer grillfete eine meiner langen fusseligen haarsträhnen in die feuerzeugflammme und dann hat’s FAWUSCH! gemacht und die komplette strähne sich mirnixdirnix in rauch aufgelöst. die vor mir stehende mone hat sich noch gewundert, warum ich mir mit der hand hektisch auf die geheimratsecke einschlage, als sie sich des unangenehmen geruchs wegen umgedreht hatte. mittlerweile sind die schafe gefressen, meine schüttere brandschneise nachgewachsen und der michi mäht wieder selbst. ansonsten gilt für langhaarige das gleiche wie beim freiluftluftpinkeln: vor der verrichtung immer erst die windrichtung prüfen! denn: not only the answer my friend is blowing in the wind!

dabei wäre ich anfang merz beinahe selbst zum frisör gegangen. ich hatte gerade mein wohnatelier in dortmund bezogen und beim fundzettelsammelnden flanieren durch die adlerstraße den salon cappadocia entdeckt. hätte dort sicher einiges über meinen neuen kiez aus erster hand erfahren können. solche eckläden mit schaufenstern gibt’s hier viele und zum teil sind dort bereits junge künstleroderdesignerundso schon am start up oder gerade frisch am renovieren. das unionsviertel ist sich fleißigst am gentrifizieren, mit allen vor- und nachteilen. am anfang ist das immer klasse: die anwohner, meist alteingessene arbeiterfamilien mit geringem einkommen oder migranten freuen sich mehr oder weniger über die lebenslustigen jungen leute und umgekehrt. hinterher übernehmen die nun nicht mehr ganz so jungen leute papis firma und konto und ziehen mit der kleinfamilie in die vorstadtvilla.

die schule die ist aus

die kinder gehen nach haus

sie spielen freak sie spielen punk

und schaffen morgen bei der bank

so ist das eben heute

aus kindern werden meute

die mieten sind mittlerweile langsam aber sicher ins unbezahlbare gestiegen, weil die ehemalige tristesse so bunt, lustig, interessant und begehrenswert geworden ist. wenn die uranwohner ihre mietwohnung nicht rechtzeitig gekauft und abgestottert haben müssen sie sich nun eine neue bleibe in einer anderen (noch) unbeliebten gegend suchen und dort mit gemischten gefühlen die nächste hipsterwelle abwarten…

diesem marktwirtschaftlichen automatismus, ein perfider teufelskreis des totalitären kapitalismus, hatte auch ich sicher einst unfreiwillig öl ins feuer gegossen. 2008 gründete ich mit tanja und den anderen walpoden im bleichenviertel, dem einst verrufensten stadtteil, quasi der alphabet city von mainz, im verwaisten fastnachtsarchiv die walpodenakademie, um dort ausstellungen, experimentelle musik, lesungen und performance durchzuführen. seitdem ist da nicht nur das vereinsheim des mainzer kunstverein walpodenstraße 21 e.v. sondern auch mein atelier brandstift, die homebase der asphaltbibliotheque. kann man das denn dann noch als zufall durchgehen lassen, wenn sich direkt nebenan ein skaterladen namens asphaltinstrumente und gegenüber eine nach dem glück des findens benannnte modeboutique ansiedeln? oder fällt das schon unter: nur weil du paranoid bist, heißt das nicht, dass sie nicht hinter dir her sind…

im hinterhof von kiosk & trinkhalle adler 59, wo ich jetzt in dortmund immer meine post abhole, hat sich bereits die graffitiszene fleißig, bunt und dekorativ verewigt. überhaupt bekommt in dortmund und im gesamten pott anscheinend alles was alt und kein industriedenkmal ist, üppig grafitti übergebraten. können sich da mittlerweile alle drauf einigen? also ich mag nur authentisches also wildes, illegales grafitti. idee oder botschaft sind wichtiger als technisches können oder coffee- table-booktauglichkeit. für mich können tags und stencils nicht trashig genug sein und nur diese sind authentisch und wert von mir beim zettelsammeln mit stets schußbereiter kamera dokumentiert zu werden. ob plakatabriß oder vogelschiß: unsere welt ist ebenso bunt wie kaputt und ich ihr punk (= zunder) mit zettel in der hand.

es gibt dort auch ein atelier mit punkkonzerten, wenn es nicht gerade wegen corona abgesagt ist. sowas hätte es in den späten 70er/80er Jahren nicht gegeben. jung kaputt spart altersheime war damals die devise und ich geh kaputt, gehste mit? heute wollen alle vernünftig sein, steinalt werden und dabei wie junge poshe pebbles aussehen. ich erinnere noch wie ich erschrak, als sich 2009 in manhattan eine von hinten wie 17 aussehendes girlie umdrehte und mich ein faltiges gesicht im rentenalter anblickte. figur und klamotten hatten mich getäuscht und falsche vorstellungen geweckt. der schein trügt. das schwein betrügt. ich fand das schlimm damals. heute seh ich das komplett anders: schließlich kann jeder rumlaufen wie er/sie/es es will und wofür bitte die klischees kleingeistiger spießer erfüllen? ob das daran liegt, dass ich älter geworden bin oder seitdem zuviel zeit in new york verbracht habe kann ich nicht sagen.

ist auch völlig wurscht. denn warum bitte sollte man als reifer mensch keine sogenannten dummheiten mehr in würde begehen und das ausgerechnet in dieser unseren welt, die immer dümmer und dümmer zu werden scheint? kiffen und so, das macht man doch nur bis zum abi. danach geht man gefälligst zügig studieren, arbeiten, verdient geld und gründet eine familie – wie mir eine dämliche schülerin aus dem hunsrück mal erzählen wollte. und wozu überhaupt das ganze? soll dieser impertinente schwachsinn etwa nie aufhören?

mittlerweile waren alle frisörläden in schland außer NRW (hat der laschet etwa schiss, dass die jungen nackengeschorenen muslime geschlossen zum IS überlaufen, wenn sie nicht jede woche beim frisör zusammen hocken dürfen?) geschlossen und mußten um ihre existenz bangen. als ich mir in in den 80ern in der rheinhessischem provinz den fokuhila zu einem punkwave volahiku umändern liess hatte mich im ewig blöden bad kreuznach doch glatt einer gefragt, ob ich jetzt nazi geworden sei. cut your hair or miss the boat! heute sehen fast alle meine geschlechtsgenossen wie hitlerjungen aus und solange dass so ist bleiben se bei mir lang, schon aus reiner nonkonformität. da ich meine angegraute matte schon lange nicht mehr nachschwärze gehe ich bei oberflächlichen menschen gerne mal als ungepflegt durch. wirkt jetzt bei corona auch als abstandshalter und man spart sich so die eine oder andere knoblauchzehe.

ein bekannter aus mainz hatten sich mal mit der äußert gewagte these von der rache der schwulen frisöre aus dem fenster gelehnt. also ich finde kurze haare bei frauen sexy – egal welchen alters. schließlich bin ich in den 80ern aufgewachsen und wir hatten als GOTT30 & BRANDSTIFTER in berlin auf der bühne von christoph schlingensiefs CHANCE 2000 kongress gesungen: ich will zurück in die 80er Jahre/ denn da wo ich gestorben bin/ da will ich auch beerdigt sein. GOTT30 ist der markenname einer kühlbox. diese steht immer noch im keller der galerie free range mit siebdruckstudio von oli watt in chicago. als ich 2018 dort ausstellte und ein  konzert spielte (brandstifter with 2 watts) benutzten wir den urGOTT30 als ablage und dancefloor für meine spielzeuginstrumente und labertierchens.

zehn jahre zuvor hatte ich mir schon einmal während meines ersten literaturstipendiums im münsterländischen künstlerdorf schöppingen – dort wo gerade vor der coronabedingten schließung meine stadt.land.text-kollegin charlotte krafft untergebracht war – auf dem lande kopfhaare und bart zum ersten mal wuchern lassen. künstlerdorfleiter josef spiegel sprach von meiner ähnlichkeit mit solschenizyn, andere erinnerte ich eher an charles manson, ich mich selbst an benjamin franklin und auf einer autoraststätte wurde ich von einer fremden auf einen gewissen jesus von nazareth angesprochen… damals waren lange vollbärte noch nicht salonfähig und auf einer zugfahrt nach bingen war eine frau kommentarlos aufgestanden als ich mich zur ihr ins leere abteil gesetzt hatte. heutzutage werde ich angesichts meines gezwirbelten schnurbarts oft für einen fan von dali gehalten – dabei hab ich mir den in rajasthan wachsen lassen! die inder erkennen das sofort und geizen nicht mit komplimenten.

irgendwann war ich wuchermatte und vollbart leid und als ich ende 2008 vom literaturbüro mainz für eine lesung angefragt wurde, hatte ich endlich eine gute gelegenheit, mich von dem subventionierten gewölle publikumswirksam befreien zu lassen. Meike winter, eine resolute und waschen-schneiden-legen-echte frisörin und musikerin, heute verlagskauffrau, hatte bei unserer gemeinsamen performance alle register gezogen: da ich mein spiegelbild nicht sah, hatte ich vom hitlerbärtchen und anderen fiesen finessen nur das lachen des direkt vor mir sitzenden publikums mitbekommen. ich hielt also tapfer den kopf hin während meike munter schnippelte und fräßte und ich mit ihr ganz intim von kunde zu frisörin über meine brandstifteraktionen im münsterland plauschte. apropos spiegel: josef muss immer lachen bei meinen performances und ich dann auch wenn ich ihn sehe…

haarschneideaktionen hatte es seit DADA immer mal wieder gegeben, von einem meiner lieblingsFLUXUS-künstler, dem new yorker al hansen zum beispiel. der großvater von beck hansen hat als besatzungssoldat in frankfurt den pianodrop erfunden, als er ein klavier aus einem ausgebombten fünfstöckigen haus warf. er lebte in NY quasi auf der straße und machte wunderbare madonnenskultpturen aus zigarettenstummeln. in den 90ern zog er nach köln und gegründete dort die ultimate akademie. oder mein freund hans-joachim knust aka dr. proll aus hannover: für seine super8-filmreihe ferwackeltunscharf FWU hatte auch er professionelle hilfe in anspruch genommen, um sich für einen stopptrickfilm mit einer grausamen dauerwelle verunglimpfen zu lassen uns sich dann eine glatze scheren ließ. in dem buch neoismus /neoism von edition selene, hatte ich haareschneiden als programmpunkt, zur erlangung der für den neoismus typischen kollektiven indentität, auf einem flyer für ein neoistisches trainingscamp gefunden. spannender finde ich allerdings die überlieferten neoaktionen mit brennenden brothüten, die ich selbst mit einem überzähligen fladenbrot und schifferklavier auf der verlobungsfeier von dr. treznok mit gottes oma plagierte.

am besten wir machen es so wie’s meine kollegin justine z. bauer  vorschlägt: nach der isolation in einem halben jahr schneiden wir uns alle gemeinsam gegenseitig die länger gewordenen haare und gehen dann zum friseurIn.

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Nach dem Regen/ Unterwegs

Seit der angeblich launische Monat April vorbei ist, gibt es endlich wieder Regen.
Eingesperrt im Paradiesgarten nordöstlich von Corona wurden jeden Tag zweimal die Bäume und Büsche gegossen, damit die Dürre nicht schon im Frühling überhand nahm. Der trockenste Monat seit Menschengedenken. Der wärmste April aller Zeiten. Wenn der Weltuntergang mit ausbleibendem Regen zu tun hat, mit Zombies, Elefanten und Gespenstern und nicht nur mit Bürokratie, dann werde ich mich wohl damit arrangieren lernen.

Ich erinnerte mich in diesen Wochen immer wieder daran, genügend Wasser zu trinken und weniger mein Gesicht zu berühren. Ich dröselte meine unnötig warmen Pullover aus, um daraus Rankhilfen zu bauen und bei Bedarf zwei, drei Erzählfäden zur Hand zu haben. Ich bekam Sonnenbrand und Panik, meistens abwechselnd. Die Vögel, diese lärmenden Frühaufsteher unter den Todesboten, wurden auch nicht vergessen. Wer Bäume gießt, der füllt auch Schalen mit Wasser vor seinem Fenster, damit der Schlaf im Sonnenaufgang nicht gestört wird und auch der Elefant was zu trinken hat.

Die Grenzen meiner gesetzlichen Zuordnung verwandelten sich ganz schnell in die Grenzen meiner Wahrnehmung. An den Rändern: Grün und grau, Polizeiautos und Frauen mit neongelben Amtswesten. Wenn ich meinen Reisepass und Mietvertrag vergessen hatte, dann warf ich das Fahrrad in die Weißdornhecke und versuchte meinen Weg zum nächsten Supermarkt über die verwachsenen Schleichwege zwischen den Büschen zu finden. Meine schlammverkrusteten Schuhe das Überbleibsel meiner neu erwachten Paranoia.
Ostersonntag rannte ich sogar vor einem Polizeibus davon und versteckte mich im Schilf neben dem gelangweilt vor sich hin treibenden Grenzfluss. In der Nacht träumte ich von unbekannten Verwandten, die durch Flüsse schwimmend vor der Roten Armee zu fliehen versuchen. Ich erzähle das später dem russischen Sascha aus München, der lachte nur und sagte: Wie süß. Ihr Deutschen immer .
Die Schichten meiner sicheren An- und Zugehörigkeit lösten sich immer weiter ab. Bin ich hier richtig? Habe ich Papiere? Sehe ich noch aus wie auf meinem Ausweisfoto? Kann ich überhaupt in einer Schlange stehen?
Keine meiner Spuren, Heimaten, meiner Arbeitsverbindungen und Beziehungen kann auf dem Papier Bestand haben. Alles hinterlässt, wenn überhaupt, eine Spur auf mir und vielleicht jemand anderem. Meinen Gedanken, meiner Erinnerung.

„Ich wandte meine Schritte und mit einem Herzen voll unendlicher Liebe für die, welche sie verschmähten, wanderte ich in ferne Gegend
“, so träumte Franz Schubert vor 198 Jahren, als er seinen Garten verließ, sich eine Mund-und-Nase-Bedeckung aus verschmiertem Notenpapier bastelte und vorschriftsgemäß erst 50 Meter hinter dem Bahnhofsbistro auf eine Bank setzte, um seinen Filterkaffee zu trinken. Denn: Das vorübergehende Verweilen auf öffentlichen Bänken ist ab dem 20. April wieder gestattet.
Na dann.

Bahnhof lebensfroh Ruhrgebiet

Vielleicht waren Bahnhöfe schon immer die sichtbaren Zeichen der längst vergangenen Postapokalypse und wir haben sie nur nicht erkannt. Weil da zu viele Leute herum liefen und mit ihren Brötchen krümelten. Nur weil da Stromkabel an einem Pfahl hängen, heißt das noch lange nicht, dass die auch irgendwo hinführen. Das können auch nur Horizontlinien sein, die vorübergehend und um die Perspektive besser anzudeuten, beim einer ersten Skizze noch nicht ausradiert wurden.
„Derzeit sind verstärkt Trickbetrüger unterwegs. Passen Sie auf ihre Wertsachen auf“, sagt die Lautsprecherdurchsage in Bochum und ich bin wachsam inmitten schaffnerlosen Einsamkeit.

In der Privatbahn nach Soest wird dafür mit einer Besessenheit kontrolliert, als gelte es, alle potentiellen Schwarzfahrer bundesweit wieder aufzurechnen. Ich gerate naturgemäß in Schwitzen und versuche nicht nach oben zu schauen, wo sich der Elefant unauffällig im Gepäcknetz versteckt hat. Nach jedem zweiten Halt steht wieder winkend ein Angestellter vor mir und will meine Fahrtkarte begutachten. Schon wieder? Ich übe meinen bösen Blick und scheitere. Normalerweise klappt der. Nur mit Augen über Maske scheint er nicht zu funktionieren. Er lässt sich nicht abwimmeln. Ich denke, er verwechselt mich und das Notizbuch mit der Spiegel-Reporterin, die über Helden der Gegenwart recherchiert und rührende Portraits von Bäckereifachverkäuferinnen, Supermarktangestellten,und Kontrolleuren macht und deshalb jetzt incognito zwischen Hamm und Soest, Balksen und Berwicke, Welver und Dinker, Anröchte und Erwitte pendelt.
Als ob.

Als ob ich hier irgendwas protokollierte.
Als ob Helden jemals Kontrolleure wären.
Als ob Helden die wären, die im Angesicht von irgendeiner gefährdeten Gegenwart einfach weiter zur Arbeit gingen wie bisher. Schichtbeginn, Zack, Held steht bereit.
Als ob Helden nicht eben genau davor flüchten, aus der Wiederholung und der Wiederholung und der Sicherheit der Wiederholung, um kopflos aus genau dieser heraus zu rennen, weil sie was gehört haben, den Ruf heraus aus dem, was der Alltag ist, plus Selbstüberschätzung, plus das Herz voll unendlicher Liebe für die, die es verschmähten, plus feste Schuhe und die bescheuerte Idiotie dahin zu wollen, wo man vorher nicht war. Nur um sich zu verirren und dem Bösen hinter die Maske blicken zu können. Um die echte versteckte Welt und nicht nur die eigene Reflexion darin zu sehen. Naja, und vielleicht auch, um am Wegesrand ein paar Königstöchter zu vergewaltigen, die Väter zu entehren und sich damit ein paar neue Immobilienanlagen in unsicheren Zeiten zu sichern.

Spiegel Welver
Research indicates that male writers are more likely to make heroines superhuman, whereas female writers tend to make heroines ordinary humans.

Na dann.

Als ich mein Haus erreiche, wuchern die Kräuter aus den Ritzen. Der Elefant bezieht das Erdgeschoss und überlässt mir das obere Zimmer. Die Knoblauchranken zwischen den Terrassenplatten sind so hochgeschossen, dass sie bis zu meinem Fenster heranreichen. Sollte der Ruf zur Heldinnenreise noch heute Nacht erfolgen, kann ich ganz leise an ihnen herunter klettern und sehen, wohin der Weg mich führt.

Regenbogen Soester Anzeiger Alles wird gut
(One day a power rainbow of queer energy will blow the roofs off the houses and free the nuclear family and everything will be fine)

Alles wird gut.

Na dann.

More by Annika Stadler

A 45 Masken aus Bali

Es war noch sehr früher Morgen, als mich folgender Text erreichte. Ein Treibgut aus meiner „Reader ist present“ Aktion, das über Spams und abgelehnte Emails zu mir mi Verspätung über eine virtuelle Datenwelle angeschwemmt wurde. Ich war gerade dabei,  die letzten Sätze für meine Zwischenbilanz „Möglichkeiten einer Region“ zu schreiben. Der Absender ist aber früh wach, habe ich gedacht und beim Lesen noch einige Schätze aus Südwestfalen entdeckt, den Verfasser inklusive.

Nach meiner Rückkehr aus Israel, ich war dorthin für meinen Zivildienst geflohen, um dem südwestfälischen Alltag zu entkommen, stellte sich sehr schnell wieder ein Alltagsgefühl ein. Obwohl ich wußte ich würde nur ein knappes Jahr bleiben um dann nach Köln zu ziehen,  zogen sich die alltäglichen Tage dahin. An einem dieser Tage kam mein Vater nach einer Waldkontrolle nach Hause und berichtete von einem merkwürdigen Fund. In einem Fichtenwald, nicht weit weg von einer Bundesstraße die zur A4 und A45 führt, hatte er einige weiße Flecken liegen sehen. Er hatte angehalten und einer der „Flecken“ offenbarte sich als asiatische Gipsmaske. Ich bin abends noch zum Fundort gefahren und habe alles ausgegraben. Sieben balinesische Masken, eine Shiva (Indien), zwei buddhistische Mönche. Alle in Gips abgegossen, alle mit sehr starken Verwitterungen, sie müssen dort lange gelegen haben.

Ich habe schon als Kind überall gegraben und etwas „besonderes“ gesucht, ohne konkrete Vorstellungen gehabt zu haben was es sein könnte. Ein so merkwürdiger Fund zum Ende meiner Zeit an diesem Ort hat mich auf besondere Weise mit ihm versöhnt.

Das ist jetzt 24Jahre her und ich habe drei der Fundstücke in meiner letzten Einzelausstellung im Kunstverein MMMIII Mönchengladbach mitausgestellt.

Hier könnt ihr die Homepage von KLAUS KLEINE entdecken!

 

More by Barbara Peveling

wirst du sie morgen sehen?

– ich war gerade meine koffer packen, als er ist überfahren wurde.

– ich laße mich nicht einschüchtern.

– es wird repariert. Sie werden heiraten. das auto soll verkauft werden.

– was soll geschehen?

– Ich soll mich um Sie kümmern.

– Ich möchte nicht gestört werden.

– Ich hätte ihnen nicht sagen sollen, wie er heißt.

– Sie sollte nie zurückkehren.

– er ließ sich nicht überreden.

– und wenn ich es ihm sagen würde?

– es ist also alles erledigt.

gefunden am 20. April 2020 vor dem Kultur Depot Dortmund

 

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