Acht: Byebye Bellersen

Ich räume den Kühlschrank aus, zwei Joghurts, ein abgepackter Bulgursalat, ein Rest Käse. Auf der Anrichte noch ein wenig Brot, außerdem Kaffee, Öl und Essig, ein paar Gewürze, Müsli. Aus dem Kaminofen ziehe ich die metallene Schublade, lasse die Asche in die Büsche rieseln, einmal kommt Wind auf, ein weißer Nebel steigt auf, sinkt ab, fort ist er.

Im Badezimmer nehme ich Duschgel und Shampoo aus der Halterung, Zahnbürste und Deo von der Anrichte, lege alles in den Kulturbeutel. Ein altes T-Shirt hängt an der Tür, seit Tagen schon, ich nehme es vom Haken.

In den Koffer packe ich auch eine Flasche Apfelbrand vom Heimatverein, die Früchte stammen von den Streuobstwiesen auf dem Schmandberg. Außerdem einige Gläser aus der Imkerei, Akazienhonig, Rapshonig, Tannenhonig, Kornblumenhonig.

Dann sammle ich die Bücher vom Sofa, vom Bett, vom Schreibtisch, eines finde ich auf der Veranda, ich kann mich nicht erinnern, wann ich es dort abgelegt habe. Unter dem Sofa ein zerknittertes Westfalenblatt, eine Wanderkarte, die mir nicht gehört. Ich sortiere Unterlagen und Broschüren, schmeiße einiges in die Papiertonne, und doch wird das Gepäck immer unübersichtlicher, zum Glück werde ich abgeholt, an Bus und Bahn ist zur Zeit nicht zu denken.

Als wir auf der Landstraße fahren Richtung Hinnenburger Forst, ganz plötzlich, braune Flecken auf der Wiese, am Waldrand, ich sehe sie aus dem Augenwinkel, dann erst gucke ich hinüber, erkenne die Herde, Rehe oder Hirsche, sie stehen da, recken ihre Häupter, aufmerksam, aber nicht verängstigt, fast glaube ich, sie sehen uns nach.

In den Nachrichten die neuen Zahlen. Der Gesundheitsminister erklärt, es sei die Ruhe vor dem Sturm. Keiner könne sagen, was komme. Ich denke, er hat doch gesagt, es kommt ein Sturm. Der Himmel rot, davor dürre Äste, manchmal ein Gehöft, es fühlt sich seltsam an, unwirklich und mulmig. Als ginge etwas zu Ende.

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Sieben: Freiherr

Ich bekomme Besuch, mit dem Auto fahren wir nach Brakel, es ist spät, zwei gelbrot schimmernde Augen an einer Kreuzung, graues Fell, ich glaube, es ist ein Dachs. Im Lidl leere Gänge, es ist kurz vor Ladenschluss und wir brauchen lange, es gibt alles und zu viel, es ist unübersichtlich, anders als bei Frischehandel Schäfer. Dann wollen wir essen, wir gehen die Straßen ab, manchmal finden wir ein Gasthaus, innen sitzen Männer an der Theke, die sich kaum rühren, die Tische sind frei, die Küche sicher schon zu, einmal eine Frau im beleuchteten Gang, die Köchin oder Wirtin, sie wischt sich die Hände an der Schürze und sieht müde aus. Am Ende sprechen wir ein Paar an, das den Hund ausführt, sie blähen die Backen, als wir fragen, wo wir noch etwas zu essen bekommen. Versucht‘s mal bei Avanti, dort vor, dann links. Danke, sagen wir, sehen zum Hund, der friert, es ist kalt. Wir passieren das Rathaus, eine Mischung aus Gotik und Renaissance, prächtig und stolz, die Fenster rötlich beleuchtet, dann finden wir den Imbiss, setzen uns auf abgewetzte Barhocker, der Pizzaiolo ist freundlich, knetet unseren Teig zurecht, ein Mann tritt herein, einmal wie immer, ruft er, der Pizzaiolo nickt, Pizza Cipolla mit extra Käse und extra Kapern. Korrekt, ruft der Mann, greift sich ein Bier aus dem Kühlschrank, trinkt, guckt aus dem Fenster. Als wir in Bellersen auf dem Parkplatz halten, springt etwas ins Gebüsch.

Am Morgen sitze ich am Roman, dann machen wir uns auf nach Marienmünster, gehen Umwege, passieren ein Gehöft mit hohen Scheunen, modernes Gerät steht darin. Entlang der Straße ein gedrungener Bau, die Mauern alt, ein Baum wächst aus dem Dach, vor einem Jahrhundert muss er hindurch gebrochen sein. Zwei ältere Herren stehen in der Einfahrt, einer von ihnen am Rollator, er trägt Jägerhut. Ich grüße, aber sie reagieren nicht. Dann, als wir vorbeigehen, ruft er: Guten Tag, sagt man! Ich drehe mich um, bin etwas ratlos. Ich habe doch Guten Tag gesagt! Achso, macht der Mann. Entschuldigung. Erst später wird mir klar, es war die Abbenburg, der Mann vermutlich August von Haxthausen.

Einige Tage später habe ich einen Termin mit seinem Sohn, Caspar Moritz von Haxthausen. Ich halte vor der Rentei der Abbenburg, steige aus, der Freiherr steht in der Tür, telefonierend, er grüßt mit einer Hand, winkt mich herein. Ich halte Abstand, eineinhalb Meter, weil man das inzwischen so macht, trete also zwei Schritte hinter ihm ins Gebäude, ein kühler Flur. Nach links ein weitgehend leerer Raum, an der Wand Bilderrahmen mit Pflanzendarstellungen, die einer französischen Enzyklopädie zu entstammen scheinen. Hinter der Schwelle liegen Dielen, die nicht knarzen, aber alt aussehen, von hier geht rechts ein Zimmer ab, das einmal als Speiseraum gedient haben könnte, aber es wirkt nicht bewohnt oder genutzt, eher wie die Landhausversion eines Besprechungsraumes, in den man sich nur setzt, wenn es wirklich sein muss, in der Mitte ein imposanter Tisch umstellt von ausgeblichenen Polsterstühlen, aus dem Fenster ein Blick auf die Weide. Hinter mir Schritte, der Freiherr tritt aus dem Büro. So, sagt er.

Wir gehen über den Hof, in der Wohnung ist es warm, zwischen Gebälk eine moderne Küche, er kocht Tee, schneidet Kuchen auf, dann setzen wir uns auf den Balkon, weil das vermutlich sicherer ist. Unten recht ein Arbeiter das Laub aus dem Gras, der Tee schmeckt eigenartig rauchig und scharf, zugleich ein wenig dumpf. Annette von Droste-Hülshoff nennt er nur Annette. In der Familie kursieren Geschichten, dass sie etwas eigen war, altjungfernhaft, erzählt er, aber er erinnert sich an die häufigen Besuche der Menschen in grauen und beigen Regenjacken, die, manchmal schon am Stock gehend, sich die Abbenburg ansehen wollten, manchmal auch den Steintisch im Garten, an dem Annette Das Geistliche Jahr geschrieben haben soll. Der steht dort drüben, sagt er, deutet mit dem Daumen über die Schulter.

In den Neunzigern sei der Bökerhof in einem miserablen Zustand gewesen, seine Eltern hätten ihn aufwendig renoviert, das kleine Museum eingerichtet, das heute schon wieder geschlossen ist. Damals kamen viele Menschen, ein Hype war entstanden wegen des Zwanzigmarkscheins, auf dem die Annette lockig und kühn in die Ferne blickte. Inzwischen hat das Interesse wieder etwas abgenommen. Ich vergesse zu fragen, was er von Karen Duve hält und ihrem historischen Roman, Fräulein Nettes kurzer Sommer. Der Arbeiter, in orangfarbener Reflektorenjacke, macht sich an der Hecke zu schaffen.

Die drei Lehen der Haxthausens in Abbenburg, Bökendorf und Vörden wurden durch die Stein-Hardenbergschen Reformen und die Bodenreform von 1949 geschmälert, der heutige Betrieb bewirtschaftet das, was von ihnen geblieben ist. Die Forstwirtschaft sei ein langsames Geschäft, erzählt er. Eine Eiche ernte man nach etwa zweihundert Jahren, sie wachse langsam, deswegen sei sie auch so fest, eigne sich bestens für Fachwerk, er zeigt auf die Verstrebungen am Balkon, von denen der Lack blättert. Aber industriell seien sie ein Albtraum, bei jedem Stamm müsse man schauen, wie man ihn zerteilen könne, oder ob. Eine Fichte dagegen wachse schnurgerade in die Höhe, die könne man einfach in die Maschine legen und fertig. Hier, sagt er, stampft mit dem Fuß auf die Diele, das hier ist Fichte. Sie ist der Brotbaum des Fortwirts, nach achtzig Jahren schon erntereif. Wenn sie nicht der Käfer frisst.

Was heißt verantwortlich, sagt Haxthausen, also, natürlich engagiere er sich in der Region, er sitze im Bezirksausschuss Bökendorf, aber dort sei er hineingewählt worden wie jeder andere auch. Und dann gebe es noch ein paar alte Zöpfe, die aber auch Wurzeln seien. In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts seien ja so viele Traditionen über Bord geworfen worden, dass es heute vielleicht ganz schön sei, noch an einigen festzuhalten, die geblieben sind. Das sei nichts Institutionalisiertes, erklärt er, nichts in Stein Gemeißeltes, das könne jederzeit aufhören, wenn die Menschen davon genug hätten. Aber wer das Gut in Vörden besitze, dem werde beim Schützenfest ein Ständchen gespielt. Und deswegen bekomme eben er das Ständchen. Wenn Sie das Gut kaufen, sagt er, dann bekommen Sie das Ständchen.

Zöpfe, die Wurzeln sind, überlege ich, stelle mir das vor, wie die Menschen vom Kopf herab ins Erdreich wurzeln.

Ja, Horst Krus ist tatsächlich der letzte Mensch, der auf der Abbenburg geboren wurde, in diesem Gebäude, Caspar von Haxthausen zeigt auf die Fichtendielen. Seine Eltern haben auf der Abbenburg gearbeitet, als was genau, das weiß Caspar von Haxthausen nicht, er müsste seinen Vater fragen. Krus hatte immer behauptet, hier sei auch der Gerichtssaal gewesen, von dem in der Judenbuche die Rede ist, aber Caspar von Haxthausen ist skeptisch, zeigt auf die tragenden Eichenpfeiler und auf die Decke über uns. Da liegen Wesersteine drauf, sagt er, die sind sehr schwer, diese Pfeiler können Sie nicht versetzen oder rausnehmen, also ist nicht sonderlich viel Platz. Ich glaube nicht, dass das hier in diesem Haus war, aber Horst Krus wollte halt unbedingt im Gerichtssaal der Judenbuche geboren worden sein. Haxthausen lacht.

Eine Frau tritt gegenüber aus der Tür, meine Mutter, sagt Haxthausen und winkt, sie kommt näher, schaut zu uns herauf. Das ist Herr Federer, ruft er ihr zu, er wohnt in Bellersen und schreibt über die Region. Oha, macht die Mutter. Guten Tag, sage ich. Dann geht sie spazieren.

Wir treten hinaus, die Sonne scheint, ich muss die Hand an die Stirn legen, um ihm ins Gesicht zu sehen. In der Landwirtschaft hat der Betriebsleiter einen Mitarbeiter, in der Forstwirtschaft zwei. Es hat sich alles sehr verändert, sagt er, die Maschinen GPS-gesteuert, computergestützt. Und diese Angestellten wohnen dort unten?, frage ich, zeige auf den langgezogenen Bau am Ende des Hofes, aber Haxthausen schüttelt den Kopf. Nein, nein, die sind einfach vermietet. Aber sonst, er deutet auf eine Scheune, auf eine zweite, ist noch alles in Betrieb, der Getreidespeicher, die Getreidetrocknung, das Lager für das Pflanzenschutzmittel, und so weiter. Und die gefleckten Schafe da draußen? Ja, sagt er. Aber die sind nur ein Hobby. Es sind Jakobsschafe.

Als ich vom Gut fahre, überhole ich zwei Fußgängerinnen, Mutter und Tochter, vermute ich, mit vorgespanntem Hund. Sie bleiben stehen, grüßen, forschend gucken sie durch die Windschutzscheibe. Ich halte in der Ausfahrt, der Arbeiter blickt vom Laubberg auf, den er inzwischen aufgetürmt hat, er hebt die Hand, wie ich auf die Landstraße fahre, ich tue es ihm gleich, im Rückspiegel sehe ich seinen Arm sinken.

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Drei: Bellersen

Den ersten Menschen, den ich sehe, sehe ich von hinten. Gebückt steht er da, macht sich an einem Gartenhaus zu schaffen, die graue Hose spannt über dem Gesäß, schrubbend, scheuernde Geräusche, kurz überlege ich, ob ich grüßen soll, aber ich fürchte, er könnte sich erschrecken, also gehe ich vorbei.

Noch ein Mensch, wieder sehe ich nur den gekrümmten Rücken, einen Hinterkopf, Gesäß und Beine, Gartenschuhe. Eine Frau, sie jätet Unkraut im Garten. Dann, am Haus gegenüber, ein Mensch von der Seite, er macht sich an der Regentonne zu schaffen, trägt einen langen Stab, an dessen Ende eine Vorrichtung sitzt, die ich nicht ganz einordnen kann, ein Werkzeug jedenfalls. Von anderswo ein Fernseher, dumpf, hinter blickdichten Gardinen.

Plötzlich ein Jogger, ich grüße, er nicht.

Dann zwei Frauen, sie bleiben stehen, sehen mich an, ich blicke vom Handy auf, nur kurz, bald darauf notiere ich in die Notizen-App: Dann zwei Frauen, sie bleiben stehen, verstummen, sehen mich an, ich blicke vom Handy auf. Beide in Daunenjacke, die eine moosgrün, die andere blau. Beide tragen Halstücher, hell grundiert, blass bemustert. Beide mit Kurzhaarfrisur und Sonnenbrille. Die Gestelle ausladend, die Gläser undurchsichtig. Sie biegen um die Ecke, ich höre ihre Stimmen wieder. Ausgelassen, fast fröhlich.

Ein Wandgemälde mit Hirsch, im Hals des prächtigen Tieres sitzt ein Belüftungsschacht. Ich schaue durchs Fenster, das daneben liegt, erkenne eine Einbauküche, eine Dunstabzugshaube. In den Gärten stehen Bäume, in den Bäumen sitzen Vögel, pfeifen, quietschen, lärmen regelrecht. Ich bin es nicht gewohnt, höchstens ein paar Spatzen und Tauben, die sich um herabgefallene Pommes Frites streiten, oder grellgrüne Halsbandsittiche, die scharenweise durch den Park ziehen, manchmal halsbrecherisch tief, dass Läuferinnen den Kopf einziehen, Radfahrer bremsen müssen. Hier aber nichts dergleichen.

Hinter einer Mülltonne ein Huhn. Dann noch eins. Und noch eins. Behutsam setzen sie ihre Krallen in den Rasen. Als bedächten sie jeden Schritt einzeln. Begucken sich das Gras. Die Erde. Oder das Gewürm dazwischen. Herab fährt ihr Schnabel.

Ein Mädchen, sie trägt einen Jute-Beutel, darauf „I  <3  Höxter“.

Ich gehe eine schmale Straße hinauf, entdecke einen Briefkasten in Eulenform, aus Bronze geschlagen. Kurz darauf ein Scheunentor mit Basketballkorb. Kurz darauf ein zweites Wandgemälde, diesmal ein Holztransport mit Leiterwagen, vorneweg ein Pferd, obenauf ein Mann mit Peitsche. Ich fotografiere, damit ich eine Gedankenstütze habe, wenn ich meine Notizen später ins Reine schreibe.

Mitten im historischen Ortskern, zwischen prächtigem Fachwerk und gedrungenen Scheunen, ein modernes Wohnhaus, bodentiefe Fenster, oben steht ein Kind, es winkt. Ich freue mich, freue mich wirklich, winke zurück. Dann gehe ich weiter. Plötzlich öffnet sich unten die Haustür, ein Mann steht in der Tür, er ruft mich beim Namen. Kurz darauf sitze ich am Küchentisch, er reicht mir ein Glas Wasser.

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Zwei: Totholzhaufen

In den Wald, immer tiefer, irgendwo bin ich falsch abgebogen und zu stur, um umzukehren, es wird schon gehen, irgendwie. Anfangs noch eine ganze Reihe von Symbolen und Kennziffern für verschiedene Wanderrouten, A20, A21, AW, Historischer Agrarwanderweg, Droste-Hülshoff-Rundweg, jetzt aber nichts mehr, die Bäume ohne Hinweisschild, ohne Pfeil und Entfernungsangabe, ohne Logo des Regionalmarketings, manchmal liegen umgeknickte Buchen und Eichen auf dem Trampelpfad, manchmal versinkt der Weg in Schlamm. Irgendwann breche ich durchs Unterholz, stehe am Rand einer Weide, dahinter geduckte Hügelketten, davor ein Holzverschlag mit Wellblechdach. Links eine kleine, verlassene Ansammlung von Fichten oder Tannen. Dann, in einiger Entfernung, wieder Wald, aber nicht sehr dicht, blaues Licht schimmert zwischen den Stämmen hindurch. Darüber Windräder in unregelmäßigem Abstand, aber immer weit genug, um sich nicht in die Quere zu kommen.

Ich folge der Baumgrenze, in den Wipfeln lärmen Vögel, als ich näherkomme, verstummen sie, schweigend fliegen sie auf, wechseln den Baum, dann geht es wieder los. Später das Gleiche noch einmal. Als hätten sie Interna zu besprechen.

In der Ferne ein Windrad mit doppelter Rotorzahl, ich staune, dann erkenne ich, es sind zwei, das eine vor dem anderen, wie eine Tanzchoreographie.

Einmal bleibe ich stehen, blicke zurück, sehe mir das Dorf an, wie es daliegt, eingefasst von braun und grün, über den Dächern eine niedrige Wolkendecke, ich beobachte, wie sie absinkt, sich zu Boden reckt, sich ergießt. Abseits hellt es auf.

Jetzt regnet es auch bei mir, sobald ich den Schirm aufspanne, hört es auf, ich packe ihn weg, dann fängt es wieder an.

Der Wald steht locker, manchmal hat er breite Schneisen davongetragen, mir fällt der Geruch von brennendem Kaminholz ein, der mir in die Nase stieg, als ich in Bellersen aus dem Bus getreten war. Anderswo schließt es sich schon wieder, struppiges Geäst, störrisch und bräunlich steht es da, von Moos unterfüttert, undurchdringlich auch für den, der eine Axt mitbrächte. Es wehrt sich.

Man sieht so viel. Es ist ein Problem. Weil ich immerzu stehen bleiben muss und tippen muss, dass mir die Finger frieren, ich sollte gehen, später schreiben, aber dem Kurzzeitgedächtnis ist nicht zu trauen.

Mitten im Gestrüpp: Schneeglöckchen. Sie lassen den Kopf hängen, schwächlich blicken sie zum Moos. Ich kann es ihnen nachfühlen, es ist kalt und feucht. Und hinter ihnen, tiefer noch, kleine Kolonien zwischen schmalen, blattlosen Bäumen.

Immer wieder Wege, die unscheinbar ins Abseits führen, sie locken mich, aber ich gehe weiter, will nicht verschwinden zwischen Totholzhaufen und Gesträuch.

Abseits eine Amsel. Sie warnt. Vor mir.

Irgendwo eine Motorsäge. Anderswo ein Specht. Alles arbeitet hier. Auch das Moos. Es klettert die Stämme hinauf, störrisch.

Seit Stunden kein Mensch, niemand, nirgends.

Überall Hochsitze, mir fällt auf, ich trage eine braune Jacke, gehe querfeldein, jetzt werde ich nervös. Ich mache auslandende Schritte, schlenkere mit den Armen, als könnte ich auf diese Weise weniger mit einem Hirsch verwechselt werden.

Plötzlich eine Lichtung abseits des Weges, ich trete ins Offene, in die Sonne, wo es warm ist, Baumstüpfe, weißlich emporquellende Pilze, das Gras kniehoch, dazwischen ein schmaler Pfad. Dann fällt die Wiese ab, ein Hang, irgendwo fliegt ein Greifvogel auf, ich störe schon wieder. Unsichtbar, aber hörbar, die Landstraße Richtung Bellersen. Wie komme ich dorthin? Ich gehe weiter, pötzlich das Logo des Historischen Agrarwanderwegs, dann eine Schautafel mit einer Karte der umliegenden Ländereien, unterteilt nach Eigentümern: Freiherr von der Borch, Graf von der Asseburg, Stadt Marienmünster, Stadt Brakel, Freiherr von Haxthausen, ich glaube, das ist Verwandtschaft von Droste-Hülshoff.

Den Hang hinunter, über die Landstraße, über den Bach, der Brucht heißt, jetzt dämmert es. Rechts eine matschige Piste, sie führt zurück in den Wald, ich würde gerne, aber bald ist es Nacht. Einmal ein Hochlandrind, grimmig guckt es über den Zaun, Augen verborgen unter brauner Zottelmähne. Dann eine Kläranlage. Dann das Ortsschild.

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Eins: Wendeplatz

Es ist schon spät, als ich meinen Koffer packe, ich stehe zu lange am Bücherregal, kann mich nicht entscheiden, am Ende vergesse ich den Droste-Hülshoff-Band, den ich auf jeden Fall mitnehmen wollte, er fällt mir erst am nächsten Morgen wieder ein, als ich schon zur Stadtbahn hetze. Stattdessen habe ich Frost von Thomas Bernhard eingepackt, ein Famulant reist im Auftrag seines vorgesetzten Assistenzarztes nach Weng, ein kleiner, düsterer Ort, so schildert es der Erzähler, die Menschen dort seien kleinwüchsig und schwachsinnig, die Wirtin macht ihm Avancen, die ihm sehr zuwider sind, der Maler, dem er nachspionieren soll, ist der Bruder des Assistenzarztes, er ist voller Hass, der Erzähler hilflos, hinter Wuppertal lege ich das Buch zur Seite, ich merke, es ist das falsche, jetzt gerade ist es das ganz falsche.

Ein ältlicher Mann setzt sich neben mich, er ächzt etwas und riecht, außerdem trägt er eigenartige Kopfhörer, sie sehen aus wie die Modelle, die man aus den Nachrichten kennt, wo sie am Kopf von Vladimir Putin klemmen oder an dem von Angela Merkel. Der Mann aber hat keine deutsch-russische Übersetzung im Ohr, vielmehr ein bassloses Scheppern, ich glaube Run DMC, er wippt mit dem Bein, ich sehe aus dem Fenster.

Dann eine Frau in Blazer und Bluse, sie isst ein komplex belegtes Brötchen, ich entdecke Ei, aber auch Frikadelle und Gurke. Als sie aufgegessen hat, wischt sie sich den Mund mit einer Serviette, kurz darauf ist sie eingeschlafen, hängt mit der Stirn an der Fensterscheibe, hinter der ein Waldrand vorüberzieht. Wiesen. Himmel. Häuser am Siedlungsrand. Einmal ein langes, hallenartiges Gebäude, daneben ein schmales Silo, vielleicht Futtermais oder Soja aus Brasilien. Die Bahn leert sich.

Altenbeken, Bad Driburg, die Frau schläft noch immer. Ich frage mich, ob ich sie wecken sollte. Hinter ihr dunkeln die Felder, sie atmet, als träumte sie. Die Ställe. Die Höfe. Manche verlassen, andere mit mehrstöckigen Anbauten. Die Dämmerung.

Am Brakeler Bahnhof eine Reihe von Bushaltestellen, an keiner ist Bellersen angeschrieben, gegenüber noch mehr Bushaltestellen, also gehe ich über den Zebrastreifen, zwei Kleinwägen müssen halten, einer links, einer rechts, beide von Opel, aber nur einer mit Duftbaum. Ein Bus mit geöffneter Tür, der Fahrer raucht aus dem Fenster, ich frage nach der 585, er sagt, von Nummern weiß ich nichts, wohin willste denn? Nach Bellersen, sage ich. Er nickt. Da fährste gleich mit mir, aber drüben einsteigen, hier darfste nicht. Danke, sage ich, ziehe meinen Koffer zurück über den Zebrastreifen, diesmal ein Mazda links, ein Audi rechts.

Ich bin der einzige Fahrgast, schaue hinaus. Drei Männer auf einem Parkplatz, gemeinsam starren sie auf das Heck eines BMW. Ich gucke auch hin, kann aber nichts entdecken. Dann Supermärkte. Ein Rossmann, der aussieht wie ein Edeka. Ein Rewe, der aussieht wie ein Aldi. Skulpturen vor der Sparkasse. Ein bisschen Fachwerk. Ein Skatepark, darauf kleine Kinder mit Fahrrädern und Tretrollern, keine Halbstarken in Baggypants, kein 50-50 an der Curbbox, kein Heelflip auf der Quarterpipe. Dann freies Feld. In der Ferne Kräne und Einfamilienhäuser, eine Scheune. Windräder.

Ein Wald. Ein Bach. Eine Weide. Im Gras steht das Wasser. Höfe, Scheunen, keine Menschen, manchmal ein Auto, das uns entgegenkommt. Strommasten. Verstreut stehende Neubauten mit Solarzellen auf dem Dach. Eine Rutsche.

Dann biegen wir ins Dorf, die Straße windet sich durch den Ort, die letzte Haltestelle heißt Wendeplatz, ich steige aus und tatsächlich, der Bus macht kehrt, lässt mich zurück.

Hohl klappert mein Koffer auf dem Pflaster. Schöne Fachwerkhäuser, beinahe imposant, eine schlichte Kirche, ich glaube romanisch, eine Porzellanwerkstatt, kurz darauf ein Altbau, die Fenster schmutzig, wildes Gestrüpp, das am Gemäuer emporkriecht. Am Ende des Dorfes wird es kühl, ein paar Kühe stehen auf der Weide, ratlos, als hätten sie vergessen, was sie zwischen Tümpel und Holzverschlag verloren haben. Dann finde ich die Straße, die ich mir notiert habe, die Rezeption ist geschlossen, aber ein Umschlag klebt an der Tür, ich löse das Tesa, finde meinen Schlüssel. Innen taste ich nach dem Schalter, mache Licht, trete ein. Leise ticken die Nachtspeicheröfen, ein kleiner Wlan-Repeater blinkt in der Wand.

Nichts. Gar nichts. Ich höre nichts. Es fühlt sich an wie Druck auf den Ohren. Dann tippe ich weiter. Die Tastatur klappert. Es hilft.

Am Morgen wache ich auf, tappse ins Bad, es ist kalt, ich fummle am Elektroheizkörper, aber er will nicht anspringen. Als ich mich gewaschen habe, mache ich Kaffee, sehe aus dem Fenster. Erst Schneeregen. Dann nieselt es, fein, fast unmerklich. Gerade setze ich mich an den Schreibtisch, da klopft es. Ich stehe auf, gehe zur Haustür, die aus Glas ist, ich kann niemanden sehen. Ich öffne, schaue nach links, nach rechts.

Den Vormittag verbringe ich am Romanmanuskript, dann bekomme ich Hunger. Ich ziehe mich an, Jacke, Schal, Mütze, draußen ist es kalt. Als ich die Haustür hinter mir ins Schloss ziehe, spüre ich es nasskalt in der Handfläche, es ist weiß und grünlich, auf dem Türknauf auch, ein Vogel muss seine Kloake darauf entleert haben. Ich gucke mich um, als könnte der Übeltäter noch irgendwo im Gebüsch sitzen, hämisch zwitschern, aber nur leere Sträucher um mich her. Keiner da.

Nachmittags bin ich zurück und müde, ich versuche zu lesen, schlafe aber ein, als ich aufwache, klopft es. Ich horche, schleiche zur Tür. Niemand.

Mehr von Yannic Han Biao Federer