Der Tod II

(Teil I)

Wir haben hier jedes Jahr etwa 20.000 Besucher. Jeder kann sich frei auf dem Gelände bewegen, abgesehen von den Räumen, wo die Verstorbenen anderer sind. Vor zwei Jahren haben wir die Menschen eingeladen, uns ihre schönsten Liebeslieder zu nennen. Wir bekommen immer Anfragen von Leuten, die Listen mit Beerdigungsliedern von uns möchten, ne? Aber wir haben lieber nach Liebesliedern gefragt, und die haben wir dann auch auf der großen Bühne gespielt.
Die Bühne steht auf unserem privaten Friedhof, das war der erste private Friedhof Deutschlands. Wegen uns hat das Land, nachdem es vor Gericht gegen uns verloren hat, das Gesetz geändert, so dass so etwas wie hier nie wieder passieren kann. Die einzige Regel ist nämlich, dass niemand ohne Namen bestattet wird. Ansonsten haben wir keine Tore und keine Öffnungszeiten, jede und jeder kann kommen – und zu dem Sommerkonzert waren zweieinhalb tausend Menschen hier. Vor der Bühne, hinter der Bühne, die haben sich mit Picknickdecken in den Wald gesetzt, und dann wurden die Liebeslieder von einer Coverband und einer Karnevalsgruppe gespielt. Da waren welche von Helene Fischer dabei, man kann sich natürlich streiten, ob das dann Liebeslieder sind, ne? Aber auch von den Blues Brothers, aus „Die Schöne und das Biest“, natürlich kölsche Klassiker, die Leute haben getanzt. Haben einen schönen Tag verbracht. Und wenn jemand aus dieser Stimmung heraus überlegen will: Wie soll es sein, wenn es für mich mal soweit ist? Dann kann man uns jederzeit ansprechen.

Das treibt wilde Blüten!

Aber wir können natürlich nur sprechenden Menschen helfen. Und müssen dann Wege finden, ihnen nahe zu kommen. So ein Bestatter kann sich das Leben ja auch super einfach machen. Indem er drei Fragen stellt:
1. Wollen Sie eine Feuer- oder Erdbestattung?
2. Welcher Friedhof?, und
3. Wollen Sie Gäste dabei?
Dann sucht man sich noch ein paar Sachen aus dem Katalog aus, kriegt einen Termin von der Friedhofsverwaltung vorgesetzt, die Kirche stellt den Pfarrer, zack, fertig. Im Heim sind sie froh, wenn sie das Zimmer direkt wieder belegt kriegen, da hab ich maximal drei Tage, um noch ein paar Sachen abzuholen, vom Arbeitgeber bekomm ich ohnehin nur einen bis zwei Tage Sonderurlaub, wenn jemand aus der Verwandschaft ersten Grades verstorben ist. Finden wir ganz großen Quatsch. Wenn Großeltern sterben, kriegen Enkel nicht mal mehr automatisch frei, weil sie ja nur Verwandschaft zweiten Grades sind, und speziell in der heutigen Zeit fragt manch einer, ob die Ehefrau eigentlich auch zählt, die sei ja nicht mal körperlich mit dem Ehemann verwandt. Das treibt wilde Blüten!
In den Großstädten wie Neuss oder Düsseldorf hat man fünfzehn Minuten für eine Trauerfeier in der Friedhofskapelle. Da wird das dann im Halbstundentakt arrangiert, damit der Bestatter siebeneinhalb Minuten zum Aufbau und zum Abbau hat, bis der nächste dran ist. Wenn diese Zeit überschriftten wird, kostet es eine weitere Friedhofshallengebühr, das sind 400 Euro, das überlegte man sich, glaube ich, in Neuss genau.

Wege auf dem freien Friedhof. Foto: (c) promo

Beten macht durstig

Deshalb sind wir lieber woanders, wo wir die Zeiten selbst bestimmen können. Deshalb liegt unser Fokus auch darauf, dass es den Menschen durch unsere Arbeit nicht schlechter geht. Sondern dass es ihnen gut gehen darf. Auch, wenn jemand verstorben ist. Wir waren schon in Theatern, im Rathaus, natürlich bei Leuten zuhause, eben an Orten, wo sich die jeweiligen Menschen wohl fühlen. Wo sie sonst Geburtstage feiern oder andere Feste, wo sie mitmachen können. Wir machen ihnen klar, dass sie etwas tun können, was sie gern tun würden, statt das „Was muss ich denn machen?“ im Kopf zu haben. Meiner Ansicht nach muss man nämlich so ziemlich gar nichts. Wir haben heute auch ein paar Trauerfeiern im Haus. Kann durchaus sein, dass da mal jemand schmunzelt oder lächelt oder ins Träumen gebracht wird. Hier soll man von Herzen lachen, von Herzen weinen können. Wir wollen klarmachen, dass es diese Gegenpole im Leben braucht. Und dass es an einem Ort wie unserem auch schön sein kann.
Übrigens blieben die Menschen im Bergischen früher auch noch bis nach der Beerdigung. Das waren dann sogar Feste. Auf dem Weg zur Kirche saß der Zylinder gerade, auf dem Rückweg schief. Mein Vater meinte, eine aktive Gemeinde erkennt man auch heute noch an den Gasthäusern um die Kirche, ne? Beten macht schließlich durstig.

Die würde mir den Vogel zeigen

Abschied nehmen? Halte ich für uneingeschränkt gut. Ist immer besser als dieses „Behalte jemanden so in Erinnerung, wie er gewesen ist“. Das ist ganz gruselig. Und wird problematisch. Wenn man mit der Erinnerung die Gegenwart verdrängt.
Dabei gibt es so viele Dinge, die mir der Tod nicht nehmen kann. Wenn man ihn begreift. Nur dann kann daraus etwas wachsen. Sonst ist da einfach Angst: Die Angst, wieder erinnert zu werden, Angst vor den Orten, an die man gern gemeinsam gegangen ist, vor dem Essen, den gemeinsamen Sachen, den Tagen, um die ich dann herum tapere. Angst macht uns ja nur, was wir nicht kennen, ne? Dunkelheit, Geräusche, die man nicht eindeutig zuordnen kann, Menschen aus der Ferne. Der Tod muss mir keine Angst machen. Ich darf ihn nur nicht mystifizieren.
Die wichtigsten Aspekte von dem, was wir tun, kann man gar nicht kaufen. Und wir können auch nur begleiten. Wir können Menschen Impulse geben, aus denen sie vielleicht etwas persönliches entwickeln. Die Tendenz der Leute ist erst einmal, total aufgeregt zu sein. Wir sagen ihnen, dass sie jetzt durchatmen können, dass sie sich jetzt nicht kümmern müssen, sich keine Sorgen machen müssen, dass ihre geliebte Person atmen kann oder Schmerzen hat, sondern dass sie sich jetzt erst einmal entlasten können von ihrer Sorge.
Aber wenn ich jetzt hier einer 90jährigen erzähle, sie müsse den Sarg ihres Mannes bemalen, weil das in den letzten Jahren en vogue wurde? Die würde mir den Vogel zeigen, rechtschaffenderweise. Aber die hat vielleicht irgendetwas anderes, was sie in dieser Situation am liebsten machen würde, und was sie sich nicht gleich traut, zu sagen. Ob man das Lied, zu dem die beiden das erste Mal getanzt haben, nicht auch in der Kirche spielen könnte? Oder sie würde ihm gerne noch einmal das kochen, worauf er sich jeden Donnerstag gefreut hat. Und ihm mit in den Sarg legen.

Trauerweide auf dem Bestattungsgelände. Foto: (c) promo

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Oh Lord, let me go, Gesänge aus dem Lockdown

Den Semmelsegen schaue ich mir auf dem Klo an. Mir hat vorher die Zeit gefehlt, mit Homeoffice, Homschooling, Homestipendium, Homeputzen, Homekochen, Homebacken, überhaupt all dem Home, rennt mir die Zeit weg, was sonst geteilt, oder Häppchenweise, vielleicht auch als feine Schnittchen meinen Alltag gliedert, schlägt nun voll rein, überlastet und überfordert mich. Also, Klo. Die Ratschen, der Turmbläser, mit fällt wieder das Kommentar ein, das ich irgendwann mal auf Twitter geliket und sogar geteilt habe, indem eine Mutter schrieb, dass sie, seitdem sie Kinder hat, kapiert, dass sie schneller scheißen kann, wenn jemand von außen gegen die Tür trommelt. Ein Witz, den wahrscheinlich nur Mütter verstehen, einfach die, die täglich parat stehen, die Care-Arbeit machen.

Jetzt aber ist es endlich mal ruhig, und ich höre dem Pfarrer zu, wie er seine einführenden Worte spricht und dann, allein in der Kirche, das Lied „Lobet den Herrn“ anstimmt. Er hatte mir vorher schon im Interview erzählt, dass ihm das besonders fehlen würde, die vielen Menschen, die sonst gemeinsam beim Semmelsegen dieses Lied laut anstimmen.

Die Musik hat Johann Sebastian Bach zu dem Lied von Joachim Neander kombiniert.

Als ich es höre, habe ich sofort das Bild meiner Mutter vor mir, die, neben mir stehend, das Lied singt, weil sie es so gut kennt, und weil ich in meinem Leben meistens, wenn ich in der Kirche, mit ihr zusammen war.

Jetzt im Corona-Lockdown, ist dies der Moment, an dem ich zu weinen anfange. Vielleicht, weil die Kantate von Bach so schön ist, vielleicht, weil ich an all die Momente denken muss, in denen ich Menschen gemeinsam habe singen höre und wenn viele Menschen laut zusammen singen, entsteht immer ein Gefühl von Gemeinschaft, aber ganz sicher, weil ich endlich hier raus will, nicht mehr eingesperrt weiterleben, wie eine Pflaume im Haus oder auf dem Klo sitzend, um mal ein klein wenige Ruhe zu bekommen, ich will endlich wieder mein Leben zurück haben. Das Gefühl individueller Entmachtung überrennt mich, ich möchte meine Existenz wieder irgendwie selbst bestimmen, wenn auch nur mit so einfachen Dingen, wie am Flussufer zu sitzen, Enten beim Baden zu zu sehen, mit Freunden im Wald zu spazieren, ein Konzert zu besuchen oder einfach auf einer Party zu tanzen. Ich will die Normalität zurück, über die Paolo Giordano in seinem Buch In Zeiten der Ansteckung schreibt. Selbst, wenn sie diffus ist und noch ungenau.

Aber jede Normalität ist weit weg, sie ist mir abhandengekommen wie eine Gleichung, an die ich mich plötzlich und unerwartet nicht mehr erinnern kann. Und ich bin sicher nicht die Einzige, der Pfarrer im Lifestream auf Youtube aus Attendorn, der gerade in einer von der Leere hallenden Kirche, allein mit sich und seinem Glauben einen Segen abhalten muss, wünscht sich mit Sicherheit auch in eine andere Normalität als diese zurück. Und noch bevor er den Semmel segnet, hält er eine kurze Rede:

Der Mensch lebt nicht vom Brot allein.

Damit zitiert er Jesus, der diese Worte nach vierzig Tagen in der Wüste zum Teufel gesagt hat und damit selbst aus dem Deuteronomium zitierte. Nicht nur Brot, sondern auch Nahrung fürs Herz.

Wir sitzen im Lockdown, unser Alltag ist heruntergefahren auf das, was als systemrelevant gilt, was wir zum Überleben brauchen. Aber das ist eben nicht nur unser tägliches Brot, das ist, in Wahrheit, so unendlich viel mehr. Dabei bin ich mit dem Pfarrer und seiner Rede völlig einig.

Als ich aus dem Badezimmer trete, heule ich aber nicht mehr, weil ich jetzt nun sehr fest hoffe, dass wir uns später, nach dem Lockdown, auch daran erinnern werden, dass wir nicht nur vom Materiellen allein leben, von Klopapier und Nudeltüten, sondern von soviel unendlich viel mehr, Herznahrung eben.

Ein Lied, das die Welt und auch Religionen verbindet, hier singt auch die Queen die Bach- Kantate in London.

 

Und damit ihr die Botschaft auch nicht vergesst, an dieser Stelle das Herznahrung- Lied dazu von Janis Joplin dazu, denn die großartigsten Sängerinnen hören niemals auf zu singen!

 

 

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