Zwischenruf: Schnipsel II

Auch die schönsten Regionenschreiberzeiten gehen einmal zuende. Und wenn man das Notizbuch kräftig schüttelt, fallen oft noch ein paar Krümel heraus. Die lassen sich dann mit leiser Wehmut sortieren. Letzte Plätze, letzte Sätze.

Wasserburg Haus Graven. Zwei kleine Kerle, die sich abgeseilt haben. Ihre Eltern trinken Bionade im Burgcafé, sie spielen an der Mauer Banküberfall. Der größere droht seinem Bruder, die Hand zur Pistole geformt: Gib mir 10.000 Euro! Der kleinere will schon in die Kasse greifen, als er den Notierenden sieht. Dann erstarren beide, blicken herüber, ob da einer den Raub verhindern will, oder schlimmer: Mit erwachsener Wirklichkeit pieksen in die Seifenblase Phantasie. Der Notierende schlägt einen Bogen. Da lädt der größere seine Pistole durch und zielt wieder: Aber ein bisschen plötzlich!

Wermelskirchen, Remscheider Straße. In der Kneipe sitzen sich zwei Männer gegenüber. Der eine trinkt Jägermeister und bestellt mit knappem Nicken beständig neue Runden. Vor dem anderen steht ein unberührtes Weizenbier. Das Bier leuchtet in der Abendsonne, doch seine Schaumkrone sackt langsam zusammen. Ein Schaumballen neigt sich dabei über den Glasrand und rutscht langsam das Gefäß hinab. Der Jägermeistertrinker verfolgt den Weg des Schaums bis zur Tischdecke, braucht ebenso lang, um wieder aufzusehen, und sagt zu seinem Gegenüber: Sch’glaub, dei’m Bier s’schlecht.

Bergisch-Gladbach. Alle Alpakas stolzieren auf der Weide umher und kauen Kamille. Nur das kleinste liegt abgewandt und blickt in die Ferne, als seien ihm die anderen peinlich. Als ein Futtertrog nahe des Stalls gefüllt wird, kommt Bewegung in die Herde: Grau, weiß, schwarz, und beige gescheckt, marschieren alle nach und nach hinüber. Nur das dünne Tier mit dem braunen Fell sieht weiterhin Richtung Horizont. Bis die Bäuerin über den Zaun steigt, es aufhebt und behutsam zur Futterstelle trägt. Im Vorbeigehen ruft sie: Es ist ganz lieb, ja, aber auch ganz furchtbar blind.

Kürten, Bergstraße. Die zwei Mädchen, die rauchend an der Ecke stehen und wild diskutieren – bis die eine einen 5-Euro-Schein aus dem Portemonnaie zieht und ihn der anderen hinhält. Die andere nimmt den Schein, kneift die Augen zusammen und reisst ihn mit spitzen Fingern entzwei. Sie hält die Hälften gegen das Licht und gibt sie zufrieden der einen zurück: Kannst du mit beiden zahlen, ich schwör.

Velbert, Haltestelle Schützenstraße. Die Bank ist lang und leer, doch der Alte setzt sich direkt neben den Notierenden. Fragt, ob man noch wüsste, wie ein Kuckuck klingt. Nein? Tja. Und ob man mal einen Zeisig gesehen habe? Zei-sig! Aha. Das habe es früher alles hier gegeben. Hier und hier und da auch. Und jetzt? Alles weg. Was man davon halte? Wie die Natur zugrunde gerichtet werde? Hallo? Er habe etwas gefragt! Das sei ja nun nicht zuviel verlangt, dass man antworte. Und man solle doch jetzt endlich das Ding abnehmen, diesen Mundschutz. Was studiere man überhaupt?

Burscheid, Am Markt. Die Straße kommen in dieser Reihenfolge entlanggefahren:
ein tiefergelegter Fiat Punto in hellblau, der neben dem Café auf Schrittgeschwindigkeit verlangsamt, durch die herabquietschende Scheibe einen Schwall Nikotin und Rasierwasser entlässt, sowie ein aufforderndes Gröhlen in Richtung der pikierten Kellnerin.
ein alter Mercedes, silbergrau, von Technobeats geschüttelt, so dass ihm alles offen steht, die Welt, die Fenster, der Mund des Fahrers, die Beifahrertür.
ein Fahrrad, grün, samt einem dünnen Mann im Anzug darauf, der die Herausforderung angenommen hat, würdevoll einen Helm mit aufgedruckten Delphinen zu tragen.
ein Bollerwagen mit zwei Mädchen darin, die ungläubig großäugig der Freiheit entgegenholpern.
ein bunt besprayter Golf GTI, auf dessen Kühlerhaube ein Plüschhase gefesselt wurde.

Erkrath, Neandertal. Der Vogel, der durch das Fenster hereinfliegt und durch das andere nicht wieder hinaus. Der stattdessen gegen die geschlossene Scheibe prallt, Federn lässt, sich mit großem Radau unter das Sofa flüchtet. Von dem der Notierende panisch aufspringt, aufgeschreckt umherhastet, die Fenster sperrangelweit aufreisst, sich schließlich ratlos in einer Ecke verschanzt. Bis der Vogel, als ihm die Gelegenheit günstig scheint, wieder unter dem Sofa hervorschießt, Beleidigungen zwitschert und durch das nunmehr offene Fenster türmt.

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Die Wurst

Ich seh hier noch ganz andere Dinge, dat kannste mal glauben. Aber da halt ich ja nicht drauf. Weil, dat is nicht meine Arbeit. Wat is meine Arbeit? Den Laden am Laufen halten, so einfach. Wenn ich eins, zwei fuffzig sind dat, eins gelernt hab, Servietten da vorne, also wenn ich eins, aber gerne, dann is dat: Von selber läuft der nicht.

Ach, ich mach dat schon ne Weile. Lass es mal fünf Jahre sein. Aber verändert? Wat glaubste. Da ist dat nicht die Brangsche für. Corona, na klar! Da hatt ich auch zu gehabt. Aber ist ja vorbei. Kannste mal gucken. Wie die sich benehmen. Na, alle: Kein Mundschutz, kein Abstand, nix! Wie sagt man? Der Mensch ist vom Menschen der Wolf.

Stammgäste? Klar, gibbet. Aber warum kommen die? Weil du hier deine Ruhe hast. Is dat mitten in der Stadt? Na sicher. Is dat New York hier? Nee. Aber trotzdem wat los. Glaub mir mal. Und deshalb machen wir drinnen entspannt. Heiß und fettig, aber lässig. Sag ich jetzt so.

Mich kannste zitieren. Zwei siebzig sind dat! Aber lass mir die Leute in Ruh. Ich habe zu danken! Weil, die kommen ja, damit denen hier keiner. Ich sag mal: auf den Keks. Ob die mal wat erzählen? Sicher doch. Wenn du weg bist. Da bin ich auch mal Therapeut. Psychologe. Ich steh hier zwar am Grill. Aber oft näher dran als die Ehefrau.

Obwohl die eh nicht mehr dran ist. Dat is ja dat Problem. Bei den meisten. Wenn du verstehst. Tuste aber nicht. Biste noch zu jung für. Willste eine? Wieso? Und die? Jetzt sag nicht, du bist Vegetarier.

Jedenfalls. Wenn du wat wissen willst? Dat geht nicht so aus dem Stehgreif. Musst dich schon mit mir hinstellen, nen Tag oder zwei. Dann kannste dein Buch schreiben. Allein schon, wat hier alles ankommt! Lokalpolitik. Promis auch. Der Bürgermeister war da. Und die jungen Leute. Außer die Moslems. Obwohl, die auch. Aber nur nachts. War neulich einer da. Sagt der: Ich darfs niemand erzählen! Und so mit der Faust. Und ich: Junge, wem soll ich dat denn? Den Krakauern hier oder wat?

Geöffnet täglich von elf bis um zehn. Zwei Lange mit Senf, kommt sofort. Sonntags bis fünf. Und glaub mal, dat hier in der Früh schon Leute stehen. Der eine will Bierchen zischen. Der andere schon mal Pommes Schranke. Dauert aber ein Momentchen, bis dat Friteuse läuft. Hatte auch mal einen da, dem war es zu langsam. Der wollte Currywurst. Und ich: Ketchup geholt, aus dem Lager. Wenn ich wiederkomm, zählt der mir Scheine aufn Tisch. Zack, zack, zack. Wieviel willste. Ich kauf den Laden. Ich räum den auf. Sag ich, kannste knicken, ich sag: Zahl deine Wurst und dann Abmarsch. Weil, dat geht ja nicht. Weil, bin ja auch nur zur Miete.

Wat, Frauen? Dat nun nich. Oder wenig. Hin und wieder mal. Senf steht da vorne! Wurst ist Männersache. Aber du. Da kannste mit dem Kollegen sprechen, der hat die Bude beim Dings. Beim Industriegebiet. Und da ist auch. Ich sag mal: Gewerbe. Aber musste wissen. Der verkauft keine müde Thüringer, weil sowat können die Damen nicht mehr sehen. Der macht seinen Umsatz mit Schnappes. Sagt er.

Dat ist dat wahre Leben. Da weißte aber nix von. Vielleicht haste Glück. Dann kommt Omma nachher noch vorbei. Nicht meine Omma. Die heißt nur so. Die hat wat zu erzählen. Jeden Tag um eins dreißig steht die da. Bockwurst mit Brot.

Bis die irgendwann mal nicht mehr da war. Da hab ich gedacht: Jetzt ist sie hinüber. Und dann seh ich die ne Woche später da vorn den Gehweg runterwackeln. Ich sag, Omma, sag ich, Omma, wat is? Keine Bockwurst heute? Sagt die: Nee, dat schmeckt mir nicht mehr. Aber auf so ne Art. So ne Art, dat ich schon gemerkt hab.

Jetzt kriegt sie die Bockwurst umsonst. Und steht wieder da. Eins dreißig. Jeden Tag.

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Zwischenruf: Bergische Limericks II

Weil Regionenschreiber zuweilen erneut auf Rückmeldung von Gesprächspartnern warten, gar mit Schreibaufträgen bedacht wurden oder sich Monheim schlicht so gut auf Wohnheim reimt, folgt hier die zweite Fuhre Bergischer Limericks, die sich nicht mehr so eng an das rhythmische Schema hält wie die erste (dem infantilen Grundton bleibt sie indes unverbrüchlich treu).

 

Auf Bergischen Stutengestüten
da spuken die Geister von Gruiten
erschrecken die Pferde
verwirren die Herde
es sind halt echte Knalltüten.

/

Für M. Storch:

Was die Langenfelder Welt
im Innersten zusammenhält
ist ohne Frage
des Städtchens Lage
(weil diese Langenfeldern gefällt)

/

Ein Koch kochte einst eiligen Schmaus
doch der ward den seinigen ein Graus
da schmiss er den Löffel
unter den Scheffel
und entspannt seitdem in Heiligenhaus

/

Für Cordula:

In Velbert aus dem Vollen schöpfen
und volle Kanne Velbert schröpfen
gelingt mit Geschick
und etwas Glück
den Velberter Finanzfachköpfen

/

Willst du Dichter werden in Monheim
und lebst aber lang schon im Wohnheim
weil Zähne dir fehlen
und Knie dich quälen
probier’s lieber mal mit ´nem Schonreim

/

Für Martina:

Mit fiepsigem Stimmchen wohl klingen
und bebendem Barthaar schön singen
das kann famos
(schier tadellos)
der Mäusechor von Solingen

/

Wanderer, kommst du nach Haan
dann hast du vermutlich keinen Plan
drum liegt deines Wegs
ein köstlicher Keks
aus Granit (der ruiniert dir auch noch den Zahn)

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Zwischenruf: Schnipsel

Als Regionenschreiber ist man ja oft auf der Jagd. Nach DEM Satz, der wirklich etwas von der Umgebung erzählt, DEM Moment, in dem Menschen etwas offenbaren. Die Jagd macht müde. Deshalb setzt man sich. Und wenn man dann sitzt, ereignen sich Satz oder Moment manchmal völlig unvermittelt. Viel öfter noch ereignet sich gar nichts. Und am häufigsten ein Weder-Noch, das erstaunlich dringend aufgeschrieben sein will. Verstreute Notizen.

Blecher, Talweg. Zwei Jungs in Jeansjacken, die mit Fingern auf das staubige Fenster eines verlassenen Hauses malen. Sie kichern sich zu, der eine vollendet sein Werk mit gekünsteltem Schwung, während der andere ihn vor Aufregung zu boxen beginnt: Schnell, mach schnell! Ihre Gelfrisuren glitzern in der Sonne, endlich ist der größere fertig, sie sprinten los, noch im Rennen platzt Gelächter aus ihnen, ein Kieselstein springt ins Gebüsch. Auf dem staubigen Fenster ein Herz, darin steht: Anna + Nils.

Solingen, Hügelstraße. Die Katze, die den Notierenden mustert, gemessen an ihm vorbeischreitet, noch den Kopf dreht, als sie fast schon an der nächsten Ecke ist, als bliebe sie zu gern auf ein Schwätzchen, würde aber leider dringend andernorts gebraucht.

Remscheid, Am Bahnhof. Vor dem Schaufenster sprechen zwei Mädchen über die darin ausgestellten Handyhüllen. Sie zeigen auf einzelne und lachen schrill und sind sich einig, dass sie süß oder fake oder voll eklig sind. Ein junger Mann tritt aus dem Laden und beschäftigt sich abschätzig mit seiner Zigarette. Er raucht ein paar Züge, die Mädchen mustern ihn. Als er fast fertig geraucht hat, geht er kurz ins Geschäft und kommt mit einer der Handyhüllen aus dem Schaufenster wieder. Er geht zu dem linken der beiden, die etwas längere, glatt-glänzende Haare hat, und sagt: Schenk ich dir. Das Mädchen sieht auf das Produkt hinab, ein Gummilappen mit Flausch, dann sieht es die Freundin an, mit Wimpern, so schwarz und lang, als könnten sie Entschuldigungen zufächeln. Sie fächelt, flüstert fast: Ey, ich hasse die Farbe.

Hochdahl, Hildener Straße. Der BMW, goldbraun, fabrikneuer Glanz, der an den Straßenrand rangiert, als handele es sich um eine denkbar knappe Parklücke (obwohl weit und breit kein anderes Auto steht). Der Mann, der aussteigt und sich Staub von der Kleidung wedelt, er wedelt an sich hinunter, hinauf, noch einmal hinab. Kein Körnchen zu sehen. Dann schließt er die Tür, worauf der Kofferraum aufgleitet, welchem er eine Yogamatte entnimmt. Der Kofferraum gleitet wieder zu, und nach beiden Seiten winkend gehen Mann und Matte ab.

Mettmann, Jubiläumsplatz. Auf der Bank einer Bushaltestelle ein junger Mann mit raspelkurzen Haaren, daneben ein hagerer alter mit ballonseidenem Trainingsanzug. Der junge erzählt, dass er nicht mehr jeden Tag Bier trinken könne, am Jubi, dass er auch mit dem Scheiß aufhören müsse, dass er die Bude aufgeräumt habe, dass die Sachbearbeiterin ihm ein Merkblatt mitgegeben habe, ein Merkblatt, sagt er, an das er sich halte. Er spricht von Perspektive und dass er diesmal durchziehen wolle, er wiederholt, durchziehen, er fügt hinzu, er habe jetzt ein paar Jahre die Zügel schleifen lassen, aber das sei nicht das Ende der Welt. Der alte trinkt Bier und nickt und trinkt und raucht und trinkt und nickt und unterbricht und fragt: Haste noch eins?

Odenthal, Johann-Heck-Straße. Ein Mann mit karierten Hosen stampft aus der Tür. Er blickt um sich, dann läuft er auf einen Wagen zu, packt den Griff, rupft aus dem Inneren ein Päckchen Zigaretten. Er steckt sich eine an, pafft drei Züge, hält dann die Luft an und blickt in den Himmel. Als er den Rauch wieder auspustet, ist kaum mehr etwas davon zu erkennen, als hätten sich die Schwaden in seinem Inneren abgesetzt. Zufrieden hustet er zweimal.

Grund, Grunder Schulweg. Eine Frau mit metallisch gewellter Frisur beugt sich über ein Hochbeet voller Salatköpfe. Mit einem Schäufelchen stochert sie vorsichtig große Radien um die Pflanzen herum. Dabei spricht sie in beruhigendem Ton auf die Blätter hernieder, als müsste sie Pferde bändigen, zärtlich reibt sie einen Lollo rosso zwischen den Fingern. Als sie den Beobachter bemerkt, hält sie die Luft an, dreht dann ruckartig den Kopf und führt ihr Gespräch fort wie nach unterbrochener Verbindung.

Mettmann, Goldberger Mühle. Zwei Gestalten waten ans Ufer des Bachs durch den zähen Moorschlamm Routine. Sie sind mit Fremdheit aneinander gebunden, wie das nur Vater und Sohn gelingt. Der Vater trägt Latzhose und einen Pullover mit greller Aufschrift, der Sohn Baseballkappe und darunter fettiges Haar. Am Rand des Wassers angekommen, zücken sie Angelruten und entfernen sich voneinander. Eine Gruppe Enten gleitet tuschelnd davon. Der Sohn wirft die Angel aus, lässt sie zurücksurren, sein Blick milchig vor Pubertät. Wenn der Vater ihm etwas zuruft, unverständliche Silben, dreht er sich mit einer Schwere um, in der Verzweiflung über die Existenz des Elternteils aufglimmt, sie scheint ihm selbst vor dem Beobachter peinlich zu sein. So angeln sie beide eine halbe Stunde lang, gehen ein paar Schritte hin, ein paar her, achten darauf, einander niemals zu nahe zu kommen, keiner fängt einen Fisch. Dann nickt der Vater dem Wasser zu. Er tritt den Rückzug an, der Sohn folgt ihm, ihre Ruten tragen sie auf der Schulter. Die Enten haben sich in der Mitte des Bachs versammelt, das Schnattern eingestellt, sie blicken den beiden staunend hinterher.

Erkrath, Neandertal. Wie ich das Handy an den Computer anschließe, um rasch ein paar Bilder von meinen Ausflügen auf die Festplatte zu ziehen. Wie es mir entgleitet, zwischen die Sofakissen rutscht und auf dem Boden aufschlägt. Wie ich es an seinem Ladekabel vorsichtig wieder aus dem vergessenen Reich unter dem Polstermöbel hervor bugsiere, vorbei an Beinen, über Teppichkanten hinweg. Wie ich es schließlich hervorziehe und mich das Display anblinkt, staubig und staunend wie ein erwachtes Kind.

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Der Autor

Ah, Autor? Wat für Autos machense denn? Kleiner Scherz. So, jetzt hier mal Schuhe aus, und Kleingeld aus den Hosentaschen. Rest könnense anbehalten. Ich leg jetzt einmal die Nadel, dann haben wir nachher keinen Stress. Weil, wennse dann auf dem Bauch liegen, dann komm ich nit mehr gut ran. Und wenn dann der Doktor sagt, man sieht nix, wir brauchen Kontrastmittel? Ja, dann stehenwa da.
Welcher Arm isset denn? Der linke? Schreibense mit dem? Na, dann brauchense den doch gar nit.
Ja, dat is mir schon klar: Ein Autor schreibt. Gebense mir mal den anderen. Da pieksen wir. Wo tut’s überhaupt weh? Außen? Da?
Brauchense keine Sorgen haben. Mit dem Ding hier findenwa alles. Dat läuft mit 1,3 Tesla. Gibt schon welche, die laufen mit 7. Dat is aber dann eher für Gewebe. Wir wollen ja auf den Knochen raus.
Wat sindse denn jetzt so blass? Mögense keine Nadeln?
Autor also, so so so. Krimi wahrscheinlich! Oder Fantasy? Les ich ja alles nit. Ich les nur Science-Fiction. Kennense dat? Aber nit so nen Asimov-Scheiß.
Entschuldigung.
Aber hab ich ein Mal probiert. Mach ich nit nochmal. Ich les richtige Science-Fiction. Philip K. Dick. Kennense den? DAT is ein Schriftsteller.
Legense sich mal hier hin. Genau. Und nit erschrecken. Ich zieh jetzt mal an ihnen. Hau ruck!
Da habense sich ja doch erschreckt.
Philip K. Dick also. Dat K steht für Gefahr, sag ich immer. Wennse mal schreiben können wie der, dann würd ich auch wat von ihnen lesen. Aber wennse aus Köln kommen, dann müsstense doch eigentlich singen, oder? Hab ich so dat Gefühl. In Köln singen immer alle. Kommen doch alle Bands da her. Is bestimmt wegen Karneval. Haben wir hier natürlich auch, Karneval. Aber nit so. Nit so.
Und wie gefällt es ihnen auf dem Land? Is mal wat anderes, oder? Klar, muss man mögen. Aber die Stille, sag ich immer. Die Stille!
Philip K. Dick also. Und Harry Potter. Dat les ich auch noch. Obwohl das kein Science-Fiction is. Wat hab ich immer gesagt: Geh mir weg mit dem Scheiß.
Entschuldigung.
Aber geh mir weg. Und dann hat mir das trotzdem mal eine angeschleppt. Band drei. Der lag dann da. Und nur Fernsehen is ja auch nix, sag ich immer.
Jetzt nit mehr bewegen, bitte. Geht ja auch gar nit. Den haben wir gut eingepackt, wa? Den Arm.
Und dann hab ich dat gelesen, Harry Potter. Und soll ich ihnen mal wat sagen? DAT hat Substanz. Hier, mit diesen, wie heißen die. Mit diesen Dementoren. Sowat kann man nitt schreiben, wenn man dat nit erlebt hat. Also, nit jetzt das Zaubern und so, schon klar. Aber die sind ja, also, dat is ein Symbol, ich sag mal, dat geht schon eindeutig so in Richtung: Depression.
Ich mach ihnen jetzt noch die Kopfhörer auf. Dat is, weils gleich ein bisschen laut wird da drin. Aber da müssense sich auch keine Sorgen machen. Wennse mal auf einem Höhner-Konzert waren. Dat is dat gleiche. Habense gehört? HABENSE GEHÖRT? Kleiner Scherz.
Wat schauense denn? Sindse nervös?
Ich geb ihnen gleich mal hier dat Bällchen. Da könnense drücken. Wenn wat is.
Ich bin ganz in der Nähe.

So! Dat waret schon. War nit so schlimm, oder? Kommense mal her, stehense mal vorsichtig auf. Kontrastmittel habenwa nit gebraucht. Wennse mich fragen, is dat eh nur eine Sehnenscheidenentzündung. Da hat der Arzt nur nit richtig hingesehen. Kommt vor, kommt vor. Is leider so.
Ich würd ihnen gerade mal noch die Nadel rausmachen. Schön drücken. Dat gibt nen blauen Fleck. Aber dat kommt an bei den Damen, dat sag ich ihnen. Besser als dat mit dem Geschreibsel, wa? War nämlich bei Philip K. Dick auch immer dat Problem. Wennse mich fragen. Deswegen hat der sich auch den Schädel weggekloppt mit Drogen aller Art. Na, fürs Schreiben waret gut. Aber glücklich geworden is der auch nit. Dat machense hoffentlich besser. Ich würd mich freuen, wenn ich mal wat lese von ihnen. Werdense mal berühmt!
Wat schwitzense denn so?
Is doch vorbei jetzt.

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Der Tod III

(Teil I)
(Teil II)

Wir übernehmen Verantwortung für das, was wir tun. Und ich hab bisher noch nicht erlebt, dass wir dafür Ärger bekommen hätten. Wir machen den Menschen, die zu uns kommen, klar, dass der Prozess nicht einfach nur ein Abhaken von Punkten ist. Das geht schon damit los, dass der Verstorbene nicht sofort abgeholt werden muss. Wir glauben, dass jeder Ort immer nur der zweitbeste Ort gegenüber dem Zuhause sein kann. Räumen, mit denen ich vertraut bin, in denen ich alles habe, in denen ich mich heimisch fühle. Wir sprechen auch immer davon, der Trauer eine Heimat zu geben.
Wichtig ist: Man kann nichts falsch machen. Alles, was wir tun, haben Menschen in den letzten Millionen Jahren auch ganz gut ohne Bestattungsservice hingekriegt. Es geht darum, wieder vertraut zu sein mit der Materie. Deswegen ist es schwierig, dass manch ein Bestatter sofort sagt: Wir kommen gleich und holen den weg. Gesetzlich hat man hier 36 Stunden, kein Landesgesetz erlaubt mehr als 48, aber unserer Meinung nach können nur die Menschen, die jemanden verloren haben, uns sagen, wann sie soweit sind. Wann sie denjenigen weggeben können.
Wenn das bei jemandem drei Wochen dauert, dann dauert das eben drei Wochen. Dafür kriegt man von keinem Amtsarzt eine Genehmigung, aber es gibt auch genügend Fälle, in denen so etwas offiziell geduldet wurde. Bei unserem Altkanzler Kohl beispielsweise, als dessen Kinder Abschied nehmen wollten, hat es ja ein paar Anläufe gebraucht. Und als es dann klappte, war das vier Tage nach seinem Tod. Wenn jemand nicht eine ganz schlimm ansteckende Krankheit wie Ebola oder Milzbrand hatte, kann da nichts passieren. Und selbst dann herze ich meinen Verstorbenen vielleicht nicht, küsse ihn nicht mehr, aber ich kann ihn trotzdem sehen und berühren, wenn ich mich normal verhalte.

Leichengift ist ein Großstadtmythos

Dieses Leichengift jedenfalls? Ist ein Großstadtmythos. Klar, man sieht auch, wie der Verstorbene sich verändert. Aber nicht, wie das bei CSI, Bones, Walking Dead oder ähnlichen Sendungen ist, wo es vor allem auf gruselige Szenen ankommt. Ich denke an eine Familie aus dem Kreis Mettmann, die haben ihren Vater geschmückt, als der im Sommer gestorben ist. Blumen aus dem Garten geholt, ihn auf einen Tatami gelegt, tolle Bilder gemacht. So hatten sie ihn noch eine Weile da.
Da glauben wir an den Ausspruch unseres Vaters, dass der Tod Lehrmeister zum bürgerlichen Ungehorsam ist. Na, vielleicht ist das auch nicht von ihm, vielleicht hat er sich da beeinflussen lassen. Von Thoreau oder so. Wenn jedenfalls jemand das Gefühl hat, er oder sie braucht Hilfe, kommen wir direkt hinzu. Versorgen noch mal, auch gern mitten in der Nacht, wir kühlen. Wobei wir kein Freund von Einbalsamierungen oder Nähen sind. Wir versuchen auch, nicht zu schminken. Ein Toter soll nicht aussehen, als ob er gerade vom Strand von Ibiza käme.

Bepflanzung im Bestattungshaus. Foto: (c) promo

Nie wieder Frühstücksei

Ich? Ich habe einen Abschluss in BWL. Konnte noch ein bisschen Psychologie studieren, und ich habe eine Ausbildung als Trauerbegleiter, als Myroagoge. Dabei lernt man auch, dass man ein Stück weit wissen muss, was die eigenen Gefühle sind, damit man die anderer zulassen kann. Und sich abgrenzen kann. Ich habe immer gehört, dass unser Vorgänger hier die traurigste Person auf dem Friedhof war, ne? Und ich kenne auch viele Beispiele, bei denen der Bestatter seine Klienten, wir sagen lieber: Gäste, in den Arm genommen hat. Das geht nicht.
Heißt natürlich nicht, dass man nicht nah mit ihnen sein kann, dass da nicht auch eine Beziehung oder gar bleibende Freundschaft entsteht. Doch eben um diese Balance zu halten, denken wir, dass es eine Ausbildung braucht. Zugleich war unser großer Schatz immer, dass wir hier viele Seiteneinsteiger haben. Die kommen aus ganz anderen Bereichen. Wir schicken auch unsere Auszubildenden an tausend andere Orte, wo sie ihren Horizont weiten sollen. 
Ich zum Beispiel habe auch lange im Hotel gearbeitet, als Page. Ich hatte nie so viel Geld frei zur Verfügung wie als Page im Grand Hotel Schloss Bensberg. Doch, das war ganz gut! Und ich habe großen Respekt vor Service seitdem, ich will nie wieder jemandem ein Frühstücksei anbieten müssen. Aber an der Rezeption ging es immer um Gastlichkeit. Und darum geht es bei uns ja auch.

Friedhof am Supermarkt

Es gibt aber natürlich auch viele Unterschiede. Das, was wir hier machen, ist kein Angebot, das ich aus einem Katalog machen kann, ne? Das setzt auch voraus, dass wir das leben. Dass es hier nicht von acht bis fünf geht, sondern dass man ansprechbar ist, bereit ist, auch Sachen, die vorher nicht definiert werden können, mit Menschen anzugehen. Und nicht zu gucken: Oh, das haben wir jetzt aber gar nicht im Leistungsverzeichnis, schade. Und wir denken hier weiter. Neulich durfte ich zum Beispiel auf einer Konferenz sprechen, wo es auch darum ging, ob Friedhöfe überhaupt noch irgendeinen Sinn haben. Oder ob man sie alle zumachen sollte. Alle Friedhöfe haben heutzutage das Problem, dass sie gleich aussehen, dass sie zu viele Regeln haben, sie haben auch ganz große Leerbestände, die müssten alle defragmentiert werden, wie man jetzt sagt. Sind mal als große Gebiete angelegt worden, nach der französischen Besetzung durch Napoleon, nachdem man die Friedhöfe also nicht mehr direkt um die Kirche im Ort hatte. Aber eigentlich müsste der Friedhof heute am Rathausplatz sein, oder am Supermarkt, ne? Mitten in der Gesellschaft.

Wedding Planner? Stelle ich mir gruselig vor

Und zugleich darf das Bestattungswesen nie noch mehr werden wie eine Art Reisebüro. Das nimmt heute schon überhand. Wir empfinden es teilweise tatsächlich wie modernen Ablasshandel, dieses Aussuchen von Särgen – da legt man dann für die Zeit, die man vielleicht nicht mit dem Angehörigen verbracht hat, noch ein bisschen was drauf, da soll dann plötzlich alle perfekt sein. Nee. Da lasse ich mich doch lieber auf die persönliche Erfahrung ein, da begegne ich dem, was mich da erwartet, und mache mich davon frei, dass hier irgendwas perfekt sein muss. Ich kann mir keinen schöneren Job vorstellen.
Und wissen Sie, welchen ich niemals machen wollen würde? Wedding Planner. Mit allem darauf hin arbeiten, dass es dieser eine beste Tag des Lebens wird, und selbst wenn’s klappt, kann es danach nur noch schlechter werden … Also, das stelle ich mir ganz gruselig vor.

Kunstwerk im Bestattungshaus. Das goldene Band verbildlicht einen typischen Lebensweg. Foto: (c) promo

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