Der Tod II

(Teil I)

Wir haben hier jedes Jahr etwa 20.000 Besucher. Jeder kann sich frei auf dem Gelände bewegen, abgesehen von den Räumen, wo die Verstorbenen anderer sind. Vor zwei Jahren haben wir die Menschen eingeladen, uns ihre schönsten Liebeslieder zu nennen. Wir bekommen immer Anfragen von Leuten, die Listen mit Beerdigungsliedern von uns möchten, ne? Aber wir haben lieber nach Liebesliedern gefragt, und die haben wir dann auch auf der großen Bühne gespielt.
Die Bühne steht auf unserem privaten Friedhof, das war der erste private Friedhof Deutschlands. Wegen uns hat das Land, nachdem es vor Gericht gegen uns verloren hat, das Gesetz geändert, so dass so etwas wie hier nie wieder passieren kann. Die einzige Regel ist nämlich, dass niemand ohne Namen bestattet wird. Ansonsten haben wir keine Tore und keine Öffnungszeiten, jede und jeder kann kommen – und zu dem Sommerkonzert waren zweieinhalb tausend Menschen hier. Vor der Bühne, hinter der Bühne, die haben sich mit Picknickdecken in den Wald gesetzt, und dann wurden die Liebeslieder von einer Coverband und einer Karnevalsgruppe gespielt. Da waren welche von Helene Fischer dabei, man kann sich natürlich streiten, ob das dann Liebeslieder sind, ne? Aber auch von den Blues Brothers, aus „Die Schöne und das Biest“, natürlich kölsche Klassiker, die Leute haben getanzt. Haben einen schönen Tag verbracht. Und wenn jemand aus dieser Stimmung heraus überlegen will: Wie soll es sein, wenn es für mich mal soweit ist? Dann kann man uns jederzeit ansprechen.

Das treibt wilde Blüten!

Aber wir können natürlich nur sprechenden Menschen helfen. Und müssen dann Wege finden, ihnen nahe zu kommen. So ein Bestatter kann sich das Leben ja auch super einfach machen. Indem er drei Fragen stellt:
1. Wollen Sie eine Feuer- oder Erdbestattung?
2. Welcher Friedhof?, und
3. Wollen Sie Gäste dabei?
Dann sucht man sich noch ein paar Sachen aus dem Katalog aus, kriegt einen Termin von der Friedhofsverwaltung vorgesetzt, die Kirche stellt den Pfarrer, zack, fertig. Im Heim sind sie froh, wenn sie das Zimmer direkt wieder belegt kriegen, da hab ich maximal drei Tage, um noch ein paar Sachen abzuholen, vom Arbeitgeber bekomm ich ohnehin nur einen bis zwei Tage Sonderurlaub, wenn jemand aus der Verwandschaft ersten Grades verstorben ist. Finden wir ganz großen Quatsch. Wenn Großeltern sterben, kriegen Enkel nicht mal mehr automatisch frei, weil sie ja nur Verwandschaft zweiten Grades sind, und speziell in der heutigen Zeit fragt manch einer, ob die Ehefrau eigentlich auch zählt, die sei ja nicht mal körperlich mit dem Ehemann verwandt. Das treibt wilde Blüten!
In den Großstädten wie Neuss oder Düsseldorf hat man fünfzehn Minuten für eine Trauerfeier in der Friedhofskapelle. Da wird das dann im Halbstundentakt arrangiert, damit der Bestatter siebeneinhalb Minuten zum Aufbau und zum Abbau hat, bis der nächste dran ist. Wenn diese Zeit überschriftten wird, kostet es eine weitere Friedhofshallengebühr, das sind 400 Euro, das überlegte man sich, glaube ich, in Neuss genau.

Wege auf dem freien Friedhof. Foto: (c) promo

Beten macht durstig

Deshalb sind wir lieber woanders, wo wir die Zeiten selbst bestimmen können. Deshalb liegt unser Fokus auch darauf, dass es den Menschen durch unsere Arbeit nicht schlechter geht. Sondern dass es ihnen gut gehen darf. Auch, wenn jemand verstorben ist. Wir waren schon in Theatern, im Rathaus, natürlich bei Leuten zuhause, eben an Orten, wo sich die jeweiligen Menschen wohl fühlen. Wo sie sonst Geburtstage feiern oder andere Feste, wo sie mitmachen können. Wir machen ihnen klar, dass sie etwas tun können, was sie gern tun würden, statt das „Was muss ich denn machen?“ im Kopf zu haben. Meiner Ansicht nach muss man nämlich so ziemlich gar nichts. Wir haben heute auch ein paar Trauerfeiern im Haus. Kann durchaus sein, dass da mal jemand schmunzelt oder lächelt oder ins Träumen gebracht wird. Hier soll man von Herzen lachen, von Herzen weinen können. Wir wollen klarmachen, dass es diese Gegenpole im Leben braucht. Und dass es an einem Ort wie unserem auch schön sein kann.
Übrigens blieben die Menschen im Bergischen früher auch noch bis nach der Beerdigung. Das waren dann sogar Feste. Auf dem Weg zur Kirche saß der Zylinder gerade, auf dem Rückweg schief. Mein Vater meinte, eine aktive Gemeinde erkennt man auch heute noch an den Gasthäusern um die Kirche, ne? Beten macht schließlich durstig.

Die würde mir den Vogel zeigen

Abschied nehmen? Halte ich für uneingeschränkt gut. Ist immer besser als dieses „Behalte jemanden so in Erinnerung, wie er gewesen ist“. Das ist ganz gruselig. Und wird problematisch. Wenn man mit der Erinnerung die Gegenwart verdrängt.
Dabei gibt es so viele Dinge, die mir der Tod nicht nehmen kann. Wenn man ihn begreift. Nur dann kann daraus etwas wachsen. Sonst ist da einfach Angst: Die Angst, wieder erinnert zu werden, Angst vor den Orten, an die man gern gemeinsam gegangen ist, vor dem Essen, den gemeinsamen Sachen, den Tagen, um die ich dann herum tapere. Angst macht uns ja nur, was wir nicht kennen, ne? Dunkelheit, Geräusche, die man nicht eindeutig zuordnen kann, Menschen aus der Ferne. Der Tod muss mir keine Angst machen. Ich darf ihn nur nicht mystifizieren.
Die wichtigsten Aspekte von dem, was wir tun, kann man gar nicht kaufen. Und wir können auch nur begleiten. Wir können Menschen Impulse geben, aus denen sie vielleicht etwas persönliches entwickeln. Die Tendenz der Leute ist erst einmal, total aufgeregt zu sein. Wir sagen ihnen, dass sie jetzt durchatmen können, dass sie sich jetzt nicht kümmern müssen, sich keine Sorgen machen müssen, dass ihre geliebte Person atmen kann oder Schmerzen hat, sondern dass sie sich jetzt erst einmal entlasten können von ihrer Sorge.
Aber wenn ich jetzt hier einer 90jährigen erzähle, sie müsse den Sarg ihres Mannes bemalen, weil das in den letzten Jahren en vogue wurde? Die würde mir den Vogel zeigen, rechtschaffenderweise. Aber die hat vielleicht irgendetwas anderes, was sie in dieser Situation am liebsten machen würde, und was sie sich nicht gleich traut, zu sagen. Ob man das Lied, zu dem die beiden das erste Mal getanzt haben, nicht auch in der Kirche spielen könnte? Oder sie würde ihm gerne noch einmal das kochen, worauf er sich jeden Donnerstag gefreut hat. Und ihm mit in den Sarg legen.

Trauerweide auf dem Bestattungsgelände. Foto: (c) promo

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Der Tod I

Verstorbene blieben im Bergischen früher in der guten Stube. Die war eigentlich nur für Weihnachten da. Oder wenn Gäste kamen. Sonst wurde die gar nicht geheizt.
Aber wenn die Großmutter gestorben war, dann lag sie dort mehrere Tage. Dann konnte ich hingehen und begreifen, dass da nichts Schlimmes geschah. Dass die nicht am Schlafen ist, ich also keine Angst vor dem Schlafengehen zu haben brauche. Ich konnte fühlen, wie ihre Hand kalt wurde. Aber auch, dass die Person ganz entspannt ist. Das liegt in der Natur der Sache.
Und das Haus war voll mit Menschen. Nicht so wie heute, wo das Haus plötzlich leer ist und still, und alle Angst haben, etwas falsch zu machen. Damals ist man aufeinander zugegangen, wenn jemand gestorben war. Das ist ein urchristlicher oder abrahemitischer Gedanke, das sieht man heute noch im Islam, im Judentum. Da kommen die Nachbarn, die Familie, man bringt was zu essen mit.
So war das auch hier. Und deshalb verstehen wir uns auch als Archäologen der Bestattungskultur.

Kinder sind perfekte Trauerbegleiter

Wir beerdigen, wo und wie jemand das möchte. Vor Kurzem sind wir mit einem Verstorbenen im Brauhaus gewesen zur Trauerfeier. Bei einer anderen haben die Kinder die komplette Modelleisenbahn des Vaters im Keller wieder aufgebaut.
Die Kinder vom Tod fernhalten? Halt ich wenig von. Kinder sind wie Unkraut, die wachsen und sind nicht kaputt zu kriegen, ne? Das hat meine Großmutter immer gesagt. Gut, die hat auch gesagt: Früher haben wir die Kinder auf dem Feld bekommen und dann ging die Ernte weiter.
Aber ich finde wirklich: Kinder sind perfekte Trauerbegleiter. Und sie kriegen ja sowieso alles mit. Die merken, da ist etwas geschehen. Und wenn sie nicht mitdürfen, zur Trauerfeier, dann fangen die an zu fantasieren. Was ist da passiert? Hab ich was falsch gemacht?
Ich kenne so viele Berichte von Menschen, die als Kind nicht mit der Materie in Berührung gekommen sind. Und als sie dann doch mal auf einen Friedhof kamen, mussten die lachen. Und die ganze Gemeinde guckt die dann böse an, ne? Dabei haben sie sich nur vorgestellt, was der Opa von dem Trara gehalten hätte.

Element auf dem Bestattungsgelände. Foto: (c) promo

Ich habe vier Kinder. Als mein Vater gestorben ist, haben wir ihn nochmal nachhause geholt. Und mein Zweitältester, der war damals noch klein, wäre ihm am liebsten auf die Schenkel geklettert, wie er das immer gemacht hat. Allein in den Sarg gelassen haben wir ihn nicht. Doch er hat alles da drin untersucht, ne? Irgendwann wollte er dann wieder spielen oder etwas Süßes oder was Kinder so wollen. Und später kam er auf einmal mit einem dieser Plastikpferdchen wieder, die er so gern mochte. Und hat das dem Opa dazugelegt.
Das war natürlich nicht sein eigenes, sondern das seiner älteren Schwester. Doch es war das, was er am tollsten fand. Das hat er dem Opa mitgegeben. Und meine Älteste konnte das gut zulassen. Die ging zugleich selbst sehr pragmatisch mit alldem um, das war nicht so ihr Thema. Ein Jahr später, an Karneval, sind wir mit den Kindern auf einem Wagen mitgefahren. Da hat mein Sohn alle unterhalten, mit Geschichten vom Großvater, dies und das und jenes, er hat unglaublich viel erzählt. Und meine Tochter hat weiter Kamelle geworfen. Ich will sagen: Kinder können sehr gut selbst entscheiden, wie sie mit dem Tod umgehen. Die wissen auch, wie viel sie wissen wollen. Im Zweifel fragen sie einfach nicht mehr.
Und wenn sie fragen? Antworten, und zwar nicht abstrakt, sondern direkt. Kinder sind unglaublich pragmatisch. Das gilt im Tod wie in der Liebe. Ich weiß noch, wie meine Tochter in der Schule das erste Mal etwas für einen Jungen empfunden hat. Die kam ganz stolz mit einem selbstgeschriebenen Heiratsantrag nachhause. Und dann berichteten auf einmal alle davon, selbst die Zweijährige erzählte, dass sie ein anderes Kind aus der Tagespflege heiraten wollte. Ein Mädchen übrigens.

Umgang mit Tod sollte lebendig sein

Liebe. Tod. Vielleicht noch Macht. Das sind doch im Grunde schon die großen Themen der Kunst, oder? Sehen Sie das hier an der Wand, die Bilderserie? Die hat eine Dame gemalt, während sie vier Tage am offenen Sarg Abschied genommen hat von ihrer Mutter. Und wo man am Anfang natürlich das Chaos sieht. Aber sehen Sie hier? Da kommt dann langsam die Ordnung und Struktur hinein, das ist das Begreifen. Und am Schluss ist das Porträt ein ganz anderes. Vielleicht habe ich durch den Tod ja auch nochmal einen neuen Ansatz, um zu verstehen.
Wir sind hier natürlich nicht primär Kulturschaffende, aber wir machen auch Projekte. Sie kennen vielleicht diesen Koffer für die letzte Reise? Da haben wir über 100 Menschen gefragt, was sie hineinpacken würden. Was auch immer das sein mag, die letzte Reise. Und die haben dann diesen Koffer für uns gepackt. Drei oder vier haben gesagt: Ohne etwas bin ich auf die Welt gekommen, ohne etwas gehe ich zurück. Der frühere Pressesprecher des Bistums, der hat seinen Weihekranz mit reingesetzt. Manche haben was zu essen mitgenommen, manche Bücher, einer hat die ungeöffnete Post von drei Monaten gepackt, bis hin zu Zustellungsurkunden mit Zahlungsaufforderungen, ne?
Wir glauben eben, dass der Umgang mit dem Thema Tod ein lebendiger sein sollte. Das scheint für manche widersinnig. Aber wir sind auch schon häufig von Kindern angesprochen worden, ob sie hier ihren nächsten Geburtstag feiern könnten. Was wir als großen Zuspruch empfinden, für ein Bestattungshaus.

Aus der Kunstausstellung des Bestattungshauses. Foto: (c) promo

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Zwischenruf: Bergische Limericks

Manchmal warten Regionenschreiber auf Rückmeldung von Gesprächspartnern. Gesprächspartner müssen schließlich Gespräche autorisieren. Weil man Gesprächspartner aber nicht drängen soll, warten Regionenschreiber geduldig. Und weil das viel Selbstbeherrschung kostet, fehlt die andernorts.
So entstehen dann infantile Limericks. Wer seine bergische Gegend, sein Dorf, seine Stadt ebenfalls gern in infantilem Limerick verwurstet sähe, schreibe an regionenschreiber@kultur-bergischesland.de

 

Ein Ritter aus bergischem Lande
stritt mit einer diebischen Bande.
Er stritt gar mächtig!
Er ritterte prächtig!
Und floh (aber das nur am Rande).

/

Ein schöner Jüngling aus Odenthal
litt an beträchtlicher Hodenqual.
Ihn drückte ein Schmerz,
er fluchte: Welch Terz!
Und schwor: künftig andere Hosenwahl.

/

Eine Wuppertaler Madame
fuhr einst in der Münchener Tram
und fragte den Schaffner
(der daraufhin baff war):
„Was schwebt sie nicht? Seid Ihr klamm?“

/

Wenn ich nachts nicht besoffen ins Watt krach’
oder volltrunken alpinen Quatsch mach’,
dann lieg ich verhohlen
zwischen den Polen
stocknüchtern in Bergisch-Gladbach.

/

In Leichlingen lag eine Leiche
gleich unter der alten Eiche
ein Entenpaar
das sie da sah
quakte: Besser läg sie im Teiche.

/

Gold, Silber und teures Geschmeide
hort’ ich in der Hildener Heide.
Drum lass mich! Ich geh‘,
ich nehm den RE,
steh‘ bald nicht mehr bei dir in der Kreide.

/

Es war mal ein Wülfrather Bauer,
der sang allen Gassen die Hauer,
mit Oden ans Vieh
und Hymnen, ja die
machten lärmscheue Wülfrather sauer.

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Die Insel

Ich sag lieber: Majorca. Das hat für mich auch mit Respekt zu tun. Malle sagen nur die, die da zum Saufen hinfahren. So: Malle is nur einmal im Jahr. Hab ich auch einmal gemacht. Brauch ich nit nochmal.
Majorca is was anderes, dat is schön. Da haben mein Mann und ich uns nochmal verliebt, sag ich immer. Deshalb wollten wir auch dieses Jahr wieder hin. Silberne Hochzeit! Wird jetzt nix draus.
Wir feiern dann einfach nächstes Jahr. Fünfundzwanzig plus eins. Mal was anderes. Aber dat is schon schade, dass jetzt die ganzen Feste ausfallen. Hier in Mettmann hätten wir Weinfest, dat is jetzt immer so um den Dreh, wir hätten Heimatfest. Wenn uns dat einer gesagt hätte, dass Karneval das letzte Mal Feiern ist!
Dann hätten wir auch nix anders gemacht, is klar.
Wollen Sie vorne ein bisschen fransig?
Schon richtig, dass die Sachen ja jetzt überall ausfallen. Verpasst man nix. Aber man darf auch bisschen traurig sein, dass sie auch hier ausfallen. Ja, oder nicht? Stattdessen steh ich jetzt mit der Maske im Laden. Und ich sag Ihnen wat, ich krieg Atemnot. Dat is heut der erste Tag, wo ich nich auch noch Bauchschmerzen kriege. So im Oberbauch. Ganz fies. Hat mir ein Arzt erklärt, der hier Kunde ist, der sagt: Kommt vom flachen Atmen. Das kriegen die alle in den Krankenhäusern. Die müssen ja auch den ganzen Tag ihre Masken aufhaben. Ich hab hier auch so eine. FFP3.
Ja, weil: Da hat man ja schon auch eine Verantwortung. Wenn ich jetzt hier krank werden? Mein Mann, mein Sohn, die gehen schon auch wieder ins Büro und kommen abends nachhause. Aber die sehen da ja nur ihren Computer und vielleicht mal den Chef. Hier geht in einer Tour die Klingel! Da kommen die Leute rein und raus, und ich sag ja immer, Maske auf und bitte Hände waschen und desinfizieren und Pipapo. Aber am Ende is dat jetzt hier Risikozone.
Ohren frei?
Macht das Schneiden auch nich leichter. So ne Maske. Aber ich bind die jetzt bei allen so im Nacken fest. Dann kann man auch waschen, haben Sie ja gesehen. Ganz ehrlich: Ich finds schon komisch, dass wir jetzt wieder auf haben dürfen. Also: Dass wir dürfen und die Kosmetiker nich. Zum Beispiel. Obwohl, ´ne Freundin von mir, die macht Pediküre und Maniküre, so mobil, auch im Altersheim. Und Pediküre darf die seit ner Woche wieder. Die sagt: Ich werd noch bekloppt. Ich darf den Leuten an die Füße, aber an die Hände darf ich nit, wo ist denn da der Unterschied? Für so ein Virus.
Ich mach Ihnen hier so ein bisschen stufig rein, dann hat das Pfiff.
Naja, wahrscheinlich wollen sie halt, dass nit gleich alle wieder auf die Straße rennen. Und is ja auch richtig. Ich sag immer, die Leute können ja mit mir tauschen. Wenn die unbedingt raus wollen. Ich mach meinen Job gern. Aber ich hab auch nen Garten zuhause. Und das war was, in den ersten Wochen nach dem Lockdown. Schön immer um zwei in die Hängematte. Und dann Buch und Feierabend. So war das.
Bisschen ausdünnen noch? Würd ich schon machen.
So ein Garten ist schon was tolles. Und die Luft ist ja jetzt auch so gut. Weil natürlich weniger Abgase. Und ich weiß gar nich, wann ich das letzte Mal so einen blauen Himmel gesehen hab. Als ich ein Kind war, wenn man da ein Flugzeug entdeckt hat, dann war das was besonderes. Das ist heute auch wieder so.
Und das kann doch so bleiben. Ja, oder nicht? Wenn am Tag mehr Flieger nach Majorca gehen, als Bahnen nach Düsseldorf. Dann is doch was verkehrt! Und klar is das schön, wenn was billig ist. Aber Easyjet für 20 Euro, hör mir auf. Deswegen fliegen sie doch auch nach Malle wie die Verrückten. Setzen sich aufn Strand und haben um zwei schon nen Kopp und nen Sonnenbrand. Und baggern die Frauen an. Ist doch wahr.
Wir gehen auf Majorca immer wandern, mein Mann und ich. Früher is unser Sohn noch mitgekommen, aber der fährt jetzt mit seiner Freundin. Und dann ruft er mich immer vorher an und fragt, Mama, wo seid ihr gelaufen dieses Jahr? Und das laufen die dann auch. Weil dat so schön is, da.
Ich tu jetzt nochmal den Nacken kürzen und dann sind wir fertig.

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Die Jägers

Wir wohnen neben den Jägers. Die sind nett. Kennst du die Frau Jäger? Die fährt einen BMW. In blau. So einen will ich auch mal fahren. Ich kauf ihr den ab. Ich hab ihr schon mal ein Angebot gemacht. Hast du Instagram?
Die Jägers haben drei Autos. Deshalb muss immer eines draußen stehen. Weil, es passen nur zwei in die Garage. Wie bei uns. Da passen auch nur zwei in die Garage. Wir haben aber nur eins. Ein Auto. Einen Volvo V70! In Silber. Der kann 190 PS und 200 km/h. Wieviel kann dein Auto?
Mein Papa sagt, wir brauchen nur ein Auto. Weil, er fährt damit zur Arbeit. Und wenn er wieder da ist, fährt meine Mama damit zum Markt. Da darf ich mit. Manchmal fährt sie mich auch zum Sport. Ich bin im Judo! Ich hab schon den gelben Gurt. Soll ich dir zeigen?
Ich hab Judo in Solingen. Mama sagt, es gibt kein Judo bei uns, deshalb muss ich nach Solingen. Weil ich unbedingt Judo machen will. In Solingen haben wir Judo bei Sensei Günther. Der ist nett, aber streng. Und nicht so nett wie Frau Jäger. Weißt du, wo Solingen ist?
Hast du ein Smartphone? Dann kann ich dir zeigen. Wenn Mama mich nach Solingen fährt, brauchen wir siebzehn Minuten. Mein Papa braucht nur fünfzehn Minuten, hat er gesagt. Aber Papa fährt mich nie nach Solingen, weil er da noch arbeiten muss. Weil er auch zuhause arbeitet. Papa arbeitet zu viel.
Frau Jäger arbeitet auch. Deshalb hat sie auch ein Auto. Papa sagt, ich kriege auch ein Auto, wenn ich arbeiten gehe. Frau Jäger ist Zahnärztin von Beruf. Sie hat gesagt, wenn ich mal einen schwarzen Zahn hab, kann ich zu ihr in die Praxis kommen. Die Praxis von der Frau Jäger ist auch in Solingen.
Ich hab aber noch keinen schwarzen Zahn. Soll ich dir zeigen? Cheeese.
Das ist Englisch und heißt Käse. Das müssen wir immer sagen, wenn wir ein Klassenfoto machen. Aber der Nikolas sagt immer Marmelaaade. Wie in dem Witz mit dem Frosch. Kennst du den?
Kann ich dein Smartphone mal haben?
Hast du schon schwarze Zähne?
Sag mal Cheeese!
Ich bin bei Doktor Wuttke. Aber ich will lieber zur Frau Jäger. Das hab ich dem Papa auch gesagt. Wenn ich bei der Frau Jäger bin, kann ich vielleicht auch mal mit ihrem Auto mitfahren. Der Frau Jäger ihr BMW kann 220 PS und 243 km/h. Bist du schon mal 243 km/h gefahren?
Wenn du Instagram hast, kann ich dir den zeigen. Meine Schwester hat den fotografiert. Ich darf noch kein Instagram haben. Wenn ich ein Smartphone hätte, würd ich als erstes Instagram machen, und dann Tik Tok. Da gibt’s alle Songs.
Ich würd auch nach Solingen ziehen. Wohnst du in Solingen? Ich würd nach Solingen ziehen. Weil, in Solingen gibt’s auch Döner. Der Nikolas hat gesagt, dass er immer Döner mit seinem Papa essen geht. Der hat gesagt, er nimmt immer mit Scharf. Das glaub ich aber nicht. Mit Scharf ist krass! Ich hab auch mal mit Scharf genommen. Meine Mama hat gesagt, wenn man Döner isst, muss man sich besonders gut die Zähne putzen. Der Nikolas kriegt bestimmt schwarze Zähne.
Der hat auch schon ein Smartphone.
Das ist aber zu früh.
Ich muss jetzt los.
Warst du schon mal Dhünntalsperre?
Da fährt mein Papa in zwanzig Minuten hin. Hat er gesagt. Mit dem Volvo. Vielleicht einundzwanzig! Das ist voll schön da. Aber man muss noch laufen, wenn man da ist. Weil, man kann mit dem Auto nicht ganz hochfahren. Da ist keine Straße. Aber voll schön. Willst du mal mitfahren? Ich kann fragen!
Ich hab Frau Jäger auch gefragt. Die kommt mit. Wir fahren Samstag oder Sonntag. Das kommt aufs Wetter an. Wenn es regnet, hab ich Frau Jäger gesagt, dass sie das Auto auch bei uns reinstellen kann. In die Garage. Sonst rostet das ja. Ist ja Metall. Ich mach später mal was mit Autos. Ich muss jetzt los.
Frau Jäger hat gesagt, dass das mein Papa sicher nicht erlaubt. Weil das ja unsere Garage ist. Aber ich kann fragen! Tschüüüß! Marmelaaade!

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Die Kirche

Vier Jahre. Das ist für mich immer so die Zeit gewesen. Die Zeit, die es braucht, um anzukommen. Vier Jahre, dann bin ich da.
Wir sind da. Das ist der Ortskern.
Wir sind jetzt einmal durch den hinteren Teil.
Da drüben die Kirche.
Könnten dort zurück, dann da hoch und rüber?
Und das war’s dann eigentlich schon.

Normale Fahrräder gibt’s hier auch gar nicht

Das mit den vier Jahren? Das hab ich vor allem gemerkt, als ich mal irgendwo hin zurückgekehrt bin. Wenn man nur kurz da war, kommt man auch in Zukunft nur zu Besuch. Aber wenn man mal vier Jahre an einem Ort gelebt hat: Die Ecken, die Wege, gleich alles wieder da. Ist wie in alte Schuhe schlüpfen. Bequem, irgendwie schön. Vier Jahre also. Die Vier-Jahres-Regel.
Und ich bin ja erst ein Jahr hier.

Hier wohnen superviele Zugezogene. Klassische Vorstadtsiedlung. Die Leute wollen aus der Stadt raus, die wollen sich ihr Häuschen bauen. Und sie bauen. Diese Straße, die könnten wir entlanglaufen bis … Ewig. Das hört nicht auf. Wenn man hier nur mit dem Auto unterwegs ist, denkt man: Du. Lieber. Himmel. 
Haus an Haus an Haus an Haus an Haus. 
Dabei ist das nur eine Reihe, direkt dahinter liegt Feld. Zwischen den Mauern hindurch, dann ist man im Grünen. Wunderschön. Vielleicht fahre ich deshalb nicht so gerne Auto. 

Mit dem Fahrrad zur Arbeit? Nee, kaum machbar. Heißt ja nicht zum Spaß Bergisches Land! Normale Fahrräder gibt’s hier auch gar nicht. Wirklich! Man muss sie zumindest suchen. In den Läden haben sie nur noch E-Bikes. Aus guten Gründen, wenigstens für eine Flachlandschnecke wie mich. Aber letztens musste ich tatsächlich fragen: Sagen Sie, haben Sie auch normale Fahrräder? Ja, sagt der dann. Im ersten Stock.

Ist nicht so. Aber man denkt das halt.

Die Kirche jedenfalls. Die ist wirklich sehr schön. Ist mir gleich aufgefallen. Und sonst sind wir auch herzlich aufgenommen worden. Die Leute hier sehen sich da eher als Rheinländer. Die sind so: Ja, schön, dass du hier bist! Aber auch: Ist ja so schön hier! Also: Klar, dass du hier bist! So sind die. 
Und stimmt schon: Da geht so ein Riss durchs Bergische Land. Letztens sagt mein Nachbar, er war jetzt das erste Mal in Wuppertal. Der ist hier geboren und aufgewachsen und das ist kaum eine halbe Stunde entfernt. Aber, sagt er, warum soll ich da hin? 
Und klar, die Wuppertaler, die ich kenne, die bleiben auch da. Und ich kenne viele, ich hab dort ja gewohnt. Innenstadt, 5 Minuten zum Aldi, 5 Minuten zum Bahnhof. Dafür konnte ich nachts nie mit offenem Fenster schlafen, weil die besoffenen Kids dann den Berg runtergerollt sind. Und jeden Freitag türkische Hochzeit. Ist natürlich anders, natürlich auch schön, aber mit Ruhe war da nichts.
Und hier gehst du um die Ecke.
Und dann bist du im Wald.

Natürlich gibt’s im Wald keinen guten Kaffee. Das ist ja in der Stadt oft so ein Ding. Dass man den einen Laden dort findet, das Café, die Kneipe. Und dann sagt: Deswegen gefällt mir dieses Viertel jetzt am besten. Obwohl, wir haben da jetzt so eine Kneipe vor der Haustür … Die sieht von außen nicht aus, als ob die überhaupt offen wäre. Aber man hört: Da ist immer wer drin! Und irgendwie wirkt die so, dass man sich trotzdem nicht traut, rein zu gehen. Weil man denkt: Das darf nur jemand, der schon 30 Jahre hier lebt. Ist bestimmt nicht so. Aber man denkt das halt.
Wollen wir jetzt eigentlich noch die Kirche angucken?

Und apropos Wald. Und Kaffee, strenggenommen. Als wir noch recht neu waren, bin ich mal Kaffee holen gegangen. Wollte eigentlich nur zum Bäcker an der Kreuzung. Und dachte, da muss ich keinen Umweg machen, ich geh einfach direkt zwischen den Bäumen hindurch. Bin dann versehentlich über den ganzen Hang drüber, hab’s gar nicht gemerkt. Und stand gleich darauf im Nachbardorf. Das ist dann aber richtig Dorf. So mit Milchtankstelle und ein paar Bauernhöfen. Kaffee gab’s da nicht. Na, ist vielleicht auch nur eine Geschichte darüber, wie schlecht mein Orientierungssinn ist.

Hier ist ja schon freies Feld

Jedenfalls: Klar, eine gewisse Schwelle gab es schon. Aber mal ehrlich, wo gibt’s die nicht! Die Menschen schauen eben erstmal. Sind eben auch stolz auf ihr Dorf. Das war sogar neulich erst wieder in der Zeitung. Denn eigentlich sind ja längst alle Dörfer hier zu einem Ort zusammengefasst. Und trotzdem stand auf den Schildern immer nur der Dorfname. Das darf man so gar nicht. Jetzt mussten sie die ganzen Schilder ändern. Und es gibt viele, sag ich mal, die wissen noch, wie’s früher war. Die sind nicht so glücklich damit.
Vielleicht sind die immer in dieser Kneipe.

Weiter in diese Richtung liegt übrigens der große Friedhof. Und weiter oben gibt’s noch einen Begräbniswald. Und dann fangen die Villen an. Oder die großen Häuser. Die jedenfalls, wo es wichtig wird mit dem Blick. Da hat es neulich erst wieder Aufregung gegeben. Weil die Stadt, die wir ja jetzt sind, einen neuen Bebauungsplan verabschiedet hat, und da waren auch ein paar Flächen freigegeben, die manche Leute wohl lieber unbebaut gelassen hätten, und ich sag mal, das hat auch nicht allen gefallen, dass da jetzt vielleicht der Wert ihrer Immobilie gemindert wird. Weil man nicht mehr so weit in die Ferne gucken kann.

Die Leute gehen aber sicher nicht in die Kneipe vor meiner Haustür. Die fahren SUV. Wirklich, davon gibt’s hier viele. Und so sehr auf dem Land sind wir ja nun auch noch nicht. Obwohl: Manchmal sieht man einen SUV vor einem Haus parken und guckt über den Zaun, und dann sind da Hühner! Und letztens kamen mir da vorne Pferde entgegen, ich hab gedacht, die wollen zum Reitstall, aber sie sind dann in den Hauseingang abgebogen. Und das Haus sah wirklich überhaupt nicht aus, als ob da noch ein Pferdestall wäre!
Kommt vielleicht daher, dass es in der Region total üblich war, dass jeder sein Zubrot hatte. Historisch gesehen. Der eine Ziegen, der andere Schafe. Vielleicht ist das so eine Art unterbewusste Fortschreibung der Tradition. Auch wenn man heutzutage Eier bei REWE kaufen kann. Jetzt sind wir aber ein bisschen abgeschweift. Hier ist ja schon freies Feld. Wollen wir wieder zurück zur Kirche?

Pfannkuchen, 5 Euro 50

Es ist halt auch ein Durchfahrtsort. Also, für mich. Ich will da niemandem auf die Füße treten. Und sicherlich war das früher mal anders. Aber jetzt? Morgens um sieben ist mächtig was los, weil alle zur Arbeit oder die Kinder zur Schule fahren. Und abends kommen dann alle wieder. Und dazwischen: Joah.
Ich bin ja selbst in einer Vorstadt groß geworden.
Man hat alles da, was man braucht.
Aber was besonderes hat man nicht.
Vielleicht hab ich das aber auch noch nicht geknackt.
Obwohl, das hier? Das ist einer meiner Lieblingsorte. Wegen dem Imbiss. Ich weiß, ist komisch, ne? Aber als wir damals die Wohnung angeguckt haben, sind wir vorher hier essen gewesen, haben gesagt, wenn wir hier hinziehen, kommen wir öfter. Und das hat gestimmt. Richtig gutes Pad Thai. Und die Frittenbude da vorne, die macht sensationelles Hähnchen. Nur der Döner ist nicht so. Aber zwei gute Schnellimbisse? Mal ehrlich, das gibt’s auch nicht in jedem Szeneviertel, oder?

Ich hab eigentlich immer geträumt davon, mal in so einer ganz großen Stadt zu wohnen. Also, so ganz ganz groß. London vielleicht. War mir aber auch immer zu teuer. Und hier gibt es genau einen Penner, einen. Und alles trifft sich im Karnevalsverein. Klar, der Ort hat einen eigenen Karneval! Angeblich einen sehr guten. Ist allerdings noch nicht so mein Ding. Aber wer weiß?
Wenn man hier länger wohnt?
Vier Jahre vielleicht?
Wer weiß.

So, hier noch die Stufen, dann sind wir endlich an der Kirche. Ich find vor allem den Turm toll. Sieht man den überhaupt gut von hier? Und die Fenster. Ist das noch romanisch? Bin mir nicht sicher. Hab aber schon einen Vortrag drüber gehört. Sollen wir mal drum rum?
Man kann hier auch spenden, für eine neue Orgel. Da ist schon ganz schön was zusammengekommen. Wird aber auch überall gesammelt. Wir hatten neulich ein Gartenfest bei uns in der Siedlung, da stand auch eine Büchse dafür. Da hat mir übrigens ein anderer Nachbar erzählt, dass er mal drin war, in dieser Kneipe! Wie war’s, frag ich. Aber mehr hat er nicht erzählt. 
Die ist wirklich ein Phänomen. Das ganze Jahr steht dasselbe Schild draußen. Immer! Pfannkuchen, 5 Euro 50. Und ich denk jedes Mal, wie ich’s das erste Mal gesehen habe. Da war ich noch neu und dachte, boah, gleich geh ich die Gegend erkunden und mich mit Einheimischen anfreunden und so. Und dann ist man im Umzugssterss und die Wohnung wird nicht fertig und auf der Arbeit ist was los, und irgendwann könnte man nicht mehr reingehen und sagen: Ich bin neu hier! Weil, man müsste sagen: Ich bin schon ein Jahr hier, verdammt.
Jedenfalls hab ich gedacht, bei dem Sommerfest, nach zwei Weißwein: Ich trau mich jetzt rein. Vielleicht ist heute jemand nettes da drin, vielleicht ist heute der Tag! Aber dafür war das Wetter dann doch zu schön. So, jetzt sind wir wieder an der Kirchenpforte. Da kann man übrigens auch einen Blick reinwerfen. Wollen wir?

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