Der Wald hängt voller Spiegel

Ratingen-Cromford liegt definitiv nicht an der Straße der Arbeit. Dennoch treffe ich mich mit Thyra im Café der ehemaligen Textilfabrik – die nicht irgendeine Fabrik war, sondern die erste industrielle Fabrik auf europäischem Festland. Gebaut hat sie bereits 1783 ein gewisser Gottfried Brügelmann, der sich die Konstruktionspläne für die industrielle Verarbeitung von Baumwollgarn nicht ohne ein beträchtliches Ausmaß krimineller Energie beschafft hatte, nämlich durch Industriespionage. Immerhin hat er seine Fabrik nach dem britischen Vorbild in Cromford benannt und einen vollendeten englischen Landschaftspark um das Gelände bauen lassen.

Thyra ist schon da und bestellt gerade einen Kaffee.
Frau Holst, sagt die Kellnerin, wie schön, dass Sie mal wieder vorbeischauen.

Dabei ist es schon 16 Jahre her, dass Thyra hier gearbeitet hat – natürlich nicht in der Textilfabrik, sondern für den Landschaftsverband (LVR), der in der ehemaligen Produktionshalle mit angrenzendem Herrenhaus ein Industriemuseum betreibt.

Es ist eine seltsame Geschichte, sagt Thyra, dass ich damals hier gelandet bin. Denn eigentlich bin ich Tanzlehrerin.

Das war ein Knochenjob

Wir brechen auf und laufen Richtung Anger, wo mich Thyra auf die Wiesen hinweist, auf denen früher das Tuch ausgelegt und gebleicht wurde.

Hier wurde das Tuch auf den Bleichwiesen der Anger getrocknet

Das war ein Knochenjob, sagt Thyra. Hinter den Wiesen überqueren wir den Fluss und laufen auf ein herrschaftliches Anwesen zu. Es heißt Haus zum Haus.
Keine Ahnung, was das ist, auf jeden Fall ein staatstragender Name, sagt Thyra und lacht und ihr Lachen hört sich glücklich an, diese Art von Glück, die keinen Grund braucht.
Ich habe hier ja nur drei Jahre gewohnt; und davor war sie in Gummersbach, wo sie ihre erste Anstellung bekommen hat, in einer Ballettschule in Gummersbach, im Alten Rathaus.

Der Besitzer hatte das Rentenalter längst erreicht, aber wie Tänzer halt so sind, sagt Thyra, der hatte soviel Begeisterung für die Schule und für seine Kundschaft, der konnte gar nicht aufhören. Das war mein allererster Job. Meine Wohnung in Bergneustadt hat mir der Ballettschulenbesitzer besorgt.

Für unsere nächste Ballettschulenaufführung suchen wir Kinderspielzeug wie Roller oder Puppenwagen und außerdem suchen wir eine kleine Wohnung für unsere neue Mitarbeiterin.

350 Schülerinnen zwischen 3 und 80 Jahren hatte die Schule und jede bekam einen solchen Flyer in die Hand gedrückt. Eine Woche später hatte ich eine Wohnung. Er hat mich selbst hingefahren, mit seinem dicken Mercedes.

Der wusste über jeden Dackel Bescheid

Irgendwann, nach der Ich-weiß-nicht-wievielten Knieoperation, musste er die Ballettschule dann doch verkaufen, Tänzer haben eben meistens einen ziemlich kaputten Körper, sagt Thyra. Er war auch sehr groß, sogar größer als ich.
Thyra ist tatsächlich ziemlich groß, sicherlich über 1,80. Ich kann sie mir sehr gut als Tänzerin vorstellt, sie strahlt Disziplin und Leichtigkeit aus.
Der alte Besitzer war eine Institution in Gummersbach, der kannte Hans und Franz und wusste über jeden Dackel Bescheid, und wenn so jemand geht, geht eben auch die Kundenbindung in die Binsen.

Kostenfaktor Thyra

Der neue Besitzer wollte schließlich von mir wissen, warum denn so viele Leute die Schule verlassen. Der meinte offenbar, dass es an mir liegt.
An dir?
Ja, ich war die einzige Festangestellte und damit auch der Kostenfaktor schlechthin.

Wie war denn dein Tagesablauf?
Der Arbeitstag begann um 14 Uhr mit den Kleinen und das ging dann wie die Orgelpfeifen, weil die Älteren ja erst später aus der Schule kamen und am Abend waren die Erwachsenen dran. Und am nächsten Tag wieder um 14 Uhr angefangen. Bis abends um 20 Uhr.
Ganz schön viel, jeden Tag 6 Stunden unterrichten, sage ich (die nach jedem 1-Tages-Workshop zwei Wochen Urlaub braucht.)
Ja, das war wirklich viel.
Dann, eines Abends, ich wollte gerade nach dem Unterricht nach Hause gehen, ach Thyra, hieß es da, ich habe noch einen Brief für Sie, können Sie mir bitte den Empfang bestätigen, ja klar kann ich, sagte ich und quittiere den Brief und mache ihn auf und dann war das meine Kündigung.

Unterbezahlt für 23 Euro die Stunde

Im Nachhinein gesehen, war es aber gut, dass die mir damals in der Tanzschule gekündigt haben. Ich konnte nämlich, sagt Thyra, am Abend keinen Schritt mehr gehen vor Schmerzen. Ich habe das damals einfach akzeptiert und gedacht, meine Knie sind eben nicht die besten. Und erst, als ich dann arbeitslos war, habe ich gesehen, das geht auch anders! Das lag tatsächlich am vielen Stehen und am unaufgewärmten Tanzen.

Schön hier, oder? sagt Thyra. Und schau mal die Birke, die hier so einen 90 Gradwinkel macht.

Sieht ein bisschen aus wie ein Tänzerknie, oder?

Glücklicherweise habe ich ein Foto von der tanzenden Birke gemacht. Beim Abhören der Aufnahmen denke ich, dass es doch erstaunlich ist, wie sehr die Umgebung immer unsere Gespräche spiegelt und unsere Themen. Im Grunde, denke ich, hängt der Wald voller Spiegel, und in manche schauen wir hinein und in andere nicht.

Birke mit Tänzerknie

Danach habe ich erst einmal keinen neuen Job gefunden. Was auch daran lag, dass eine Festanstellung an einer Ballettschule extrem selten ist. Die meisten arbeiten als Honorarkräfte, wie das auch an der VHS üblich ist, wo man unterbezahlt für 23 Euro arbeitet. Brutto! Und das unternehmerische Risiko allein trägt.

Während sie arbeitslos war, hat Thyra sich künstlerisch engagieren können und das Musicalprojekt Oberberg mitgegründet. Nach einem Jahr Arbeitslosigkeit stolperte sie über eine Anzeige in der Zeitung, dass die Rheinland Kultur in Lindlar fürs Bergische Freilichtmuseum jemand suche, der bäuerliche Hauswirtschaft vorführt. Und da habe ich gedacht, naja, Kartoffeln kochen und Kräuterquark rühren, das kann ich.

Ich bin ganz überrascht, welche Trampelpfade deine App kennt, sagt Thyra, während wir durchs Gebüsch Richtung Stadtwald laufen.

Das war also mein Einstieg im Museum, sagt Thyra, und das ist ein total schöner Job, wenn man Natur mag. Ich habe gelernt, wie man auf einem Kohleofen kocht und das Holz hackt und das Anzündeholz abspaltet von den großen Brennklötzen. Ich habe Wildkräuter gelernt und Kühe melken und von der Milch Käse machen. Ich könnte auch auf einer Alm überleben, lacht Thyra. Der Hof Peters ist ein Bauernhof auf dem Stand der 1960er Jahre, und es ist natürlich viel anschaulicher für das Publikum, wenn da tatsächlich jemand wirtschaftet, wenn es da nach Essen riecht und im Herd das Feuer ist. Einen Bildschirm kann man immer montieren, aber das zu erleben, ist etwas ganz anderes.

Das Ding ist nur, sagt Thyra und lacht ihr Lachen, wenn ein Jahr vorüber ist, geht das ganze Programm wieder von vorne los. Und das fand ich … ein bisschen langweilig.

Die kann mehr als Ziegen melken

Im Freilichtmuseum hatte sie eine feste Stelle, vier Tage die Woche. Nach drei Jahren hat der LVR dann aber festgestellt, oh, Freilichtmuseum ist eine gute Sache, nur, im Winter ist da ja weniger los. Das müssen wir mal optimieren. (Es war die Zeit der großen Arbeitsoptimierung). Der LVR hatte damals regionale Kultur, Gesundheit und Straßenbau. An der Kultur wird natürlich als erstes gespart. Den Straßenbau haben sie an die spätere Straßen.NRW abgegeben, die sitzen auch in Gummersbach, hinterm Steinmüller.

Der LVR hat also Saisonbetrieb eingeführt, was eben bedeutete, dass ich die Hälfte des Jahres arbeitslos sein würde, und an dieser Stelle werden wir beinahe von Mountainbikern überfahren, deren Strecke über unseren Pfad verläuft.

Ratingen Stadtpark

Ich war allerdings vorher schon in der Zentrale aufgefallen. Vor allem dadurch, dass ich hartnäckig nachfragte, wie das Alternativkonzept aussieht, da ich ja meine Miete bezahlen muss. So bekam ich eine Aufgabe in der Zentrale in Brauweiler und konnte zeigen, dass ich organisatorisch und konzeptionell gut bin.

Damals hat der Landschaftsverband das Projekt Musik in den Klöstern initiiert. Und der Kollege, der das machen sollte, der war sehr gut in Marketing und Kommunikation. Aber nicht in Fleißarbeit. Die hat er an mich weitergegeben. Dann habe ich noch ein paar Vorschläge gemacht und ein paar Fragen gestellt, und dann war klar, die kann mehr als Ziegen melken. Tatsächlich bin ich dann nicht mehr zurück ins Freilichtmuseum, sondern nach Ratingen-Cromfort. Als Kassenleitung.

Plötzlich Führungskraft

An meiner Reaktion in den Aufnahmen wird klar, dass ich keine Ahnung habe, was eine Kassenleitung ist. Man verantwortet den Kassenbetrieb, schreibt die Dienstpläne und führt das Team, erklärt Thyra.

Meine Einstellung war vor allem auch der Tatsache geschuldet, dass ein elektronisches Kassensystem eingeführt werden sollte. Bis dahin ging beim LVR die Buchhaltung zu Fuß, sagt Thyra, und wie aufs Stichwort höre ich in den Aufnahmen ein Flugzeug auf seinem Anflug zum Düsseldorfer Flughafen, der nur 8 Kilometer entfernt liegt. Und – ganz revolutionär – sagt Thyra, wir fingen sogar an, E-Mails zu schreiben! Das war 2003. Vom Ziegen melken direktemang in die Digitalisierung.

Dann ging es Schlag auf Schlag mit der Karriere. Nach 3 Jahren Kassenleitung in Cromford wurde ihr die übergreifende Objektleitung aller damals sechs LVR-Industriemuseen angeboten.
Und auf einmal war ich Führungskraft mit 80 Mitarbeitern, sagt Thyra und lacht, noch immer überrascht von diesem gewaltigen Karrieresprung. Das Coole daran war, dass ich alles ja selbst schon einmal gemacht hatte, das hat mir sehr geholfen.

Wir bleiben stehen und sagen tolles Bild, nur weiß ich leider nicht mehr, was wir in diesem Moment bewundert haben.

Wahrscheinlich haben wir dieses Mohnblumenfeld gesehen

Später hat Thyra die Hälfte der Museen abgegeben und sich museumsübergreifenden Themen gewidmete, das bedeutete Projektarbeit. Man gab mir ein Buch und sagte, lesen Sie dieses Buch. Da steht alles drin über Projektmanagement. Ich dachte, ok, ich habe zwar nicht alles verstanden, aber probieren wir es einfach mal. Schritt für Schritt. Wie im Tanzunterricht.

Sag mal ein Beispiel, bitte ich sie. Zum Beispiel, sagt sie, wie planen und erfassen wir die Arbeitszeit der Mitarbeitenden? Bis dahin gab es handschriftliche Dienstpläne und Stundenzettel. Das ist aber old school und fehleranfällig, deshalb haben wir auf Software mit elektronischer Stempeluhr umgestellt. Ein riesiger Aufwand war das.

Wir stehen an einer Ampel gegenüber einem Haus. Auf einem Schild ist ein Hund abgebildet, der als Warnung gelten soll. Zu unserer Verblüffung steht genau dieser Hund plötzlich direkt neben uns, in echt. Ist das derselbe Hund, der hier abgebildet ist, frage ich die Besitzerin und deute auf das Schild. Nee, nicht ganz derselbe, lacht sie. Aber das ist wirklich meine Küche, sagt die Frau und deutet auf das Küchenfenster neben dem Schild.

Die kleinste Abteilung der Welt

Die Ampel springt auf grün.

Inzwischen, sagt Thyra, bin ich seit 23 Jahren bei der Rheinland Kultur.
Und seit die neue Chefin da ist und den Bereich umstrukturiert hat, hat Thyra sogar ihre eigene Abteilung bekommen. Am Stammsitz in Brauweiler leitet sie „die kleinste Abteilung der Welt.“
Endlich bin ich da angekommen, wo ich selbst gestalten kann. Wir machen museumsübergreifende Projekte. Die nächste Arbeitsbesprechung am Montag wird übrigens eine Arbeitswanderung sein!, sagt Thyra. Hoffentlich hält das Wetter!

Die Frau mit dem Hund überholt uns und wünscht uns ein schönes Wochenende. Wir wünschen zurück.

Findest du, dass es überhaupt Führung und Leitung geben muss?, frage ich Thyra, während ich meine Jacke anziehe, die Sonne ist weg und Wolken türmen sich auf.

Das ist eine gute Frage. Ich glaube, gesellschaftlich stehen wir an dem Punkt, dass wir schon noch jemand brauchen, der den Hut aufhat. Aber das heißt ja nicht, dass es nicht vielleicht auch eine Entwicklung geben könnte, die das eines Tages überflüssig macht. Wenn man die Historie anschaut, könnte das schon eine logische Weiterentwicklung sein.

Zurück in Cromford essen wir im Museumscafé einen unfassbar guten Käsekuchen, der noch ganz warm ist.
Du musst dir unbedingt das Museum anschauen und das Herrenhaus, sagt Thyra.
Zu jeder vollen Stunde wird das Mühlenrad in Bewegung gesetzt und man kann den berühmten Waterframes zuschauen, wie sie ihre Arbeit tun.
Und das mache ich auch.

Weiterführende Links zur Straße der Arbeit

Rundwanderung von Ratingen Cromford zum Blauen See
Übersichtskarte (Sauerländischer Gebirgsverein, Bergisches Land)

Mehr von Ulrike Anna Bleier

Vergangenheit ist ein fremdes Land (Teil II)

Frau Rademacher, was haben Sie selbst denn so gearbeitet? Allet möjliche, sagt sie. Beim Hitler, sagt sie, musste man ja das Pflichtjahr verrichten, das galt für alle Mädchen und Frauen unter 25 Jahren, da ist sie bei einem Bauern gewesen zum Unkraut rupfen, Heu machen, Gaben binden, Kühe melken, dem Schwein die Läuse ablesen, dicke schwarze Läuse, sagt Frau Rademacher und gruselt sich immer noch.

Der Bauer hatte einen Zwangsarbeiter, einen Polen, der hieß Kasimir, 18 Jahre alt, ein netter Kerl, sagt Frau Rademacher, der musste die schwere Arbeit machen. Aber als der Krieg zu Ende war, war auch der Kasimir weg, und da habe der Bauer, der an Rheuma litt, sie gefragt: Meenste, Anneliese, du könntest mit dem Aujust über den Acker und eggen und walzen und das Feld fertig machen? Er hat ihr den dicken Ochsen einspannt und ihr gezeigt, wie man mit der Egge übers Feld läuft. Da war sie gerade 15 geworden.

Mit dem Ochsen – der hatte nur ein Horn, das andere hat er sich abjestoßen jehabt – ist sie auch nach Ehreshoven, zur Mühle, um einen Sack Weizen gegen Mehl und Brot zu tauschen. Der Ochse wollte nicht immer da hin, wo sie hinwollte. Aber am Ende ist immer alles gut gegangen.

Nur für den Zwangsarbeiter, den Kasimir, ist es nicht gut ausgegangen. Den hat sie ein paar Wochen später auf der Straße gesehen, in einer amerikanischen Soldatenuniform. Und noch später hieß es, er sei erschossen worden.

Auf die Geschichte mit dem Kasimir kann ich mir nicht so ganz einen Reim machen. Aber auslassen will ich sie nicht, denn zur Straße der Arbeit gehört auch die Zwangsarbeit. Und die ging selten gut aus, wie der Film „Die letzten Opfer der Gestapo“ aus dem Jahr 1946 zeigt. Allein im Zwangsarbeiterlager in Loope waren rund 240 Menschen interniert. Viele Arbeiter:innen wurden hingerichtet oder starben bei Fliegerangriffen, da sie keinen Zugang zu Schutzräumen hatten. Gedenktafeln und Gräber russischer und ukrainischer Zwangsarbeiter:innen im Oberbergischen zeugen davon.

Es hätte auch anders kommen können

Anneliese Radermacher, gelernte Hauswirtschafterin, als junge Ehefrau im Waschhaus ©Radermacher
Anneliese Radermacher, gelernte Hauswirtschafterin, als junge Ehefrau im Waschhaus

Nach dem Krieg hatte Anneliese die Wahl zwischen Hauswirtschafterin und Verkäuferin. Sie wurde Hauswirtschafterin. Sie war bei einem jungen Paar angestellt, das zog schon bald nach Düsseldorf und nahm sie mit. Einmal im Monat durfte sie heim. Da sagte die Hausfrau eines Tages, das ginge so nicht mehr, mit einmal im Monat nach Hause fahren. Ab sofort nur noch alle drei Monate. Aber die Eltern waren dagegen, kommt gar nicht in Frage, dass du noch seltener kommst. Gott sei Dank, sie waren auf ihrer Seite.

Mit 24 hat sie geheiratet. Die ersten Jahre ihrer Ehe hat sie noch bei einer Buchbinderei in Engelskirchen gearbeitet. Ich hab noch richtig dat Buchbinden jelernt, falzen, zusammentragen, einhängen und wat allet ze don war. Arbeitszeit: von 7 bis 16 Uhr in der Buchbinderei, danach Haushalt und Kochen, und am Wochenende die Wäsche. Mit über 30 hat sie ihren Sohn bekommen. Der ist der beste Sohn der Welt. Den Sinn fürs Handwerkliche hat er von ihr. Ihr Mann war mit 16 Jahren hinterm Gewehr an der Bevertalsperre gelegen, in den letzten Kriegstagen. Der konnte sein Leben lang nur noch Büroarbeit verrichten und arbeitete bei der Kreisverwaltung. Vor sieben Jahren ist er gestorben. Sein Zimmer ist jetzt ihr Arbeitszimmer geworden.

Ob sie eigentlich gerne studiert hätte, frage ich sie. Das Zeug dazu hätte sie wohl gehabt und auch den Wissensdurst. Sie winkt ab, wer weiß, ob nicht alles anders gekommen wäre, hätte sie studiert. Da verstehe ich, dass „Es hätte anders kommen können“ auch „Es hätte schlechter kommen können“ bedeuten kann.

Omas gesammelte Werke

Vor lauter Quatschen haben wir Kaffee und Kuchen vergessen, der im Wohnzimmer bereit steht auf dem hübsch gedeckten Tisch. Sie gibt mir vier Servietten mit. Kann man ja immer mal brauchen. Und Bücher gibt sie mir mit: Die Straße der Arbeit von Harry Böseke. Die Erinnerungen von ihrem Großvater mit Zeichnungen von Michael Schenk. Eine blaue Ladde mit teil handschriftlichen Aufzeichnungen: Omas gesammelte Werke, steht drauf. Selbst aus der Handschrift singt der Bergische Dialekt.

Ich laufe quer durch den Wald auf den Spuren von Anneliese Rademachers Geschichten. Ich begegne niemandem. Selbst das Ausflugslokal Bergische Schweiz hat geschlossen. Die Ziegen blöken verärgert, weil ich nichts für sie dabei habe, außer das bisschen Schweiß auf meinen Handflächen.

Vergangenheit ist ein fremdes Land (Teil I)

Weiterführende Links zur Straße der Arbeit

Die Straße der Arbeit von Schloss Ehreshovern zur Grube Kastor (Rundweg)
Übersichtskarte (Sauerländischer Gebirgsverein, Bergisches Land)

Mehr von Ulrike Anna Bleier

Vergangenheit ist ein fremdes Land (Teil I)

Am Montag bin ich bei Frau Radermacher und am Mittwoch gehe ich die Orte ihrer Kindheit ab. Und es ist alles genau so, wie Frau Radermacher gesagt hat: die Grube Kastor mit der Schwungbrücke davor. Das Eisenerz, das das Wasser rostbraun färbt. Die Bahngleise in Ehreshoven, das Schloss, von dem mir später jemand erzählen wird, dort würde „Verbotene Liebe“ gedreht. Oder sind es „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“?

Frau Radermacher hat bei der Zeitung angerufen und mitgeteilt, dass sie mit mir sprechen möchte, ich möge sie anrufen. Am Telefon beschreibt sie mir den Weg: am Kreisverkehr die dritte Ausfahrt, auf der rechten Seite das sechste Haus. Als ich ankomme, steht sie vor dem Haus und weist mich in den Parkplatz ein.

Frau Radermacher in ihrem Arbeitszimmer

Frau Radermacher spricht druckreif und bergischen Dialekt, der sich immer ein bisschen anhört, als würde man während des Redens heimlich singen.

Wir fangen ganz vorne an. 1900 haben die Großeltern geheiratet. Der Großvater war neben der kleinen Landwirtschaft vor allem im Erzabbau tätig. Überall im Aggertal gab es Gruben und Bergwerke: Kastor, Bliesenbach, Silberkaule, Lüderich, Kaltenbach und da oben bei Engelskirchen gab es auch noch eins. 1906 wurde in Niederhof die Grube Bruno erschlossen. Frau Radermacher selbst hat als Kind noch die Masten gesehen, aber nicht mehr die Loren. Kennen Sie die Schwungbrücke an der Grube Kastor, fragt sie mich. Die gibt es bis heute noch. Die hängt in den Seilen und sie schwingt auch ein bisschen, da hat man die Gleise drauf gelegt und so konnte man die Loren über die Agger fahren, um das Erz auf die Züge zu verladen. Die Eisenbahn ging damals nur bis Ehreshoven. Heute fährt hier die RB 25 von Lüdenscheid nach Köln.

Mietfreiheit und eine Kuh

In Bliesenbach, wo sie mit ihren Eltern wohnte, gab es alte Stollen, da lass man reinjehen, sagte ihre Freundin zu ihr, und dann sin wir in die alten Bergwerksstollen reinjekrochen, meine Freundin und ich, kamen da plötzlich die Fledermäuse, da waren wir aber schnell raus, sagt Frau Radermacher und lacht herzlich.

Der Großvater arbeitete als Stellmacher, Hauer, Schachthauer, Zimmermann, Schreiner, Aufseher und Pumpenknecht. Mitte 50 war er bereits Knappschaftsinvalide, die schwere Arbeit hatte ihm eine Staublunge und Tuberkulose eingebracht. Die Versicherung hat ihn ein Vierteljahr in Kur jeschickt, nach Ronsdorf, dat müssen Sie sich mal vorstellen, dat et dat damals in den 1920er Jahren schon jab. Als die Grube Bruno zwei Jahre später wieder geschlossen wurde, übertrug man ihm die Aufsicht über den stillgelegten Betrieb. Einigen Bauern in der Umgebung war wegen des Betriebs das Wasser versiegt; sich um den Schriftverkehr mit den Klägern zu kümmern, gehörte ebenfalls zu Willhelms Aufgaben. Zum Wohnen stellte man ihm ein Kohjödchen zur Verfügung – dat saat Ihnen jetzt nix – aber ein Kohjödchen beinhaltete alles, was eine Kuh braucht: Stall, Wiesen, Ländereien. Wie schreibt man das denn? KOH-JÖDCHEN, dat is en Kuh-Gut, im Bergischen sagt man Jödchen, und da durfte er bis zu seinem Lebensende wohnen.

Mietfreiheit und eine Kuh statt Rente, wer weiß, vielleicht kommt das alles wieder.

Krieg, Brände, Hochwasser, Sturmschäden

Der Großvater, obschon ein einfacher Bergmann, war sehr belesen und hat alles in einem Büchlein aufgeschrieben. Sie zeigt mir das Büchlein. Erinnerungen, Wilhelm Kippels, 1873-1936. Bearbeitet und herausgegeben von Peter Wicharz 1984. Am Abend kamen oft die Männer aus der Nachbarschaft vorbei und da hieß es dann, der Kippels Willelm tut verzälle. Sie zeigt mir die Illustration im Büchlein, wie sie selbst bei ihren Großeltern am Tisch saß, mit Zöpfen und angewinkeltem Bein, denn so saß sie immer da, wenn der Großvater gruselige Geschichten erzählte.

Die Erinnerungen lese ich in einer regnerischen Nacht, der Großvater ist ein echtes Schreibtalent. In die autobiographischen Erlebnisse sind Sagen und Legenden aus dem Aggertal gewoben, gespickt mit historischen Ereignissen wie Krieg, Brände, Hochwasser, Sturmschäden.

Wenn sie bei den Großeltern war, wohnte die kleine Anneliese im Weeterzimmer, sie war gerne da, bei den Großeltern, es war wie ein zweites Zuhause dort. Weeter, so sagte man im Bergischen, das heißt Mädchen. Bei Wikipedia lese ich später nach, dass die Mundart zwischen Bergisch Gladbach, Siegen und Gummersbach als südbergisch oder ostripuarisch bezeichnet wird, und ich erinnere mich an das Gefühl, irgendwo in einem sehr fernen Land zu sein – weniger lokal als zeitlich. Die Vergangenheit ist ein fremdes Land, diesen Satz gibt es bestimmt schon, und nun sitzt er hier neben mir, im Arbeitszimmer der Frau Rademacher in Kürten. Sie ist 90 Jahre alt und ich bin begeistert, dass sie ein Arbeitszimmer für sich allein hat, eins, in dem nicht gebügelt wird, sondern geschrieben, gesammelt, dokumentiert. Frau Radermacher ist eine Art Archivarin geworden und wie jede Wissenschaftlerin hat auch sie den Antrieb, ihre Forschungsergebnisse veröffentlicht zu sehen und so am Diskurs teilzunehmen.

Jemand ruft an und bedankt sich für die Gedichte. Frau Radermacher schreibt nämlich nicht nur Lebenserinnerungen und Leserbriefe, sondern auch Gedichte, für sich und für andere und zu besonderen Anlässen. Manche Gedichte werden gedruckt, zum Beispiel in den Kürtner Schriften.

Das Erzähltalent hat sie vom Großvater geerbt, so viel steht fest.

Vergangenheit ist ein fremdes Land, Teil II

Weiterführende Links zur Straße der Arbeit

Die Straße der Arbeit von Schloss Ehreshovern zur Grube Kastor (Rundweg)
Übersichtskarte (Sauerländischer Gebirgsverein, Bergisches Land)

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