Das Haus und seine drei MMM

Der folgende Text „Das Haus und seine drei MMM“ ist von Lene B. und im Rahmen des Literaturateliers Südwestfalen entstanden.

Aus einer Regionsschreiberin werden viele, und dazu noch Geheimnisse über Häuser und ihre Bewohner verraten!

Häuser sind wie Lebewesen, nur aus Stein, von Menschen erschaffen: Die Fenster sind Augen, die alles beobachten, die Türen sind Münder, die verschlingen und wieder ausspucken und dass Wände Ohren haben, ist hinlänglich bekannt. Außerdem haben Häuser ein Gedächtnis, das sich entweder im Keller, auf dem Dachboden oder im Schuppen befindet. Leider spucken die Münder keine Worte aus und das Gedächtnis ist oftmals von den Bewohnern geplündert, was aber bleibt, das ist die Aura. Ich bin überzeugt davon, dass Häuser ein Karma haben, ein gutes oder ein schlechtes, je nachdem, was sie so gesehen, gehört und gefressen haben. Und eine Aura, je älter das Haus ist, desto geheimnisvoller. Standardisierte glatte, saubere Neubauten, eher ein paradoxes Zeugnis unseres zeitgenössischen Individualismus, müssen sich ihre Aura erst noch erarbeiten. Wir wohnen in einer etwas älteren Villa. Villen und schöne Häuser aus der Zeit der Jahrhundertwende gibt es viele in dieser Stadt – der Zweite Weltkrieg hat sie unversehrt gelassen und mit Ausnahme von Häusern, die durch Modernisierungswahn oder Zerfall zerstört oder entstellt wurden, ist der alte Baubestand fast durchgehend vertreten. Es gibt prachtvolle Unternehmervillen und hübsche Jugendstil-Bürgerhäuser. Aber dieses Haus ist weder das eine noch das andere, es ist definitiv anders und wir haben tatsächlich schon viele Villen und alte Häuser jedweder Sorte von innen und außen gesehen. Der Stil ist eine Mischung zwischen dem damals modernen Heimatschutzstil, traditioneller Villenarchitektur, außen und innen sichtbare Anklänge an die Idee der Reformpädagogik und die Schlichtheit des Bauhauses.

Außerdem steht das Haus nicht, es residiert, wie es sich für ein Haus mit einer äußerst ehrwürdigen Anschrift, gehört. Damals, zur Zeit seiner Erbauung war es bezogen auf die Straße tatsächlich das allererste Haus am Platz. Errichtet auf einer der höchsten Erhebungen des damaligen Stadtgebiets, etwas außerhalb an einer frisch gekürten Lindenallee, die zu einem kurz vorher errichteten Denkmal führte. Dadurch hatte das Haus einen nahezu unverstellten Blick auf die Innenstadt, wäre dies heute noch der Fall, so könnte das Haus mit beinah allen Türmen des Ortes Blickkontakt halten. Heute müsste sich das Haus etwas verbiegen oder einen Schritt beiseitetreten, was es aber nicht kann, da sein Fundament fest in der Erde verankert ist. Hoffentlich. Umgekehrt ist das Türmchen mit dem kupfernen Turmhelm, das sich an das Haus schmiegt, von etlichen unbebauten und unbewaldeten Punkten der Stadt aus sichtbar, vor allem wenn die Sonne scheint und die Zinnhaube, die roten Dachziegeln und die frisch gestrichene, in einem hellen Muskatton gehaltene Hauswand leuchten lässt. Und das Haus lässt sich gerne und lange von der Sonne bescheinen: Morgens wärmt die aufgehende Sonne das Portal und die vordere Fassade, um einmal um das Haus zu tanzen, die andere Hälfte den ganzen Mittag und Nachmittag lang von Süden und Westen aus zu bestrahlen und dann gegen Abend die Rückseite mit dem Garten in ein rotes Licht zu tauchen. Man könnte das Haus als eines der wenigen Nutznießer der Klimaerwärmung bezeichnen, vor 150 Jahren waren auch in  hier die Sonnentage weniger und dafür die Regentage mehr. Offensichtlich leiden die Alleebäume heute wesentlich mehr unter den veränderten klimatischen Bedingungen der letzten Jahre.

 

Doch auch, wenn es so hoheitlich tut, das Haus ist ein Scheinriese: Von der Hauptstraße aus betrachtet zeigt es ein schlichtes, hochgewachsenes Antlitz mit einem Balkonerker und einem kastenförmigen Anbau. Geht man die Allee entlang, von wo aus der Eingang erreichbar ist, schrumpft das Haus in sich zusammen, dafür rückt sich der Turmerker ins Blickfeld. Ein typisches Element der Villenarchitektur jener Zeit und an dieser Stelle deshalb so auffällig, weil der Betrachter dadurch ein völlig neues Bild vom Haus bekommt. Neben dem Turm tut sich das Eingangsportal auf, von schlichten runden Säulen getragen, der Blick wird direkt auf die bunten, Art Deco-artigen Bleiglasfenster gelenkt, die den inneren Treppenaufgang zu den oberen Gemächern markieren. Das Portal wirkt gerade nicht beeindruckend-abschreckend, sondern warm und einladend. Breit ist das Haus von der Eingangsseite nicht, vom Portal aus sind es nur fünf Schritte bis zur Rückseite des Hauses mit Zugang zum großen Garten. Von dort aus wirkt das Haus klein: tief heruntergezogenes Dach, schlicht, von der Küche ist der Zugang zum Garten ebenerdig. Ebenso schlicht wie erhaben wirken die inneren Räumlichkeiten: keine besonders großen, aber viele Räume, natürlich mit hohen Decken, jedoch ohne Stuck. Dafür alles schön verwinkelt, viele runde Ecken. Der Erbauer des Hauses hatte wohl einen sehr eigenen, aber durchaus guten und modernen Geschmack.

 

Mit der Zeit hat das Haus ein Eigenleben entwickelt und bisweilen etwas sonderbare Anwandlungen – wie ein älterer Herr, der so seine schrulligen Eigenarten entwickelt. Bei starkem Regen bildet sich im Keller ein kleines Rinnsal, das irgendwo auftaucht, irgendwo abfließt und so schnell verschwindet wie es aufgetaucht ist, ohne dass Schaden entsteht. Schief ist es außerdem, jedoch nicht sichtbar, fast unmerklich. Die Schrägen fallen nur dann auf, wenn man versucht, Möbel gerade auszurichten, was selbst nach stundenlangem Messen und dem Einsatz der Wasserwaage nicht wirklich gelingt. Schief ist eben schief, bleibt schief und zwingt anderes dazu, auch schief zu sein. Immerhin hat sich dieses Haus um dieses Privileg, schief und schräg sein zu dürfen, durch 150 Jahre langes Ausharren verdient gemacht. Der hölzerne Treppenaufgang schwingt beim Hoch- und Heruntergehen auch schon sehr verdächtigt mit, zeigt Risse und gewisse Neigungen. Kein Wunder, es ist ja kaum abzuschätzen, wie viele Beine dort schon hoch- und heruntergestapft sind. Bei uns sind es die Knie, die irgendwann schlapp machen, bei den Häusern die Treppenstiegen. Eine Eigenart, die bei uns allerdings auf wenig bzw. gar keine Gegenliebe stößt ist, dass sich das Haus regelmäßig zu schütteln scheint, um damit den Staub der Jahrhunderte aufzuwirbeln. Noch nie habe ich in einem so staubigen Haus gewohnt. Trotz unserer intensiven und hand- sowie nervenaufreibenden Grundrenovierung vor dem Einzug hat sich der Staub irgendwohin zurückgezogen, um dann in voller Pracht wieder hervorzutreten. Egal wie sehr man hinter den Wollmäusen herjagt, für jede gefangene kommen einen Tag später drei neue aus unsichtbaren Löchern hervor.

 

Neben dem Staubaufwirbeln, Wasserlassen und seiner Schräglage scheint das Haus zudem eine weitere Vorliebe zu haben, nämlich die für Besitzer, deren Nachnamen mit M beginnen.

Herr Müller, der jetzige Hausbesitzer und Bewohner der unteren, der „Belle Etage“, hat das Haus vor über zehn Jahren einem Fabrikanten abgekauft, dessen Fabrik in Sichtweite ca. 800 m weiter die Straße abwärts stand und vor ein paar Jahren abgerissen wurde. Mittlerweile steht dort ein Baumarkt. Nur noch ein paar Meter alte Gleise eines alten Bahnanschlusses zeugen davon, dass hier mal ein produzierendes Unternehmen seine Ware verladen hat. Der damalige Hausbesitzer und Unternehmer, Walther Mayer, gehörte ganz offensichtlich nicht zu der Hautevolee der Industriellen der Stadt, taucht dementsprechend in den Abhandlungen zur Wirtschaftsgeschichte nicht auf. Ebenso führt das Haus ein von der Lüdenscheider Architekturgeschichtsschreibung als auch von der Denkmalpflege unentdecktes Dasein, als ob es auch die Fähigkeit besitzen würde, sich tarnen zu können – oder hat es doch was zu verbergen?

 

Dafür ist jedoch die mündliche Überlieferung sehr rege, gefühlt ist jeder „Ur-Einwohner“ dieser Stadt hier schon einmal durchs Wohnzimmer gelaufen. „Ah, das Haus von Mayers, da wohnt ihr jetzt drin“. Die „Mayers“ schienen eine sehr soziale Unternehmerfamilie gewesen zu sein: viele Kinder vor allem in den Kriegs- und Nachkriegszeiten wurden von „den Mayers“ durchgefüttert und mit Süßigkeiten versorgt. Jetzt ist es ein Müller-Haus und unsere Vermieter pflegen ein herzliches Verhältnis zu ihren Mitmenschen.

Wir sind denn also in ein sonderbares, aber zugleich offenes Haus eingezogenen, das mittlerweile ziemlich viele Bewohner beherbergt. Unten wohnen die beiden stolzen Hausbesitzer, die dritte und vierte Etage haben wir mit zwei Erwachsenen und zwei pubertierenden Mädels in Beschlag. Dazu vier mongolische Wüstenrennmäuse, verteilt auf drei nicht gerade kleine Nagarien in drei Zimmern, das Ergebnis eines missglückten Vergesellschaftungsversuchs und raumgreifender Zeuge dessen, dass Mäuse nicht anders als Menschen sind: man kann miteinander oder halt nicht. Mittlerweile haben aber alle Mäusedamen ihr Begegnungstrauma überwunden und ihre persönlichen Nischen gefunden: Die zur Fülligkeit neigende Esther wohnt im Jugendzimmer, die zur pingeligen Reinlichkeit neigende „Maus“ durfte sich im Büro niederlassen und Team Corona und Influenza genießen ihre Zweisamkeit in der Wohndiele mit allem Wohl und Weh. Im Garten sind mit Linda, Rosa und Bianca letztes Jahr drei gefiederte Marketingexpertinnen eingezogen: jedes gelegte Ei wird mit lautstarkem Gegacker kommentiert. Und wenn es mit dem Legen mal nicht klappt, wird trotzig darüber hinweggeschwiegen.

 

Genau genommen, hat sich das Haus zu einem ganzjährigen Biotop mit einer erstaunlichen Artenvielfalt entwickelt: Im Frühjahr brüten die Vögel um und an dem Haus. Bis Sommer letzten Jahres haben wir eine Meisenfamilie unter meinem Bürofenster, das zur Dachterrasse hin gelegen ist, geherbergt. Die Meisen haben sich allerdings als Untermieter nicht besonders gut betragen. Papa Meise hat uns, wenn wir auf der Terrasse saßen, immer aufs Übelste beschimpft. Außerdem haben die Vögelchen in ihrem Nest offensichtlich so randaliert, dass hinter der Schieferwand der Inhalt des alten Fachwerks abgebröselt ist. Somit musste unser Vermieter die Meisenwohnung verschließen. Ich vermisse Papa Meise trotzdem. Vermutlich hat die Meisenfamilie wie die zig anderen Vogelarten in einer der vielen umliegenden Vogelhäuser, Bäume oder Hecken ihren Platz gefunden. Die Miete wird in Gezwitscher und Geträller abgegolten.

Im Sommer machen sich dann die Wespen breit. Jedes Jahr bauen sie ihr Nest an einer anderen Stelle am Haus, Nischen gibt es ja schließlich genug. Warum sollten sie auch wegziehen, schließlich werden sie von uns am Frühstückstisch immer mitversorgt. Gierig sind sie, diese schlanken zierlichen Kampfflieger, ganz flau wird einem schon, wenn man beobachtet, mit welchem zähen Eifer Riesenstücke aus dem Schinken geschnitten und dann zwischen den Beinen abtransportiert werden. Ist auch kein Problem, wir haben genug. Als Dank dafür erwarte ich nur, nicht gestochen zu werden, was nicht immer so verstanden wird. Als jedoch ihre Majestät sich diesen Herbst in unserer Wohnung eine Bleibe suchen wollte, da haben wir sie rausgeschmissen. Genug ist genug und die Befürchtungen, den hohen Ansprüchen einer Wespenkönigin nicht gerecht werden zu können, war dann doch zu groß.

In den Ritzen des Hauses, zwischen den  Schieferplatten, in den Mauern, in dem Gartenboden und in dem sich über die halbe Schuppenwand ziehenden Insektenhotel nisten die kleinen Erd- und Mauerhummeln und die dicken Mauerhummeln, die sich wie die Wild- und Honigbienen ihre Bollen und Leiber an unseren Blumenbuffet auf der Terrasse vollladen. Die Entlohnung für den Vermieter: Allerlei Gesumme und Gebrumme und possierliche Eskapaden, die dicke, allzu beladene Hummeln vollbringen. Neben verschiedenen Arten von Schmetterlingen gehört sogar ein Taubenschwärmer zu unseren Blumenkübel-Tafelgästen. Eigentlich sind Taubenschwärmer in wärmeren südlichen Gefilden beheimatet, haben aber infolge der Klimaerwärmung ihren Lebensraum etwas ausgedehnt. Zweitausend Kilometer fliegen diese kleinen, einem Kolibri ähnlichen Geschöpfe jedes Jahr in den Süden hin und zu uns wieder zurück. Unglaublich. Die Zikaden haben ebenfalls aus südlicheren Gefilden Einzug gehalten, allerdings in Scharen. Sie sitzen in den Rhododendren, und ihr um Aufmerksamkeit heischendes Gezirpe in lauen Sommernächten grenzt an Lärmbelästigung. Zum Glück sind sie für uns weit genug weg und haben sich noch nicht auf unsere Dachterrasse vorgewagt. Im Gegensatz zu ihrem Artverwandten, das Heupferdchen, das abends plötzlich auf dem Nachttisch neben meinem Bett saß und mich dreist anstarrte. In dem Moment fühlte ich mich doch etwas wie die Prinzessin im Märchen „Der Froschkönig“. Ich tat es ihr auch gleich, nur dass ich das Heupferdchen raus- und nicht gegen die Wand schmiss. Die Besuche reißen auch im Herbst nicht ab: dicke fette Hausmutterraupen in der Petersilie auf dem Küchenboard, Marienkäfer, die in den Falten unserer Vorhänge ihr Winterrefugium suchen. Im Winter beherbergen wir verschiedene frierende Spinnen in den unzähligen Zimmerecken. Die Decken sind hoch und wir haben keine Lust, uns ständig nach derselbigen zu strecken, so haben die kleinen Krabbler ihre Ruhe vor uns. Die Stubenfliegen erwähne ich nur kurz, die nerven einfach nur. Die einzigen Viecher, die wirklich meinen Unwillen erregen, sind die Lebensmittelmotten, die, ich weiß nicht wie, klammheimlich unseren Lebensmittelschrank bevölkern, um sich im Mehl-, Nudel- und Reisvorrat bequem zu machen. Dass die Tiere sich ihren Lebensraum wieder zurückerobern, kann ich verstehen, aber warum haben sie sich dieses Haus dafür ausgesucht?

 

Letztes Jahr hat unser Vermieter mit Verschönerungsarbeiten begonnen: Abgesehen davon, dass das Haus jetzt in einem hellen Muskat erstrahlt, wurden im Eingangsportal neue, helle Sandsteinplatten verlegt. Beim Ausschachten des Eingangsbereiches wurde ein alter Herrenschuh geborgen, der trotz des Verrottungszustands noch erkennen ließ, dass es sich hier um einen eleganten, zu dieser Zeit modernen Herrenschuh handelte. Ich schloss auf Abwehrzauber – ein in dieser Gegend eigentlich sehr unübliches Ritual, beim Hausbau Schuhe vor der Türschwelle mit der Spitze nach vorne Richtung Ausgang zu vergraben, um das Böse abzuwehren. Kein Wunder, dass das Haus unter solch einem guten Stern steht – dachten wir alle zumindest. Natürlich haben die glücklichen Hausbesitzer vor diesem Hintergrund den Schuh tunlichst wieder an seinen angestammten Platz  „in situ“ vergraben lassen, natürlich mit der Spitze nach vorn, damit das Unglück weiß, wohin es gehört. Herr Mayer muss wohl sehr abergläubig gewesen sein, ungewöhnlich für einen pragmatischen  Unternehmer, urteilte ich etwas vorschnell. Kurz nach der feierlichen Schuhbestattung vertraute mir unser Vermieter zu Forschungszwecken seinen Ordner „Hauskauf – Ordner 2: Baugeschichte“ an, denn Herr Mayer war gar nicht der Häuslebauer. Beim ersten Sichten der Kopien aus dem Archiv des Bauamtes tauchte ein weiteres M in der Geschichte des Hauses auf.

 

Das dritte M, der Hausbauer Heinrich Matzke, müsste eigentlich von der chronologischen Abfolge her als erstes M gezählt werden, in unserer Wahrnehmung trat er aber als Letzter auf den Plan und erweckte mit seiner offensichtlich verhaltenen Existenz meine Neugier. Wer war er, dass er so ein „anderes“ Haus erbauen ließ, warum der vergrabene Schuh und warum hinterließ er  in der kollektiven Erinnerung der Hausgeschichte keine Spuren? Irgendetwas triggerte mein wissenschaftliches Jagdfieber, Herr Matzkes Schuh wurde wieder angemessen begraben, aber ich heftete mich dennoch an seine Versen. Wie nötig der gute Mann den Abwehrzauber hatte, konnte ich da noch nicht ahnen, auch nicht, dass ihn dieser Schutz schnell verließ, als er das Haus bereits nach 10 Jahren verkaufte. Auch nicht, warum ihn die  Geschichtsschreibung der Stadt ebenso vergessen hatte dieses Haus, das eigentlich alles andere als unsichtbar und unauffällig ist – ebenso wenig unauffällig wie der Bauherr und sein Schicksal, das sich mir peu á peu entblätterte wie sich der  Putz alter Häuser löst bis das nackte Mauerwerk hervortritt.

More by Barbara Peveling

Here Comes The Sun

Der folgende Text mit dem schönen Titel „Here Comes The Sun“ ist von Sandra Scherer und entstand im Rahmen des virtuellen Literaturateliers Südwestfalen.

Aus einer Regionsschreiberin werden viele, schöner könnte der Abschied nicht sein!

An einem trüben Novembermorgen sitze ich mit einer Tasse Tee an meinem Schreibtisch im Corona-Homeoffice. Im Hintergrund streamed mein Bluetooth-Lautsprecher „Here Comes the Sun“ von den Beatles.

Meine Gedanken schweifen ab. Auf dem Kamin steht das Schwarzweiß-Foto einer jungen glücklichen Familie, das Anfang der 70er-Jahre aufgenommen wurde. „Diese Familie, das waren wir.“, sinniere ich, „Lange ist’s her…“

Ich denke zurück an meine frühe Kindheit in Buschhütten. Wir wohnten in einer kleinen Werkswohnung unter dem Dach, zu der auch ein weitläufiger Garten gehörte. Den ganzen Tag spielte ich mit einer Horde von Kindern aller Altersklassen und verschiedener Nationalitäten auf der Straße und hinter den Häusern. Die älteren Leute saßen draußen auf den Bänken, schauten uns beim Spielen zu und unterhielten sich oder schälten Kartoffeln.

Manchmal bauten wir kleine Flöße und ließen uns damit auf dem nahegelegenen Bachlauf treiben. Manchmal streunten wir aber auch nur so durch die Gärten und aßen die frischen Erbsen von den Sträuchern der Nachbarn. Im Winter fuhren wir Schlitten an einem Hang direkt an der Straße. Es war eine unbeschwerte Zeit für uns Kinder der 60er/70er-Jahre. Eine Zeit, in der von sogenannten „Helikoptereltern“ noch keine Rede war.

„Here Comes the Sun“, erklang es auch schon damals aus dem analogen Radio, während ich in einer Ecke der Küche spielte und meine Mutter singend mit dem Kochgeschirr hantierte.

Nein, vermögend waren wir damals nicht. Mein Vater, der aus der Pfalz stammte, war Former von Beruf. Er besuchte gerade die Technikerschule in Stuttgart, um für sich und seine Familie eine Existenz aufzubauen. In seiner Heimat, einer sehr schönen Kleinstadt namens Meisenheim mit freundlichen Menschen, gab es leider nur wenig Arbeit und so hat es ihn schließlich ins Siegerland verschlagen.

Meine Mutter war damals eine sehr attraktive junge Frau in den Zwanzigern, und sie hatte diese Art von Stärke, die man nur von Menschen kennt, die schon viel erlebt haben und schon sehr früh in ihrem Leben Verantwortung übernehmen mussten. Sie war eine Kämpfernatur, die sich immer für die Schwachen einsetzte, oder wie meine Mutter von sich selber sagte: „ein Gerechtigkeitsfanatiker“. Vielleicht hat sie diese Stärke ja in ihrer schweren Kindheit erworben. Denn: “Was uns nicht umbringt macht uns nur stärker“. So lautete einer ihrer Lieblingssprüche.

„Little darling, it’s been a long, cold, lonely winter“, singen die Beatles weiter. Ein langer, kalter, einsamer Winter… So hat es sich wohl angefühlt, als meine Oma damals das Haus ihrer gutbürgerlichen Familie im niederschlesischen Hirschberg fluchtartig verlassen musste, um zusammen mit ihren zwei kleinen Kindern und ein paar Habseligkeiten im Gepäck auf die große Reise zu gehen.

Ein eiskalter Winter war es auch, als die Rote Armee im Februar 1945 nach Niederschlesien vordrang. Die Familie meiner Oma besaß eine Baude im Riesengebirge, die Wiesengrundbaude. Als meine Oma von der Ankunft der Russen erfuhr, setzte sie ihre zwei kleinen Kinder in einen Hundeschlitten und schickte Leo, ihren treuen Schäferhund, alleine mit ihnen zur Baude, wo ihre Tante die Kinder in Empfang nehmen konnte. Dort waren sie erst einmal in Sicherheit. “Lauf Leo, lauf zur Baude“, rief meine Oma. Und Leo rannte, als ginge es um sein Leben. Der Hund kannte die Strecke im Schlaf und meine Oma vertraute dem Tier blind.

Glücklicherweise durften sie doch noch etwas länger in Schlesien bleiben. Die obere Etage ihres Hauses war inzwischen schon von Polen besetzt und bis zu ihrem Tode erzählte meine Oma immer wieder die Geschichte, dass die Polen ihr handgeschnitztes Treppenhaus verfeuert hätten.

Doch etwa im Jahr 1946/47 mussten sie ihre Heimat endgültig verlassen.

Es war ein langer Weg, und er führte sie durch einige Lager in der Ostzone, die unter der Aufsicht russischer Soldaten standen. Sie wurden sehr schlecht behandelt und schlimme Dinge ereigneten sich dort – auch vor den Augen der Kinder. Später sprach man darüber nicht mehr.

Bei Oschersleben, wo sie eine vorübergehende Bleibe im Haus einer Lehrerin gefunden hatten, gab es einen wasserführenden Kanal, den sogenannten „großen Graben“. Ihn zu durchqueren, das war der Weg in die Freiheit, der Weg in den Westen. Doch die Durchquerung des Grabens war lebensgefährlich, denn er wurde von bewaffneten Soldaten bewacht.

Es gab viele, die noch aus dem Osten nach drüben fliehen wollten; und meine Oma musste sich und zwei Kinder ernähren. So kam es also, dass meine Mutter im Alter von 5 Jahren in ihrem besten Kleid und schon damals ihrer Wirkung auf andere bewusst, einen russischen Soldaten becircte: „Du hast aber ein schönes Pferd… Darf ich das mal reiten?“, fragte sie, während sie innerlich vor Angst zitterte. Verzückt von dem süßen Mädel ließ der Soldat meine Mutter aufsitzen und führte das Pferd am Zügel entlang des Kanals. Er unterhielt sich mit ihr und erzählte ihr, dass er auch eine kleine Tochter habe und zeigte ihr Bilder von seiner Frau und seinen Kindern, die weit weg im fernen Russland lebten und die er sehr vermisste.

Unterdessen schlich meine Oma unbemerkt im Halbdunkel mit einem Gefolge von Flüchtlingen im Schlepptau durch den Graben. Sie mussten vorsichtig sein und durften sich nur langsam bewegen, um keine Geräusche im Wasser zu verursachen. Als meine Oma sicher von ihrer Mission zurückgekehrt war, sagte meine Mutter unvermittelt: „Tschüss, ich muss jetzt gehen“, sprang vom Pferd und lief in Richtung eines erleuchteten Bauernhofes, wo sie behauptet hatte zu wohnen. Auf halbem Weg drehte sie sich noch einmal um: „Morgen komme ich wieder!“ Der Soldat winkte ihr nach.

Die lange Reise, auf der meine Mutter ihre Kindheit verloren hatte, verschlug sie schließlich in das Siegerland. Der Empfang hätte kälter nicht sein können. Siegen war ausgebombt. Es gab schon für die Einheimischen zu wenige Wohnungen und das letzte was man jetzt noch gebrauchen konnte, waren Flüchtlinge.

Aber all dies gehörte zu der Zeit, als ich in Buschhütten das Licht der Welt erblickte, längst der Vergangenheit an. Man stürzte sich in das Wirtschaftswunder und nutzte die Chancen, die sich boten. Davon, dass in Deutschland noch 20 bis 25 Jahre zuvor ein Weltkrieg getobt hatte, war zu dieser Zeit nichts mehr zu spüren. Und vielleicht war das auch der Grund, weshalb wir Kinder, eine so unbeschwerte Zeit genießen durften. Es war die Zeit der 68er, der Befreiung und der Abkehr vom Spießertum der 50er-Jahre.

Manchmal erzählten einem alte Opas von ihren Kriegserlebnissen, doch es hörte sich eher nach einem riesigen Abenteuertrip an. Mein Pfälzer Opa berichtete von einem langen Marsch bei minus 50 Grad durch Russland bis in den Ural. „Dawei, dawei“…. weiter, weiter sagten die Russischen Soldaten immer wieder, denn wer hinfiel, der stand nicht wieder auf. Der Weg war gepflastert von Leichen.

Mein schlesischer Opa, der sich von meiner Oma getrennt hatte, weil er im Lazarett eine Krankenschwester kennengelernt hatte, erzählte, dass auch er in russische Gefangenschaft geraten war. Glücklicherweise sei er aber ein guter Schachspieler gewesen, und die Soldaten hätten immer mit ihm spielen wollen. So hat er sich schachspielend durchgeschlagen, für ein Butterbrot und Wodka.

Inzwischen sind schon 50 Jahre vergangen, in denen ich gefühlte 100 Mal umgezogen bin, in verschiedene Wohnungen und in verschiedene Städte wie Bonn, Berlin oder auch Baku.

Aber irgendwann zog es mich dann doch wieder zurück in meine Siegerländer Heimat, wo ich jetzt rein zufällig in derselben Buschhüttener Firma arbeite, in deren Werkswohnung mein Leben dereinst begann.

Die Sonne scheint nun in mein Corona-Homeoffice und aus der Bluetooth-Box tönt „Here comes the sun, and I say: It’s all right“. Alles ist gut – eines Tages – bestimmt…, denke ich. „Alles wird gut“, sagte meine Mutter immer.

„Sun, sun, sun, here it comes“.

Ich muss jetzt den Tisch decken. Meine Tochter kommt gleich aus der Schule. Meine Sonne.

More by Barbara Peveling

Die Wurst

Ich seh hier noch ganz andere Dinge, dat kannste mal glauben. Aber da halt ich ja nicht drauf. Weil, dat is nicht meine Arbeit. Wat is meine Arbeit? Den Laden am Laufen halten, so einfach. Wenn ich eins, zwei fuffzig sind dat, eins gelernt hab, Servietten da vorne, also wenn ich eins, aber gerne, dann is dat: Von selber läuft der nicht.

Ach, ich mach dat schon ne Weile. Lass es mal fünf Jahre sein. Aber verändert? Wat glaubste. Da ist dat nicht die Brangsche für. Corona, na klar! Da hatt ich auch zu gehabt. Aber ist ja vorbei. Kannste mal gucken. Wie die sich benehmen. Na, alle: Kein Mundschutz, kein Abstand, nix! Wie sagt man? Der Mensch ist vom Menschen der Wolf.

Stammgäste? Klar, gibbet. Aber warum kommen die? Weil du hier deine Ruhe hast. Is dat mitten in der Stadt? Na sicher. Is dat New York hier? Nee. Aber trotzdem wat los. Glaub mir mal. Und deshalb machen wir drinnen entspannt. Heiß und fettig, aber lässig. Sag ich jetzt so.

Mich kannste zitieren. Zwei siebzig sind dat! Aber lass mir die Leute in Ruh. Ich habe zu danken! Weil, die kommen ja, damit denen hier keiner. Ich sag mal: auf den Keks. Ob die mal wat erzählen? Sicher doch. Wenn du weg bist. Da bin ich auch mal Therapeut. Psychologe. Ich steh hier zwar am Grill. Aber oft näher dran als die Ehefrau.

Obwohl die eh nicht mehr dran ist. Dat is ja dat Problem. Bei den meisten. Wenn du verstehst. Tuste aber nicht. Biste noch zu jung für. Willste eine? Wieso? Und die? Jetzt sag nicht, du bist Vegetarier.

Jedenfalls. Wenn du wat wissen willst? Dat geht nicht so aus dem Stehgreif. Musst dich schon mit mir hinstellen, nen Tag oder zwei. Dann kannste dein Buch schreiben. Allein schon, wat hier alles ankommt! Lokalpolitik. Promis auch. Der Bürgermeister war da. Und die jungen Leute. Außer die Moslems. Obwohl, die auch. Aber nur nachts. War neulich einer da. Sagt der: Ich darfs niemand erzählen! Und so mit der Faust. Und ich: Junge, wem soll ich dat denn? Den Krakauern hier oder wat?

Geöffnet täglich von elf bis um zehn. Zwei Lange mit Senf, kommt sofort. Sonntags bis fünf. Und glaub mal, dat hier in der Früh schon Leute stehen. Der eine will Bierchen zischen. Der andere schon mal Pommes Schranke. Dauert aber ein Momentchen, bis dat Friteuse läuft. Hatte auch mal einen da, dem war es zu langsam. Der wollte Currywurst. Und ich: Ketchup geholt, aus dem Lager. Wenn ich wiederkomm, zählt der mir Scheine aufn Tisch. Zack, zack, zack. Wieviel willste. Ich kauf den Laden. Ich räum den auf. Sag ich, kannste knicken, ich sag: Zahl deine Wurst und dann Abmarsch. Weil, dat geht ja nicht. Weil, bin ja auch nur zur Miete.

Wat, Frauen? Dat nun nich. Oder wenig. Hin und wieder mal. Senf steht da vorne! Wurst ist Männersache. Aber du. Da kannste mit dem Kollegen sprechen, der hat die Bude beim Dings. Beim Industriegebiet. Und da ist auch. Ich sag mal: Gewerbe. Aber musste wissen. Der verkauft keine müde Thüringer, weil sowat können die Damen nicht mehr sehen. Der macht seinen Umsatz mit Schnappes. Sagt er.

Dat ist dat wahre Leben. Da weißte aber nix von. Vielleicht haste Glück. Dann kommt Omma nachher noch vorbei. Nicht meine Omma. Die heißt nur so. Die hat wat zu erzählen. Jeden Tag um eins dreißig steht die da. Bockwurst mit Brot.

Bis die irgendwann mal nicht mehr da war. Da hab ich gedacht: Jetzt ist sie hinüber. Und dann seh ich die ne Woche später da vorn den Gehweg runterwackeln. Ich sag, Omma, sag ich, Omma, wat is? Keine Bockwurst heute? Sagt die: Nee, dat schmeckt mir nicht mehr. Aber auf so ne Art. So ne Art, dat ich schon gemerkt hab.

Jetzt kriegt sie die Bockwurst umsonst. Und steht wieder da. Eins dreißig. Jeden Tag.

More by Tilman Strasser

partnertherapie ist zwingend notwendig!

melanie ließ den scheibenwischerarm mit einem saftigen schmatzen an die windschutzscheibe zurückschnalzen. zwischen wischerblatt und windschutzscheibe klemmte nun auf der fahrerseite mit der schriftseite nach unten ein kleiner weißer zettel. jens würde ihn sicher sehen, wenn er morgen – möglicherweise endgültig – ihre gemeinsame wohnung in erlangen verlassen würde.

sie hatten gestern schon wieder gestritten. viel heftiger als früher. das kam jetzt oft vor, seitdem ihr gemeinsamer sohn im frühjahr zum studieren nach münchen gezogen war und sie nun auf niemand mehr rücksicht nehmen mußten. nach dreiunddreißigjähriger routine aus maloche, haushalt und ehe hatten sie sich auseinandergelebt. melanie hatte schon lange geahnt, dass da was im busch war und vermutet, dass jens unter wasser schießt und diesmal nicht lockergelassen bis sie alles, aber auch wirklich alles, aus seinem mund erfahren hatte. und das war weit mehr als sie verkraften konnte. wie bei einem eisberg, bei dem der größte und gefährlichere teil unsichtbar unter der wasserlinie liegt, war sie mit ihm im schlepptau von der eisigen oberfläche ihrer erkalteten beziehung zu den dunklen abgründen getaucht, auf denen ihre marode beziehungskiste mit einem heftigen knirschen aufgelaufen war. das schiff war leck geschlagen, wasser an bord, jens und melanies titanic sank. langsam aber sicher und jetzt immer schneller.

jens hatte nicht nur einen kleinen seitensprung, nein sogar eine feste bettgeschichte und das mit ihrer besten freundin, zu der sie sich seit kindertagen innig verbunden gefühlt hatte. schon seit fast einem ganzen jahr ging das so mit den beiden. als er ihr dann noch gestand sich obendrein beim heimlichen bumsen in ute verliebt zu haben, war melanie wie eine wahnsinnige über ihn hergefallen. jens hatte ihre schläge kaum abgewehrt. schließlich hatte er eine abreibung verdient. aber was sollte er tun? bis zu seinem lebensende das haus abzahlen und sich dafür von seinem aufgeblasenen ausbeuterchef anbrüllen und rumschubbsen lassen und dann wieder abends nach hause zu seiner schwermütigen hausfrau mit der schon lange nix mehr lief… alles was früher einmal aufregend gewesen war war mittlerweile stinklangweilig und zur lästigen gewohnheit verkommen. sein inneres navi sagte: sackgasse – bitte wenden! oder mit vollgas gegen die wand…

jens war nach seiner schmerzhaften beichte wie ein geschlagener hund nach oben gegangen und hatte angefangen wortlos seinen buko* zu packen. wenn du jetzt zu IHR gehst, dann brauchst du dich hier nicht mehr sehen zu lassen! hatte sie ihm gedroht und dabei so fest die faust geballt bis ihre knöchel weiß hervortraten. und so hatte er heute im wohnzimmer übernachtet und sie sich im gemeinsamen schlafzimmer die augen ausgeheult voll trauer und wut über den gemeinen verrat. morgen früh würde er dann erstmal zu seinem alten kumpel kai zurück ins ruhrgebiet fahren für ein paar tage. hauptsache ihn erstmal nicht mehr sehen hier. aber sie hatte beschlossen ihm noch eine wichtige nachricht mit auf den weg zu geben…

melanie kramte schniefend in ihrer handtasche nach kuli und papier und fand dabei den abreißblock, den ihr heute nachmittag der sympathische apotheker von dechsendorf geschenkt hatte. der junge attraktive mann im weißen kittel hatte sie angelächelt und gefragt, ob sie neben dem ibu vielleicht noch ein paar taschentücher oder einen notizblock gebrauchen könnte. die taschentücher lagen nun vollgerotzt und zerknüllt zwischen den scherben der familienbilder, die sie vor empörung über den idioten und die falsche schlange an die ausgeblichene schlafzimmerwand geschmettert hatte. sie hatte sich irgendwann beruhigt, ihren kopf mit den unfrisierten haaren und grauen ansatz am scheitel auf die fadenscheinige bettwurst gelegt und traurig an die kahle zimmerdecke mit dem häßlichen wasserfleck gestarrt. gleich sollte auch der praktische notizblock mit dem aufdruck IHR ZUVERLÄSSIGER PARTNER FÜR IHREN PRAXISBEDARF seinen zweck erfüllen. ob sie morgen noch was aus der apotheke gebrauchen könnte und ob ER jetzt wohl einen mundschutz über seinem gewinnenden lächeln tragen würde?

jens hatte gestern noch in seiner verbannung eine halbe flasche seines geliebten single malts niedergemacht und war frühmorgens mit einem üblen kater aufgewacht. nein, kein alptraum, der absolute supergau, vor dem er immer so schiß gehabt hatte war eingetreten. nur gut dass melanie gestern schmerztabletten besorgt hatte… er stellte sich unter die dusche, zog sich rasch an und verzichtete sogar auf seinen morgenkaffee, dachte, das könne an der nächsten raststätte nacholen. pustekucken, pandemie- times, baby!

die haustür schloss sich hinter ihm mit einem satten endgültig klingenden geräusch. nach dem ehedramamief von drinnen tat ihm die frische morgenluft gut. jens atmete tief, stieß die verbrauchte luft mit einem tiefen seufzer wieder aus und übersah zunächst den zettel, als er in seinen wagen stieg. erst auf der autobahnzufahrt zur A3 entdeckte er melanies nachricht, die er für einen im wind flattertenden werbezettel gehalten hatte: kein wir, kein du, kein ich: PARTNERTHERAPIE IST ZWINGEND NOTWENDIG hatte sie für sie beide lapidar beschlossen und verkündet und die wichtigkeit ihrer fachfräulichen diagnose mit einem energischen ausrufezeichen unterstrichen. als ob man eine verunfallte ehe wie einen klapprigen wagen zur reparatur in die werkstatt bringen könnte. war es zum hohn oder aus gewohnheit, dass sie ihre sardonische nachricht mit LIEBE GRÜSSE gekröhnt hatte? ach, mellie! seufzte er wieder nachdenklich und tieftraurig. was ist nur aus uns geworden. er wurde sich plötzlich bewußt, wie sehr er sie immer noch liebte und hatte absolut keine ahnung, wie sie aus dieser scheiße wieder heil gemeinsam rauskommen sollten. für einen kurzen augenblick spielte er mit dem furchtbaren gedanken die augen zu schließen und mit vollgas gegen einen der betonbrückenpfeiler zu rasen. aber wozu? wer hätte das verdient? dann vielleicht sogar lieber erstmal partnertherapie versuchen? doch beim gedanken daran einem fremden menschen, womöglich noch so einer studierten klugscheißerischen, männerhassenden emanzentussi, ihre schmutzige ehewäsche auszubreiten drehte sich ihm sein knurrender magen um… und wie verdammt nochmal sollte er aus der nummer mit ute rauskommen!  bildete er sich doch ein, sich bei den heimlichen nummern in sie verguckt zu haben, oder vielleicht doch nur – verrannt?

irgendwann hatte jens die A45 erreicht und war ohne halt oder stau über die leere autobahn durchs siegersauerland gerast, dann wie immer in dortmund süd abgefahren und am stadion und rombergpark vorbei durch die fast leeren innenstadtstraßen in die weststadt gerollt. die adlerstraße war dank home office, kurzarbeit und quarantäne voll mit parkenden autos, aber er fand trotzdem eine parklücke nahe kais haustür. als er ausstieg klebte melanies zettel immer noch an der windschutzscheibe. jens erinnerte sich an das das große heupferd, das sich mit seinen saugnäpfen an den füßen erfolgreich an der windschutzscheibe festgeklammert hatte, als sie von einem grillfest im grünen in die stadt zurückgefahren waren. jens hob den den scheibenwischer leicht an und ein schwaches lüftchen erfaßte den treuen begleiter aus erlangen, das papierne zeugnis seiner verkackten ehe, das nun elegant mit der schriftseite nach oben indiskret auf den bürgersteig segelte.

die nette eckneipe in der adlerstraße, in der sie oft zusammen mit den anderen stammgästen am tresen gesessen hatten, war pandemiebedingt geschlossen, also hatten sie zwei mal pommes schranke mit curry bei kommarando bestellt und nach dem dritten lecker pilsken mit korn in kais knautschledernen sitzlandschaft hatte er seinem alten kumpel alles erzählt, was ihm auf dem herzen brannte. kai schüttelte den kopf! ausgerechnet ute – ute die stute! ob er nicht wüßte, dass kai auch mal mit ihr… so ein luder! mensch, jens, da haste dir was eingebrockt, junge junge… und was wollt ihr denn immer noch in dem scheißbayern? kommt endlich zurück in den pott! eine kurze zeit herrschte betrenes schweigen zwischen den alten freunden. dann hatten sie in nullkommanix kais laptop an die stereoanlage angeschlossen, ein neues bier am hals und spielten schon leicht angesoffen youtube-disco.

eben noch hatte kai max goldt den sänger von foyer des arts (es gibt so viel) wissenswertes über erlangen, jensens fränkische wahlheimat, höhnen lassen. goldt hatte sich in seiner studentenzeit seine holstener liesel auf finncrisp als fremdenführer in franken finanziert. danach schlug jens mit ihrer gemeinsam lieblingspotthymne versöhnliche töne an: wir sind das ruhrgebiet, die geile meile die dich glücklich macht röhrte wolle petry zu schlagerhaftem stadionrock. wie auf kommando gröhlten die beiden freunde lauthals mit und lagen sich in den armen als sie mit pipi in den augen wie derwische durch kais erdgeschosswohnung hoppsten. und hol‘ dir bloß den blöden zettel von mellie wieder! in meiner nachbarschaft lebt neuerdings ein asphaltbibliothekar, wer weiß was der damit anstellt, woll?

* beischlafutensilienkoffer

More by Brandstifter

Der Autor

Ah, Autor? Wat für Autos machense denn? Kleiner Scherz. So, jetzt hier mal Schuhe aus, und Kleingeld aus den Hosentaschen. Rest könnense anbehalten. Ich leg jetzt einmal die Nadel, dann haben wir nachher keinen Stress. Weil, wennse dann auf dem Bauch liegen, dann komm ich nit mehr gut ran. Und wenn dann der Doktor sagt, man sieht nix, wir brauchen Kontrastmittel? Ja, dann stehenwa da.
Welcher Arm isset denn? Der linke? Schreibense mit dem? Na, dann brauchense den doch gar nit.
Ja, dat is mir schon klar: Ein Autor schreibt. Gebense mir mal den anderen. Da pieksen wir. Wo tut’s überhaupt weh? Außen? Da?
Brauchense keine Sorgen haben. Mit dem Ding hier findenwa alles. Dat läuft mit 1,3 Tesla. Gibt schon welche, die laufen mit 7. Dat is aber dann eher für Gewebe. Wir wollen ja auf den Knochen raus.
Wat sindse denn jetzt so blass? Mögense keine Nadeln?
Autor also, so so so. Krimi wahrscheinlich! Oder Fantasy? Les ich ja alles nit. Ich les nur Science-Fiction. Kennense dat? Aber nit so nen Asimov-Scheiß.
Entschuldigung.
Aber hab ich ein Mal probiert. Mach ich nit nochmal. Ich les richtige Science-Fiction. Philip K. Dick. Kennense den? DAT is ein Schriftsteller.
Legense sich mal hier hin. Genau. Und nit erschrecken. Ich zieh jetzt mal an ihnen. Hau ruck!
Da habense sich ja doch erschreckt.
Philip K. Dick also. Dat K steht für Gefahr, sag ich immer. Wennse mal schreiben können wie der, dann würd ich auch wat von ihnen lesen. Aber wennse aus Köln kommen, dann müsstense doch eigentlich singen, oder? Hab ich so dat Gefühl. In Köln singen immer alle. Kommen doch alle Bands da her. Is bestimmt wegen Karneval. Haben wir hier natürlich auch, Karneval. Aber nit so. Nit so.
Und wie gefällt es ihnen auf dem Land? Is mal wat anderes, oder? Klar, muss man mögen. Aber die Stille, sag ich immer. Die Stille!
Philip K. Dick also. Und Harry Potter. Dat les ich auch noch. Obwohl das kein Science-Fiction is. Wat hab ich immer gesagt: Geh mir weg mit dem Scheiß.
Entschuldigung.
Aber geh mir weg. Und dann hat mir das trotzdem mal eine angeschleppt. Band drei. Der lag dann da. Und nur Fernsehen is ja auch nix, sag ich immer.
Jetzt nit mehr bewegen, bitte. Geht ja auch gar nit. Den haben wir gut eingepackt, wa? Den Arm.
Und dann hab ich dat gelesen, Harry Potter. Und soll ich ihnen mal wat sagen? DAT hat Substanz. Hier, mit diesen, wie heißen die. Mit diesen Dementoren. Sowat kann man nitt schreiben, wenn man dat nit erlebt hat. Also, nit jetzt das Zaubern und so, schon klar. Aber die sind ja, also, dat is ein Symbol, ich sag mal, dat geht schon eindeutig so in Richtung: Depression.
Ich mach ihnen jetzt noch die Kopfhörer auf. Dat is, weils gleich ein bisschen laut wird da drin. Aber da müssense sich auch keine Sorgen machen. Wennse mal auf einem Höhner-Konzert waren. Dat is dat gleiche. Habense gehört? HABENSE GEHÖRT? Kleiner Scherz.
Wat schauense denn? Sindse nervös?
Ich geb ihnen gleich mal hier dat Bällchen. Da könnense drücken. Wenn wat is.
Ich bin ganz in der Nähe.

So! Dat waret schon. War nit so schlimm, oder? Kommense mal her, stehense mal vorsichtig auf. Kontrastmittel habenwa nit gebraucht. Wennse mich fragen, is dat eh nur eine Sehnenscheidenentzündung. Da hat der Arzt nur nit richtig hingesehen. Kommt vor, kommt vor. Is leider so.
Ich würd ihnen gerade mal noch die Nadel rausmachen. Schön drücken. Dat gibt nen blauen Fleck. Aber dat kommt an bei den Damen, dat sag ich ihnen. Besser als dat mit dem Geschreibsel, wa? War nämlich bei Philip K. Dick auch immer dat Problem. Wennse mich fragen. Deswegen hat der sich auch den Schädel weggekloppt mit Drogen aller Art. Na, fürs Schreiben waret gut. Aber glücklich geworden is der auch nit. Dat machense hoffentlich besser. Ich würd mich freuen, wenn ich mal wat lese von ihnen. Werdense mal berühmt!
Wat schwitzense denn so?
Is doch vorbei jetzt.

More by Tilman Strasser

Der Tod III

(Teil I)
(Teil II)

Wir übernehmen Verantwortung für das, was wir tun. Und ich hab bisher noch nicht erlebt, dass wir dafür Ärger bekommen hätten. Wir machen den Menschen, die zu uns kommen, klar, dass der Prozess nicht einfach nur ein Abhaken von Punkten ist. Das geht schon damit los, dass der Verstorbene nicht sofort abgeholt werden muss. Wir glauben, dass jeder Ort immer nur der zweitbeste Ort gegenüber dem Zuhause sein kann. Räumen, mit denen ich vertraut bin, in denen ich alles habe, in denen ich mich heimisch fühle. Wir sprechen auch immer davon, der Trauer eine Heimat zu geben.
Wichtig ist: Man kann nichts falsch machen. Alles, was wir tun, haben Menschen in den letzten Millionen Jahren auch ganz gut ohne Bestattungsservice hingekriegt. Es geht darum, wieder vertraut zu sein mit der Materie. Deswegen ist es schwierig, dass manch ein Bestatter sofort sagt: Wir kommen gleich und holen den weg. Gesetzlich hat man hier 36 Stunden, kein Landesgesetz erlaubt mehr als 48, aber unserer Meinung nach können nur die Menschen, die jemanden verloren haben, uns sagen, wann sie soweit sind. Wann sie denjenigen weggeben können.
Wenn das bei jemandem drei Wochen dauert, dann dauert das eben drei Wochen. Dafür kriegt man von keinem Amtsarzt eine Genehmigung, aber es gibt auch genügend Fälle, in denen so etwas offiziell geduldet wurde. Bei unserem Altkanzler Kohl beispielsweise, als dessen Kinder Abschied nehmen wollten, hat es ja ein paar Anläufe gebraucht. Und als es dann klappte, war das vier Tage nach seinem Tod. Wenn jemand nicht eine ganz schlimm ansteckende Krankheit wie Ebola oder Milzbrand hatte, kann da nichts passieren. Und selbst dann herze ich meinen Verstorbenen vielleicht nicht, küsse ihn nicht mehr, aber ich kann ihn trotzdem sehen und berühren, wenn ich mich normal verhalte.

Leichengift ist ein Großstadtmythos

Dieses Leichengift jedenfalls? Ist ein Großstadtmythos. Klar, man sieht auch, wie der Verstorbene sich verändert. Aber nicht, wie das bei CSI, Bones, Walking Dead oder ähnlichen Sendungen ist, wo es vor allem auf gruselige Szenen ankommt. Ich denke an eine Familie aus dem Kreis Mettmann, die haben ihren Vater geschmückt, als der im Sommer gestorben ist. Blumen aus dem Garten geholt, ihn auf einen Tatami gelegt, tolle Bilder gemacht. So hatten sie ihn noch eine Weile da.
Da glauben wir an den Ausspruch unseres Vaters, dass der Tod Lehrmeister zum bürgerlichen Ungehorsam ist. Na, vielleicht ist das auch nicht von ihm, vielleicht hat er sich da beeinflussen lassen. Von Thoreau oder so. Wenn jedenfalls jemand das Gefühl hat, er oder sie braucht Hilfe, kommen wir direkt hinzu. Versorgen noch mal, auch gern mitten in der Nacht, wir kühlen. Wobei wir kein Freund von Einbalsamierungen oder Nähen sind. Wir versuchen auch, nicht zu schminken. Ein Toter soll nicht aussehen, als ob er gerade vom Strand von Ibiza käme.

Bepflanzung im Bestattungshaus. Foto: (c) promo

Nie wieder Frühstücksei

Ich? Ich habe einen Abschluss in BWL. Konnte noch ein bisschen Psychologie studieren, und ich habe eine Ausbildung als Trauerbegleiter, als Myroagoge. Dabei lernt man auch, dass man ein Stück weit wissen muss, was die eigenen Gefühle sind, damit man die anderer zulassen kann. Und sich abgrenzen kann. Ich habe immer gehört, dass unser Vorgänger hier die traurigste Person auf dem Friedhof war, ne? Und ich kenne auch viele Beispiele, bei denen der Bestatter seine Klienten, wir sagen lieber: Gäste, in den Arm genommen hat. Das geht nicht.
Heißt natürlich nicht, dass man nicht nah mit ihnen sein kann, dass da nicht auch eine Beziehung oder gar bleibende Freundschaft entsteht. Doch eben um diese Balance zu halten, denken wir, dass es eine Ausbildung braucht. Zugleich war unser großer Schatz immer, dass wir hier viele Seiteneinsteiger haben. Die kommen aus ganz anderen Bereichen. Wir schicken auch unsere Auszubildenden an tausend andere Orte, wo sie ihren Horizont weiten sollen. 
Ich zum Beispiel habe auch lange im Hotel gearbeitet, als Page. Ich hatte nie so viel Geld frei zur Verfügung wie als Page im Grand Hotel Schloss Bensberg. Doch, das war ganz gut! Und ich habe großen Respekt vor Service seitdem, ich will nie wieder jemandem ein Frühstücksei anbieten müssen. Aber an der Rezeption ging es immer um Gastlichkeit. Und darum geht es bei uns ja auch.

Friedhof am Supermarkt

Es gibt aber natürlich auch viele Unterschiede. Das, was wir hier machen, ist kein Angebot, das ich aus einem Katalog machen kann, ne? Das setzt auch voraus, dass wir das leben. Dass es hier nicht von acht bis fünf geht, sondern dass man ansprechbar ist, bereit ist, auch Sachen, die vorher nicht definiert werden können, mit Menschen anzugehen. Und nicht zu gucken: Oh, das haben wir jetzt aber gar nicht im Leistungsverzeichnis, schade. Und wir denken hier weiter. Neulich durfte ich zum Beispiel auf einer Konferenz sprechen, wo es auch darum ging, ob Friedhöfe überhaupt noch irgendeinen Sinn haben. Oder ob man sie alle zumachen sollte. Alle Friedhöfe haben heutzutage das Problem, dass sie gleich aussehen, dass sie zu viele Regeln haben, sie haben auch ganz große Leerbestände, die müssten alle defragmentiert werden, wie man jetzt sagt. Sind mal als große Gebiete angelegt worden, nach der französischen Besetzung durch Napoleon, nachdem man die Friedhöfe also nicht mehr direkt um die Kirche im Ort hatte. Aber eigentlich müsste der Friedhof heute am Rathausplatz sein, oder am Supermarkt, ne? Mitten in der Gesellschaft.

Wedding Planner? Stelle ich mir gruselig vor

Und zugleich darf das Bestattungswesen nie noch mehr werden wie eine Art Reisebüro. Das nimmt heute schon überhand. Wir empfinden es teilweise tatsächlich wie modernen Ablasshandel, dieses Aussuchen von Särgen – da legt man dann für die Zeit, die man vielleicht nicht mit dem Angehörigen verbracht hat, noch ein bisschen was drauf, da soll dann plötzlich alle perfekt sein. Nee. Da lasse ich mich doch lieber auf die persönliche Erfahrung ein, da begegne ich dem, was mich da erwartet, und mache mich davon frei, dass hier irgendwas perfekt sein muss. Ich kann mir keinen schöneren Job vorstellen.
Und wissen Sie, welchen ich niemals machen wollen würde? Wedding Planner. Mit allem darauf hin arbeiten, dass es dieser eine beste Tag des Lebens wird, und selbst wenn’s klappt, kann es danach nur noch schlechter werden … Also, das stelle ich mir ganz gruselig vor.

Kunstwerk im Bestattungshaus. Das goldene Band verbildlicht einen typischen Lebensweg. Foto: (c) promo

More by Tilman Strasser