Der Typ

Du, ich bin einfach nur froh, wenn ich heute hier rausgeh. Ich komm hier jeden Tag mit guter Laune. Sagen alle: Sonnenschein. Und so will ich auch wieder gehen.
Aber der Typ? Der Typ?!
Ich versteh ja alles erstmal. Vielleicht Drogen. Oder Familie. Sicher hat der es auch nicht leicht. Das ist aber noch kein Grund.
Nein, Doris, nein. Du machst dir keine Vorstellungen. Der vergrault mir die Leute. Das ist mal das erste. Und das zweite ist: Der riecht. Das hab ich denen auch gesagt. Ich so zum Ordnungsamt: Ich kann da gar nicht rangehen! Wobei, erstmal war ja immer noch Polizei.
Ich erstmal die Polizei angerufen, aber die Polizei kommt nicht raus. Die kommt einfach nicht raus, Doris, die kann nur Knollen eintreiben, sonst nichts! Aber Knollen eintreiben, das können die. Du, ich muss mal auf die Uhr gucken. Hab noch Pause, aber nicht mehr lang.
Jedenfalls, ich also dann Ordnungsamt angerufen. Und die sind auch gekommen, sechzehn Minuten später. Da hast du nur gehört: Mit dem kann man nicht umgehen, woll? Ja, vielen Dank, das hab ich auch schon gemerkt.
Die haben den dann weggeschickt. Eine Stunde, dann stand der wieder da. Wieder Krawall gemacht, wieder die Leute angeschrien. Unmöglich, Doris, unmöglich! Der macht da eine Riesenwelle. Ich sag ja, der tut mir auch leid.
Aber was das soll? Der steht mir direkt am Eingang! Ich so: Ist der von der Konkurrenz? Jetzt hab ich noch fünf Minuten. Dann muss ich wieder rein. Weiß nicht, was ich heute noch machen soll. Doris, mir ist ganz schwindlig!
Aber ja.
Aber ja.
Gibt immer zwei Seiten, woll?
Aber wenn vor deinem Laden einer ausrastet, über Stunden, da kriegst du es einfach mit der Angst.
Wir jedenfalls: Nochmal das Ordnungsamt. Und da geht keiner ran. Und wir: Wieder angerufen. Bescheid gesagt, Viertelstunde, kommt keiner. Und natürlich kommt auch sonst keiner mehr. Würd mich da auch nicht in die Nähe trauen.
Hab gedacht, nicht, dass der mir noch, ich weiß nicht, Doris, was ist mit den Leuten? Also wieder beim Ordnungsamt geklingelt. Kommt keiner, woll?
Nein.
Ich schwöre.
Ich. Schwöre. Es. Dir.
Doris! Die haben gesagt: keiner frei.
Wir schreiben jetzt einen Brief.
Wir schreiben einen Brief, der geht direkt an den Bürgermeister. Die Brigitte, die kennt sich da aus. Der geht ins Rathaus, bis ganz nach oben, und dann sehen wir mal. Hat die Brigitte gesagt. Und ich sag: Mir reichts für heute. Ich geh da nicht wieder rein. Doris, ich war gestern beim Arzt. Du weißt nie, wie lang das Leben noch geht. Schau dir die Jessica an. Der Jessica, der haben sie es letzte Woche einfach ins Gesicht gesagt. Was meinst du, wie sich ein Mensch da fühlt? Was meinst du, was da los war.
Ich hab morgen erstmal Friseur. Das ist auch nötig. Und dann sehen wir weiter. Da war nur noch ein Termin freu. Aber der geht ja in einer Stunde durch bei mir. Und wenn ich Montag wieder in den Laden komm, und wenn dann da immer noch der Typ ist, und wenn der dann immer noch schreit, dann weiß ich auch nicht, woll?
Ich mach jetzt Schluss.
Aber schnell, sonst guckt noch mein Chef.

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Die Kneipe

Ulli, pass auf, es ist so. 2019. Schon 2019 hab ich da manchmal mutterseelenallein am Tresen gesessen. Da kann ich mein Bier auch zuhause trinken. Setz ich mich vor den Spiegel, dann ist mehr los. Und billiger ist das auch.

Also komm mir nicht mit Corona. Corona haben alle gehabt. Aber da war schon vorher niemand, Ulli. Keine Sau. Und deshalb sag ich, der Lothar macht nicht mehr lang. Der macht nicht mehr lang, und das ist gut so. Der hat fertig, der Lothar. Weißt du, wie alt der ist? 60, 61, sowas. Und wenn die vergessen haben, dem in die Rentenkasse zu zahlen, was sie sehr wahrscheinlich vergessen haben: ein ganz armes Schwein. 

Naja, so ist das. Früher haben wir alle gedacht: Hallo, wir sind die Könige! Das ist halt vorbei. Aber Stammgäste nimmst du nicht aus, Ulli, dabei bleibt es. Die Stammgäste sind dein Kapital. Das hat der Lothar nie verstanden. Da hast du einmal dein Portemonnaie vergesssen, einmal schwach auf der Tasche, da ging der Hahn zu. Und deshalb ist da keiner mehr hin, mein Lieber. Corona, von wegen. 

Jetzt hat er es noch mit einer neuen Kellnerin versucht. Meint die, sie wär bildhübsch, hat sie selbst gesagt. Ich hab die ignoriert, mein Gott, es gibt schönere. Ist nicht meine Welle, sag ich zu meiner Frau. Ich sag: Zahl du bei der, und dann gehen wir. Und das haben wir gemacht. Und sind dann runter zu der neuen. Die gefällt mir ja nicht. Gar nicht gefällt die mir, schon das Interieur. Aber die nehmen für frisch Gezapftes einen Euro. Null vier! 

Klar, Ulli, klar. Das ist der Einstiegspreis. Aber so hab ich das auch bei der Gans erlebt, die waren ewig auf eins fuffzig. Die hatten da immer ein Dreißig-Liter-Fass. Und in zwei Stunden haben die locker zwölf Fässer durch. Dann hatten die mal die Brauerei gewechselt. Das ging auf eins siebzig, aber das hielt sich auch lange. Und jetzt sind sie auf zwei. Aber was krieg ich sonst für zwei? Nichts, Ulli, nichts! Ich will nur mein Bier trinken, in Remscheid. 

Und der Lothar, der versteht es einfach nicht. Der lässt ihn verkommen, den schönen Laden. Wirst sehen, am Ende steht der da, mit seiner Zicke von Kellnerin, und zählt aber die Penunze. Das wär früher nicht passiert. Als noch der eine die Kneipe gemacht hat, der eine mit dem Bart. Der, wo immer selbst noch die Leiter hoch ist. Weil oben der Fusel steht. 

Weißte doch selber, wie der heißt! Der ist jetzt in Günzburg. Günzburg, Ulli! So sind halt die Zeiten. Ich warte einfach darauf, dass der Lothar die Miete nicht mehr zusammenkriegt. Das ist bald soweit, und dann: Bing! Wechselt die Truppe. 

Der ist ja gar nicht Hauptpächter. Der Hauptpächter sitzt auf Malle. Ewig schon. Weiß aber keiner genaues. Ich war neulich auch da. Malle, mein ich. Geht ja jetzt wieder. Und was soll ich sagen! Weißt du selbst, Ulli, weißt du selbst. Die haben Kneipen. Schweden! Finnen! Deutsche! Iren! Holländer! Alle in einem Laden. Und was du sonst noch denken kannst. Pool. Billard. Dart. Wahnsinn. Nur essen kannst du da nicht. aber da musst du dich halt entscheiden. Ob du essen willst oder trinken, Ulli. Im Leben. 

Na. Wir wollen mal sehen, wie lange der Lothar es noch macht. Leid tut er mir schon, das geb ich zu. Aber ich hab’s ihm immer gesagt. Jetzt ist es zu spät. Jetzt kommt erstmal der Weihnachtsmarkt, mein Lieber. Und Weihnachtsmarkt, das ist ein Gemetzel, das weißt du. Da kommt keiner gut raus. 

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Zwischenruf: Schnipsel IV

Als Regionenschreiber ist man ja oft auf der Jagd. Nach DEM Satz, der wirklich etwas von der Umgebung erzählt, DEM Moment, in dem Menschen etwas offenbaren. Die Jagd macht müde. Deshalb setzt man sich. Und wenn man dann sitzt, ereignen sich Satz oder Moment manchmal völlig unvermittelt. Viel öfter noch ereignet sich gar nichts. Und am häufigsten ein Weder-Noch, das erstaunlich dringend aufgeschrieben sein will. Verstreute Notizen.
(Anm.: Auch eine liebgewonnene Gewohnheit vom letzten Mal; Schnipsel I & Schnipsel II, Schnipsel III)

Remscheid, Alleestraße. Die Dame, die sich vom Stuhl hievt, den Tisch umkurvt, ihren Rollator stehenlässt, die rüstig zum Eingang des Backshops wackelt und durch die Tür ruft: „Hallo! Chef! Eine Bestellung!“
„Selbstbedienung!“, kommt es von drinnen.
Die Dame prustet: „Nö, dafür bin ich zu alt.“

Remscheid, Theodor-Heuss-Platz. „Spielt ihr hier richtig Basketball oder nur just for fun?“ Der Mann quatscht die zwei Jungs an, die auf den Korb am Remscheider Löwen werfen. Das heißt, sie haben geworfen – bis die noch winzige Tochter des Mannes im pinken Anorak den Ball geschnappt hat und hinweggewetzt ist. Sie spielten schon richtig, sagen die Jungs unwohl und blicken ihrem Ball hinterher, den das Mädchen nun Richtung Allee-Center trägt. Ihre Mutter läuft ihr hinterher und versucht die Kleine sanft zu überreden, das fremde Spielgerät wieder herzugeben. „Welche Position?“, fragt der Mann die Jungs fachmännisch, „Ah, Point Guard, verstehe“, sagt er, „Ist gut, wie ihr das spielt“, sagt er, „sehr, sehr gut.“ Die Jungs nicken zunehmend unwohl, der eine dreht sich zum wiederholten Mal nach ihrem Ball um, als ein Schrei ertönt, gleich darauf die Tochter auf dem Arm der Mutter zurückkommt, die Mutter ruft: „Jetzt ist Alarm!“ Die Jungs wollen wissen, wo ihr Ball geblieben ist. „Na, vielleicht macht ihr mal Schluss für heute“, sagt der Mann, räuspert sich und geht im Stechschritt davon.

Remscheid, Peterstraße. Eine junge Frau versucht, einen Pekinesen zu bändigen. Das Tier springt an ihr hoch, schüttelt den Pelz, schnappt übermütig nach Frauchens Händen. Zwei Passanten bleiben stehen und finden den Hund putzig und süß. Die Frau fährt entnervt herum: „Mich können‘se auch mal anfeuern, danke!“

Remscheid, Carl-Friedrich-Straße. Zwei Schüler grinsen über das ganze Gesicht und zeigen dabei hervorragend justierte Zahnspangen. Der eine hält ihnen ein Handy vor die Gesichter, sie hören einer Stimme zu, ihr Grinsen wird immer breiter dabei. Das silberne Blitzen des eingespeichelten Metalls, bis der andere, er hat einen kiffenden Teddybär auf dem Pullover, die Handystimme schließlich auflachend unterbricht: „Klar, wahrscheinlich. Dann bin ich jetzt plötzlich so einer, der mit einer Zwei nicht mehr zufrieden ist?“

Remscheid, Gewerbeschulstraße. Zwei Schülerinnen, dick geschminkt, noch dicker angezogen, schlurfen der überraschend prallen Sonne entgegen. Der einen verläuft der Mascara: „Sind wir in zehn Minuten am Rathaus oder was meinst du?“ Die andere zieht an ihrem Seidenschal: „Keine Ahnung, in dem Tempo bleiben wir hier.“

Remscheid, Hindenburgstraße. Der glatzköpfige Mann mit verkniffenen Augen, der an der Bushaltestelle lehnt. Er lässt Bus um Bus um Bus vorbeiziehen, ohne sich auch nur umzudrehen. Das weiße Shirt platzt ihm fast über dem Bauch, er hat es trotzdem in die Hose gesteckt, Tätowierungen quellen aus den Ärmeln und dem Halsausschnitt. Sein Gesicht ist rot, und als die Kellnerin des nahen Cafés aus der Tür kommt, durchzuckt es ihn plötzlich: „Ey, ey, ey!“ Er brüllt, er zeigt auf die Teller, er zeigt auf die Kinder, die die Teller bekommen, alle starren ihn an, er sagt leiser: „Lecker Waffeln.“

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Zwischenruf: Schnipsel

Als Regionenschreiber ist man ja oft auf der Jagd. Nach DEM Satz, der wirklich etwas von der Umgebung erzählt, DEM Moment, in dem Menschen etwas offenbaren. Die Jagd macht müde. Deshalb setzt man sich. Und wenn man dann sitzt, ereignen sich Satz oder Moment manchmal völlig unvermittelt. Viel öfter noch ereignet sich gar nichts. Und am häufigsten ein Weder-Noch, das erstaunlich dringend aufgeschrieben sein will. Verstreute Notizen.

Blecher, Talweg. Zwei Jungs in Jeansjacken, die mit Fingern auf das staubige Fenster eines verlassenen Hauses malen. Sie kichern sich zu, der eine vollendet sein Werk mit gekünsteltem Schwung, während der andere ihn vor Aufregung zu boxen beginnt: Schnell, mach schnell! Ihre Gelfrisuren glitzern in der Sonne, endlich ist der größere fertig, sie sprinten los, noch im Rennen platzt Gelächter aus ihnen, ein Kieselstein springt ins Gebüsch. Auf dem staubigen Fenster ein Herz, darin steht: Anna + Nils.

Solingen, Hügelstraße. Die Katze, die den Notierenden mustert, gemessen an ihm vorbeischreitet, noch den Kopf dreht, als sie fast schon an der nächsten Ecke ist, als bliebe sie zu gern auf ein Schwätzchen, würde aber leider dringend andernorts gebraucht.

Remscheid, Am Bahnhof. Vor dem Schaufenster sprechen zwei Mädchen über die darin ausgestellten Handyhüllen. Sie zeigen auf einzelne und lachen schrill und sind sich einig, dass sie süß oder fake oder voll eklig sind. Ein junger Mann tritt aus dem Laden und beschäftigt sich abschätzig mit seiner Zigarette. Er raucht ein paar Züge, die Mädchen mustern ihn. Als er fast fertig geraucht hat, geht er kurz ins Geschäft und kommt mit einer der Handyhüllen aus dem Schaufenster wieder. Er geht zu dem linken der beiden, die etwas längere, glatt-glänzende Haare hat, und sagt: Schenk ich dir. Das Mädchen sieht auf das Produkt hinab, ein Gummilappen mit Flausch, dann sieht es die Freundin an, mit Wimpern, so schwarz und lang, als könnten sie Entschuldigungen zufächeln. Sie fächelt, flüstert fast: Ey, ich hasse die Farbe.

Hochdahl, Hildener Straße. Der BMW, goldbraun, fabrikneuer Glanz, der an den Straßenrand rangiert, als handele es sich um eine denkbar knappe Parklücke (obwohl weit und breit kein anderes Auto steht). Der Mann, der aussteigt und sich Staub von der Kleidung wedelt, er wedelt an sich hinunter, hinauf, noch einmal hinab. Kein Körnchen zu sehen. Dann schließt er die Tür, worauf der Kofferraum aufgleitet, welchem er eine Yogamatte entnimmt. Der Kofferraum gleitet wieder zu, und nach beiden Seiten winkend gehen Mann und Matte ab.

Mettmann, Jubiläumsplatz. Auf der Bank einer Bushaltestelle ein junger Mann mit raspelkurzen Haaren, daneben ein hagerer alter mit ballonseidenem Trainingsanzug. Der junge erzählt, dass er nicht mehr jeden Tag Bier trinken könne, am Jubi, dass er auch mit dem Scheiß aufhören müsse, dass er die Bude aufgeräumt habe, dass die Sachbearbeiterin ihm ein Merkblatt mitgegeben habe, ein Merkblatt, sagt er, an das er sich halte. Er spricht von Perspektive und dass er diesmal durchziehen wolle, er wiederholt, durchziehen, er fügt hinzu, er habe jetzt ein paar Jahre die Zügel schleifen lassen, aber das sei nicht das Ende der Welt. Der alte trinkt Bier und nickt und trinkt und raucht und trinkt und nickt und unterbricht und fragt: Haste noch eins?

Odenthal, Johann-Heck-Straße. Ein Mann mit karierten Hosen stampft aus der Tür. Er blickt um sich, dann läuft er auf einen Wagen zu, packt den Griff, rupft aus dem Inneren ein Päckchen Zigaretten. Er steckt sich eine an, pafft drei Züge, hält dann die Luft an und blickt in den Himmel. Als er den Rauch wieder auspustet, ist kaum mehr etwas davon zu erkennen, als hätten sich die Schwaden in seinem Inneren abgesetzt. Zufrieden hustet er zweimal.

Grund, Grunder Schulweg. Eine Frau mit metallisch gewellter Frisur beugt sich über ein Hochbeet voller Salatköpfe. Mit einem Schäufelchen stochert sie vorsichtig große Radien um die Pflanzen herum. Dabei spricht sie in beruhigendem Ton auf die Blätter hernieder, als müsste sie Pferde bändigen, zärtlich reibt sie einen Lollo rosso zwischen den Fingern. Als sie den Beobachter bemerkt, hält sie die Luft an, dreht dann ruckartig den Kopf und führt ihr Gespräch fort wie nach unterbrochener Verbindung.

Mettmann, Goldberger Mühle. Zwei Gestalten waten ans Ufer des Bachs durch den zähen Moorschlamm Routine. Sie sind mit Fremdheit aneinander gebunden, wie das nur Vater und Sohn gelingt. Der Vater trägt Latzhose und einen Pullover mit greller Aufschrift, der Sohn Baseballkappe und darunter fettiges Haar. Am Rand des Wassers angekommen, zücken sie Angelruten und entfernen sich voneinander. Eine Gruppe Enten gleitet tuschelnd davon. Der Sohn wirft die Angel aus, lässt sie zurücksurren, sein Blick milchig vor Pubertät. Wenn der Vater ihm etwas zuruft, unverständliche Silben, dreht er sich mit einer Schwere um, in der Verzweiflung über die Existenz des Elternteils aufglimmt, sie scheint ihm selbst vor dem Beobachter peinlich zu sein. So angeln sie beide eine halbe Stunde lang, gehen ein paar Schritte hin, ein paar her, achten darauf, einander niemals zu nahe zu kommen, keiner fängt einen Fisch. Dann nickt der Vater dem Wasser zu. Er tritt den Rückzug an, der Sohn folgt ihm, ihre Ruten tragen sie auf der Schulter. Die Enten haben sich in der Mitte des Bachs versammelt, das Schnattern eingestellt, sie blicken den beiden staunend hinterher.

Erkrath, Neandertal. Wie ich das Handy an den Computer anschließe, um rasch ein paar Bilder von meinen Ausflügen auf die Festplatte zu ziehen. Wie es mir entgleitet, zwischen die Sofakissen rutscht und auf dem Boden aufschlägt. Wie ich es an seinem Ladekabel vorsichtig wieder aus dem vergessenen Reich unter dem Polstermöbel hervor bugsiere, vorbei an Beinen, über Teppichkanten hinweg. Wie ich es schließlich hervorziehe und mich das Display anblinkt, staubig und staunend wie ein erwachtes Kind.

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Vergangenheit oder Zukunft?

Ich stehe vor einer Familie, der besonderen Art. Eine Mutter, ein Vater und ein Kind. Sie tragen alle moderne Kleidung und haben dabei ideale Maße. Die drei haben sehr markante, schöne Gesichter, die Frisuren sitzen. Schaut man zu lange hin, möchte man etwas kaufen. Doch es fällt auf, keine der Schaufensterpuppen lächelt, nur ein müder Blick und dann spricht der Konsum in ernsten Worten zu uns.

«Guten Tag, kann ich Ihnen helfen?»

«Ja, lassen Sie mich in Ruhe!»

Nicht nur in den Ladengeschäften wird man mit dieser Modellwelt konfrontiert, alle paar Meter finden sich auf den Gängen der heiligen Hallen des Allee Centers kleine Inseln, hier wie da, das gleiche Bild.

Diesem Bild entspringt jedoch ein Kontrast, denn wir befinden uns nicht in irgendeiner Parallelwelt, sondern im von den Remscheidern liebevoll als Rollator-City getauften Einkaufszentrum. Und während dort einerseits die Zukunft zu uns spricht, in Form der nächste Winterjacke und des trendigen Kaschmirschals aus dem indischen Himalaja, da spricht auch die Vergangenheit zu uns und schiebt vierrädrige Stützgestelle vor sich her.

Übersee dachten sich die windigen Amerikaner in den 1950er Jahren das Konzept der Mall aus: Mit dem Auto von der eigenen Haustüre bis zur Pforte des Einkaufszentrums und unter einem Dach den ganzen Konsumrausch durch die Adern jagen.

Und der Amerikaner sah, dass es gut war. Er exportierte das Modell „Mall“ in alle Ecken dieser Welt, einmal stand ich in einer in Thailand, eine klimatisierte Oase im Großstadtjungle Bangkoks. In Remscheid sprang der Funke sofort über, der Himmel ist undicht, man geht seine Runden also nun unter Dach und die stummen Vorbildsfamilien schauen einem dabei zu.

Ich treffe Maria, sie ist schon 99 Jahre alt, sie sitzt fast täglich hier und sieht für ihr Alter unheimlich vital aus, hat rosige Backen und trägt ein ordentliches Kostüm. Maria wurde im Kaiserreich geboren. Eine Frau mit grünem Haar läuft an uns vorbei, Maria geht das Herz auf. Damals, erzählt sie, wäre das nicht möglich gewesen, da war es Frauen nicht einmal erlaubt zu rauchen. Vielleicht ist das ihr Geheimnis für ein langes Leben. Viel Bewegung gehöre aber auch dazu. Dafür eignet sich das Allee-Center vortrefflich, bei Wind und Wetter, hier trifft man sich und kann beobachten. Einkaufszentren, der lang gesuchte Jungbrunnen?

Das ginge nun zu weit, aber eine Symbiose bilden sie schon, die älteren Menschen und das Einkaufszentrum. Sind wir jetzt in der Zukunft oder in der Vergangenheit?

Doch ich möchte natürlich mehr von Remscheid sehen und die Parallelwelt Einkaufszentrum schaut ja doch überall gleich aus. Also hole ich mir ein Bier im Real und folge den Infoschildern zum Ausgang.

Die Allee Straße liegt zu Füßen des Einkaufszentrums und strotzt weniger vor Leben. Über den wenigen Menschen, die sich hier tummeln, hängen Regenschirme, der Anblick ist nett. Zu beiden Flanken der Allee stehen die Bäume häufig vor verschlossener Türe. In der Spiegelung der Scheibe steht der Baum ein zweites Mal, hinter der Scheibe nichts. Ein Dönerladen dreht kein Fleisch mehr im Kreis und auch die Händchenrotation hat ein Ende gefunden. Die übrig gebliebenen Geschäfte, es ist ein trauriges Fazit, sind ebenfalls allerorts die gleichen. Darunter jene Läden, die ihr Glück nur für einen Euro in die Welt tragen, außerdem Banken, Mobilfunkexperten, Wettbüros, Friseure und nicht zu vergessen, ein wenig individueller: Eiscafés.

Bei mir hat das Konzept von Eiscafés bereits als Kind nicht so recht eingeschlagen, also lange bevor ich Kaffee zu schätzen wusste und noch gerne Eis aß. Plastikstühle, Plastiktischdecke und ein viel zu langer Löffel, der nach Metall schmeckte. Das ist meine erste Erinnerung an Eiscafé Riviera. Was ich immer gut fand, waren die italienischen Ladenbesitzer und deren überzeugende, wie übertriebene Herzlichkeit; als sei eben alles Spaghettieis. Und außerdem, was zählt schon meine Meinung? Denn spaziert man die Alleestraße zum Markt, stellt man fest, dass diese Eiscafés quasi the last man standing sind. Während überall Ladenlokale und Geschäfte jeder Art schließen, floriert das Geschäft mit der Kaltspeise und die Leute essen fleißig weiter aus der Waffel und lassen sich das Dolce Vita eintrichtern.

Das Schicksal Leerstand teilen viele Städte, der Einzelhandel unterliegt, wie viele andere Aspekte unseres Lebens, einem enormen Wandel. Den neuseeländischen Apfel kauft man beim Discounter. Die neuste Jeans bei Maria im Einkaufszentrum. Die mit dem Mobilfunktelefon gesteuerte Flug Drohne im Online-Buchhandel. Und als sei das nicht schon schlimm genug, kommt noch dieser demographische Wandel dazu: Die Gesellschaft wird älter und die Jungen ziehen weg. Die gute alte Einkaufsstraße schreit verzweifelt um Hilfe. Was kann man tun?

Das fragt sich auch StadtBauKultur NRW, ein gemeinnütziger Verein und eine Initiative des Landes in Zusammenarbeit mit Berufsverbänden. Also tauche ich ein, nehme an einer Führung der aktuellen Ausstellung in der Alleestraße teil und verliere mich schnell in wohlklingenden Sätzen. Als eine gute Stunde vorbei ist, stehe ich mit einigen Visitenkarten in der Hand und nachhallenden Abkürzungen und Fachjargon im Kopf alleine auf der Allee Straße; es ist kalt. Auf dem kleinen Prospekt, das man mir gab, steht in weißen Lettern auf blauem Grund der Slogan: Gute Geschäfte. Was kommt nach dem Einzelhandel? Die Frage bleibt unbeantwortet. Nicht, das sie einfach zu beantworten sei, geht es jedoch um einen Wandel und die dazu benötigte Flexibilität, ist die Politik vielleicht nicht der beste Ansprechpartner.

Und der Wandel ist nicht zu leugnen: Die Abwanderung, vor allem jener wichtigen 25-45 Jährigen, nahm stetig zu und hätte Remscheid bald unter die Grenze einer Großstadt mit 100.000 Einwohner zurückgeworfen. Wäre da nicht die Migration. Sie haben richtig verstanden! Einwanderung – Positiv. Man muss es heut zutage wohl so klar sagen.

Denn seit dem Jahr 2012 federn Menschen mit Migrationshintergrund, die nach Remscheid ziehen diesen Einwohnerschwund ab und führten 2014 erstmals wieder zu einem positiven Wandersaldo, also mehr Ein- als Auswanderung.

Nun ja, ich stehe also auf der Alleestraße, habe alle das im Kopf und eine Familie läuft an mir vorbei, sie sprechen türkisch, die zwei Kindern sind aufgeweckt. Auf dem Rückweg zum Auto gehe ich in Richtung des Allee Centers und komme noch einmal an den Leerständen vorbei. Auf halber Strecke fühle ich mich, als sei ich zwischen die Vergangenheit und die Zukunft geraten, die beiden ziehen an mir und die Gegenwart schaut hilflos dabei zu.

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