Besuch

Beim Eintreten klackern die Fliesen sehr leise, als hätten sie ein Geheimnis zu bewahren. Mit ihrem Muster aus ockerroten Kreisen und blauen Kanten sind sie bestimmt schon sehr alt, genau wie das ganze Gebäude überhaupt. Die weite ausladende Holztreppe knarrt schon beim Ansehen und die dicken Steinwände werfen eine beruhigende Kälte ab. Ich bewundere die blauweiß bemalten Fliesen in der Küche und lasse mir den Raum zeigen, indem sie als Jungs geschlafen haben.

Den Kamin gab es damals nicht. Es zog durch die Fenster und im Winter muss es sehr kalt in der Villa Haase gewesen sein. Viele Leute wohnten damals in dem Haus, die zum Arbeiten herkamen, weiterzogen, alle teilten sich ein Badezimmer. Duschen, das durfte man sowieso nur einmal in der Woche.

Ich laufe um das Gebäude herum, mache Fotos und stehe lange vor der schweren Eingangstür aus Massivholz. Heute ist der Eingang mit antiken Möbeln verbarrikadiert. Früher aber heißt es, sind sie immer dadurch hineingelaufen.

Ich stehe, knipse mit meinem I-Phone und versuche mir vorzustellen, wie er dort die paar Stufen hinaufgesprungen ist, die dicke braune Holztür zur Seite schob und über den Fliesenboden ins Haus lief. Von alten Bildern weiß ich, dass er immer viel lachte. Auf einem der vergilbten Fotos hält er ein Schwein an den Hinterläufen wie eine Schubkarre. Ob das wohl hier in Rönsahl aufgenommen wurde? Lange stehe ich vor dem Eingang, und bekomme trotzdem kein lebendiges Bild. Die Mauern halten die Erinnerung in sich gefangen, wollen das Mysterium nicht preisgeben, die Vergangenheit gehört ihnen, nicht mir. Sie haben das Vergangene auf immer in sich eingeschlossen. Die Historie sitzt in den kalten Wänden, klackert in den Fliesen, knarrt im Holz der Treppe und bleibt doch wo sie ist, gefangen im Lauf der Zeit. Sie weigert sich heraus zu kommen, auch nicht durch die Linse meines I-Phones. Sie will nicht in meine Bilder und so in meinen Kopf klettern. Sie gehört sich selbst, wie das Flüstern der Wellen im Meer, das Rauschen des Windes, der über das Wasser peitscht oder das Kreischen der Möwen, die über dem Kadaver eines toten Fisches kreisen. Die Erinnerung bleibt wo sie ist, und kommt nicht zu mir, um sich zu offenbaren. Mein Vater war hier an diesem Ort als Junge, fast noch ein Kind, um seine Lehre in der Landwirtschaft zu machen. Praktikum steht heute noch auf dem Zeugnis, das eines der wenigen Dokumente ist, die ich noch von ihm habe. Papier ist geduldig, sagt man, und so verrät mir das Papier, mehr als die Steine von sich geben wollen.

Das Leben meines Vaters ist ein Logbuch geworden, dessen eingetragene Orte ich zwar bereisen kann wie Station auf einem Fahrplan, aber seine erlebte Geschichte entschlüsselt sich mir nicht. Er ist schon so lange tot, trotzdem kann nicht aufhören an ihn zu denken, mir vorzustellen, was für ein Mensch er wohl war. Ich suche seinen Blick in den Augen meiner Kinder, sein Wesen in ihrem Lachen, seine Gestalt in der Farbe ihrer Haare, ihrer Haut, selbst bei der Form ihrer Hände, frage ich mich ob die seinen wohl auch so schmal waren, wie die meiner Kinder heute. Könnt ihr euch vorstellen, erzähle ich ihnen, dass mein Vater gerade erst von der Volksschule kam, als er von zu Hause fort und ganz allein zum Arbeiten bei Verwandten hierher nach Rönsahl geschickt wurde.

Dass dieses Fortschicken eine gängige Praxis war, habe ich erst jetzt, im Stipendium in Südwestfalen gelernt. Auch noch nach dem Krieg wurden Kinder von der Kernfamilie fort zu Verwandten geschickt. Nicht wenige Menschen sind mir begegnet, die erzählen, wie sie mit vierzehn, zwölf, sogar mit sechs von zu Hause fort zu irgendwelchen Tanten und Onkels geschickt wurden, um dort in die Schule zu gehen, eine Lehre, oder Ausbildung zu machen, oft, um in der Landwirtschaft zu arbeiten. Die heute so diskutierte Auslagerung der Care Chains bekommt dabei eine ganz neue Dimension. Die aufnehmenden Tanten und Onkels wurden wahrscheinlich mit der Arbeitskraft dafür bezahlt, noch einen weiteren Esser in ihr Haus aufzunehmen und an die Gewalt, physisch und psychisch, die diese Generation von Nachkriegskindern auf dem Land erfahren musste, will ich gar nicht denken. Es sind unsere Eltern und Großeltern. Menschen, die nach dem Krieg das Land mit ihrer Arbeit wieder aufgebaut haben.

Als sehr junge Frau habe ich mich oft dafür geschämt, keinen lebenden Vater mehr zu haben. Er hat mir gefehlt, als die anderen Mädchen mit ihren Vätern beim Abiball tanzten. Ich habe ihn vermisst, als sich Freundinnen im Studium bitterlich über ihre Väter beschwerten. Über ihre Verbote, Gebote, ihre ständige Abwesenheit in der Kindheit, sogar die Kritik am weiblichen Körper, wie es sich die anderen Väter bei ihren Töchtern erlaubten, hat mir gefehlt. Für mich gab es kein Gegenüber, an dem ich mich hätte reiben können. Keine Stimme, die mich lobte, ermutigte oder tröstete. Niemanden, den ich vorzeigen konnte, der vielleicht ein Reisebüro oder eine Versicherung hatte, der in der Politik war, Jurist, oder sogar Diplomat. Mein Vater war Agraringenieur, Landwirt, ein Bauer, mehr nicht, und das sogar ohne Hof. Aus heutiger Sicht würde man wohl sagen, es hat überhaupt nur Verlierer gegeben in der Landwirtschaft, alles was nach den fünfziger Jahren auf diesem Sektor überhaupt geschah und noch heute geschieht, war ein sehr großes Desaster und ist es noch immer, wenn wir weiter, zum Beispiel an die Verhältnisse in heutigen Schlachtbetrieben denken. Doch in Rönsahl ist an diesem Tag wenig von den großen Problemen der Welt zu spüren, der ehemalige Kälberstall der Villa Haase wird heute für Antik-Handel benutzt. Die Zeit scheint hier, wie an vielen Orten in Südwestfalen, auf eine angenehme Weise stehengeblieben. Als hätte jemand im schönsten Moment den Film angehalten und auf Standbild gestellt.

Die Villen zeugen von dem früheren Wohlstand, der glorreichen Zeit der Schießpulverindustrie in und um Rönsahl und Ohl. Seit dem Dreißigjährigen Krieg stieg die Nutzung von Schwarzpulver in der Region rapide an, auch beeinflusst durch in dieser Zeit aufblühenden Bergbau. Erst als die rauchlosen Pulver das Schwarzpulver ablösten ging die Ära der Pulvermacher vorüber, wurden die Fabriken stillgelegt und die Gebäude verlassen

In Rönsahl, heißt es, gab es noch vor Köln eine elektrische Straßenbeleuchtung. Zu der Villa Haase gehört die historische Brennerei, die von dem Landwirt Wilhelm Haase 1870/71 errichtet wurde. Die historischen Daten sind Hieroglyphen, die die Geschichte des Ortes entschlüsseln. Der preußische Einfluss in der Region, der Krieg mit Frankreich, das alles steht im Hintergrund dieser schönen und imposanten Gebäude. Die Gebäude und Orte zu besuchen, ist wie in einem Geschichtsbuch zu blättern. Roland Barthes definierte den geographischen Raum als „discours“, als „écriture“, aus der wir die Geschichte herauslesen können. Während ich durch die „Chronik aus Stein“ in Rönsahl spaziere, muss ich mir eingestehen, dass mir Orte, Landschaften und Gebäude die Geschichte nur über Strukturen und Daten kommunizieren. Die Emotionen der Menschen, ihr Lachen oder Weinen, alle Lebendigkeit ist im Laufe der Zeit verloren, verschlossen im Stein, vergangen im Lauf des Wassers, mit dem Wind davongetrieben wie ein Samenkorn. Die Gefühle bleiben eingeschlossen und können nur über Worte, geschriebene oder erzählte, wieder zurück in die Gegenwart geholt und kommuniziert werden. Und so lese ich, unaufhörlich, höre zu und schreibe, um alles, was sich noch unter dem Klackern der Fliesen, im Wind und den Steinen verbirgt, in die Gegenwart zu holen und lebendig zu machen.

Die Villa Haase

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Unterwegs im vestimentären Feld

Mein Kleidungsstil ist keinesfalls modisch, eher lässig und ungezwungen. Nicht besonders schick, ist ein Kommentar, an das ich mich gewöhnt habe, lange schon. Ein Statement zu meiner Person, ihrem Auftreten, dass ich eigentlich als Teil meiner Identität integriert habe, das, was mich ausmacht, nicht besonders elegant, eher natürlich, selbstverständlich. Zugegeben, Nagellack juckt mir die Fingernägel, vom Kajal tränen meine Augen, der Lippenstift klebt und Lidschatten kratzt mich. Die Differenz von gestylter Schönheit leben, statt aufgebrezelt aus der Haustür zu stürzen zog ich lieber frei nach Curt Kobain come as you are vor und habe immer geglaubt, es sei mein Markenzeichen.

Als ich kürzlich mit meiner selbstgebastelten Atemmaske unterwegs war und auf meinem Fahrrad vor einer roten Ampel wartete, ging ein Herr mit Industriemaske ausgerüstet an mir vorbei. Seine weibliche Begleitung trug auch eine Stoffmaske, allerdings mit sichtbar besserer Nähqualität als meine.

So eine Bastelei, stöhnte der Herr, als er schon an mir vorbei war und glaubte, ich würde ihn nicht mehr hören können. Am liebsten wäre ich vom Fahrrad gesprungen, um ihm oder mir die Maske herunter zu reißen und diese vor seinen Augen zu zerreißen.

Aber die Ampel sprang auf Grün und ich fuhr weiter, mich jedes Mal, wenn ich in die Pedale trat, fragend, ob ich nochmal den Mut haben würde, meine Maske zu tragen.

Ich fühlte mich zurückversetzt in die Zeit, als ich aus Südwestfalen nach Bonn gezogen war und dort als Jugendliche auf eine neue Schule ging. Wie hatten die aus der Stadt damals über meinen Kleidungsstil, meine neongelben Radlerhosen gelacht!

Die Beziehungen zwischen Kleidung und Welt sind vielfältig. Der Modeaspekt ist stets implizit enthalten. Für Roland Barthes bilden Kleidung und Mode ein ebenso komplexes System wie unsere Sprache.

Zusammengesetzt aus Zeichen und Kommunikation ergibt sich eine Matrix, von der auch der Träger abhängig ist. Unser persönlicher Stil ist niemals frei von der sozialen Welt, die uns umgibt.

Das Wort Trachten kommt von dem Verb tragen und nichts eignet sich besser, darzustellen, wie sehr unser Kleidungstil auf einem Zeichensystem beruht, das wie unsere Sprache zur Kommunikation dient. Trachten stellen weniger das Besondere oder Eigene einer Region dar, als dass sie eine Aussage machen, die sich auf ein bestimmtes System beziehen, das meist für identitätsbildende Zwecke eingesetzt wird. So ist auch das Dirndl eigentlich keine traditionelle Kleidung, die in Süddeutschland die Jahrhunderte überdauert hat, sondern eine Erfindung. Auch Annette von Droste-Hülshoff hat festgestellt, dass es in Südwestfalen keine spezifisch traditionelle Kleidung gab. Die Menschen trugen, was der Epoche, in der sie lebten, angepasst war. Dabei gab es wenig einheitliche Kleidung, sondern dem Stand und den Klassen angepasst. Wer auf dem Feld arbeitet oder in der Grube gräbt, trägt die Arbeitskleidung bis sie aufgebraucht ist.

Dabei hat sich immer wieder eine Berufskleidung heraus gebildet, wie beispielsweise die Zögertracht im 19. Jahrhundert mit der sich die Drahtzieher in Südwestfalen kleideten. Doch da niemand diese für Identitätsbildende Zwecke eingesetzt hat, ist auch sie wieder in Vergessenheit geraten.

Dafür gibt es heute eine Unmengen an Schützentrachten, angelehnt an frühere Jägertrachten, wurden sie früher ausschließlich von Männern getragen, heute gibt es immer mehr Frauen, die den Vogel abschießen und dafür tragen sie dann selbstverständlich auch eine der lokal üblichen Uniformen. Kleidung kennzeichnet eine gewisse Zugehörigkeit oder eben nicht.

Der Eigenwille, sich selbst nicht inszenieren zu wollen, kann eben ein Statement sein.

Es geht immer um den Eigensinn, mit dem Gegenstände getragen oder benutzt werden, damit diese dann zu einem Identitätsmarker werden. So ungefähr wie eine selbstgebastelte Atemmaske, die, mit dem gewissen etwas, von dem auch France Galle schon gesungen hat, das eben nur sie hat.

Drahtzieher Ehepaar, Altena um 1800

Mit herzlichen Dank an Prof. Dr. Gudrun M. König und Prof. Dr. Lioba Keller-Drescher für die hilfreichen Gespräche zur Anthropologie des Textilen.

 

 

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Alles aus einem Topf

Nicht nur die Südwestfalen aus meiner Geschichte im Beitrag Zur Soziologie der Mahlzeit träumen von Paris, von Austern und Champagner. Der Germanist und Schriftsteller Hans-Josef Ortheil erzählt in seiner Hommage für Roland Barthes, wie er sich letzteres in einer Pariser Brasserie bestellt. Dies geschieht in der elsässischen Brasserie Bofinger, in der Barthes selbst weder Austern und Champagner, sondern Bier und Sauerkraut zu sich genommen hat.

Ortheil reflektiert über diesen Regressmoment des französischen Philosophen, der mit dem Verzehr von Speisen und Getränken, die an seine Herkunft anknüpfen, in die Ursprungskammer der Lebenslinien begibt. Diese Kammern, denen man seine Existenz verdankt.

In der Liebe zur Brasserie ist also nichts anderes als eine atavistische Neigung zu sehen, eine Rückkehr zu den Wurzeln, ein sich Fortträumen in Kindertage, an denen sich das Kind bei den Großeltern an den Tisch setzte.

Auch ich befinde mich in den von Ortheil beschriebenen atavistischen Zustand, als ich Sylviis „Tischlein deck dich“ in Altena das erste Mal betrete. Ein in sich geducktes Fachwerkhaus, ein Lokal wie ein Wohnzimmer, die Tische mit feinen Tischdecken gedeckt, der Geruch von gekochten Kartoffeln, Kohl und Fleisch, ein lächelndes Gesicht hinter der Theke.

Das kleine Restaurant von Sylvia Schmerder wirkt wie ein Lichtfleck im Trist der Arbeiterstadt, die sehr große Abwanderungszahlen zu verkraften hat. In der es Tradition war, dass die Männer in den Kneipen nach dem Schaffen noch was trinken gingen, damit die Frauen sie dann nach Hause holten, bevor der ganze Lohn an der Theke blieb. Dabei wirkt Altena gar nicht so grau und trist, wie sein Ruf.

Die Fahrt durchs Rahmedetal ist sehr schön. Die zwölf Kilometer am Fluss entlang fühlen sich an, als jage mein Wagen durch ein aufgeschlagenes Geschichtsbuch, eine Zeitreise rückwärts. Am Ufer liegen rostige Fabrikgebäude, man könnte meinen, sie wären den Bildern von Bernd und Hilla Becher entflohen, aber dann würde man völlig übersehen, dass hier schon vor tausend Jahren Menschen Eisen und Draht herstellten.

Der Fluss hier hat ältere Geschichten zu erzählen, von drehenden Rädern, die die Blasebalge der Schmiedefeuer und die Fallhämmer in Gang brachten, um das Erz, das aus den Bergen Südwestfalens geschürft wurde, zu schmelzen und zu Eisen zu verarbeiten.

Wovon mögen sie sich wohl ernährt haben, die Schmiede, die sich dort bereits seit dem Mittelalter auf das Drahtziehen spezialisiert hatten? Ihnen diente als Nahrung das, was in der Region zu finden war, der aus dem Mittelmeer eingewanderte Kohl, die aus Amerika kommende Kartoffel, Karotten und das Fleisch vom Hof oder aus den Wäldern.

Landwirtschaft war niemals primärer Produktionssektor der Region, hier wurden von den Männern die Metalle aus den Bergwerken geschafft, während die Frauen Kinder, Haus und Hof versorgten, gemeinsam wurden die Felder bestellt, das Nötigste eben, was zum Leben gebraucht wurde, der Kosmos des Alltags reduzierte sich auf Arbeit, Familie, Nachbarschaft. In dieser Reihenfolge. Und so ist es heute noch.

Die Zeit ist stehen geblieben in Südwestfalen, was vor allem auch daran liegt, dass sie hier niemals gezählt wurde. Als um Dortmund und Essen noch Äcker standen, gab es hier bereits eine frühe Form der industriellen Produktion, und die Industrie gibt es heute noch. Die Region passt sich an, sie produziert immer weiter, ohne davon viel Aufheben zu machen.

Ernährung gehört zu den menschlichen Grundbedürfnissen. Aber Essen, so die Sozialanthropologin Mary Douglas, beinhaltet auch immer eine soziale Botschaft. Es erzeugt Nähe und Distanz, ist Faktor der Inklusion, genauso wie der Exklusion. Und das Lokale ist in der Region wichtig.

„Ohne das“, meint auch Sylvia Schmerder, „ginge es hier gar nicht.“

Die Herkunft spielt eine wichtige Rolle im Verständnis der Menschen. Was der Südwestfale nicht kennt, frisst er nicht? Nicht wirklich, denn die Gerichte im „Tischlein deck dich“, sind zwar vom Lokalen inspiriert, weisen aber eine hohe Qualität auf. Regionale Küche der haut de gamme, sozusagen. Doch es findet keine soziale Hierarchisierung statt. Für Sylvia Schmerder es wichtig ist, alle Menschen in Altena mit ihrer Küche anzusprechen und zu erreichen und so passt sie auch ihr Angebot an die unterschiedlichen Bedürfnisse an.

„Alles in einem Topf“, ist nicht nur ein sehr beliebtes Gericht bei ihr, sondern auch Devise. Überhaupt sind Eintöpfe in der Region sehr beliebt.

Denn sie ist sich bewusst darüber, dass der Stand der Bürger im Teller abzulesen ist, Wirsingroulade für die Reichen, Weißkohlroulade für die arme Bevölkerung. Nicht nur in Indien ist die Nahrung ein Marker für die Positionierung in der gesellschaftlichen Hierarchie. Mahlzeiten, so Mary Douglas, haben auch immer eine ordnende Funktion.

Foto: Dirk Vogel

Im Tischlein deck dich gibt es für alle etwas und alle werden auf dieselbe freundliche Art bedient. Kartoffeln in allen Variationen, über Püree zu Reibeplätzchen bis zum Salat. Leberkäse, Mettwurst, Fleischwurst, Bockwurst, Rind, Kalb, Wild. Alles kommt in den Topf und auf die Teller.

Für Sylvia Schmerder ist Toleranz sehr wichtig. Alle sollen bei ihr satt werden. Und so gehören auch die köstlichen Torten und Kuchen, die sie selbst macht dazu. Überhaupt, macht sie alles selbst.

Die Kartoffeln werden abends geschält und eingelegt, genau wie die Brötchen für die Bouletten. Ab morgens früh steht sie in der Küche um mittags ihre Gäste zu bedienen. Sie serviert täglich zwanzig Gedecke, plus den Mahlzeiten zum Abholen. Bei Sylviis gibt es übrigens kein Einweggeschirr. Wer nicht seine eigene Tupperware oder Kochtopf zum Abholen oder Mitnehmen mitbringt, dem wird ein Topf zum Mitnehmen ausgeliehen und das ohne Pfand. Für die Gründerin ist das Restaurant wie eine Großfamilie, die sie täglich versorgt.

Es ist ein modernes Ein-Frau-Unternehmen und gleichzeitig eine lokale Fortsetzung der Region vertrauter Traditionen. In der zwar noch die traditionelle Arbeitsteilung vorherrscht, mit dem Mann auf der Arbeit, der Frau im Haus, die doch auch nur wieder die große Leistung der Frauen für die Gesellschaft verschleiert. Das Los der Care-Arbeit, verkannt und missachtet. Sylvia Schmerder steht als Gründerin allein hinter der Theke, sie bedient, kocht und macht den Abwasch und den Einkauf selbst.

Früher, erzählt sie, hatte ihre Familie noch den eigenen Garten und die Selbstversorgungskultur der Großfamilie sie entscheidend geprägt.

Auch Roland Barthes entdeckt, wie Mary Douglas, in der Ernährung eine Art der Kommunikation. Ein sozialer Code, der sich entschlüsselt indem er wie ein Zeichensystem dechiffriert wird. Essen ist Mythos des Alltags und transportiert sich im kulturellen Gedächtnis.

Die Selbstversorgermentalität ist den Südwestfalen geblieben, doch auch hier wurde sich angepasst. Statt des eigenen Gartens, wird die lokale Küche bevorzugt.

Meine Mutter hat auch oft von dem Garten ihrer Eltern gesprochen und auch sie hat für uns Kinder aus ihrem eigenen Garten gekocht. Eigentlich hatten fast alle unsere Nachbarn einen. Wenn ich hier Garten schreibe, dann dürft ihr euch nicht ein paar Tomatenstauden und Erdbeerbüschel vorstellen, wie man das heute so aus unseren Vor- und Stadtgarten kennt.

Sondern Salat-, Karotten- und Kartoffelfelder, Kräuterbeete, Tomaten und Paprika, Zucchini, Gurken, eben alles was eine gute Küche so braucht, dazu Rhababerfelder, Stachel-, Him- und Blaubeeren. Apfel-, Birnen- und Kirschbäume.

Ein richtiger Garten eben, zu dem auch Hühner gehören und Schafe, Ziegen, vielleicht sogar Bienen. Mit selbstgemachter Marmelade. Nachhaltigkeit ist in der Region von langer Dauer und keine Modeerscheinung.

Das alles gehört der Vergangenheit an, für Hühner hat heute kaum noch jemand Zeit. Aber bei Sylviis kann man sie noch schmecken. Um einen solchen Garten zu halten, müssen mindestens drei Generationen unter einem Dach leben und zusammenarbeiten. Doch dem steht der große Bevölkerungsschwund eben im Weg. Es fehlt an Kulturangeboten, damit die Region attraktiver wird und zum Bleiben einlädt. Dabei gehört Sylviis Tischlein deck dich definitiv zu einem gehobenen kulturellen Angebot, doch nur, wenn dies aus der richtigen Perspektive betrachtet wird, wenn sich bewußt gemacht wird, dass auch Roland Barthes sich gerne Avitarismus hingab, dass daran nichts negatives ist, neben Austern kann auch Sauerkraut und Kohl bestehen, wie bei der Brasserie Bofinger in Paris.

Sylvia Schmerder, die Gründerin von Sylviis Tischlein deck dich

Foto: Dirk Vogel

Bei ihr werden alle satt, und es schmeckt ganz wunderbar.

Foto: Dirk Vogel

Wenn Corona vorbei ist, dürfen wir uns auf köstliche Kuchen freuen.

Foto: Dirk Vogel

Zur Zeit leider, wegen der Coronakrise geschlossen, doch hoffentlich bald wieder offen!

Die Bilder im Beitrag sind von Dirk Vogel, ganz herzlichen Dank!

 

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Vermessung der Welt

Napoleon in Nordhelle:

Beim Hinauffahren werde ich mit Blitz fotografiert. Dabei war ich gerade so froh, den Dränglern endlich davon fahren zu können. Aber die Drängler wissen eben, wo hier die Blitzer stehen. Jetzt bleibt mir nur zu hoffen, dass das Foto hübsch wird, für den Preis immerhin, kann man doch wenigstens ein schönes Selfie erwarten.

Es ist erstaunlich, wie sehr man sich erst daran gewöhnen muss, in einer fremden Umgebung umher zu fahren, das Klima, die Straßen, alles ist nun eine große Unbekannte für mich, hier in dieser Gegend sitze ich zum ersten Mal selbst am Steuer, und so ist es doch normal, sich dieses besondere Event für die Ewigkeit auch auf einem Foto festhalten zu wollen. Etwas, das bleibt, was man dann mit nach Hause nehmen kann, der Familie zeigen. Schließlich kann man sich nicht selbst im fahrenden Auto fotografieren, dafür gibt es eben Blitzanlagen.

Sich in einer fremden Umgebung zurecht zu finden, fällt leichter, wenn man eine Karte hat, einen Plan, wie überhaupt alles im Leben. Es geht leichter mit Struktur. Dann findet man seinen Weg, und genauso hat das auch Napoleon gesehen, als er die Vermessung Südwestfalens in Auftrag gegeben hat.  Es ging darum, eine topographische Aufnahme des Unbekannten zu erstellen, sich das Fremde auf diese Weise strukturell vertraut zu machen.

 

Man darf es mir nicht übel nehmen, dass ich wieder mit dem französischen Kaiser auch wieder meinen südwestfälischen Großvater ins Spiel bringe, der  ja bekanntlich darauf bestanden hat, dass die Menschen in dieser Region von Napoleon abstammen, dass seine Worte eigentlich kein Spaß, sondern eine Form des kulturellen Gedächtnisses waren, die der Region Südwestfalen zu eigen ist, habe ich erst mit diesem Reisebuch verstanden und es erstaunt mich immer wieder, denn nicht nur an Geschichten und Gedächtnis hat Napoleon uns viel hinterlassen, sondern auch Mittel, um uns in der Gegend zurecht zu finden. Er ordnete die Anlegung von Katastern im Rheinland an.

Angefangen mit der Vermessung der Gegend wurde am höchsten Punkt. Und so hat auch die Nordhelle ihre napoleonische Vergangenheit. Denn sie ist hier der Höhepunkt. Davon zeugt heute noch der Aussichtsturm. An seiner Stelle wurde damals ein trigonometrisches Mal in Form eines stabilen Holzgerüstes gebaut, nachdem es dann später zusammengestürzt war, wurde an seiner Stelle der Robert-Kolb-Turm gebaut, benannt nach dem Initiator des ersten Wanderwegenetzes. Und der steht heute noch da.

Einen Turm ließ Napoleon dort errichten, um mit dem Spiegeltelegraph möglichst schnell Nachrichten übermitteln zu können. Heute ist es der WDR, der hier seine Übertragungsanlage hat.

Sie steht direkt gegenüber des Robert-Kolb-Turms und es ist, als würden die beiden Gebäude in der Weite der Landschaft einträchtig miteinander kommunizieren, oder auch nur darüber nachsinnen, wie still und ruhig es hier ist. Wald und Wälder und sonst nichts.

 

Von dem Turm lässt sich bei gutem Wetter weit über Siebengebirge und Münsterland schauen. Mit 663 Metern ü NN ist dies der höchste Punkt Südwestfalens. Von der Nordhelle bis zu Nordsee gibt es keinen höheren Gipfel. Von hier oben aus lässt sich der Raum Südwestfalen aus der Vogelperspektive betrachten.

Roland Barthes schreibt in seiner Studie über den Eiffelturm: Die Vogelperspektive… ermöglicht es, über die unmittelbare Wahrnehmung hinauszugelangen und die Dinge in ihrer Struktur zu sehen.

Der panoramatische Blick bringt die zerstreuten Teile zusammen und mit einem Mal, lässt sich die Struktur des großen Ganzen, das Gesamtbild erkennen. Die Tätigkeit des Geistes, schreibt Barthes, ausgeübt durch den bescheidenen Blick des Touristen, hat einen Namen: Entziffern.

Die Gegend ist ein dem Menschen zu entschlüsselnder Text. Darin liest sich die A45 wie eine polare Achse durch die gesamte Region. Sie ist das Rückenmark im Koordinatensystem aus Industriekultur, Waldbestand und Flächennutzung.

Eine Landschaft, deren Einzigartigkeit ich mit meinem Notizen schreibend zu entziffern suche.

An regnerischen Tagen wie diesen bleiben Aussichtsturm und die neben ihr liegende Gaststätte geschlossen. Kurz nach meiner Ankunft werden Türe und Tore versperrt und ein PKW braust eilig davon. Er wird mit ziemlicher Sicherheit weiter unten auf Höhe der Radarfalle rechtzeitig abbremsen. Da lässt sich jemand ein schönes Selfie entgehen, denke ich. Planung und Struktur werden hier eben von Klima und Wetter bestimmt. Und das ist gerne wechselhaft. Am besten wissen das die Drängler.

 

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