an den haaren herbeigezogen

warum wollen bei corona immer alle zum frisör? haare brennen doch gut und wachsen nach dem tod bekanntlich weiter. ersteres hab ich vor ein paar jahren beim zigarilloanzünden auf michas rheinhessischer schafsweide in lörzweiler zu spüren bekommen. ein laues lüftchen wehte mir bei einer grillfete eine meiner langen fusseligen haarsträhnen in die feuerzeugflammme und dann hat’s FAWUSCH! gemacht und die komplette strähne sich mirnixdirnix in rauch aufgelöst. die vor mir stehende mone hat sich noch gewundert, warum ich mir mit der hand hektisch auf die geheimratsecke einschlage, als sie sich des unangenehmen geruchs wegen umgedreht hatte. mittlerweile sind die schafe gefressen, meine schüttere brandschneise nachgewachsen und der michi mäht wieder selbst. ansonsten gilt für langhaarige das gleiche wie beim freiluftluftpinkeln: vor der verrichtung immer erst die windrichtung prüfen! denn: not only the answer my friend is blowing in the wind!

dabei wäre ich anfang merz beinahe selbst zum frisör gegangen. ich hatte gerade mein wohnatelier in dortmund bezogen und beim fundzettelsammelnden flanieren durch die adlerstraße den salon cappadocia entdeckt. hätte dort sicher einiges über meinen neuen kiez aus erster hand erfahren können. solche eckläden mit schaufenstern gibt’s hier viele und zum teil sind dort bereits junge künstleroderdesignerundso schon am start up oder gerade frisch am renovieren. das unionsviertel ist sich fleißigst am gentrifizieren, mit allen vor- und nachteilen. am anfang ist das immer klasse: die anwohner, meist alteingessene arbeiterfamilien mit geringem einkommen oder migranten freuen sich mehr oder weniger über die lebenslustigen jungen leute und umgekehrt. hinterher übernehmen die nun nicht mehr ganz so jungen leute papis firma und konto und ziehen mit der kleinfamilie in die vorstadtvilla.

die schule die ist aus

die kinder gehen nach haus

sie spielen freak sie spielen punk

und schaffen morgen bei der bank

so ist das eben heute

aus kindern werden meute

die mieten sind mittlerweile langsam aber sicher ins unbezahlbare gestiegen, weil die ehemalige tristesse so bunt, lustig, interessant und begehrenswert geworden ist. wenn die uranwohner ihre mietwohnung nicht rechtzeitig gekauft und abgestottert haben müssen sie sich nun eine neue bleibe in einer anderen (noch) unbeliebten gegend suchen und dort mit gemischten gefühlen die nächste hipsterwelle abwarten…

diesem marktwirtschaftlichen automatismus, ein perfider teufelskreis des totalitären kapitalismus, hatte auch ich sicher einst unfreiwillig öl ins feuer gegossen. 2008 gründete ich mit tanja und den anderen walpoden im bleichenviertel, dem einst verrufensten stadtteil, quasi der alphabet city von mainz, im verwaisten fastnachtsarchiv die walpodenakademie, um dort ausstellungen, experimentelle musik, lesungen und performance durchzuführen. seitdem ist da nicht nur das vereinsheim des mainzer kunstverein walpodenstraße 21 e.v. sondern auch mein atelier brandstift, die homebase der asphaltbibliotheque. kann man das denn dann noch als zufall durchgehen lassen, wenn sich direkt nebenan ein skaterladen namens asphaltinstrumente und gegenüber eine nach dem glück des findens benannnte modeboutique ansiedeln? oder fällt das schon unter: nur weil du paranoid bist, heißt das nicht, dass sie nicht hinter dir her sind…

im hinterhof von kiosk & trinkhalle adler 59, wo ich jetzt in dortmund immer meine post abhole, hat sich bereits die graffitiszene fleißig, bunt und dekorativ verewigt. überhaupt bekommt in dortmund und im gesamten pott anscheinend alles was alt und kein industriedenkmal ist, üppig grafitti übergebraten. können sich da mittlerweile alle drauf einigen? also ich mag nur authentisches also wildes, illegales grafitti. idee oder botschaft sind wichtiger als technisches können oder coffee- table-booktauglichkeit. für mich können tags und stencils nicht trashig genug sein und nur diese sind authentisch und wert von mir beim zettelsammeln mit stets schußbereiter kamera dokumentiert zu werden. ob plakatabriß oder vogelschiß: unsere welt ist ebenso bunt wie kaputt und ich ihr punk (= zunder) mit zettel in der hand.

es gibt dort auch ein atelier mit punkkonzerten, wenn es nicht gerade wegen corona abgesagt ist. sowas hätte es in den späten 70er/80er Jahren nicht gegeben. jung kaputt spart altersheime war damals die devise und ich geh kaputt, gehste mit? heute wollen alle vernünftig sein, steinalt werden und dabei wie junge poshe pebbles aussehen. ich erinnere noch wie ich erschrak, als sich 2009 in manhattan eine von hinten wie 17 aussehendes girlie umdrehte und mich ein faltiges gesicht im rentenalter anblickte. figur und klamotten hatten mich getäuscht und falsche vorstellungen geweckt. der schein trügt. das schwein betrügt. ich fand das schlimm damals. heute seh ich das komplett anders: schließlich kann jeder rumlaufen wie er/sie/es es will und wofür bitte die klischees kleingeistiger spießer erfüllen? ob das daran liegt, dass ich älter geworden bin oder seitdem zuviel zeit in new york verbracht habe kann ich nicht sagen.

ist auch völlig wurscht. denn warum bitte sollte man als reifer mensch keine sogenannten dummheiten mehr in würde begehen und das ausgerechnet in dieser unseren welt, die immer dümmer und dümmer zu werden scheint? kiffen und so, das macht man doch nur bis zum abi. danach geht man gefälligst zügig studieren, arbeiten, verdient geld und gründet eine familie – wie mir eine dämliche schülerin aus dem hunsrück mal erzählen wollte. und wozu überhaupt das ganze? soll dieser impertinente schwachsinn etwa nie aufhören?

mittlerweile waren alle frisörläden in schland außer NRW (hat der laschet etwa schiss, dass die jungen nackengeschorenen muslime geschlossen zum IS überlaufen, wenn sie nicht jede woche beim frisör zusammen hocken dürfen?) geschlossen und mußten um ihre existenz bangen. als ich mir in in den 80ern in der rheinhessischem provinz den fokuhila zu einem punkwave volahiku umändern liess hatte mich im ewig blöden bad kreuznach doch glatt einer gefragt, ob ich jetzt nazi geworden sei. cut your hair or miss the boat! heute sehen fast alle meine geschlechtsgenossen wie hitlerjungen aus und solange dass so ist bleiben se bei mir lang, schon aus reiner nonkonformität. da ich meine angegraute matte schon lange nicht mehr nachschwärze gehe ich bei oberflächlichen menschen gerne mal als ungepflegt durch. wirkt jetzt bei corona auch als abstandshalter und man spart sich so die eine oder andere knoblauchzehe.

ein bekannter aus mainz hatten sich mal mit der äußert gewagte these von der rache der schwulen frisöre aus dem fenster gelehnt. also ich finde kurze haare bei frauen sexy – egal welchen alters. schließlich bin ich in den 80ern aufgewachsen und wir hatten als GOTT30 & BRANDSTIFTER in berlin auf der bühne von christoph schlingensiefs CHANCE 2000 kongress gesungen: ich will zurück in die 80er Jahre/ denn da wo ich gestorben bin/ da will ich auch beerdigt sein. GOTT30 ist der markenname einer kühlbox. diese steht immer noch im keller der galerie free range mit siebdruckstudio von oli watt in chicago. als ich 2018 dort ausstellte und ein  konzert spielte (brandstifter with 2 watts) benutzten wir den urGOTT30 als ablage und dancefloor für meine spielzeuginstrumente und labertierchens.

zehn jahre zuvor hatte ich mir schon einmal während meines ersten literaturstipendiums im münsterländischen künstlerdorf schöppingen – dort wo gerade vor der coronabedingten schließung meine stadt.land.text-kollegin charlotte krafft untergebracht war – auf dem lande kopfhaare und bart zum ersten mal wuchern lassen. künstlerdorfleiter josef spiegel sprach von meiner ähnlichkeit mit solschenizyn, andere erinnerte ich eher an charles manson, ich mich selbst an benjamin franklin und auf einer autoraststätte wurde ich von einer fremden auf einen gewissen jesus von nazareth angesprochen… damals waren lange vollbärte noch nicht salonfähig und auf einer zugfahrt nach bingen war eine frau kommentarlos aufgestanden als ich mich zur ihr ins leere abteil gesetzt hatte. heutzutage werde ich angesichts meines gezwirbelten schnurbarts oft für einen fan von dali gehalten – dabei hab ich mir den in rajasthan wachsen lassen! die inder erkennen das sofort und geizen nicht mit komplimenten.

irgendwann war ich wuchermatte und vollbart leid und als ich ende 2008 vom literaturbüro mainz für eine lesung angefragt wurde, hatte ich endlich eine gute gelegenheit, mich von dem subventionierten gewölle publikumswirksam befreien zu lassen. Meike winter, eine resolute und waschen-schneiden-legen-echte frisörin und musikerin, heute verlagskauffrau, hatte bei unserer gemeinsamen performance alle register gezogen: da ich mein spiegelbild nicht sah, hatte ich vom hitlerbärtchen und anderen fiesen finessen nur das lachen des direkt vor mir sitzenden publikums mitbekommen. ich hielt also tapfer den kopf hin während meike munter schnippelte und fräßte und ich mit ihr ganz intim von kunde zu frisörin über meine brandstifteraktionen im münsterland plauschte. apropos spiegel: josef muss immer lachen bei meinen performances und ich dann auch wenn ich ihn sehe…

haarschneideaktionen hatte es seit DADA immer mal wieder gegeben, von einem meiner lieblingsFLUXUS-künstler, dem new yorker al hansen zum beispiel. der großvater von beck hansen hat als besatzungssoldat in frankfurt den pianodrop erfunden, als er ein klavier aus einem ausgebombten fünfstöckigen haus warf. er lebte in NY quasi auf der straße und machte wunderbare madonnenskultpturen aus zigarettenstummeln. in den 90ern zog er nach köln und gegründete dort die ultimate akademie. oder mein freund hans-joachim knust aka dr. proll aus hannover: für seine super8-filmreihe ferwackeltunscharf FWU hatte auch er professionelle hilfe in anspruch genommen, um sich für einen stopptrickfilm mit einer grausamen dauerwelle verunglimpfen zu lassen uns sich dann eine glatze scheren ließ. in dem buch neoismus /neoism von edition selene, hatte ich haareschneiden als programmpunkt, zur erlangung der für den neoismus typischen kollektiven indentität, auf einem flyer für ein neoistisches trainingscamp gefunden. spannender finde ich allerdings die überlieferten neoaktionen mit brennenden brothüten, die ich selbst mit einem überzähligen fladenbrot und schifferklavier auf der verlobungsfeier von dr. treznok mit gottes oma plagierte.

am besten wir machen es so wie’s meine kollegin justine z. bauer  vorschlägt: nach der isolation in einem halben jahr schneiden wir uns alle gemeinsam gegenseitig die länger gewordenen haare und gehen dann zum friseurIn.

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Der Ort, der mein Sauerland IST

Brunskappel: Dieses Dorf im Hochsauerlandkreis hat alles. Alles jedenfalls, was nach vier Monaten Sauerlandschreiberei für mich diese Region ausmacht. So läge das Dorf zum Beispiel ohne die immer wieder behauptete Sauerländer Sturheit heute am Grunde eines Stausees. Eine erstaunliche Überlebensgeschichte. Lage, Look und Geschichte geben dem Ort eine geheimnisvolle und zugleich vertraute Aura – wie in einem Agatha Christie Krimi oder einem von Firnis verdunkelten Landschaftsgemälde.

Aber auch die Dorffehde zwischen zwei Sägewerksbesitzern und die scheinbar nicht aufzuhaltende Schrumpfung gehören ins Bild. Und das zwischen Fachwerk und dunkle Holzverschläge bizarr überdimensioniert wirkende Schloß am Ortseingang, Ausdruck alter Feudalzeiten. Es war dazu bis vor ein paar Jahren in der Hand des „Feinds“, der das Dorf zerstören wollte.
Dabei hätten die zwei kauernden Löwen (Schafe? Hunde?) am Tor zum Schloss Wildenberg sicher auch unter Wasser toll ausgesehen.
Von Deutschlands angeblich ältester, der so genannten „1000 jährigen Eiche“ (die in Wahrheit wohl 300-500 Jahre alt ist) in Brunskappel, sind heute wegen einer Baumkrankheit auch nur noch Reste übrig. Ein schlechtes Omen für das schrumpfende Dorf, das selbst durch Sturheit diesmal kaum noch zu retten scheint.

Mein ganzes Sauerland verdichtet
Zunächst mal ist die Einfahrt ins Dorf eine Linkskurve und unterstützt damit meine wirre Theorie, mit der der Sauerlandaufenthalt und meine Motorradfahrerei im ersten Text zusammenkamen.
Mitten im Dorf führt außerdem eine kleine Straße eng und kurvig den Berg hinauf Richtung Elpe und lässt mich jedesmal freudig grinsen beim Hinaufknattern. Schonmal zwei Dinge, die für mich „Sauerland to love“ sind.

Der kleine Ort im Negertal hat zum Teil 300 Jahre alte Fachwerkhäuser, ist umgeben von Wald, Feldern und Weihnachtsbaumschulen und hat überhaupt sehr viel Sauerländer Geschichte hinter sich: Brunskappel ist wie die Eiche nominell über 1000 Jahre alt: Erzbischof Bruno von Köln stiftete hier, am Bächlein Neger, zwischen Winterberg und Olsberg vor über 1000 Jahren eine Kapelle, die (viel) später namensgebend für die Siedlung wurde. Da haben wir, tiefgründend, das Katholische in der Einöde, das so lang bestimmend war fürs Sauerland.

In der großen Kirche des Dorfs erfüllt eine 250 Jahre alte Barockorgel den Raum mit Musik und erinnert mich an den Film „Schlafes Bruder“: ein Bauernjunge als unerkanntes Musikgenie des 19. Jahrhunderts. Das hätte in der Abgeschiedenheit und walddunklen Talwelt des Sauerlands auch passieren können.

Allmählicher Aderlass
Heute hat Brunskappel die gleichen Sorgen, wie viele kleine Orte der Region: es gibt keine Kneipe, keinen Arzt, kein Café, keinen Bäcker, keinen Metzger, keine Schule. Von den vor 30 Jahren im Kampf gegen die Talsperre vereinten und später entzweiten 400 Einwohnern sind heute noch rund 250 übrig. Am Ortsende, direkt an der vielbefahrenen Straße durchs Tal, stehen einige Häuser leer.
Weiter hinten, wo sich das Tal weitet und einen schönen flachen Seegrund hergegeben hätte, spielen an einem sonnigen Sonntag nur drei Kinder neben der plätschernden Neger Fussball. Trotzdem gibt es natürlich eine Schützenbrüderschaft und Schützenhalle, auch einen Dorfverein und eine freiwillig Feuerwehr. Es gibt sogar jemanden, der Kunst macht, jedenfalls prangt „Galerie“ an einem Nebengebäude vom Schloß, wo Steine mit eingearbeiteten Kristallen oder Metallteilen stehen. Sorgen, Selbstverständliches und Eigensinn Sauerland Style.

Es gibt sie doch, die sagenhafte Sturheit
Dass man heute noch durch Brunskappel schlendern kann, über die kleine Brücke über die Neger, in die Kirche, um die Orgel zu sehen, den Hang hinauf zu den Höfen, zur Schützenhalle, ist zweifelsohne der immer wieder behaupteten Sauerländer Sturheit geschuldet.
Die Geschichte um die Talsperre ist faszinierend. Damals berichteten von  Spiegel über Die Zeit viele überregionale Medien darüber: Der Kampf des kleinen Dorfs gegen den Regierungspräsidenten, die Landesregierung und den Ruhrtalsperrenverein (RTV) in Essen. Er dauerte zehn Jahre, von 1974 bis 1984. 400 Dörfler im Tal gegen die Politik und Verwaltung und Gerichte sowie 600.000 Menschen und die Industrie im Ruhrgebiet, die mit dem Talsperrenwasser hätten versorgt werden sollen.

In dem langen, bitteren Kampf zerbrach aber auch das Dorf in zwei Hälften: diejenigen, die ob der scheinbar immer geringeren Chancen, das Dorf zu retten, den Streitereien im Dorf und der nicht endenden Ungewissheit ihre Häuser irgendwann für gutes Geld an den RTV verkauften und denjenigen, die weiter kämpfen wollten – Plansfeststellungsverfahren, 50 Millionen investierte DM vom RTV, Landesentwicklungsplan und beginnenden Vorarbeiten zum Trotz.

Bald gab es eine Bürgerinitiative für die Talsperre und eine dagegen, es gab Anfeindungen, Straßenseiten wurde gewechselt, bei bestimmten Leuten nicht mehr gekauft, Begriffe wie „Dorfverräter“ vergifteten das Zusammenleben, es wurde nicht mehr miteinander gesprochen, aber Flugblätter gedruckt. Wer diese Stimmung über Jahre in einem 400 Seelenort ohne Blessuren übersteht, hat ein gesundes Selbstbewusstsein – oder kein Herz. Sogar der Pfarrer, der die Gemeinde mehr als 20 Jahre lang betreut hatte, konnte den Streit im Dorf nicht mehr ertragen und verließ eines Nachts Brunskappel ohne sich nochmals umzusehen.

Das Dorf und der Untergang
Diese Dorfgemeinschaft, die in Essen, Arnsberg und Düsseldorf so lässig weggeplant wurde, schien also auch ohne Talsperre unterzugehen. Ende 1983, trotz laufender Verfahren und Einsprüche, fuhren Planierraupen auf. Am Nordausgang des Dorfes schoben sie rund 40.000 Kubikmeter Mutterboden zu einem Probedamm zusammen. Dann 1984 die Sensation: Das Oberverwaltungsgerichts in Münster entschied in einem Revisionsverfahren, dass die Negertalsperre nicht gebaut werden darf. Und auch die Revision dagegen, wurde vom Bundesverwaltungsgericht zurückgewiesen. Im Dorf wehten jedesmal die Fahnen des Schützenverein, die Glocken wurden geläutet.

Am Ende hatten Form- und Planungsfehler und der Starrsinn einiger Dörfler zur Rettung geführt. Scheinbar. Denn der RTV pokerte und drängte noch jahrelang weiter, plante offenbar nach einer Schonfrist mit der Umsetzung erneut zu beginnen. Noch bis 2005 betrieb er „Standortsicherung“ in Brunskappel und begann erst dann Grundstücke im Dorf wieder zu verkaufen. Ein erstaunlich ausdauerndes und zugleich selbstherrliches und die Gemeinschaft zersetzendes Verhalten durch einen öffentlich-rechtlichen Betrieb unter der Aufsicht des Landes. Hier in Brunskappel, reines CDU Land, sind jedenfalls damals die ersten Wutbürger zur Welt gekommen, nicht in Stuttgart am Bahnhof.

Schloß und Mensch
Das bereits erwähnte Schloß, der Prunkbau neben der Neger gleich am Eingang zum Dorf, spielt in diesem Drama auch eine Rolle. Das Schloß Wildenberg hat einige hundert Jahre Geschichte, Abriss, Umbau und Brand, dann Neubau 1907 hinter sich. Heute wirkt es eher wie ein Herrenhaus hinter großem Tor, ein wenig verloren und vernachlässigt, ist aber ein Hingucker, wenn man wie ich in vier Monaten durch 80 oder 100 Dörfer der Region gekommen ist, die sich architektonisch doch sehr ähnlich sind.

Eigentümer diese Monolithen war bis vor ein paar Jahren der verhasste Ruhrverband. Jene Institution, die sich 30 Jahre dem Untergang Brunsskappels widmte. Wie ist es dazu gekommen? Dem letzten Wildenberg der 70er Jahre stand, nach einigen 100 Jahren Familiengeschichte im Ort, finanziell das Wasser bis zum Hals. Da kam der Plan des Ruhrtalsperrenvereins (heute Ruhrverband), eine Talsperre zu bauen und Brunskappel im Stausee versinken zu lassen, gelegen.
Und obwohl Schloßeigentümer Schäfer-Wildenberg sich im Dorf als Vorkämpfer für den Erhalt des Dorfs gab, verkaufte er im zehnten Jahr es Kampfes 1984, nur eine Stunde vor der endgültigen Gerichtsentscheidung über die Talsperre, für einen zweistelligen Millionenbetrag seinen gesamten Besitz an den Ruhrverband. „Eine Stunde! Die wussten, wie das ausgehen würde. Das ist der eigentliche Skandal“, sagt einer im Dorf.

Seit ein paar Jahren ist das Schloß wieder in Privatbesitz, wenn auch nicht in der Hand derer von Wildenberg: Der alte Schäfer-Wildenberg kehrte auch nach dem Aus für die Negertalsperre nicht nach Brunskappel zurück, spekulierte angeblich mit Kakao, tätigte einige fehlschlagende Investments und verstarb vor wenigen Jahren offenbar völlig verarmt.

Ein Wald von Geschichten
Eine weitere Geschichte, über die ich stolperte, ist die von den zwei Sägewerksbesitzern, deren Konkurrenz über die Jahre zu Hass geronn. Zwei Feinde wie in einem Shakespeare Stück oder bei Dallas. Der eine ein erbitterter Gegner der Talsperre, der andere ein klassischer Kriegsgewinnler. Der eine heute tot, sein Sägewerk in Konkurs gegangen, der andere reich und mit hochmodernem Sägewerk in der Region der Platzhirsch. Da gönnte man sich nicht das Schwarze unter den Fingernägeln und kämpfte sich mit Tricks und Taktik wund.

Die Details dieser Geschichte würden hier zu weit führen, geben aber in jedem Fall einen guten Roman ab. Vielleicht schreib ich den, wenn nicht bald ein anderer tut. Wie ich schon in meinem Text über Literatur im Sauerland schrieb: Geschichten gibt es genug, richtig gute, tragische und witzige. Was in diesem Dorf zusammenkommt, ist eine Mix vieler Sauerland Essenzen.

Überhaupt seien, so erzählt man mir im Dorf, in den langen Jahren des Kampfs gegen die Talsperre wie in einem Brennglas alle erdenklichen menschlichen Schweinereien im Dorf vorgekommen, windige Figuren mischten mit und wollten ans locker sitzende Geld des Ruhrverbands, dazu Lügen, stiller Verrat und Intrigen.
„Noch heute, wenn eine Kleinigkeit vorfällt, brechen die alten Fronten wieder auf“, erzählt einer, „Da müssen ein oder zwei Generation vergehen, bevor das vergessen ist – wenn es das Dorf dann noch gibt.“

Heute leben nur noch 246 Einwohner in Brunskappel, diesem hübschen, alten Sauerländer Dorf. Holländer haben sechs oder sieben Häuser gekauft, kommen aber nur in den Ferien. Es gibt (fast) keine Kinder und derzeit keine Familien, die Kinder bekommen könnten. Wenn nichts passiert, frische Ideen und Kinder geboren werden, wird es diesmal wohl untergehen. Aber nicht im Wasser einer Talsperre, sondern in Überalterung und Landflucht des 21. Jahrhunderts und den Spätflogen einer nie gebauten Talsperre.

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Überschwapp: Was NICHT mehr geht (vermutlich)

Das Fazitfazit ist geschrieben. Meine inoffizielle Adieu-Lesung gemacht, die große Freude mit gemeinsamen Rätseln über das Sauerland war. Die Abschlussmesse des Projekts mit allen 10 (9) Schreiber*innen und Kulturbüros und Offiziellen in Düsseldorf ist auch gelesen. Erste vorgezogene Nachwehen auf ein danach an alle Verantwortlichen versandtes Resümee der Stipendiat*innen rollten auch schon durch den Kulturverwaltungsleib („Supergau“).

Nun noch 5 Tage bis ich den Schlüssel vom zweiten Heimathafen Bödefeld abgebe. Noch Termine: Null. Außerdem mein Notizbuch verloren, mit noch 20 mehr Ideen und vor allem einer Kurzgeschichte, die nun wohl nie geschrieben wird. Aber die Zeit eh zu knapp. Immer.  Einen Text werd ich noch schreiben (Brunskappel? Die Ortsheimatpflegerin?). Und das war’s dann – StadtLandText 2017.

Was noch hätte alles erzählt werden können, laut der im Computer (nicht Notizbuch) gespeicherten Notizen:

TOP 10 (= über 30)
1 Weihnachtsbaumkönigin Sauerland
2 Heimatmuseum Marsberg & Interview
2.1. Heimatmuseum Eslohe
2.2 Haus Hövener in Brilon
2.3 Eversberg Heimatmuseum
3 Skulpturenweg
3.1 Rotaarsteig Ranger
4 Hallenberg Bürgermeinster & Kump Kunsthaus Hallenberg, Bürgermeister sehr aktiv, Ausstellungen
5 Wormbach Heiligkreuzkappelle Kyrill
6 Gasthoff Schütte und Landgasthof Seemer
7 Hollenweg Legenden, Hollenstein, Märchen, Mythen aus dem Sauerland, Figuren die helfen
8 Besteckfabrik in Schmallenberg / Skurrile selbstverwaltete Museen / Westdeutsches Wintersportmuseuem, Stertschultehof (leider geschlossen), Brennpunkt Feuerwehrmuseum, Drechselmuseum (immer Donnertags)
10 Gibt es eine Sauerländerküche? Recherchereise kulinarisch in drei Teilen, Oben, Mitte, unten, Whisky&Schnäpse,
11 Eisenbahnverein Marsberg
15 Tiny Brouwers, der inoffizielle niederländische Honorarkonsul fürs Sauerland
17 Schmallenberger Dichterstreit, Lesungen Kunstverein Schmallenberg, Kulturgut Haus Nottbeck
18 Jugendkunstschule Schmallenberg / Roman Schauerte Kameramann WDR
21. Immobilienmakler – „Ich such ein Häuschen“
22. Dokufiktion Ort und Menschen
23. Von Kloster zu Kloster wandern
24. Peter Bürger, Mundartforschung
25. Stolpersteine, jüdische Geschichte Schmallenberg
26. Meditatonshaus Sundern
27. Schieferbergbau kulinarisch
28. Sauerlandradring  – Mit dem Rad von Dortmund ins Sauerland
29. KUMA Kunst und Malzenrum Oberschledorn
30. Mondscheinmesse Wormbach Heiligkreuzkappelle Kyrill
31. Architektur: das unfassbar große, hässliche Haus vom Klempner in Siedlinghausen
32. Draußen: Ebike Tour, Barfusswandern, Survival, Bergwiesenyoga, Freilichtbühnen, Messe unter freiem Himmel, Geo-Caching
33. Kunsverein Sauerland in Sundern und Eslohe, verstehen sich als Reisende ZU Kunst, machen selten auch eigene Ausstellungen und Krimilesungen an seltsmen Orten
34. Filme im Sauerland (Kulisse Sauerland, Locationscout, Filme ÜBER das Sauerland)

NOTIZEN&FRAGMENTE

*Wein, Schützenkönig kann jeder: das Sauerland kürt seit 2012 die Regentschaft einer Weihnachtsgans, entsdchuldigung eine Weihnachtsbaumkönigin. Das muss man mal nachfragen.:Bundesverband der Weihnachtsbaum und Schnittgrünerzeuger. Den größten Baum haben wir in Dortmund. Meine Mutter schickte mir dazu, als ich im Ausland wohnte, sogar den Zeitungsausschnitt – ob ironisch oder ernst gemeint, darüber haben wir nie gesprochoen. (Kesting, Oedingerberg als Anlauf, Tochter Stephany Kesting war die erste Weihnachtsbaumkönigin). Recherche Weihnachtsbäume im Spätsommer. Wo fahren die hin?

Gespräch mit TW: Die Leute sind lustloser heute, und erfahren nicht viel vom Nachbarort. Die Strecken können auch mal 40 Minuten oder mehr sein, im Winter sogar gefährlich. Die wirklich Kultur wollen, holen sich, was sie brauchen – und fahren nach Köln oder Dortmund oder Kassel, je nach Sauerlandlecke. Es gibt kein Stadttheater im Sauerland, kein Orchester, keine Oper, 3 Kinos die alle den gleichen Film zeigen, kaum Off Kultur, weil es ja kaum Mainstream gibt, – alles ist ehrenamtlich, selbstorganisiert, manchmal gefördert, lebt von Enthusiasten.

Gespräch mit GS: Brauereien / Entzugskliniken im Sauerland in Kontrast bringen. Verkehrstote am W.E., Fahrdienste, Nachtbusse, Kneipensterben.

*Kneipen abfahren, Erinnerungen: Mit Opa im Keller in Attendorn, Bierverlag und Spirituosen, Sinalco, Krombacher, VW Bus T1 über die Dorfkneipen. Mein Studium der Volkskunde: Hausarbeit zu „Soziologie der Kneipe“. Wollte da nie arbeiten, weil immer einer nicht nach Haus will und in sein Bier heult, Durst hat, hofft, dass gleich die Tür aufgeht und seine zukünftige oder ehemalige Freundin vorbeikommt – beides gleich illusorisch aber mit jedem Strich auf dem Deckel mehr wahrscheinlich.

*Camping und die Holländer: Cernterparks bei Winterberg, Landal Park bei Winterberg, Kulturverein, Central Cafe Siedlinghausen, Rob Meurs, Inhaber und Betreiber des Hotels Brabander, ein niederländisches Refugium mitten im Sauerland! + Nico Brinkmann, Winterberg, Holländer Hof (der aus ganz anderen Gründen so heißt), Züschen bei Winterberg. Holländer mögen Sauerländer Städtchen, weil sie wie ihre Städte sind, nur mit Bergen, statt Ebene und Schieferfassade statt Backstein. Aufbau, gelegentliche Leere, Langsamkeit und Langeweile sehr ähnlich.

*Alles Slogans und Claim der Städte und Gemeinden zusammencutten und assoziieren, was sie bedeuten könnten: Winterberg, komm rauf zu uns…; ALLES echt! – Wir in Südewestfalen.

Fotoprojekt: 100 Hochsitze im Sauerland

 

Mehr von Christian Caravante

This is the end, beautiful friend – verfrühtes Fazit – UPDATE

(Dies ist eine ergänzte und erweiterte Version, Details siehe Infobox unter diesem Text)

Die Straße ist wie mit gelbem und rotem Konfetti übersät, der Fahrtwind tost ins Gesicht, das Sonnenlicht bricht so grell durch die verfärbten Baumwipfel, dass vor mir einige Sekunden nur Licht und Dunkel ist, Blindflug mit 100 km über eine Sauerländer Bergstraße – und trotzdem ein großes Gefühl von sicher und gut und hier.

Ein spektakulärer 15. Oktober 2017 war das: 24 Grad, blauer Himmel, von den Bergstraßen und Gipfeln Fernsicht und Waldhorizonte, wie ich sie im Kunstunterricht mit verschiedenen Grüntönen bis ins hellgrau immer malen sollte, Seen glitzern und strahlen, die Segelboote wie Rosenblätter auf einem Teich. Die Wiesen entlang der Strecke gemäht, die Felder geerntet, Maisstängel stehen vertrocknet hunderte Meter neben der Straße in Reih und Glied, die Kolben leuchtend gelb wie Überlebende. Das Jahr geht zu Ende und gleichzeitig in zwei Wochen auch der Schreibauftrag. Ich kann nach so einem unfassbar schönen Tag wie gestern nur hoffen, dass das Sauerland auch von mir etwas bekommen hat, außer einen neugierigen, manchmal erstaunten, immer wohlwollenden Blick. Zeit für ein Fazit.

Auch halbes Sauerland ist zu viel
„Sauerland“ bedeutete ja im Sinne der „Regionalen Kulturpolitik“ nur den Hochsauerlandkreis. Kreis Olpe und der Märkische Kreis, die auch Ur-Sauerland sind, laufen als Kulturregion „Südwestfalen“. Ich war froh über die Zweiteilung, denn schon der HSK war in seiner Fülle von Orten und Themen und Entdeckungen in vier Monaten niemals zu bewältigen. Obwohl „Bewältigung“ und erschöpfend umfassende Erzählung mein Ziel nicht war. Nur ein Kratzen an der Oberfläche dessen, was „das Sauerland“ ist. Bloß einen Bogen spannen, Momente erzählen und hoffen, dass alles zusammenhält.

Es war Arbeit, auch wenn das für Außenstehende oft so nicht ausschaute. Da fährt einer mit Motorrad und Auto rum, geht Wandern und Radfahren, trifft Leute aus der Region zum Gespräch, besucht bekannte und weniger bekannte Orte, schleppt sein Notizbuch herum, sitzt manchmal auch auf einem Berggipfel oder seiner Terrasse – und schreibt Texte fürs Internet. Manchmal handeln die von Dingen und Leuten, die ihm begegnet sind, manchmal auch von ganz anderen Sachen: eine Haustür, eine Kurve, eine leere Telefonzelle, ein Aufkleber oder ein aufgeschnapptes Gespräch, das mit „Davon träum ich!“ endete.


Regionale Kulturpolitik?
In der Broschüre zur Regionalen Kulturpolitik (RKP) heißt es zwischen weiteren Absichten:

„Das Programm will die zehn Kulturregionen dabei unterstützen, sich auch im zusammenwachsenden (ja?, Anm.d.Verf.) Europa zu profilieren und ihre Attraktivität und Identität nach innen und außen zu stärken.“

Was man in solchen Broschüren eben schreibt.
Das mit „Identität nach Innen und Außen stärken“ passt noch am ehesten aufs Sauerland-Schreiber Stipendium. Jedenfalls dann, wenn die Texte in der Region für Zustimmung oder auch Kritik gesorgt haben, wenn sie Gespräche gestiftet oder den Blick auf das vermeintlich Bekannte hinterfragt haben. Wenn.

Klassische Kulturberichterstattung – das war mir von Anfang an klar – sollte der Westfalenpost oder dem WOLL Magazin überlassen bleiben. Meine Aufgabe sah ich stattdessen darin, in der Doppelrolle aus Bewohner und Buiterling (Zugezogener), mit begrenzter Zeit und festem Wohnsitz in der Region, das zu beschreiben, was ich bei meinen geplanten Zufallsbegegnungen erlebt habe. Nicht weniger und nicht mehr.

Und so wird es sicher auch enttäuschte Erwartungen gegeben haben, durch die Art und Weise, wie ich meinen Auftrag erfüllt habe, aus der Region zu berichten. StadtLandText war ein Pilotprojekt, ich der erste Sauerlandschreiber, der seine Rolle erst allmählich fand, die zentrale Orga erschien an manchen Stellen ausbaufähig und unterfinanziert – alles ganz normale Vorgänge in einem Projekt diser Größenordnung also.

Entäuschungen mögen aber auch durch die Inhalte entstanden sein: Manchmal führt so eine Spiegelung der eigenen Heimat, wie es die Sauerlandtexte ja auch sind, eine Beschreibung also des ganz Nahen und Gewohnten durch einen Fremden, zu der unangenehmen Frage, ob es denn so sein muss. Oder ob es auch anders sein kann. Und was „das Sauerland“ eigentlich ausmacht – jenseits der Klischees (stur, bodentständig, heimatverbunden, geraderaus…).
Die Spiegelung kann andererseits auch dazu führen, stolz auf etwas zu sein, das man gar nicht als so besonders begriffen hat. Da bekommt man dann von Außen gezeigt, dass es einem gut geht, dass das Leben hier gut ist und die Sauerländer zum Bespiel gar nicht stur, sondern im Gegenteil neugierig, auskunftsfreudig und offen sind. Da interessiert sich einer, das ist doch immer ein gutes Gefühl, oder?

Doku-Fiktion
Überraschungen, Sackgassen und Zufallsfunde, längst Bekanntes und Abseitiges nebeneinander, Kritisches und Affirmatives – manchmal alles in einem Text. Das ist mal besser, mal gar nicht gelungen. 
Ob ein paar Sauerländer nach vier Monaten dieser punktuellen Berichterstattung und subjektiven Schreiberei ihre Region ganz anders sehen? Ob Leute, die noch nie im Sauerland waren, wegen meiner Textes herkommen  – nun, bestimmt nicht. Das wäre vermessen.
In vier Monaten konnte ich nicht mehr beschreiben, als zwei, drei Bojen im Meer aus regionalen Eigenheiten, Traditionen und Geschichten. Ich habe ohne Anspruch auf regionale Vollständigkeit, journalistische Korrektheit und überprüfbare Schlussfolgerungen geschrieben. Das ganze ist eher eine Art Doku-Fiktion geworden als ein Portrai oder gar eine auch nur in Ansätzen erschöpfende Beschreibung. Im Zweifel für den Zweifel, wie Tocotronic mal gesungen haben.

Überhaupt habe ich nach den ersten Wochen mit dem Gefühl „Ich muss über dies&jenes schreiben, das haben die sich gewünscht, das ist ein Highlight, hat jemand gesagt“ einfach nur noch über das geschrieben, was mich packte. Das heißt, was mich tatsächlich animierte, es aufzuschreiben. Ganz. Nicht was repräsentativ oder offensichtlich interessant war. Und so müssen mehr als 30 weitere Ideen, Themen, Orte oder Menschen auf den nächsten Sauerlandschreiber warten – der dann aber ganz andere Dinge suchen und finden wird.

Bloß ein Blog
Hinzu kommt: ein Blog, selbst wenn er so viel gute Presse bekommt und auf so viel Interesse stößt wie StadtLandText, erreicht trotzdem nur eine sehr (sehr!) begrenzte Zahl von Menschen. Kleine fiktive Rechnung: Hier leben nur rund 200.000 potentielle Leser (habe als Zahl mal die Wahlberechtigten genommen). Von denen dürften vermutlich die üblichen etwa 10-15% prinzipiell Interesse an kulturellen Themen haben. Von den 10-15% wollten vielleicht 50% wirklich auch mal hineinlesen in den Blog, nachdem sie aus der Zeitung oder dem Fernsehen davon erfuhren und lesen überhaupt auch mal Blogs. Und von denen haben das dann 50% auch wirklich gemacht: Bleiben rechnerisch 8000 Leute. Ich glaube, es waren weit weniger.

Was mir oft passierte in den vergangenen Monaten, war das Folgende: Ich stellte mich als der Regionalschreiber Sauerland vor. Viele hatten dann tatsächlich vom Projekt gehört und sagten: „Finde ich super. Bin aber noch nicht dazu gekommen mal reinzulesen.“  Wie das Projekt außerhalb, im Rest von NRW, wahrgenommen wurde? Ich habe da nach Jahren als Zuarbeiter und Redakteur von Onlinekulturmagazinen so eine Ahnung.

Stille Tage in Kultur

Trotz Berichterstattung in allen Westfalenpost Regionalausgaben, in der WDR Lokalzeit, dem Woll Magazin und dem Westfalium, trotz der fleißigen Arbeit des HSK Kulturbüros: Auffällig fand ich, dass ich in vier Monaten keine einzige Anfrage aus der Sauerländer „Kulturszene“ oder sagen wir, von den Kulturmachern der Region, für ein Gespräch bekommen habe, keine einzige Einladung zu einer Veranstaltung, kein „komm doch mal auf einen Kaffee vorbei“, nichtmal ein Hinweis, das und das könnte interessant sein – und natürlich auch keine Einladung zu einer Lesung.
Das ist aber nicht schlimm und vielleicht nichtmal überraschend. Denn die Projekte, die ich kennenlernte, wurden ausschließlich durch ehrenamtliches Engagement am Leben gehalten. Und da hat man vermutlich einfach zu sehr mit der eigenen Arbeit zu tun als auf Öffentlichkeit durch ein Projekt wie StadtLandText zu hoffen, das selbst kaum Öffentlichkeit hat – außer die virtuelle in den Medien. An der Menge von Kulturplayern kann es wohl nicht gelegen haben, die sind, trotz der Vertreutheit zählbar. Wen ich dann in den vergangenen Wochen kennenlernte, hatte ich entweder vom Kulturbüro HSK empfohlen bekommen, selbst entdeckt oder von Gespärchspartnern ans Herz gelegt bekommen.

Fazitfazit
Ich habe in vier Monaten 1000 km Strecke im HSK zurückgelegt, habe das erste Heimatmuseum meines Lebens besucht, habe beim Löschen eines Brandes geholfen, habe Kirchen und Kapellen und Kreuzwege durchschritten, habe viele offene, neugierige, auskunftsfreudige Menschen getroffen, war auf Lesungen, Vernissagen, Konzerten, ich bin Flüsse entlang und Berge rauf und runter gewandert und gefahren, habe Klöster und Kunsthäuser von Innen gesehen, habe Menschen gesprochen, die ihre Region lieben, aber auch um die sozialen Probleme (Öffentlicher Nahverkehr, Kneipensterben, Dorfgemeinschaftsverödung, wenig tägliche Kulturangebote, Jugend geht weg…) wissen.
Ich stellte fest, hier ist fast alles aus Bürgersinn und Eherenamt. Jedenfalls die Kultur zu großen Teilen und selbst der Kulturjournalismus. Bei Zeitungsatikel-Honoraren der WP und WR von 12-20 Euro macht man das aus Lust und Laune, nicht aus Verdienstabsichten.

Was habe ich noch gelernt?
Hier sind die Sonntage oft alles andere als geruhsam, wenn das Wetter im Sommer und Herbst stimmt: Dann wird 14 Stunden bis in den späten Abend hinein gearbeitet, die Trecker dröhnen die Straßen hinauf und hinunter, abends wird noch mit Flutlicht auf den Wiesen Heu gewendet. Hier wird am Samstag der Gehweg mit Spatel, Drahtbürste und Besen bearbeitet, hier spricht kaum einer gern und gut über die Holländer, die hier viele Häuser und Hotels kaufen, aber ohne sie gäbe es die Hälfte des Tourismus nicht. Hier sieht man keine Polizei, so gut wie keine Menschen mit irgendeinem „Migartionshintergrund“, hier fahren fast nur Kinder und Alte Bus. Hier macht man regelmässig Abendspaziergänge durch die Feldwege, mit Hund oder Mann oder Freunden, sagt Hallo zum Entgegenkommenden. Hier gibt es eine Weihnachtsbaumkönigin, sehr viele Fliegen trotz angeblichem Insektensterben und es gibt um ein Vielfaches mehr Hochsitze als Theater- und Kinositze. Hier lässt man die Kirche im Dorf, aber geht auch seltener hinein. Und wenn man die Kirche kritisiert, dann wird vielleicht auch mal ein olles Plakat abgehängt, aber angesprochen wird man auf den Text nicht. Auch wenn man später hört, dass er nicht sehr gemocht wurde. Außerdem: Wer regelmäßig Hoch-Kultur schätzt, fährt ins Ruhrgebiet oder nach Köln, wohnt trotzdem gern hier. Wer liest, findet viele, tolle, eigentümergeführte Buchhandlungen, mehr als im Ruhrgebiet. Hier ist jeder in irgendeinem Verein und spricht über Heimat – und trotzdem scheint keiner mehr zu glauben, es geht einfach immer so weiter.

Hier begegnete ich Menschen, die ein gutes Leben führen, längst nicht mehr „hinterwäldlerisch“ abgetrennt von den Entwicklungen außerhalb. Ganz im Gegenteil: Viele der ganz großen Themen, wie die Digitalisierung, die Umbrüche in der Landwirtschaft, der Klimawandel, veränderte Familienstrukturen, Zuwanderung und Abwanderung, überalternde Gesellschaft sind hier sogar früher als anderswo sichtbar – mit allen Konsequenzen. Und der Sauerländer macht weiter. Weil er immer noch weiß, was er hat. Und ich weiß es jetzt auch.

Mehr von Christian Caravante

Sauerland Haikus IV – fast vergangene und untergegange Dörfer, wartende Grillen

Ein paar letzte Miniaturen der letzten Wochen. Herbst ist, und die Sauerlandzeit geht zu Ende. Für mich. Das Leben hier wird weitergehen wie zuvor. Gut zu wissen.

 

Blätter stoben gelbrot
Kometenschweif voran, voran
Herbstausfahrt

 

Natur mit Eintritt
Waldautobahn mit Schildern
Bruchhauser Steinöde

 

gelb strahlt Großzügigkeit
Chrysanthemen neben
Weihnachtsbäumen für 2027

 

Kuh kaut Regen regnet
Spinne spinnt Fliege ein
kühles Bier in der Dämmerung

 

Untergang geplant
aus Dorf sollte Seegrund werden
Tür der Dorfkneipe quietscht

 

Unterm Kreuz über allem
ferne Stimmen, LKW Rauschen
Fliege brummt auf dem Stein

 

nur eine Wiese im Wald
Maulwürfshügel hüten Scherben
Flurwüstung die Leben längst vergessen

 

Schritt, Grille verstummt
Sie wartet aufs Alleinsein wie
ich die Umarmung

 

 

 

Mehr von Christian Caravante

Wer schreibt das Sauerland? – Literaten und Landflucht

Große Werke sind in Abgeschiedenheit entstanden. In Bergen, Wäldern, in der Einöde. Moses, Jesus, Mohammed und L. Ron Hubbard hatten nicht in der Stadt, sondern in der Pampa ihren entscheidenden Moment – danach schrieb jemand ein Buch über sie oder sie schrieben es gleich selbst, geführt von „jenem höheren Wesen, das wir verehren“ (Heinrich Böll, Doktor Murkes gesammeltes Schweigen).

Sind Autoren – da Draußen in der Natur und allein mit sich und den Elementen – näher an der Muse, am Flow? Schreibt Langweile Bücher? Der Urtext de „Simplify Your Life“ Bewegung, „Walden“ von Thoreau entstand vor 150 Jahren in einer Hütte im Wald. Aber Thoreau ist zum Essen manchmal doch zu Mutti in die Stadt gegangen.

Peter Wohlleben geht mir mit seinen Baum-Erklärbüchern auf den Zwirn, aber findet LeserLeserLeser. Ein Sauerländer Autor hat sich auch damit befasst, höre ich immer wieder. Das Buch wird mir wie folgt vorgestellt: „Kennen Sie die Wohlleben Bücher, ja? Ein Sauerländer hat jetzt auch über Bäume geschrieben.“ Aha. Ein bisschen selbstbewussteres Marketing ohne Nachahmer-Geruch wäre wohl besser.

Womit ich endlich beim Thema wäre: Das Sauerland und die Bücher, das Sauerland und die Literatur. Es ist wohl so: Die allermeisten erfolgreichen oder bekannten oder jung und publizierten Autoren in Deutschland wohnen in Städten – wo auch immer sie aufgewachsen sind. Es gibt viele, ganz hervorragende Bücher, die auf dem Land spielen, mein letztes war „Grenzgang“ von Stephan Thome. Aber Thome, wie viel andere sind auf dem Land aufgewachsen, wohnen als Schriftsteller aber überall, nur nicht mehr auf dem Land.

Falsche Romantik
Land und Wald – derzeit jedenfalls Trends in Literatur und wohlständigen Weltfluchtgedanken. Das Sauerland hat beides zur Genüge. Die Schriftstellerin Juli Zeh sagte mal übers Landleben: „Menschen, die glauben, die Provinz sei eine Idylle, leben grundsätzlich in Städten“, und weiter: „Aus meiner Sicht ist der Unterschied zwischen Stadt und Land viel größer als zwischen Morgenland und Abendland.“

Ergänzen könnte man noch, dass die meisten, die mit dem Gedanken spielen, aufs Land zu ziehen, das nie tun werden. Und die, die dort schon leben, schreiben offenbar so lang nicht über ihre Erfahrung, bis sie dort nicht mehr leben. Die andere Erklärung wäre: Es gibt viele Autoren auf dem Land, aber sie werden nicht verlegt und gelesen. Und eine dritte: die Leute auf dem Land sind zu praktisch veranlagt. Sie wissen, es liest sowieso kaum noch jemand und lernen was Ordentliches. Bücher liegen im Ranking der Freizeitbeschäftigung auf einem „guten vierzehnten Platz“, sagte die Frankfurter Buchmesse halb zufrieden. Aber das ist weit abgeschlagen hinter „Kuchen essen“ und „Ausschlafen“.

Woher kommst du?
Ich kenne Friedrich Merz und Franz Müntefering und Susanne Veltins. Sauerländer Autoren kenne ich nicht. (Natürlich gibt es welche: hier Namen) Der letzte große Moment, der literarisch über die Grenzen des Sauerlands hinaus Bedeutung hatte, war kurz nach dem Krieg, der so genannte „Schmallenberger Dichterstreit“ über die Frage: Gibt es eine westfälische Literatur? Die Antwort der Alten: ja. Die Antwort der jüngeren Generation: nein, sondern nur gute und schlechte Literatur.

Beim Thema „gibt keine Sauerländer Autoren“ rufen viele sofort: Aber Peter Prange, 2,5 Millionen verkaufte Bücher, in soundsoviel Sprachen übersetzt! Ja, antworte ich dann, von dem habe ich hier auch schon gehört. Und auch, dass er seit den 70ern in Paris und sonstwo wohnt.
Ist wie mit dem von mir verehrten Ralf Rothmann, der vor 40 Jahren aus Oberhausen nach Berlin ging – und immer noch als Ruhrgebietsautor wahrgenommen wird – weil viele seiner Bücher dort spielen. Bei Prange kommt das Sauerland aber zum ersten Mal in seinem letzten Buch überhaupt vor. Paradox. Was es gibt, sind (natürlich!) auch Sauerland-Krimis. Dieses regionale Genre lässt ja kein Kleinst-Fleckchen der Republik mehr unbemordet. Und auch wenn das sicher Fans anders sehen: Literarisch sind diese Bücher nicht wirklich von Belang, eher buchgewordene Vorabendserien, manchmal auch nur erfolgreich, weil Dauertrend-Krimi und Da-wohn-ich zusammenkommen.

So, aber jetzt mal Hand aufs waldige Herz lieber HSKler: Wer von Euch kennt Christine Koch? Ach ja? Und wer hat schon etwas von ihr gelesen? … So viel dazu.

Die Sauerländer Nachtigall
Bei Christine Koch stolperte ich über ihren Spitznamen, die „Sauerländer Nachtigall“. Das klingt, sorry, nach singender Kneipenwirtin.
Die Frau schreibt Anfang des vergangenen Jahrhunderts Gedichte auf Sauerländer Platt, veröffentlicht in Heimatzeitschriften und später Bücher. Ihre Gedichte handeln von Natur, Heimatgefühlen und den „sauerländer Menschen“. Sie ist heute Namensgeberin der „Literarischen Gesellschaft Sauerland e.V., Christine-Koch-Gesellschaft“. Ich habe dann ein Buch mit Gedichten von ihr gelesen – die Übersetzung ins Hochdeutsch natürlich – wodurch, Netflix-Serienfreunde und OF-Fans wissen es, viel Originalität verloren geht.

Heimatliebe
Ich lese in vielen ihrer Texte den Wunsch, ihre Heimat zu verstehen und festzuahlten, die Menschen darin zu beschreiben. In ihren Gedichten kann man etwas von dem Leben spüren, das die Region lange prägte und das bis heute sichtbar ist. Das Landleben in seiner Abhängigkeit von Jahreszeiten, die harte Arbeit, die Entbehrungen. Aber sie findet in der Landschaft und den Menschen auch viel Schönheit, Feinheit, Weichheit, dazu Wünsche, Träume und in der Natur Kraft.
Manche Texte sind Sauerland unabhängig ein Memento Mori, ein melancholischer Versuch, Gefühle oder einen Augenblick festzuhalten. Nur weil sie auf Platt geschrieben sind und sehr oft Orte in der Region nennen, läuft das wohl als „sauerländer“ Dichtung. Aber ihre Themen sind universell. Sonst wäre es keine Literatur.

Der Regionale „Charakter“
So wie wir z.B. Walt Whitmans Naturelegien und Hymnen auf den neuen Menschen oder japanische Lyrik über Kischblüten und Kimonos lesen oder Mascha Kalékos Stadtgedichte, und vielleicht gepackt werden von Dingen, die wir nicht erlebt haben und kennen können, so kann man bei Christine Koch einige schöne Verse über das Leben – zu der Zeit in dieser Region finden.

Meine Allergie auf auf verallgemeinernde Zuschreibungen eines regionalen „Charakters“ macht mir allerdings in manchem Text zu schaffen. Solche Typisierungen sind eigentlich immer Quatsch, egal ob in USA, Japan oder dem Sauerland, weil die Gemeinsamkeiten mit anderen Regionen und Gegenden und Menschen doch überwiegen, nicht die Besonderheiten.

Literarische Gesellschaft Sauerland
Die Christine-Koch-Gesellschaft ist, wie ich immer wieder hörte, ein inzwischen etwas überalterter Club von rund 300 Menschen, die zum Teil auch selbst schreiben und sich der Förderung von Autoren und Literatur in der Region widmen.
Seit einigen Monaten gibt es nun einen neuen, jüngeren, Vorstand. 1. Vorsitzende ist die Bildhauerin Stephanie Schröter aus Arnsberg. Sie möchte im Verein einiges modernisieren, plant erstmal weniger Lesungen, vielleicht drei oder vier im Jahr. Im November kommt zu diesem Zweck der unvermeidliche Peter Prange. Außerdem wird es noch zwei oder drei Vorträge zu philosophischen oder Sachthemen geben. Weiterhin soll es im ganzen Sauerland Veranstaltungen geben, nicht nur in Schmallenberg oder Arnsberg. Nicht neu ist der Plan einer Schreibwerkstatt für junge Leute, aber sie soll nun durch jüngere Dozenten durchgeführt werden. Geplant ist ein  zeitgemäßer Internetauftritt und das Layout der Vereins-Literaturzeitschrift “Der Edelrabe” ins Heute zu bringen.

Der Vorstand ist ehrenamtlich tätig und der ganze Verein damit ein typisches Beispiel für die Kulturarbeit in dieser Region: Hier geht nichts ohne engagierte Einzelpersonen und fast immer geht alles ohne Geld von Mutter Staat. Die Regionale Kulturpolitik mag ihre Festivals haben, die Ganzjahresarbeit, z.B. für Literatur, bezahlen die Leute selbst – vor allem mit Zeit.

Ein Buchladen für jedes Tal
Jedenfalls beackert die Christine-Koch Gesellschaft fruchtbaren Boden. Denn im Gegensatz zu vielen Großstädten, die fest in der Hand von einer Mayerschen Buchhandlung oder einer anderen Kette sind und im Verhältnis zur Einwohnerzahl über wenige kleine Buchhandlungen verfügen, bin ich im Sauerland auf eine geradezu erstaunliche Zahl inhabergeführter, unabhängiger Buchläden gestoßen. Sie mögen kämpfen, aber sie leben.

Vielleicht wirkt hier ja die Dorfsolidarität positiv. Nachfrage beim Börsenverein des Deutschen Buchhandels: Etwa 60 Buchhandlungen der Region sind Mitglied, im Hochsauerlandkreis allein 20. Rechnen wir noch einige dazu, die ohne Verbandelung auskommen ist das eine erstaunliche Zahl. Wo doch die Wege weit sind und amazon über Nacht auch ins letzte Tälchen liefert.

WOLL, ne?
Und einen eigenen Verlag hat das Sauerland: WOLL verlegt unter anderem Bücher aus und über die Region, darunter Christine Kochs Gedichte. Im Sortiment aus Humorigem, Lebenserinnerungen, plattdeutscher Mundartforschung sowie Jugendbüchern und Regionalführern, gibt es aber weniger als fünf Romane. Am besten dürften die Poster des WOLL Verlags mit Sauerländer Umgangs- und Schimpfworten gehen, die ich überall hängen sehe. Literatur – wen wundert es – bringt nicht so richtig Umsatz.

Buchläden leben
In einer der größten Buchhandlungen der Region, bei „Bücher und mehr“, erfahre ich: Gut 40% des Geschäfts machen die Touristen aus. „Bücher und mehr“ ist ein schöner, gut sortierter Laden in Schmallenberg. Die beiden netten Eigentümerinnen kennen die Bücher in ihrem Laden, kennen überhaupt sehr viele Bücher und auch ihre Kunden. Der Online Shop ist nicht nur digitales Beiwerk, sondern offenbar echter Umsatzbringer, erzählen sie. Auch wenn sich viele die Bücher in den Laden bestellen. Was den beiden natürlich noch viel lieber ist. So geht das hier.

Aber auch mit weniger Sorgfalt scheint es zu gehen: Am anderen Ende des HSK, in Olsberg, ist die kleine Buchhandlung Käpt’n Book. Die vier großen Schaufenster zeigen so gut wie keine Bücher, sondern Firlefanz und Buchnippes und wirken vernachlässigt. Und auch Innen sieht es nicht nach moderner Buchhandlung oder wenigsten gemütlich-chaotisch aus: ein schlauchiger Raum, Kachelboden und eine Reihe von etwa zehn Regalen an der rechten Wand. Sortiment: von allem ein bisschen. Profil? Nicht erkennbar. Warum da kaufen, könnte man denken. Um die Ecke ist nur noch für die Internet-Verweigerer ein Argument.

In Verdrehung des Namens der Schmallenberger Kollegen konnte der Laden in Siedlinghausen: „Mehr und Bücher“ heißen. Keine richtige Buchhandlung. Das Schaufenster voller Krims und Krams, Puppen und Porzellan, Ratgeber und Setzkastenfiguren. Drinnen links Kiosk mit Kippen und Zeitungen und die Bestseller der Spiegel Liste auf einem Ständer, daneben Lotto, geradeaus Schreibwaren, mitten drin unfassbarer Nippes und Deko-Kram „für ein schönes Zuhause“ und hinten rechts die „Buchhandlung“ – 3 Regale mit undurchschaubarer Systematik. Bahnhofsbuchhandlung ohne Bahnhof.
Der nette Eigentümer erklärt, er schaue beim Sortiment auf die Liste des Spiegel, bestelle immer ein Exemplar, und dann, weil er sich für Politik interessiert, hat er rechts vor der Kasse noch ein Tischchen mit Biografien von Westerwelle bis Weißnichtwer. „Und wen meine Frau noch ein schönes Buch liest, kommt das auch hier hin.“ Er finden den Preis des neuen kenn Follet eine Frechheit. „Ich bin 72, ich höre in einem Jahr auf.“, sagt er dann noch. Und mit ihm auch der Laden. In Meschede, in Arnsberg und auch kleineren Städten – manchmal (über)leben hier zwei Buchhandlungen. Für mich immer Beleg eines lebenswerten Orts.

Amazon hat also auf dem Land offenbar noch nicht gewonnen. Aber Umsatzeinbrüche und die neue digitale Welt dürften hier nicht zeitverzögert, sondern früher als anderswo zu spüren sein. Und was die Literatur aus dem Sauerland angeht: Vielleicht wird bald ein Autor aus Oberhundem berühmt, schreibt bewegende Bücher und alle meine hier gemachten Behauptungen werden Lügen gestraft. Das wäre schön! Geschichten gibt es genug. Flaubert sagte: „Alles wird interessant und wichtig, wenn man nur lange genug hinsieht.“

 

Mehr von Christian Caravante