Der schnarchende Riese – Sylt vs Sauerland

Viele sieht man nicht und wenn, dann fast immer auf Autos mit HSK oder Olper Kennzeichen. Es scheint, nur sie fahren den SAUERLAND Aufkleber auf dem Kofferraum durch die Gegend. „Sauerland“ steht da,  links unten mit einem leichten Aufschwung nach rechts unten verlaufend, in handschriftlicher Anmutung und unterstrichen von zwei Zacken und einem sanftem Schwung bis zum „d“ am Ende.

Gestalterisch ist das 90er Jahre Diddl Maus mit – mir jedenfalls – allzu offensichtlichen Assoziationen: hier ist alles handgemacht und persönlich (die Schrift), wir haben Berggipfel, nicht zu schroff (die Zacken im Strich darunter) und wir fühlen uns unterschätzt. Graphologen meinen nämlich, wer seine Unterschrift noch unterstreicht, leide unter Minderwertigkeitskomplexen.

Mein Problem ist aber gar kein ästhetisches. Und auch die Behauptungen von Bedeutsamkeit kenne ich seit Jahrzehnten aus dem Regionalmarketing des Ruhrgebiets. Mein Problem ist gestörte Wahrnehmung: Ich sehe nämlich in dem zackig und geschwungenen Strich unter dem „Sauerland“ Schriftzug immer und jedes Mal das nörgelnde Strich-Männchen aus den Werbepausen der 70er und 80er Jahre, La Linea von Osvaldo Cavandoli. Der, und nicht ein angedeuteter Höhenzug, liegt mit dickem Bauch schnarchend unter dem Sauerlandschriftzug. Schauen Sie mal genau hin!

Beim ersten Mal hab ich gelacht und dem gewitzten Gestalter gratuliert. Wenn es nur mehr Leute sehen könnten! Denn das ist doch ein viel passenderes Bild für die Region, der schlafende Riese. In jedem Fall mit mehr Vision und Power als dem Schriftzug „Sauerland“ noch stilisierte Berge hinzuzufügen – als wenn irgendwer das nicht wüsste.

Aber was wollen diejenigen sagen, die sich den Aufkleber aufs Auto kleben, denen es offenbar gestalterische Gestrigkeit und allzu naheliegende Symbolik einerlei ist. Wofür genau steht „Sauerland“? Da es vor allem Sauerländer selbst herzeigen wohl für Heimatverbundenheit. Und das ist in Ordnung. Aber was müsste es bedeuten, damit sich Auswärtige den Sticker stolz als Statement aufs Auto kleben?

Als mir jemand neulich erzählte, dem Tourismus hier gehe es gut, es gäbe nämlich immer mehr Leute, die nicht mehr 600 km bis nach Sylt führen, sondern lieber ins Sauerland kämen, hielt ich das für durchaus möglich. Aber als ich dann wieder einen der Aufkleber sah, war mir nicht mehr so sicher. Sylt hat ja gleich zwei Aufkleber: Die allen bekannte Silhouette von Sylt und die zwei Schwerter der bekannten Sansibar auf der Insel.

Und jetzt sollen diese zeigefreundlichen, klassenbewussten Urlauber mit ihren Audis, BMWs und Benzen vermehrt ins Sauerland kommen? Möglich. Aber sicher ohne sich hernach einen so dezenten wie sichtbaren Aufkleber ihres Lieblingsortes aufs Auto kleben.

Diese Urlauber wollen vermutlich nicht kommunizieren: Wir mögen Naherholung, wir geh’n in den Wald, wir mögen mittelhohe Berge, mittelgroße Seen und mittelgroße Städte und die 90er.

Der Syltaufkleber kann nur zum Sauerlandaufkleber werden, wenn er sich mit dem diffusen Sylt-Gefühl auflädt: Wir sind oben – und das ist nicht für jeden. Bevor aber in Bad Fredeburg ein Barbour Laden statt des Birkenstock Outlet öffnet, bevor das Wildschweinsalmibrötchen zum neuen Krabbenbrötchen wird und das Mittelgebirgsskifahren, die elitär und ökologisch einzig richtige Entscheidung, bevor das passiert, ist es noch ein weiter Weg. Da haben es schrumpfende Inseln in der Nähe von Hamburg leichter.

Wann also erwacht der schlafende Riese, wischt mit zwei fuchtelnden Bewegungen den schiefen Schriftzug über sich weg, wie einen albernen Albtraum – und steht auf?

 

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Sauerland Haikus III – Holländer, tote Tiere und ein Golgatha

Bürgersteigspflege
Spatel, Bürste, Besen
Hausschuhe passend

 

überland, vorm Acker
Bushalte und Telefonzelle

ohne Anschluss

 

Sandalenholländer
blonder Bäckerflirt

Brot zu dick geschnitten

 

Für immer Zähne
gefletscht vor dem Fotowald
Heimat im Museum

 

Negertal Dorfkrug
Grauhaarige bei Pils und Korn
Baumwipfel schon gelb

 

Stadtkind zeigt und rennt
guck grün! was ist das? guck tot
Sauerlanddschungel

 

Zukunft am Waldrand?
im Teich liegt Mutter Gottes
Försterhütte zu mieten

 

Steil hinauf elf Qualen
lebensgroßer Tod am Kreuz
herrlicher Talblick

 

 

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Bleiben UND Gehen

BLEIBE. Wie ist das nur gemeint. Trotzig als Verb? Oder heimelig als Nomen? In jedem Fall ein Statement an diesem alten Fachwerkhaus in der Mitte des kleinen Orts an der Straße nach Winterberg. Neben dem Haus mit seinem hohen Giebel plätschert der re-naturierte (ja auch das, scheint im Sauerland manchmal nötig!) Bach, um die Ecke der Metzger, ein Restaurant, eine Pizzeria, ein Hotel, der Bäcker, die Post, ein kleiner Supermarkt, ein Getränkehandel, zwei Bankfilialen und die Kirche.

Ein funktionierender kleiner Ort, auch wenn ein zweites Restaurant inzwischen geschlossen ist und im andern nie Leute zu sein scheinen und es keine Kneipe im engeren Sinn mehr gibt. Auch das „Erlebnismuseum“ des Orts, zu Tier und Pflanzenwelt im Sauerland, musste vor drei Jahren schließen, weil für die notwendige Modernisierung kein Geld zusammenkam. Das Freigehege kurz hinter dem Ort, oberhalb im Wald, zur Forschung und zum Anschauen von Ernie und seinen Freunden. Das sind 20 Hirsche, die zur Fütterung ganz nah kommen. Das Gehege sollte ebenfalls dicht machen, konnte aber – wie so oft in der Region – durch eine ehrenamtliche Initiative gerettet werden. Hierbleiben. Dableiben.

Einen Kindergarten, schön gelegen direkt über der Stadt am Waldrand, und auch eine einzügige Grundschule – sie hat Schüler aus 12 umliegenden Orten und „Bauernschaften“, und eine Arztpraxis mit drei Ärzten gibt es – Landarztmangel zum Trotz. Ein Ort zum Bleiben, weil er lebt. Links und rechts die Hügel, eine Wallfahrtskirche auf dem Berg – keine Windräder, keine freilaufenden Wisente (DIE Reizthemen im Sauerland). Und auch der alte Herr, der tagein, tagaus mit Hut auf dem Kopf vorm Haus an der Hauptstraße sitzt, weil da noch was passiert, der ist real. Sauerland working.

Da geht es anderen im HSK anders: All die Durchfahrtsorte mit, tja, gar nichts. Nur Häuser zum Wohnen. Die großen und kleinen Orte mit Leerständen direkt an der Hauptstraße, vor allem am Ende und Anfang. Da dröhnen dann die Motorräder am Samstag und Sonntag niemanden mehr aus dem Schlaf. Da nutzen dann auch die schöne Natur, eine 800 jährige Geschichte, höhere Busfrequenzen oder Bleibe-Anreize nichts mehr. Diese Orte führen ein Leben als Untote, in denen das gemeinschaftliche Leben stirbt und die Leute nur bleiben, weil sie keine Alternative haben. Netflix und Sky Abos, Einladung zu Freunden am Ort oder weite Autofahrten als Sozialleben.

Warum diese Entwicklung? Kleinere Familien, zermürbende Pendeljob und dem zeitsparenden Einkauf irgendwo in der großen Stadt am Weg, Fernbeziehungen, ausbleibende Touristen an den Rändern, Klimawandel und weniger Schnee, die Kneipenerträge zu gering, Söhne und Töchter von Bauernhöfen, die lieber studieren, dazu auch hier eine alternde Gesellschaft, die biologisch bedingt kleiner wird.

In meinem Städtchen aus Fachwerk, mit einem bisschen Tourismus, Landwirtschaft sieht es okay aus, denn es gibt den „Schnadegang“. Schon ein paar hundert Jahre. Einst, als es noch keine Grundbücher und Katasterkarten gab, diente er der mündlichen und schriftlichen Überlieferung der Gemeindegrenzen. Man traf sich mit den Nachbargemeinden und prüfte gemeinsam den Grenzverlauf. Heute ist der Schnadegang Anlass alle und alles kennenzulernen, und neben Schützenfest und kleineren Gastrofestival die Nachbarn zu treffen.

Letzten Samstag, 7.30 Uhr morgens zog deswegen die Blaskappelle durchs Städtchen, Feuerwehr fuhr vorweg – mein Sohn und ich in Pyjamas vor der Tür, still staunend. Leute mit Wanderstöcken und Hüten, mit Rucksäcken und Hunden. Das war der frühe Auftakt für 18 km Schnadegang im Jahr 2017, querfeldein, bergauf und ab, mit Mittagsrast und Abschlussfest über der Stadt. Sie stiegen dann in einen Bus, um zum Startpunkt für ihren Rundherummarsch zu kommen.

Um 9 abends, es dämmerte, die Familie und ich saßen nach einem faulen Tag im örtlichen Restaurant bei Bier und Hirschragout. Und wie wir saßen tröpfelten alle paar Minuten Wanderer an uns vorbei – Schnadegänger auf dem Heimweg nach über 12 Stunden, still und entspannt, ein bisschen verschwitzt, lächelnd mancher, jedenfalls ganz da. Bleibe! Das hab ich verstanden.

#sauerland #stadtlandtext

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Heimat festhalten – die Wunderkammer von Holthausen – TEIL 2

‘Wir, die Überlebenden, sehen alles von oben herunter, sehen alles zugleich und wissen dennoch nicht, wie es war.’ W.G. Sebald, Ringe des Saturn

„Wer ist eigentlich dieser Heimat?“ – diese Frage stellte sich vor, während und nach dem Besuch im Westfälischen Schieferbergbau und Heimatmuseum in Holthausen. Einige unfertige und andeutende Gedanken schrieb ich schon in TEIL 1 dieses Versuchs über Heimat und Erinnerung und das Glück der Entdeckung.

Beim Gang durch die vielen, verschachtelten, mal luftigen, mal engen Räume, bei dieser Reise durch Volksfrömmigkeit und Religion, Jagd und Waldwirtschaft, durch Schieferbergbau und Industrie, Handwerk und am Ende sogar Kunst, sind es weniger die einzelnen Objekte, die erzählen, als das ganze Haus. Vor allem erzählt es von der Unmöglichkeit das Leben zu zeigen, wie es ist, oder war. Gerade in dieser Vergeblichkeit, die durch die schiere Masse an Objekten und Themen und Darstellungen nur noch deutlicher wird, darin liegt die Kraft und das Faszinierende. Nie weiß ich, was mich im nächsten Raum, am Fuss der nächsten Treppe erwartet, welches Licht, welcher Böden, welche Epoche, ob Vitrinen oder Bilder, Möbel oder Maschinen, welcher Teil der Geschichte aus dem Sauerland.

Romanmaterial und blinde Flecken
Elektrisiert arbeite ich mich von Raum zu Raum. Es ist genau, was ich liebe, egal ob in Literatur oder Film oder eben einem Museum: Fragmentierte, parallellaufende Erzählungen, durch winzige, höchstens erahnbare Linien verknüpfte Momente oder Artefakte – im Grunde bedeutungslos, aber durch den hinzugedachten Menschen, ein Lebenszeichen. Das sind Rufe aus der Vergangenheit – mal berührend, manchmal unverständlich, immer ein bisschen rätselhaft.

Jeder Weg zwischen zwei Räumen kurbelt an der eigenen Fantasiemaschine: Wer waren F. C. Selz und A. J. Wendler, zwei sauerländer USA-Auswanderer im 19. Jahrhundert, deren Namen allein schon für einen Thomas Pynchon Roman reichten. Fotos von Männern im Saloon der beiden in Canyon City, Oregon: Alle an einen langen Tresen gelehnt, alle ohne ein Lächeln, dafür mit mächtigen Schnurrbärten. Draußen der Witz von einer Stadt mitten im Dreck – wie das nächste Foto zeigt.
Wer war die kleine Elisabeth Schrewe, die nur zwei Jahre alt wurde, Anfang des letzen Jahrhunderts, wer hätte sie sein können und was erlebt? Ist „Kindersterben“ jemals Alltag gewesen? Was aus der Strickwaren Fabrik Solomon Stern ab 1936 wurde, ist bekannt, wenn auch hier nicht erzählt. Diesen ekligen, ausbeuterischen, räuberischen Teil des Nationalsozialismus gab es aber auch im Sauerland. Wenn der Hammer eines Schusters oder das Fernglas eines Jägers etwas übers Sauerland erzählen, oder ein Saloon in den USA und Tabakpflanzen in einer Vitrine die Vergangenheit greifbar machen sollen, dann doch eigentlich auch das Schicksal des größten jüdische Unternehmens, der Firma Salomon Stern mit 120 Beschäftigten.

Und plötzlich Kunst
Mitten im Museum, in Bauch und Brust des Hauses, residiert die Südwestfälische Galerie – eine Sammlung mit 7000 Werken ab dem 19. Jahrhundert, die „aus dem Sauerland stammen oder über die künstlerische Arbeit mit dem Sauerland verbunden sind“. Rund 150 Bilder werden durchgehend gezeigt und es gibt immer wieder Ausstellungen zeitgenössischer Kunst.
Die Dauerausstellung beginnt mit Selbstportraits. Passend, denn das ganze Haus ist im Grunde ein komplexes, unüberschaubares, widersprüchliches, inspirierendes Selbstportrait der Region. Es gibt Werke hier ansässiger und verzogener Künstler zu sehen, Skulptur, Malerei, Grafik. Auch hier wie im Rest des Hauses folgen die Werke keiner ausgearbeiteten Narration, sondern „Sauerland“ ist der weite, vielschichtige und assoziative Rahmen für alles.

Hach, Heimat. In diesem Museum jedenfalls sollen die Objekte nicht bloß eine „Storylinie“ illustrieren, sondern zeigen widersprüchliche, vereinzelte, befremdliche Objekte in einer räumlichen und zeitlichen Co-Existenz. Das Museum erzählt immer auch von der Welt, vom Leben, wenn es von sich selbst erzählt. „Erinnerung“ wird zum kreativen Prozess – ohne Anspruch auf Korrektheit, Vollständigkeit oder wissenschaftliche Nüchternheit – zu einer  wahren Wunderkammer. Hooked to Heimat. Dies war das erste, wird aber nicht das letzte Heimatmuseum für mich sein.

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Heimat festhalten – Die Wunderkammer – TEIL 1

„Lauter Buchstaben und Zeichen aus dem Setzkasten der vergessenen Dinge“, W.G. Sebald, Austerlitz.

Bremse ziehen, rechts ran, was ist DAS denn? Etwas oberhalb der Straße ein gigantischer, sicher 30 Meter hoher und 100 Meter breiter Schieferhaufen. Nein, vielmehr ein enormer Schieferschuttberg, wie die Ruine einer antiken Hügelgrabstätte, riesig, schwarz, glänzend. Im Sauerland wartet weiterhin hinter jeder zehnten Kurve eine Überraschung. Und der Hügel passt in doppelter Hinsicht: Ich bin auf dem Weg ins Städtchen Holthausen zum „Westfälischen Schieferbergbau und Heimatmuseum“.

Eine Herausforderung, wegen des – jedenfalls für mich – ambivalenten, unklaren, gern als Kampfbegriff verwendeten Worts „Heimat“. Soviel vorab: dieses Museum ist für mich ein Ereignis. Wie der Schiefer-Schuttberg bei der Anreise türmten sich beim Besuch bald Assoziationen, Fantasien, Erinnerungen und grundsätzliche Fragen über Heimat, Vergangenheit und museale Präsentationen übereinander. Dieses Haus ist eine Wunderkammer.

Der Blogtext in zwei Teilen ist mein bescheidener Versuch einen Weg auf diesen Hügel aus Gedanken zu finden – und vielleicht eine Aussicht.

Heimat ist fremd
Das Museum in Holthausen – ich gestehe – ist das erste deutsche Heimatmuseum meines Lebens. Heimatmuseum – das klang für mich piefig, national und provinziell. Bei mir kam eh immer nur Fernweh, nie Heimweh. Heimatmuseum, ob an der Nordsee, im Schwarzwald oder Sauerland, ist das nicht konzeptionsloser, konservativer Krimskrams mit handgeschriebenen Hinweisschildern? Ist das nicht eine Erd- & Schollenverbundheit, die mir fremd aber nicht Heimat ist? Heimat ist immer da, wo man liebt und lebt, dachte ich lang. Um dann – vermutlich eine dieser leidigen Alterserscheinungen – festzustellen: Heimat ist in einem, egal wo man hingeht. Sicher kann man sie auch woanders finden, irgendwo ankommen, weit weg von dem Ort, an dem man aufgewachsen ist. Allein, dann ist das die so genannte „zweite Heimat“.

Luftblasen aus der Tiefe
Heimatmuseum bedeutete bisher für mich einen Versuch, etwas zu konservieren, das allzu sehr im Fluss ist, etwas, das Interpretationen und erinnerungspolitischen Absichten unterworfen ist, die mehr mit dem Heute, als dem Gestern zu tun haben. Dazu, Heimat ist individuell und nicht kollektiv zu fassen. Sie besteht aus Erinnerungen und Gefühlen, Gerüchen und Familientraditionen, aus nostalgischen Anwandlungen und der eigenen Geschichte – die man ja selbst kaum korrekt und zusammenhängend erzählen kann.

Heimatmuseum bedeutet hingegen ausgewählte Alltagsobjekte meist namenloser Besitzer in Schaukästen mit einer zusammenhängenden Erzählung zu versehen und zu behaupten: So ist das hier. Die Menschen, die Geschichte machen, verschwinden hinter Gegenständen, die alles und deshalb nichts bedeuten können.
Ein Hammer, eine Schürze, ein Kruzifix, eine Stickerei, ein Tisch, ein Geweih – was erzählen die als Haufen von Zeug auf einem Flohmarkt? Und was bedeuten sie im Museum? Und wo sind darin die Menschen, die jeden Tag vor die Tür gehen, gut gelaunt, mies drauf, vorfeudig, traurig, gestresst, allein, mit Absichten und Unzulänglichkeiten? Heimatmuseum, Volksfest, Trachtenverein, Brauchtumpflege und Heimatfilm: allerhöchstens Luftblasen aus der Tiefe des kulturellen und biografischen Ozeans einer Region und ihrer Menschen. Oder?

In Fraktur
Das Grundproblem vieler historischer oder Heimatmuseen, die Auswahl und das Auslassen, fand ich gleich am Eingang zum Museum in Holthausen auf der „Historischen Tafel“ bestätigt, laut der die neuzeitliche Geschichte der Region so verlief:

„1929 bis 1933 Weltwirtschaftskrise, 1939 bis 1945 Zweiter Weltkrieg, 1945 Gründung der UNO, 1949 Konrad Adenauer wird Bundeskanzler.“

1933-39, Nationalsozialismus, Verfolgung und Vernichtungkrieg? Nö. Diese Haltung ist „Heimatschutz“ als blinder Fleck. Warum braucht „Heimat“ so verzweifelt eine Geschichte von Erfolgen und Siegen? Egal, denke ich, jetzt reingehen, wer weiß, wer diese Tafel in Frakturschrift angebracht hat und warum sie immer noch hängt – hoffentlich ist sie kein Motto für das, was mich drin erwartet, sondern selbst ein Artefakt vergangener Denk- und Schreibweisen.

Damaskuserlebnis
Dem Betreten der Räume, ich kann es nicht anders sagen, folgte sehr bald meine Bekehrung, mein Fall vom Pferd vor Damaskus. Ich bin schon im dritten Raum hellwach und begeistert. Der Rundgang beginnt recht unvermittelt mit Kunstwerken des sauerländer Bildhauers Eugen Senge-Platten und einigen Fotos von ihm, führt hinauf in Räume, wo in großen Glaskästen vor Fototapete drapiert ausgestopfte Tiere aus Wald, Wiese und Himmel erstarrt sind. In einer Ecke grobe Holzskulpturen, in einer anderen bunt bemalte Fensterläden mit der Geschichte einer Sauerländer Mörderin. Weiter geht es in Räume, die komplette Werkstätten von Schuhmachern, Druckern und dem untergegangen Handwerk des Stellmachers beherbergen. Dazwischen mal Fotos, mal Leuchtkästen, mal Arrangements zu Strickwaren, Tabak, zur Auswanderung in die USA oder zur „Holzwurst“. Kabinette mit Stubeneinrichtung und Totengedenkbildern, Urkunden von Dorfwettbewerben, Hinweisschilder, Fotoerklärtafeln über Holzwirtschaft und das Zimmer des Künstlers und Verkehrsamtsleiters und freien Mitarbeiter des Museums Leo Bittner.

Jedes Objekt, ob besonders, alltäglich, verständlich oder fremd, wurde bei meinem Rundgang Teil eines nicht fassbaren Ganzen. Da entstand Energie zwischen den tausenden Dingen und ihren unendlichen Geschichten in den vielen, verschachtelten Räumen. So kann ich Heimat glauben. Weil so Leben ist.

Ich verliere mich bald in den sich immer wieder auftuenden Räumen und Kabinetten, Themen und Gegenständen, ich schreibe, fotografiere, erinnere mich an Besuche im Sauerland als Kind, ich assoziiere so wild und durcheinander in Bildern und Worten wie Christoph Schlingensiefs Theater…. Und dann werde ich nur durch Zufall nicht im Haus eingeschlossen – was vielleicht das größte Abenteuer als Sauerlandschreiber hätte werden können. Vor dem Haus, an einem Sommerabend kann ich nur noch denken. Mehr davon!

„Es liegt einem auf der Zunge, wie hier Vogelfutter in der Fixierschale, Blumensamen neben dem Feldstecher, die abgebrochene Schraube auf dem Notenheft und der Revolver überm Goldfischglas zu lesen sind.“ Walter Benjamin, Das Passagen-Werk

ENDE TEIL 1

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Sauerlandhaikus II

Und wieder Wort und Bildfunde aus der Bewegung kreuz und quer und rauf und runter durch die „grüne Hölle“ des Sauerlands. 1400 km in den ersten zwei Monaten. So langsam erste Einblicke. Mehr nicht.

 

Sauerlandlinie
der Himmel glänzt im Schiefer
Brücken über die Leben

 

Bestseller und Ramsch
Pause bis drei
im Durchfahrtsdorf Nummer zehn

Was will die Kunst hier
nur kämpfen sagt sie lachend
nie genug Schneepflüge

 

Betonbrutalität
Verwaltungsburg im Wald
Kaffee mit Zucker bitte

 

Sicht ist gleich Bremsweg
gelockte Straße verführt
ist Tempo gleich Glück

 

Am lila Rand Regen
Wasserfarbenwald
Gewitter riecht wie Gurke

 

Null Uhr vor dem Haus
augenverbundenschwarz
mein Sohn lacht im Schlaf

 

 

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