City upon the hill – Philosophenbänkchen (Schmallenberg Teil 2)

Das mit Schmallenberg als der größten Stadt NRWs (siehe Blogeintrag von Gestern) wird natürlich ironisch erzählt. Ironie schmückt das lässige Selbstbewusstsein der Leute hier im Sauerland. Denn wohl kein „Buiterling“ wie ich und auch kein Ur-Sauerländer würde Schmallenberg ein „urbanes Zentrum“ nennen. Eher ein Suburbia ohne Urbia, eine ewige Vorstadt ohne Bezug zu einem Zentrum. Stadt im engen Sinn? Braucht hier keiner, hat kaum einer Sehnsucht nach. Außer mir, der schon immer von einer Großstadt mitten in der Natur, mit Bergen und Meer in Nähe träumt. Gefunden hab ich sie bisher nur in Vancouver und Seattle. Zu weit von hier. Im Sauerland fehlt das Meer – aber das Leben ist voller Kompromisse. Na gut, die Stadt müssten sie auch erst noch bauen.

Schmallenberg mit seinen 82 eingemeindeten Orten hat rund 25.000 Einwohner (Kernstadt Schmallenberg knapp 6.000, und damit knapp über der Definitionsgrenze „Kleinstadt“). Sie ist größer als die Örtchen drumherum, sieht beim Reinfahren auch aus wie eine Stadt – Kreisverkehre mit Kunst drauf, Discounter-Märkte und Möbelhäuser und Werkshallen am Stadtrand, Ampeln.
Aber sie fühlt sich nicht nach Stadt an, wenn man aussteigt. Das Städtchen (passender? Ich bin sprachlich noch auf der Suche) ist im preußischen Klassizismus mit Fachwerk vor rund 200 Jahren nach einem Brand wiederaufgebaut worden. Es gibt viele kleine Läden, einen Uhrmacher, einen Optiker, einige Restaurants (toll: der „hauseingelegte Sauerbraten“ bei Stoffels!), dazu Hotels, Bäckereien, eine Buchhandlung und nur wenige der öden und üblichen Ketten von Kik bis Tedi. Schmallenberg ist old-school: Inhabergeführter Einzelhandel, viel Mittelstand (Falke Gruppe), einen schönen Platz mit Cafés drumrum. Sie verstrahlt wegen der nur schlendernd sich fortbewegenden Touristen eine fast karibische (ja!) Langsamkeit. Dazu breite Straßen (na gut, zwei breite Straßen, als Brandschutz), sogar ein Theater, das mal Kino war und nun irgendwie beides ist.

Ich als geborenes Großstadtkind mit einem Hang zu riesigen, räudigen Städten, zu unüberschaubaren, überbevölkerten, dauerbewegten, brodelnden, kreischenden und anstrengenden Orten wie Kairo, Neapel oder New York in den 80er Jahren dachte, obwohl ich ja in Dortmund wohne, das manche zurecht das größte Dorf im Sauerland nennen, ich dachte: Ist toll hier. Aber Stadt ist es nicht. Vor allem wegen der Bänkchen. Denn die Sitzbänkchen, die in Schmallenberg auf den Treppenabsätzen sehr vieler Häuser stehen oder fest am Geländer angebracht sind, sie sind nach einem Tag Schlendern, Essen und Trinken mein Beleg, dass der Ort nicht Stadt ist, es auch nicht sein will und nicht zu sein braucht. Diese kleinen, meist metallenen Bänkchen bieten maximal zwei Leuten Platz, sind direkt am Geländer oben nach zwei oder drei Stufen am Treppenabsatz der alten Häuser angebracht. Sie sind die Straßen hinunter blickend ausgerichtet und wirken immer einladend, gehören zum Haus.

Als ich das erste Bänkchen sah und im weitern  Verlauf der Ortsbegehung erkannte, dass viele Häuser solche Ausblicke haben, war ich sofort ergriffen. Ich stellte mir vor, dass die Bewohner Schmallenbergs an guten Tagen und an fast allen Abenden da sitzen, mit anderen karibisch Daherschlendernden quatschen, rauchen, Kaffee, Aperol oder Selbstgebrautes trinken und übers Leben sinnen. Wie in einer utopischen Philosophenstadt der Antike, da oben auf einem Hügel, nur ohne Tempel und Säulen und Sklaven, dafür mit Schieferfassade, Fachwerk, groben Schuhen und wetterfester Kleidung.

Diese Bänkchen vor der Tür machen den Unterschied zum Guten! Weg von dem, was ganz diffus und undefiniert für mich „Stadt“ ist: Nämlich ein manchmal fieser Ort. Wer solche Bänkchen baut, ist nicht fies. Ja, Stadt braucht dunkle und schlecht beleumundete Ecken. Wer solche Bänkchen vor der Tür hat, kennt die nicht.  Städte fördern Anonymität und Unsichtbarkeit. Wer auf solchen Bänkchen sitzt, möchte das nicht. Wer solche Bänkchen baut, schätzt einen klaren und sichtbaren und zugewandten Lebensstil, der mir plötzlich sehr attraktiv vorkommt.

So setzte ich mich nieder, frage mich, ob die Schmallenberger eher Stoiker oder Sokratiker wären auf ihren Philosophenbänkchen. Gefühle kontrollieren und im richtigen Moment zulassen und ansonsten egal, was dir passiert, du bist immer noch glücklich? Oder pocht bei ihnen wie bei Sokrates ein stetiges, bohrendes Bemühen, den Dingen auf den Grund zu gehen?
So oder so, ich stelle mir die Schmallenberger da sitzend jedenfalls als glückliche Menschen vor. Menschen, die in sich selbst genug Stadt finden und sich deshalb nicht den Kopf zerbrechen müssen, ob sie in einer leben.

#stadtlandtext

Fotos: Textfotos: Caravante, Titelfoto: cc Lizenz flickr Michael Krämer

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Stadt ohne Stadt statt Stadt der Städte? – (Schmallenberg, Teil 1)

„Schmallenberg ist die größte Stadt in Nordrhein-Westfalen“, – Pause – flächenmässig!“, dann lachen. Die Irritation funktionierte beim ersten Mal. Zumal bei meinen miserablen Geografiekenntnissen. Dann konnte das trotz NRW-Abi aber doch nicht sein, dass ich davon noch nie gehört hatte. „Ich hatte gedacht Köln…“, setzte ich noch an und lachte dann nur so halb mit. Weshalb mir im Anschluss wohl eine kleine Schreiber-Antrittsvorlesung über die verwaltungshistorischen Zuschnitte des Hochsauerlandkreises gehalten wurde – Städte, kreisfreie Städte, kommunale Neugliederung von 1975, die „Regionale“, die Namenschöpfung „Südwestfalen“ und die Debatte um Autokennzeichen für Städte innerhalb des HSK.

Schmallenberg ist also die größte Stadt NRWs. Und Berlin die reichste Stadt Deutschlands – jedenfalls an Spinnern. Und Hagen ist die schönste Stadt der Welt – für Fans der brutalistischen Architektur. Dennoch löste der Witz in mir die Frage aus: Stadt, was ist das eigentlich? Zumal ich betrachtend umherreise für ein Projekt, das sich stadt.land.text nennt.

Ich komme aus der „Stadt der Städte“, wie sich das Ruhrgebiet mit seinen 53 Städten seit neuestem und nach der gefühlt zehnten Imagekampagne nennt. 5 Millionen Einwohner, viel versiegelte Fläche und Action – aber Metropole? Nun ja, eine andere Debatte. Derzeit wohne ich in der „Stadt Schmallenberg“, bestehend aus sogar 83 Ortschaften, getrennt (oder verbunden?) nicht durch Autobahnen und Vorstädte wie das Ruhrgebiet, sondern durch Berge, Wiesen und Wälder. Schmallenberg kommt dabei gut ohne Slogan aus, aber auch damit, eigentlich keine „richtige“ Stadt zu sein, weder in der Breite aus 83 Orten, noch als eigentliche Altstadt Schmallenberg. Grund sind natürlich in der Breite die Berge und ganz viel Gegend zwischen den Siedlungen und in der Altstadt die Bänkchen vor den Häusern. Ja, richtig gelesen.

Bevor hier Mißverständnisse entstehen: „richtige Stadt“ ist nicht snobistisch gemeint, sondern – ab von verwaltungsrechtlichen oder etymologischen Definitionen, von mittelalterlichen Stadtrechten und so weiter und so fort – mit Blick auf das, was man „urban“ nennen könnte. Was das ausmacht, ist so unklar wie unterschiedlich. Nur fühlen, kann es wohl jeder. Kulturwissenschaftler nennen „Stadt“ eine „Kulturraumverdichtung“, Soziologen begreifen sie als eine „vergleichsweise dicht und mit vielen Menschen besiedelte, fest umgrenzte Siedlung“. Beides trifft sowohl auf Schmallenberg wie das Ruhrgebiet, aber eben auch Berlin und Sao Paulo mehr oder weniger zu.

Aber selbst wenn es „Fortschritt ohne Entwicklung“ (Pasolini), Nutellabrot ohne Butter (für meine Frau) oder Klugheit ohne Verstand (der US-Präsident) gibt, eine Stadt ohne Stadt kann es nicht geben, oder doch?

Dazu Morgen mehr in Teil 2——- #stadtlandtext

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Linksrum ist gutrum – sauerländer Linkskurventheorie

Als Motorradfahrer kommt man wegen der Kurven. Bei der Tour durchs Sauerland wegen Saisonstart-Achtsamkeit und nasser Straßen noch jede Kurve genau registrierend, meinten wir irgendwann, dass hier sehr viele Orte und Örtchen hinter einer Linkskurve liegen und eben nicht hinter einer Rechtskurve. Wir bemühten uns über mehrere hundert Kilometer Strecke, die Linkskurven-These zu bestätigen oder falsifizieren. Wir kategorisierten die Zusammenhänge von Kurvenverlauf und örtlichen Begebenheiten jeden Abend genauer und immer unüberschaubarer.

Zunächst dachten wir, dass die ortseinführende Linkskurve bei Ansiedlungen unterhalb eines Berges besonders häufig vorkommt – eine Spezifizierung, die wir bald fallen ließen, weil so ziemlich jeder Ort im Sauerland unterhalb irgendeiner Erhöhung liegt. Es ist wohl auch so, dass die in den Ort führende Linkskurve abhängig davon häufiger vorkommt, ob die Hauptstraße des Orts, an der im Sauerland immer noch die Kirche, aber immer seltener auch der Metzger, der Bäcker oder eine Buchhandlung liegen, parallel oder quer zum Tal verläuft.

Kulturpessimistisch mussten wir irgendwann feststellen, dass zudem die ortseinführenden Linkskurven wegen der Umgehungsstraßen für den durch Berg und Tal donnernden Güterverkehr offenbar aus der Mode kommen. Die Linkskurve im Wandel der Zeit.

Irgendwann meinte mein ach-so-rationaler Mitfahrer, die „Sauerländer Linkskurvenorte“ würden uns nur deshalb auffallen, weil Linkskurven für Motorradfahrer „natürlicher“ zu fahren sind – was angeblich mit dem Gasgriff rechts zu tun hat oder damit, dass sollte man aus der Kurve getragen werden, man bei einer Linkskurve nicht in den Gegenverkehr gerät. Wir würden linksrum, zumal bei der Einfahrt in eine Stadt, eher das Gefühl von „sicherer Hafen“ entwickeln. Er referierte weiter, die rechte Hirnhälfte (die über Kreuz mit der linken Körperseite verbunden ist) gebe die Richtung vor, die sprachbegabtere linke Hälfte dagegen übernähme es, unser Tun in Worte zu fassen.

Das erklärte mit einem Schlag sowohl das Linkskurven-Fahrgefühl wie unsere wahnwitzigen Erklärungsversuche. Trotzdem: Die Sauerlandlinkskurve nur Illusion oder ein Wahrnehmungsfehler?

Als hinter einer extremen Haarnadelinkskurve meine Sauerlandschreiber-Wohnung in Schmallenberg – Bödefeld auftauchte – musste ich lächeln. Ein Hafen. Ganz einfach. Wobei gleich wieder die rechte Hirnhälfte ansprang, denn die eigentliche Dorfeinfahrt ist eine rechts-links Kombination und die Wohnung liegt am Ende der Linksurve in einer Sackgasse (Hafen!). Ob es mir in den kommenden Wochen gelingen wird, die besondere Sackgassensituation in die zerfasernden Kategorien und Unterkategorien der Linkskurventhese einzufügen oder ob die These selbst zur Sackgasse geworden ist: Die Forschungsreise – inspirierende Wahrnehmungsstörung inklusive – geht weiter.

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