FREIHEIT- Die Frage nach der Mutter

«NEIN!» das hat sie tatsächlich gewagt zu sagen:

«Wohngemeinschaft?? Nein! Auf keinen Fall!!»

Stille. Totenstille. Alle im Zuschauerraum versinken in den Boden. Unter der Erde fangen sie an, grün zu werden. Vor Wut:

«Wie bitteeee? Was bildet sich das undankbare Mädchen ein? Weiß dieses kleine, freche Biest überhaupt, wie schwer es ist, eine Wohnung in Aachen zu finden?

Sie ist ein Flüchtling. Eine ohne Papiere dazu…»

Dieses trotzige Kind, das keines mehr ist, weder Kind noch eine Frau, enttäuscht uns, macht uns ratlos, ärgerlich, zwingt uns, über unsere Schatten zu springen.

Das Kind zu verstehen – ein Sprung ins All.

Ein Flüchtlingskind ohne Eltern, ohne Papiere, ohne niemanden… braucht ein Dach über den Kopf und sagt: «Neeein! Wohngemeinschaft? Auf keinen Fall!!! Punkt!»

Zahra

Dieses dickköpfige Kind aus dem Sudan, das so stachelig ist, dass sich von keinem helfen lässt, dass so kompromisslos um seine Freiheit kämpft, das sogar seine Mutter verlassen hat und dann von ihr verstoßen wurde. Dieses Kind bringt uns nun alle zum Schwitzen. Seine Vorstellungen: unrealistisch, unverschämt, peinlich.

Dieses Kind ist wie seine Mutter. Dickköpfig. Stur. Es lässt niemanden sein «Gehirn salzen», ein Wort, mit dem sich meine Mutter wehrt, wenn jemand, mich inklusive, glaubt zu wissen, was für sie, meine Mutter, am Besten wäre. Es ist wie seine Mutter, die von ihrem Kind nichts mehr wissen will, solange es nicht zu ihr zurückkehrt, so wie sie es will.

***

Zahra, 18, ist in Aachen vor zwei Jahren gestrandet. Als minderjähriges Flüchtlingskind.

Ohne Begleitung. Ohne Papiere. Ohne Aussicht auf Anerkennung. Mit Duldung.

Monatelang war das Mädchen auf der Flucht aus Afrika unterwegs. Vom Sudan durch die Sahara, Libyen, mit dem Schlauchboot nach Italien, dann weiter über Österreich und die Schweiz nach Deutschland.

Per Zufall wurde Zahra als Protagonistin für einen Dokumentarfilm entdeckt. Sie und einige andere Jugendliche aus Afrika und Asien, die als unbegleitete Flüchtlingskinder in einem Aachener Kinderheim Zuflucht fanden, bekamen sogar die Kamera in die Hand, lernten ihre Geschichten selber zu erzählen und zu drehen…

«Gemeinsam einsam», ihr Film wurde an diesem Abend in dem Aachener Gemeindezentrum St. Andreas vor einem Dutzend Gemeindemitgliedern gezeigt. Zahra steht nach der Vorführung als kleiner Star vor dem Publikum; neben Zahra auf der Bühne ihre Mentorin, Miriam Pucitta, die Initiatorin und Leiterin des Projekts und Yousseff, der zwei Jahre ältere, fröhlich strahlende Palästinenser. Die Protagonisten und die Projektleiterin antworten geduldig auf zahlreiche Zuschauerfragen. Auch auf Fragen nach der Mutter…

 Die Frage nach der Mutter

Wie ist die Lage jetzt dort, von wo sie geflüchtet sind? Und ob sie ihre Mütter vermissen würden…,  um diese Fragen drehen sich die meisten Meldungen aus dem Publikum. Viele Grauhaarige im Rentenalter, ehemalige Lehrer, Sozialarbeiter, Mitglieder der Kirchengemeinde.

„Meine Mutter wäre stolz auf mich…“

Yousseff ist mit 15 aus Palästina über die Balkanroute nach Deutschland geflüchtet und wird in Aachen seit fünf Jahren «geduldet». Alle drei Monate muss er zum Amt. Er lernt Elektriker und hat sogar seinen Führerschein geschafft, ein Auto gekauft und eine Wohnung gefunden. Auch dank des Filmprojekts. Er geht arbeiten da, wo man ihn gerade braucht. Yousseff, der Sonnenschein, hat inzwischen auch eine deutsche Freundin.

Im Film bringt er ihr bei, wie man Falafel, die Spezialität seiner Heimat, zubereitet. Er schneidet Zwiebel, sie wäscht ein Büschel Petersilie, er dünstet die Zwiebeln, sie zerbröselt trockenes Brot, er püriert das Ganze mit Kirchererbsenmehl, sie spritzt einen Schuss Milch dazu…

«Meine Mutter wäre stolz auf mich!» sagt Youssef.. Die Kamera springt auf ein kleines umrahmtes Bild auf dem Fernsehen: eine Frau im weisen Kopftuch, wohl Youssefs Mutter.

Youssef, der jüngste Sohn, das 13. Kind, vermisst seine Mutter sehr. Wenn er mit ihr telefoniert, weinen er und sie.

Zahra hört zu, trotziges Kinn, unruhiger Blick, distanziert. Sie, kein Kind mehr und noch keine Frau, bewegt sich hin und her, als ob etwas in ihr kochen würde. Sie erinnert mich an meine Mutter, wenn sie den Schmerz spürt und das nicht zeigen will.

«Ihre Mutter habe seit Oktober den Kontakt zu ihr abgebrochen!», erzählt Zahra. Und ihren Vater habe sie nie kennengelernt. Ihr Blick senkt sich zu Boden.

Mit 16 habe sie ihre Mutter heimlich nachts verlassen. Sie wollte nicht, wie sie sagt, zwangsverheiratet und die «Sklavin eines Mannes» werden, den sie nicht liebe, so wie die meisten Mädchen im Sudan das täten, und so habe sie sich auf den gefährlichen Weg nach Europa gemacht und es bis nach Deutschland geschafft… Hier habe sie eine «echte Chance». Sie lerne Deutsch, mache eine Lehre als Kosmetikerin und drehe Filme. Sie liebe Fotografie, sagt ihre Förderin, die Italienerin Miriam.

«Das alles interessiert meine Mutter leider gar nicht.» sagt Zahra. Ihre Mutter habe sie im Oktober letzten Jahres vor eine schwere Wahl gestellt: entweder komme sie, ihr einziges Kind, sofort nach Hause zurück oder sie, die Mutter, wolle von ihr, Zahra, nichts mehr wissen. Seit Oktober habe Zahra keinen Kontakt mehr zu ihrer Mutter. Sie leide wie ein Hund.

Das Publikum leidet mit. Alle stehen auf der Seite der mutigen, jungen Frau, die ihren Weg gehen will. Miriam, die Projektleiterin, unterstützt Zahra so gut sie kann, auch wenn sie ihre Mutter gut verstehen könne. Wenn ihre Tochter, die gerade 16 Jahre alt sei, so weit weg von ihr gehen würde, möchte sie sich gar nicht ausmalen, was sie tun würde.

Was darf ein Flüchtlingskind?

 Nun wird Zahra volljährig und sie muss das «sichere Nestchen», das Kinderheim, verlassen.

Sie freue sich und fürchte sich, erzählt Zahra. Seit Monaten sei sie auf der Suche nach einer kleinen Wohnung. Seit Monaten vergeblich. Langsam sei sie verzweifelt. Sie wolle nicht zurück in den Sudan, aber auch nicht auf der Straße landen, sagt sie.

Miriam, die Filmregisseurin, die Zahra und Yousseff auch privat unterstützt, nimmt das verzweifelte, einsame Mädchen in den Arm und appelliert an das Publikum. Vielleicht habe jemand eine kleine Wohnung zu vermieten, könne jemand der jungen Frau helfen.

Eine ältere Dame aus dem Publikum meldet sich, sie fragt, ob eine WG vielleicht in Frage käme. Zahra hört zu, ihr Blick wird düster, entschlossen schüttelt sie den Kopf: «WG? Nein! Danke. Auf keinen Fall!»

Das Publikum bleibt ohne Atem. Alle scheinen entsetzt zu sein. Ich, die gut integrierte Ausländerin, auch. Was in diesem Moment in unseren Köpfen so herumkreist, ist körperlich spürbar. In dem niedrigen, hitzigen Raum schwitzen alle.

«Waaas? Was will diese kleine Göre? Was bildet sie sich ein? Wie bitteeeee??? Weiß das undankbare Wesen überhaupt, wie schwer es ist, eine Wohnung in Aachen zu finden ist? Als Flüchtling? Als Flüchtlingskind? Ohne Begleitung, ohne Eltern, ohne Papiere, ohne niemanden. In einer fremden Welt?»

Das kenne ich allzu gut. Der Flüchtling ist einfach so: Selbstgefällig von Natur aus! Größenwahnsinnig! Undankbar! Er bildet sich immer viel ein, dass ihm dieses und jenes zusteht. Regelmäßig vergisst er, wer er ist, beschwert sich sogar, wenn man ihn daran erinnert: Er mag das Wort «Flüchtling» gar nicht, betont er zu oft. Als ob es jemanden interessieren würde. Lieber will er Filme drehen, studieren, dies und jenes werden, die deutschen Männer und Frauen verführen…

Was darf ein Flüchtling? Auch Filmdrehen? Studieren?

So wie ich… Ich war auch von Anfang an wählerisch, habe von mir und Deutschland ganz viel verlangt. Mit den Worten «Ausländerin» und «Flüchtling» wollte ich nie etwas anfangen. Typisch! Undankbares Ding!

Ich habe ganz andere Vorstellungen, Ansprüche, Visionen.

 Leben? Ja, leben!

Ich floh nach Deutschland kurz bevor Sarajevo die ersten Bomben erwischten und ich verlor alles: meine Stadt, meine Sprache, meine Arbeit, meine Familie, meine Freunde. Wie ein Neugeborener mit einem schweren Stein auf dem Rücken übernahm ich in einem deutschen Hotel eine neue Rolle. Die Rolle eines Zimmermädchens in einem Allgäuer Hotel. Drei Jahre lang putzte ich die schmutzigen Zimmer, saugte, wischte und spürte, wie sich der Staub auf meine Seele niederlegte. Der Rücken wurden steif, die Lungen eng, die Nächte schlaflos. Eines Tages sammelte ich meinen ganze Mut und vertraute meiner Chefin meinen heimlichen Wunsch an. Sie war entsetzt:

«Kündigen?? Studieren???? Und wovon willst Du leben??????»

Ja, leben! Ich lebe. Immer noch. Und Zahra? Sie will auch leben. Das weiß ich.

Nicht weil sie undankbar, respektlos, unverschämt ist, wie wir alle an diesem Abend – inklusive mir – denken, als sie entschlossen «WG? Nein! Auf keinem Fall!» sagt.

Zahra will leben, weil sie weiß, was sie will. Sie hat eine Vision. Ihre Vision heißt Freiheit! Für ihre Freiheit kämpft sie seit sie 16 Jahre alt ist. Sie hat alle nur denkbaren Gefahren auf sich genommen, die Wüste, Libyen, Gummiboot, Mutterentzug, Duldung, Kinderheim, Einsamkeit…

Sie will jetzt mit 18 endlich ihr Leben in ihre Hände nehmen. Ohne Kompromisse.

So wie wir alle damals mit 18. Warum sollte Zahra, das Powergirl aus dem Sudan, die allen Katastrophen mutig in die Augen gesehen hat, anders sein als wir?

Zahra liebt ihre Mutter. Sie lässt sich aber nicht von ihr erpressen. Sie hat den Mut, ihren Ideen zu folgen, auch wenn das heißt, ihre Mutter enttäuschen zu müssen, sie vielleicht für immer zu verlieren.

An diesem Abend will Zahra das Publikum nicht enttäuschen. Sie sei nicht undankbar. Sie wolle niemanden ärgern. Sie schätze es, wenn sich einer über sie noch Gedanken mache, ihr helfen wolle. Sie wolle aber keine halbe Sache machen. Sie höre ihre innere Stimme. Sie wolle ihren Weg «unerschrocken» gehen. «Um das ganze Ding zu erreichen!»

Es tue ihr sehr leid, sagt Zahra, als die peinliche Schweigeminute in dem Saal nicht mehr auszuhalten ist. Das Publikum scheint von ihrer Direktheit überrumpelt worden zu sein:

«WG? Nein! Auf keinem Fall!» Oh, Gott!

Seit zwei Jahren sei sie unterwegs, immer auf der Flucht, sagt Zahra mit einer bedrückten Stimme. Das Publikum schweigt.

Seit sie ihre Heimat, ihre Mutter, ihre Sprache, alles im Sudan zurückgelassen habe, sei sie alleine, müsse sich aber immer wieder auf wildfremde Menschen einstellen. Sie habe so viel Stress inzwischen erlebt, schlimme Dramen mitbekommen, viele Albträume, Aggressionen…

Das Publikum hört zu und schweigt.

Sie weiß, was sie will

Jetzt sei sie 18, jetzt müsse sie das Kinderheim verlassen. Sie brauche Ruhe! Einen stillen Ort, wo sie sich ausruhen könne. «Endlich!», sagt Zahra leise. Sie wolle ganz alleine mit ihrem Schmerz bleiben, weinen…

Eine Grauhaarige im Publikum nickt. Sie brauche eine «kleine, kleine Wohnung». Nur für sich. Irgendwo. Einen eigenen Platz. Ihre Stimme zittert, weicht aber kein Schritt zurück:

WG? Nein! Eine Wohnung, bitte, bitte, bitte…

——-

Meine Mutter, unsere Mütter

An jenem Abend, als ich mit den Aachener Gemeindemitgliedern von St. Andreas im Publikum sitze und den Film «Gemeinsam einsam» mit Zahra, Yousseff und Miriam sehe, kämpft meine Mutter in Sarajevo um ihren Atem. Die Hitze ist erdrückend. Tagsüber sind es 37 Grad im Schatten gewesen.

Unsere Mutter lebt seit einem Vierteljahrhundert auf Rädern. Sie packt ständig Koffer ein und aus. Sie fliegt von einem Kind zum anderen. Sie schwebe in Wolken. Ihre Kinder, Perlen, seien im Krieg zerstreut. Von Sarajevo nach Berlin, Wien, London, Köln… Ihre Aufgabe: alles zu verstehen, beruhigen, verwandeln, trösten. Ihre Kinder, Enkelkinder. Sie tut es. Jahrelang.

In der letzten Zeit wirkt sie müde,

sie brauche Ruhe.

Doch der neue Flug ist schon gebucht.

Ihre Enkelkinder warten auf sie.

Bevor sie über den Wolken schwebt,

räumt sie ihr Haus und den Garten auf.

Noch ein Fenster will sie putzen,

noch zwei Blumenbeete umtopfen

Kinderbücher für die Enkelkinder kaufen,

damit sie vielleicht die Omasprache lernen

und sie nicht vergessen.

Koffer müssen gepackt werden.

Doch die Hitze drückt.

Tagelang.

Sie habe keine Kraft mehr,

nicht mal zum Atmen.

Abschied

In der Nacht, als meine Mutter mit der Hitze in Sarajevo

um ihren Atem kämpft,

versuche ich Zahra, das Flüchtlingsmädchen in Aachen, zu verstehen.

Sie lässt mir keine Ruhe

Im Morgenrot schleiche ich mich in ihre Haut

und spüre den Schmerz der Einsamkeit.

Zahra ist müde, sie braucht Ruhe.

Zahra will keine Aufgaben mehr.

Zahra hat viel Leid der anderen gesehen,

sich immer auf anderen einstellen müssen.

Konnte nie zu sich kommen,

die Freiheit des eigenen Schmerzes spüren

Angst, hinter sich lassen,

Wüste, Gummiboot, Meer, Kinderheim vergessen.

Schreien, Schlafen, Ruhe finden.

«Kein WG! Bitte, bitte, bitte, bitte, bitte….»

Ein Schrei nach Freiheit

Nach Stille, Ruhe, Friede

Endlich.

Meine Mutter, unsere Mütter

Bevor die Sonne am nächsten Morgen kräftig zuschlägt,

klopft meine Mutter zwei Mal kräftig gegen den Heizkörper neben ihrem Bett.

Bevor die Nachbarn die Tür öffnen können,

ist sie weg.

Tot. Herzversagen, sagen die Ärzte.

Keiner von uns Kinder war dabei.

Vielleicht wollte unsere Mutter das so.

Über den Wolken schweben für immer.

Ohne Ticket, ohne Koffer, ohne Geschenke –

in der Freiheit.

 

Unsere Mutter ist gegangen wie sie gelebt hat.

Still, unabhängig, kompromisslos.

Sie habe die Lebenden und die Toten besucht,

ihr Haus und ihren Garten hergerichtet

ihr Leben von hinten nach vorne betrachtet,

ihr Leid in Geschichten und Witzen erzäht,

geweint, gelacht, sich beruhigt,

sagen die, die sie zuletzt gesehen haben

So ist sie eingeschlafen…

 

Ich bin jetzt Waise, eine Vollwaise –

ich leide, ich trauere, bin sauer, ratlos, fassungslos

Ich liebe sie, meine Mutter, bin stolz auf sie.

Ihren Trotz, ihren sturen Kopf. Ihre Unabhängigkeit.

Ich wünsche jetzt, sie wäre hier und ich wäre wärmer, stiller, geduldiger mit ihr.

Ich wünsche jetzt, sie wäre hier und sie wäre wärmer, stiller, geduldiger mit mir.

Aber dann wäre sie nicht sie, meine Mutter, und ich nicht ich, ihre Tochter…

 

————————-

„Gemeinsam einsam“

GEMEINSAM EINSAM“ ist ein Happy Endings Werkstattfilm von und mit jungen Flüchtlingen, die als unbegleitete Kinder nach Deutschland kamen.  Ein Film über Fragen nach Liebe, Geborgenheit, Freundschaft, Träume, Beruf und auch die Frage nach der Mutter…
Demnächst läuft der Film „GEMEINSAM EINSAM“ im Rahmen von Parkflimmern im Kennedypark in der Open Air Arena der Aachener Nadelfabrik. Das Regieteam und die Protagonisten sind anwesend: Samstag, 26. August 2017 | 20:30 – 22:30  Uhr | Elsassstr 94 |Aachen 52068
Fotos:  
Miriam Pucitta (Zahra), Pasca Vretinari (Youseff) Slavica Vlahovic (Selfie mit meiner Mutter)
Links:
Miriam Pucitta
Happy Endings Film
GEMEINSAM EINSAM

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DURST – Marlene, die Fee aus dem „City Pub“

In welcher Sprache spricht der Schmerz, wenn der Durst nach Glücksmomenten wie unerwartete Sonnenstrahlen durch die dicken Wolken durchscheint? In der Sprache der Wiege, der Vertrautheit, der Muttermilch, in der Muttersprache? Oder in der Sprache des Erlebten, des Durchgemachten, des Leides, des Aufwachens?

***

Im Juli. Nachts. 23 Uhr. Jülicher Straße in Aachen, lang und laut. „City Pub“, eine Eckkneipe. Meine Füße brennen, mein Hals auch. Ein Frischgezapftes kurz vor dem Schlafengehen – der fromme Wunsch einer Reisenden.

Durst im  City Pub

Als ich die Tür der Eckkneipe mit dem englischen Namen „City Pub“ öffne und in der Tür stehe, drehen sich alle Köpfe der am Tresen auf Barhockern kauernden Menschen in meine Richtung. Wie durchnässte Vögel auf einer Stromleiter nach dem Regen starren sie mich an. Ich fühle mich, als ob ich gerade aus einem UFO ausgestiegen wäre. Fehl am Platz.  Ich will mich umdrehen und sofort verschwinden. Doch der Alien in mir, müde, nüchtern, dickköpfig hat Durst. Ich will nur ein Bier, sonst gar nix, sagt er. Danach kann ich ja sofort gehen. Meine Füße machen Schritte. Wie von alleine gehen sie nach vorne und bleiben vor einem Hochtisch stehen, zwischen zwei glotzenden Damen. Eine dürr, blond, kurzhaarig, braungebrannt, faltiges Gesicht. Die andere klein, wuscheliges dunkles Haar, grauer Ansatz, breiter Busen. Unsere Blicke kreuzen sich. Der Alien, ich, lächle sie an. Verlegen, freundlich, entschlossen. Ihre Blicke kleben an mir.  Ob sie sehen, was sie sehen? Was sollen sie tun? Gucken? Ignorieren? Weiter trinken? Der Eindringling, ich, positioniert zwischen ihnen, bin ich ein Gespenst, eine Terroristin, das Delirium?

Ich nicke verunsichert, kurz, kaum sichtbar.

Die Kleinere mit dem wuscheligen dunklen Kopf und schweren Augenliedern kippt den Rest aus dem schmalen langen Glas hinunter, dreht den Hals am Körper wie eine Schraube, schaut mich noch mal genau an, dieses Mal bleibt ihr Blick ein Tick länger an mir haften, dehnt dann ein wenig ihren Mund zu einem verzerrten Lächeln, streckt ihre Hand aus und sagt:

„Ich bin Marlene! Und Du?“

„Slavica….Marlene… ein schöner Name:!“

„Ja, schööön, und wo kommst Du her, Sla, sla, wie wär´ Dein Name..?

„Sla-vi-ca, Sla-wi-tza… aus Köln!“ sage ich, ohne zu zögern. Nach 20 Jahren mit festem Wohnsitz in der schönsten Stadt am Rhein, traue ich mich das wieder einmal zu behaupten.

„Aus Köööööln??“ staunt Marlene.

„Ja, jaaa, aber original… wo kommst Du original her?“

Original, ursprünglich, durstig

Original, ursprünglich…oh, Gott, warum stellen Menschen immer die gleichen schweren Fragen: wo komme ich her? Eine philosophische Frage mit vielen falschen Schubladen. Meint sie den Ort, wo ich geboren und aufgewachsen bin? Das Land, in dem ich glaubte, sicher und geborgen für immer zu sein? Bevor der Himmel auf die Stirn fiel? Und ich fremd wurde? Oder die Sprache, in der ich die Grenzen zwischen mir und der Welt zu ziehen lernte? Die Zeit, die wie Sanduhr gnadenlos läuft, ob ich in meinem Leid ersticke oder ihm einen Sinn gebe, das Vertrauen schenke… Oder meint sie vielleicht den heißen steinigen Planeten, den ich gerade entdecke, um das zu werden, was ich bin.

Ich habe Durst.

„Ich, original Sarajevo! Cevapcici, Schliwowitz, Vucko, Krieg… und ja, Tito. Die Worte, die in dieser Reihenfolge aus der Balkanschublade aus mir trotzig herausmarschieren.

Marlene lacht. Ich starte eine Gegenoffensive:

„ …und Sie Marlene… Sind Sie original von hier?“

„Ja, original, Aachen. In Aachen geboren, In Aachen aufgewachsen… Sie dreht sich Richtung Tür, durch die ich gerade herein gekommen bin, spitzt ihren Zeigefinger und sagt:

„ Und in Aachen wieder zu Hause…. Direkt gegenüber wohne ich, ,…“

Ich folge ihrem Zeigefinger, als ob ich mir merken wolle, wo Marlene genau wohnt, um morgen bei ihr vorbei zu kommen. So gegen Abend, wenn die Sonne mit ihrem verräterischen Licht ihre Kraft verliert, wenn Marlene endlich aus dem Bett aufsteht, wenn der Kater aus ihrem Kopf rausspringt, wenn ich vor ihrer Tür stehe. Mit zwei Brötchen und zwei kalten, frischen Bieren.

„Es ist schön, dass Du hierher gekommen bist“ sagt Marlene und lächelt mich an:

„Und noch schöner, finde ich, dass Du hier geblieben bist…“

Ich grinse. Also doch, ich Alien!

„Warum nicht?“ will ich empört protestieren, sehe, wie ihre schweren Augenlieder mit vielen Falten umrandet zu flattern beginnen, spüre ihren aufgewachten Blick, warm, annehmend, mir zugewandt.

„Nein, Du störst nicht!“ sagt Marlene, als ob sie meine Gedanken gelesen hätte… “Überhaut nicht! Ich freu mich, dass du hier bist! Wirklich! Ich mag Dich!“

Ich habe keine Ahnung, warum, aber ich mag diese Frau auch.

„Willst du ein Helles?“ fragt sie.

Vor Marlene steht wie vor Jedem im diesen dunklen, verrauchten Pub, ein Bierdeckel, mit vielen fetten horizontalen und vertikalen Linien, kräftig, wild, durchgestrichen.

https://commons.wikimedia.org/wiki/File:William-Adolphe_Bouguereau_(1825-1905)_-_Thirst_(1886).jpg
Durst ihrer Seele

Was für ein Leid quält sie und ihre Seele? Ob Bier und Schnaps, die sie hier seit Stunden konsumiert, sie wirklich heilen können? frage ich mich. Ihr Blick von vielem Prozent Alkohol im Blut gekennzeichnet, lädt mich ein.

„Es geht auf mich!“

Ich nicke kurz, unsicher: „O.K. Danke Marlene…“

Die Kellnerin, kräftig, rotes Gesicht, kurzes, dunkles Haar, dicke Brille, nimmt die Bestellung entgegen, zapft aus dem Hahn, das Bier fließt langsam in das Glas, schäumt bedächtig. Dann dreht sie den Knopf der Musikanlage auf, und die Boxen dröhnen. Meinen Ohren tut das weh. Die Kellnerin, noch röter im Gesicht, fängt an, sich zu bewegen, tanzt um mein Bierglas, in das sie jede 10 Sekunden nachzapft, wie ein Bär um den Bienenstock. Der Pub platzt aus allen Nähten. Im Rhythmus der 80er Jahre. Schlager, die alle in der Kneipe kennen. Außer mir.

„An so einem Tag muss man trinken!“, sagt Marlene.

Ich erfahre, dass es ihr Glückstag sei. Marlene feiert zwei große Siege: Deutschland habe eine Etappe bei der Tour der France gewonnen und Deutschland habe Chile 1:0 beim Confed Cup geschlagen!

Die dicke Kellnerin zapft jede zehn Sekunden mein Bierglas nach, und nach „exakt sieben Minuten“ stellt sie es vor mich ihn. Ich stoße mit Marlene kurz an und kippe es sofort hinunter.

Die Sprache der Gefühle

Ob sie immer vor Glück trinke, frage ich sie.

Ihre Augen füllen sich mit Tränen, sie nimmt meine Hand in die ihre und sagt:

„Ich trinke Tag und Nacht, Liebes. Seit zwei Jahren. Wegen meiner Tochter…!“

„Wegen Ihrer Tochter??“

Marlene zieht meine Hand zu ihrem Herz und erzählt mir ihr Drama. Sie erzählt es in English:

„My daughter is dead, she was 40. Brain tumor… cancer…“

Ihre Tochter sei vor zwei Jahren gestorben. Mit 40, Krebs, ein  Gehirntumor, drei Kinder habe sie hinterlassen, 7, 9 und 14. Ihre Enkelkinder brauchten sie… erfahre ich. Marlene Augen schwimmen in Tränen. Ich drücke ihre Hand, die sie seit fünf Minuten festhält und streichelt.

„Marlene, Sie können mit mir auch Deutsch reden“, höre ich mich sagen.

Marlene schaut mich irritiert an, als ob sie nicht versteht, was ich ihr gerade sage.

„Aber, aber…“  Marlene sucht nach Worten, nach deutschen Worten, ihr Blick ist trübe, abwesend, sie schweigt, ihre Augenlieder fallen herunter:

„…ah, weißt Du, warum Englisch…mein Schmerz ist in English…“ sagt sie.

Ich nicke, spüre wie auch meine Augen feucht werden.

Die Sprache Marlenes Schmerzes ist Englisch. In Deutsch feiert sie heute Nacht, die deutsche Siege, ihren Trost, die Pause.

Marlenes Tochter sei in England gestorben. In England sei sie auch geboren. Als ihr und das Kind eines windigen Engländers, ihrem „englischen Ex“. England sei seit 42 Jahren Marlenes zweites Zuhause. Ihr Leben, ein Spagat zwischen Aachen und Manchester, zwei Städten, die ihr Leben hin und her schlugen, von Feier zu Trauer, mit Bier und Schnaps nur zu ertragen.

„Alles eine Katastrophe!“ sagt Marlene, ihre Ehe, Brexit, die Krankheit ihrer Tochter, ihr Schwiegersohn, ein Idiot! Marlene sei wütend auf den Vater ihrer Enkelkinder. „Die Drecksau“ stecke ständig im Gefängnis. Drogen.

Deutsche Oma, kein Deutsch

Ohne sie, der deutschen Oma aus Aachen, lebten „die Kinder auf der Straße.“

Ob ihre Enkelkinder Deutsch sprächen, frage ich.

Marlene dreht den Kopf. „Nein!“ Ihre Tochter habe auch kein Deutsch gelernt.

Sie habe ihr nur ein paar Worte beigebracht. Sie wollte ihre Tochter fernhalten von ihrer Geschichte.  Vater „Säufer“,  Mutter „das fügsame Opfer“ und von Deutschland, das für sie lange nichts als Schmerz,  Schuld und Scham bedeutete. Ihrer Tochter wollte sie das Leid ihres Vaterland ersparen.

Sie habe sich geirrt: „Nix kann man jemandem ersparen! Das Leben ist Eisen, Schmerz und Leid! In jedem Land. In jeder Sprache!“

Ihr Ex, ein in Köln stationierter englischer Soldat, war ihre große Liebe. Als er sie schwängerte, überlegte sie nicht lange. Sie zog mit ihm nach Manchester.

Aus den Lautsprechern dröhnt „Marmor, Stein und Eisen bricht…“ das einzige Lied, das ich erkenne und alle Hälse des „City Pubs“ zu einem gemeinsamen Ton des großen Schmerzes, der Sehnsucht und Erinnerungen an lange vergangene Zeiten einigt.

Marlene, die mit Bier und Schnaps ihre Tragödien überlebt, singt mit.

Ob ich noch ein Bier mit ihr trinken wolle, fragt Marlene, als das Lied erlischt. Dicke Tränen rollen über ihre eingefallenen Wangen.

„Bitte, Sla, Sla…oh Gott, ich kann mir Dein Name nicht merken…sorry, Liebes, willst Du noch ein Helles?

Ich schweige.

„Komm, eins auf meine Tochter!… Auf meine einzige Tochter! Bitteee…“

„O.K. Noch eins geht vielleicht noch… aber Marlene, diese Runde, geht auf mich! Bitte…“

„Nix!“ sagt Marlene… ruft laut die Kellnerin und wühlt in ihrer kleinen durchgewetzten Geldbörse.

Sie,  die „happy“ Marlene vom „City Pub“, die mich, einen Alien, die Fremde in ihrer Stadt und in ihrer Eckkneipe, ohne lange zu zögern, angesprochen,  integriert und fast adoptiert hat, sei heute Nacht in ihrem Aachen die Gastgeberin. Punkt. Meine Fee.

Gut, noch ein Helles…

 


Fotos: Slavica Vlahovic
Durst ihrer Seele – Gemälde: William-Adolphe Bouguereau (1825-1905) – Thirst (Oil on canvas, 1886, private collection), © public domain

 

 

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