Die Tafeln finde ich schrecklich

Trotz Wind kannst du mich hören, ist das erste, was Thomas in mein Mikro spricht. Es ist selten, dass der erste gesprochene Satz auch der Satz ist, mit dem der Text beginnen wird. Aber das wusste ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht.

Wir sind hier übrigens im Deilbachtal, sagt Thomas. Er kennt das Deilbachtal sein Leben lang, weil seine Eltern hier als frisch Verliebte schon spazieren gegangen sind, eine dieser Geschichten, mit denen man als Kind aufwächst. Thomas stammt aus Ronsdorf, ich sage Ro:nsdorf, Rоnnsdorf heißt es, mit kurzem o, sagt Thomas, aber er sagte es nicht so patzig, wie der Satz vermuten lässt. Er sagt es so freundlich-sachlich, als würde er sich selbst verbessern. Heißt es eigentlich auch Remscheid-Honnsberg, frage ich, aber da, erklärt Thomas, sagt man komischerweise Ho:nsberg.

Wir laufen jetzt ins Ruhrgebiet, aber du wirst es nicht merken.

Hier war einmal die Deilbacher Mühle. Thomas deutet auf ein verfallenes Grundstück, das Reste eines Gebäudes erkennen lässt. Das hat dann ein Investor gekauft und schwupp, ist es abgebrannt. Es war wirklich ein sehr schönes Lokal und hier hinten, man sieht das heute nicht mehr, war ein kleiner Teich mit Bötchen drauf, da sind wir mit meinen Eltern öfter am Wochenende gewesen. Was der Käufer offenbar nicht wusste: dass das hier Landschaftsschutzgebiet ist. Was bedeutet, man darf zwar Bestehendes erhalten, darf aber nicht neu bauen. Seitdem steht Thomas‘ Kindheitserinnerung als trauriges Gerippe in der Landschaft.

Wir kommen am wunderbar gelegenen Hotel Pax vorbei, in dem vor allem Monteure untergebracht sind. Da könnte auch ein schönes Hotel stehen, aber wir sind uns einig, dass man sich auch für die Monteure freuen kann, dass die mal schön untergebracht sind, hier im idyllischen Deilbachtal. Jetzt wird es gleich ein bisschen unbequem, sagt Thomas, aber er meint nicht unser Gespräch, sondern dass wir einen zugewachsenen Trampelpfad entlang laufen müssen.

Wir sind jetzt in Westfalen und sprechen über den gesellschaftskritischen Aspekt der Sozialpädagogik. Thomas hat mir geschrieben, dass er bei einem kirchlichen Wohlfahrtsverband im Kreis Mettmann arbeitet, für Menschen in vielerlei Krisensituationen.

Nur Klempner sein reicht nicht, sagt er. Wir müssen schon auch an den Bedingungen etwas verändern, zugunsten unserer Leute. Die selbst keine laute Stimme haben. Die brauchen uns, damit sie gehört werden. Muss man nicht, frage ich, vielleicht auch dafür sorgen, dass sie. Mit ihrer eigenen Stimme gehört werden.

Wir sprechen etwas abgehakt, weil wir einen steil nach oben verlaufenden Pfad hochwandern. Die Gegend heißt nicht umsonst Elfringhausener Schweiz.

Oder das, sagt Thomas. Das ist. Die Königsklasse. Darum geht’s auch. Aber es gibt dennoch viele, die. Unsere Stimme als Unterstützung brauchen. Man muss, sagt Thomas, aber immer auch das eigene. Tun überprüfen, damit man. Nicht zu paternalistisch wird. Das ist die große Gefahr. Dass wir unserem Helfersyndrom erliegen. Ständiges Thema in unserer Arbeit: Machst du’s für dich oder. Machst du’s für die Leute? Ohne Reflexion kannst du diese Arbeit nicht machen.

Da oben das Haus, sagt Thomas und wir bleiben stehen, das ist ein legendäres WG-Haus, da gibt es viele Geschichten. Ein großer Hund läuft hin und her und bellt aufgeregt, als er uns sieht, als würde er alle Geschichten über dieses Haus auf einmal ausplaudern wollen.

Was sind denn so die gängigen Motive, um Sozialarbeiter:in zu werden?
Ich will Menschen helfen, ich will, dass es den Menschen besser geht, altruistische Motive. Alles ehrenwert, um diesen Beruf anzufangen, und trotzdem muss man irgendwann überlegen, warum man etwas macht, und warum man etwas anderes nicht macht, und diese Motive immer wieder überprüfen.

Warum teilen wir unsere Gewinne nicht?

Beim Abhören der Aufnahmen kommt mir der Gedanke, wie seltsam es doch eigentlich ist, dass nur in den helfenden Berufen selbstreflexives Handeln gefragt ist. Wäre es nicht gut, wenn auch Menschen, die in der Wirtschaft, Politik oder Verwaltung arbeiten, zur Selbstreflexion angeleitet würden? Ich stelle mir vor, wie der Vorstand der Deutschen Bank, der Lufthansa oder von Amazon einmal im Monat ihre Motive überprüfen würden: Warum zahlen wir unseren Mitarbeitern so wenig, dafür unseren Aktionären so viel? Warum teilen wir unsere Gewinne nicht, fordern aber für unsere Verluste staatliche Unterstützung? Was ist in unserem Leben falsch gelaufen, dass wir uns nur für unseren eigenen Profit interessieren? Was macht es mit uns, wenn wir keine Steuern zahlen, aber von den Steuern anderer profitieren?

Aber natürlich hat Thomas Recht, wenn er sagt, dass es wichtig ist, die Hilfesuchenden in ihrer Autarkie zu unterstützen und mit ihnen zu erarbeiten, was sie selbst wollen. Helfen, um eigene Bedürfnisse zu befriedigen, könnte dem im Weg stehen.

Lebenserwartung Obdachloser ist 30 Jahre kürzer

Ich habe, sagt Thomas, großen Ärger bekommen, weil ich die Tafeln ganz schrecklich finde. Diese Almosengaben, das finde ich so entwürdigend. Und wenn sich die Pelzmäntelchen dahinstellen und abgelaufene Joghurts verteilen. Das bringt mich in Rage. Damit habe er sich im Kreis Mettmann nicht nur Freunde gemacht, meint Thomas. Glücklicherweise vertritt aber sein Spitzenverband dieselbe Auffassung. Die Grundsicherungssätze müssen so sein, dass man davon leben kann, und wenn das so wäre, bräuchte in Deutschland niemand Almosen. Ich finde, wir sind ein sozialer Rechtsstaat, und wenn wir das sind, müssen wir auch Butter bei die Fische tun, sagt Thomas und der Kies unter unseren Füßen knirscht, wir laufen jetzt auf einem breiten, flachen Weg.

Es wird Unterschiede immer geben, aber mit aktuell 150 Euro im Monat für Lebensmittel und nicht-alkoholische Getränke, und allein das ist schon ein Hammer – und man hört jetzt deutlich die Verärgerung in Thomas‘ freundlicher Stimme – da kannst du ja mal versuchen, klar zu kommen, insbesondere, wenn du Alleinlebender bist. Das ist deutlich teurer, als für eine Gruppe einzukaufen. Und wenn du dann nicht Haushalt gelernt hast und nicht kochen kannst und dir immer das Fertigzeuch kaufen musst, ne, muss ich glaub ich gar nicht ausführen. Ich finde es unwürdig, dass wir uns in dieser Sache auf die Tafeln verlassen.

Irgendwo knallt es

Die Lebenserwartung von Wohnungslosen, sagt Thomas, ist im Schnitt 30 Jahre kürzer. Viele sehen aus wie 75 und sind noch keine 50. Das liegt natürlich auch an den Begleiterscheinungen wie psychische Erkrankungen, Alkoholismus und all die schönen Dinge, die man bekommt, wenn man auf der Straße lebt. Und oft ist es natürlich auch andersrum, das ist ja auch zum Beispiel das bekannte Drama der Veteranen in den USA, wo Kriegstraumata nicht selten zu Obdachlosigkeit führen.

Da, wo das Windrad ist, da gehen wir hin, sagt Thomas. Wir schauen in die Landschaft und finden sie schön. Irgendwo knallt es. Weil jetzt der Knall gerade ist, mein Vater ist 93, sagt Thomas, ab und zu hole ich ihn ab, dann fahren wir schon mal hierher und erzählen uns immer die gleichen alten Geschichten und eine Geschichte geht so: In den letzten Kriegstagen lagen da die Amerikaner und da die Deutschen oder andersrum und haben sich hier nochmal bekriegt. Da sind so einige Höfe in die Luft gegangen, weil die Dummies vom Dach aus die Amerikaner beschossen haben und die haben einfach den Panzer draufgehalten haben und dann war der Hof weg.

Das kann man sich gar nicht vorstellen, wenn man eine so friedliche Gegend sieht, dass hier mal ein Krieg getobt hat.

Wir gehen hier um die Ecke, sagt Thomas, weil da vorne kommen wir gleich wieder runter und ich finde es immer doof, einen Weg zweimal zu gehen. Geht mir genauso, sage ich. Wir keuchen wieder ganz schön, offenbar geht es wieder bergauf. Ich bin studierter Sozialpädagoge, sagt Thomas, bin aber schon seit vielen Jahren äh also, ich bin Funktionär. Er lacht, und tatsächlich klingt er ein bisschen verschämt. So ein Begriff, vor dem ich mich früher geekelt hätte, fügt er zur Erklärung hinzu. Aber ich bin schon seit 25 Jahren in der Geschäftsleitung des Kreiscaritasverbandes, das heißt, ich bin nicht der Geschäftsführer, der ist noch eins drüber, aber eben in einem Gremium, das heißt Geschäftsleitung. Mein Bereich ist Integration und Rehabilitation; Integration, das sind alle Dienste, die mit Zuwanderern zu tun haben oder mit Flüchtlingen, zum Beispiel geht es da um Integrationshilfe und -beratung, wenn man bürokratische Probleme hat; und Integrationsagentur bedeutet, dass wir Anti-Rassismus-Projekte machen, Demokratieförderprojekte, im weitesten Sinne Bildungsarbeit.

Unten saßen die Junkies, und oben saßen wir

Und Rehabilitation, also Wiedereingliederung, da komme ich eigentlich her, weil ich Leiter der Suchtberatungsstelle war, damals ein 2-Mann-Betrieb, und einer davon war ich. Als ich da anfing, war das Büro im zweiten Stock direkt am Jubiläumsplatz und es passierte den ganzen Tag: nichts. Ganze 40 Kontakte im Monat, und das bei zwei Sozialarbeiter-Stellen. Unten saßen die Junkies, und oben saßen wir und schauten aus dem Fenster. Wir sind Caritas, was ist das denn für eine Haltung?, dachte er sich. Das war gar nicht so unüblich zu dieser Zeit, dass eine Beratungsstelle so hochschwellig auf Termin arbeitet. War halt so. Ich habe dann mit den Leuten Kontakt aufgenommen, mich um Streetwork gekümmert und das Angebot nach und nach ausgebaut, Suchtprävention in den Schulen, Elternabende, einen alten Postbulli für den Streetworker gekauft, da konnten die Leute, wenns regnet, reingehen, Mittwochs gabs Suppe, und nach und nach ist da ein lebendiger Ort draus geworden.

Mein erster Arbeitstag war, als ich da ankam und nichts zu tun hatte, und das hatte mit Arbeit ja gar nichts zu tun.

Noch keinen einzigen Bollerwagen gesehen, komisch, ist doch Vatertag heute, meint Thomas. Vielleicht schaffen die es nicht bis hier hoch, glaube ich. Wir machen eine kleine Pause, Thomas hat nichts zu trinken mit, er hat sich voll auf den Berger Hof verlassen. Aber heute ist es ziemlich heiß und wir haben noch eine halbe Stunde dorthin und so teilen wir das Wasser solidarisch.

Mögen die Leute Supervision?

Wir sprechen über Supervision, die in der Regel einmal im Monat stattfindet oder bei schlimmen Ereignissen, da erhöht man schon mal die Frequenz. Mögen die Leute Supervision?, frage ich. Die meisten schon, sagt Thomas. Sie empfinden das als Entlastung. Aber es gibt auch immer welche, die das ablehnen, die den Eindruck haben, man will ihnen zu persönlich aufs Fell rücken, weil, sagt Thomas, das hat schon etwas mit der Persönlichkeit zu tun, da zeigt man schon was von sich. Und dann gibt es die, die sich regelrecht entblößen, das ist dann auch anstrengend für die anderen.

Gibt es in der Pflege auch Supervision? Nein, sagt Thomas. Warum eigentlich nicht?, frage ich, pflegen stelle ich mir auch als sehr belastend vor. Es gäbe auf jeden Fall gute Gründe, das zu machen, meint Thomas. Aber warum es das nicht gibt oder ob es das nicht vielleicht doch in bestimmten Situationen gibt, kann ich dir gar nicht genau sagen. In meinem ersten Beruf war ich selbst Pfleger, in der Psychiatrie, und da gab es Supervision tatsächlich. Es war allerdings die bestgehasste Stunde. Da kam so ein Supervisor, ein renommierter Analytiker, den hatte der Chefarzt besorgt, und der setzte sich hin, sagte kein Wort, eineinhalb Stunden lang war Dampf in der Hütte, keiner wusste, was das sollte. Wir hatten immer das Gefühl, der sollte uns aushorchen.

Thomas zeigt auf die andere Seite, das da drüben ist übrigens Gelsenkirchen, die Schalke-Arena. Ich bin erstaunt, so nah an der Zivilisation sind wir hier, oder was man darunter versteht. Denn auf unserer Seite weiden Pferde und Schafe und sogar Esel, die ich sehr liebe, und zu meiner Belustigung höre ich mich selbst in den Aufnahmen wiehern, als wir an den Tieren vorbeigehen, und Thomas lacht höflich.

Ach, mein jüngstes Baby, das muss ich dir noch erzählen, sagt Thomas. Ich habe nämlich meine Diplomarbeit über Vergewaltiger geschrieben, also nicht über die Opfer, sondern über die Täter. Seit einigen Jahren machen wir nun Täterarbeit, mit rasant steigenden Zahlen. Ein Angebot für Täter von häuslicher Gewalt, das sind in der Regel Männer, aber auch 10-15 Prozent Frauen, Leute also, die sich nicht im Griff haben und ihre Partner:innen verprügeln. Zu uns kommen eher die leichteren Fälle, wobei mir schon schlecht wird, wenn ich höre, was die gemacht haben, das möchten wir alle nicht erleben.

Täterarbeit ist der beste Opferschutz

Was ich so spannend an dieser Arbeit finde, ist, dass wir so viele Selbstmelder haben. 30 bis 40 Prozent melden sich selbst, es gibt da zwar sicher auch einen extrinsischen Druck, zum Beispiel, dass das Jugendamt sagt, du darfst deine Kinder nicht mehr sehen. Aber immerhin: Sie kommen freiwillig zu uns. Es ist ja nicht einfach, darüber zu sprechen, was man gemacht hat, sich dem Schrecken zu stellen. Die sind ja nicht als Monster auf die Welt gekommen, aber haben sich wie Monster verhalten, das muss man schon so sagen. Wir haben mehr Nachfrage, als wir bewältigen können.

Viele sagen, ich bin mir selbst nicht geheuer, die sagen zum Beispiel, ich liebe meine Frau, ich liebe sie wirklich, sie soll bloß nicht mehr so oder so sein. Thomas lacht ein Lachen, in dem tönt das ganze Wissen über die Absurdität der menschlichen Gefühle. Also, wenns gut läuft, stellen die Leute sich dieser Auseinandersetzung, aber, sagt Thomas, das muss man auch sagen, es gibt immer auch welche, die abbrechen und sagen, das habe ich mir aber ganz anders vorgestellt. Die Leute kommen übrigens aus allen Schichten, wir haben Polizisten gehabt, Rechtsanwälte, auch einen Chefarzt. Die sitzen dann alle in einer Gruppe. Wir machen nur Gruppenarbeit; wenn du in so einer Runde sitzt, dann hast du zehn Spiegel. Die sagen dann, jaja, das kenn ich auch, das ist doch Bullshit, du redest dich doch nur raus.

Täterarbeit, sagt Thomas, ist der beste Opferschutz.

Wir sind nun am Berger Hof angelangt, und hätten wir nicht gerade die Schalke-Arena gesehen, würde ich mich in Oberbayern wähnen oder in Südtirol. Es ist schon Nachmittag, deshalb essen wir was Warmes, nämlich Frikadellen, und ich lade Thomas ein, du machst schließlich bei meinem Projekt mit, sage ich. Thomas lacht und sagt, gut, dann nehme ich das an.

Bonustrack: Versuch, ein Huhn zu fotografieren

Weiterführende Links zur Straße der Arbeit

Wanderung von Velbert-Langenberg durchs Deilbachtal
Übersichtskarte (Sauerländischer Gebirgsverein, Bergisches Land)

Mehr von Ulrike Anna Bleier

Ich möchte mich nicht vergessen

Alfred ist ein Kundschafter, sagt Tina und ruft: Alfred! Alfred bleibt zwar stehen, aber ohne sich umzudrehen. Er hat die Aufgabe, vorne zu sein und zu gucken, sagt Tina.

Alfred ist ein Therapiehund. Tina setzt ihn ein, wenn sie zu ihren Patienten ins Pflegeheim geht; die Patienten lieben ihn. Nicht, weil er so verschmust ist, das ist offenbar nur meine eigene Vorstellung von einem Therapiehund. Sondern, erklärt mir Tina, weil er so geduldig ist. Und weil ich anhand seines Verhaltens Dinge erklären kann.
Was denn zum Beispiel? Zum Beispiel komme ich mit Alfred ins Patientenzimmer. Alfred beachtet den Patienten gar nicht, sondern schaut aus dem Fenster. Typisch, sagt der Patient. Für mich interessiert sich niemand, nicht einmal ein Hund.
Vielleicht liegt es ja gar nicht an Ihnen, sage ich dann. Vielleicht liegt es daran, dass sich ein Hund zunächst einmal für die Vorgänge da draußen interessiert. Viele Patienten erkennen dann, dass jeder eine eigene Perspektive hat. Selbst ein Hund. Und umso mehr freuen sie sich dann, wenn Alfred sich streicheln lässt, das mag er nämlich auch gerne.

Für den Spaziergang mit Tina habe ich die Straße der Arbeit verlassen, wir gehen durchs Neandertal wie auf einem endlos grünen Teppich aus Wald und Wiese und sprechen über ihren „seltsamen“ Karriereweg. Sie kommt aus der Nähe von Bad Münstereifel, und hatte überhaupt keinen Plan, was sie mal werden wollte. Das war die Zeit, in der man Frauen in Männerberufe holen wollte, da sagte mein Lehrer, dat wär doch wat für dich, Tina. Ja, dat wär was für mich, – aber mehr aus dem Stolz heraus, das er mich da drin gesehen hat, schiebt sie hinterher; und in ihrer Stimme schwingt dieser Stolz noch immer mit, aber auch die Distanz der Jahre und wie sie ihr jüngeres Ich ein bisschen belächelt, auf eine freundliche Art.

Wieso denn nicht die große weite Welt?

Sie kommt aus einer Handwerkerfamilie und das Burschikose des Handwerks strahlt auch Tina aus. Zunächst hat sie bei einem Bauschreiner ein Praktikum gemacht, aber das war mit harter, körperlicher Arbeit verbunden, mit sehr viel schwerem Tragen. Also half sie lieber beim väterlichen Betrieb mit, der auf das Bauen von Gartenhäusern spezialisiert war, sie strich die Häuschen an und suchte sich dann einen Ausbildungsbetrieb in der Nähe. Einen, den ich mit dem Mofa erreichen konnte. Das Praktische stand im Vordergrund.

In Bad Münstereifel ist sie immer an einem Reisebüro vorbeigelaufen, da hätte ich gerne gearbeitet, aber das hätte ich mir nie zugetraut. Ich komme vom Dorf, was soll ich da den Leuten erzählen von der großen weiten Welt?, ruft ihr jüngeres Ich, das die Antwort schon weiß, und Alfred, der die Antwort noch nicht weiß, dreht sich um zu uns und schaut erstaunt: Wieso denn nicht die große weite Welt?

Bleib lieber bei dem, was du dir zutraust, sagte Tina sich und schloss ihre Ausbildung als Anstreicherin ab. In den zwei Jahren, die ich dort gelernt habe, hatte ich jeden Montag eine Magenschleimhautentzündung. Jeden Montag morgen war mir schlecht, weil ich mich wieder mit dem Meister auseinandersetzen musste. Der war nicht bösartig, aber er wollte mich erziehen. Wie man richtig zu sein hat. Zum Beispiel, dass man nicht reden darf auf der Arbeit. Ich hatte mal eine Suppenterrine dabei und die Leute nach heißen Wasser gefragt, für so etwas habe ich sofort eins auf den Deckel bekommen. Ich sollte möglichst unsichtbar sein.

Alfred komm, ruft Tina und wir biegen ab und laufen in ein Dorf, von dem ich später, als ich den Text schreibe, keine Ahnung mehr habe, wie es dort ausgesehen hat. Tina und Alfred kennen den Weg, in meiner Erinnerung gehen wir eine lange Schleife und überall duftete es nach Blumen, Gras und Moos. Und nach Hund, denn als wir Pause machen, darf ich Alfred streicheln und mit beiden Händen fest in sein dichtes Fell greifen und ihn kraulen. Er lehnt sich an mein Bein und lässt seine Zunge aus dem Maul baumeln.

Das Kind im Brunnen

Mein damaliger Freund studierte Maschinenbau in Aachen, also saß ich da mit dem Studienbuch und dachte, was studierst du denn jetzt? Bei Sozialarbeit blieb sie hängen, das Fach erschien ihr machbar, wie Tina sagt. Warst du die erste in der Familie, die studiert hat?, frage ich. Ja klar, sagt Tina und beschreibt, wie sie sich im Sekretariat anmeldete und schon bei der Frage: Sozialarbeit oder Sozialpädagogik überfordert war. Wo ist denn der Unterschied? Und bekam zur Antwort: Wenn das Kind in den Brunnen gefallen ist, stehen die Sozialpädagogen herum und fragen, wie konnte das nur passieren? Die Sozialarbeiter fragen, wie kriegen wir das Kind wieder heraus.

Sie entschied sich für Sozialarbeit.

Wir lachen.

Nach dem Studium fing sie in einem Wohnheim für psychisch erkrankte Menschen an, und da war ich total erstaunt, wie meine Kolleginnen sich über Menschen austauschten. Wie sie über Methoden und theoretische Behandlungsansätze sprachen. Es reichte nicht, Sozialarbeiterin zu sein, man musste sich auch so verhalten! Das war mir vollkommen fremd, diese Erkenntnisse hatte das Studium in mir nicht hervorgerufen. In Psychologie hatte sie einen Professor, der tiefenpsychologisch gearbeitet hat – auch mit uns Studentinnen und der hat einfach bei jeder Frau vorausgesetzt, dass es da etwas gibt in ihrer Kindheit, wovon sie nichts weiß. Dass da was mit euch passiert ist, das ihr gar nicht wisst! Da kommst du, sagt Tina, als ungepelltes Ei natürlich ins Grübeln, wer könnte das gewesen sein, wer könnte mir etwas angetan haben? Natürlich hat es auch bei einigen gestimmt, denn die Wahrscheinlichkeit ist schon recht hoch, dass eine Frau Missbrauch oder andere Gewalt erfahren hat. Mir aber hat es ein schlechtes Gewissen gemacht, als würde ich keine Verantwortung übernehmen wollen, für das, was mir vermeintlich passiert ist.

Trotz aller vermuteten Unzulänglichkeit stellte sie bald fest, dass sie mit ihren Patient:innen sehr gut zurecht kommt und schnell Zugang zu ihnen hat.

Wahrscheinlich, sagt Tina, weil nicht alles, was mir erzählt wurde, gleich eine Methode nach sich zog.

Sie hat, denke ich beim Abhören der Aufnahmen, die Fähigkeit, Ironie so zu verpacken, dass es sich absolut nicht ironisch anhört. Man könnte auch sagen, sie verzichtet auf die Methoden der Ironie, sie ist es einfach.

Eigentlich ist der Mensch immer falsch

Mit ihrem Mann ist sie schließlich nach Mettmann gezogen, wo sie in der Tagespflege für Psychisch Erkrankte arbeitete. Da ging es vor allem darum, dass die Leute in eine Tagesstruktur kommen und nicht wieder in eine Depression verfallen. Sie vielleicht sogar wieder fit für den Arbeitsmarkt werden. Dass sie sich überhaupt wieder als wertvolle Menschen fühlen, obwohl sie ja dem Arbeitsmarkt nicht mehr zur Verfügung stehen. Das ist nämlich stark miteinander gekoppelt. Es ist Wahnsinn, sagt Tina, wie schnell du aus so einem Rasterleben heraus auf eine schwarze Seite fällst, wenn du nicht mehr genügst.

Wir gehen über ein offenes Feld, ich höre den Wind, der ins Mikro pfeift. Bei den Bewerbungstrainings wird einem vermittelt, dass es an einem selbst liegt, wenn man keinen Job bekommt. Wenn du so und so auf dem Stuhl sitzt, dann wird das nix. Eigentlich ist der Mensch immer falsch, deshalb musst du ihn formen, dann ist er richtig!

Es heißt ja immer Psychisch Kranke, aber das ist eigentlich falsch. Sie sind ja nur er-krankt, vorübergehend erkrankt. Dann lassen wir sie halt mal so, wie sie jetzt gerade sind! Sie hat zum Beispiel im Sommer Weihnachtslieder abspielen lassen, um den Besucher:innen zu zeigen: Verrückte Zeiten. Nicht bekloppt, nur verrückt! Da ist sie wieder, denke ich begeistert, diese sehr spezielle ironiefreie Ironie.

Es ist wichtig, dass ich mit dabei bin

Alfred, der Saunickel, ist verschwunden. Tina ruft nach ihm, aber er kommt nicht. Der merkt natürlich, die ist am Quatschen, da schau ich lieber mal selbst, wo was los ist.

Der Tod ihres zweiten Kindes stürzte sie in eine schwere Krise. Aber es musste weitergehen, nur wurde das Weiter immer schwerer. Die Trauer begleitete die ganze Familie, wir waren irgendwie gedämpft, sagt Tina. Dann starb der Vater, der Schwiegervater, die Mutter. Da war der Ofen dann langsam aus. Sie machte eine Mutter-Kind-Kur und kam dort das erste Mal mit Kunsttherapie in Berührung. Ich kann aber nicht malen, sagte sie. Egal, sagte die Therapeutin. Sie malte die Familie: die Kinder, den Mann, die Eltern, die Schwiegereltern. Fertig?, fragte die Therapeutin. Fertig, sagte ich. Und wo sind Sie?, fragte die Therapeutin. Da habe ich, erzählt Tina, einfach vergessen, mich selbst mit auf das Bild zu malen.

Kalkofen im Neanderthal, wurde 1672 zum ersten Mal urkundlich erwähnt.

Das war für mich der Schalter. So möchte ich nicht leben. Ich möchte mich nicht vergessen. Es ist wichtig, dass ich mit dabei bin. Und es war toll zu merken, dass ich mich über das Malen offenbar so tief ausdrücken kann. Dass da eine Wahrheit ans Licht kam, die mir nicht bewusst war. Und dafür muss ich noch nicht mal gut malen können.

Da ist der Alfred ja wieder, haste gut gemacht, sagt Tina, weil Alfred zurückgekommen ist. Wir gehen runter ins Tal.

Sie begann eine Ausbildung als Kunsttherapeutin. Ihr Mann unterstützte sie und sie stürzte sich mit vollem Elan in die neue berufliche Richtung. Im ersten Jahr war es vor allem Selbsterkunden. Und sie lernte, wie man ein echtes Feedback gibt: nicht bewerten, nicht interpretieren. Nur beschreiben. Was sehe ich? Wie ist das Bild gemacht? Das musst du üben, sagt Tina, bis du das verinnerlichst.

Schau mal, ein Reiher. Wir bleiben stehen. Hier ist beim letzten Unwetter ein Junge schwer verletzt worden. Ein Baum ist umgefallen und hat den Jungen beim Radfahren erwischt. Eine große Baumlücke klafft auf der Seite des Weges, und auf der anderen Seite, parallel zur Düssel, sieht man die Leitplanke, die erneuert worden ist. Oft läuft sie hier mit Alfred entlang, bevor sie ins Hospiz geht, wo sie seit 13 Jahren als Kunsttherapeutin arbeitet. Die Sozialarbeit ist quasi im Rucksack mit dabei.

Zusätzlich hat sie noch einen Honorarjob im Krankenhaus, doch da hat sie kürzlich gekündigt. Um Coronapatienten aufnehmen zu können, hatte das Krankenhaus die Palliativstation einfach geschlossen! Zack!, ruft Tina empört. Die Betten wurden für Coronapatienten vorgehalten – aber es lag ja keiner drin. Und dafür wurde monatelang eine Palliativstation geschlossen! Ich finde das so falsch, sagt sie. Und loyal sein zu können, das ist für mich die Grundvoraussetzung, um irgendwo zu arbeiten. Wenn ich in einem System nichts ändern kann, dann will ich wenigstens das System nicht weiter stärken. Bewundernswert, sage ich. Naja, das war schon ein ziemliches Hin und Her, sagt Tina. Und finanziell desaströs.

Und Alfred? Als die Familie sich entschloss, einen Hund zu bekommen, wollte sie wissen, wie so ein Hund funktioniert und hat mit ihm eine Hundetherapieausbildung gemacht. So ein Elo ist wirklich ein fantastischer Hund, sagt sie. Der strahlt dich nicht den ganzen Tag an, aber das würde mir auch ziemlich auf den Geist gehen.

Alfred nimmt sie nicht nur zur Kunsttherapie mit, sondern bietet auch den Hundeführerschein im Kindergarten an. Die Kinder lernen zum Beispiel, wie man sich verhält, wenn man Angst hat. Weglaufen und schreien ist das Gegenteil von dem, was man tun sollte. Ach, denke ich, hätte ich das als Kind auch gelernt!

Alfred ist mit einem anderen Hund beschäftigt und reagiert nicht auf Tinas Rufen. So eine Hundebegegnung ist eben interessanter, sagt Tina. Wenigstens hat er keinen Jagdinstinkt und läuft keinen Wildtieren hinterher.

Die Kinder waren nicht angeschaltet

Das könntest du ja auch ausbauen, das Hundetraining, sage ich. Nö, sagt Tina prompt. Das ist viel zu anstrengend. Auch für Alfred. Wenn dann fünf Kinder den Hund streicheln, sage ich: So, jetzt wechseln wir mal, wer will denn mal der Hund sein? Und der, der besonders doll war, bekommt dann die Rolle vom Hund und dann merkt er schnell, dass er das schon nach 20 Sekunden nicht mehr sein will. Siehste, so geht’s dem Hund auch. Das kommt gut an, aber ist sehr anstrengend. Du hast den Hund, du hast die Kinder – und du hast die Erzieher.

Bei der letzten Prüfung ist es wirklich schlecht gelaufen. Die Kinder waren gar nicht richtig angeschaltet. Manche können noch nicht mal die Leine richtig halten. Keine Körperspannung, das merkt der Hund sofort, dann geht der weg. Dann muss ich denen erst mal beibringen, wie man eine Verbindung herstellt. Wie man eine Beziehung aufbaut.

Denn eine Leine halten, das bedeutet letztlich: den Kontakt halten, zum Hund, aber auch zu sich selbst.

Weiterführende Links zur Straße der Arbeit

Wanderung durchs Neandertal entlang der Düssel
Übersichtskarte (Sauerländischer Gebirgsverein, Bergisches Land)

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