Nach dem Regen/ Unterwegs

Seit der angeblich launische Monat April vorbei ist, gibt es endlich wieder Regen.
Eingesperrt im Paradiesgarten nordöstlich von Corona wurden jeden Tag zweimal die Bäume und Büsche gegossen, damit die Dürre nicht schon im Frühling überhand nahm. Der trockenste Monat seit Menschengedenken. Der wärmste April aller Zeiten. Wenn der Weltuntergang mit ausbleibendem Regen zu tun hat, mit Zombies, Elefanten und Gespenstern und nicht nur mit Bürokratie, dann werde ich mich wohl damit arrangieren lernen.

Ich erinnerte mich in diesen Wochen immer wieder daran, genügend Wasser zu trinken und weniger mein Gesicht zu berühren. Ich dröselte meine unnötig warmen Pullover aus, um daraus Rankhilfen zu bauen und bei Bedarf zwei, drei Erzählfäden zur Hand zu haben. Ich bekam Sonnenbrand und Panik, meistens abwechselnd. Die Vögel, diese lärmenden Frühaufsteher unter den Todesboten, wurden auch nicht vergessen. Wer Bäume gießt, der füllt auch Schalen mit Wasser vor seinem Fenster, damit der Schlaf im Sonnenaufgang nicht gestört wird und auch der Elefant was zu trinken hat.

Die Grenzen meiner gesetzlichen Zuordnung verwandelten sich ganz schnell in die Grenzen meiner Wahrnehmung. An den Rändern: Grün und grau, Polizeiautos und Frauen mit neongelben Amtswesten. Wenn ich meinen Reisepass und Mietvertrag vergessen hatte, dann warf ich das Fahrrad in die Weißdornhecke und versuchte meinen Weg zum nächsten Supermarkt über die verwachsenen Schleichwege zwischen den Büschen zu finden. Meine schlammverkrusteten Schuhe das Überbleibsel meiner neu erwachten Paranoia.
Ostersonntag rannte ich sogar vor einem Polizeibus davon und versteckte mich im Schilf neben dem gelangweilt vor sich hin treibenden Grenzfluss. In der Nacht träumte ich von unbekannten Verwandten, die durch Flüsse schwimmend vor der Roten Armee zu fliehen versuchen. Ich erzähle das später dem russischen Sascha aus München, der lachte nur und sagte: Wie süß. Ihr Deutschen immer .
Die Schichten meiner sicheren An- und Zugehörigkeit lösten sich immer weiter ab. Bin ich hier richtig? Habe ich Papiere? Sehe ich noch aus wie auf meinem Ausweisfoto? Kann ich überhaupt in einer Schlange stehen?
Keine meiner Spuren, Heimaten, meiner Arbeitsverbindungen und Beziehungen kann auf dem Papier Bestand haben. Alles hinterlässt, wenn überhaupt, eine Spur auf mir und vielleicht jemand anderem. Meinen Gedanken, meiner Erinnerung.

„Ich wandte meine Schritte und mit einem Herzen voll unendlicher Liebe für die, welche sie verschmähten, wanderte ich in ferne Gegend
“, so träumte Franz Schubert vor 198 Jahren, als er seinen Garten verließ, sich eine Mund-und-Nase-Bedeckung aus verschmiertem Notenpapier bastelte und vorschriftsgemäß erst 50 Meter hinter dem Bahnhofsbistro auf eine Bank setzte, um seinen Filterkaffee zu trinken. Denn: Das vorübergehende Verweilen auf öffentlichen Bänken ist ab dem 20. April wieder gestattet.
Na dann.

Bahnhof lebensfroh Ruhrgebiet

Vielleicht waren Bahnhöfe schon immer die sichtbaren Zeichen der längst vergangenen Postapokalypse und wir haben sie nur nicht erkannt. Weil da zu viele Leute herum liefen und mit ihren Brötchen krümelten. Nur weil da Stromkabel an einem Pfahl hängen, heißt das noch lange nicht, dass die auch irgendwo hinführen. Das können auch nur Horizontlinien sein, die vorübergehend und um die Perspektive besser anzudeuten, beim einer ersten Skizze noch nicht ausradiert wurden.
„Derzeit sind verstärkt Trickbetrüger unterwegs. Passen Sie auf ihre Wertsachen auf“, sagt die Lautsprecherdurchsage in Bochum und ich bin wachsam inmitten schaffnerlosen Einsamkeit.

In der Privatbahn nach Soest wird dafür mit einer Besessenheit kontrolliert, als gelte es, alle potentiellen Schwarzfahrer bundesweit wieder aufzurechnen. Ich gerate naturgemäß in Schwitzen und versuche nicht nach oben zu schauen, wo sich der Elefant unauffällig im Gepäcknetz versteckt hat. Nach jedem zweiten Halt steht wieder winkend ein Angestellter vor mir und will meine Fahrtkarte begutachten. Schon wieder? Ich übe meinen bösen Blick und scheitere. Normalerweise klappt der. Nur mit Augen über Maske scheint er nicht zu funktionieren. Er lässt sich nicht abwimmeln. Ich denke, er verwechselt mich und das Notizbuch mit der Spiegel-Reporterin, die über Helden der Gegenwart recherchiert und rührende Portraits von Bäckereifachverkäuferinnen, Supermarktangestellten,und Kontrolleuren macht und deshalb jetzt incognito zwischen Hamm und Soest, Balksen und Berwicke, Welver und Dinker, Anröchte und Erwitte pendelt.
Als ob.

Als ob ich hier irgendwas protokollierte.
Als ob Helden jemals Kontrolleure wären.
Als ob Helden die wären, die im Angesicht von irgendeiner gefährdeten Gegenwart einfach weiter zur Arbeit gingen wie bisher. Schichtbeginn, Zack, Held steht bereit.
Als ob Helden nicht eben genau davor flüchten, aus der Wiederholung und der Wiederholung und der Sicherheit der Wiederholung, um kopflos aus genau dieser heraus zu rennen, weil sie was gehört haben, den Ruf heraus aus dem, was der Alltag ist, plus Selbstüberschätzung, plus das Herz voll unendlicher Liebe für die, die es verschmähten, plus feste Schuhe und die bescheuerte Idiotie dahin zu wollen, wo man vorher nicht war. Nur um sich zu verirren und dem Bösen hinter die Maske blicken zu können. Um die echte versteckte Welt und nicht nur die eigene Reflexion darin zu sehen. Naja, und vielleicht auch, um am Wegesrand ein paar Königstöchter zu vergewaltigen, die Väter zu entehren und sich damit ein paar neue Immobilienanlagen in unsicheren Zeiten zu sichern.

Spiegel Welver
Research indicates that male writers are more likely to make heroines superhuman, whereas female writers tend to make heroines ordinary humans.

Na dann.

Als ich mein Haus erreiche, wuchern die Kräuter aus den Ritzen. Der Elefant bezieht das Erdgeschoss und überlässt mir das obere Zimmer. Die Knoblauchranken zwischen den Terrassenplatten sind so hochgeschossen, dass sie bis zu meinem Fenster heranreichen. Sollte der Ruf zur Heldinnenreise noch heute Nacht erfolgen, kann ich ganz leise an ihnen herunter klettern und sehen, wohin der Weg mich führt.

Regenbogen Soester Anzeiger Alles wird gut
(One day a power rainbow of queer energy will blow the roofs off the houses and free the nuclear family and everything will be fine)

Alles wird gut.

Na dann.

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Traumdeutung (schwarz weiß grau)

Dichotomie im Denken ist ja generell ungut. Kann man viel drüber rätseln, aber an sich existiert das erst mal gar nicht oder macht nur Ärger. Deshalb immer auf der Hut sein vor Leuten, die einem was davon erzählen wollen, Zweiteilung, Linien, Grenzziehungen, Gut hier, Böse da, an der Ecke sehr heilig und da hinten ganz schlecht und verhurt, hinter mir Vergangenheit und vor mir das andere.
Mir, vor allen anderen muss auch keiner etwas über die Nachteile von Schwarz-Weiß-Denken erzählen, weil hier: Grau. Ausschließlich grau. Ziemlich viel grau. Einer Dame, die seit meteorologischem Frühlingsbeginn mit Elefanten zusammen lebt, muss über Bedeutung von Graustufen nicht wirklich was gemansplaint werden. Echt nicht.

Dichotomie bei Bohnen ist wiederum was anderes. Zweimal am Tag wässere und streichle ich die Setzlinge auf meiner Fensterbank. Wenn das keine echte Schönheit von dichotomischer Teilung an dieser Sprossachse ist, dann weiß ich auch nicht. Gäbe es ein sicheres Zuhause, es könnten Bohnen erwartet werden zum Ende des Sommers, der vor mir liegt. Wenn Menschen am Ende des Sommers zu Besuch kommen dürften, ich würde eine Bohnensuppe gekocht haben werden. Der Futurdrei ist eine Grammatikform, die ich noch üben muss, ich weiß.

Dichotomie bei Träumerinnen: vorhanden. Weil es gibt die einen, die nicht träumen und deshalb verdächtig sind. Und es gibt die anderen, die permanent am Träumen sind, was ja erst mal in Ordnung ist, bis sie anfangen, von ihren Träumen zu erzählen. Den Träumen anderer Menschen zuhören zu müssen ist etwa so unangenehm wie das erzwungene Betrachten verwackelten Urlaubsbildern oder die unfreiwillige Teilnahme an fremdem Popeln. Ich bin eindeutig Typ 2. Ich belästige Menschen mit meinen Träumen. Massiv. Schon immer.

Von den wiederkehrenden Träumen, dich mich seit Jahren verfolgen, nachts kalt erwischen und dann in den Tag hinein weiter kleben bleiben, gehört der mit dem Walfisch. Ich habe Google gefragt und Lexika, einen Oreonauten, meine Mitbewohner, Schamanen und Psychologen, schlaue und weniger schlauere Menschen und noch hat keiner eine Deutung vorgeschlagen, die interessant genug gewesen wäre, um sie final zu akzeptieren.

Der Traum geht so:
Ein Walfisch treibt auf dem Meer.
Es ist windig, der Wellengang schwer.
Sonnenauf- oder Untergang ziemlich wahrscheinlich.
Der Walfisch taucht auch immer wieder auf und ab, ist halb sichtbar, tümmelt da so herum und als er sich endlich in seiner vollen Größe aus dem Wasser erhebt, fängt er plötzlich an zu brennen.
Wie ein Osterfeuer oder ein Geburtstagskuchen, auf dem die kleinen grünen, pinken, gelben Kerzen immer sofort auf die Zuckerglasur, respektive den Wal tropfen.
Der Wal brennt ohne Geräusche.
Menschen stehen am Rand einer Klippe, schweigend. Dabei ist es ist meistens kalt und sie haben Mäntel an, sie schauen dem Wal zu und halten die Klappe.

DREAM 1: BURNING WHALE (von Lilianna Kane)

Ich mag diesen Traum. Er kommt in einer undurchschaubaren Regelmäßigkeit so wie mein Heuschnupfen oder mein Selbstmitleid, immer mal wieder und sicherlich einer inneren Logik folgend, aber ohne dass ich sie durchschaue.
Was weiß ich schon. Ich sage auch Walfisch zu einem Säugetier.

Vor meiner ersten Reise in den Hellweg, in der kurzen Nacht zuvor, hat sich der Traum verändert.
Ich stehe wieder in einer Menschenmasse, die schweigt, ich habe einen Wintermantel an und mache einen auf Beobachter, aber diesmal stehen wir nicht am Rand einer Klippe sondern am Eingang der Wüste, die eigentlich auch wie ein Meer ist, nur trockener.
Und es ist kein Fisch, der brennt, da brennt eine Herde Elefanten. Sie sind weit draußen, es ist mitten in der Nacht und die brennenden Elefanten laufen einmal quer durch das Blickfeld und stehen in Flammen, ein Wüstenelefantenfeuerwerk.

Dream 2: Burning Elephants (von Lilianna Kane)

Ich wachte auf im März und wunderte mich, war aber mit Kopfschmerzen und Taschepacken und Busfahrerverfluchen beschäftigt, ich musste einen Zug erwischen, einen Proviant einkaufen und einen Schienenersatzverkehr durchschauen, deshalb war keine Zeit sich weiter mit diesem Traum zu beschäftigen. Draußen zog Deutschland am Zugfenster vorbei in schlammigem Mattbraun. Wie war die Welt so trübe, jajaja, und der Weg gehüllt in Schnee, zumindest an ein paar wenigen Stellen.

Von allen Jahreszeiten, die für Anfänge scheiße sind, November und März ganz oben mit dabei.
November wegen Hoffnungslosigkeit und März wegen Hoffnung, weil zu ahnen ist, dass das alles besser wird, aber es nicht danach aussieht. Nur weil irgendeine Dings es seit Anbeginn der Welten geschafft hat, aus dem Winter wieder einen neuen Anfang zu machen, der keimt und blüht und Wurzeln schlägt, heißt das ja noch lange nicht, dass es in diesem einen Jahr wieder funktionieren kann.
(Spoiler aus dem April der Gegenwart: Frühling hat geklappt. Der Rest nicht so.)

Jetzt ist mehr Zeit und nicht mehr ganz so viele Verkehrsmittel.
Dafür Elefant.
Ob er auch in Traumdeutung mache, will ich von ihm wissen.
Und er: Ob ich mir denn für keine Frage zu blöd sei.
Bei Neugier gibt es erst mal kein richtig oder falsch, merke ich an und: Dein dichotomisches Denken nervt total.
Der Elefant schnaubt nur, ob ich hier jetzt kuschelpädagogisches Esorterikgetexte eines Säugetiers einfügen wolle, so ganz schlimm wie in, komm schon, Stimme der Weisheit, sag doch auch mal was Schlaues.
Nein, sage ich. Das jetzt nicht gerade.
Meine Stimme zittert ein bisschen dabei.

Wer jetzt noch träumt, ist verloren.
Wer Anteilnahme und Verständnis von Untertönen in Gegenwart einer grauen Tonne verlangt, ist sowieso verloren.
Wer Antworten im Schlaf sucht, wenn die Vernunft vorübergehend ausgeschaltet ist, wenn alles irgendwie ausgeschaltet ist, der ist wiederum so rettungslos verloren, dass er eine Antwort verdient.

Ob ich die Zukunft gedeutet haben möchte, will der Elefant von mir wissen.
Jetzt muss ich auch ein bisschen lachen.
Natürlich nicht.
Weißt du, so der Elefant, wir müssen uns langsam von der Vorstellung verabschieden, dass die Zukunft in nur einer Richtung zu finden ist. Und dass diese vor uns liegt. Weil es an der Zeit ist, neben sich zu schauen. Das Blickfeld zu erweitern. Um auf dem Boden, in den Nischen und Winkeln zu suchen. Verstehst du mich?
Der Elefant schnaubt wieder, diesmal aber verständnisvoll.
Wir rücken ein bisschen zusammen.
Wir atmen ein bisschen ein und aus.

Ich fahre mit meiner Fingerspitze seine Falten entlang, auf der Suche nach einer Antwort oder Richtung, Labyrinthe sind das, Sackgassen und verzweigte Wegesnetze in den Rillen seiner Haut. Er tastet vorsichtig meine Narben ab mit seinem Rüssel, auf der Suche nach Verständnis, nach Geschichten oder Mustern.

Das geht so eine ganze Weile, bis die Nachmittagssonne ein Erbarmen mit uns hat, wir uns aus dieser merkwürdigen Umarmung lösen und ein bisschen peinlich berührt abrücken, um die Bohnensetzlinge umzutopfen.In einen anderen, etwas größeren Saatbehälter versteht sich, mit dem Freiland warten wir noch ein bisschen, denn den Eisheiligen ist ebenso wenig zu trauen wie den Träumen bei Nacht.

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Zur Burg

Die Vögel zwitschern, der Wald vor lauter Bäumen rauscht in der milden Sommerbrise. Ein Weg führt durch das lichte Wäldchen und über die Felder bis zur Burg – die Burg, die in der Ferne schon zu sehen ist – ihre Zinnen und Türmchen, die rotweißen Fensterläden, man kann sie bereits erahnen. Auf dem Weg fährt eine solarbetriebene Kutsche, in der ein menschliches Wesen sitzt, dessen Aussehen und Verhalten auf kein bestimmtes Geschlecht schließen lassen. Es hat den Kopf in den Nacken gelegt und schaut in die Baumkronen. Ein Eichhörnchen springt von einem Ast zum anderen über den Weg.
„Schau mal“, sagt das menschliche Wesen in der Kutsche und zeigt auf das Eichhörnchen. Zu wem es das sagt, ist unklar. Neben der Kutsche läuft ein Pferd. Das Pferd schnaubt.

Als sie den Wald verlassen und zwischen gelben Feldern und blauen Blumen herfahren, sehen sie hinter einer Biegung ein zweites Wesen den Weg entlang schlendern. Dieses allerdings sieht ganz wie ein Mann aus und es verhält sich auch so. Sobald die Kutsche das Wesen erreicht hat, bleibt sie stehen.
„Wollen Sie auch zur Burg?“, fragt das menschliche Wesen in der Kutsche.
Das, was wie ein Mann aussieht und sich auch so verhält, nickt.
„Na dann steigen Sie doch ein. Wir sind gerade auf dem Weg dorthin, und ein Stück ist es ja noch. Hier drin ist es bequemer. Sie können sich ganz aufs Gucken konzentrieren und müssen nicht noch ans Laufen denken.“

Das, was wie ein Mann aussieht und sich auch so verhält, schaut sich kurz um, dann greift es nach der Hand, die ihm das andere hinhält und steigt ein.
„Agent reist mit uns“, sagt das Wesen in der Kutsche und streichelt dem Pferdchen die Schnauze. Das Pferdchen schnaubt. Das, was wie ein Mann aussieht und sich auch so verhält, lächelt und nickt. Dann setzt sich die Kutsche langsam wieder in Bewegung.
Das Wesen in der Kutsche mustert seinen neuen Reisegefährten, seine Augen bleiben an einem Gegenstand hängen, den das, was wie ein Mann aussieht und sich auch so verhält, am linken Handgelenk trägt.
„Darf ich fragen, was Sie da Schönes haben? Ist das ein Schirm? Zeigen Sie mal. Tatsächlich ein Regenschirm. Er gewinnt seine Bedeutung durch das, wogegen er seinen Träger zu schützen da ist: Das wäre dann wohl Regen. Kennen Sie Regen? Natürlich kennen Sie Regen! Flüssiger Niederschlag, der aus der Atmosphäre auf den Boden fällt bzw. auf alles, was sich auf dem Boden aufhält. Sie verstehen. Etwas Formloses und darum Bedrohliches, das vom Himmel fällt.“
„Waaa Waaa Waaa“, sagt das Wesen, das wie ein Mann aussieht und sich auch so verhält.
„Ein sogenanntes Kulturprodukt. Meines Wissens stehen Regenschirme heute unter Naturschutz, oder Denkmalschutz. Ich verwechsle die beiden immer. Wissen Sie, ich sammle Artefakte. Mechanische Artefakte. Ich hab schon jede Menge davon zuhause.“
„Waaaaa Wa.“
„Ein Regenschirm also. Interessant. Darf ich mal?“

Das Wesen, das aussieht wie ein Mann und sich auch so verhält, reicht dem anderen Wesen den Schirm. Dieses nimmt ihn vorsichtig in beide Hände, zieht behutsam den kondomartigen Überzug ab, „Ich darf doch, oder?“, und hält sich den Schirm ganz nah vor die Augen. Es schiebt einen Finger zwischen die Halterung und den oberen Teil des Schirms, der sich nun ein Stück nach oben drückt, sodass der silberne Stiel zum Vorschein kommt.
„Hu!“, sagt es erschrocken. „Na sowas. Wie öffnet man ihn?“
Fragend blickt es das Wesen, das wie ein Mann aussieht und sich auch so verhält, an. Dieses nimmt ihm den Schirm wieder ab, löst das Bändchen, schiebt den oberen Teil hoch und öffnet ihn. Der Schirm ist hellgrün.
„Hach du liebe Güte.“
Das Wesen in der Kutsche klatscht begeistert in die Hände.
„Wunderschön, oder? Darf ich mal halten? Herrlich, wirklich! Von wann genau stammt das gute Stück?“
„Waaaa Waaaaaaa.“
„Ah ja.“
„Toll, einen Schirm hätte ich auch gern in meiner Sammlung. Wissen Sie, mein allerschönstes Stück bisher ist ein Schraubstock, er ist ganz klein, winzig. Früher hat man ihn verwendet, um kleine Dinge damit festzuschrauben, sodass sie sich nicht bewegen konnten, wenn man sie… gesägt hat zum Beispiel. Dieser Schraubstock, er ist… Wenn ich an ihn denke, wird mir ganz warm. Ich kann das gar nicht richtig beschreiben. Manchmal glaub ich fast, ich sei ein bisschen verliebt in ihn. Ist das albern?“
„Weeee wa wa.“
„Hm. Aber er liebt mich nicht zurück. Was soll man machen. Sammeln Sie auch Artefakte?“
„Waa woooo wawa wi.“
„Achso, verstehe!“

Das Wesen in der Kutsche dreht den Schirm über seinem Kopf, dann hält es ihn über das Pferd.
„Schau mal Agent, ist das nicht herrlich, wie das Licht durch das grüne… ja, was ist das? Polyamid? Wie das Licht durch das grüne Polyamid fällt? Man nennt es auch Paraplü, das Gerät, aus dem Französischen. ‚Für den Regen‘, heißt das. Heute hat der Regenschirm keine Funktion mehr, außer die natürlich, zu existieren.“
Das Pferd wackelt mit dem Kopf.
„Ich beschäftige mich gerne mit historischen Dingen, Artefakte. Ich untersuche, wozu bestimmte Artefakte früher gebraucht wurden. Regenschirme zum Beispiel, Schraubstöcke, Balkontüren, Waffeleisen, solche Dinge.“
„Wuuuuuuuuu.“
„Ja genau, das auch.“

Das Wesen in der Kutsche gibt dem Wesen, das wie ein Mann aussieht und sich auch so verhält, den Schirm zurück, beugt sich über den Rand des Wagens und lässt den Blick blinzelnd über die Felder streifen.
„Oh schauen sie mal, eine Gruppe Feldsängi! Da hinten.“
Es zeigt auf eine Gruppe menschlicher Wesen, die ein Stück weit entfernt am Feldrand stehen und singen. Manche halten dabei die Hände in die Höhe. Es klingt als würden sie in mehreren Stimmen und Sprachen gleichzeitig singen.
„Sie besingen die Ernte und schwören ihr, dass sie sie lieben und schätzen werden, egal wie reichlich sie ausfallen wird. Eine regionale Tradition. Aber ich hab schon lange keine mehr hier gesehen. Oh, und sehen Sie mal da.“
Es streckt den Arm aus und zeigt in die Richtung der Sänger, von denen einer nun vortritt und einen ulkigen Tanz aufführt, wobei er seinen Körper als Percussion verwendet.
„Eina Tänza! Wie toll sa das macht, oder? Früher habe ich auch pflanzgetanzt. Roggen war meine Spezialität und alle Arten von Farnen. Haben Sie auch mal getanzt?“
„Wuwuwuwuwu.“
„Schön! Bald ist ja übrigens auch wieder der Oelder Pfingstenkranz. Wenn Sie dann noch hier sind, sollten Sie sich dieses Spektakel nicht entgehen lassen. Alles tanzt da und singt auf den Feldern und in den Straßen – zu Ehren und zum Dank der vielen herrlichen Pflanzen.“

Sie fahren nun an den Sängern und Tänzern vorbei, die ihnen zuwinken und in die Hände klatschen.
„Weiter so, weiter so“, ruft das Wesen begeistert.

„So, gleich sind wir da. Ich weiß noch nicht, wie lange Agent und ich bleiben, aber wenn Sie wollen, können Sie natürlich auch wieder mit uns zurückfahren.“
„Wü.“
„Ok. Natürlich.“

Die Kutsche fährt nun etwas langsamer. Sie nähert sich der Burg, die wirklich sehr groß und imposant ist. Das Pferd Agent läuft nun vor der Kutsche, da der Weg zu schmal ist für Tier und Gefährt.
„Wir müssen noch hier rumfahren, um die Kutsche zu parken. Sie können gerne an dieser Stelle schon aussteigen, dann müssen Sie nicht alles wieder zurücklaufen.“
Das Wesen, das wie ein Mann aussieht und sich auch so verhält, steht auf und springt vom Wagen. Dabei hebt es eine Hand und ruft „Wöööööööö.“
Das andere Wesen hebt ebenfalls eine Hand.
„Gern geschehen! Machen Sie es gut.“
Das Pferd schwenkt den Kopf.

Dann biegt die Kutsche auf einen Seitenweg ab, der zum Parkplatz führt, während das Wesen, das wie ein Mann aussieht und sich bisher auch so verhalten hat, auf dem Hauptweg weitergeht, immer schneller wird, zu rennen anfängt, und sich dann kurz vor der Gräfte ganz und gar geräuschlos, ohne Puff, in eine Wolke feinster Teilchen auflöst, die, zu erkennen nur noch als sanfter Regenbogen-Schimmer, erst in die Höhe und dann um die Burg herum durch eines der geöffneten Fenster fliegt.
„So nett, hm?“, sagt das Wesen, steigt aus der Kutsche und tätschelt das Pferd.
„Absolut“, sagt das Pferd.

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KLEINANZEIGEN 12. April 2046

12. April 2046, Warendorf, Kreis Warendorf
Gesucht: Hochzeitsaufnahmen von 1850 bis 2010

Für ein gemeinnütziges Projekt suchen wir: Bild- und Tonmaterial von alten Hochzeiten
Postkarten, Zeichnungen, Gemälde, Fotografien, Videos, Holos, Tonaufnahmen…

Ziel unseres Projektes ist es, ein interaktives Lernspiel als Unterrichtsmaterial für die dritte bis fünfte Klasse zu erstellen. Den Hauptinhalt dieses Spiels soll eine Sammlung virtueller Dorfhochzeiten bilden mit verschiedenen Heiratsbräuchen von überall auf der Welt.
Mehr über das Projekt erfahren Sie auf weddingworlds.com.
Dort können Sie uns auch finanziell unterstützen.

Kontakt hier.

12. April 2046, Telgte, Kreis Warendorf
Schüler-Demo!

Seit 2039 wird der Bildungsetat in Münster jedes Jahr weiter gekürzt. Auch in diesem Jahr hat die Bildungsministerin Sibylle Klein angekündigt, die Ausgaben für Schulen und Universitäten weiter zu verringern. Die Folge dieser andauernden Kürzungen: Veraltete Lehrmittel, marode Schulgebäude, zu kleine Räume, zu große Klassen, Personal-Kündigungen, unzureichend ausgebildete Lehrkräfte, sinkende Schulleistungen, sinkendes Bildungsniveau, steigende Abbrecherquote, usw.
Zudem können lernschwache Schüler aufgrund des Lehrermangels kaum angemessen unterstützt werden, wodurch sie oftmals weit hinter dem eh schon niedrigen Klassenniveau zurückbleiben. Besonders lernstarke Schüler hingegen werden gefördert, indem man sie aus der Klasse nimmt und in eine der NRW-Landschulen versetzt. Auf diese Weise wird die Kluft zwischen Stadt und Land, zwischen besser und schlechter ausgebildeten Schaulabgängern bzw. -abbrechern immer größer. Zugleich verhindert das Einzugsgebiets-Gesetz, dass Stadt-Schüler ohne Empfehlung eine der besser ausgestatteten Schulen auf dem Land besuchen.
Das alles sorgt natürlich für große Frustration unter den Schülern, vor allem, wenn ihnen durch den naheliegenden Vergleich mit den Landschulen immer wieder vor Augen geführt wird, wie es anders sein könnte.
Diese offensichtliche Ungerechtigkeit hat in der Vergangenheit immer wieder zu Auseinandersetzungen zwischen Stadt- und Landschülern geführt.
Um den beiderseitig vorhandenen Ressentiments und Vorurteilen entgegenzuwirken, unsere Kräfte zu bündeln und so vereint gegen die unzumutbaren Zustände an den Stadtschulen vorzugehen, organisieren die Jungen Linken gemeinsam mit dem Solidarität für Münster e.v. und der ALM seit zwei Jahren regelmäßig gemeinsame Demonstrationen und Streiks.
Da vom 23. Bis 26 April die Etat-Verhandlungen in Münster stattfinden, wollen wir auch jetzt, am 15. April wieder gemeinsam demonstrieren: Gegen weitere Kürzungen, gegen das Einzugsgebiets-Gesetz, gegen die Benachteiligung der Stadt-Schüler und für einen offenen und gleichberechtigten Austausch!
Aus Solidarität mit unseren Mitschülern aus Münster, von denen viele kein Fahrzeug zur Verfügung haben, wollen wir diesmal keine Senkrecht-Demo starten, sondern uns zu Fuß treffen, und zwar am Prinzipalmarkt in Münster um 12 Uhr. Bringt Banner, T-Shirts, Screens, Holos mit – alles, womit ihr eurer Wut und eurem Wunsch nach Gerechtigkeit Ausdruck verleihen könnt.
Auf Musik wollen wir diesmal bewusst verzichten, um die Ernsthaftigkeit unseres Anliegens zu unterstreichen. Diese Demonstration ist keine Party, sondern ein politischer Akt!
Sagt allen Bescheid – auch Familienmitglieder, Freunde, Lehrer, Erzieher und andere Unterstützer sind willkommen!

WANN: 15. April 2048, 12 Uhr
WO: Prinzipalmarkt Münster
WIE: Zu Fuß! (Parkplätze gibt es in der Gartenstraße und am Niedersachsenring, am besten wäre es jedoch, wenn ihr mit den Öffentlichen kommt)

Abgesehen davon sammeln wir gerade Spenden für unser Mobile-School Projekt. Bis Ende 2048 wollen wir mit dem gespendeten Geld insgesamt 10 Hybrid-Busse und 5 kleinere Hybrid-Wagen für die Stadtschulen kaufen, sodass Klassen und Schülergruppen aus Münster sich mobil im Umland und in Europa bewegen können.

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KLEINANZEIGEN 11. April 2045

11. April 2045, Ahlen, Kreis Warendorf
Adoptivsenioren für unsere Familie gesucht

Für unsere kleine Familie suchen wir noch einen oder zwei ältere Menschen zur Adoption. Wir – das sind Abbe (49), Len (45), Mellory (48), Mihai (34) und Epi Lou (2). Abbe, Len und Mellory leben bereits seit vier Jahren zusammen auf einem alten Bauernhof in der Nähe von Werne. Vor drei Jahren ist dann Mihai dazu gestoßen und im Dezember 2043 kam unser Baby Epi Lou auf die Welt. Nun würden wir unser Familienglück gerne mit einem oder zwei älteren Menschen teilen.
Mit uns auf dem Hof leben zwei Pferde – Rose und Bobbi, ein alter Hund – Tex, zwei Katzen – Mimi und Cher, ein Mini-Schwein, was nicht so mini geblieben ist, wie seine erste Familie es sich gewünscht hat – Lola, zwei Leucht-Kaninchen mit „Wackelkontakt“ – Flexi und Karl, und elf legeschwache Hühner, die wir aus einer Farm gerettet haben, wo sie aufgrund ihres geringen Nutzwerts ermordet worden wären. Keines dieser Tiere wird bei uns ausgebeutet, gequält oder unter unangemessenen Bedingungen gehalten, was uns sehr wichtig ist.
Wir ernähren uns vegan. Unsere Nahrungsmittel bauen wir zum großen Teil selbst an. Energie gewinnen wir fast ausschließlich aus Biomasse, Solar- und Windkraft.
Neben unserer Arbeit auf dem Hof engagieren sich Abbe und Len als Sozialarbeiter*Innen in Berlin, Mellory ist Chef-Chirurgin am St. Marien Krankenhaus in Ahaus und freiwillige Tierpflegerin im Haustier-Hospiz Warendorf und Mihai arbeitet als Roboter-Psychologin an der Technischen Universität Westmünsterland.
Abgesehen davon feiern, spielen und kochen wir gerne gemeinsam, wir lieben Musik, Kunst und Literatur und diskutieren oft und ausführlich über aktuelle politische Themen. Len und Mellory teilen außerdem ihre Leidenschaft für das Reisen. Mihai und Abbe bleiben dagegen lieber zuhause. Wir haben auch oft Freunde zu Besuch. Eigentlich ist fast immer jemand hier. Im Sommer wohnen meistens jugendliche Reisende bei uns, die uns gegen Kost und Logis auf dem Hof aushelfen.
Wir alle legen großen Wert auf offene Kommunikation, eine lebendige Debattenkultur, Fairness, Gleichstellung und frei ausgelebte Sexualität. Außerdem setzen wir uns aktiv für den Umwelt- und Artenschutz sowie für verschiedene soziale Projekte ein, wie zum Beispiel aktuell Solidarität für Münster oder Make Kin Not Babies.
Wir suchen jemanden (über 60), der oder die unsere Überzeugungen, Werte und Leidenschaften teilt, sich aktiv in das Zusammenleben auf dem Hof einbringen und gerne vollgültiger Teil unserer Familie werden würde.

Wenn du Interesse hast, sieh dir hier unser Profil auf MakeKin.com an!

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KLEINANZEIGEN 10. April 2044

10. April 2044, Legden, Kreis Borken

SMARTE VERTIKALE GARTENANLAGE, VERTIKALER GEMÜSEANBAU, VERTIKALE BEGRÜNUNG, SMARTE HYDROPONIK, SENKRECHT-GARTEN, VERTICAL GARDENING, VERTICAL PLANTATION, SMART VERTICAL FARMING

Verkaufe wegen unfreiwilligem Umzug nach Münster:
Smartes Hydroponik-Außen-System/Vertikaler Gemüsegarten, beidseitig begrünbar von Der Beeter
2x2m, auch kombinierbar als Heckenelement
gebraucht, ca. drei Jahre alt, funktionstüchtig
Stabiler Rahmen, Stahl-Verblendung
Smarte Bewässerungs- und Düngeanlage
Kombinationsantrieb: Solarkraft, Strom
Lautlos-Garantie.
Derzeitig bepflanzt mit Kirsch-Tomaten, Zucchini, Maracuja und Bananocado.

Herstellergarantie bis Januar 2046
Nährlösung haltbar bis mind. Januar 2046

1400 Un. VB

10. April 2046, Senden, Kreis Coesfeld
Acura Hybrid Kamome XS

Da vor kurzem meine Mutter gestorben ist, im hohen Alter von 124 Jahren – wenn es einen Gott gibt, habe er sie selig – verkaufe ich nun ihren kanariengelben Acura Hybrid, Modell: Kamome XS.
Das Fahrzeug ist ca. fünf Jahre alt und hat einige Kilometerchen auf dem Buckel – meine Mutter hatte ein, im wahrsten Sinne des Wortes, sehr bewegtes Leben…
Trotzdem ist er gut in Schuss, fährt, fliegt und schwimmt tadellos, hat keinerlei Macken oder Störungen. Der Innenraum ist absolut keim- und bakterienfrei.
Die Hybrid-Modelle von Acura bewegen sich alle mit einem Kombinationsantrieb aus Solar-, Fahrtwind-, Gravitationskraft und Strom. Der Kamome XS ist ein Dreisitzer mit 900 Liter Stauraum und drei Türen. Ideal für Fahrten zu zweit, mit Kind, oder alleine. Perfekt, um sich zügig und unabhängig auf dem Land zu bewegen und für kleinere Reisen innerhalb Europas.
Ich freue mich, wenn der Wagen über diesen Weg einen neuen Besitzer findet.

Marke: Acura
Modell: Kamome XS
Kilometerstand: 1.400.075 km
Erstzulassung: 01.11.2041
Kraftstoff: Solar-, Fahrtwind-, Gravitationskraft, Strom
Leistung: 10.000 PS, max. 500 km/h im Straßen-Modus, 900 km/h im Flugmodus, 300km/h Wasser-
Modus
Bordcomputer: Autonom, TOM43
Fahrzeugtyp: Klein-Hybrid
Anzahl Türen: 2/3
HU bis: November 2051
Umweltfaktor: 2+
Außenfarbe: Gelb
Innenausstattung Material: Kunstleder

Selbstfahr-Option: Ja, bis zu 100 km/h im Straßen-Modus
Klimaanlage: Ja
Sitzheizung: Ja
Keim- und bakterienfrei: Ja
R-Con-Connect: Ja
Unterhaltungsangebot: Radio, Holo-Film, Holo-Telefonie, Multi-Media-Player
Kühlbox: Nein
Convertible: Nein

Alle weiteren technische Details finden Sie hier.

Preis: 19.000 Un. VB

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