Von Blitzlichtern, Metaphern und einem Stadtfest

Ein Sonntag in Unna, Vormittag. Westlicher Rand des Hellwegs. Um den Bahnhof die trügerische Ruhe einer Stadt dieser Größe. Wie weit ist das Zentrum?

Gut, dass Bahnhöfe hierzulande schon so lange stehen. Im Zentrum. Der Industrialisierung und Friedrich Wilhelm sei Dank. Kontrastierende Erinnerungen aus China: Das heutige die Metropolen verbindende Bahnnetz ist noch keine 30 Jahre alt. Bahnhöfe erinnern in Größe und Architektur an europäische Flughäfen. Selten zentral. Vielmehr sind Zugreisen anzugehen, wie in Westeuropa Mittelstreckenflüge. Anreise, Sicherheitskontrollen, Wartezeit, Transfer.

Transfer in Unna, von Bahnhof ins Zentrum wenige Gehminuten. Die Stadt gefüllt. Alkoholreste vom Vorabend. Musikalische Beiträge mit großem Fremdschampotenzial auf Bühnen mit ‚kecker‘ Moderation. Finanziert von lokalen Marken und Unternehmen. Banner in der Größe von Einfamilienhäusern. Wippende Familien, Junggesell*innen beim Frühschoppen. Oder Vorglühen. Oder Nachglühen. Menschen im Vorbeigehen, gleichgültig.

An den Straßenrändern sich biegende Tische. Spielzeuge, Kinderkassetten (welch Relikt!) und Kleidung. Und Schulränzen. Und Kindersitze. Auf, unter, neben den Tischen. Dazwischen kreischende Kinder, verfolgt von Eltern. Erhitzte Gemüter, rot angelaufene Gesichter.

Mein Weg führt in die Katakomben einer alten Brauerei. Das weltweit einzige Museum für Lichtkunst. Seit 15 Jahren, tatsächlich hier. In Unna. Wer hätte das gedacht. Räume und Installationen von Künstler*innen aus aller Welt. Olafur Eliasson, Mischa Kuball, Christina Kubisch, James Turrell.

Draußen umgeben von menschlichen Wirrungen, von Gerüchen. Zuckerwatte, Bratwurst, Kaffee, Waffeln, Bier. Drinnen, da unten, umgeben von Bewusstseinserweiterungen. Von Licht und Ton. Von Assoziationen, Metaphern, Fragen, Spielereien. Verzerrte Wahrnehmungen, zuckende Tropfen, abgescannte Körper.
Trigger für blitzlichtartige Erinnerungen im Kopf. Gerüche vergessen geglaubter Orte, Begegnungen, Phantasien. Orte, die ich schon bereisen durfte. Orte, die ich bereisen möchte.

Ein Kontrast von Innen- zu Außenwelt. Viele Antworten draußen, viele Fragen drinnen. Affirmation vs Kritik.
Aber auch: Da unten Hochkultur, teuer eingekauft Perfektion. Da draußen das Leben voller Widerstände. Aber auch: Lichtkunst ist niedrigschwellig. Kaum eine andere Kunst, die das schafft. Alle rein da!

In den Nachrichten die Pleite einer Airline. Auswirkungen des Klimawandels, Fluten in Indien, Stürme in Mittel- und Nordamerika. Wahlkampf. Oder etwas, das daran erinnern könnte. Gedanken und Fragen zu Strukturen, zum Wesentlichen an große Herausforderungen abstrakt. Voller Widersprüche. Wie Unna.

Im Kontrast von Lichtkunst und Straßenfest vielleicht ganz einfach erklärbar.

Mehr von Matthias Jochmann

Von Mosaiksteinen in einem Kaleidoskop

Samstag. Ich lerne kennen, wo ich bin. Wo ich die nächsten Wochen sein werde.
Hamm Marktplatz. Ein Espresso in der Sonne öffnet meine Augen, es ist heiß. Es ist voll. Um mich herum geschäftige Menschen. Es gibt Bratwurst, Pellkartoffel, Gemüsespieße. Man isst, man lacht gemeinsam, man schnackt. Oder klönt? Oder quatscht? Wie sagt man hier? Man kennt sich, wieder einmal. Wieder diese Ahnung: Menschen um mich, die wissen wo sie hingehören.
Zwei sich sehr gegensätzliche Parteien machen Werbung. Wahlkampf. Im Juli. Gut, dass man in Deutschland wählen kann. Im September dann. Auf den Faltblättern Schlagworte: „Für Alle.“ „Für Heimat.“ „Für unsere Familien.“ „Für Gerechtigkeit.“ Und konkret?
Die lokale Zeitung berichtet von Abiturjahrgängen. Prächtige Fotos im vielleicht ersten Abendkleid, ersten Anzug. Alle namentlich erwähnt. Mit Stolz wird der Nachwuchs präsentiert, stolz zeigt sich der Nachwuchs. Gebildet. Vorbereitet. Auf das, was da draußen auf ihn wartet. Auf Überraschungen und Entscheidungen. Auf Widersprüchlichkeiten. Auf große Schlagzeilen, jenseits des Lokalteils:
Gewalt und Machtdemonstrationen in Hamburg. Menschen, die Orte zerstören. Menschen, die ignorieren. Menschen, die andere Menschen degradieren. Ein lautes Wochenende. War das der Startschuss für den Wahlkampf? Ein schmerzhafter Startschuss. Untermalt von Beethovens Neunter. Ode an die Freude. Deutschland im Juli. Freude auf September?

Auf dem Fahrrad versuche ich mir die Stadt zu erschließen, die Region. Ich möchte wissen, was Nachbarschaft in der und für die Kulturregion Hellweg bedeutet. Was bedeutet hier Heimat? Familie, Traditionen? Gerechtigkeit? Werte? Identität? Zugehörigkeit?
Nachbarschaft ist abhängig von Orten und von Gemeinschaften. Gehören dazu auch Zäune? Klar definierte Grenzen und Rituale? Was gehört nicht dazu?
Rechts eine alte Kaserne, sehr belebt. Kein Militär, dafür Kinder auf Fahrrädern. Mit Fußbällen bewaffnet. Viele Menschen in kleinen Gruppen, neue Nachbarschaften auf engstem Raum. Menschen, die eine lange Reise hinter und eine lange Reise vor sich haben. Ungewisse Zukunft, auch über September hinaus. Die Frage nach Zugehörigkeit wird hier anders beantwortet. Vermute ich.

Samstag Nachmittag. Ich sitze auf der Terrasse einer Hammer Ureinwohnerin und höre Geschichten aus einem besonderen Leben. Ich bin beeindruckt. Von Motivation, Ausdauer und Kraft, für Nachbarschaft, für Freunde und Fremde, für Benachteiligte einzutreten. Für Gesellschaft. Für ein Miteinander. Für Orte. Beeindruckt davon, 38 Jahre Nachbarschaft hinter sich zu lassen, um eine neue zu gründen. „Nimm es in die Hand, sei offen, sei hartnäckig.“ Anfang nächsten Jahres ist der Umzug.
In dem Mehrgenerationenhaus wird es elf Wohnungen geben. Für Menschen älteren, mittleren und jüngeren Alters. Das, was einmal der Dorfplatz war, ist hier ein Gemeinschaftsraum. So wird das Haus zum Dorf. Das Dorf zum Haus. Man kümmert sich umeinander. Man lernt voneinander. Man hört einander zu. Die umliegenden Bewohner – in der Nachbarschaft – sind skeptisch, sie leben alle in ihren eigenen Häusern, mit eigenen Gärten. Eingezäunt und begrenzt.

Samstag Abend. Der Marktplatz in Ahlen ist voll. Stadtfest, Bier, Wein, Fressbuden. Ein Gewitter aus Trinksprüchen, guter Laune, Alkohol und Zigaretten, Wiedersehen nach langer Zeit, die Unmöglichkeit, sich in der Menge zu finden. Bekannte Rockmusik, gecovert, von der Westküste. Ganze Familien sind vertreten, mit bis zu vier Generationen. Über den Köpfen hängen Dekorationen, die ich lange nicht erkenne. Bunte Luftmatratzen in Form von Flip-Flops. Ist mir unbekannt, wofür Ahlen bekannt sein könnte? Ahlen, Partnerstadt von Rio de Janeiro? Stadt der schönen Füße? Sandstrand, Karibik, Caipirinhas? Körperkult? An den Füßen jedoch keine Flip-Flop-Mehrheit.

Samstag Nacht. In meinen Ohren hallt es nach. Vor meinen Augen Bilder von großen und kleinen Bauklötzen, Mosaiksteinen, Zement, Sand. Das alles hier. Da, wo ich gerade bin. Die ständige Neuanordnung, ein Kaleidoskop.

Mehr von Matthias Jochmann