partnertherapie ist zwingend notwendig!

melanie ließ den scheibenwischerarm mit einem saftigen schmatzen an die windschutzscheibe zurückschnalzen. zwischen wischerblatt und windschutzscheibe klemmte nun auf der fahrerseite mit der schriftseite nach unten ein kleiner weißer zettel. jens würde ihn sicher sehen, wenn er morgen – möglicherweise endgültig – ihre gemeinsame wohnung in erlangen verlassen würde.

sie hatten gestern schon wieder gestritten. viel heftiger als früher. das kam jetzt oft vor, seitdem ihr gemeinsamer sohn im frühjahr zum studieren nach münchen gezogen war und sie nun auf niemand mehr rücksicht nehmen mußten. nach dreiunddreißigjähriger routine aus maloche, haushalt und ehe hatten sie sich auseinandergelebt. melanie hatte schon lange geahnt, dass da was im busch war und vermutet, dass jens unter wasser schießt und diesmal nicht lockergelassen bis sie alles, aber auch wirklich alles, aus seinem mund erfahren hatte. und das war weit mehr als sie verkraften konnte. wie bei einem eisberg, bei dem der größte und gefährlichere teil unsichtbar unter der wasserlinie liegt, war sie mit ihm im schlepptau von der eisigen oberfläche ihrer erkalteten beziehung zu den dunklen abgründen getaucht, auf denen ihre marode beziehungskiste mit einem heftigen knirschen aufgelaufen war. das schiff war leck geschlagen, wasser an bord, jens und melanies titanic sank. langsam aber sicher und jetzt immer schneller.

jens hatte nicht nur einen kleinen seitensprung, nein sogar eine feste bettgeschichte und das mit ihrer besten freundin, zu der sie sich seit kindertagen innig verbunden gefühlt hatte. schon seit fast einem ganzen jahr ging das so mit den beiden. als er ihr dann noch gestand sich obendrein beim heimlichen bumsen in ute verliebt zu haben, war melanie wie eine wahnsinnige über ihn hergefallen. jens hatte ihre schläge kaum abgewehrt. schließlich hatte er eine abreibung verdient. aber was sollte er tun? bis zu seinem lebensende das haus abzahlen und sich dafür von seinem aufgeblasenen ausbeuterchef anbrüllen und rumschubbsen lassen und dann wieder abends nach hause zu seiner schwermütigen hausfrau mit der schon lange nix mehr lief… alles was früher einmal aufregend gewesen war war mittlerweile stinklangweilig und zur lästigen gewohnheit verkommen. sein inneres navi sagte: sackgasse – bitte wenden! oder mit vollgas gegen die wand…

jens war nach seiner schmerzhaften beichte wie ein geschlagener hund nach oben gegangen und hatte angefangen wortlos seinen buko* zu packen. wenn du jetzt zu IHR gehst, dann brauchst du dich hier nicht mehr sehen zu lassen! hatte sie ihm gedroht und dabei so fest die faust geballt bis ihre knöchel weiß hervortraten. und so hatte er heute im wohnzimmer übernachtet und sie sich im gemeinsamen schlafzimmer die augen ausgeheult voll trauer und wut über den gemeinen verrat. morgen früh würde er dann erstmal zu seinem alten kumpel kai zurück ins ruhrgebiet fahren für ein paar tage. hauptsache ihn erstmal nicht mehr sehen hier. aber sie hatte beschlossen ihm noch eine wichtige nachricht mit auf den weg zu geben…

melanie kramte schniefend in ihrer handtasche nach kuli und papier und fand dabei den abreißblock, den ihr heute nachmittag der sympathische apotheker von dechsendorf geschenkt hatte. der junge attraktive mann im weißen kittel hatte sie angelächelt und gefragt, ob sie neben dem ibu vielleicht noch ein paar taschentücher oder einen notizblock gebrauchen könnte. die taschentücher lagen nun vollgerotzt und zerknüllt zwischen den scherben der familienbilder, die sie vor empörung über den idioten und die falsche schlange an die ausgeblichene schlafzimmerwand geschmettert hatte. sie hatte sich irgendwann beruhigt, ihren kopf mit den unfrisierten haaren und grauen ansatz am scheitel auf die fadenscheinige bettwurst gelegt und traurig an die kahle zimmerdecke mit dem häßlichen wasserfleck gestarrt. gleich sollte auch der praktische notizblock mit dem aufdruck IHR ZUVERLÄSSIGER PARTNER FÜR IHREN PRAXISBEDARF seinen zweck erfüllen. ob sie morgen noch was aus der apotheke gebrauchen könnte und ob ER jetzt wohl einen mundschutz über seinem gewinnenden lächeln tragen würde?

jens hatte gestern noch in seiner verbannung eine halbe flasche seines geliebten single malts niedergemacht und war frühmorgens mit einem üblen kater aufgewacht. nein, kein alptraum, der absolute supergau, vor dem er immer so schiß gehabt hatte war eingetreten. nur gut dass melanie gestern schmerztabletten besorgt hatte… er stellte sich unter die dusche, zog sich rasch an und verzichtete sogar auf seinen morgenkaffee, dachte, das könne an der nächsten raststätte nacholen. pustekucken, pandemie- times, baby!

die haustür schloss sich hinter ihm mit einem satten endgültig klingenden geräusch. nach dem ehedramamief von drinnen tat ihm die frische morgenluft gut. jens atmete tief, stieß die verbrauchte luft mit einem tiefen seufzer wieder aus und übersah zunächst den zettel, als er in seinen wagen stieg. erst auf der autobahnzufahrt zur A3 entdeckte er melanies nachricht, die er für einen im wind flattertenden werbezettel gehalten hatte: kein wir, kein du, kein ich: PARTNERTHERAPIE IST ZWINGEND NOTWENDIG hatte sie für sie beide lapidar beschlossen und verkündet und die wichtigkeit ihrer fachfräulichen diagnose mit einem energischen ausrufezeichen unterstrichen. als ob man eine verunfallte ehe wie einen klapprigen wagen zur reparatur in die werkstatt bringen könnte. war es zum hohn oder aus gewohnheit, dass sie ihre sardonische nachricht mit LIEBE GRÜSSE gekröhnt hatte? ach, mellie! seufzte er wieder nachdenklich und tieftraurig. was ist nur aus uns geworden. er wurde sich plötzlich bewußt, wie sehr er sie immer noch liebte und hatte absolut keine ahnung, wie sie aus dieser scheiße wieder heil gemeinsam rauskommen sollten. für einen kurzen augenblick spielte er mit dem furchtbaren gedanken die augen zu schließen und mit vollgas gegen einen der betonbrückenpfeiler zu rasen. aber wozu? wer hätte das verdient? dann vielleicht sogar lieber erstmal partnertherapie versuchen? doch beim gedanken daran einem fremden menschen, womöglich noch so einer studierten klugscheißerischen, männerhassenden emanzentussi, ihre schmutzige ehewäsche auszubreiten drehte sich ihm sein knurrender magen um… und wie verdammt nochmal sollte er aus der nummer mit ute rauskommen!  bildete er sich doch ein, sich bei den heimlichen nummern in sie verguckt zu haben, oder vielleicht doch nur – verrannt?

irgendwann hatte jens die A45 erreicht und war ohne halt oder stau über die leere autobahn durchs siegersauerland gerast, dann wie immer in dortmund süd abgefahren und am stadion und rombergpark vorbei durch die fast leeren innenstadtstraßen in die weststadt gerollt. die adlerstraße war dank home office, kurzarbeit und quarantäne voll mit parkenden autos, aber er fand trotzdem eine parklücke nahe kais haustür. als er ausstieg klebte melanies zettel immer noch an der windschutzscheibe. jens erinnerte sich an das das große heupferd, das sich mit seinen saugnäpfen an den füßen erfolgreich an der windschutzscheibe festgeklammert hatte, als sie von einem grillfest im grünen in die stadt zurückgefahren waren. jens hob den den scheibenwischer leicht an und ein schwaches lüftchen erfaßte den treuen begleiter aus erlangen, das papierne zeugnis seiner verkackten ehe, das nun elegant mit der schriftseite nach oben indiskret auf den bürgersteig segelte.

die nette eckneipe in der adlerstraße, in der sie oft zusammen mit den anderen stammgästen am tresen gesessen hatten, war pandemiebedingt geschlossen, also hatten sie zwei mal pommes schranke mit curry bei kommarando bestellt und nach dem dritten lecker pilsken mit korn in kais knautschledernen sitzlandschaft hatte er seinem alten kumpel alles erzählt, was ihm auf dem herzen brannte. kai schüttelte den kopf! ausgerechnet ute – ute die stute! ob er nicht wüßte, dass kai auch mal mit ihr… so ein luder! mensch, jens, da haste dir was eingebrockt, junge junge… und was wollt ihr denn immer noch in dem scheißbayern? kommt endlich zurück in den pott! eine kurze zeit herrschte betrenes schweigen zwischen den alten freunden. dann hatten sie in nullkommanix kais laptop an die stereoanlage angeschlossen, ein neues bier am hals und spielten schon leicht angesoffen youtube-disco.

eben noch hatte kai max goldt den sänger von foyer des arts (es gibt so viel) wissenswertes über erlangen, jensens fränkische wahlheimat, höhnen lassen. goldt hatte sich in seiner studentenzeit seine holstener liesel auf finncrisp als fremdenführer in franken finanziert. danach schlug jens mit ihrer gemeinsam lieblingspotthymne versöhnliche töne an: wir sind das ruhrgebiet, die geile meile die dich glücklich macht röhrte wolle petry zu schlagerhaftem stadionrock. wie auf kommando gröhlten die beiden freunde lauthals mit und lagen sich in den armen als sie mit pipi in den augen wie derwische durch kais erdgeschosswohnung hoppsten. und hol‘ dir bloß den blöden zettel von mellie wieder! in meiner nachbarschaft lebt neuerdings ein asphaltbibliothekar, wer weiß was der damit anstellt, woll?

* beischlafutensilienkoffer

Mehr von Brandstifter

beste zutaten für das jüngste gericht

unter unsern schreibgestählten hintern

toter rasenteppich

über leeren gräbern

WER

hat die zombies in die rückgebaute kirche gesperrt

in den sterbenden wald gejagt

tief vergraben unter den rotbuchenwurzeln der autonomen baumhäuser

der schwarz vermummte block

beantwortet lieber keine fragen

hat keinen bock

auf allzu klein kariertes

ist sich selbst

freundlich

antworten genug

nicht nur ihm fehlt

was WER

aus dantes inferno

abpumpt

aus brunnen ohne stöpseln

für IHR all zu gemeines wohl

unnatürlich

exlex

per gesetz

im schatten der friedhofsmauer

durch pandämlichen sicherheitsabstand

streng limitiert

braten wir kross in der sonne

nach dem pfannthastischen rezept

eines christlich motivierten patchworksupergauleiters

mit einem bunten resteeintopf

aus korruption, betrug, krieg und gewalt

gefickten sondermüllschicksalen

und fahrn fahrn fahrn

turbo auf der alten autobahn

mit e-bike hin und weg

ganz easy

ohne autowahn

hurrah

hambi bleibt

am sterben

weil wir sowieso nicht zusammen leben können

die bande of refugees

spukt derweil in the geisterhaus

der zug ist abgefahren

der bus fährt selten

no exit

aus die maus

entstanden unter dem eindruck der stadt.land.text -veranstaltung GEISTERDÖRFER UND SEHNSUCHTSORTE zusammen mit kolleg*innen, organisator*innen und führern beim gespräch mit waldschützern im hambacher wald am größten loch von NRW (hambacher tagebau) und dem bürgermeister von morschenich unter corona und der bevorstehenden sommerdürre. WER ist ein anagramm?

Mehr von Brandstifter

Understatement

„…wie sehr es mich immer gefreut, einen gewissermassen Geistesverwandten, engeren Landsmann zu haben- denn bis jetzt ist es sehr selten, dass unter Eisen u. Kohlen unserer Vaterstadt künstlerische Elemente sich entwickelt haben.“

Ida Gerhardi an Karl Ernst Osthaus

 

Halbzeit, und damit der Moment gekommen, Bilanz zu ziehen und darüber zu schreiben, warum Südwestfalen der beste Ort der Kultur-Förderung sein kann.

Wenn ich meinen Eindruck über die Region mit einem einzigen Wort zusammenfassen sollte, dann wäre es dieses: UNDERSTATEMENT.

Südwestfalen ist mit Sicherheit eine Region, die im Außen- und Eigenbild völlig unterschätzt wird.

Südwestfalen, das ist auf den ersten Blick eine Industrieregion mit viel Wald. Die viele und üppige Präsenz der Natur, lässt einen leicht an Landwirtschaft denken. Man stellt sich dann Bauern vor, die Kühe hüten, Frauen mit Kopftüchern, die mit Eimern in den Händen zum Melken ausziehen. Man meint, es wäre eine Gegend, in der die Menschen von ihren Händen leben, indem sie das Feld bestellen, man glaubt, sie seien abhängig vom Wetter, würden gelernt haben, sich dessen Willen beugen, wie der eines alles beherrschenden Gottes. Aber das stimmt nur zu Hälfte. Von der Landwirtschaft allein haben die Menschen in Südwestfalen nie leben können.

Viele Vorurteile existieren bezüglich dieser Gegend, die kulturell gesehen, nicht viel von sich reden macht. Die zahlreichen Schützenvereine lassen an die Vorliebe für Tradition und Folklore denken. Heimat ist ein wichtiges Wort. Und das alles erinnert schmerzhaft doch auch an eine andere Zeit in Deutschland, die wir gerne vergessen wollen. So wurde ich zu Beginn des Stipendiums auch oft gefragt, was ich denn in Südwestfalen erforschen wolle, vielleicht Nazis? Rechtsradikale? AFD-Mitglieder? Den Rechtsdruck gibt es leider aktuell in sehr vielen Regionen Deutschlands und meines Wissens nach nicht herausragend mehr in Südwestfalen als in anderen Gegenden.

Religion ist ein anderes Stichwort, das immer wieder fiel. Dies oft im selben Atemzug mit Max Weber genannt, der ausführlich über den Geist des Kapitalismus im Zusammenhang mit religiöser Tradition geschrieben hat. Es wird nicht selten vermutet, der Reichtum der Region läge an einer gewissen pietistischen Lebensweise. Selbstverständlich hängt religiöse Praxis und Akkumulation von Reichtum zusammen. Dies nicht nur auf Seiten des Protestantismus.

Der Reichtum der Region kommt aber nicht vom Beten, sondern ursprünglich aus den Bergen. Er war lange versteckt in dem unterirdischen Labyrinth, einer Welt, die der des Minotaurus gleicht.

Es gibt überhaupt sehr viele versteckte Schätze in der Region. Vielleicht liegt dieser Zustand an der Gegenwertigkeit der Bergwerke, sie sind zwar stillgelegt, aber immer noch da, wenigstens im kulturellen Gedächtnis der Region. Bergwerke haben es so an sich, das man tief graben muss, um, was Leuchtet ans Licht zu bringen. Vielleicht haben sich die Menschen in Südwestfalen deswegen angewöhnt, ihr Licht unter den Scheffel zu stellen, sich genügsam zu geben, nicht auffällig jedenfalls, denn sie kennen sich aus mit vergrabenen Werten.

Während im Rheinland Kohle abgebaut wurde, waren es in Südwestfalen Erz, Kupfer und Silber. Hier wurde Eisen und Stahl produziert. Altena gilt als die Wiege der Drahtproduktion.

Die Historiker Peregrine Horden und Nicholas Purcell haben in ihrem Werk „The Corrupting Sea“ die Beziehung zwischen Menschen und ihrer Umwelt im Mittelmeer über gut dreitausend Jahre hinweg analysiert und sind zu dem Schluss gekommen, dass es eine lokale Form der „langen Dauer“ gibt. Traditionen, die sich mit der Zeit zwar verändern, aber auch eine lokale Hartnäckigkeit aufweisen. Der Begriff der „langen Dauer“, longue durée ist von Ferdnand Braudel geprägt worden, einem Historiker der Annalen Schule.

Für Braudel verläuft die menschliche Geschichte nicht gradlinig, sondern auf verschiedenen Ebenen, wobei die Ereignisse, die für uns meist zu den wichtigsten historischen Zeitmessern werden, wie der 11. September oder die aktuelle Coronakrise, eben nur Wellen auf der Oberfläche des langen Stroms der Geschichte sind, und der viel tiefere Grund darunter meist verborgen liegt.

Wenn ich nun diese von Braudel geprägte, und von Horden und Purcell weiter entwickelte Theorie auf Südwestfalen anwende, so erklärt sich das lokale verankerte „Understatement“ als ein zeitloses Phänomen, als ein historischer Tatbestand, der in den lokalen geographischen Besonderheiten und im kulturellen Gedächtnis seiner Bewohner verankert ist. Bereits die Kelten sollen dort den Wald gerodet und das Erz aus den Bergen geholt haben. Lange muss man nicht überlegen, um sich vorzustellen, wie diese Art der lokalen Produktion die Menschen formt. Die Schätze der Region befinden sich in der Tiefe ihres Seins.

Die nachhaltige Tradition der Waldrodung (Hauberge) ist eine der vielen Schätze der Region, von denen kaum jemand über die Grenzen hinaus Notiz nimmt. Südwestfalen ist still und unauffällig, mit nicht wenigen Global Players im Unternehmensbereich, ist es auch eine reiche Region. Reich und verschwiegen, wie Heinrich Vormweg in seinem Film „Siegen, Notizen einer Stadt“, erzählte. Der Film entstand 1966 und wurde nur einmal im Fernsehen gezeigt, er ist unerkannt geblieben, wie die Region, über die er berichtet.

Industrie bedeutet Kreativität und Produktivität, doch was ist mit der anderen Produktion, die eigentlich auch systemrelevant ist, die der Kunst? Auch darüber wurde bereits im Film von Vormweg reflektiert, dort ist von Verachtung gegenüber jener Produktivität die Rede, die nichts Verwertbares hervorbringt, also Kunst.

Dabei kann Südwestfalen auf eine eigene glorreiche Epoche in der Kunstgeschichte zurück schauen, der sogenannte „Hagener Impuls“, der hauptsächlich von Karl Ernst Osthaus (1874-1921) beeinflusst wurde. Zu dieser Epoche gehört auch Ida Gerhardi (1862-1921), die in Hagen geborene Künstlerin wurde von mir bereits in einer Youtube-Lesung vorgestellt. Sie ist, genauso wie Karl Ernst Osthaus, das weibliche Beispiel für die Modernität und Aufgeschlossenheit der Region. Ohne Ida Gerhardi hätte Karl Ernst Osthaus zu deutlich weniger französischen Künstlern Kontakt gehabt.

Osthaus-Museum-Hagen, Bild von Simone Scharbert

Von den ambitionierten künstlerischen Projekten des Karl Ernst Osthaus in Südwestfalen sind die architektonisch herausragenden Gebäude geblieben, wie der Hohenhof, das von Henry Van de Velde geplante Wohnhaus der Familie.

Der „Hagener Impuls“ ist kaum über den ihm eigenen Begriff des Antriebs hinausgegangen. Es ist bei einem Anstoß geblieben, das weltweit bekannte Folkwang-Museum steht heute im Ruhrgebiet, das aus diesem Impuls entstandene Bauhaus glänzt heute nicht in Südwestfalen. Dabei hatte Karl Ernst Osthaus angeregt, das soziale Leben durch Kunst zu gestalten. Er wollte die Versöhnung schaffen von Kunst und Sozialem. Eine Künstlerkolonie, Werkstätten und ein Lehrinstitut sollte gegründet werden, sie alle sind nur noch Teile eines Museums. Aber auch davon ist nichts geblieben, als die Gebäude, leere Räume, die heute dort ausgestellt sind wie Sammelstücke, schön anzusehen, beeindruckend sogar, aber leblos. Eine heute tote Utopie.

Osthaus schreibt, dass im Westfalen des 19. Jahrhunderts die künstlerische Tradition nicht wirklich veranker ist: „Kleine Malertalente, die hie und da auftauchten, verließen den Boden der Heimat und suchten in Düsseldorf oder Italien ein Milieu, das ihnen Anregung und Förderung gab.“

Doch ist die künstlerische Produktivität Südwestfalens nicht nur Vergangenheit. Auch heute noch gibt es in der Region viele Perlen künstlerischer Produktion, die still und leise vor sich hin glitzern.

Unter Eisen entwickeln sich auch künstlerische Elemente, wie Ida Gerhardi an Karl Ernst Osthaus schreibt.

Ein Künstler, der Eisen zu seinem künstlerischen Element gemacht hat, ist Eberhard Stroot. Der ehemalige Olympiasportler lebt schon lange in Kreuztal. Viele seine Kunstwerke sind aus Stahl. Das Grundmetall für Stahl ist Eisen.

Kunstwerke von Eberhard Stroot, mit freundlicher Genehmigung vom Künstler

Zu Eberhard Stroot gehört seine Frau, Karin Stroot. Die ist Tänzerin und ist im Siegerland mit ihrem Tanztheater bekannt geworden.

Tanztheater Karin Stroot, mit freundlicher Genehmigung von der Künstlerin

Das Besondere an den Stroots ist auch, dass sie als Künstlerpaar vier Kinder haben. Ich erinnere mich noch genau, wie ich, schwanger mit meinem ersten Kind, bei Karin Stroot in der Küche saß, und mir von ihr erzählen ließ, wie das so geht, Künstlersein und Kinderhaben. Es ist nicht leicht. Die Stroots sind als kinderreiche Künstlerfamilie eine Ausnahme.

Die Performance-Künstlerin Marina Abromavic beispielsweise wurde schwer angegriffen, als sie in ihrer Biographie schrieb, sie habe in ihrem Leben drei Abtreibungen gehabt. Abromavic hat nicht Unrecht, wenn sie behauptet, eine Karriere in der Kunst und Kinder seien nicht vereinbar. Ihre Aktion „The Artist is Present“ stand für meine Aktion „The Reader is Present“ in diesem Blog Pate.

Das Künstlerpaar Stroot hat nicht nur vier Kinder, sondern sich nie gescheut, damit auch offen in der Kunstwelt hervorzutreten. Als das Paar gemeinsam 1981 im Sportstudio auftrat, war ihr erstes Kind dabei und wurde von Bern Heller auf den Arm genommen.

Vierzig Jahre später sind Kunst und Kinder immer noch nicht besonders gut miteinander vereinbar. Frauen sind in der Kunst  weiterhin unterrepräsentiert. Stipendien, die Künstler mit Kindern fördern sind eher die Ausnahme. Es lässt sich nicht von einer familienfreundlichen Nachwuchsförderung sprechen, denn in der Landschaft der Preise, Förderungen und Stipendien wird oft 35 als Altersgrenze angesetzt. Erziehungszeiten werden nirgendwo angerechnet. 2014 hat Julia Franck darauf hingewiesen, dass es in Deutschland eigentlich keine Vereinbarkeit für Kinder und Kunst gibt.

Dies heißt, das Künstler, die sich eine Familie wünschen, sehr gut ihr Leben im Voraus planen müssen, was eigentlich unmöglich, und damit kontraproduktiv ist, denn weder Kinderkriegen noch Familienglück oder das Leben überhaupt sind wirklich planbar. KünstlerInnen zahlen oft einen hohen Preis für dieses familienfeindliche System der Kunstförderung.

In ihrem Roman schildert Isabelle Lehn berührend den Zustand der Zerrissenheit zwischen biologischer Reproduktion und künstlerischer Karriere einer Autorin.

Heute würde eine Kusntperformance mit Kind wie die der Stroots im Sportstudio damals, als Beispiel der Vereinbarkeit gefeiert. Damals gehörte der Auftritt lediglich zum diskreten Charme der Stroots aus Südwestfalen.

Es ist also durchaus eine fortschrittliche Region, die sich wohl selbst unterschätzt und auch von außen unterschätzt wird. Dabei steht sie den urbanen Zentren mit wenig nach, wie religiöses Miteinander, Industrie, Kunst und Kultur zeigen. Aber doch hält sich die Region selbst hinterm Berg und dies hat sicher mit dem zu tun, was der Historiker Fernand Braudel „lange Dauer“ nannte.

Möglichkeit einer Region, so habe ich mein Projekt genannt und eine Möglichkeit ist für mich die Kunst- und Kulturförderung. Eine Option ist an die Ideen von Karl Ernst Osthaus anzuknüpfen. „Folkwang“ kommt aus dem nordischen und bedeutet so viel wie „Halle des Volkes“. Osthaus wollte Kunst allen zugänglich machen und auch Künstlerresidenzen schaffen.

Eine Möglichkeit wäre eine Künstlerkolonie zu gründen, eine, die explizit KünstlerInnen aller Sparten mit Kindern fördert und damit eines der ersten nicht nur in Deutschland, sondern auch Weltweit wäre. Dafür wäre die Region nicht mal auf den Staat angewiesen, eine von UnternehmerInnen gegründete Stiftung könnte dazu eine Alternative bieten. Ein Ort der sich dafür anbieten würde, wäre beispielsweise Altena, eine Stadt mit großer Abwanderung in der Region, aber auch eine Stadt mit einem bedeutenden künstlerischen Erbe, wie das Apollo-Kino.

Südwestfalen könnte Vorbild  und Vorreiter in Deutschland für eine familienfreundliche Kulturförderung sein. KünstlerInnen würden nicht nur eine Unterkunft und Förderung, sondern auch Kinderbetreuung geboten, indem die Kinder für die Zeit des Aufenthaltes in die lokalen Schul- und Betreuungseinrichtungen integriert werden. Daraus könnte eine Win-Win-Situation entstehen, denn indem die Kinder betreut werden, können sich Künstler selbstverständlich auch in das lokale Geschehen miteinbringen.

Ein ambitioniertes Projekt mit dem ich, mit einem großen Bogen zwar, an die Ideen von Karl Ernst Osthaus anknüpfe. Ein Projekt, das einer Region würdig ist, die viel leistet, sich aber selbst gerne unter den Scheffel stellt. Ein Projekt, mit dem aus einem Understatement, ein Statement werden könnte, auf das die deutsche Kulturlandschaft wartet.

Osthaus, Hagen, Bilder von Simone Scharbert, ganz HERZLICHEN DANK dafür!

 

Tanztheater Karin Stroot, Bilder von Karin Strooh, Herzlichen Dank dafür!

 

 

Mehr von Barbara Peveling

it’s raining THE GENTLEMEN halleluja AMEN

dortmund 10. merz 2020. satz mit SR: ’sreehnt = rheinhessisch für es regnet (…gott segnet die zettel werden nass). die nachrichten sind bedrückend: da kommt was auf uns zu! und ich bin ganz allein im fremden ruhrgebiet. und das mit fünf millionen anderen menschen, die so gar keinen abstand halten wollen. liegt ihnen wohl nicht im blut, den netten kumpels & kumpelinen. eigentlich wollte ich heute zuerst zum grab von richy huelsenbeck auf den nahen südwestfriedhof pilgern. beschließe aber auf dem weg lieber gleich zum dilL zu gehen. erst kommt das fressen, dann kommt die (arbeits-) moral. glücklicherweise kann ich mit der asphaltbibliotheque beides verbinden.

ich mag zwar regenwetter, aber im regen zu flanieren, nass zu werden – und nicht schwimmen zu gehen – macht mir schlechte laune.  na wenigstens voher noch einen abstecher zum tremoniapark. hinterm dekorativen kreisel residiert die DMT und wacht angeblich über mich. soll ich sie dafür in mein nicht vorhandenes nachtgebet aufnehmen?

vor dem supermarkt finde ich zwei feuchte EKZ (zettelsammlerslang für einkaufszettel). ich bring meine farbenfrohen schäfchen ins trockene und lichte sie routiniert im ladenlokal beim einkaufen ab. der freundliche bäckereifachverkäufer meint, dass es zum friedhof gar nicht mehr so weit wäre und beschreibt mir den weg. als smartphoneverweigerer bin ich geradezu darauf angewiesen mit meinen mitmenschen zu kommunizieren und fremde menschen nach dem weg zu fragen: ist das nicht furchtbar?

hab doch noch keinen bock zurückzugehen und mach mich bei leichtem regen mit dem viel zu schwerem rucksack auf den weg. unterwegs werden weitere zettel eingesammelt und in das eigens dafür mitgeführte werbeprospekt zum trocknen eingelegt. nasses papier ist sehr empfindlich. wenn ich sie jetzt auseinanderfalte, würde ich sie in fetzen reissen. aufgelesen wird immer, gelesen wird bei regen erst zuhause. sammelrouten oder zettelsafaris plane ich eigentlich eher selten. mein leben bestimmt die kunst und nicht umgekehrt. aber ich muss mit und von meiner kunst leben.

der weg durch das dicht bebaute wohngebiet am rande des kreuzviertels immer die kuithanstraße entlang ist doch länger als ich dachte. endlich auf dem nassen friedhof angekommen frage ich zwei friedhofsgärtner mit minibagger nach dem grabmal von huelsenbeck. die beiden haben den namen des berühmten DADAisten allerdings noch nie gehört und wollen mir den weg zu irgendwelchen BVBmumien weisen. fußball ist opium für volker. irgendwann erinnert sich einer der beiden doch noch an ein auffälliges relief mit gedenkplatte und beschreibt mir den weg dorthin.

tatsächlich da ist es! direkt daneben liegt der dortmunder DADA-aktivist jürgen kalle wiersch und die von beiden beinflußten DADADOs haben 2018 auch einen gedenkstein hinterlassen. anlass war das 100jährigen jubiläum der bedeutensten europäischen nihilistischen kunst- und literaturbewegung, bei der huelsenbeck federführend war.

es ist immer noch am schiffen und winden. ich inszeniere schnell ein paar bilder und mache mich auf den heimweg. schulter und nacken schmerzen unter dem gewicht meines einkaufs. vor allem die beiden weinflaschen habens in sich und ich ahne warum profi-alkis auf hochprozentiges umsteigen: reine logistische vorsichtsmaße zur vorbeugung von späteren haltungsschäden. rücken hui – leber pfui! ich lasse den regen fallen und warte in einem graffiti besprühten haltestellenhäuschen vor dem leibnizgymnasium auf den bus, der mich zurück in meinen adlerhorst bringen wird.

dort finde ich glaub ich den karozettel. der regen hat die handschrift auf dem mittig gefalteten blatt wieder aufgeweicht und auf der gegenüberliegenden seite des blattes in spiegelschrift als tintenklecksographie wie für einen rohrschachtest abgedruckt:

(anmerkung des auflesers) ob F. ahnt, dass ihr sohn E. möglicherweise davon träumt ein kleines aber feines imperium für marihuana in dortmund aufzubauen, um irgendwann wie der filmheld ein legales leben in der oberschicht zu führen?

hier geht’s zum quarantäne-musikvideo-blockbuster THE GENTLEMEN mit einer interpretation der einverständniserklärung des alleinunterhalters BRANDSTIFTER LIVE VOM BÜGELBRETT.

 

Mehr von Brandstifter

RUTHCHEN MADE MY DAY

donnerstag vor dem corona-erlass: heute nachmittag scheint volle kanne die sonne und ich beschließe an der frischen luft in den dortmunder westpark zu flanieren. überall sitzen oder laufen menschen mit bierflaschen in den händen herum und laben sich an den ersten warmen sonnenstrahlen. ich suche mir eine einsame sonnenbank und bin gerade dabei visuelle poesie in meine kladde zu kritzeln, als sich ein weißhaariges mütterchen zu mir setzt.

da mein rucksack fast die gesamte sitzfläche beansprucht, räume ich ihn schnell auf die andere seite und schon eröffnet die etwa 1,60 m kleine dame das gespräch: lassen se nur – ich will nuur kurz verschnaufen – von wegen! sie rückt nun fast bis auf tuchfühlung an mich heran, so dass ich ihren süßlichen milchkaffeeatem rieche, und plaudern will se, aber dass ist mir gar nicht so unrecht. sie wohnt hier umme ecke, ist 93 jahre jung und führt immer noch ihren eigenen haushalt. ihr mann, also der willie, der lebe nich mehr und sei schon mit 59 an speisenröhrenkrebs verstorben, der hätte bei der bundesbahn gearbeitet und immer so viel geraucht.

ab und an stupst sie mir beim erzählen burschikos ihren ellenbogen in die seite. ja ihr gedächtnis, das lasse sie jetzt manchmal im stich, aber man sei ja schließlich schon 93. als junges mädchen habe sie bei der westdeutschen drahtseil verkaufsgesellschaft gelernt und gearbeitet. das sei ein langer fußweg gewesen: jeden tag bis runter in den hafen und abends wieder zurück ins unionsviertel. dann kamen die kinder, zwei mal jungs – macht ja nix -, und als die aus dem haus waren, da habe sie wieder angefangen zu arbeiten bei waldschmidt.

der willi habe ihr immer viel von den wichtigen entscheidungen überlassen und sei auch sonst ein ganz lieber gewesen. manchmal, wenn sie dran waren mit dem putzen, habe er schon den boden und keller fertig gehabt, wenn sie vom arbeiten kam, das sei ihr gar nicht recht gewesen: was sollen denn die anderen im haus denken. wenn er gleich auf spätschicht mußte, dann hing der willi schon im fenster, wenn sie nach hause kam: gehste wieder schwofen? fragte er dann. dass war ihm gar nicht so recht, aber sie ging trotzdem zum tanztee und er gewöhnte sich irgendwann daran. die besten tänzer hätte sie immer abgekriegt. 44 hat der willi sich mit siebzehn freiwillig als soldat gemeldet und war in italien in der nähe von rimini gewesen, da hamm se nach dem krieg auch immer urlaub gemacht. und dann isser er so weit rausgeschwommen, bis sie nur immer noch seine haare sah, da habe sie angst gekriegt und gedroht sofort nach zu hause zu fahren, wenn das nicht aufhören tut. im nachherein sage sie sich immer: och ruthchen, hätte alles schlimmer kommen können. hauptsache die kinder sind gesund und lieb zu einem.

hier im park hätten sie immer im sandkasten gespielt. wie schnell doch so ein leben vergeht. und als dann die tommies mit ihren flugzeugen kamen, diese ganze bombenschmeißerei! bei alarm sei sie hier in den bunker gerannt, schnellschnell die treppe runter. der sei heute ein museum. sie erinnere sich noch an einen männerarm, der aus den trümmern des völlig zerstörten dortmunder hauptbahnhofs herausgeschaut hatte, nee, das könne sie nicht vergessen…

als ich sie frage ob sie denn keine angst vor corona habe, muss sie nicht lange überlegen: warum soll ich denn angst haben? wenn ich dran bin, dann bin ich dran. ich bekomme gänsehaut: haargenau das gleiche, hatte vor einer stunde meine 92jährige mutter, die von papa brandstifter (93) auch manchmal ruthchen genannt wird und meiner parkbekanntschaft gar nicht so unähnlich ist, ihrem besorgten sohn auch gesagt am telefon.

mittlerweile ist die schöne warme sonne wech. ich habe kalt und muß mal. auch ruthchen macht weiter und verabschiedet sich von mir mit einem knappen aber herzlichen: tschüß, woll! ob ich sie wohl noch mal wieder sehen werde? auf dem weg zum berühmten dortmunder U unter dem dach der ehemaligen union-brauerei komme ich bei waldschmidt haushaltwaren vorbei, ja die gibst tatsächlich noch hier.

ich überquere die unionstraße und schau erstmal in den dortmunder kunstverein herein. dort ist die sehr poetische art brut ausstellung von anne-lise coste LA LA CUNT zu sehen. sogar danach noch, da sie täglich von 11-18 Uhr beleuchtet wird und über die rundum laufende fensterfront von außen sichtbar ist. weil es dort keine toilette gibt, geh ich rasch ins dortmunder U und schaue mir bei der gelegenheit auch gleich WELCOME TO THE FLUX INN an: im vierten stock hängt die überlebensgroße reproduktion eines fotos vom fotografen wolfgang träger, auf dem er den fluxus mitbegründer ben patterson abgelichtet hat, wie dieser gerade dazu ansetzt, eine geige auf dem pickelhaubenbewehrten kopf des dortmunder kulturdezernenten jörg studemann zu zerschlagen.

BEN hatte bis zu seinem tod 2016 in wiesbaden, der nachbarstadt meiner homebase mainz, gelebt und wir hatten in beiden städten zwei wunderbare aktionen zusammen durchgeführt. die zweite, SILENT REFUGEE NIGHT, war leider sein allerletzter liveauftritt gewesen. schön zu sehen, dass BEN hier als fluxus pop star gewürdigt wird.

an einer pinwand werde ich museumspädagogisch aufgefordert eine handlung durchzuführen, die sich ein vorheriger besucher ausgedacht hat, sowie mir eine neue handlungsanweisung für den nächsten zu hinterlassen: ich lächel ein kind an und hinterlasse einen weißen zettel auf den ich mit bleistift RUTHCHEN, MAKE MY DAY! geschrieben habe…

Mehr von Brandstifter

Dein leeres Herz aus Pappe

Die Reise geht jetzt nach innen. Ist ja klar, denn mit Außen ist’s erstmal Essig – und wenn schon keine spannenden Projekt-Begegnungen mit anderen Menschen, keine interessanten Ortsbegehungen, keine aufwühlenden Gespräche, dann vielleicht doch endlich die markerschütternde Begegnung mit dem eigenen Ich. Dachte: ich.
Was das Haus dachte, ist nicht überliefert, es muss aber etwas ähnliches gewesen sein. Gemeint ist das Haus, in dem ich zur stadt.land.text-Zeit wohne. Es ist alt und schön und groß, da möchte man schon mal wissen, was die Welt im Innersten zusammenhält. Oder wenigstens, was das bei einem selbst tut. Interessanterweise hat die Antwort wie bei der Reise nach außen mit Klopapier zu tun. Aber von vorn.
Vor einigen Tagen reiste ich ganz besonders beflissen nach innen und wurde umso heftiger aufgeschreckt durch den Klang italienischer Opernarien. Ich glaube, es war Puccini. Ich weiß es aber nicht genau, denn ich bin kein Fan von Opern. „Ich bin kein Fan von Opern!“, wollte ich denn auch aus dem Fenster brüllen, besann mich aber, als ich sah: Da wird gearbeitet.
Es arbeitete da ein Nachbar, zweifellos vom wissbegierigen Haus geschickt. Er räumte nämlich die ebenfalls zum Haus gehörigen Schuppen aus und Puccini half allem Anschein nach dabei. Was auch nötig war, denn dort drin schien es Gerümpel zu geben, Staub, Metall-Lawinen und allerlei Anlass für Flüche. Deshalb wohl schickte das Haus bald auch weitere Bewohner hinzu. Darunter die Eigentümer:innen, die sich bereits fahrlässig ewige Regionsschreiber-Zuneigung eingefangen haben durch zwei geheime Tugenden (na gut: Liebenswürdigkeit & starkes Essen).
Anlass genug, das Fenster nun doch zu öffnen. Fast hätte ich auch doch noch „Ich bin kein Fan von Opern!“ gebrüllt. Kam rechtzeitig zu Verstand. Fragte stattdessen, ob ich helfen könne. Konnte ich nicht, weil verschnupft, und seine Keime behält man in diesen Tagen besser für sich. Bekam stattdessen die Highlights der Entrümpelung zur Ansicht aufs Fensterbrett gestellt.
Nun ist’s mit Reisen nach außen wie nach innen ja die gleiche Crux: Es wird nicht immer schöner. So war ich gerade erst zu der Erkenntnis gelangt, dass ich einem Virus, das Menschen zum Zuhausebleiben zwingt (und so Tempo und Lautstärke herunterregelt und am Ende noch an der dusseligen Konsumlogik kratzt) eigentlich nichts als Sympathie entgegenbrächte – brächte es nicht auch Leute um die Ecke. Und so stand nun unter anderem auch eine Flasche vor mir, deren Inhalt aussah wie der Urin eines Pharaos.
Ganz so alt und unerquicklich war sie dann doch nicht, die Flüssigkeit. Ob sie indes zum Spülen von Motoren oder zur spontanen Alkoholvergiftung nützlich sein sollte, bekamen wir nicht heraus (womöglich zu beidem, und ganz sicher taugt sie auch jetzt noch zur Desinfektion). Dafür landeten zu schnell neue aufregende Gegenstände auf dem Fensterbrett:
Eine rostige Stichsäge.
Eine verwunschene Glühbirne.
Ein Heft mit Shakespeare-Stücken.
Und schließlich eben: Uraltes Klopapier.
Nun ist in diesen Tagen so viel über Klopapier nachgedacht und geschrieben worden wie nie. Jüngst erst mutmaßte man im Neanderthal Museum (das dem alten, schönen, großen Haus direkt gegenüberliegt), dass unser Urahn womöglich schon Blätter und Moos zu vergleichbaren Zwecken gehortet hatte. Seltsam also, dass ausgerechnet dieser ebenfalls historische Fund noch einmal eine neue Perspektive auf den Komplex ermöglicht. Doch er tut’s – weil die Aufschrift („1A – 400 Blatt“! „Feinstes Toilettenpapier“!) eine absurde Verwurzelung im deutschen Denken & Leben unterstreicht. Weil die Staubflusen auf dem Hygieneartikel erzählen von dem Versuch, einem natürlich-rohen Vorgang etwas zivilisatorische Zartheit zu verleihen. Und weil eben auch etwas Anrührendes liegt in der Umarmung von Lagen um Lagen inzwischen pergamentartigen Papiers um ein kleines, leeres Herz aus Pappe.
Vielleicht sind nicht alle hierzulande hamsternde Horste (obwohl, einige sind’s mit Sicherheit).
Vielleicht sehnt sich manche:r in kruden Zeiten auch nur danach, einmal ebenso umarmt zu werden.
Von 1A-400 Blatt.

Mehr von Tilman Strasser