Unterwegs im vestimentären Feld

Mein Kleidungsstil ist keinesfalls modisch, eher lässig und ungezwungen. Nicht besonders schick, ist ein Kommentar, an das ich mich gewöhnt habe, lange schon. Ein Statement zu meiner Person, ihrem Auftreten, dass ich eigentlich als Teil meiner Identität integriert habe, das, was mich ausmacht, nicht besonders elegant, eher natürlich, selbstverständlich. Zugegeben, Nagellack juckt mir die Fingernägel, vom Kajal tränen meine Augen, der Lippenstift klebt und Lidschatten kratzt mich. Die Differenz von gestylter Schönheit leben, statt aufgebrezelt aus der Haustür zu stürzen zog ich lieber frei nach Curt Kobain come as you are vor und habe immer geglaubt, es sei mein Markenzeichen.

Als ich kürzlich mit meiner selbstgebastelten Atemmaske unterwegs war und auf meinem Fahrrad vor einer roten Ampel wartete, ging ein Herr mit Industriemaske ausgerüstet an mir vorbei. Seine weibliche Begleitung trug auch eine Stoffmaske, allerdings mit sichtbar besserer Nähqualität als meine.

So eine Bastelei, stöhnte der Herr, als er schon an mir vorbei war und glaubte, ich würde ihn nicht mehr hören können. Am liebsten wäre ich vom Fahrrad gesprungen, um ihm oder mir die Maske herunter zu reißen und diese vor seinen Augen zu zerreißen.

Aber die Ampel sprang auf Grün und ich fuhr weiter, mich jedes Mal, wenn ich in die Pedale trat, fragend, ob ich nochmal den Mut haben würde, meine Maske zu tragen.

Ich fühlte mich zurückversetzt in die Zeit, als ich aus Südwestfalen nach Bonn gezogen war und dort als Jugendliche auf eine neue Schule ging. Wie hatten die aus der Stadt damals über meinen Kleidungsstil, meine neongelben Radlerhosen gelacht!

Die Beziehungen zwischen Kleidung und Welt sind vielfältig. Der Modeaspekt ist stets implizit enthalten. Für Roland Barthes bilden Kleidung und Mode ein ebenso komplexes System wie unsere Sprache.

Zusammengesetzt aus Zeichen und Kommunikation ergibt sich eine Matrix, von der auch der Träger abhängig ist. Unser persönlicher Stil ist niemals frei von der sozialen Welt, die uns umgibt.

Das Wort Trachten kommt von dem Verb tragen und nichts eignet sich besser, darzustellen, wie sehr unser Kleidungstil auf einem Zeichensystem beruht, das wie unsere Sprache zur Kommunikation dient. Trachten stellen weniger das Besondere oder Eigene einer Region dar, als dass sie eine Aussage machen, die sich auf ein bestimmtes System beziehen, das meist für identitätsbildende Zwecke eingesetzt wird. So ist auch das Dirndl eigentlich keine traditionelle Kleidung, die in Süddeutschland die Jahrhunderte überdauert hat, sondern eine Erfindung. Auch Annette von Droste-Hülshoff hat festgestellt, dass es in Südwestfalen keine spezifisch traditionelle Kleidung gab. Die Menschen trugen, was der Epoche, in der sie lebten, angepasst war. Dabei gab es wenig einheitliche Kleidung, sondern dem Stand und den Klassen angepasst. Wer auf dem Feld arbeitet oder in der Grube gräbt, trägt die Arbeitskleidung bis sie aufgebraucht ist.

Dabei hat sich immer wieder eine Berufskleidung heraus gebildet, wie beispielsweise die Zögertracht im 19. Jahrhundert mit der sich die Drahtzieher in Südwestfalen kleideten. Doch da niemand diese für Identitätsbildende Zwecke eingesetzt hat, ist auch sie wieder in Vergessenheit geraten.

Dafür gibt es heute eine Unmengen an Schützentrachten, angelehnt an frühere Jägertrachten, wurden sie früher ausschließlich von Männern getragen, heute gibt es immer mehr Frauen, die den Vogel abschießen und dafür tragen sie dann selbstverständlich auch eine der lokal üblichen Uniformen. Kleidung kennzeichnet eine gewisse Zugehörigkeit oder eben nicht.

Der Eigenwille, sich selbst nicht inszenieren zu wollen, kann eben ein Statement sein.

Es geht immer um den Eigensinn, mit dem Gegenstände getragen oder benutzt werden, damit diese dann zu einem Identitätsmarker werden. So ungefähr wie eine selbstgebastelte Atemmaske, die, mit dem gewissen etwas, von dem auch France Galle schon gesungen hat, das eben nur sie hat.

Drahtzieher Ehepaar, Altena um 1800

Mit herzlichen Dank an Prof. Dr. Gudrun M. König und Prof. Dr. Lioba Keller-Drescher für die hilfreichen Gespräche zur Anthropologie des Textilen.

 

 

Mehr von Barbara Peveling

Gedenken ohne Gedächtnistheater

Die letzten Jahre, als ich noch ausschließlich in Deutschland lebte, waren nicht leicht für mich. Das lag auch, aber nicht nur, an der Weltmeisterschaft von 2006, in der die Deutschlandflagge wieder salonfähig wurde. „In Deutschland“, schreibt Michael Ebmeyer, ruft die „Flaggenseligkeit (…) Abscheu hervor“. Die historische Hemmschwelle, sich mit Schwarz-Rot-Gold zu identifizieren, gehört zum Selbstbild von uns nachgeborenen Deutschen. Wir sind nicht stolz auf unser Vaterland, denn wir wissen, „der Sonderweg des deutschen Nationalstolzes ist der Weg in die Katastrophe“, so Ebmeyer. Darüber ist sich meine Generation so bewusst wie keine andere. Wir haben Stolz mit Scham ersetzt. Dahinter steht das pädagogische Konzept der Betroffenheitspädagogik. Diese Form der Lehrmetode entstand in den siebziger Jahren, beeinflusst aus Erlebnispädagogik und Gestaltpädagogik, untermauert von den Schriften Theodor Adornos zur Erziehung nach Auschwitz.

Dass sich diese Form der gesellschaftlichen Bildung immer auch auf dem Schneideweg zwischen Scham und Schuld befindet, habe ich selbst als Kind erlebt.

Während heute meine eigenen Kinder und ihre Freunde mit dem Begriff Hitler als Inkarnation des Bösen aufwachsen, wurde er in meiner Jugend diese Persönlichkeit noch als der, dessen Name man nicht ausspricht, gehandelt.

Bevor wir von Hitler lernten, lasen wir Bücher wie „Damals war es Friedrich“ in der Schule. Die Erzählung von Hans Peter Richter von einem jüdischen Jungen, der sich selbst überlassen wird, weil sein ganzes Umfeld Systemtreu reagiert und der am Ende qualvoll stirbt, hat mich als Kind aufgewühlt zurück gelassen. Ich hatte das Buch schon zu Ende gelesen, bevor wir es in der Schule überhaupt fertig besprochen hatten und ich weiß noch genau, wie ich danach zu meiner Großmutter ging, um sie zu fragen, ob sie Juden gekannt hatte. Juden in Südwestfalen, oder Juden in unserer Heimatstadt, in Olpe.

Natürlich hatte sie, da waren Geschäfte gewesen, die von Juden geführt wurden und Mädchen, die mit ihr in eine Klasse gegangen waren. Und irgendwann waren sie nicht mehr da gewesen, alle. Mehr erfuhr ich nie von ihr.

Danach richtete ich mich an meine Mutter, sie hatte den Krieg nie erlebt, war erst an zu Kriegsende überhaupt geboren worden, hatte aber viel mehr zu sagen. Und an diesen Moment der Aufklärung habe ich eine sehr deutliche und einschneidende Erinnerung. Ich kann den Raum, indem meine Mutter mich über die Verbrechen des Nationalsozialismus aufgeklärt hat, noch genau vor mir sehen, in meinem Gedächtnis kann ich ihn abrufen wie einen auswendig gelernten Text, da war in ihrem Arbeitszimmer, eine weiße Wand, ein heller Teppich am Boden, die Blumenkästen vor den Fenstern und alles voll mit ihren Worten und das Grauen, über das Unvorstellbare der Vergangenheit einer Nation, der ich angehörte.

Dieser Moment wurde schließlich einer von vielen in meiner persönlichen Konfrontation mit der deutschen Vergangenheit. Eine historische Realität, die ich als immer erdrückender erlebte, und auch immer weniger aushaltbar, je mehr Fahnen und je mehr Nationalismus wiederaufkam. Schließlich, das muss ich mir doch eingestehen, habe ich die Flucht ergriffen.

Heute bin ich sehr glücklich, wenn ich, in dem Pariser Vorort, indem meine Familie zu Hause ist, unsere Nachbarn am Samstagmorgen, wie jeden Sabbat (sofern kein Corona ist), zusehen darf, wie sie in die Synagoge gehen.

Doch muss ich mir eingestehen, dass es vor der allgegenwärtigen Anwesenheit der deutschen Vergangenheit, eben vor dem, was in Auschwitz geschah, keine Flucht gibt. Ich bin Deutsche und bleibe es, da hilft auch keine zeitliche oder räumliche Distanz.

In seinem Werk zu „Geschichte und Gedächtnis“ schreibt der französische Historiker Jacques Le Goff: „Die Beziehungen, die eine Nation zu ihrer Vergangenheit unterhält, die historischen Traumata, die sie erlitten hat, die Eigentümlichkeiten ihrer Historiographie, sind wesentliche Bestandteile ihrer kollektiven Identität. Der eigenen Geschichte ins Angesicht zu blicken, ist eine Pflicht, sowohl für Nationen wie auch für Individuen.“

Einer, der nicht davor geflohen ist, ist Tom Kleine. Seine, mit Hartmut Hosenfeld gestartete, Initiative „Jüdisch in Attendorn“ wurde 2019 ausgezeichnet. Die Hansestadt Attendorn kann stolz auf diese Initiative sein, die sich 2018 mit der Aktion „Shalom Attendorn“ und der Eröffnung des ersten jüdischen Themen-Wanderweges hervortat. Wenn, wie ich zuvor geschrieben habe, von unserer Generation der Stolz mit Scham ersetzt wurde, bringen Menschen wie Tom Kleine und Hartmut Hosenfeld diesen Stolz auf das, was man im allgemeinen Wortschatz Heimat nennt, in anderer, neuer Form zurück.

Tom Kleine und Harmut Hosenfeld

Auf ihrer sehr ausführlichen Internetseite „Jüdisch in Attendorn“ gibt es eine Vielfalt an Informationen und Geschichten zu entdecken, aus der Vergangenheit und Gegenwart der Hansestadt. In der es jüdisches Leben seit dem Jahre 1451 dokumentiert ist. Die jüdischen Familien der Stadt waren Metzger, Händler, Fabrikbesitzer und die vielen zusammengetragenen Dokumente, wie ein Lehrlingsvertrag aus dem Jahre 1926, zeugen von einem auf gegenseitigen Respekt beruhenden Zusammenleben unterschiedlicher Gemeinschaften, das leider durch den Nationalsozialismus ein brutales Ende fand.

Ein Mensch, der zu dieser Gemeinschaft aus Vielen davor gehörte, war Julius Ursell, ihm ist der Themenweg gewidmet. Sein Lebenslauf liest sich, wie der eines typischen Bewohners Südwestfalens jener Zeit, der das Metallunternehmen eines Vorfahren übernahm, das, wie so viele in der Region, von einem „Fabriksen“ zu einem anschaulichen Unternehmen wurde. Julius Ursell war begeisterter Wanderer, Mitglied im Schützen- und Turnverein. Er starb an einer Erkrankung auf einer Geschäftsreise 1936. Sein Grab liegt noch heute in Attendorn. Viele seiner Nachfahren sind schon in die Region gereist, um den Themenweg zu besuchen.

Einweihung der Gedenkstele

Aber das ehrenamtliche Engagement von Tom Kleine hört nicht bei „Jüdisch in Attendorn“ auf, beruflich als Pressesprecher der Stadt Attendorn, ist er auch der muslimischen, katholischen und evangelischen Gemeinden nahe. Die Moschee in Attendorn wurde 2017 eröffnet. Der Moscheeverein hat zu Beginn der Coronakrise noch eine Blutspende-Aktion durchgeführt.

„Aber natürlich“, erzählt mir Tom Kleine bei unserem Videointerview lachend, „ist bei uns in Attendorn auch nicht nur heile Welt, aber wir kommen hier sehr gut miteinander aus.“

Er begleitet selbst viele Gruppen, die den Julius Ursell Weg entdecken. Das Angebot wird vor allem von Lehrern genutzt, auch aus Olpe.

Fast wünsche ich mir, dass es zu meiner Schulzeit schon solchen Initiativen gegeben hätte, die mir damals hätten helfen können, das historische Traumata zu bewältigen. Doch die Dinge brauchen ihre Zeit, oder wenigstens ihre Geschichte. In Attendorn wohnt auch wieder eine Familie jüdischen Glaubens, verrät mir Tom Kleine. Diese, so entnehme ich seinen Worten, ist Teil der Gemeinde, ohne als jüdische Minderheit von dieser für die eigene Läuterung missbraucht zu werden. Diese „Läuterung“, wie der deutsch-jüdische Lyriker Max Czollek sie nennt, besteht darin, dass jüdische Minderheiten in Deutschland oft mit einem „Gedächtnistheater“ instrumentalisiert werden, um den lebenden Beweis zu liefern, dass die deutsche Gesellschaft ihre mörderische Vergangenheit gut verarbeitet hat. In seiner Streitschrift warnt Czollek davor, dass nach den Moscheen, auch wieder die Synagogen brennen.

Die Gefahr besteht in Deutschland, doch Menschen wie Tom Kleine setzen ihr Engagement dagegen und indem sich „Jüdisch in Attendorn“ aktiv mit seiner Vergangenheit auseinandersetzt, müssen keine neuen Minderheiten im Gedächtnistheater instrumentalisiert werden. Das ist schön, und das hätte auch ich gar nicht so gedacht, und ich hoffe, dass mir, Corona zum Trotz, noch Gelegenheit gegeben wird, gemeinsam mit Tom Kleine die Geschichte „Jüdisch in Attendorn“ zu entdecken.

Jüdischer Friedhof in der Hansestadt Attendorn

 

Die Bilder in diesem Beitrag wurden von Tom Kleine zur Verfügung gestellt, Herzlichen Dank dafür!

 

Mehr von Barbara Peveling

Alles aus einem Topf

Nicht nur die Südwestfalen aus meiner Geschichte im Beitrag Zur Soziologie der Mahlzeit träumen von Paris, von Austern und Champagner. Der Germanist und Schriftsteller Hans-Josef Ortheil erzählt in seiner Hommage für Roland Barthes, wie er sich letzteres in einer Pariser Brasserie bestellt. Dies geschieht in der elsässischen Brasserie Bofinger, in der Barthes selbst weder Austern und Champagner, sondern Bier und Sauerkraut zu sich genommen hat.

Ortheil reflektiert über diesen Regressmoment des französischen Philosophen, der mit dem Verzehr von Speisen und Getränken, die an seine Herkunft anknüpfen, in die Ursprungskammer der Lebenslinien begibt. Diese Kammern, denen man seine Existenz verdankt.

In der Liebe zur Brasserie ist also nichts anderes als eine atavistische Neigung zu sehen, eine Rückkehr zu den Wurzeln, ein sich Fortträumen in Kindertage, an denen sich das Kind bei den Großeltern an den Tisch setzte.

Auch ich befinde mich in den von Ortheil beschriebenen atavistischen Zustand, als ich Sylviis „Tischlein deck dich“ in Altena das erste Mal betrete. Ein in sich geducktes Fachwerkhaus, ein Lokal wie ein Wohnzimmer, die Tische mit feinen Tischdecken gedeckt, der Geruch von gekochten Kartoffeln, Kohl und Fleisch, ein lächelndes Gesicht hinter der Theke.

Das kleine Restaurant von Sylvia Schmerder wirkt wie ein Lichtfleck im Trist der Arbeiterstadt, die sehr große Abwanderungszahlen zu verkraften hat. In der es Tradition war, dass die Männer in den Kneipen nach dem Schaffen noch was trinken gingen, damit die Frauen sie dann nach Hause holten, bevor der ganze Lohn an der Theke blieb. Dabei wirkt Altena gar nicht so grau und trist, wie sein Ruf.

Die Fahrt durchs Rahmedetal ist sehr schön. Die zwölf Kilometer am Fluss entlang fühlen sich an, als jage mein Wagen durch ein aufgeschlagenes Geschichtsbuch, eine Zeitreise rückwärts. Am Ufer liegen rostige Fabrikgebäude, man könnte meinen, sie wären den Bildern von Bernd und Hilla Becher entflohen, aber dann würde man völlig übersehen, dass hier schon vor tausend Jahren Menschen Eisen und Draht herstellten.

Der Fluss hier hat ältere Geschichten zu erzählen, von drehenden Rädern, die die Blasebalge der Schmiedefeuer und die Fallhämmer in Gang brachten, um das Erz, das aus den Bergen Südwestfalens geschürft wurde, zu schmelzen und zu Eisen zu verarbeiten.

Wovon mögen sie sich wohl ernährt haben, die Schmiede, die sich dort bereits seit dem Mittelalter auf das Drahtziehen spezialisiert hatten? Ihnen diente als Nahrung das, was in der Region zu finden war, der aus dem Mittelmeer eingewanderte Kohl, die aus Amerika kommende Kartoffel, Karotten und das Fleisch vom Hof oder aus den Wäldern.

Landwirtschaft war niemals primärer Produktionssektor der Region, hier wurden von den Männern die Metalle aus den Bergwerken geschafft, während die Frauen Kinder, Haus und Hof versorgten, gemeinsam wurden die Felder bestellt, das Nötigste eben, was zum Leben gebraucht wurde, der Kosmos des Alltags reduzierte sich auf Arbeit, Familie, Nachbarschaft. In dieser Reihenfolge. Und so ist es heute noch.

Die Zeit ist stehen geblieben in Südwestfalen, was vor allem auch daran liegt, dass sie hier niemals gezählt wurde. Als um Dortmund und Essen noch Äcker standen, gab es hier bereits eine frühe Form der industriellen Produktion, und die Industrie gibt es heute noch. Die Region passt sich an, sie produziert immer weiter, ohne davon viel Aufheben zu machen.

Ernährung gehört zu den menschlichen Grundbedürfnissen. Aber Essen, so die Sozialanthropologin Mary Douglas, beinhaltet auch immer eine soziale Botschaft. Es erzeugt Nähe und Distanz, ist Faktor der Inklusion, genauso wie der Exklusion. Und das Lokale ist in der Region wichtig.

„Ohne das“, meint auch Sylvia Schmerder, „ginge es hier gar nicht.“

Die Herkunft spielt eine wichtige Rolle im Verständnis der Menschen. Was der Südwestfale nicht kennt, frisst er nicht? Nicht wirklich, denn die Gerichte im „Tischlein deck dich“, sind zwar vom Lokalen inspiriert, weisen aber eine hohe Qualität auf. Regionale Küche der haut de gamme, sozusagen. Doch es findet keine soziale Hierarchisierung statt. Für Sylvia Schmerder es wichtig ist, alle Menschen in Altena mit ihrer Küche anzusprechen und zu erreichen und so passt sie auch ihr Angebot an die unterschiedlichen Bedürfnisse an.

„Alles in einem Topf“, ist nicht nur ein sehr beliebtes Gericht bei ihr, sondern auch Devise. Überhaupt sind Eintöpfe in der Region sehr beliebt.

Denn sie ist sich bewusst darüber, dass der Stand der Bürger im Teller abzulesen ist, Wirsingroulade für die Reichen, Weißkohlroulade für die arme Bevölkerung. Nicht nur in Indien ist die Nahrung ein Marker für die Positionierung in der gesellschaftlichen Hierarchie. Mahlzeiten, so Mary Douglas, haben auch immer eine ordnende Funktion.

Foto: Dirk Vogel

Im Tischlein deck dich gibt es für alle etwas und alle werden auf dieselbe freundliche Art bedient. Kartoffeln in allen Variationen, über Püree zu Reibeplätzchen bis zum Salat. Leberkäse, Mettwurst, Fleischwurst, Bockwurst, Rind, Kalb, Wild. Alles kommt in den Topf und auf die Teller.

Für Sylvia Schmerder ist Toleranz sehr wichtig. Alle sollen bei ihr satt werden. Und so gehören auch die köstlichen Torten und Kuchen, die sie selbst macht dazu. Überhaupt, macht sie alles selbst.

Die Kartoffeln werden abends geschält und eingelegt, genau wie die Brötchen für die Bouletten. Ab morgens früh steht sie in der Küche um mittags ihre Gäste zu bedienen. Sie serviert täglich zwanzig Gedecke, plus den Mahlzeiten zum Abholen. Bei Sylviis gibt es übrigens kein Einweggeschirr. Wer nicht seine eigene Tupperware oder Kochtopf zum Abholen oder Mitnehmen mitbringt, dem wird ein Topf zum Mitnehmen ausgeliehen und das ohne Pfand. Für die Gründerin ist das Restaurant wie eine Großfamilie, die sie täglich versorgt.

Es ist ein modernes Ein-Frau-Unternehmen und gleichzeitig eine lokale Fortsetzung der Region vertrauter Traditionen. In der zwar noch die traditionelle Arbeitsteilung vorherrscht, mit dem Mann auf der Arbeit, der Frau im Haus, die doch auch nur wieder die große Leistung der Frauen für die Gesellschaft verschleiert. Das Los der Care-Arbeit, verkannt und missachtet. Sylvia Schmerder steht als Gründerin allein hinter der Theke, sie bedient, kocht und macht den Abwasch und den Einkauf selbst.

Früher, erzählt sie, hatte ihre Familie noch den eigenen Garten und die Selbstversorgungskultur der Großfamilie sie entscheidend geprägt.

Auch Roland Barthes entdeckt, wie Mary Douglas, in der Ernährung eine Art der Kommunikation. Ein sozialer Code, der sich entschlüsselt indem er wie ein Zeichensystem dechiffriert wird. Essen ist Mythos des Alltags und transportiert sich im kulturellen Gedächtnis.

Die Selbstversorgermentalität ist den Südwestfalen geblieben, doch auch hier wurde sich angepasst. Statt des eigenen Gartens, wird die lokale Küche bevorzugt.

Meine Mutter hat auch oft von dem Garten ihrer Eltern gesprochen und auch sie hat für uns Kinder aus ihrem eigenen Garten gekocht. Eigentlich hatten fast alle unsere Nachbarn einen. Wenn ich hier Garten schreibe, dann dürft ihr euch nicht ein paar Tomatenstauden und Erdbeerbüschel vorstellen, wie man das heute so aus unseren Vor- und Stadtgarten kennt.

Sondern Salat-, Karotten- und Kartoffelfelder, Kräuterbeete, Tomaten und Paprika, Zucchini, Gurken, eben alles was eine gute Küche so braucht, dazu Rhababerfelder, Stachel-, Him- und Blaubeeren. Apfel-, Birnen- und Kirschbäume.

Ein richtiger Garten eben, zu dem auch Hühner gehören und Schafe, Ziegen, vielleicht sogar Bienen. Mit selbstgemachter Marmelade. Nachhaltigkeit ist in der Region von langer Dauer und keine Modeerscheinung.

Das alles gehört der Vergangenheit an, für Hühner hat heute kaum noch jemand Zeit. Aber bei Sylviis kann man sie noch schmecken. Um einen solchen Garten zu halten, müssen mindestens drei Generationen unter einem Dach leben und zusammenarbeiten. Doch dem steht der große Bevölkerungsschwund eben im Weg. Es fehlt an Kulturangeboten, damit die Region attraktiver wird und zum Bleiben einlädt. Dabei gehört Sylviis Tischlein deck dich definitiv zu einem gehobenen kulturellen Angebot, doch nur, wenn dies aus der richtigen Perspektive betrachtet wird, wenn sich bewußt gemacht wird, dass auch Roland Barthes sich gerne Avitarismus hingab, dass daran nichts negatives ist, neben Austern kann auch Sauerkraut und Kohl bestehen, wie bei der Brasserie Bofinger in Paris.

Sylvia Schmerder, die Gründerin von Sylviis Tischlein deck dich

Foto: Dirk Vogel

Bei ihr werden alle satt, und es schmeckt ganz wunderbar.

Foto: Dirk Vogel

Wenn Corona vorbei ist, dürfen wir uns auf köstliche Kuchen freuen.

Foto: Dirk Vogel

Zur Zeit leider, wegen der Coronakrise geschlossen, doch hoffentlich bald wieder offen!

Die Bilder im Beitrag sind von Dirk Vogel, ganz herzlichen Dank!

 

Mehr von Barbara Peveling

Iconoclash im Zeitalter von Corona

Unter der heiligen Agatha habe ich früher oft gestanden.

Eine goldene Statue, die auf einem hohen Sockel steht und den Kircheneingang bewacht. Ihren Blick hat sie weder auf die vorbeieilende Gemeinde, noch gen Himmel gerichtet. Sie starrt ins Ungewisse, ihre rechte Hand zur Seite gestreckt, eine unbestimmte Geste, mit der sie die, dort unter sich scheint schützen zu wollen, mit der Linken hält sie das Kreuz vor der Brust.

 

Wenn wir aus der Messe kamen, die Erwachsenen stehen blieben, um sich zu verabschieden, noch ein paar Worte tauschten, ihre sozialen Kontakte pflegten, dann drehte ich meine Runden um die heilige Agatha. Es gab ja sonst nichts. Keinen Spielplatz weit und breit, nur ein Parkplatz auf der anderen Seite, dort ein weiteres Denkmal, der Pannenklöpper, der an das Schmiedehandwerk erinnert, Reichtum der Region. Aber zum Pannenklöpper durfte ich nicht, denn ich musste in Sichtweite bleiben. Also drehte ich Kreise um die Schutzpatronin Agatha, die der Stadt und auch darüber hinaus, in Attendorn schützt sie die Schmiede.

Der Unachtsamkeit von Schmieden ist auch einer der schlimmen Brände zu verdanken, die die Stadt erfahren hat, das war 1634, und wenn man sich klar macht, dass die Region auch Eisenland genannt wird, wird einem klar, warum Schmiede hier so wichtig waren. Bränden fiel die Stadt öfter zum Opfer, zuletzt im zweiten Weltkrieg.

 

Wegen Corona verbringe ich meine Zeit zu Hause und damit im Netz, dabei, Informationen über Krankheit und Quarantäne in der Region Südwestfalen zu suchen. Bis auf Läuse habe ich keine eigene Erinnerung an Zeiten, in denen wir jemals zu Hause bleiben mussten. Meine Mutter erzählt mir von Kinderlähmung, Zeitungsberichte erinnern an den Pockenausbruch vor fünfzig Jahre in Meschede, die ein Reisender aus Pakistan mitbrachte. Die Viren gelangten damals durch das Treppenhaus, den Essensaufzug, infizierten Menschen auch ohne direkten Kontakt.

Pandemie ist ein Zustand, der an Mittelalter erinnert, an Pest, an Hilflosigkeit, an katastrophale Zustände. Das ausgebrochene Chaos, bei dem nichts mehr hilft, außer vielleicht noch Beten. Der schwarze Tod hat auch in Südwestfalen gewütet und gegen ihn gab es für die meisten Menschen keine andere Rettung als den Glauben. Gelübde, Beten, Hoffen.

Als Kind konnte ich die Agatha nie in ganzer Person sehen, so hoch steht die Statue auf ihrem Sockel. Aber die vier Tafeln, die ihre Stele umgeben, waren damals genau auf meiner kindlichen Höhe. Und so lief ich wartend von einer Seite zur anderen, sah mir die Bilder an, war schockiert. Das Verlassen der Kirche nach dem Messegang am Sonntag wurde zum kindlichen Horrortrip. Bilder, heute im Internet für sensible Gemüter zensiert, waren meine Wegbegleiter nach dem Gottessegen. Jede Tafel eine menschliche Katastrophe.

Zu Füßen der Agatha sind Feuer, Wasser, Flucht und Hunger zu sehen.

 

Die Hungertafel habe ich nie vergessen. Die leeren Augen und hohlen Münder haben sich in mein Gedächtnis geprägt, leichter abrufbar als Munchs Schrei und immer verbunden mit einer Angst, die mich als Kind befiel, ob wir wohl verschont bleiben würden, wenn das Unglück kam, die potentielle Wirklichkeit von Krise und Konflikt schien  mir als Kind realer, das Ozonloch wuchs, die Bitterkeit des Krieges stand meiner Großmutter noch im Gesicht, die Berliner Mauer war  Zeichen des kalten Krieges und nicht zuletzt mussten wir wegen Tschernobyl auch mal zu Hause bleiben. Aber das alles wuchs sich dann aus, mit der Zeit verschwammen die Ängste zum von der Erwachsenen bewältigten Kindheitstrauma.

Und ohne die aktuelle Schockerfahrung hätte ich mich wohl auch nicht an sie erinnert. Corona hat die profane Sicherheit, in der man sich in in unserer Wohlstandsgesellschaft sonst befindet, plötzlich und ohne Vorwarnung umgestoßen.

Ich habe lange nicht mehr an die heilige Agatha meiner Kindheit in Olpe gedacht, aber wenn ich heute an sie zurückdenke, dann wird mir bewusst, wie weit sie und ich uns doch in meinem Leben nicht nur räumlich, sondern auch im Bewusstsein voneinander entfernt haben.

Gerne würde ich wieder an sie, oder einen anderen Heiligen glauben, ein Gelübde ablegen, an dem ich mich festhalten kann, bis zum Schluss. Ich könnte sie fragen, wie sie das ganze sieht mit Corona. Aber ich weiß, ich würde keine Antwort bekommen, Agatha schweigt und steht, streckt eine Hand schützend über die Gemeinde und umklammert mit der anderen das Kreuz. Das wird sie tun, solange sie auf ihrem Sockel steht.

Wir sind einander fremd geworden, Agatha und ich. Noch vor wenigen Wochen bin ich dort an ihrer ikonischen Figur selbst vorbei gelaufen, als es noch selbstverständlich war, sich draußen frei zu bewegen, unachtsam und unaufmerksam, was wollte ich schon mit Kirchen und Gedenken, das kam mir überflüssig und unmodern vor. Ich suchte nach mehr, was Besonderem, etwas, das richtig überrascht, der Clash, die Einzigartigkeit, aber bitte keine religiöse Ikone. Und die Bilder zur ihren Füßen, die mich früher als Kind in Angst und Schrecken versetzten, haben mich zu dem Zeitpunkt sowas von gar nicht interessiert.

Das überrascht mich jetzt, weil ich mir bewusst mache, wie aktuell sie doch sind, diese Bilder der menschlichen Plagen, heute noch, die Brände in Australien sind kaum gelöscht, die geflohenen Massen verzweifeln vor Europa, nicht nur die Wege am Rhein sind immer wieder überflutet, aus Angst vor dem Hunger reißen wir uns gerade die Nudelpackungen aus den Händen.

Wie kam es, dass Agatha und ich, oder zumindest das, was die Ikone, ihre bildliche Darstellung transportiert, die Sehnsucht nach Schutz vor Katastrophen, soweit voneinander entfernt haben?

„Das Heilige und das Profane“ so schreibt Mircea Eliade, „bilden zwei existentielle Situationen, die der Mensch im Laufe seiner Geschichte ausgebildet hat.“ Und so frage ich mich, ob es sein könnte, dass ich die Seinsweise, des modernen, areligiösen Menschen, so völlig in mich aufgenommen habe, dass ich nichts mehr von dem spüren konnte, was Eliade als heilig beschreibt, die Entwicklung von strukturell religiösen Symbolen, die universell in ganz unterschiedlichen Gesellschaften zu finden sind, so wie die Präsenz einer Schutzpatronin eben.

Noch vor meinem Studium bin ich aus der Kirche ausgetreten. Es kam mir vor wie eine logische Konsequenz, nach den Jahren in Israel und dann doch wieder zurück in Deutschland, stellte mein Austritt aus der Religion eine gewisse persönliche Ordnung her.

Heute kann ich nicht mal vor die Tür treten, draußen lauert das Coronachaos, und mit ihm der Tod, nicht unbedingt für mich, sondern vor allem für die vielen Menschen, an die ich es weiter geben könnte. Und ich verstehe nicht mehr, wie ich das alles so von mir habe fort halten können, und glauben, dass es nicht mehr möglich sei, vor einer solchen Katastrophe zu stehen, dass eine Krankenversicherung, der Gesundheitscheck, die Altersversicherung, das Arbeitslosengeld, die moderne Gesellschaft, einfach der gesunde Menschenverstand schon dafür sorgen würde, dass hier in unserer modernen Zivilisation schon alles so weiter laufen würde.

Was Eliade suchte, war die vergessene Wahrheit, er wollte, „dem entsakralisierten Menschen von heute die Bedeutung und den Inhalt der traditionellen Schöpfungen enthüllen“. Im Sakralen sieht Eliade die Notwendigkeit aus dem von Menschen Erlebten Chaos eine Ordnung wiederherzustellen, dabei helfen eben Gelübde, Gebete und Rituale.

Warum Fetische zerstört werden, überlegt der französische Soziologe Bruno Latour mit seiner Arbeit zu Iconoclash und hinterfragt damit die Praxis des Ikonoklasmus, Bildersturm, oder einfacher, wie können die weiter existieren, die die bildlichen Strukturen dessen zerstörten, was die Welt solange zusammen hielt.

Du sollst dir kein Bildnis machen, das erste göttliche Gebot bezieht sich auf das Unfassbare jeglicher Existenz, oft als das Verbot jeglicher Repräsentation, missverstanden. Denn ein Bild von etwas haben, bedeutet auch, eine feste Vorstellung von etwas zu haben.

Die Vorstellung vielleicht, dass wir als moderne Zivilisation vor Chaos und Katastrophen geschützt sind, abgesichert in unserem Hightech-Raum.

Für Latour ist die Menschheit nie modern gewesen, Viren, Umweltverschmutzung, künstliche Reproduktion, in alledem sieht er den Fehlglauben des Postmodernen sich jenseits traditioneller Grenzen zu bewegen. Wir haben uns von der Welt lediglich ein falsches Bild gemacht.

Und wenn die Bilder fallen, fallen dann auch wir selbst?

Sind wir verrückt geworden“, fragt sich Latour in seinem Text zu der Ausstellung Iconoclash, die 2002 in Karlsruhe zu sehen war. Die Mediatoren des Heiligen, so Latour, sind fragile, sie werden heute angebetet und morgen zerstört.

 

Mich hat die heilige Agatha für immer verloren, ich kann sie nicht anbeten, kein Gelübde ablegen, um den Schrecken heute abzuwehren, denn daran glaube ich nicht. Doch was Agatha und mich heute näher bringt, ist das Wissen, das ihre ausgestreckte Hand transportiert. Und zwar die Erkenntnis, dass wir Menschen immer schon Katastrophen und Chaos ausgesetzt waren und es weiter sind, und dass wir diese, mithilfe unserer uns eigenen Kreativität überwunden haben und werden. Der Mensch trägt das Chaos in sich, und gebärt daraus neue Sterne, wie Nietzsche schreibt. Unsere Kreativität ist das, an dem wir festhalten können, mit der wir Bilder und Beschützer schaffen, nur um sie wieder zu zerstören, Formeln finden, um sie wieder zu verwerfen, nur vergessen sollten wir nicht, dass dieser ewige Kreislauf aus Fort- und Rückschritt, aus Stirb und Werde, niemals zu durchbrechen sein wird, niemals, bis zum Schluss.

 

 

Wasser, Feuer, Flucht

Die Bilder wurden von Magdalena Bechheim zur Verfügung gestellt, Herzlichen Dank!

 

 

Mehr von Barbara Peveling

Halten, Hagen, heimisch

 

Letzte Eindrücke aus Südwestfalen

In Südwestfalen habe ich das Wort Bedarfshalt zum ersten Mal gehört. Schönes Wort. Fand mein Körper auch und schrie: „Halt! Geht mir alles zu schnell, jetzt wird Pause gemacht.“

Auf der Befarfshalttaste lag ich einige Wochen, war krank, blieb krank, erholte mich in meiner Auszeitwohnung mit staatlich anerkanntem Erholungsort in Gehweite. 

Das hier kommt von ganz oben. Antreten, Ausatmen, Entspannen! 

Wiblingwerde ©lka

Ich habe mich in Hagen verliebt. Hagen ist nicht ganz leicht zu lieben. Und trotzdem kam ich zurück, immer wieder. Wie zum Badboy, der dich enttäuschen wird und du weißt es auch, aber irgendwie ist es auch Liebe und so fährst du wieder hin, vielleicht ist diesmal ja alles anders. 

Ich habe über Karl Osthaus nachgedacht und bin ganz unakademisch über dieses tollen Satz auf Wikipedia gestolpert: „Nach einem Nervenzusammenbruch erlaubte ihm sein Vater aber bereits nach kurzer Zeit den Abbruch der Lehre.“

Ein wenig später folgt ein Abschnitt über Osthaus’ Kontakt zu nationalistischen Gruppen, aber ich war in Hagen auf der Suche nach Schönheit und überlas das schnell. 

Die Hagener, die ich auf Osthaus anspreche, haben vom „Hagener Impuls“, seiner Bewegung aus dem frühen 20. Jahrhundert, die „die Schönheit wieder zur herrschenden Macht im Leben“ der Bürger Hagens machen sollte, noch nie gehört.

Auch die Hagener CDU hat’s nicht ganz verstanden, wie sie in ihrem Programm 2017 „Der neue Hagener Impuls“ beweist. Zitat: 

„Hagen ist eine Stadt mit einer langen Tradition als pulsierender Wirtschaftsstandort. Der Puls ist in den letzten Jahren leider langsamer geworden. Die Auswirkungen dieser Entwicklung sind auf dem Arbeitsmarkt spürbar…“  Hier gibt’s Impulse anscheinend vor allem zum Fachkräftegewinn.

Beim Schlendern durch Hagen ist der erste Eindruck: Osthaus ist gescheitert. Hagen ist auf den ersten und auch den zweiten Blick keine Stadt, die von Schönheit beherrscht ist. Die Hagener wirken nicht, als würden sie Schönheit als treibende Kraft im Alltag wahrnehmen. 

Was würde Karl Osthaus denken, wenn er heute durch seine Geburtsstadt laufen würde? 

Die CDU hat recht: Wir brauchen einen neuen Impuls. Aber einen echten. Einen, bei dem es um Schönheit und Miteinander und Anpacken geht – einen ganz ohne seelenlose Wörter wie Wirtschaftsstandort oder Standortfaktor oder Fachkräftemangel. Einen Siegener Impuls. Einen Essener Impuls. Einen Altenaer Impuls. Einen Hagener Impuls.

Hagen ©lka

Ich treffe mich mit einer waschechten Lüdenscheiderin auf einen Kaffee. Innerhalb der ersten halben Stunde sprechen zwei Bekannte sie an. Man kennt sich. Das kann sehr schön sein. Die Leute wissen Bescheid, niemand wird hier von Katzen angefressen drei Wochen tot in seiner Wohnung liegen.

Das kann anscheinend auch schaurig sein. Die Leute wissen Bescheid, man kennt sich, jeder hat zu allem eine Meinung, jeder weiß, wer man vor zehn Jahren war. 

Hier kann man keine Ichs hinter sich lassen, die Jugendsünden verschweigen, denn überall sind Leute, die sich an deine Gothic-Phase erinnern, die beim Stechen des Arschgeweihs dabei waren, die die schlimmsten Geschichten über dich – wahr oder erfunden – von deinem Ex-Freund kennen. 

Schaurig-schön, das Kleinstadtleben. 

Man geht hier nicht verloren. Auch nicht, wenn man will. 

Lüdenscheid ©lka

Südwestfalen ist eine gute Region für Introvertierte, habe ich festgestellt. Als eingefleischter Eigenbrötler fühle ich mich wohl unter Menschen, die vor sich hinarbeiten, ihr Ding machen, wenig Bedürfnis haben, ihr Image zu pflegen, über Marketing nachzudenken oder sich zu präsentieren. Man muddelt vor sich hin in Südwestfalen – noch ein schönes neues Wort. 

 

 

königlich ©lka

Mehr von Lisa Kaufmann

HfD (Hundevideos für Deutschland)

 

Hundevideos als Dialoggrundlage? ©giphy.com

Kurz habe ich überlegt, ob diese Gedanken zu stadt.land.text gehören, oder ob ich lieber anderswo über Politik rede. Aber das hier ist relevant für Südwestfalen. Im Märkischen Kreis II, dem Wahlkreis in dem ich zur Zeit wohne, haben 11,6% der Bevölkerung die AfD gewählt. Das ist relevant. Und es ist persönlich.

Die AfD bei knapp 13% in Deutschland. In meinem Geburtsland Sachsen mit 27% die stärkste Partei. Ich dachte, dass solche Ergebnisse mich wütend machen würden, aber ich bin traurig. Die Facebook-Seite der AfD im Märkischen Kreis postet „Danke für Ihre Stimme“. 139 Menschen liken das. Ich schaue sie mir an, jeden einzelnen.
Es sind Menschen, die ihre Kinder lieben und ihre Hunde, die niedliche Tiervideos teilen, die Spanienurlaub machen und „Pray for Mexico“ posten nach dem jüngsten Erdbeben. In manchen Dingen sind es also Menschen wie ich.
Aber es sind auch Menschen, die früher alles besser fanden, die Angst vor arabischen Männern haben und eine Weltverschwörung von Linken/ Juden/ der Bildungselite/ Feministinnen…. wittern.
Ich lese viel von christlichen Werten und frage mich, ob diese Menschen die Bibel gelesen haben. Jesus, ein jüdischer Flüchtling, sagt: „Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan.“ Meiner Meinung nach muss man zurzeit nicht lange suchen, um die geringsten, die schutzbedürftigsten unter unseren Brüdern zu finden. Meine, nicht sehr kontroverse, Bibelinterpretation: Wer im Jahr 2017 Christ ist, wird daran gemessen, wie er Flüchtlinge behandelt.
Die AfD-Wähler wollen, so wie ich das verstehe, ein eindeutiges Signal ans politische Establishment senden. Sie senden aber auch ein eindeutiges Signal an diejenigen unter uns, die arabisch/ lesbisch/ links/ muslimisch/ weltoffen/ türkisch/ grün/ feministisch/ jüdisch/ trans … sind. Sind wir nicht auch „das Volk“?
Was ist die Aufgabe von Autoren, Künstlern, Kreativen, Kulturschaffenden?
Was können wir tun, was kann ich tun, um Brücken zu bauen und Vorurteile abzubauen?
Wie entkommen wir den Blasen, in denen wir leben? Wo fangen wir an?

 

                                                                          Bereit für Erquickung. ©lka

 

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