Arbeit, Essen, Liebe

Was vielleicht sicher ist, und war und auch wohl morgen noch sein wird, ist, dass wir sehr an einer Normalität hängen, sie brauchen, wie wir den Sauerstoff brauchen, Nahrung und Liebe. Und wie sehr uns diese Normalität und vor allem wie schnell sie uns fehlt, dass haben wir in Corona gelernt. Nun ist sie doch zurück, nach dieser so außergewöhnlich schwierigen Zeit hat sich ein Alltag in Form von wechselnden Vorschriften, Masken, Lockdowns eingeschlichen. Aber über diesen Moment der Ausnahme hinaus, ist doch auch das Stipendium vorbeigegangen, zum Teil fast schon geschlichen, als wollte es nicht sichtbar sein, und dann, als die Normalität im neuen Kleid ihren Einzug nahm, richtig davon gelaufen. Über die Aktion the reader is present sind Leser im Blog Südwestfalens sichtbar geworden. Daraus hat sich viel mehr ergeben. Gespräche und Projekte und vor allem dieser Text von Lene B.:

Bis vor fünf Minuten habe ich mich noch an dem Teig für mein drittes Reibekuchenbrot in Folge abgearbeitet, das nun in der Rührschüssel ruht und hoffentlich bald geht. Ob ich den Reibekuchen diesmal richtig hinbekomme? Meine ersten beiden Backversuche vor ein paar Tagen sind zwar nicht total gescheitert, das Ergebnis reicht aber an den Reibekuchen meiner Mutter noch lange nicht heran. „Schmeckt gut, aber anders als der von Oma“ – so lautete das kenner- und irgendwie auch gönnerhafte Urteil meiner Jüngsten, die den Reibekuchen vorkosten musste. Mir ist schon klar, was sie mir mit diesem Urteil sagen wollte. Obwohl ich mich ziemlich genau an das Rezept meiner Mutter gehalten habe, nicht ganz, aber ziemlich – ziemlich kann aber die ausschlaggebende Nuance sein. Meine Mutter backt unserer Auffassung nach den weltbesten „Sejerlänner Riewekooche“, obwohl sie „nur“ gelernte Siegerländerin ist. Mit 19 Jahren verließ sie aus Liebe zu meinem Vater ihre Heimatstadt Völklingen im Saarland, um sich im Siegerland eine neue Heimat einzurichten. Mit ihrer Aussteuer brachte sie auch  die berühmte von vielen Einflüssen bestimmte und sehr offene Saarländer Küche mit ins Siegerland. Eines ihrer Heiligtümer ist bis heute ein Saarländer Kochbuch, das sie zur standesamtlichen Trauung in Völkingen vom Standesbeamten überreicht bekam. Ich vermute insgeheim, dass ein Plan hinter dieser heute reaktionär anmutenden Geste steckte: speziell Auswanderinnen wurden mit diesem Geschenk ausgestattet, auf dass sich die Saarländer Küche in der ganzen Welt verbreite. „Wirf das Kochbuch niemals weg“, gemahnte mich meine Mutter bereits des Öfteren, „und bewahre es für deine Töchter auf“. Ja, es steckt definitiv ein geheimer Plan dahinter, in den alle „echten“ Saarländer (die es so auch nicht gibt) eingeweiht sind.

Die richtige Siegerländer Küche musste sich meine Mutter als frisch gebackene Ehefrau allerdings selbst beibringen. Zwar lebten meine Eltern nach ihrer Hochzeit einige Zeit in dem gemeinsamen Haushalt meiner Großeltern in Siegen, da aber meine Siegener Großmutter eine eher bescheidene Köchin abgab, konnte meine Mutter von ihr wirklich nichts dazulernen. Gewiss ist das auch der Grund dafür, dass mir „Pälzer Grumbeersupp´“, eine schön dicke, kräftige sämige Kartoffelsuppe, die eigentlich zusammen mit Zwetschgenkuchen gegessen wird, oder die Saarländer „Zwiwwelsupp´“ mit reichlich Weißwein, Knoblauch und Gewürzen und insbesondere das Saarländische Nationalgericht „Dippelappes“, ein sehr variables Kartoffelgericht das je nach Zutaten zwischen deftig und pikant variieren kann (wenn auch alles in der vegetarischen Variante, die Saarländer mögen mir verzeihen) leichter von der Hand gehen als eben die Siegerländer Spezialitäten, also wie z. B. der Reibekuchen.

Ebenso wie Pflanzen und Tiere ist Essen eine Art Kulturfolger: wenn Menschen auswandern, dann nehmen sie ihre Essensgewohnheiten mit, pflegen sie an anderen Orten weiter, vermischen sie mit der Essenskultur, die sie vor Ort vorfinden. Auf diese Weise entsteht etwas Neues. Die meisten, wenn nicht fast alle Familiengeschichten handeln vom Weggehen und Ankommen, vom Entwurzeln und neuem Verwurzeln und darum, warum Menschen ihre Heimat verlassen und ihr Glück woanders versuchen. Wenn nicht gerade Krieg und Gewalt im Spiel ist, so gibt es zwei übergeordnete Gründe: Arbeit und Liebe. Liebe geht bekanntlich durch den Magen und über den Zusammenhang von Essen und Arbeit besagt eine uralte Saarländer Weisheit: „Haupsach´gudd gess – geschafft hann mir schnell“.

Meine Siegerländer Sippen bevölkert tatsächlich seit 300 Jahren die Gegend. Das familiäre Gedächtnis setzt allerdings erst bei meinen Urgroßeltern ein, einer streng protestantischen kinderreichen Siegerländer Bergmannsfamilie, in der Arbeit und Anstand augenscheinlich die höchste moralische Instanz darstellte. Mein Vater kannte seine Großeltern nur noch von Bildern und aus Erzählungen, sie haben sich um ein bzw. zwei Jahre verfehlt. Auch mein Großvater, mein „Opa Albert“, ist zumindest aus meiner Sicht viel zu früh verstorben, denn die, die man liebt, gehen immer zu früh. Dabei war er zu dem Zeitpunkt seines Todes bereits 77 Jahre alt. Jahrgang 1899 – für mich wirkt dieses Datum irreal, wie aus der Zeit gefallen, eine Ewigkeit zurück. Diese 77 Jahre Lebensspanne zwischen Deutschem Kaiserreich und Deutschem Herbst umfasst eine Ära, die den Geschichtsunterricht zweier Jahrgänge füllt. Er starb, als ich fünf Jahre alt war und eigentlich kann ich mich nur noch an einzelne wackelige Bilder und an verwaschene Sequenzen im Kopf erinnern, aber die Gefühle sind sehr klar. Ich sehe in meiner Erinnerung einen nicht sehr großen, zierlichen, aber drahtigen Herrn, von dem man nicht glauben mochte, dass er einst einen Schmiedehammer hat schwingen können. Allerdings habe ich mir von jemanden sagen lassen, der es wissen musste, dass es nicht auf die Kraft, sondern auf die Technik ankam. Ob Kraft oder Technik, viel war nicht mehr übrig von meinem kranken Großvater, der ständig an einer Sauerstoffflasche hing, die mir damals so riesig erschien wie ich klein war. Manchmal hat mein Vater mich mitgenommen, wenn er Großvater eine neue Flasche medizinischen Sauerstoffs besorgen musste – der Beschaffungsrhythmus wurde schnell im kürzer. Heute weiß ich, dass mein Großvater an COPD litt, einer chronischen Atemwegserkrankung, die einem langsam aber sicher die Luft wegnimmt. Als Kind habe ich natürlich schon gesehen, wie krank mein Großvater war, ich habe aber auch gespürt, wie er alle seine Kraft aufwendete, um Contenance zu wahren. Vor allem, wenn seine kleine Enkelin den Raum betrat – dann straffte sich der ausgezehrte Körper und er lächelte – ein aufrichtiges, kein gequältes Lächeln. Die mit dem Schweißen verbundenen Dämpfe und der hohe Zigarrenkonsum mögen eine der Ursachen für die Erkrankung gewesen sein. Für meinen Vater steht jedoch fest, dass es meinem Großvater aus Enttäuschung den Atem verschlagen habe, als er aus dem Haus ausziehen musste, in dem er eigentlich seinen Lebensabend verbringen wollte.

Meine Großeltern wohnten in einem Haus mitten auf dem Betriebsgelände einer alteingesessenen Weidenauer Firma, bei der mein Großvater fast sein ganzes Arbeitsleben verbracht hatte. Sein Arbeitsleben begann mit 12 Jahren wie damals üblich früh. Als Schmiedehelfer verdiente er zunächst was zum Familieneinkommen dazu, um dann mit 14 Jahren seine Ausbildung zum Schmiedeschweißer zu beginnen. Später machte mein Großvater dann noch seinen Meister obendrauf. Zu welchem Zeitpunkt er genau zu dem besagten Unternehmen wechselte, weiß auch mein Vater nicht mehr. Da meine Großeltern zunächst in einer Doppelhaushälfte direkt neben der Fabrikantenvilla und nach 1945 in einer schönen, verschieferten Fachwerkvilla mit Garten, die direkt auf dem Betriebsgelände der Firma stand, wohnten, versteht sich der enge Kontakt zu der Unternehmerfamilie und zum Betrieb von selbst. Von meiner Warte aus auf diese Epoche blickend, sehe meinen Großvater eher als „Leibeigenen“, dem zwar auf der einen Seite großes Vertrauen entgegengebracht wurde und der durch seine technischen „Tüfftler-“Talente, seinem Verhandlungsgeschick und Ideenreichtum ein hohes Ansehen genoss und sich unabkömmlich machte, der aber auf der anderen Seite immer für seinen Arbeitgeber sprungbereit war. Meine Großmutter beschwerte sich oft, dass er ständig für die Firma sprungbereit sei. Selbst das Telefon, das meine Großeltern besaßen, war nicht mit der Außenwelt, sondern lediglich mit der Firma verbunden. Solange meine Eltern noch dort wohnten, musste meine Mutter jedes Mal mit der Tasche voller Münzen den öffentlichen Fernsprecher aufsuchen, wenn sie mit ihren Eltern telefonieren wollte.

Der damalige Firmenchef hatte meinen Großeltern das Versprechen gegeben, dass sie zeitlebens in dem Haus wohnen bleiben könnten. Ein Handschlaggeschäft, an das sich die Nachfolger nicht mehr halten konnten. Das Haus musste abgerissen werden, damit die Produktionshallen vergrößert werden konnten. Aus wirtschaftlicher und unternehmerischer Sicht eine nachvollziehbare Entscheidung, aus menschlicher Sicht eine wenig wertschätzende Haltung gegenüber einem Menschen, der sich immer mehr als Loyal gegenüber seinem Arbeitgeber gezeigt hat. Warum aber mein Großvater an diesem Haus gehangen hat, kann ich, die schon so oft umgezogen ist, nur vermuten: Vielleicht symbolisierte das Haus eine Art Selbstvergewisserung, Geborgenheit und Sicherheit, vielleicht konnte er sich auch nicht von der Firma lösen, die so zu seinem Zuhause, seiner Wurzel dazugehörte. Meine Eltern waren bereits in ihre eigenen vier Wände umgesiedelt, endlich, denn meine Mutter hatte es im Haushalt ihrer Schwiegermutter alles andere als leicht gehabt. Im Jahr meiner Geburt mussten oder konnten meine Großeltern in eine Genossenschaftswohnung in einem für sie ganz neuen Viertel in unmittelbarer Nähe meiner Eltern umziehen. Die Wege waren damit sehr kurz, so dass sich mein Großvater um mich kümmern und meine Mutter entlasten konnte und umgekehrt unterstützen meine Eltern meine Großmutter bei der Pflege als die Krankheit meines Großvaters schlimmer wurde. Mein Vater hat übrigens jahrzehntelang in demselben Unternehmen gearbeitet, bis er mit fünfzig Jahren den Absprung schaffte. Tradition bedeutet halt nicht, unflektiert Gewohnheiten zu übernehmen, sondern diese zu überdenken, anzupassen, sie anders zu gestalten und wenn notwendig über Bord zu werfen.

 

In der Zwischenzeit ist der Reibekuchen fertig gebacken, das Urteil meiner Liebsten über Konsistenz und Geschmack fällt positiv aus – bis auf die zu hart gewordene Kruste. Ich bin auf einem guten Wege. Trotzdem hätte ich besser meine Mutter angerufen, um mir ihren fachfraulichen Rat einzuholen. Der noch nicht ganz so perfekte Riewekoche wird dann gleich auf unserer Terrasse in Lüdenscheid zu der nahezu rundum gelungenen Zwiwwelsupp gereicht. Passt schon.

 

Text und Bild sind von Lene B.

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A 45 Masken aus Bali

Es war noch sehr früher Morgen, als mich folgender Text erreichte. Ein Treibgut aus meiner „Reader ist present“ Aktion, das über Spams und abgelehnte Emails zu mir mi Verspätung über eine virtuelle Datenwelle angeschwemmt wurde. Ich war gerade dabei,  die letzten Sätze für meine Zwischenbilanz „Möglichkeiten einer Region“ zu schreiben. Der Absender ist aber früh wach, habe ich gedacht und beim Lesen noch einige Schätze aus Südwestfalen entdeckt, den Verfasser inklusive.

Nach meiner Rückkehr aus Israel, ich war dorthin für meinen Zivildienst geflohen, um dem südwestfälischen Alltag zu entkommen, stellte sich sehr schnell wieder ein Alltagsgefühl ein. Obwohl ich wußte ich würde nur ein knappes Jahr bleiben um dann nach Köln zu ziehen,  zogen sich die alltäglichen Tage dahin. An einem dieser Tage kam mein Vater nach einer Waldkontrolle nach Hause und berichtete von einem merkwürdigen Fund. In einem Fichtenwald, nicht weit weg von einer Bundesstraße die zur A4 und A45 führt, hatte er einige weiße Flecken liegen sehen. Er hatte angehalten und einer der „Flecken“ offenbarte sich als asiatische Gipsmaske. Ich bin abends noch zum Fundort gefahren und habe alles ausgegraben. Sieben balinesische Masken, eine Shiva (Indien), zwei buddhistische Mönche. Alle in Gips abgegossen, alle mit sehr starken Verwitterungen, sie müssen dort lange gelegen haben.

Ich habe schon als Kind überall gegraben und etwas „besonderes“ gesucht, ohne konkrete Vorstellungen gehabt zu haben was es sein könnte. Ein so merkwürdiger Fund zum Ende meiner Zeit an diesem Ort hat mich auf besondere Weise mit ihm versöhnt.

Das ist jetzt 24Jahre her und ich habe drei der Fundstücke in meiner letzten Einzelausstellung im Kunstverein MMMIII Mönchengladbach mitausgestellt.

Hier könnt ihr die Homepage von KLAUS KLEINE entdecken!

 

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A45 Eindrücke

THE READER IS PRESENT

Ich glaube die Geschichte von Michael Ende „Das Gefängnis der Freiheit“ habe ich noch als Kind in Südwestfalen gelesen. Sie ist mir nie aus dem Kopf gegangen. Der Erzähler befindet sich darin in einem Raum voller Türen, in dem, so heißt es, er die absolute Freiheit besitzt. Dort kann er sich frei entscheiden, durch welche Tür er gehen möchte. Nun scheint es ihm plötzlich unmöglich, eine der Türen frei zu wählen. Erst als der Erzähler erkennt, dass es keinen Unterschied macht, durch welche Tür er geht, da hinter jeder von ihnen ein ihm unbekanntes Schicksal liegt, verschwinden die Türen und er ist frei. Letztlich, so erzählt er, hat nur der die freie Wahl, der genau die Folgen seiner Entscheidung kennt und das ist unmöglich. Und so ist der, der sich dem eigenen Schicksal fügt, ein freier Mensch. Viele der Beiträge hier vermitteln das Gefühl von Freiheit in dieser Region, vermischt mit dem Gedanken an eine ungewisse Zukunft.

 

Die Heimat neu vermessen von Christoph

Ich bin viel auf den Autobahnen der Republik und darüber hinaus unterwegs. Die vollen Straßen und die vielen Baustellen nerven dabei sehr. Aber jedesmal, wenn ich auf die A45 biege – egal wie weit noch von der Heimat Freudenberg entfernt – ob im Norden bei Dortmund („jetzt sind's nur noch 100km, die sitz ich locker ab“), oder im Süden am Seligenstädter Dreieck („astrein, Bahn meistens leer, die 160km schaffe ich mit Vollgas easy in 1 Std.“) ist die Freude groß. A45 = mein ganz persönliches Synonym für 'Heimat'. Egal, ob es mittlerweile mehr als 3 Dutzend Baustellen und Brückenerneuerungen gibt, oder – wie gerade gestern – wieder ein LKW bei Dillenburg umgekippt ist und eine Vollsperrung zur Folge hat: Selbst die Umleitung durch die heimatlichen Berge macht im Allrad-getriebenen Audi noch Spaß. Aber bitte hier und nur hier, auf keiner anderen Autobahn und in keiner anderen Region empfinde ich so. Geht das wohl dem Ulmer auf der A7 oder dem Oberhausener auf der A3 genauso wie mir?

Sicher, denn das gleiche Gefühl stellt sich ein, wenn ich im kleineren Mikrokosmos mit meinem Cannondale MTB im Wildenburger Land vor der Haustüre unterwegs bin. Jeder Weg und jeder Pfad wird erkundet und bindet mich mental immer stärker an dieses schöne Fleckchen Erde, sofern man sich gut fühlt und Land und Leute mag, wo man unterwegs ist. Die Sieger- und Sauerländer (bin selbst einer aus Elspe) sind ja speziell. Wohl dem, der dies weiß und verinnerlicht. Der kann den 'Locals' nicht böse sein, wenn man freundlich nach dem Weg fragt , oder manchmal einen Unbekannten vom Rad aus auch nur freundlich grüßt und als Antwort teils rüde angeblufft wird – wenn überhaupt eine Antwort kommt. Dann fühle ich ich mich wieder zu Hause.

Gedanken zu Postcorona schreibt Anja

A45: Schon beim Erwähnen stehe ich gefühlt im Stau, in einer der vielen, vielen Baustellen, Normalerweise ist das immer so …!!

Aber jetzt zu Coronazeiten erlebe ich die A45 plötzlich wunderbar leer und das Gefühl im Sonnenschein über die unendlich vielen Brücken mit den schönen Landschaften fahren zu dürfen, stimmt mich versöhnlich mit der ganzen Region. Wir können uns glücklich schätzen mit unseren großen Gärten und der schönen Natur. Positiv Abstand voneinander halten, das Leben umarmen 😎, ist hier momentan nicht schwer.

Und plötzlich kommt dann diese Dankbarkeit in mir hoch, dass ich nicht in einer kleinen Stadtwohnung fristen muss und mich frei bewegen kann…

Ich wünsche mir, dass ich dieses Gefühl noch lange in mir tragen darf, auch nach Coronazeiten, hoffentlich …

 

Für Sonja Sternitzke aus Iserlohn spielt auch die Natur und das Gefühl der Freiheit eine große Rolle:

Heimat ist für mich das Wandern, Gehen, Laufen, Atmen in den Wäldern unserer Waldstadt. Gerade in diesen Zeiten entdecke ich bei jedem Spaziergang neue Wege, kleine Fluchten, neue Ausblicke, erlebe intensive Gedanken oder denke auch mühelos an nichts. Beobachte genauer, fühle mich geerdet und bin trotz dieser Krise frei.

Die waldreiche Umgebung berührt mich immer wieder neu und inspiriert …

der laut der amsel berührt spitzen von grün. steigt empor. hinterher fliegt mein herz. keine möglichkeit zu entfliehen

We’ll meet again von Sabine Hinterberger

Bald.
Bald wieder.
Bald wieder werden wir uns treffen können. Wir stellen, den gelben, den blauen, den roten und den grünen Stuhl nebeneinander aufs Meer.
Wir schweigen, nachdem wir uns alle lange in den Arm genommen haben. Eine gefühlte Ewigkeit haben wir uns nicht gesehen. Wir schauen weiter aufs Meer und Roland lässt Scrabbies Hand nicht mehr los, Scrabbie seine Hand auch nicht. Sie sind endlich wieder zusammen.
Scrabbie, Roland, Max und Henni. Wir sind endlich wieder zusammen.
Bald.
Bald wieder.
Bald wieder werden wir uns treffen.
Ich freue mich auf euch und darauf.

Hartmut erzählt von Sportgeschäften und Corona in dieser Zeit,

„Meine Frau und ich, wenige Tage vor dem 60. und wenige Tage nach dem 61.Geburtstag, radelten heute analog (ohne E-Motor-Unterstützung) von Olsberg nach Usseln über sauerländer und upländer Höhen. Das Ziel war ein kleines Sportgeschäft. Meine Frau liebt Sportgeschäfte. In dieser Corona-Zeit haben wir die letzte Chance vor der Maskenpflicht ab Montag genutzt, noch einmal ohne Gesichtsmaske shoppen zu können. Zum Glück waren nicht viele Kunden im Geschäft. Enttäuscht waren wir darüber, dass diese nicht das Bedürfnis hatten, den vorgeschriebenen Mindestabstand einzuhalten und wir darauf angewiesen waren, allein darauf zu achten.“

 

Auch diese Frau macht sich wichtige Gedanken, zu dem was die Region heute ist und uns nun erwartet

Ist die Luft wieder rein?

Eine Freundin, die vor gefühlten Urzeiten das Siegerland verlies, um in einer weltoffenen und quirligen Großstadt zu leben, sagte mehr als einmal: „Wenn ich nachhause fahre, dann habe ich das Gefühl, ich komme unter eine Dunstglocke“. So ganz genau weiß ich den Wortlaut nicht mehr, aber die Dunstglocke beschäftigt mich seitdem. Seitdem umfasst gut und gerne 25 Jahre. Damals rührte diese Äußerung in mir was an, sie traf ins Schwarze – wobei ich nur eine vage Ahnung von der Beschaffenheit, Größe und Hintergrund dieses „Schwarzen“ hatte. Bei mir löste der Begriff Dunstglocke auch direkt eine körperliche Erinnerung aus. Als Kind wurde ich bisweilen von asthmatischen Anfällen geplagt. Den Zustand diese Anfälle empfand ich selbst immer so also hätte jemand eine Glasglocke über mich gestülpt, die mir die Luft zum Atmen nahm und dieses beängstigende Gefühl der Enge erzeugte. Der Geist vergisst und verdrängt, der Körper vergisst niemals. Glocken, egal ob aus Dunst oder Glas, scheinen die Umwelt zusammenzuschnüren und erdrückend wirken zu lassen. Also könnte die Dunstglocke auch einfach für dieVersinnbildlichung heimatlicher Enge stehen, eben dieser Enge, die junge Menschen spüren, wenn sie dem Ort ihrer Kindheit entwachsen sind.

Möglicherweise könnte die Dunstglocke auch sehr konkret sein. Denn die Luft im Siegerland ist nicht so rein wie sie eigentlich sein sollte oder sein müsste bei all dem Grün. Mir persönlich verschlagen bisweilen die bodennahen Ozonwerte den Atem, ich spüre es direkt, wenn die Luft schlecht wird. Aber Gefühle, Gespür und Intuition sind irrelevant – denn alles muss konkret bewiesen und belegt werden, alles muss einen Sinn haben, muss zu irgendetwas nütze und zielgerichtet sein. Gefühle und Intuition sind nicht greifbar, sind Lichtgestalten, darüber nachzudenken und zu philosophieren ist Zeitvergeudung, führt zu nichts, ist zu transzendent. Bloß nicht zu viel Spiritualität und Muse zulassen, das lenkt ab vom eigentlich Tun. Zeit ist schließlich Geld und jeder ist seines Glückes Schmied, wenn du nicht zurecht kommst, dann bist du selbst schuld, es nicht erlaubt, ein nur so „zu sein“.

Ja, die Luft ist manchmal recht miefig und abgestanden in der Heimat, das ist einem Blick auf die interaktive Luftwertekarte des Bundesamtes für Umweltschutz tatsächlich klar zu belegen.

Leider auch wieder so ein sehr pragmatischer und beweisschwangerer Erklärungsansatz für die Dunstglocke. Aber so einfach ist dieser Fall nicht.

Die feinstofflichen Teilchen, aus denen sich die Dunstglocke zusammensetzt, haben sich über Jahrhunderte herausgebildet und sind von verschiedener Beschaffenheit und Natur. Sie setzen sich zusammen aus der spezifischen historischen Entwicklung der Region, aus religiösen Vorstellungen, aus dem eigenen familiären und sozialen Umfeld, aus rein persönlichen Erfahrungen und Wahrnehmungen. Jeder Region hat eine eigene, eine andere Dunstglocke und entweder man kommt damit mehr oder weniger zurecht oder man bekommt eben keine Luft. Alternativ kann man sich eine unsichtbare Atemschutzmaske anlegen und dabei hinnehmen, dass die Stimme dadurch gedämpft wird.

Zum Glück ist nichts von Dauer und hat nichts Bestand, auch Dunstglocken nicht: Unsere Dunstglocke ist in den letzten Jahrzehnten sicht- und merkbar von etlichen Schadstoffen gereinigt worden. Umfangreiche Umdenkprozesse, Zuzügler und eine neue Generation haben für frischen Wind und damit für frische Luft in der Heimat gesorgt. Viele reflektierte Menschen haben daran mitgearbeitet, die Dunstglocke zu klären. Sie verweht…

Und ich hoffe, dass sich bei uns keine neue Dunstglocke aufbaut, die das Klima hier vergiftet. Die Gefahr ist groß, atmen wir darum tief durch.

 

Schließlich noch die Erinnerung einer Leserin zu der A45, bevor es Mitternacht schlägt und die „Reader ist present“ Zeit schon wieder vorbei ist:

Wenn ich mich recht erinnere, bin ich vor 30 Jahren zum ersten Mal über die A45 gefahren. Das war kurz nachdem mir von der Zentralen Vergabestelle für Studienplätze (ZVS) ein Studienplatz in Siegen zugewiesen worden war. Zuerst musste ich übrigens nachschauen, wo dieses Siegen überhaupt liegt und wie ich dahin komme. Die Enttäuschung war groß, Siegen hat mein Herz bis heute nicht richtig erobern können. Vielleicht liegen die Mentalitäten von Rheinländern und Westfalen doch zu weit auseinander.

Das Kürzel der ZVS mutierte unter uns (auswärtigen) Studenten schnell zu der Bezeichnung „Zwangsverschickung Siegen“, der zweite Schnack, den wir uns erlaubten hieß folgerichtig „Frage: Was ist das schönste an Siegen? Antwort: Die Autobahn nach Köln“. Und das war A 45 dann auch für mich. Ein Zubringer, der mich notwendig nach Siegen führte, um mein Studium anzutreten. Fluchtweg, wenn die Vorlesungswoche vorbei war und ich mit dem Auto wieder Richtung Heimat davonbrausen konnte. Irgendwann bin ich dann in Siegen hängen geblieben, Mann kennengelernt, Kinder bekommen, Arbeitsplatz …. Heimat ist es mir trotzdem nicht geworden. Heute ärgern mich an der Autobahn hauptsächlich die Baustellen, sie hindern mich daran, schnell an einen Ort zu gelangen, der mir mehr am Herzen liegt.

Also als Zubringer nah Köln, ins Rheinland, Zubringer in den Süden, dort zumeist nach München. Dabei vermeide ich es, über die sehr hohe Talbrücke Eiserfeld zu fahren, das ist mir unheimlich. Lieber ein paar Kilometer über die Landstraße und dann erst drauf. Vermutlich ist diese Autobahn für das Siegerland und Sauerland ein Segen. Anbindung an große Städte wie Frankfurt oder Dortmund und der Anschluss an die A4, meine Fluchtwege eben.

 

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A45 Spaziergang

THE READER IS PRESENT

An das merkwürdige Klackern, wenn die Autos über die einzelnen Segmente der Autobahnbrücke rollen, kann ich mich auch noch gut erinnern. Nur habe ich sie in einem anderen Haus, an einem anderen Ort gehört, diese Autos, die unablässig über die A45 brausten, doch vielleicht waren es genau die Wagen, die auch die Ana Regeniter hörte, nur an einer anderen Stelle, aber in derselben Zeit, und nun sind wir beide eingeschlossen, an fernen Orten, die zu Europa hörten oder noch gehören, sie in Manchester, ich in Paris, und erinnern uns an Südwestfalen.

Spaziergang von Ana Regeniter

„Schon seit 15 Jahren lebe ich in Manchester in Nordengland, aber meine Vorfahren kamen alle aus dem Sauerland, aus Arnsberg und der Gegend um Rüthen herum. Vor einigen Jahren stellten wir einen Familienstammbaum auf. Während wir bei der Familie meines Vaters nach wenigen Generationen nicht weiter kamen, konnten wir die Vorfahren meiner Mutter bis ins 16. Jahrhundert verfolgen. Sie waren nicht viel herumgekommen – bis auf wenige Ausnahmen hatten sie in der unmittelbaren Umgebung von Rüthen gelebt. Wenn ab und zu der Name eines Ortes auftauchte, den ich nicht gekannt hatte, Kellinghausen zum Beispiel oder Eickhoff, dann hatte sich jedes Mal schnell herausgestellt, dass es sich um eine Siedlung nur wenige Kilometer von Rüthen gehandelt hatte. „Ein Westfale lässt sich nicht gern verpflanzen“, hatte meine Großtante früher öfters gesagt. Gestern begegnete ich aber hier in Manchester genau so einem Westfalen, der vor zweihundert Jahren in einem Haus in der Hagener Innenstadt geboren worden und dann mehr oder weniger zufällig in Manchester gelandet war.

Ähnlich wie in Deutschland dürfen wir in England während der jetzigen Ausgangssperre jeden Tag einen kurzen Spaziergang machen. Die Regeln lassen ziemlich viel Freiraum für Interpretation – man soll eigentlich nur aus dem Haus, wenn es wirklich nicht anders möglich ist, darf aber für Spaziergänge mit dem Auto anfahren, solange der Spaziergang deutlich mehr Zeit in Anspruch nimmt als die Anfahrt. Man darf sich sogar zum Ausruhen auf eine Bank setzen, aber nur, wenn man vorher schon länger gelaufen ist – ein kurzer Spaziergang speziell zu einer Bank ist hingegen streng verboten.

In den letzten vier Wochen haben wir uns fast ohne Ausnahme an diese Regeln gehalten und waren nur im Vernon Park um die Ecke von uns unterwegs. Manchmal gehen wir im Uhrzeigersinn über das Parkgelände, machmal gegen den Uhrzeigersinn.  Manchmal laufen wir auf dem Pfad unter den alten Buchen, die gerade ausgeschlagen sind und in einem wunderschönen Grünton leuchten, manchmal laufen wir auf dem Wiesenweg, um möglichst viel Sonne zu tanken. Ich kann mich an keinen Frühling in Nordengland erinnern, in der der Himmel so oft so sattblau strahlte wie in diesem.

Gestern habe ich die Regeln zum ersten Mal gebrochen und habe mich auf eine Fahrt aufgemacht, die nicht wirklich nötig war. Ich hatte eine schreckliche Sehnsucht nach Weite – nach der Freiheit, einfach ins Auto zu steigen und irgendwo hin zu fahren, nach Meer, nach etwas Neuem. Bis zur Küste sind es von Manchester aus immerhin noch 80 Kilomter, also fuhr ich stattdessen zu den Salford Quays, dem alten Binnenhafen der Stadt, von dem aus man das Meer schon ein bisschen ahnen kann. An dem weiten Hafenbecken wehte eine starke Brise und über mir kreisten Lachmöwen, deren Geschrei die unglaubliche Stille zerbrach, die sich in den letzten Wochen über das Land gelegt hat. Kein Flugzeuglärm, kaum Autolärm mehr, und selbst das Gezänk der Betrunkenen am Freitagabend blieb nun aus.

Ich lief entlang des Wassers, immer weiter und weiter, vorbei an dem glänzenden Glasgebäude der BBC und dem scherbenförmigen Bau des Imperial War Museums. Kaum jemand war unterwegs, und mich überkam das gleiche Gefühl von Leere, dass mich als Kind in Deutschland immer an Sonntagnachmittagen überkommen hatte, wenn die Zeit stehengeblieben und sich beim Blick aus dem Fenster nichts zu bewegen schien. Bald ließ ich die die teuren Luxuswohnungen der Salford Quays hinter und mir und erreichte einen Teil der Stadt, an dem die Gentrifizierung gänzlich vorbeigegangen war. In den Vorgärten der kleinen Reihenhäuser lagen leere Bierdosen, der rote Putz schälte sich ab wie die Haut nach einem Sonnebrand. Mein Ziel meines heutigen Spaziergangs war der Weaste Cemetery, ein Friedhof, der früher zur Zeit Königin Victorias für die reichen Industriellen angelegt worden war. Am Eingang warf ich einen Blick auf das Notizbrett, das an einem knorrigen Ahorn befestigt war. Beerdigung für eine Leiche über 18 Jahren £ 970, Leichen von 16 bis 17 Jahren £ 250, unter 17 Jahren kostenlos. £ 260 extra für Beerdigungen an Wochenenden und Feiertagen. Nicht weit von hier im Industriegebiet Trafford Park war letzte Woche eine Lagerhalle in eine Leichenhalle umgebaut worden, weil die vielen Opfer des Coronavirus nicht mehr schnell genug beerdigt werden können.

Es dauerte eine Weile, bis ich Karl Halles Grabstein fand. Auf einer von Flechten grünlich gefärbten Säule war eine Büste gemeißelt, die einen vornehmen, ernsten Mann im gehobenen Alter zeigte. Neben seinem Geburts- und Sterbejahr erfuhr man nichts Weiteres über den Mann, der als Karl Halle in Hagen geboren worden und 76 Jahre später als Sir Charles Hallé in Manchester gestorben war. Karl Halle ist heute in Deutschland so gut wie vergessen. In seiner Heimatstadt Hagen steht auf dem Johannisplatz eine Statue von ihm, aber anders als in Manchester, wo das heimische Orchester und einige Straßen und Plätze nach ihm benannt sind, kennt ihn kaum noch jemand. In der Stadtbibliothek von Manchester hatte ich vor kurzem eine Biografie über ihn ausgeliehen.  Ich hatte gelesen, wie er am Johanniskirchplatz aufgewachsen war, gleich neben der Kirche, in der sein Vater als Organist tätig war, und schon mit drei Jahren Klavierunterricht bekommen hatte; wie er sich als Achtjähriger eine schwere Augenkrankheit eingefangen hatte, wegen der er wochenlang nicht sein verdunkeltes Zimmer verlassen durfte, in dem aber zum Glück ein Klavier stand, auf dem er um der Leere und der Langeweile Einhalt zu gebieten Stunde um Stunde übte.

Ich las, wie er mit 17 Jahren nach Paris gezogen war und dort bald erste Erfolge als Musiker verbuchte und mit Komponisten wie Frédéric Chopin und Franz Liszt zusammenarbeitete, aber zehn Jahre später wegen der Französischen Revolution nach England fliehen musste, erst nach London und dann nach Manchester, wo er sich schließlich niederließ und zu einem der einflussreichsten Musiker im England des 19. Jahrhunderts werden sollte. 1858 gründete er das Hallé-Orchester, das noch heute als eines der besten Ensembles Großbritanniens gilt, wurde von Königin Victoria zu ihrem geliebten Osborne House auf der Isle of Wight eingeladen und später wegen seiner Verdienste um das englische Musikleben sogar zum Ritter geschlagen wurde. Hatte Halle sich in Manchester wirklich zu Hause gefühlt oder hatte er sich oft nach seinem heimischen Westfalen gesehnt? Elf Jahre vor seinem Tod machte sich Karl Halle ein letztes Mal auf eine Heimreise nach Deutschland auf und besuchte seine Heimatstadt Hagen.  Am 22. Juli 1884 schrieb Halle von Hagen aus an eine seiner Töchter:

„Ich bin noch immer hier. Nachdem mein Gepäck gestern Abend schon zum Bahnhof gebracht worden war, fühlte ich mich, als ob ich mich nicht losreißen könne, und sandte B., um meinen Koffer wiederzuholen. Ich werde nie jemandem auch nur einen Hauch davon vermitteln können, wie ich mich hier fühle, von dieser riesigen Sehnsucht nach der Vergangenheit und all den lieben Gesichtern, die alle entschlafen sind… Ich denke wirklich manchmal, dass ich glücklich wäre, wenn ich wieder richtig hier leben könnte, also kannst du dir vielleicht vorstellen, dass es mir schwerfällt, zu gehen.“

Seine Mutter war in diesem Sommer in Hagen verstorben, und Halle hatte von nun an keinen Grund mehr, Westfalen zu besuchen. Noch ein einziges Mal reiste er noch zu seiner Schwester, die später zu ihm nach Manchester zog. Dann sah er seine Heimat nie wieder.

Ich stand lange an seinem Grab und dachte über das Heimweh nach und sagte die Namen der Orte, die ich seit der früsten Kindheit immer wieder gehört hatte, auf wie eine Litanei – Meschede, Anröchte, Erwitte, Affeln. Schwerte, Holzwickede, Meiste, Brilon. Ich wohne schon so lange in England, dass Deutschland mir in vieler Hinsicht fremd geworden ist. Als mein Vater, der das Sauerland über alles geliebt hatte, vor zwei Jahren verstarb, habe ich mich auf eine Wanderung von der Ruhrquelle entlang der Ruhr zurück in meine Heimatstadt Schwerte aufgemacht. Es war die letzte Oktoberwoche und ich wollte an Allerseelen zur Grabsegnung sein Grab erreichen. Es war merkwürdig, durch Orte zu laufen, die meinen Eltern und Großeltern so viel bedeutet hatten, die mir selber aber fremd waren. In Arnsberg machte ich in der Propsteikirche Halt, in der schon meine Urgroßmutter Johanna getauft worden war, saß neben eben dem Taufstein, in den sie als kleines Kind getaucht worden war, und lief den steilen Weg zur Burgruine hoch, den sie und ihre Eltern vor ihr sicherlich etliche Male erklommen hatten. Aber wirklich zu Hause hatte ich mich dort nicht gefühlt, genauso wenig, wie es sich wie ein Nach-Hause-Kommen angefühlt hatte, als ich nach einer Woche das Haus in Schwerte, in dem ich aufgewachsen war, erreichte. Erst nachts – da hatte ich in meinem alten Kinderzimmer gelegen und zugehört, wie die Autos auf der nahen Autobahn am Westhofener Kreuz über die Ruhrbrücke donnerten, und es war das Geräusch gewesen, das für mich Heimat bedeutete  – das merkwürdige Klacken, wenn die Autos über die einzelnen Segmente der Brücke rollten, ein Geräusch, das schwer zu beschreiben war und mich sofort in meine Kindheit zurückversetzte.

Und so stand ich hier auf diesem Friedhof in Manchester, hörte zu wie die Amseln an diesem Aprilmorgen trotz allem so tröstend sangen, aber in meinem Kopf hörte ich nichts als das merkwürdige Geräusch der A45, das man so nur nachts im Ruhrtal in Schwerte hören kann, wenn alle anderen Geräusche verstummt sind, und ich bekam großes Heimweh. Und so stand ich noch eine Weile an Karl Halles Grab und sehnte mich wie er nach Westfalen, nickte noch einmal seiner Büste zu, und machte mich dann auf den Rückweg.“

Mehr von Barbara Peveling

A45 KUNST!

THE READER IS PRESENT

Nach der Lyrik erreicht mich die Kunst. Ich denke oft darüber nach, was zuerst da war, bei uns Menschen, der sprachliche oder der bildliche Ausdruck. Vielleicht aber, muss man es auch gleichsetzen, denn Worte bestehen aus Zeichen, Bilder sind Zeichen und Zeichen sind Bilder. Zu dem Ursprung menschlicher Kreativität wurde sich bereits in der Antike Gedanken gemacht und Inspiration auf göttliche Einflüße zurück geführt. Auch die Moderne reflektiert über die Dialektik von Ordnung und Chaos und so schreibt Nietzsche: „Man muss noch Chaos in sich haben, um einen tanzenden Stern zu gebären“. In der Schule haben wir gelernt, dass die Zeichnungen auf Höhlenwänden aus der Prähistorie Überreste ritueller Handlungen waren. Aber heute wird das zum Glück anders gesehen, und so besuche ich, sofern wir in Frankreich über die A6 oder A7 reisen, mit den Kindern immer die Grotte Chauvet in der Ardeche. Denn Chauvet besuchen, bedeutet, über die Ursprünge menschlicher Kreativität meditieren. In der naturgetreuen Nachbildung werden einem keine rituellen oder primitiven Höhlenmalereien gezeigt, sondern die Besucher:innen entdecken die ersten Künstler der Menschheitsgeschichte.

Umso größer die Freude, heute mit THE READER IS PRESENT die Künstler Südwestfalens entdecken zu dürfen:

 

Albrecht Thomas aus Siegen fabriziert belegte (bebildert/betextet) Würstchenpappen, z.T. mit
versteckten Zitaten.

(Umlauftext, falls auf dem Kopf nicht lesbar:Wann immer seine

Blutsbrüder vom Stamme Elspe es ihm möglich machten, ritt Winnetou

zur Erholung an den Biggesee. Er zerrte das dort in einem Gebüsch

versteckte Kanu Warhols (d.h. Kriegsferien) hervor, ließ es

zu Wasser und pflügte kraftvoll den ruhenden See)

Ferien am Biggesee: Einer aus dem Stamme Elspe

Du willst Dich einmal gut  erhol’n?

Dann fahr zu Bigges Seen.

Vielleicht siehst du die Maid aus Pol’n

Im Wasser Runden dreh’n.

Und hast du dann besond’res Glück,

Es kommt mitunter vor,

Erlebst du dort ein starkes Stück,

Traust weder Aug’ noch Ohr.

Es skullt der große Winnetou

In Warhols Südfruchtboot

Und spricht mit seinem Manitu

Von Kimme, Korn und Schrot.

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A45 Stories

THE READER IS PRESENT

Lasst uns anfangen mit diesem schönen Text, von einer jungen Frau zur Mitternacht:

Um Mitternacht mit dem Schützenzug zum Markplatz marschieren und dann dieser eine Moment, wenn der Zug in der Schützenstraße am „Kump“ anhält. Diese ganze Masse an Schützen und Feiernden bleibt stehen und es kehrt völlige Stille ein.

Der Spielmannszug spielt dieses wunderbare Stück (Gebet an die Liebe oder so ähnlich) und im letzten Takt jubeln wir alle und die Schützen schmeißen ihre Kappen in die Luft.
Das ist Glückskribbeln pur, mehr Heimatgefühl geht nicht. Das passende Video dazu gibt es hier!

Jemand schreibt von der Vorstellung, Sauerland und Südwestfalen wären eines und von dem sauren Geschmack auf der Zunge als Kind, wenn es dorthin in die Ferien ging.

Eine Frau erzählt von ihrer Wanderung  Auf der Autobahn:

Mit dem Bau A45 von Dortmund über Siegen, Wetzlar nach Aschaffenburg wurde in den 1960er Jahre begonnen.

Das Teilstück Dortmund – Gießen wurde im Jahr 1971 dem Verkehr übergeben.

Wir wohnten damals in Olpe, nicht allzu weit entfernt von der Autobahn. Im Juli 1971 wurde mein erstes Kind geboren.

Nachdem ich die Klinik verlassen hatte, sind wir am Sonntagnachmittag mit dem Kinderwagen Richtung Autobahn

spaziert, und haben uns, wie viele andere Menschen auch, auf der Autobahn amüsiert.

Kurze Zeit später war dann die offizielle Eröffnung der Autobahn.

Immer wieder, wenn ich über die A45 fahre, kommt mir dieser Sonntagnachmittag in den Sinn.

 

Ein Anderer schreibt über seine Eindrücke zu Südwestfalen: Was wird aus Kulturen bitterster Armut und strikter Egalität unter der Knute des strafenden Gottes und des in seiner Wolke strafenden Wetters? Vornehm tun und Vornehmheit sind zu verachten. Aber auch die kirchliche Autorität zersplittert nach charismatischer und meritokratischer Maßgabe, vor allem lokalisiert sie sich. In Tälern, in Nischen, in Zerklüftungen.  Man blickt aus dem Tal in die Welt, aber erst einmal nicht sehr weit. Auf der Schwäbischen Alb, im Siegerland, in der deutschsprachigen Schweiz. Wenn jetzt der Reichtum ausbricht, wie zeigt er sich dann? Zuerst einmal muss alles sehr solide sein, und unaufdringlich, und effizient. Das hilft auch der Industrie. Dann kommt lange Zeit gar nichts, denn daß die Welt betrogen werden will, ist kein guter Gedanke für das gläubige Gemüt. Und schon ein Blick ins Rheinland gibt einem den Eindruck, daß das alles sehr unsolide und unehrlich ist. Der Widerstand gegen Mode und gegen das Fluktuierende der Kultur ist deswegen so unermesslich, weil er sich auf der besten Seite der Bürgerlichkeit weiß: der Trennung von Zweckrationalität und Wertrationalität. Für das eine ist nur der Glaube zuständig, für das andere bleibt alles andere. Beide Kriterien setzen auf Beharrlichkeit: die Beharrlichkeit des Glaubens, und die Beharrlichkeit der Effizienz. Hartnäckigkeit bleibt selbst eine hartnäckige Eigenschaft. Eine westfälische. Für die Ästhetik blieb zu wenig Lücke, denn das Banausentum ist immer entschuldigt: vormals durch Armut, danach durch Bürgerlichkeit, und gegenseitig bestärkt im Fehlen von Neugier. Die Fremdheit ist noch ganz traditionell: Wenn man vom einen Tal ins nächste wechselt, ist man zugewandert und bekommt das das ganze Leben lang zu spüren.

Und weiter geht es, schreibt mir…

 

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