Der Tod III

(Teil I)
(Teil II)

Wir übernehmen Verantwortung für das, was wir tun. Und ich hab bisher noch nicht erlebt, dass wir dafür Ärger bekommen hätten. Wir machen den Menschen, die zu uns kommen, klar, dass der Prozess nicht einfach nur ein Abhaken von Punkten ist. Das geht schon damit los, dass der Verstorbene nicht sofort abgeholt werden muss. Wir glauben, dass jeder Ort immer nur der zweitbeste Ort gegenüber dem Zuhause sein kann. Räumen, mit denen ich vertraut bin, in denen ich alles habe, in denen ich mich heimisch fühle. Wir sprechen auch immer davon, der Trauer eine Heimat zu geben.
Wichtig ist: Man kann nichts falsch machen. Alles, was wir tun, haben Menschen in den letzten Millionen Jahren auch ganz gut ohne Bestattungsservice hingekriegt. Es geht darum, wieder vertraut zu sein mit der Materie. Deswegen ist es schwierig, dass manch ein Bestatter sofort sagt: Wir kommen gleich und holen den weg. Gesetzlich hat man hier 36 Stunden, kein Landesgesetz erlaubt mehr als 48, aber unserer Meinung nach können nur die Menschen, die jemanden verloren haben, uns sagen, wann sie soweit sind. Wann sie denjenigen weggeben können.
Wenn das bei jemandem drei Wochen dauert, dann dauert das eben drei Wochen. Dafür kriegt man von keinem Amtsarzt eine Genehmigung, aber es gibt auch genügend Fälle, in denen so etwas offiziell geduldet wurde. Bei unserem Altkanzler Kohl beispielsweise, als dessen Kinder Abschied nehmen wollten, hat es ja ein paar Anläufe gebraucht. Und als es dann klappte, war das vier Tage nach seinem Tod. Wenn jemand nicht eine ganz schlimm ansteckende Krankheit wie Ebola oder Milzbrand hatte, kann da nichts passieren. Und selbst dann herze ich meinen Verstorbenen vielleicht nicht, küsse ihn nicht mehr, aber ich kann ihn trotzdem sehen und berühren, wenn ich mich normal verhalte.

Leichengift ist ein Großstadtmythos

Dieses Leichengift jedenfalls? Ist ein Großstadtmythos. Klar, man sieht auch, wie der Verstorbene sich verändert. Aber nicht, wie das bei CSI, Bones, Walking Dead oder ähnlichen Sendungen ist, wo es vor allem auf gruselige Szenen ankommt. Ich denke an eine Familie aus dem Kreis Mettmann, die haben ihren Vater geschmückt, als der im Sommer gestorben ist. Blumen aus dem Garten geholt, ihn auf einen Tatami gelegt, tolle Bilder gemacht. So hatten sie ihn noch eine Weile da.
Da glauben wir an den Ausspruch unseres Vaters, dass der Tod Lehrmeister zum bürgerlichen Ungehorsam ist. Na, vielleicht ist das auch nicht von ihm, vielleicht hat er sich da beeinflussen lassen. Von Thoreau oder so. Wenn jedenfalls jemand das Gefühl hat, er oder sie braucht Hilfe, kommen wir direkt hinzu. Versorgen noch mal, auch gern mitten in der Nacht, wir kühlen. Wobei wir kein Freund von Einbalsamierungen oder Nähen sind. Wir versuchen auch, nicht zu schminken. Ein Toter soll nicht aussehen, als ob er gerade vom Strand von Ibiza käme.

Bepflanzung im Bestattungshaus. Foto: (c) promo

Nie wieder Frühstücksei

Ich? Ich habe einen Abschluss in BWL. Konnte noch ein bisschen Psychologie studieren, und ich habe eine Ausbildung als Trauerbegleiter, als Myroagoge. Dabei lernt man auch, dass man ein Stück weit wissen muss, was die eigenen Gefühle sind, damit man die anderer zulassen kann. Und sich abgrenzen kann. Ich habe immer gehört, dass unser Vorgänger hier die traurigste Person auf dem Friedhof war, ne? Und ich kenne auch viele Beispiele, bei denen der Bestatter seine Klienten, wir sagen lieber: Gäste, in den Arm genommen hat. Das geht nicht.
Heißt natürlich nicht, dass man nicht nah mit ihnen sein kann, dass da nicht auch eine Beziehung oder gar bleibende Freundschaft entsteht. Doch eben um diese Balance zu halten, denken wir, dass es eine Ausbildung braucht. Zugleich war unser großer Schatz immer, dass wir hier viele Seiteneinsteiger haben. Die kommen aus ganz anderen Bereichen. Wir schicken auch unsere Auszubildenden an tausend andere Orte, wo sie ihren Horizont weiten sollen. 
Ich zum Beispiel habe auch lange im Hotel gearbeitet, als Page. Ich hatte nie so viel Geld frei zur Verfügung wie als Page im Grand Hotel Schloss Bensberg. Doch, das war ganz gut! Und ich habe großen Respekt vor Service seitdem, ich will nie wieder jemandem ein Frühstücksei anbieten müssen. Aber an der Rezeption ging es immer um Gastlichkeit. Und darum geht es bei uns ja auch.

Friedhof am Supermarkt

Es gibt aber natürlich auch viele Unterschiede. Das, was wir hier machen, ist kein Angebot, das ich aus einem Katalog machen kann, ne? Das setzt auch voraus, dass wir das leben. Dass es hier nicht von acht bis fünf geht, sondern dass man ansprechbar ist, bereit ist, auch Sachen, die vorher nicht definiert werden können, mit Menschen anzugehen. Und nicht zu gucken: Oh, das haben wir jetzt aber gar nicht im Leistungsverzeichnis, schade. Und wir denken hier weiter. Neulich durfte ich zum Beispiel auf einer Konferenz sprechen, wo es auch darum ging, ob Friedhöfe überhaupt noch irgendeinen Sinn haben. Oder ob man sie alle zumachen sollte. Alle Friedhöfe haben heutzutage das Problem, dass sie gleich aussehen, dass sie zu viele Regeln haben, sie haben auch ganz große Leerbestände, die müssten alle defragmentiert werden, wie man jetzt sagt. Sind mal als große Gebiete angelegt worden, nach der französischen Besetzung durch Napoleon, nachdem man die Friedhöfe also nicht mehr direkt um die Kirche im Ort hatte. Aber eigentlich müsste der Friedhof heute am Rathausplatz sein, oder am Supermarkt, ne? Mitten in der Gesellschaft.

Wedding Planner? Stelle ich mir gruselig vor

Und zugleich darf das Bestattungswesen nie noch mehr werden wie eine Art Reisebüro. Das nimmt heute schon überhand. Wir empfinden es teilweise tatsächlich wie modernen Ablasshandel, dieses Aussuchen von Särgen – da legt man dann für die Zeit, die man vielleicht nicht mit dem Angehörigen verbracht hat, noch ein bisschen was drauf, da soll dann plötzlich alle perfekt sein. Nee. Da lasse ich mich doch lieber auf die persönliche Erfahrung ein, da begegne ich dem, was mich da erwartet, und mache mich davon frei, dass hier irgendwas perfekt sein muss. Ich kann mir keinen schöneren Job vorstellen.
Und wissen Sie, welchen ich niemals machen wollen würde? Wedding Planner. Mit allem darauf hin arbeiten, dass es dieser eine beste Tag des Lebens wird, und selbst wenn’s klappt, kann es danach nur noch schlechter werden … Also, das stelle ich mir ganz gruselig vor.

Kunstwerk im Bestattungshaus. Das goldene Band verbildlicht einen typischen Lebensweg. Foto: (c) promo

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Der Tod II

(Teil I)

Wir haben hier jedes Jahr etwa 20.000 Besucher. Jeder kann sich frei auf dem Gelände bewegen, abgesehen von den Räumen, wo die Verstorbenen anderer sind. Vor zwei Jahren haben wir die Menschen eingeladen, uns ihre schönsten Liebeslieder zu nennen. Wir bekommen immer Anfragen von Leuten, die Listen mit Beerdigungsliedern von uns möchten, ne? Aber wir haben lieber nach Liebesliedern gefragt, und die haben wir dann auch auf der großen Bühne gespielt.
Die Bühne steht auf unserem privaten Friedhof, das war der erste private Friedhof Deutschlands. Wegen uns hat das Land, nachdem es vor Gericht gegen uns verloren hat, das Gesetz geändert, so dass so etwas wie hier nie wieder passieren kann. Die einzige Regel ist nämlich, dass niemand ohne Namen bestattet wird. Ansonsten haben wir keine Tore und keine Öffnungszeiten, jede und jeder kann kommen – und zu dem Sommerkonzert waren zweieinhalb tausend Menschen hier. Vor der Bühne, hinter der Bühne, die haben sich mit Picknickdecken in den Wald gesetzt, und dann wurden die Liebeslieder von einer Coverband und einer Karnevalsgruppe gespielt. Da waren welche von Helene Fischer dabei, man kann sich natürlich streiten, ob das dann Liebeslieder sind, ne? Aber auch von den Blues Brothers, aus „Die Schöne und das Biest“, natürlich kölsche Klassiker, die Leute haben getanzt. Haben einen schönen Tag verbracht. Und wenn jemand aus dieser Stimmung heraus überlegen will: Wie soll es sein, wenn es für mich mal soweit ist? Dann kann man uns jederzeit ansprechen.

Das treibt wilde Blüten!

Aber wir können natürlich nur sprechenden Menschen helfen. Und müssen dann Wege finden, ihnen nahe zu kommen. So ein Bestatter kann sich das Leben ja auch super einfach machen. Indem er drei Fragen stellt:
1. Wollen Sie eine Feuer- oder Erdbestattung?
2. Welcher Friedhof?, und
3. Wollen Sie Gäste dabei?
Dann sucht man sich noch ein paar Sachen aus dem Katalog aus, kriegt einen Termin von der Friedhofsverwaltung vorgesetzt, die Kirche stellt den Pfarrer, zack, fertig. Im Heim sind sie froh, wenn sie das Zimmer direkt wieder belegt kriegen, da hab ich maximal drei Tage, um noch ein paar Sachen abzuholen, vom Arbeitgeber bekomm ich ohnehin nur einen bis zwei Tage Sonderurlaub, wenn jemand aus der Verwandschaft ersten Grades verstorben ist. Finden wir ganz großen Quatsch. Wenn Großeltern sterben, kriegen Enkel nicht mal mehr automatisch frei, weil sie ja nur Verwandschaft zweiten Grades sind, und speziell in der heutigen Zeit fragt manch einer, ob die Ehefrau eigentlich auch zählt, die sei ja nicht mal körperlich mit dem Ehemann verwandt. Das treibt wilde Blüten!
In den Großstädten wie Neuss oder Düsseldorf hat man fünfzehn Minuten für eine Trauerfeier in der Friedhofskapelle. Da wird das dann im Halbstundentakt arrangiert, damit der Bestatter siebeneinhalb Minuten zum Aufbau und zum Abbau hat, bis der nächste dran ist. Wenn diese Zeit überschriftten wird, kostet es eine weitere Friedhofshallengebühr, das sind 400 Euro, das überlegte man sich, glaube ich, in Neuss genau.

Wege auf dem freien Friedhof. Foto: (c) promo

Beten macht durstig

Deshalb sind wir lieber woanders, wo wir die Zeiten selbst bestimmen können. Deshalb liegt unser Fokus auch darauf, dass es den Menschen durch unsere Arbeit nicht schlechter geht. Sondern dass es ihnen gut gehen darf. Auch, wenn jemand verstorben ist. Wir waren schon in Theatern, im Rathaus, natürlich bei Leuten zuhause, eben an Orten, wo sich die jeweiligen Menschen wohl fühlen. Wo sie sonst Geburtstage feiern oder andere Feste, wo sie mitmachen können. Wir machen ihnen klar, dass sie etwas tun können, was sie gern tun würden, statt das „Was muss ich denn machen?“ im Kopf zu haben. Meiner Ansicht nach muss man nämlich so ziemlich gar nichts. Wir haben heute auch ein paar Trauerfeiern im Haus. Kann durchaus sein, dass da mal jemand schmunzelt oder lächelt oder ins Träumen gebracht wird. Hier soll man von Herzen lachen, von Herzen weinen können. Wir wollen klarmachen, dass es diese Gegenpole im Leben braucht. Und dass es an einem Ort wie unserem auch schön sein kann.
Übrigens blieben die Menschen im Bergischen früher auch noch bis nach der Beerdigung. Das waren dann sogar Feste. Auf dem Weg zur Kirche saß der Zylinder gerade, auf dem Rückweg schief. Mein Vater meinte, eine aktive Gemeinde erkennt man auch heute noch an den Gasthäusern um die Kirche, ne? Beten macht schließlich durstig.

Die würde mir den Vogel zeigen

Abschied nehmen? Halte ich für uneingeschränkt gut. Ist immer besser als dieses „Behalte jemanden so in Erinnerung, wie er gewesen ist“. Das ist ganz gruselig. Und wird problematisch. Wenn man mit der Erinnerung die Gegenwart verdrängt.
Dabei gibt es so viele Dinge, die mir der Tod nicht nehmen kann. Wenn man ihn begreift. Nur dann kann daraus etwas wachsen. Sonst ist da einfach Angst: Die Angst, wieder erinnert zu werden, Angst vor den Orten, an die man gern gemeinsam gegangen ist, vor dem Essen, den gemeinsamen Sachen, den Tagen, um die ich dann herum tapere. Angst macht uns ja nur, was wir nicht kennen, ne? Dunkelheit, Geräusche, die man nicht eindeutig zuordnen kann, Menschen aus der Ferne. Der Tod muss mir keine Angst machen. Ich darf ihn nur nicht mystifizieren.
Die wichtigsten Aspekte von dem, was wir tun, kann man gar nicht kaufen. Und wir können auch nur begleiten. Wir können Menschen Impulse geben, aus denen sie vielleicht etwas persönliches entwickeln. Die Tendenz der Leute ist erst einmal, total aufgeregt zu sein. Wir sagen ihnen, dass sie jetzt durchatmen können, dass sie sich jetzt nicht kümmern müssen, sich keine Sorgen machen müssen, dass ihre geliebte Person atmen kann oder Schmerzen hat, sondern dass sie sich jetzt erst einmal entlasten können von ihrer Sorge.
Aber wenn ich jetzt hier einer 90jährigen erzähle, sie müsse den Sarg ihres Mannes bemalen, weil das in den letzten Jahren en vogue wurde? Die würde mir den Vogel zeigen, rechtschaffenderweise. Aber die hat vielleicht irgendetwas anderes, was sie in dieser Situation am liebsten machen würde, und was sie sich nicht gleich traut, zu sagen. Ob man das Lied, zu dem die beiden das erste Mal getanzt haben, nicht auch in der Kirche spielen könnte? Oder sie würde ihm gerne noch einmal das kochen, worauf er sich jeden Donnerstag gefreut hat. Und ihm mit in den Sarg legen.

Trauerweide auf dem Bestattungsgelände. Foto: (c) promo

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Der Tod I

Verstorbene blieben im Bergischen früher in der guten Stube. Die war eigentlich nur für Weihnachten da. Oder wenn Gäste kamen. Sonst wurde die gar nicht geheizt.
Aber wenn die Großmutter gestorben war, dann lag sie dort mehrere Tage. Dann konnte ich hingehen und begreifen, dass da nichts Schlimmes geschah. Dass die nicht am Schlafen ist, ich also keine Angst vor dem Schlafengehen zu haben brauche. Ich konnte fühlen, wie ihre Hand kalt wurde. Aber auch, dass die Person ganz entspannt ist. Das liegt in der Natur der Sache.
Und das Haus war voll mit Menschen. Nicht so wie heute, wo das Haus plötzlich leer ist und still, und alle Angst haben, etwas falsch zu machen. Damals ist man aufeinander zugegangen, wenn jemand gestorben war. Das ist ein urchristlicher oder abrahemitischer Gedanke, das sieht man heute noch im Islam, im Judentum. Da kommen die Nachbarn, die Familie, man bringt was zu essen mit.
So war das auch hier. Und deshalb verstehen wir uns auch als Archäologen der Bestattungskultur.

Kinder sind perfekte Trauerbegleiter

Wir beerdigen, wo und wie jemand das möchte. Vor Kurzem sind wir mit einem Verstorbenen im Brauhaus gewesen zur Trauerfeier. Bei einer anderen haben die Kinder die komplette Modelleisenbahn des Vaters im Keller wieder aufgebaut.
Die Kinder vom Tod fernhalten? Halt ich wenig von. Kinder sind wie Unkraut, die wachsen und sind nicht kaputt zu kriegen, ne? Das hat meine Großmutter immer gesagt. Gut, die hat auch gesagt: Früher haben wir die Kinder auf dem Feld bekommen und dann ging die Ernte weiter.
Aber ich finde wirklich: Kinder sind perfekte Trauerbegleiter. Und sie kriegen ja sowieso alles mit. Die merken, da ist etwas geschehen. Und wenn sie nicht mitdürfen, zur Trauerfeier, dann fangen die an zu fantasieren. Was ist da passiert? Hab ich was falsch gemacht?
Ich kenne so viele Berichte von Menschen, die als Kind nicht mit der Materie in Berührung gekommen sind. Und als sie dann doch mal auf einen Friedhof kamen, mussten die lachen. Und die ganze Gemeinde guckt die dann böse an, ne? Dabei haben sie sich nur vorgestellt, was der Opa von dem Trara gehalten hätte.

Element auf dem Bestattungsgelände. Foto: (c) promo

Ich habe vier Kinder. Als mein Vater gestorben ist, haben wir ihn nochmal nachhause geholt. Und mein Zweitältester, der war damals noch klein, wäre ihm am liebsten auf die Schenkel geklettert, wie er das immer gemacht hat. Allein in den Sarg gelassen haben wir ihn nicht. Doch er hat alles da drin untersucht, ne? Irgendwann wollte er dann wieder spielen oder etwas Süßes oder was Kinder so wollen. Und später kam er auf einmal mit einem dieser Plastikpferdchen wieder, die er so gern mochte. Und hat das dem Opa dazugelegt.
Das war natürlich nicht sein eigenes, sondern das seiner älteren Schwester. Doch es war das, was er am tollsten fand. Das hat er dem Opa mitgegeben. Und meine Älteste konnte das gut zulassen. Die ging zugleich selbst sehr pragmatisch mit alldem um, das war nicht so ihr Thema. Ein Jahr später, an Karneval, sind wir mit den Kindern auf einem Wagen mitgefahren. Da hat mein Sohn alle unterhalten, mit Geschichten vom Großvater, dies und das und jenes, er hat unglaublich viel erzählt. Und meine Tochter hat weiter Kamelle geworfen. Ich will sagen: Kinder können sehr gut selbst entscheiden, wie sie mit dem Tod umgehen. Die wissen auch, wie viel sie wissen wollen. Im Zweifel fragen sie einfach nicht mehr.
Und wenn sie fragen? Antworten, und zwar nicht abstrakt, sondern direkt. Kinder sind unglaublich pragmatisch. Das gilt im Tod wie in der Liebe. Ich weiß noch, wie meine Tochter in der Schule das erste Mal etwas für einen Jungen empfunden hat. Die kam ganz stolz mit einem selbstgeschriebenen Heiratsantrag nachhause. Und dann berichteten auf einmal alle davon, selbst die Zweijährige erzählte, dass sie ein anderes Kind aus der Tagespflege heiraten wollte. Ein Mädchen übrigens.

Umgang mit Tod sollte lebendig sein

Liebe. Tod. Vielleicht noch Macht. Das sind doch im Grunde schon die großen Themen der Kunst, oder? Sehen Sie das hier an der Wand, die Bilderserie? Die hat eine Dame gemalt, während sie vier Tage am offenen Sarg Abschied genommen hat von ihrer Mutter. Und wo man am Anfang natürlich das Chaos sieht. Aber sehen Sie hier? Da kommt dann langsam die Ordnung und Struktur hinein, das ist das Begreifen. Und am Schluss ist das Porträt ein ganz anderes. Vielleicht habe ich durch den Tod ja auch nochmal einen neuen Ansatz, um zu verstehen.
Wir sind hier natürlich nicht primär Kulturschaffende, aber wir machen auch Projekte. Sie kennen vielleicht diesen Koffer für die letzte Reise? Da haben wir über 100 Menschen gefragt, was sie hineinpacken würden. Was auch immer das sein mag, die letzte Reise. Und die haben dann diesen Koffer für uns gepackt. Drei oder vier haben gesagt: Ohne etwas bin ich auf die Welt gekommen, ohne etwas gehe ich zurück. Der frühere Pressesprecher des Bistums, der hat seinen Weihekranz mit reingesetzt. Manche haben was zu essen mitgenommen, manche Bücher, einer hat die ungeöffnete Post von drei Monaten gepackt, bis hin zu Zustellungsurkunden mit Zahlungsaufforderungen, ne?
Wir glauben eben, dass der Umgang mit dem Thema Tod ein lebendiger sein sollte. Das scheint für manche widersinnig. Aber wir sind auch schon häufig von Kindern angesprochen worden, ob sie hier ihren nächsten Geburtstag feiern könnten. Was wir als großen Zuspruch empfinden, für ein Bestattungshaus.

Aus der Kunstausstellung des Bestattungshauses. Foto: (c) promo

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FREIHEIT- Die Frage nach der Mutter

«NEIN!» das hat sie tatsächlich gewagt zu sagen:

«Wohngemeinschaft?? Nein! Auf keinen Fall!!»

Stille. Totenstille. Alle im Zuschauerraum versinken in den Boden. Unter der Erde fangen sie an, grün zu werden. Vor Wut:

«Wie bitteeee? Was bildet sich das undankbare Mädchen ein? Weiß dieses kleine, freche Biest überhaupt, wie schwer es ist, eine Wohnung in Aachen zu finden?

Sie ist ein Flüchtling. Eine ohne Papiere dazu…»

Dieses trotzige Kind, das keines mehr ist, weder Kind noch eine Frau, enttäuscht uns, macht uns ratlos, ärgerlich, zwingt uns, über unsere Schatten zu springen.

Das Kind zu verstehen – ein Sprung ins All.

Ein Flüchtlingskind ohne Eltern, ohne Papiere, ohne niemanden… braucht ein Dach über den Kopf und sagt: «Neeein! Wohngemeinschaft? Auf keinen Fall!!! Punkt!»

Zahra

Dieses dickköpfige Kind aus dem Sudan, das so stachelig ist, dass sich von keinem helfen lässt, dass so kompromisslos um seine Freiheit kämpft, das sogar seine Mutter verlassen hat und dann von ihr verstoßen wurde. Dieses Kind bringt uns nun alle zum Schwitzen. Seine Vorstellungen: unrealistisch, unverschämt, peinlich.

Dieses Kind ist wie seine Mutter. Dickköpfig. Stur. Es lässt niemanden sein «Gehirn salzen», ein Wort, mit dem sich meine Mutter wehrt, wenn jemand, mich inklusive, glaubt zu wissen, was für sie, meine Mutter, am Besten wäre. Es ist wie seine Mutter, die von ihrem Kind nichts mehr wissen will, solange es nicht zu ihr zurückkehrt, so wie sie es will.

***

Zahra, 18, ist in Aachen vor zwei Jahren gestrandet. Als minderjähriges Flüchtlingskind.

Ohne Begleitung. Ohne Papiere. Ohne Aussicht auf Anerkennung. Mit Duldung.

Monatelang war das Mädchen auf der Flucht aus Afrika unterwegs. Vom Sudan durch die Sahara, Libyen, mit dem Schlauchboot nach Italien, dann weiter über Österreich und die Schweiz nach Deutschland.

Per Zufall wurde Zahra als Protagonistin für einen Dokumentarfilm entdeckt. Sie und einige andere Jugendliche aus Afrika und Asien, die als unbegleitete Flüchtlingskinder in einem Aachener Kinderheim Zuflucht fanden, bekamen sogar die Kamera in die Hand, lernten ihre Geschichten selber zu erzählen und zu drehen…

«Gemeinsam einsam», ihr Film wurde an diesem Abend in dem Aachener Gemeindezentrum St. Andreas vor einem Dutzend Gemeindemitgliedern gezeigt. Zahra steht nach der Vorführung als kleiner Star vor dem Publikum; neben Zahra auf der Bühne ihre Mentorin, Miriam Pucitta, die Initiatorin und Leiterin des Projekts und Yousseff, der zwei Jahre ältere, fröhlich strahlende Palästinenser. Die Protagonisten und die Projektleiterin antworten geduldig auf zahlreiche Zuschauerfragen. Auch auf Fragen nach der Mutter…

 Die Frage nach der Mutter

Wie ist die Lage jetzt dort, von wo sie geflüchtet sind? Und ob sie ihre Mütter vermissen würden…,  um diese Fragen drehen sich die meisten Meldungen aus dem Publikum. Viele Grauhaarige im Rentenalter, ehemalige Lehrer, Sozialarbeiter, Mitglieder der Kirchengemeinde.

„Meine Mutter wäre stolz auf mich…“

Yousseff ist mit 15 aus Palästina über die Balkanroute nach Deutschland geflüchtet und wird in Aachen seit fünf Jahren «geduldet». Alle drei Monate muss er zum Amt. Er lernt Elektriker und hat sogar seinen Führerschein geschafft, ein Auto gekauft und eine Wohnung gefunden. Auch dank des Filmprojekts. Er geht arbeiten da, wo man ihn gerade braucht. Yousseff, der Sonnenschein, hat inzwischen auch eine deutsche Freundin.

Im Film bringt er ihr bei, wie man Falafel, die Spezialität seiner Heimat, zubereitet. Er schneidet Zwiebel, sie wäscht ein Büschel Petersilie, er dünstet die Zwiebeln, sie zerbröselt trockenes Brot, er püriert das Ganze mit Kirchererbsenmehl, sie spritzt einen Schuss Milch dazu…

«Meine Mutter wäre stolz auf mich!» sagt Youssef.. Die Kamera springt auf ein kleines umrahmtes Bild auf dem Fernsehen: eine Frau im weisen Kopftuch, wohl Youssefs Mutter.

Youssef, der jüngste Sohn, das 13. Kind, vermisst seine Mutter sehr. Wenn er mit ihr telefoniert, weinen er und sie.

Zahra hört zu, trotziges Kinn, unruhiger Blick, distanziert. Sie, kein Kind mehr und noch keine Frau, bewegt sich hin und her, als ob etwas in ihr kochen würde. Sie erinnert mich an meine Mutter, wenn sie den Schmerz spürt und das nicht zeigen will.

«Ihre Mutter habe seit Oktober den Kontakt zu ihr abgebrochen!», erzählt Zahra. Und ihren Vater habe sie nie kennengelernt. Ihr Blick senkt sich zu Boden.

Mit 16 habe sie ihre Mutter heimlich nachts verlassen. Sie wollte nicht, wie sie sagt, zwangsverheiratet und die «Sklavin eines Mannes» werden, den sie nicht liebe, so wie die meisten Mädchen im Sudan das täten, und so habe sie sich auf den gefährlichen Weg nach Europa gemacht und es bis nach Deutschland geschafft… Hier habe sie eine «echte Chance». Sie lerne Deutsch, mache eine Lehre als Kosmetikerin und drehe Filme. Sie liebe Fotografie, sagt ihre Förderin, die Italienerin Miriam.

«Das alles interessiert meine Mutter leider gar nicht.» sagt Zahra. Ihre Mutter habe sie im Oktober letzten Jahres vor eine schwere Wahl gestellt: entweder komme sie, ihr einziges Kind, sofort nach Hause zurück oder sie, die Mutter, wolle von ihr, Zahra, nichts mehr wissen. Seit Oktober habe Zahra keinen Kontakt mehr zu ihrer Mutter. Sie leide wie ein Hund.

Das Publikum leidet mit. Alle stehen auf der Seite der mutigen, jungen Frau, die ihren Weg gehen will. Miriam, die Projektleiterin, unterstützt Zahra so gut sie kann, auch wenn sie ihre Mutter gut verstehen könne. Wenn ihre Tochter, die gerade 16 Jahre alt sei, so weit weg von ihr gehen würde, möchte sie sich gar nicht ausmalen, was sie tun würde.

Was darf ein Flüchtlingskind?

 Nun wird Zahra volljährig und sie muss das «sichere Nestchen», das Kinderheim, verlassen.

Sie freue sich und fürchte sich, erzählt Zahra. Seit Monaten sei sie auf der Suche nach einer kleinen Wohnung. Seit Monaten vergeblich. Langsam sei sie verzweifelt. Sie wolle nicht zurück in den Sudan, aber auch nicht auf der Straße landen, sagt sie.

Miriam, die Filmregisseurin, die Zahra und Yousseff auch privat unterstützt, nimmt das verzweifelte, einsame Mädchen in den Arm und appelliert an das Publikum. Vielleicht habe jemand eine kleine Wohnung zu vermieten, könne jemand der jungen Frau helfen.

Eine ältere Dame aus dem Publikum meldet sich, sie fragt, ob eine WG vielleicht in Frage käme. Zahra hört zu, ihr Blick wird düster, entschlossen schüttelt sie den Kopf: «WG? Nein! Danke. Auf keinen Fall!»

Das Publikum bleibt ohne Atem. Alle scheinen entsetzt zu sein. Ich, die gut integrierte Ausländerin, auch. Was in diesem Moment in unseren Köpfen so herumkreist, ist körperlich spürbar. In dem niedrigen, hitzigen Raum schwitzen alle.

«Waaas? Was will diese kleine Göre? Was bildet sie sich ein? Wie bitteeeee??? Weiß das undankbare Wesen überhaupt, wie schwer es ist, eine Wohnung in Aachen zu finden ist? Als Flüchtling? Als Flüchtlingskind? Ohne Begleitung, ohne Eltern, ohne Papiere, ohne niemanden. In einer fremden Welt?»

Das kenne ich allzu gut. Der Flüchtling ist einfach so: Selbstgefällig von Natur aus! Größenwahnsinnig! Undankbar! Er bildet sich immer viel ein, dass ihm dieses und jenes zusteht. Regelmäßig vergisst er, wer er ist, beschwert sich sogar, wenn man ihn daran erinnert: Er mag das Wort «Flüchtling» gar nicht, betont er zu oft. Als ob es jemanden interessieren würde. Lieber will er Filme drehen, studieren, dies und jenes werden, die deutschen Männer und Frauen verführen…

Was darf ein Flüchtling? Auch Filmdrehen? Studieren?

So wie ich… Ich war auch von Anfang an wählerisch, habe von mir und Deutschland ganz viel verlangt. Mit den Worten «Ausländerin» und «Flüchtling» wollte ich nie etwas anfangen. Typisch! Undankbares Ding!

Ich habe ganz andere Vorstellungen, Ansprüche, Visionen.

 Leben? Ja, leben!

Ich floh nach Deutschland kurz bevor Sarajevo die ersten Bomben erwischten und ich verlor alles: meine Stadt, meine Sprache, meine Arbeit, meine Familie, meine Freunde. Wie ein Neugeborener mit einem schweren Stein auf dem Rücken übernahm ich in einem deutschen Hotel eine neue Rolle. Die Rolle eines Zimmermädchens in einem Allgäuer Hotel. Drei Jahre lang putzte ich die schmutzigen Zimmer, saugte, wischte und spürte, wie sich der Staub auf meine Seele niederlegte. Der Rücken wurden steif, die Lungen eng, die Nächte schlaflos. Eines Tages sammelte ich meinen ganze Mut und vertraute meiner Chefin meinen heimlichen Wunsch an. Sie war entsetzt:

«Kündigen?? Studieren???? Und wovon willst Du leben??????»

Ja, leben! Ich lebe. Immer noch. Und Zahra? Sie will auch leben. Das weiß ich.

Nicht weil sie undankbar, respektlos, unverschämt ist, wie wir alle an diesem Abend – inklusive mir – denken, als sie entschlossen «WG? Nein! Auf keinem Fall!» sagt.

Zahra will leben, weil sie weiß, was sie will. Sie hat eine Vision. Ihre Vision heißt Freiheit! Für ihre Freiheit kämpft sie seit sie 16 Jahre alt ist. Sie hat alle nur denkbaren Gefahren auf sich genommen, die Wüste, Libyen, Gummiboot, Mutterentzug, Duldung, Kinderheim, Einsamkeit…

Sie will jetzt mit 18 endlich ihr Leben in ihre Hände nehmen. Ohne Kompromisse.

So wie wir alle damals mit 18. Warum sollte Zahra, das Powergirl aus dem Sudan, die allen Katastrophen mutig in die Augen gesehen hat, anders sein als wir?

Zahra liebt ihre Mutter. Sie lässt sich aber nicht von ihr erpressen. Sie hat den Mut, ihren Ideen zu folgen, auch wenn das heißt, ihre Mutter enttäuschen zu müssen, sie vielleicht für immer zu verlieren.

An diesem Abend will Zahra das Publikum nicht enttäuschen. Sie sei nicht undankbar. Sie wolle niemanden ärgern. Sie schätze es, wenn sich einer über sie noch Gedanken mache, ihr helfen wolle. Sie wolle aber keine halbe Sache machen. Sie höre ihre innere Stimme. Sie wolle ihren Weg «unerschrocken» gehen. «Um das ganze Ding zu erreichen!»

Es tue ihr sehr leid, sagt Zahra, als die peinliche Schweigeminute in dem Saal nicht mehr auszuhalten ist. Das Publikum scheint von ihrer Direktheit überrumpelt worden zu sein:

«WG? Nein! Auf keinem Fall!» Oh, Gott!

Seit zwei Jahren sei sie unterwegs, immer auf der Flucht, sagt Zahra mit einer bedrückten Stimme. Das Publikum schweigt.

Seit sie ihre Heimat, ihre Mutter, ihre Sprache, alles im Sudan zurückgelassen habe, sei sie alleine, müsse sich aber immer wieder auf wildfremde Menschen einstellen. Sie habe so viel Stress inzwischen erlebt, schlimme Dramen mitbekommen, viele Albträume, Aggressionen…

Das Publikum hört zu und schweigt.

Sie weiß, was sie will

Jetzt sei sie 18, jetzt müsse sie das Kinderheim verlassen. Sie brauche Ruhe! Einen stillen Ort, wo sie sich ausruhen könne. «Endlich!», sagt Zahra leise. Sie wolle ganz alleine mit ihrem Schmerz bleiben, weinen…

Eine Grauhaarige im Publikum nickt. Sie brauche eine «kleine, kleine Wohnung». Nur für sich. Irgendwo. Einen eigenen Platz. Ihre Stimme zittert, weicht aber kein Schritt zurück:

WG? Nein! Eine Wohnung, bitte, bitte, bitte…

——-

Meine Mutter, unsere Mütter

An jenem Abend, als ich mit den Aachener Gemeindemitgliedern von St. Andreas im Publikum sitze und den Film «Gemeinsam einsam» mit Zahra, Yousseff und Miriam sehe, kämpft meine Mutter in Sarajevo um ihren Atem. Die Hitze ist erdrückend. Tagsüber sind es 37 Grad im Schatten gewesen.

Unsere Mutter lebt seit einem Vierteljahrhundert auf Rädern. Sie packt ständig Koffer ein und aus. Sie fliegt von einem Kind zum anderen. Sie schwebe in Wolken. Ihre Kinder, Perlen, seien im Krieg zerstreut. Von Sarajevo nach Berlin, Wien, London, Köln… Ihre Aufgabe: alles zu verstehen, beruhigen, verwandeln, trösten. Ihre Kinder, Enkelkinder. Sie tut es. Jahrelang.

In der letzten Zeit wirkt sie müde,

sie brauche Ruhe.

Doch der neue Flug ist schon gebucht.

Ihre Enkelkinder warten auf sie.

Bevor sie über den Wolken schwebt,

räumt sie ihr Haus und den Garten auf.

Noch ein Fenster will sie putzen,

noch zwei Blumenbeete umtopfen

Kinderbücher für die Enkelkinder kaufen,

damit sie vielleicht die Omasprache lernen

und sie nicht vergessen.

Koffer müssen gepackt werden.

Doch die Hitze drückt.

Tagelang.

Sie habe keine Kraft mehr,

nicht mal zum Atmen.

Abschied

In der Nacht, als meine Mutter mit der Hitze in Sarajevo

um ihren Atem kämpft,

versuche ich Zahra, das Flüchtlingsmädchen in Aachen, zu verstehen.

Sie lässt mir keine Ruhe

Im Morgenrot schleiche ich mich in ihre Haut

und spüre den Schmerz der Einsamkeit.

Zahra ist müde, sie braucht Ruhe.

Zahra will keine Aufgaben mehr.

Zahra hat viel Leid der anderen gesehen,

sich immer auf anderen einstellen müssen.

Konnte nie zu sich kommen,

die Freiheit des eigenen Schmerzes spüren

Angst, hinter sich lassen,

Wüste, Gummiboot, Meer, Kinderheim vergessen.

Schreien, Schlafen, Ruhe finden.

«Kein WG! Bitte, bitte, bitte, bitte, bitte….»

Ein Schrei nach Freiheit

Nach Stille, Ruhe, Friede

Endlich.

Meine Mutter, unsere Mütter

Bevor die Sonne am nächsten Morgen kräftig zuschlägt,

klopft meine Mutter zwei Mal kräftig gegen den Heizkörper neben ihrem Bett.

Bevor die Nachbarn die Tür öffnen können,

ist sie weg.

Tot. Herzversagen, sagen die Ärzte.

Keiner von uns Kinder war dabei.

Vielleicht wollte unsere Mutter das so.

Über den Wolken schweben für immer.

Ohne Ticket, ohne Koffer, ohne Geschenke –

in der Freiheit.

 

Unsere Mutter ist gegangen wie sie gelebt hat.

Still, unabhängig, kompromisslos.

Sie habe die Lebenden und die Toten besucht,

ihr Haus und ihren Garten hergerichtet

ihr Leben von hinten nach vorne betrachtet,

ihr Leid in Geschichten und Witzen erzäht,

geweint, gelacht, sich beruhigt,

sagen die, die sie zuletzt gesehen haben

So ist sie eingeschlafen…

 

Ich bin jetzt Waise, eine Vollwaise –

ich leide, ich trauere, bin sauer, ratlos, fassungslos

Ich liebe sie, meine Mutter, bin stolz auf sie.

Ihren Trotz, ihren sturen Kopf. Ihre Unabhängigkeit.

Ich wünsche jetzt, sie wäre hier und ich wäre wärmer, stiller, geduldiger mit ihr.

Ich wünsche jetzt, sie wäre hier und sie wäre wärmer, stiller, geduldiger mit mir.

Aber dann wäre sie nicht sie, meine Mutter, und ich nicht ich, ihre Tochter…

 

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„Gemeinsam einsam“

GEMEINSAM EINSAM“ ist ein Happy Endings Werkstattfilm von und mit jungen Flüchtlingen, die als unbegleitete Kinder nach Deutschland kamen.  Ein Film über Fragen nach Liebe, Geborgenheit, Freundschaft, Träume, Beruf und auch die Frage nach der Mutter…
Demnächst läuft der Film „GEMEINSAM EINSAM“ im Rahmen von Parkflimmern im Kennedypark in der Open Air Arena der Aachener Nadelfabrik. Das Regieteam und die Protagonisten sind anwesend: Samstag, 26. August 2017 | 20:30 – 22:30  Uhr | Elsassstr 94 |Aachen 52068
Fotos:  
Miriam Pucitta (Zahra), Pasca Vretinari (Youseff) Slavica Vlahovic (Selfie mit meiner Mutter)
Links:
Miriam Pucitta
Happy Endings Film
GEMEINSAM EINSAM

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