Zur Burg

Die Vögel zwitschern, der Wald vor lauter Bäumen rauscht in der milden Sommerbrise. Ein Weg führt durch das lichte Wäldchen und über die Felder bis zur Burg – die Burg, die in der Ferne schon zu sehen ist – ihre Zinnen und Türmchen, die rotweißen Fensterläden, man kann sie bereits erahnen. Auf dem Weg fährt eine solarbetriebene Kutsche, in der ein menschliches Wesen sitzt, dessen Aussehen und Verhalten auf kein bestimmtes Geschlecht schließen lassen. Es hat den Kopf in den Nacken gelegt und schaut in die Baumkronen. Ein Eichhörnchen springt von einem Ast zum anderen über den Weg.
„Schau mal“, sagt das menschliche Wesen in der Kutsche und zeigt auf das Eichhörnchen. Zu wem es das sagt, ist unklar. Neben der Kutsche läuft ein Pferd. Das Pferd schnaubt.

Als sie den Wald verlassen und zwischen gelben Feldern und blauen Blumen herfahren, sehen sie hinter einer Biegung ein zweites Wesen den Weg entlang schlendern. Dieses allerdings sieht ganz wie ein Mann aus und es verhält sich auch so. Sobald die Kutsche das Wesen erreicht hat, bleibt sie stehen.
„Wollen Sie auch zur Burg?“, fragt das menschliche Wesen in der Kutsche.
Das, was wie ein Mann aussieht und sich auch so verhält, nickt.
„Na dann steigen Sie doch ein. Wir sind gerade auf dem Weg dorthin, und ein Stück ist es ja noch. Hier drin ist es bequemer. Sie können sich ganz aufs Gucken konzentrieren und müssen nicht noch ans Laufen denken.“

Das, was wie ein Mann aussieht und sich auch so verhält, schaut sich kurz um, dann greift es nach der Hand, die ihm das andere hinhält und steigt ein.
„Agent reist mit uns“, sagt das Wesen in der Kutsche und streichelt dem Pferdchen die Schnauze. Das Pferdchen schnaubt. Das, was wie ein Mann aussieht und sich auch so verhält, lächelt und nickt. Dann setzt sich die Kutsche langsam wieder in Bewegung.
Das Wesen in der Kutsche mustert seinen neuen Reisegefährten, seine Augen bleiben an einem Gegenstand hängen, den das, was wie ein Mann aussieht und sich auch so verhält, am linken Handgelenk trägt.
„Darf ich fragen, was Sie da Schönes haben? Ist das ein Schirm? Zeigen Sie mal. Tatsächlich ein Regenschirm. Er gewinnt seine Bedeutung durch das, wogegen er seinen Träger zu schützen da ist: Das wäre dann wohl Regen. Kennen Sie Regen? Natürlich kennen Sie Regen! Flüssiger Niederschlag, der aus der Atmosphäre auf den Boden fällt bzw. auf alles, was sich auf dem Boden aufhält. Sie verstehen. Etwas Formloses und darum Bedrohliches, das vom Himmel fällt.“
„Waaa Waaa Waaa“, sagt das Wesen, das wie ein Mann aussieht und sich auch so verhält.
„Ein sogenanntes Kulturprodukt. Meines Wissens stehen Regenschirme heute unter Naturschutz, oder Denkmalschutz. Ich verwechsle die beiden immer. Wissen Sie, ich sammle Artefakte. Mechanische Artefakte. Ich hab schon jede Menge davon zuhause.“
„Waaaaa Wa.“
„Ein Regenschirm also. Interessant. Darf ich mal?“

Das Wesen, das aussieht wie ein Mann und sich auch so verhält, reicht dem anderen Wesen den Schirm. Dieses nimmt ihn vorsichtig in beide Hände, zieht behutsam den kondomartigen Überzug ab, „Ich darf doch, oder?“, und hält sich den Schirm ganz nah vor die Augen. Es schiebt einen Finger zwischen die Halterung und den oberen Teil des Schirms, der sich nun ein Stück nach oben drückt, sodass der silberne Stiel zum Vorschein kommt.
„Hu!“, sagt es erschrocken. „Na sowas. Wie öffnet man ihn?“
Fragend blickt es das Wesen, das wie ein Mann aussieht und sich auch so verhält, an. Dieses nimmt ihm den Schirm wieder ab, löst das Bändchen, schiebt den oberen Teil hoch und öffnet ihn. Der Schirm ist hellgrün.
„Hach du liebe Güte.“
Das Wesen in der Kutsche klatscht begeistert in die Hände.
„Wunderschön, oder? Darf ich mal halten? Herrlich, wirklich! Von wann genau stammt das gute Stück?“
„Waaaa Waaaaaaa.“
„Ah ja.“
„Toll, einen Schirm hätte ich auch gern in meiner Sammlung. Wissen Sie, mein allerschönstes Stück bisher ist ein Schraubstock, er ist ganz klein, winzig. Früher hat man ihn verwendet, um kleine Dinge damit festzuschrauben, sodass sie sich nicht bewegen konnten, wenn man sie… gesägt hat zum Beispiel. Dieser Schraubstock, er ist… Wenn ich an ihn denke, wird mir ganz warm. Ich kann das gar nicht richtig beschreiben. Manchmal glaub ich fast, ich sei ein bisschen verliebt in ihn. Ist das albern?“
„Weeee wa wa.“
„Hm. Aber er liebt mich nicht zurück. Was soll man machen. Sammeln Sie auch Artefakte?“
„Waa woooo wawa wi.“
„Achso, verstehe!“

Das Wesen in der Kutsche dreht den Schirm über seinem Kopf, dann hält es ihn über das Pferd.
„Schau mal Agent, ist das nicht herrlich, wie das Licht durch das grüne… ja, was ist das? Polyamid? Wie das Licht durch das grüne Polyamid fällt? Man nennt es auch Paraplü, das Gerät, aus dem Französischen. ‚Für den Regen‘, heißt das. Heute hat der Regenschirm keine Funktion mehr, außer die natürlich, zu existieren.“
Das Pferd wackelt mit dem Kopf.
„Ich beschäftige mich gerne mit historischen Dingen, Artefakte. Ich untersuche, wozu bestimmte Artefakte früher gebraucht wurden. Regenschirme zum Beispiel, Schraubstöcke, Balkontüren, Waffeleisen, solche Dinge.“
„Wuuuuuuuuu.“
„Ja genau, das auch.“

Das Wesen in der Kutsche gibt dem Wesen, das wie ein Mann aussieht und sich auch so verhält, den Schirm zurück, beugt sich über den Rand des Wagens und lässt den Blick blinzelnd über die Felder streifen.
„Oh schauen sie mal, eine Gruppe Feldsängi! Da hinten.“
Es zeigt auf eine Gruppe menschlicher Wesen, die ein Stück weit entfernt am Feldrand stehen und singen. Manche halten dabei die Hände in die Höhe. Es klingt als würden sie in mehreren Stimmen und Sprachen gleichzeitig singen.
„Sie besingen die Ernte und schwören ihr, dass sie sie lieben und schätzen werden, egal wie reichlich sie ausfallen wird. Eine regionale Tradition. Aber ich hab schon lange keine mehr hier gesehen. Oh, und sehen Sie mal da.“
Es streckt den Arm aus und zeigt in die Richtung der Sänger, von denen einer nun vortritt und einen ulkigen Tanz aufführt, wobei er seinen Körper als Percussion verwendet.
„Eina Tänza! Wie toll sa das macht, oder? Früher habe ich auch pflanzgetanzt. Roggen war meine Spezialität und alle Arten von Farnen. Haben Sie auch mal getanzt?“
„Wuwuwuwuwu.“
„Schön! Bald ist ja übrigens auch wieder der Oelder Pfingstenkranz. Wenn Sie dann noch hier sind, sollten Sie sich dieses Spektakel nicht entgehen lassen. Alles tanzt da und singt auf den Feldern und in den Straßen – zu Ehren und zum Dank der vielen herrlichen Pflanzen.“

Sie fahren nun an den Sängern und Tänzern vorbei, die ihnen zuwinken und in die Hände klatschen.
„Weiter so, weiter so“, ruft das Wesen begeistert.

„So, gleich sind wir da. Ich weiß noch nicht, wie lange Agent und ich bleiben, aber wenn Sie wollen, können Sie natürlich auch wieder mit uns zurückfahren.“
„Wü.“
„Ok. Natürlich.“

Die Kutsche fährt nun etwas langsamer. Sie nähert sich der Burg, die wirklich sehr groß und imposant ist. Das Pferd Agent läuft nun vor der Kutsche, da der Weg zu schmal ist für Tier und Gefährt.
„Wir müssen noch hier rumfahren, um die Kutsche zu parken. Sie können gerne an dieser Stelle schon aussteigen, dann müssen Sie nicht alles wieder zurücklaufen.“
Das Wesen, das wie ein Mann aussieht und sich auch so verhält, steht auf und springt vom Wagen. Dabei hebt es eine Hand und ruft „Wöööööööö.“
Das andere Wesen hebt ebenfalls eine Hand.
„Gern geschehen! Machen Sie es gut.“
Das Pferd schwenkt den Kopf.

Dann biegt die Kutsche auf einen Seitenweg ab, der zum Parkplatz führt, während das Wesen, das wie ein Mann aussieht und sich bisher auch so verhalten hat, auf dem Hauptweg weitergeht, immer schneller wird, zu rennen anfängt, und sich dann kurz vor der Gräfte ganz und gar geräuschlos, ohne Puff, in eine Wolke feinster Teilchen auflöst, die, zu erkennen nur noch als sanfter Regenbogen-Schimmer, erst in die Höhe und dann um die Burg herum durch eines der geöffneten Fenster fliegt.
„So nett, hm?“, sagt das Wesen, steigt aus der Kutsche und tätschelt das Pferd.
„Absolut“, sagt das Pferd.

Mehr von Charlotte Krafft

Die Stadt der Utopisten

Utopist, der
Wortart: Substantiv, Maskulin
Bedeutungsübersicht: Jemand, der utopische Pläne und Vorstellungen hat;

Synonyme: Anarchist, Revolutionär, Schwärmer, Träumer, Fantast

Man muss schon sagen, ginge es nach dem Duden, spricht nicht allzu viel für das Dasein eines Utopisten. Er oder sie, werden dem Fantasten gleichgesetzt, einem Menschen, der zwischen Wirklichkeit und Wunschvorstellung nicht unterscheiden kann. Die Anzahl eben dieser sollte man möglichst klein halten, zum Beispiel mit der Schultüte. Ach, die Schultüte, wie könnte es passender sein, ein Trichter. Erst kommen noch ein paar Süßigkeiten, doch schon bald wird der Geist mit der Realität zwangsernährt.
Davon lassen sich die Wuppertaler nicht beeindrucken, sie beweisen, dass aus dem Spagat zwischen Wunschvorstellung und Realität erst eine Utopie und dann Tatsachen werden können.

Beweisstück A: Bahnhof Wuppertal-Mirke. 1882 erbaut und auch heute noch schön wie eh und je. Selbstverständlich mit typisch Bergischer Schieferfassade. Das der Bahnhof in diesen Tagen genutzt wird, ist jedoch nicht selbstverständlich, gut 20 Jahre stand er leer.
Wir betreten die Eingangshalle und stoßen auf den Charme jener Industriellen Revolutionsjahre, doch kein Mensch wartet hier auf einen Zug, höchstens auf den Kaffee. Gehen wir einmal quer durch den Raum und raus auf den Bahnsteig.

Beweisstück B: Die stählernen Dampfkolosse wurden längst durch zweizylindrige Drahtesel ersetzt. Die Nordbahntrasse, ehemals Verbindungsglied zwischen Düsseldorf und Dortmund, lag ebenfalls lange brach. Solange bis die Wuppertaler das Zepter in die Hand nahmen. Aus einem 23 Kilometer langen Abschnitt der stillgelegten Bahnstrecke wurde in Wuppertal ein Radweg, Mensch und Natur sind hoch erfreut. Hefeweizen und Schweiß statt Kohle und Wasserdampf.

Wuppertal mit Volldampf in die Zukunft? Es scheint fast so, die Utopisten sind los und machen ihrem, in Verruf geratenem Namen, alle Ehre.

Zunächst jedoch ein kleiner Rückblick in die Vergangenheit: Ein jeder weiß über die Textilindustrie Wuppertals bescheid, die es zum „Manchester Deutschlands“ machte. Hervorzuheben ist dabei vor allem der Wuppertaler Johann Gottfried Brügelmann, jener Herr, der bereits im 18. Jahrhundert das Potenzial maschineller Produktion erkannte und einen Freund zum Spionieren nach England schickte. Der Rest ist Geschichte, in Ratingen erfolgte das Copy-Paste-Verfahren, die erste Webmaschine auf europäischem Festland und ein Grundstein für die Industrielle Revolution war gesetzt.
Als diese gut fünf Jahrzehnte später in vollem Gange war, kam ein anderer Wuppertaler mit einer ganz anderen Sicht der Dinge. Kein Geringerer als Friedrich Engels sah die Schattenseiten einer auf Effizienz und Wachstum basierenden Produktion der Maschinen und schrieb mit seinem Kumpel Karl Marx eine der berühmtesten Utopien: jene zur klassenlosen Gesellschaft. (kurz gesagt wollten die beiden Fischen, Jagen und Viehzucht betreiben, ohne überhaupt etwas davon gelernt zu haben.)

Und jetzt spannen wir einen Bogen von Brügelmann und Engels zum Mirker Bahnhof? So ist es! Denn dieser wurde durch den 2011 gegründeten Verein «Utopiastadt» mittels Spenden, wie Fördergeldern revitalisiert und zum Treffpunkt für kreative und kulturelle Stadtentwicklung gemacht. Die Mitglieder beschreiben den Ort nun als ein «Stadtlabor für Utopien», ebenfalls mit dem Namen «Utopiastadt».
Ähnliches geschah mit der bereits erwähnte Nordbahntrasse durch den Verein «Wuppertal Bewegung».

Bevor sich diese Bürgerinitiativen dem Mirker Bahnhof und der Trasse angenommen hatten, stand das Gebäude brüchig und leer in der Gegend herum und die Gleise nicht zu gebrauchen. Die Industrialisierung hat sich selbst den Schwanz abgebissen, Europa hat bezüglich Textilindustrie gewissermaßen den roten Faden verloren.
Die Zeit war also mehr als reif für Utopisten und diese haben allerhand innovative Ideen für die Zukunft:
Hier gibt es Atelier- und Agenturräume, eine Gemeinschaftswerkstadt, Fahrradreparatur und kostenloser Verleih, ein Stadtgarten statt Betonwüste und flexibles Co-Working statt nine-to-five in der Großraumbürozelle. Man schreibt sich Nachhaltigkeit, Ökologie und Ökonomie auf die Fahne, legt Wert auf bürgerliches Engagement und nicht zuletzt: kulturelle und politische Mitgestaltung. Ein Stadtlabor für Utopien eben.

Stadtgarten des Vereins Utopiastadt ©DMW

Der dringenden Bedarf an Menschen, die sich ehrenamtlich für unsere Zukunft engagieren, wird insbesondere dann sehr deutlich, wenn wir uns die vermeintlichen Utopien der heutigen Zeit anschauen: beispielsweise jene der Wirtschaft, des kalifornischen Silicon Valley, das drauf und dran ist, die Industrielle Revolution in den fünften Akt zu befördern, wobei noch nicht ganz entschieden ist, ob es sich um ein Drama oder eine Komödie handelt. Oder den ganz offensichtlichen Mangel an Utopien in der Politik, die vor lauter Bäumen den Wald nicht mehr sieht und eben diesen kurzerhand abholzt.

Und während wir, als Folge der rasenden Geschwindigkeit, mit der die Erde in diesen Tagen rotiert, in eine eigenartige Schockstarre fallen, packen die Wuppertaler es an. Bemerkenswert. Utopien sind vielleicht wichtiger denn je, denn nehmen wir das Träumen nicht in die Hand, geben andere die Richtung vor, und im Nachhinein beschweren nicht nur zwecklos, sondern fahrlässig.
Also los geht’s: Suchen Sie sich gefälligst Ihre eigene Utopie!


*Brügelmann und Engels stammen aus verschiedenen Stadtvierteln Wuppertals, die damals noch nicht zueinander gehörten und, worauf  ich aufmerksam gemacht wurde, einander nicht sehr nahe standen. Stadtviertelgrenzensprengung: Meine Utopie.
Die beiden bleiben Wuppertaler für mich. Genauere Angaben finden Sie auf Wikipedia und co.. 🙂

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