21:46 Uhr, Ruhrorter Hafenfest

In kurzen, zeitlichen Abständen sind von verschiedenen Ausflugs- und Restaurantsschiffen auf Rhein und Ruhr folgende Songs zu hören: „Sexy“ von Marius Müller-Westernhagen (3x) und „Männer“ von Herbert Grönemeyer (2x). Neben dem Steuermann der „Oskar“ stapelt sich jüngere Popmusikgeschichte im CD-Format, „Happy“ von Pharell Williams liegt oben auf.

Die Hafenrundfahrt mit der „Oskar“ wird vom Wetter diktiert. Unter dem Düsterhimmel wecken die Lichter der Fahrgeschäfte an Land Begehrlichkeiten. Die Fahrrinne ergibt sich aus den Choreographien winkender Menschen. Aus dem Funk der „Oskar“ kratzen stakkatohaft Standortangaben und Einschätzungen über Gemüts- und Feier-Zustände anderer Passagiere.

Ein Moment der Überraschung entsteht, als das Ausflugsschiff mit dem Bug voran auf ein Restaurantsschiff zuhält. Hier dockt die „Oskar“ an, denn es regnet in Strömen. Auf der Kommandobrücke wird es gemütlich, es gibt Kaffee, Bier und die Blicke der anderen. Gegenüberliegend werden Container still verladen; „Schöne Atmo“, sagt einer.

Als der Regen nachlässt, schunkelt die Mannschaft zu seichten Wasserbewegungen und „It Ain’t Over Till It’s Over“ von Lenny Kravitz zur Friedrich-Ebert-Brücke und dem dort angekündigten Feuerwerk mit „brennendem Wasserfall“. 22:20 Uhr

 



>Ruhrort, Schimanski und das Hafenfest<

Plötzlich da: Schnappschuss im Hafen. ©mhu
Plötzlich Zaungäste: Schnappschuss im Hafen. ©mhu
Ruhrort ist ein rechtsrheinischer Stadtteil von Duisburg. Das ist wichtig zu wissen, denn nicht nur in Köln unterscheidet man zwischen rechts- und linkrheinisch. Ruhrort ist auch einer der kleinsten Stadtteile von Duisburg. Da wirkt der Superlativ „größter europäischer Binnenhafen mit weltweiter Bedeutung“ gleich doppelt so imposant. Und wenn man dann zu hören bekommt, dass Ruhrort für immer Schimanski-Land und deswegen Pott pur sein wird, ist das mit dem Staunen auch ganz leicht. Natürlich alles verbunden mit einer Prise schwarzen Humors und augenzwinkernder Heimatliebe.
Die Schiffsparade auf Rhein und Ruhr inklusive halbstündigem Feuerwerk ist im Übrigen ein Eröffnungshighlight des Ruhrorter Hafenfestes, das in diesem Jahr zum 24. Mal veranstaltet wurde. Die „Oskar“ ist ein Eventschiff mit verschiedenen Tourangeboten und unterhaltsamer Mannschaft.

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18:42 Uhr, Bochum Südring Ecke Viktoriastraße

Die Massen waren einmal, es ist Sonntagabend und zwischen den Ständen liegt der Müll. Der letzte Festivaltag wird noch einmal begangen, weil „Moop Mama, halt.“ – „So ein Quatsch! Weil: Carpark North! Und Staubkind!“ – „Alter, hört ma‘ auf. Auf leeren Magen streit ich nich. Wo gibbet hier Eis?“ Vor den Bühnen sammeln sich die Leicht- und Einhornbekleideten. Am Südring und in den Seitenstraßen stehen auf den Bordsteinen die Volksfest-Büdchen. Lange Warteschlangen bilden sich vor den Airbrush-Tattoo-Ständen. Schilder versprechen eine Haltbarkeit von drei Wochen, die Motivauswahl gestaltet sich bei vielen als schwierig. Erstens richtet sich der Preis des Tattoos nach dem Grad der Detailliertheit und zweitens ist da noch die Frage, wohin mit der komprimierten Farbe. Ein Mann, Mitte bis Ende Zwanzig, entscheidet sich für eine Stelle oberhalb der linken Brust. Dafür knöpft er sein Hemd auf. Rasiert ist er nicht. An einem anderen Stand hat ein zierlich anmutendes Mädchen ihren Fuß zwischen den Oberschenkeln der Airbrush-Tätowiererin platziert.

An der Viktoriastraße Richtung Königsallee findet sich auf der rechten Seite der König-Pilsener-Stand. Einem Mini-Biergarten gleichend wird unten das Bier ausgeschenkt und oben gesungen. „Wie auf’m Ballermann“, erklärt ein Vorübergehender einem Jugendlichen die Anordnung. Auf dem Containerdach steht ein Mann, der sich „Burkhard aus Duisburg“ nennt. Er singt Schlager – ob gecovert oder selbst geschrieben, ist nicht herauszuhören. Eine Frau steht vor dem kleinen Biergarten und hält ihr Handy nach oben. Burkhard aus Duisburg hat sonst kein Publikum.

Die Gespräche im Bermuda3Eck halten sich in Grenzen. Vorwiegend sucht man sich gegenseitig. Eine junge Frau etwa hält in der rechten Hand ihr Handy ans Ohr, in der linken hat sie einen blauen Becher, den sie in die Höhe hebt. „Links. Links. Links“, sagt sie. Und: „Verdammt, ich bin hier links.“ Sie steht zwischen zwei Getränkewagen auf einer freien Fläche zwischen den Fahrbahnen. Diese Information teilt sie ihrem Gesprächspartner nicht mit.

Ein anderer kramt aus seiner Hosentasche sein Smartphone, es vibriert. Er schaut auf den Display, seufzt und sagt: „Oh, Hase. Das kann doch nicht so schwer sein.“ Er hebt ab und navigiert: „Ich seh dich, komm rüber.“ Ein Mann, Mitte Zwanzig, kommt verschmitzt lachend auf ihn zu.

Der Rasenstreifen, der die Fahrbahnen der Viktoriastraße voneinander trennt, ist beliebter Ruhe-Ort. Nebeneinander aufgereiht stehen die Bierbänke und sitzen die Menschen auf dem Boden. Manch einer hat eine Decke mitgebracht, es wird von den Ständen rundherum Essen und Getränke angeschafft. Ein jeder hört eine andere Musik, das Genre ändert sich je nach Himmelsrichtung.

Vor der WDR1Live-Bühne ist es am vollsten. Carpark North spielt noch, danach kommt Moop Mama. Ein älteres Pärchen steht am rechten Rand der Bühne. Er ist in Teilen graumeliert, sie gewichtig. Er will diese Band hören, sie nicht. Während er mit leuchtenden Augen immer wieder nach vorne zieht – ein Schritt, dann noch einer – entfernt sie sich im gleichen Rhythmus von der Bühne. Nach drei Schritten ist der Abstand zwischen den beiden wohl zu groß. Er besinnt sich, tritt vier Schritte zurück, sie kommt ihm einen halben entgegen. So entfernen sie sich kontinuierlich vom Spektakel. Wenig später rappt Moop Mama: „Bochum ist ein guter Standpunkt – weit genug weg von Dortmund und Köln.“ 21:13 Uhr


>Bochum Total<
Hände und Einhörner. ©mhu
Hände und Einhörner. ©mhu
Ein bisschen hat es etwas mit den Ferien in Nordrhein-Westfalen zu tun: Etwa eine Woche vor den Sommerferien steht das knapp 365.000 Einwohner starke Bochum in der Regel vier Tage lang Kopf. Seit 1986 gibt es das Umsonst- und Draußen-Festival im Bochumer Bermuda3eck (ein Bereich in der Nähe des Hauptbahnhofes, der mit einer hohen Dichte an Clubs, Bars und Kneipen aufwartet und dessen Name wohl Programm ist). Von Studierenden ins Leben gerufen, erinnert Bochum Total heute eher an ein Volksfest. Gute Bands kommen trotzdem. Und die Stimmung ist top.

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