Tag der Wahl

Ort: Münster | Datum: So, 24.09.2017 | Wetter: diesig bis sonnig, 13°C

Es ist Sonntag. Um kurz vor 7:30 Uhr brennt im Foyer der Grundschule Licht. „Herzlich Willkommen“. Die Tür ist geöffnet. Hier treffen heute drei Wahlbezirke Münsters aufeinander. In meinem Wahlbezirk sind wir sechs WahlhelferInnen. Drei für die erste, drei für die zweite Schicht. Wir begrüßen uns, stellen uns kurz vor, werden auf einer Liste abgehakt. Alle da. Wir werden belehrt. Keine Parteinahme während der Ausübung des Ehrenamts. Keine Parteisymbole auf der Kleidung. Ich schaue an mir herunter: grauer Pullover, blaue Jeans. In Ordnung.

Wir bereiten das Foyer für die Wahl vor, kleben eine Karte der 334 Wahllokale Münsters an die Backsteinwand, neben die Klassenfotos der GrundschülerInnen. Stadtbezirke, Wahlbezirke, Standorte der Wahllokale. Die grauen Straßen werden von blauen Linien durchschnitten, die sie in gerade und ungerade Hausnummern, stadtein- und stadtauswärts teilen. Je näher der Blick zur Kartenmitte, zur Altstadt, wandert, desto mehr blaue Cuts, desto mehr rote Punkte. Überwiegend sind Schulen die Orte der Wahl.

Außerdem hängt aus: ein Muster des Stimmzettels „für die Wahl zum deutschen Bundestag im Wahlkreis 129 Münster am 24. September 2017“. 13 Wahlmöglichkeiten für die Erststimme. In Schwarz. 23 Wahlmöglichkeiten für die Zweitstimme. In Blau. Auf Recycling-Papier. Hinter der kleinen Holzbühne an der Wand des Foyers hängen papierne Schuhe an einer Leine, alle gleichförmig. Aber jeder anders bunt bemalt. Davor stehen heute die Wahlkabinen. Auch in ihnen aufgehängte Zettel. Sie fordern dazu auf, keine Selfies mit ausgefüllten Stimmzetteln zu machen.

Um Punkt 8:00 Uhr betreten die ersten Wahlberechtigten das Foyer. Eine junge Frau und ein älteres Paar. Auch ich gebe meine Stimmen ab und mache mich dann vorerst auf den Heimweg. Über 40% meines Wahlkreises haben in den letzten Wochen bereits per Briefwahl gewählt. Viel Andrang wird demnach nicht mehr erwartet. Als ich zu der Nachmittagsschicht zu 13 Uhr zurückkehre, drängen sich bereits über drei Zeilen auf der Strichliste – die Anzahl der abgegebenen Stimmzettel. Noch weitere fünf Stunden sind die Wahllokale geöffnet.

Die älteste Wählerin an diesem Nachmittag ist 94, sagt mir ihre Begleitung. Außerdem eine Erstwählerin, wie mir deren Begleitung ebenso stolz verkündet. Ganze Familien gehen wählen (bis zum Alter von sechs Jahren darf man mit in die Wahlkabine), dazu Kinderwagen, Laufräder und Kick-Boards. Einige Kinder ziehen ihren Anhang hinter sich her, zeigen auf Gebasteltes. „Das hab ich gemacht!“ Eine ältere Dame glaubt, in der Gummibärenmischung auf unserem Tisch zeichne sich bereits „rot-grün“ ab. Ich sitze an der Urne und zähle die Stimmabgaben. Bedanke mich für jeden eingeworfenen Wahlschein. Ein paar bedanken sich auch bei mir.

Wie das für uns ist, fragt ein älterer Herr, bei einer Wahl zu helfen, bei der man die AfD wählen könne. „Wir sind unparteiisch“, entgegne ich.

Als ich gegen 18:00 Uhr den letzten Strich auf meiner Liste mache, waren es 528 Wählende. In Anzug, Abendkleid, Fahrraddress oder Jogginghose. Eine Wahlbeteiligung von über 80%. Ein gutes Gefühl. Je mehr, desto besser, desto demokratischer, denke ich. Die Auszählung findet öffentlich statt. Die Tür zum Foyer bleibt die ganze Zeit geöffnet. Die Öffentlichkeit scheint die Ergebnisse allerdings von zuhause aus zu verfolgen. 528 Stimmzettel. Das Auseinanderfalten der Stimmzettel erinnert mich an das Auseinanderfalten von Losen auf der Kirmes.

Fast zwei Stunden sortieren und zählen wir aus. Erst die übereinstimmenden Erst- und Zweitstimmen, dann die Zweitstimmen, dann die Erststimmen. Jede Zahl wird gegengeprüft. Wird in eine Liste eingetragen. Gestapelt, in Umschläge gepackt und versiegelt. Per Telefon werden die Ergebnisse durchgegeben, bevor alle Dokumente direkt zur Stadt gebracht werden. Die leeren Urnen werden später abgeholt. Stühle und Tische werden zusammengeräumt. Als die Auszählung beendet ist, lese ich die ersten Nachrichten von Freunden. Als ich gegen 20 Uhr zuhause bin, schalte auch ich die Nachrichten ein.

Mehr von Claudia Ehlert

Qual der Wahl

Müsste, pardon, dürfte ich in Deutschland wählen, müsste ich am kommenden Sonntag tapfer sein. Verkatert aus dem Bett kriechen, mich im Spiegel gar nicht anschauen, ohne mir Wasser ins Gesicht zu spritzen, ohne Frühstück, ohne Gewissensbisse, einfach geradeaus, ohne Umwege zur Wahlurne marschieren und meine Stimme dem kleinsten Übel abgeben. Fertig.

Mitgefühl wählen? Why not?

Von kleinen und großen Übeln

Eine Woche vor dem Tag D. fliegt die flache grüne deutsche Landschaft vor meinen Augen in Zuggeschwindigkeit an mir vorbei. Ich sitze in der ersten Klasse der Regiobahn (dank der Großzügigkeit des „AVV„), fahre aus dem Heinsberger Land nach Aachen und studiere die frisch aufgenommenen Fotos in meinem Smartphone: Wahlplakate mit vielen Sprüchen unter dem bleigrauen Himmel von Übach-Palenberg, der Stadt mit dem „spröden Charme“, wie sie mein ortskundiger Begleiter nennt. Diese muss eine Qual für meine deutschen Freunde sein, die jetzt wählen müssen, pardon, dürfen:

Ins Neuland, mit Kai, dem Piraten?

Das schöne an den Wahlen sind die kleineren Übel. Sie sagen: „Freu Dich aufs Neuland! Für Freiheit! Für Sicherheit! Für Dich!“ – wie mich ein Babyface von Piraten anlächelt: „Barrierefreies Netz überall!“

Klingt tausend Mal besser als „Grenzen sichern“! Fast so gut wie: „Mitgefühl kennt keine Obergrenze! Wählt Menschlichkeit!“, ein schöner Spruch, den ich am Tag davor in der westlichsten Stadt Deutschland, in „Übach-Palenberg“, an der Eingangstür der örtlichen Caritas registriere.

„Mieten, die bezahlt sein müssen“, „Die Linken“ scheinen zu wissen, was ihre Wähler am meisten kratzt. Wie sie aber den Mieten-Wahn in den Großstädten stoppen wollen, sagen sie nicht.

Netze überall! Mieten zahlen überall!

Drei Meter über die Erde hängen die AfD-Sprüche auf den düster blauen Plakaten, die in das Bleigrau des Himmels über Übach-Palenberg  übergehen: „Deutsche Grenzen sichern!“, „Schuldenunion stoppen!“,  „Asylchaos stoppen!“

   

Oh, Gott! Grenzen! Stoppen! Deutschland! Deutschland! Fast überall! Wo ist da die Alternative? Mut für Deutschland? Was ist mit dem Rest der Welt? Die deutsche Grenzen sichern? Wo? Gleich hier in Übach-Palenberg beginnen? Am ungeschützten Grenzübergang zu den Niederlanden? Wie stoppen? Mit Waffen?

Wer ist der kleine „man“, der alles kann?

„Kinderarmut kann man klein reden. Oder groß bekämpfen!“, darum Grün! Schöne grüne Sprachspiele mit dem Modalverb „kann“, das weder verspricht noch verpflichtet. „Oder“? Darum weiter!

„Damit die Rente nicht klein ist, wenn die Kinder groß sind“. Die Sozialdemokraten haben ihre Gerechtigkeitsthemen gefunden.

Mehr Gerechtigkeit, weiter mit Angela?

Damit sie mit Angela, sie strahlt mit einem unwiderstehlichen Lächeln von den riesigen Plakaten „ Erfolgreich für Deutschland!“ in den nächsten vier Jahren regieren können? Pardon, wollen, sollen, dürfen…?

***

Stammtisch-Probe-Sitzen im Wunderland

Wen werden die beiden deutschen Männer, die nicht unterschiedlicher sein können, wählen, die an meinem ersten „Stammtisch im Wunderland“ , einer Art wandernder Installation, mir zu Probe saßen? Es ist drei Monate her, die Nacht als ich meine Koffer nach Aachen gepackt habe.

Mein Gatte, ein frisch getaufter Genosse, der von seiner ersten Parteisitzung zurückkommt und mit mir bei einem Bier aufgeregt „The Wind of Change“ besprechen will, hat gar keinen Bock auf die beiden wildfremden Männer, die sich zu uns setzen. Ich habe sie angelächelt, aus Versehen, sie mit zwei Witzfiguren aus meiner Heimat verwechselt. Einer, groß, gebückt, unglückliche Augen, leidend unter Trennungsschmerz, wie ich nach exakt einem Bier von ihm persönlich erfahre. Seine peruanische Frau habe ihn, den Pendler zwischen Köln und Aachen, verlassen, weil sie auf ihn nicht mehr alleine zuhause in Köln warten wollte. Sein alter Kumpel aus der Schulzeit, der früher den Balkan als Freiheitsraum und Fluchtort für sich entdeckt hatte, hat die Ehre mit seinem untröstlichen Freund von einer Kneipe zu anderen zu ziehen. „Dat Bier hilft immer!“, meint der Tröster, „Hanni“, wie er sich vorstellt. Er, der ewige Single im 35. Semester Griechisch, Bulgarisch und Rumänisch. Zur Zeit stemple er beim „Onkel Harz 4“, bestellt uns alle eine Runde des dunklen wilden „Exoten“ aus Tschechien, original Prager Bier.

Sex und Religion

Der Tscheche aus der Flasche macht aus uns Experten für alle wichtigen politischen Fragen der Zeit. Hanni stürzt sich auf Angela, „den Mafiaboss mit mädchenhaftem Lächeln, die ihre Feinde meisterhaft verschwinden lässt“. Mein deutscher Mann lobt Martin, den Messias, mit dem er nicht nur die Partei, sondern auch die Gerechtigkeit in Deutschland retten will. Merkel könne mit Kritik umgehen, meint er, weil „sie die Kritik umgeht“.

„Vergiss es!“ sagt der kleine dicke Hannes abwertend.

„Gerechtigkeit ist mit DER Partei nicht mehr zu holen.“

Hannes ganze Familie habe traditionell seit Jahrzehnten Rot gewählt, jetzt seien sie aus Protest und Wut alle ausgestiegen.

Wohin seien sie übergelaufen, will ich fragen, beiße mir aber auf die Zunge. Wählen ist eine zu private Sache, erinnere ich mich. So wie Sex und Religion…

Der traurige Manni will sich irgendwie auch an der Diskussion beteiligen und entlarvt Erdogans Wirtschaftswunder. Ohne Deutschland hätte der „Sultan“ gar keine Chance am Bosporus gehabt, sagt er.

„Dank den anatolischen Türken in Deutschland, die hier von Harz IV leben, kann Erdogan jetzt sogar die Todesstrafe einführen“, fügt Manni hinzu: „Ja, das schaffen wir auch noch!“ sagt Hanni. „Ganz alleine… ohne Putin und Donald“.

Die bosnische Lösung

Ich will die ernsthaften Männergespräche ein wenig dämpfen und erzähle einen Witz von Mujo und Haso, die beiden Bosnier, an die ich gerade dachte als Manni und Hanni hereinkamen und ich sie anlächelte.

Die Lage in Bosnien – Arbeitslosigkeit, Armut, Korruption – Mujo und Haso zerbrechen sich gerade den Kopf, wie sie ihr Bosnien retten könnten: Haso dreht den Kopf besorgt: „ …zuerst gab es den blöden Krieg, dann kam die Privatisierung, nun müssen wir mit dem brutalen Kapitalismus klar kommen..!“ Mujo streicht sich mit dem Zeigefinger über die Lippen:

„Ach, vielleicht gibt es eine Lösung…“ sagte er.

„Welche?“

„Ein Krieg könnte uns retten! Einer gegen Amerika.“

„Was? Bis Du irre? Ein Krieg gegen die Supermacht der Welt??“ protestiert Haso.

„Genau! Deswegen!“ sagt Mujo. „Gewinnen wir den Krieg gegen diese Supermacht, werden wir Amerika! Verlieren wir ihn, werden wir es auch!“

Die drei deutschen Männer lachen zögerlich über die seltsame Logik der beiden Bosnier und ich glaube, ich muss einen besseren Witz erzählen und bin schon bei dem Cheffe und seiner Muse, Donald und Melania, dem Schreckenspaar aus dem weißen Haus, meinem neuen Albtraum und dichte einen alten Mujo-Haso-Fata-Witz um.

Diagnose: Love, Donald 

„Melania leidet, isst kaum noch, wird immer dünner, schaut traurig, geht von Arzt zu Arzt, doch alle Befunde scheinen in Ordnung zu sein. Als sie von einem Frauenarzt untersucht wurde, will der Arzt unbedingt Donald, ihren Ehemann sprechen:

‚Donald, Ihre Frau ist, wissen Sie, eigentlich gesund’. Pause. Langer Blick. Einfühlsame Stimme. Die Diagnose: Melania braucht Love, ein bisschen Liebe, Zuneigung, Zärtlichkeit, Sex!’

Donald verkrampft sich, schaut mürrisch, sagt nichts, geht raus. Im Wartezimmer sitzt die traurige Melania, knetet ihre langen Finger nervös und fragt: ‚Donald, was hat der Arzt gesagt?’ ‚Nix Gutes!’ meint der mächtigste Mann der Welt. ‚Dir ist, Melania, nicht mehr zu helfen…!“

Ich lache alleine. Die deutschen Männer an meinem Stammtisch sagen „ha-ha-ha“. Meinen bosnischen Humor verstehen sie nicht. Es ist spät, aber sie geben noch einmal alles und setzten ihre ernsthafte, deutsche Analyse fort:

„Schuld an Donald sei das System“, sagt mein deutscher Mann. Das Wahlsystem sei in Deutschland besser als in den USA. „Hillary hatte mehr Stimmen. Eine Millionen mehr…“

„…aber was macht den Unterschied…“, sagt Hannes. „Donald oder Hillary ?… Alles gleich..!“

„Alles gleich???“, regt sich mein deutscher Mann auf. „Wie meinst du das?“

Verschwörungstheorie 

Donald sei eine Witzfigur in den Händen der Weltwirtschaftsmafia. Amerika stecke in den Händen gefährlicher, dunkler Mächte. Donald sei wie Hillary. Ohnmächtig dagegen. Auch er werde von „den dunklen Mächten“ regiert. „Den Drahtziehern!“, so Hannes Theorie.

Manni, der Wirtschaftsexperte, sagt nichts. Er nickt brav vor sich hin. Ob er genau hört, was sein Freund sagt, oder noch in Peru nach seiner Liebsten sucht, die auf ihn nicht jeden Tag warten wollte und in ihre Heimat floh, ist nicht klar.

„Unsinn!“, höre ich meinen deutschen Mann protestieren. „Verschwörungstheorien!“ sagt er. „Wer sind die dunklen, geheimen Mächte?“ fragt er völlig aufgeregt. „Wer???“

„Das kann ich Dir, mein lieber Freund, nicht einfach so sagen. Es ist zu gefährlich!“ flüstert Hannes und kippt den letzten Tropfen des fünften Bieres hinunter.

„Ach, gefährlich? Für wen gefährlich? Was sind das für geheime Mächte! Wer? Sag!“

Hannes dreht feierlich den Kopf.

„Das kann ich leider nicht sagen…“, wiederholt er

Hahn & Hase

In meinem Kopf dreht sich alles vom Bier, lauten Männerstimmen und Stammtischverschwörungen. Ich will nach Hause gehen. Ich will die ganze Bierphilosophie beenden und höre mich sagen:

„… Nicht Juden etwa…oder meinst Du es vielleicht doch?“

Hannes schaut mich verblüfft an, wendet sich zu Manni:

„Siehst Du…?“

Meine Antwort scheint ein Volltreffer zu sein.

„Ach, die Juden und die Weltwirtschaftskrise? Das hatten wir schon mal! Damals in…“, höre ich meinen deutschen Mann protestieren.

„Ja, auch heute in Deutschland regieren sie im Hintergrund!“ sagt Hannes.

„Blödsinn!“ explodiert mein deutscher Mann.

In Deutschland erkenne man sie heute noch an ihrem Namen. „Sie heißen Hase, Fuchs oder Hahn“.

Ich muss laut lachen. Die mütterliche Seite der Familie meines deutschen Mannes heißt tatsächlich Hahn. Und er isst am liebsten bei einem „Hasen“ in Köln.

„Also, so wie wir…! Mein deutscher Mann kommt von einem Hahn… Und ich bin ein Hase“, höre ich mich rufen.

Hannes bekommt große Augen. Mein deutscher Mann springt vom Stuhl und geht. Ohne sich zu verabschieden. Ohne auf mich zu warten.

Besser er geht als dem kleinen, dicken Hannes mit den dünnen Löckchen eine zu knallen, denke ich mir, trinke mein Bier aus, winke den beiden Männern noch einmal zu und folge brav meinem deutschen Mann.

Deutschland ist dran

Ich solle lieber besser aufpassen… warnt mich mein Mann, als er am nächsten Tag den Löffel in die Hand nimmt und mein liebevoll zubereitetes Müsli mit Mango dann doch noch berührt. Wenn ich so weitermache, dem oder dem einfach so zuwinke…, ziehe ich noch das ganze Unglück Deutschlands auf mich, meint er.

„Jetzt ist es sowieso zu spät!“, kontere ich.

„Hätte ich immer aufgepasst, wäre ich gar nicht bei Dir gelandet…“, lächle ich und zwinkere ihm, meinem deutschen Mann, zu.

„Du bist mein Schicksal! Ohne Dich bin ich verloren…“, sagt er.

„Nun ist Deutschland dran!“ sage ich und gehe in mein Zimmer, meinen Koffer nach Aachen zu packen…

***

Kleiner Kim, große Bombe 

In der Aachener Fußgängerzone in der Pontstraße im Café Kittel, hinter dessen großen Scheiben ich den letzten Schluck meines Café au lait koste, wimmelt es von Studenten, Hipstern und Zukunft. Wen werden sie wählen? Müssen? Dürfen? Können? Wie gucken sie auf die Welt? Auf ihre Zukunft?

Meine Zukunft übt in Aachen seit drei Monaten die Welt zu entziffern. Inzwischen ist die Welt dreimal auf die Stirn gefallen. Der kleine Kim aus Nordkorea scheint unseren bosnischen Witz buchstäblich zu verstehen, will den Amerikanern den Krieg erklären und lässt ständig Atombomben über Japan fliegen. Donald scheint überfordert zu sein. Auf der einen Seite dieses irre Babyface mit der Atombombe, auf der anderen Hurrikans und Tornados, die Amerika verwüsten. Er rennt nur mit seiner Melania in Gummistiefeln umher und verteilt viele große Sprüche. Und Martin, der Genosse aus Würselen, der im Frühjahr wie ein Messias durch die Bundesrepublik zog und jeden, inklusive meines deutschen Mannes, mit dem „Wind of Change“ ansteckte, wirkt nun neben Angela wie eine ermüdete Witzfigur.

Natürlich ist weder das Rentensystem noch der Pflegedienst in Deutschland ohne uns Einwanderer zu retten, brüste ich mich bei den Genossen, deren Wahlbroschüre über Rentenprobleme ich in der Hand halte und zwischen vielen Worten und Statistiken zu verstehen versuche. Ich falte die Zeitung zusammen, stehe auf, gehe zur Theke. Plötzlich spüre ich einen stechenden Blick im Nacken. Ich drehe mich um und erkenne ihn sofort, den gebückten Riesen mit großen Augen, umrandet mit tiefen Schatten:

Manni! Die unselige Bekanntschaft aus der Kölner Kneipe meiner Probe-Stammtisch-Phase, der Pendler zwischen Köln und Aachen, meiner alten und der neuen Welt.

Genosse oder Spion

Er wirkt gelassener, als ob er ein paar Steine aus seinem schweren Rucksack inzwischen entleert hätte, und er trägt eine rote Krawatte.

„Genosse oder Spion?“, will ich in meiner direkten Sarajevo-Art raushauen, doch dann beiße ich mir wieder einmal auf die Zunge. Ja, Politik ist zu privat, so wie Sex und Religion.

„Manfred? Du siehst gut aus. Hast Du gute Nachrichten aus Peru?“

„Ja, das habe ich…“ sagt er und seine Augen fangen an zu leuchten.

„Meine Frau hat sich gemeldet!“

Sie haben sich versöhnt. Nach zwei Monaten dürfe er sie abholen. Er wolle sie nicht wieder verlieren, er habe eine Wohnung in Aachen gefunden…

„Einen Tag nach den Wahlen ziehen wir um…“

„Und Hanni? Wirst Du ihn nicht vermissen?“ frage ich noch so nebenbei.

„Neeee“, zieht er leise die Vokale lang. Es ist ihm unangenehm. Sein Blick klebt am Boden.

„Es hat mich gefreut!“ sage ich. „Und vielleicht bis bald. Mit Deiner Frau in Aachen!“…

Mehr von Slavica Vlahovic

Wie Aachen zu mir kam – Versagen, eine Vorgeschichte (4)

Folge 4 

Ob seine Frau für immer nach Peru geflogen sei oder ob sie doch noch zurück nach Deutschland komme, frage ich. Manni beißt sich auf die Lippen, zieht stumm seine Augenbrauen hoch. Das wisse er noch nicht, sagt er dann. Sie melde sich nicht mehr.

„Macht Dir keine Sorge.“ sagt Hannes.

„Sie kommt zurück. Alle Frauen kommen irgendwann zurück.“

Ich will lieber nichts dazu sagen.

„Von der Heimatliebe lebt man doch nicht ewig!“ sagt Hanni und versucht dann mit mir zu kokettieren:

„Tako je, ili?“ sagt er in meiner Sprache, was so viel heißen soll wie „Ist es so, oder nicht?“

Ich runzle die Stirn. Woher er meine Sprache kenne, frage ich.

Als junger Mann habe er auf dem wilden Balkan eine Zeit lang gelebt und dort auch studiert: Bulgarisch, Griechisch und Romanisch!

„Ach!“ staune ich. „So viele unterschiedliche Sprachen?“

„Natürlich ohne Abschluss!“ faltet er seinen Mund. Zählen kann er aber heute noch in allen diesen Sprachen. Den Balkan kenne er besser als seine eigene Tasche, sagt er. Irgendwann habe er die Chaoten satt gehabt.

„Verstehe… aber ich verstehe immer noch nicht, warum drei so unterschiedliche Sprachen?“ Griechisch, Bulgarisch und Rumänisch seien, auch wenn die Länder aneinandergrenzen, gar nicht verwandt… alle drei erfolgreich abzuschließen, würde ich sicherlich auch nicht schaffen können, höre ich mich das Verständnis für Hannes Balkan-Misserfolg zu zeigen. Warum habe er es sich so schwer gemacht hat, will ich wissen.

Aud der Spuren der alten Geschichte

„Ach, warum??“ Das sei der deutschen Geschichte zu verdanken, murmelt er. Er wollte weg aus Deutschland. Einfach weg. Irgendwo leben, wo man ihn nicht sofort in Verbindung mit dem Faschismus, mit der deutschen Schuld und all den Verbrechen des Zweiten Weltkriegs bringe. So sei er Ende der 80er unter anderen auch nach Sofia gereist. Vorher sei er viel im Westen unterwegs gewesen… Und egal wohin er ging, ob nach Holland, Frankreich oder England, habe man ihn überall sofort in Verbindung mit Hitler gebracht und mit seinem Verbrechen konfrontiert oder beschimpft. Er habe „die Nase voll davon“ gehabt; keine Lust gehabt, sich ständig schuldig zu fühlen, sich immer wieder entschuldigen und rechtfertigen zu müssen, dafür, was er selber gar nicht getan habe, wofür er nichts könne. Im Bulgarien habe man ihn kurz vor der Wende mit seinen „Vaterland-Sünden“ in Ruhe gelassen. Als Deutschen habe man ihn dort hinter dem eisernen Vorhang, „im kaputten Sozialismus“, eher mit dem deutschen Wunder, Wohlstand, Mercedes und der beliebten deutschen Mark assoziiert. So entdeckte er Stück für Stück den wilden Balkan: seine Wunderländer Jugoslawien, Bulgarien, Griechenland, Rumänien. Überall standen ihm die Türen offen.   Hanni hatte Freundlichkeit und das Interesse der „Balkanjeros“ an ihm und seinem Deutschland in vollen Zügen genossen. Die Bulgaren, Rumänen, Jugos, Griechen hätten sein Land bewundert und die deutsche Tugenden: Fleiß, Disziplin, Ordnung, von dem er in die Welt geflüchtet sei, gelobt. Alle wollten nach Deutschland. Hanni habe sich wie ein Prinz gefühlt und entschied sich mit 28 zu studieren… Sprachen. Auch um die „Balkanjeros“, seine neuen Freunde, die ihn einen neuen Blick auf sein Deutschland, geschenkt hatten, besser zu verstehen und zwar im Original, in ihren Sprachen. Dass die drei Sprachen aber so unterschiedlich seien, dazu jede schwerer als die andere, das habe er natürlich nicht sofort gewusst. Nach fünf Semestern habe er dann sein Traum an den Nagel gehängt…

Mein 1.Stammtisch

Hannes lebt heute alleine, ohne Frau und festen Beruf… Als Kölner Boheme scheint er sich äußerlich fröhlich und unbekümmert   durch die Tage zu schunkeln. Seine Aufgabe heute Nacht, seinen alten Kumpel Manni zu trösten, aber nimmt er sehr ernst.

Alte Freunde aufzurichten, die sich „Luxusprobleme wie Frau und Beruf leisten können“, das mache ihm „viel Spaß“, sagt er und grinst.

Also doch: Mujo und Haso, die sich in  Hanni und Manni verkleidet haben.

Manni, der Unglücksrabe, der Pendler zwischen Köln und Aachen, dessen Gedanken um seine geflüchtete peruanischen Ehefrau kreisen und sein zynischer Tröster, der Jugendfreund Hannes, bestellen uns allen noch eine Runde Bier.

„Etwas stärkeres, balkanisches…tschechisches bitte!“

Der Tscheche aus der Flasche macht aus uns Experten für alle wichtigen politischen Fragen der Zeit. Hanni stürzt sich auf Angela, `den Mafiaboss mit mädchenhaftem Lächeln, die alles schaffen will und dabei ihre Feinde meisterhaft verschwinden lässt`. Mein deutscher Mann lobt Martin, der mit ihm nicht nur die Partei retten , sondern auch die Gerechtigkeit in Deutschland wiederherstellen will.

„Vergiss es!“ sagt der kleine, dicke Hannes abwertend.

„ Gerechtigkeit ist mi DER Partei nicht mehr zu holen.“

Hannes ganze Familie habe traditionell seit Jahrzehnten Rot gewählt, jetzt seien sie aus Protest und Wut alle ausgestiegen.

Wohin seien sie übergelaufen, will ich fragen, beiße mir aber auf die Zunge. Wählen ist eine zu private Sache, erinnere ich mich. So wie Sex und Religion…

Die letzte  Folge: Verschwörung – analog – bei der Lesung in Aachen, das Bergfest, am 31. 08. 2017  

Mehr von Slavica Vlahovic