Sehen, Wissen und Staunen

Zwei Männer im Wald

Sehende:     Hörst du das? Da fließt ein Bach. Wie leise er fließt und doch irgendwie stark!

Wissende:   Das müsste der Diepensiepener Bach sein, sicher bin ich aber nicht. Es gibt hier einige Bäche: Den Stinder,                      den Hassel- und natürlich den Mettmanner Bach, den Schwarz- und den Angerbach, den Laubecker …

Beständig fließt der Bach. Dabei trällert er sein Lied, mutig und klar. Und während er so flüstert, da schwebt er vorbei an Erlen, an Pappeln, Brombeersträuchern und an Geschöpfen, die ihn zu verehren wissen. Der Bach schmilzt immer fort dahin und ist doch immer gleich, voller Zuversicht. Er verwandelt sich, zaubert und brennt; und ist immer gleich. Kein Hindernis ist ihm bekannt, der Bach bleibt er selbst. Kurvig tanzt er durch Tal und Land, nimmt kleine und große Steine mit, lässt andere liegen, bahnt sich den Weg, der ihm bestimmt. Die Leute versuchen ihn zu überholen oder ihn zu überbrücken, doch darüber kann der Bach nur spotten. Hörst du es auch? Jeder tropfen lächelt dich an, jeder Tropfen weiß alles.

Da gleitet ein Wasserläufer über den Bach, für ihn ist er ein reißender Strom, ein breiter Fluss aus zähflüssigem Blei; und der Wasserläufer hat recht. Der Bach ist stärker als du und ich, er hat keinen Anfang und kein Ende. Der Bach ist eins.

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Sehende:     Wie das duftet, ich liebe den Geruch von Gras. Irgendwie beruhigend, findest du nicht auch?

Wissende:   Da wird wohl einer gemäht haben.

Es wird vom Wind gestreichelt, das Gras. Wie gute Freunde strecken sich die Halme und wiegen sich gemeinsam in den Tag hinein und in die Feuchtigkeit. Ein Meer aus grün und glitzernden Spitzen, dicht an dicht, einander ähnelnd und doch alle verschieden. Und der Wind, der nimmt sie mit, er trägt sie auf seinen Schultern in die Welt hinaus. Das Gras und sein Duft, sie reiten auf dem Wind. Der Duft ist des Grases Sprache, hörst du es nicht auch? Es spricht vom Leben, vom süße, starken Leben, erzählt dir von seiner Mutter, der Erde, die ihn gebar und die ihm alles gibt, was es braucht. Mit einem Schmunzeln auf den Lippen sagt es dir, wie sehr es seinen Vater liebt, die Sonne. Seinen Vater, der es stets umarmt und ihm Kraft gibt. Und es streckt dir, während es davon berichtet, die Hand entgegen und gibt auch dir diese Wärme, die Liebe und das Vertrauen, das ihm stets zuteil wurde. Ruhe liegt in der Stimme des Grases, Ruhe und Gleichklang. Jedes Wort, das ihm über die Lippen schleicht, das sich um dich legt, sagt Erde und Wärme, sagt Leben.

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Sehende:     Wollen wir uns kurz hinsetzen, ich bin schon so müde. Vielleicht dort in den Schatten.

Wissende:   Willst du erschlagen werden, das ist eine Stieleiche. So eine Eichel auf den Kopf,                                                                      muss nun wirklich nicht sein!

Einmal hat sich ein Liebespaar unter meinen Armen geküsst. Das war schön! Danach waren die Zwei jedoch drauf und dran ihre Namen in mich zu ritzen, als würde das die Liebe offizieller machen. Der Bub hatte sein Taschenmesser vergessen, Glück gehabt. Wie lang das wohl her ist? 30 Jahre vielleicht? Was ich nicht schon alles erlebt habe in meinen 80 Jahren: Ganz klein war ich mal und hatte ja noch keine Ahnung von der Welt. Da habe ich noch so viel ausprobiert und meine Arme in alle Richtungen gestreckt, stets auf der Suche nach dem sonnigsten Plätzchen. Ein paar haben sie mir dann abgeschnitten, komisch diese Menschen. Jahr um Jahr bin ich gewachsen und irgendwann war es mir dann wichtiger die schon vorhandenen Arme zu stärken und auszubilden. Was habe ich da nicht für tolle Verzweigungen genommen und in manchem Jahr ein Blattwerk gehabt, dass der olle Farn von nebenan nur doof geschaut hat. Hin und wieder brüteten sogar Vögel in meiner Krone, so prächtig ist die. Nur schade, dass niemand meine Wurzeln sehen kann, denn eben so prächtig, wie ich mich gen Himmel strecke, wachse ich auch in den Boden. Puh da bekomme ich doch gleich wieder Durst.

Ich habe außerdem noch einiges vor mir! Ein Verwandter von mir wurde kürzlich erst 700 Jahre alt! Wer weiß, wie lange ich es mache?

Den Bub mit seiner Frau im Arm und dem vergessenem Taschenmesser, den gibt es dann jedenfalls nicht mehr.


Dieser Text entstand anlässlich der Lesung im Museum «Haus Dahl» im Oberbergischen Kreis. Thematisch ging es an diesem Tag um Einkehr und die Natur. Das Staunen wurde bereits in der Antike als Unterbrechung der Erwartung beschrieben und war für Platon der Beginn aller Philosophie. Die Romantiker des 18. und 19. Jahrhunderts würden das Staunen vielleicht als die Fähigkeit beschreiben, das Ganze und die Einheit hinter der Dinglichkeit der Natur zu sehen. Ihr Ziel war es, der Natur wieder näher zu kommen, gar mit ihr zu verschmelzen. Eben so wie die Romantiker das «Eins-Sein» anstrebten, lehnten sie die Trennung von Kunst und (Wissen)schaft ab und wollten die Gesellschaft durch diese Verbindung poetisch machen. Schlegel und Novalis nannten die Romantik deshalb eine «progressive Universalpoesie». In diesem Sinne:
Reicht es dem Menschen beim sonntäglichen Spaziergang den einen oder anderen Baum zu kennen?
In welcher Beziehung stehen wir heute zur Natur? 
Können wir sie noch bestaunen?

Mehr von Dimitri Manuel Wäsch

Aufgerauter Himmel

Liebster Herr Blog,

ich habe schon sehr viel für dich vorbereitet, gedulde dich, es war genug zu erleben. Heute bekommst du nur ein kleines Gedicht über Sommergewitter, da diese hier wirklich frequentiert erscheinen, eingestreut kommen meist noch Sonnenschein, Begeisterung und Wind dazu. Seit ich hier wohne, habe ich hochgerechnet eventuell fünf Tage ohne Wetterwechsel verbracht. Das hebt jeden Tag die Spannung und lässt mich deswegen auch darüber schreiben.

Auf dem Minimosaikstück sieht man aus diesem Grund einen Sturm im Teutoburger Wald, in dem ich noch mehr herumwandern werde, da ich jetzt auch Zelt, Isomatte und Schlafsack in Herford habe. Das Minimosaik ist drehbar und zeigt von der anderen Seite Gebirge, nur so am Rande notiert.

 

 

 

Sturm

Es hagelt unerwartet
kleine Blitze in das Feld;
vor meinen Augen steht gebannt
ein Etwas und erstarrt
in erschlagendem Donner.

Eigentlich wäre heute ja auch Sommer;
wassergewordenes Metall klopft an den Fenstern,
in den Räumen greift man nach Gespenstern
eines Widerhalls der aufgestauten Enge,
zwischen Ästen und Bäumen,
Ähren und Träumen;
wir räumen hier genug Aufschlagfläche für Hagel ein,
oder für Konsorten unberechenbaren Wetters.

Letztlich bleibt ein Grauton,
der die Stille erschießt,
eine tobende Wolke,
die sich in Revolte
nicht den Bergen verschließt,
denn im aufgerauten Himmel
wabert unabwendbar,
ein Gewinde der Gleichberechtigung:

Du kannst nur so viel Sommer haben,
wieviel du davon verlangst.

 

Mehr von Theresa Hahl

Münsterland am Meer

Ort: Baumberge | Datum: Mi, 19.07.2017 | Wetter: sonnig, 31°C

Das übliche Nachmittagstief. Die Arme der Wasserpflanze schwingen sanft in der kaum spürbaren Strömung. Die Schnecke am Meeresgrund zieht gemächlich ihre Bahn. Muscheln gähnen den Fischen entgegen. Letztere dümpeln im Wasser, bewegen nur leicht die Flossen. Ein Grollen. Der Blick zur Wasseroberfläche: Nichts deutet auf einen Sturm hin. Aber die Strömung schlägt um. Ein Blick in die Ferne: eine Trübung? Bewegung im Wasser. Die Muscheln schnappen zu. Die Schnecke verzieht sich in ihr Haus. Die Wasserpflanze greift krakend um sich. Flossen schlagen schneller. Die Trübung rollt heran, eine Welle aus – Dunkel.

So war das. Oder so ähnlich. Vor etwa 75 Millionen Jahren. Heute stehen wir mitten drin im Meer, auf dem Grund. Uneben von frischem Bruch. Die Werksteinbänke vor uns. Darüber verschiedene Schichten. Tonmergel, taubes Gestein. Etwa zehn Meter hoch ragt es vor uns in die Nachmittagssonne. Oben auszumachen ein paar Gräser und Buschwerk. Wir stehen in einem der letzten aktiven Steinbrüche in den Baumbergen.

Baumberger Kalksandstein. Der Marmor des Münsterlandes. Hierher kamen die Baumaterialien für den höchsten Hof im Münsterland, den wir eben passiert haben, Hof Meier. Und für das Schloss, den Dom und den Erbdrostenhof in Münster. Ohne den Sandstein sähe es wohl in weiten Teilen des Münsterlandes anders aus.

Marmor des Münsterlandes

Wir sind heute die Einzigen hier im Steinbruch. Jupp, 12 Kinder und ich. Etwa acht Kilometer von unserem Startpunkt, dem Bahnhof Billerbeck und dem Bulli entfernt. Es sind Sommerferien. Heute soll der wärmste Tag der Woche werden. Wir stehen im Schatten am Eingang des Steinbruchs. Laut Temperaturanzeige unserer GPS-Geräte wurde die 30°C-Marke soeben geknackt. Neben uns ein übermannsgroßer, feinsäuberlich abgespaltener Kalksandsteinblock. Dahinter geht es weiter bergab. Abraum, gebrochenes Gestein, Berge davon. Beige, gelblichbraun und gräulich.

Relikte aus einem Land vor unserer Zeit

Jupp zieht aus seinem Wanderrucksack die laminierte Abbildung eines Fossils. Ein Fisch, mit allem Drum und Dran. So einen hat man hier gefunden, in den Baumbergen. Ihn hatte das Seebeben überrascht. Weite Teile des Meeresbodens von einer Sekunde auf die andere eingeschlossen. Muscheln, Seeigel und Tintenfische. Unter Jupps Führung gehen wir selbst auf Erkundungstour, drehen Steine um, suchen am Boden, im Geröll. Helle Ablagerungen in der ansonsten dunkleren Bodenschicht. Zerriebene Muscheln. Jupp fährt die Linie mit dem Finger nach.

Der Steinbruch ist auf unserer Wanderung heute nur eine Station. Wir suchen nach Buchstaben. GPS-Geräte weisen uns den Weg durch die Baumberge, das Münsterländer Meer. Immer wieder blaue Fähnchen auf dem Display entlang der Strecke. Entlang von Feldern und Waldstücken. Überwachsene Hügel. Ehemalige Steinbrüche. Schließlich auch spürbar bergauf. Neben einem Meer nun auch noch Berge im Münsterland. Hier irgendwo ein weiterer Zettel, eingerollt in eine kleine Kapsel. Meist irgendwo am Wegesrand. Und schließlich, am Longinusturm, das Puzzlen nach dem Lösungswort. Im Schatten des Turms. Mit Blick aufs Meer.


Josef Räkers ist Diplom-Geograph und für die Baumbergeregion zuständiger Wegewart. Er hat als Projektleiter den Baumberger Ludgerusweg, dessen Verlauf wir heute streckenweise gefolgt sind, konzipiert und umgesetzt. Und die interaktive Schatzsuche mit GPS-Geräten. Kindern und Jugendlichen so die Geschichte der Region und ihre Natur spielerisch nahezubringen ist ihm ein besonderes Anliegen. Im Oktober führt er im Rahmen des Münsterland Festivals durch die Baumberge. Auf der Suche nach dem Meer und dem Marmor des Münsterlandes.

Mehr von Claudia Ehlert

Tanz den Flamingo

Ort: Zwillbrock | Datum: So, 16.07.2017 | Wetter: bewölkt, 18°C

Rosafarbene Zuckerwatte am Stiel, wie auf der Kirmes. Nur mitten in den See gesteckt, unweit des Schilfgürtels in der Ferne. Kunst? Skulptur Projekte, eine Stunde Fahrt von Münster entfernt? Über allem das Geschrei der Lachmöwen, wenn auch heute verhältnismäßig ruhig, so Bettina. Als wüssten sie, dass Sonntag ist. Da vorn eine Gans, da drei Kormorane, unbeweglich, mitten im Grau. Der Nieselregen setzt wieder ein und ein leichter Wind kommt auf. Da, plötzlich, es muss ein Geräusch gewesen sein. Unruhe auf dem See. Die Zuckerwatte fliegt auf.

Flamingos. Im Münsterland. Nicht im Zoo, nicht im Kino. In freier Wildbahn. Ja, genau. An der Palme links und dann Sandstrand voraus? Nicht ganz. Im Naturschutzgebiet Zwillbrocker Venn, mitten im Lachmöwensee, liegt die Flamingoinsel. Von Strandbar, Cocktails und Sonnenschirmen sind wir hier allerdings weit entfernt. Seit 1982 kommt jedes Jahr eine Flamingokolonie hierher. Um zu balzen, zu brüten und die Küken großzuziehen. Bis es, wenn die Jungen flügge sind, zum Überwintern in die Niederlande ans Rheindelta geht.

Do the Flamingo Dance: head-flagging, marching und wing-salute

Ich bin heute Morgen an der Biologischen Station Zwillbrock verabredet. Mit sieben Kindern und Elternanhang geht es ins Zwillbrocker Venn. Geführt von Bettina. Und Frieda und Fred. Frieda ist ein Chileflamingo. Fred ein europäischer Flamingo. An den beiden kuscheligen Miniaturausgaben können wir die Unterschiede der beiden Arten erkennen. An der Farbe der Beine, des Schnabels und der Augen. Sie begleiten uns auf unsere Expedition. Und finden zeitweise Unterschlupf in Bettinas Tasche, als wir selber erproben, wie die Flamingos zur Balz tanzen. Oder herausfinden, dass sie sehr viel müheloser auf einem Bein stehen können als wir. Beneidenswert.

Wir stoßen entlang des Lachmöwensees auf einen Wasserskorpion, daumennagelgroße Frösche – die Saison hat gerade begonnen – und Moorschnucken. Die Flamingos hingegen habe sich in Richtung Insel verzogen, hinter den Zaun. Der wurde zum Schutz vor Meister Reineke im seichten Wasser aufgestellt. Um die brütenden Flamingos nicht zu stören. Heute dürfen wir, in Begleitung von Bettina, die öffentlichen Wege verlassen und schlüpfen durch ein Tor auf der gegenüberliegenden Seite des Zauns. Der Trampelpfad ist schmal. Als es über einen Steg geht, wird deutlich, dass wir tatsächlich mitten im Moor unterwegs sind.

Seeblick-WG mit Familienanschluss

Neben einer kleinen Holzhütte klettern wir auf einen Hügel. Tatsächlich: Flamingos im Münsterland. Mitten im See. Die sechs Flamingoküken tarnen sich in der Gruppe der Lachmöwen auf der Insel. Ebenso grau-weiß. Überhaupt eine gute Partnerschaft, erklärt Bettina. Denn es müsse eher Flamingoeltern statt Rabeneltern heißen. Naht ein Feind, lassen sie alles stehen und liegen. Auch ihre Küken. Da sind die Lachmöwen sehr viel verteidigungslustiger. Und sie sorgen dafür, dass der ansonsten nährstoffarme See mitten in der Moorlandschaft genügend Futter für die Flamingos und alles, was da sonst so kreucht und fleucht, bereithält.

Woher die nördlichste freilebende Flamingokolonie im Zwillbrocker Venn kommt, weiß niemand genau. Vielleicht aus einem Zoo oder aus privater Haltung entwischt? Eine Vermisstmeldung gab es jedoch diesbezüglich nie, so Bettina. Chileflamingos und europäische Rosaflamingos kommen seit Jahren gemeinsam zum Balzen und Brüten her. Bis im letzten Jahr war sogar ein Kuba-Flamingo dabei. In Zukunft gibt es dann vielleicht den Zwillbrocker Venn Flamingo. Darauf dann einen Cocktail!


Von März bis August kann man mit etwas Glück einen Blick auf die Flamingokolonie im Zwillbrocker Venn erhaschen. Entweder auf dem sechs Kilometer langen Rundweg aus der Ferne, oder, mit einer der geführten Wanderungen des Bildungswerks der Biologischen Station Zwillbrock, von einem näher gelegenen Beobachtungsposten. Zum Beispiel in Begleitung von Bettina und Flamingo Frieda. Bettina Hüning ist Diplom-Landschaftsökologin und führt für das Bildungswerk der Biologischen Station Zwillbrock Klein und Groß durch das Zwillbrocker Venn.

Mehr von Claudia Ehlert

Eine Wanderung nicht nur für bunte Vögel

«So, wo bleibt denn nun die Gruppe? Mutti und Merlin müssten doch jeden Moment mit den Leuten eintreffen. Da sind sicher wieder ein paar Kinder dabei, die sind mir ja doch die liebsten …! Ah ja, ich höre sie schon!» Rainer, der mit Merlin auf uns wartet, hört unsere Gruppe noch nicht und auch wir haben noch keine Ahnung, wann wir auf die zwei treffen. Einzig Merlin und sein Bruder Uwe, der jetzt geduldig auf Rainers Arm wartet, haben einander schon entdeckt. Während Merlin die beiden schon von Weitem sieht, hat uns Uwe mit seinem Supergehör längst geortet. Vor rund einer Dreiviertel Stunde hat unsere Wanderung begonnen. Es ist eine Wanderung ganz besonderer Art, denn momentan begleitet uns Merlin, ein amerikanischer Wüstenbussard, und wir werden jeden Moment auf Uwe den Uhu treffen, hinter jeder Abbiegung könnte er mit Rainer dem Falkner auf uns warten. Doch wie gesagt: Bevor wir sie erblicken, wissen die zwei Vögel längst bescheid.

Nun sind es nur noch einige 100 Meter, dann sehen wir auch schon, wie Uwe seinen Kopf eindrucksvoll bis über die eigene Schulter hinaus in unsere Richtung dreht und uns mit seinem fesselndem Blick begrüßt. Neben ihm sitzt Rainer, der hat uns immer noch nicht bemerkt.

«Oh wie schön!», ertönt es aus unseren Reihen, als wir die zwei begrüßen.

«Bitte auch den Uhu beachten», antwortet Rainer schelmisch, der im Laufe des Tages seinen Witz und die dazugehörige Schlagfertigkeit noch häufiger unter Beweis stellt. Mit ihr sei er in jeder Unterhaltung bewaffnet, sagt er, doch man merkt sofort, trotz dieses umfangreichen Arsenals hat Rainer ebenso wie Uhu Uwe ein ganz freundliches Wesen.

Die beiden Vögel gehören zu Uta, auch sie ist Falknerin und organisiert regelmäßig diese sogenannte «Greifvogel- und Eulenwanderung» und sie lässt uns nun vorerst mit Merlin, Uwe und Rainer alleine weiter spazieren. Wir erfahren bald warum.

Im Laufe der Wanderung wechseln Uwe und Merlin immer wieder ihren Träger und zaubern diesem sofort ein breites Lächeln ins Gesicht. Rainer erklärt uns viel Wissenswertes über diese wundervollen Geschöpfe, über Tierschutz und artgerechte Haltung. Dabei hinterfragt man sich auch selbst: «Uwe ist aus einer Zucht in der zehnten Generation, ist das noch ein Wildvogel?» Stellt er fragen, wie diese, fordert er auch gerne mal, «Kinder vor». Er hat ein tolles Gespür für unsere Gruppe, einfach spitze!

«Howdy partner?!» 

In etwa so begrüßt Merlin uns, wenn wir ihn auf den Arm nehmen. Amerikanische Wüstenbussarde sind sehr soziale Tiere und jagen sogar in Gruppen. Auch als der kleine Joshua Merlin auf den Arm nimmt, wird sofort kommuniziert. Einen Kontaktruf nennt man das.

«So, und was bist du für einer?»  

Bekommt man Uwe auf den Arm gesetzt, nimmt er seinen Träger auf. So beschreibt es Rainer. Dann schaut der Uhu mit seinen faszinierenden, völlig ruhigen Augen scheinbar durch einen hindurch und da er auf kurze Distanz nicht sehr gut sieht, ist dieser Vergleich recht treffend.

Neben erstaunlichen Anekdoten, die wir von dieser Empathie des Uhus bekommen, wird dies am deutlichsten, als Uwe auf den Arm eines Gastes steigt, der etwas reserviert schien. Uwe wird ein wenig unruhig, hängt bald auf halb acht. Nach einem kurzen Schrecken und der Unterstützung von Rainer sitzt er wieder oben auf. Der Träger hat nun ein verlegenes Lächeln im Gesicht, war doch halb so schlimm, und prompt wird er in ein Gespräch verwickelt. Gut gemacht Uwe! Woran das wohl liegt? Es gibt viele Sagen über diesen Vogel, so war schon in der Antike der ihm verwandte Steinkauz der Athene der Vogel der Weisheit. Wer weiß? In jedem Fall ist es ein ganz fantastisches Gefühl, mit diesem wundervollen, sanften Geschöpf, welches eine enorme Ruhe und Intelligenz ausstrahlt zusammen zu sein. Vielleicht wird einem einfach wieder bewusst, dass wir eben auch ein Tier und Teil der Natur sind?

Nachher werden wir wieder auf Uta treffen und zwei weitere Gäste stoßen zu uns, doch sei hier nicht zu viel verraten, kommen Sie doch einfach vorbei!

Als die Wanderung nach guten drei Stunden vorbei ist, habe ich das Vergnügen und die Ehre mit Rainer und Uta noch zusammenzusitzen und über Gott und die Welt zu sprechen. Jetzt wird mir klar. Uta ist der Kopf und vor allem das Herz dieser einmaligen Erfahrung. Nicht nur, dass sie neben der Falknerei auch die Leiterin einer evangelischen Ganztagsbetreuung und eine ehemalige Opernsängerin ist, oder dass sie gerne mal bei Vollmond mit dem Traktor bei der Ernte mit anpackt, nein; Uta ist ein ganz toller, emphatischer, bodenständiger und zurückhaltender Mensch und macht ihre Greifvogel- und Eulenwanderung zu dem, was sie ist. Eine Reise in und mit der Natur, die einem überflutenden Alltag Entschleunigung und Besinnung entgegenbringt.

Apropos Entschleunigung. Wieso setzten Sie sich nach der Wanderung nicht noch in das Tunnelcafe zu Bettina & Markus Wagner auf einen Kaffee und selbst gebackenem Kuchen. Der Alltag kann auch mal warten.

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Neben den Wanderungen bieten Uta Wittekind und Rainer Erdinger auch an, mit den Vögeln zu Ihnen zu kommen. Hier alle Informationen, ich kann Ihnen diese Erlebnis nur herzlichst empfehlen!!!

Mehr von Dimitri Manuel Wäsch