Vermessung der Welt

Napoleon in Nordhelle:

Beim Hinauffahren werde ich mit Blitz fotografiert. Dabei war ich gerade so froh, den Dränglern endlich davon fahren zu können. Aber die Drängler wissen eben, wo hier die Blitzer stehen. Jetzt bleibt mir nur zu hoffen, dass das Foto hübsch wird, für den Preis immerhin, kann man doch wenigstens ein schönes Selfie erwarten.

Es ist erstaunlich, wie sehr man sich erst daran gewöhnen muss, in einer fremden Umgebung umher zu fahren, das Klima, die Straßen, alles ist nun eine große Unbekannte für mich, hier in dieser Gegend sitze ich zum ersten Mal selbst am Steuer, und so ist es doch normal, sich dieses besondere Event für die Ewigkeit auch auf einem Foto festhalten zu wollen. Etwas, das bleibt, was man dann mit nach Hause nehmen kann, der Familie zeigen. Schließlich kann man sich nicht selbst im fahrenden Auto fotografieren, dafür gibt es eben Blitzanlagen.

Sich in einer fremden Umgebung zurecht zu finden, fällt leichter, wenn man eine Karte hat, einen Plan, wie überhaupt alles im Leben. Es geht leichter mit Struktur. Dann findet man seinen Weg, und genauso hat das auch Napoleon gesehen, als er die Vermessung Südwestfalens in Auftrag gegeben hat.  Es ging darum, eine topographische Aufnahme des Unbekannten zu erstellen, sich das Fremde auf diese Weise strukturell vertraut zu machen.

 

Man darf es mir nicht übel nehmen, dass ich wieder mit dem französischen Kaiser auch wieder meinen südwestfälischen Großvater ins Spiel bringe, der  ja bekanntlich darauf bestanden hat, dass die Menschen in dieser Region von Napoleon abstammen, dass seine Worte eigentlich kein Spaß, sondern eine Form des kulturellen Gedächtnisses waren, die der Region Südwestfalen zu eigen ist, habe ich erst mit diesem Reisebuch verstanden und es erstaunt mich immer wieder, denn nicht nur an Geschichten und Gedächtnis hat Napoleon uns viel hinterlassen, sondern auch Mittel, um uns in der Gegend zurecht zu finden. Er ordnete die Anlegung von Katastern im Rheinland an.

Angefangen mit der Vermessung der Gegend wurde am höchsten Punkt. Und so hat auch die Nordhelle ihre napoleonische Vergangenheit. Denn sie ist hier der Höhepunkt. Davon zeugt heute noch der Aussichtsturm. An seiner Stelle wurde damals ein trigonometrisches Mal in Form eines stabilen Holzgerüstes gebaut, nachdem es dann später zusammengestürzt war, wurde an seiner Stelle der Robert-Kolb-Turm gebaut, benannt nach dem Initiator des ersten Wanderwegenetzes. Und der steht heute noch da.

Einen Turm ließ Napoleon dort errichten, um mit dem Spiegeltelegraph möglichst schnell Nachrichten übermitteln zu können. Heute ist es der WDR, der hier seine Übertragungsanlage hat.

Sie steht direkt gegenüber des Robert-Kolb-Turms und es ist, als würden die beiden Gebäude in der Weite der Landschaft einträchtig miteinander kommunizieren, oder auch nur darüber nachsinnen, wie still und ruhig es hier ist. Wald und Wälder und sonst nichts.

 

Von dem Turm lässt sich bei gutem Wetter weit über Siebengebirge und Münsterland schauen. Mit 663 Metern ü NN ist dies der höchste Punkt Südwestfalens. Von der Nordhelle bis zu Nordsee gibt es keinen höheren Gipfel. Von hier oben aus lässt sich der Raum Südwestfalen aus der Vogelperspektive betrachten.

Roland Barthes schreibt in seiner Studie über den Eiffelturm: Die Vogelperspektive… ermöglicht es, über die unmittelbare Wahrnehmung hinauszugelangen und die Dinge in ihrer Struktur zu sehen.

Der panoramatische Blick bringt die zerstreuten Teile zusammen und mit einem Mal, lässt sich die Struktur des großen Ganzen, das Gesamtbild erkennen. Die Tätigkeit des Geistes, schreibt Barthes, ausgeübt durch den bescheidenen Blick des Touristen, hat einen Namen: Entziffern.

Die Gegend ist ein dem Menschen zu entschlüsselnder Text. Darin liest sich die A45 wie eine polare Achse durch die gesamte Region. Sie ist das Rückenmark im Koordinatensystem aus Industriekultur, Waldbestand und Flächennutzung.

Eine Landschaft, deren Einzigartigkeit ich mit meinem Notizen schreibend zu entziffern suche.

An regnerischen Tagen wie diesen bleiben Aussichtsturm und die neben ihr liegende Gaststätte geschlossen. Kurz nach meiner Ankunft werden Türe und Tore versperrt und ein PKW braust eilig davon. Er wird mit ziemlicher Sicherheit weiter unten auf Höhe der Radarfalle rechtzeitig abbremsen. Da lässt sich jemand ein schönes Selfie entgehen, denke ich. Planung und Struktur werden hier eben von Klima und Wetter bestimmt. Und das ist gerne wechselhaft. Am besten wissen das die Drängler.

 

Mehr von Barbara Peveling

11:17 Uhr, Dortmund Hafen

„Was wolln die? Nen Schraubenschlüssel?!“ In einer Werkstatt am Hafen erklärt ein Mann in blauem Overall einem anderen ähnlich Aussehendem, aus welchem Grund da eine Gruppe bestehend aus zwei Frauen, zwei Männern, einer Kamera, einem Stativ, einem Mikrofon – grau und puschelig – Kopfhörern und einer Tontasche auf dem Gelände herumsteht. Der Anlass ist schnell geklärt, der Schraubenschlüssel besorgt. Worte gibt es nicht im Überfluss. Am Ziel ist die Uferkante schmal, zwei Personen passen nicht nebeneinander. Die Gruppe reiht sich auf. Dann, ein Blick nach unten: Bis das Wasser beginnt, vergehen ein paar Meter. Die Frau mit der Kamera bringt sich und die anderen nah zu sich in Position, dann sagt sie: „Kann gleich losgehen. Oh, ein Schiff! Jetzt!“

Ein Ausflugsschiff fährt vorbei. An der Seite ist der Schriftzug „Santa Monika II“ zu lesen. An Deck sind Männer zu sehen, ohne Bärte und oben ohne. An der Kamerafrau rechts vorbeibeugend, fragt einer der beiden Männer: „Ist das hier wie in Kiel?“ Von links unten ragt das Puschel-Mikrofon hinauf. Auf der anderen Uferseite schnattern die Kanadagänse, Container werden leise verräumt. „Klar“, sagt die Frau vor der Kamera zu den drei Positionierten, lacht: „Warum auch nicht?“ Es nieselt, und hätte die Frau eine Regenjacke getragen, man hätte auf den ersten Blick nicht feststellen können, in welcher Stadt sie sich gerade befindet. 11:22 Uhr



>Mit dem WDR-Team unterwegs in der Dortmunder Nordstadt<
Lustiges Drehpersonal: WDR-Team und Melanie. ©mhu
Lustiges Drehpersonal: Pascal, Maren, Olaf und ich. ©mhu
Damit ich mich ein bisschen wie zu Hause fühle, ist das WDR-Team mit mir zum Dortmunder Hafen gefahren, der als Binnenhafen mit Anbindung an Häfen in Amsterdam, Zeebrügge oder Antwerpen seit 1895 besteht. Im alten Hafenamt weihte Kaiser Wilhelm II. 1899 das Gelände ein, deswegen gibt es da jetzt auch ein Kaiserzimmer. Heute kann man hier – wie an vielen ehemaligen Industrie-Orten auch –  heiraten. Obwohl das Areal relativ unscheinbar wirkt, ist der Dortmunder Hafen mit seinen zehn Hafenbecken und einer Uferlänge von elf Kilometern größter Kanalhafen Europas. Pläne für ein urbanes Hafenquartier entlang der Speicherstraße gibt es.
Abhängen, Ausspannen, Feiern und Tanzen kann man aber bereits seit Jahren vor, auf und im Eventschiff Herr Walter. Sand, Strandkörbe und Palmen bringen an schönen Sommertagen maritimen Flair in die Industrieumgebung. Und wer Waffelessen mit Industrieschick verbinden will, der geht zu Tyde Studios.

Fernsehbeitrag vom 25. Juli 2017

Den WDR-Beitrag über #standlandtext gibt es hier zu sehen.


Work in Dreharbeiten: Der adhoc-Text aus der Hafenkombüse (siehe WDR-Beitrag)

12:59 Uhr, Dortmund Kanalstraße

Die Mittagspause ist vorbei, aus dem Bauwagen gegenüber dem Imbiss „Hafenkombüse“ kommen nach und nach drei Männer. Zwei von ihnen tragen gelbe Westen, der dritte hat einen schmalen, langen Zettel in der Hand. Damit stellt er sich auf die Straße vor den Imbiss. Mit beiden Händen hält er den Zettel weit von sich, schaut von der Straße auf seinen Plan und zurück. Es folgen Handbewegungen. Sie weisen einen Arbeiter mit gelber Weste an. Der dritte besteigt die Fahrerkabine eines ebenfalls gelben Wagens, an der vorne eine Walze angebracht ist. Er fährt nach vorne, dann fährt er zurück. Die Hafenkombüse zittert kräftig. Die Gäste lachen, reden, reagieren nicht auf den Lärm. In den Stühlen steckt die Kraft der Walze. Auf dem Bürgersteig ist jetzt ein Mann zu sehen. Er trägt die Haare vorne kurz, hinten lang. An seiner Hose verläuft ein langer weißer Streifen. Sein Hund ist klein und wuschelig. Er geht an den Straßenarbeitern vorbei und verschwindet hinter dem Bauwagen. Ein Mann in Bundeswehrkleidung und Rucksack läuft ins Bild. Er hält den Kopf geduckt, redet tonlos. In der Kombüse will es nicht später werden. Im Radio wird ein Song von Michael Jackson angekündigt.  / 13:14 Uhr


Mehr von Melanie Huber