#mein muensterland – Interview mit Regionsschreiberin Claudia Ehlert

Das Projekt stadt.land.text NRW 2017 geht zu Ende. Vier Monate lang waren zehn Regionsschreiberinnen und Regionsschreiber dank des Jubiläums 20 Jahre Regionale Kulturpolitik NRW in den zehn Kulturregionen des Landes unterwegs. Sie haben sich dem Alltag und der kulturellen Vielfalt NRWs auf ganz unterschiedliche Weise schreibend genähert und so einen anderen Blick auf die Besonderheiten und Alltäglichkeiten der zehn Regionen geworfen.

Claudia Ehlert war im Münsterland unterwegs. Mit ihrem Campingbulli. Vier Monate lang on the road das Münsterland im wahrsten Sinne des Wortes erfahren und via Logbuch online einen Einblick in ihre Erlebnisse geben – das war ihr Projekt. Dabei standen abgelegene Orte und damit verbunden Menschen in Bewegung im Mittelpunkt ihres Schreibens und Fotografierens. Zum Abschluss stellen wir all die Fragen, die gerne (öfter) hätten gestellt werden dürfen. Ein exklusives Interview für stadt-land-text.de mit der Regionen-, pardon, Regionsschreiberin des Münsterlandes:

SLT:        Na, wie is?

Ehlert:   Joa, ne. Und selbst?

SLT:        Jo.

An dieser Stelle ist das Interview für alle Westfälinnen und Westfalen beendet und alles Essenzielle gesagt. Für die anderen, die gerne viele Worte machen, geht es an dieser Stelle weiter:

SLT:        Vier Monate lang im Bulli unterwegs. Leben, arbeiten und schlafen im Campervan. Da fragen sich unsere LeserInnen natürlich: Wo duscht man eigentlich?

Ehlert:   So viele Vorteile das Leben in Bewegung hat – ein eigenes Bad mit Wanne und Dusche gehört tatsächlich nicht dazu. Wenn ich im Bulli übernachtet habe (Ich habe nach wie vor meine kleine Wohnung in Münster behalten. Hat man erstmal eine schöne bezahlbare Wohnung in Münster gefunden, gibt man sie nicht so einfach her), geschah dies auf Stellplätzen oder Campingplätzen. Um die Illusion des viral gehenden Bildes von historischen Bullis an stillen Waldseen und inmitten wilder Wiesen in nostalgischen Sepiatönen mal gleich zu Beginn zu zerstören. Ich saß übrigens auch nicht bei Sonnenuntergang auf dem Dach des Bullis oder habe vor der geöffneten Seitentür im Morgengrauen Yoga gemacht. Stichwort: #therealvanlife. Stellplätze, oder auf Parkplätzen ausgewiesene Wohnmobil-Stellflächen, liegen praktischerweise in der Regel in der Nähe von Frei- oder Hallenbädern. Campingplätze bieten ihren BesucherInnen sanitäre Anlagen zur Benutzung an. Für 50 Cent haben Sie dann drei Minuten warmes Wasser. Für die 5-Minuten-Haarkur müsste man also aus der Dusche rausschlappen und noch eine Münze nachwerfen.

SLT:        Der Bulli und Sie: „Gefährt und Gefährte“ Ihres Road Trips, haben Sie in einem Ihrer Einträge Ihre Beziehung beschrieben. Eine noch recht junge Beziehung, wie uns berichtet wurde. Nach vier Monaten intensiver Kennenlernzeit auf engstem Raum – die erste Verliebtheit vorbei? Knirscht es auch mal im Getriebe?

Ehlert:   Frisch ist die Beziehung in der Tat noch. Anfang des Jahres haben wir uns kennen gelernt. Während der Ausbauphase, die mehrere Wochenenden in Anspruch genommen hat, ist der T5 allerdings bereits ein Teil der Familie geworden. Der große Testlauf startete im Mai, als wir in 18 Etappen bis zum Nordkapp und zurück unterwegs waren. Kleinere Missstimmungen gibt es ja in jeder guten Beziehung – ein fiepender Ladebooster, ein röhrender Lüfter – aber der große Streit blieb da aus. Umso erschrockener war ich, als der ‚Neue‘ gleich im ersten Monat im Münsterland unweit der Burg Hülshoff plötzlich ausfällig wurde. Die leuchtende Motorkontrollleuchte hat mich die ganze Partnerschaft auf einen Schlag in Frage stellen lassen. Was, wenn er jetzt hier stehen bleibt? Muss ich dann doch alleine weiter?

SLT:        Hatten Sie eigentlich keine Angst?

Ehlert:   In diesem Moment tatsächlich schon. Vor allem vor den Menschen um einen herum. So viele potentielle helfende Hände, die es zu enttäuschen gilt. Menschen, die einen beim rückwärts Ausparken einweisen, die einem bereitwillig den Weg zeigen, die mit eigenen Erlebnissen zur Stelle sind. Leider kann man nicht jede Hilfe annehmen. Noch dazu, wenn man durch die eigene nunmehr zehnjährigen Fahrerfahrung auf einen Vorrat an angesammeltem und erlerntem Wissen zurückgreifen kann.

SLT:        Sie sagten ja in einem Interview zu Beginn des Projekts, dass der Bulli die Menschen anzieht, dass er wie ein Katalysator für Gespräche ist. Scheinbar auch für Hilfsbereitschaft. Was ist noch besonders am Erfahren der Region mit einem Bulli?

Ehlert:   Der Bulli macht das Aufsuchen bestimmter Orte, so, wie ich sie kennenlernen konnte, erst möglich. Orte, die ab vom Schlag liegen, hatte ich mir zum Ziel gesetzt. Das waren Orte, die vielleicht nicht so präsent sind in der Wahrnehmung des Münsterlandes, weiße Flecken auf der kulturellen Landkarte. Aber das waren auch ganz buchstäblich Orte, die mit öffentlichen Verkehrsmitteln gar nicht oder nur bedingt erreichbar sind. Der Blick durch die Windschutzscheibe, er verstellt nicht die Sicht auf die Region. Er öffnet ihn auch nicht unbedingt. Er schlägt sich aber in seinem Festhalten nieder. Er ist – nur oder gerade eben – ein anderer.

SLT:        Sie leben und arbeiten seit einigen Jahren aufgrund Ihres Studiums in Münster. Wie hat sich Ihr Blick auf das Münsterland durch die letzten vier Monate verändert?

Ehlert:   Ich glaube, durch die andere Art der Fortbewegung hat sich mein Blick vor allem geweitet. Die Erfahrung habe ich schon mit Beginn des Projekts, mit der ersten Parkplatzsuche in Münster gemacht. Münster ist DIE Fahrradstadt. Und egal, wie lange man schon dort wohnt, wie gut man sie zu kennen glaubt: das erste Mal mit dem Auto richtet den inneren Stadtplan völlig neu aus. Bekannte Orte, das Festival in Beelen, das Kloster am Emsradweg, sehen aus dieser Perspektive ganz anders aus. Auch mir zuvor unbekannte Orte sehen mit dem Blick der Regionsschreiberin anders aus. Dem mehr und mehr vernetzten und vernetzenden Blick.

SLT:        Nach welchen Kriterien haben Sie die von Ihnen besuchten Orte ausgewählt? Wie sind Sie vorgegangen?

Ehlert:   Die Zusage für das Stipendium kam, mitsamt der zugeteilten Kulturregion, Ende März diesen Jahres. Neben diversen Presseanfragen habe ich mich mit dem Projekt also bereits durch Recherche im Vorfeld zeitintensiv beschäftigt. Die Recherchen begannen bei Gesprächen mit Familie, FreundInnen und KollegInnen, dem Querlesen von (Auto-, Fahrrad-, Wander-, allgemeinen) Reiseführern älteren und neueren Datums, gingen über alle Broschüren, derer ich in der Touristeninformation in Münster habhaft werden konnte, diverse Materialien und Hinweise des Teams um das Kulturbüro des Münsterland e. V.s, bis hin zu teils in Details ausufernden Internetrecherchen. Wie mit Sicherheit auch in den anderen neun Kulturregionen gibt es im Münsterland eine Vielzahl von Kulturinstitutionen, Vereinen, KünstlerInnen, Tourismuseinrichtungen, Unternehmen und deren Social Media Plattformen und, nicht zuletzt, anderer Blogs, die sich mit der Region und Kultur in allen Facetten beschäftigen.

SLT:        Spielte auch die Literatur der Region eine Rolle? Ist da doch irgendwo das Studium der Literatur- und Kulturwissenschaft mit eingeflossen?

Ehlert:   Mich hat während der Stipendiumszeit Literatur aus Westfalen und dem Münsterland begleitet. Klassiker, wie Jägersbergs Weihrauch und Pumpernickel, Denneborgs Das Wildpferd Balthasar oder Wincklers Der tolle Bomberg. Aber auch Jüngeres. Otrembas Über uns der Schaum oder Etgetons Rucksackkometen. Viele Autorinnen und Autoren stammen aus dem Münsterland, bzw. Westfalen, leben hier oder machen hier mal wieder Station, mit Blick auf die Beckumer Berge. Auch aus diesen Texten und Begegnungen habe ich Ideen für weitere Texte, weitere Orte entwickelt. Letztlich kann man sagen, ich habe viele Orte des Münsterlandes gesehen. Und über die geschrieben, die mich irgendwie gepackt haben, mit denen ich etwas anfangen konnte. Hat mich an einem Ort nichts gepackt, ist kein runder Text entstanden. Und ich konnte fortfahren.

STL:        Sind Ihnen bestimmte Orte besonders im Gedächtnis geblieben? Empfehlungen für den Kurztrip? Das Wochenende? Die Ferien im Münsterland?

Ehlert:   Ich war an sehr unterschiedlichen Orten. Sei es tief im Untergrund, in den Kellern des Münsterlandes, ebenso wie auf seinem Balkon. Oftmals waren es Orte, wo die Vergangenheit sichtbar ist und auf die Gegenwart, manchmal auch auf die Zukunft trifft. Ich war an Grenzen, wo Konzepte bröckeln und sich zersetzen. Wo sie hinterfragt werden. Müssen. Wer durch meine Texte von mir besuchte Orte aufsuchen möchte – gerne. Vermutlich wird man sie, einmal selbst vor Ort, aber ganz anders wahrnehmen. Es ist ja nun doch – nur oder gerade eben – EINE Perspektive.

SLT:        Was nehmen Sie von den verschiedenen Begegnungen, von denen Sie in Ihren Texten erzählen, vor allem mit?

Ehlert:   Die Menschen, denen ich begegnet bin, sind tatsächlich sehr unterschiedlich gewesen. MünsterländerInnen und Zugezogene oder BesucherInnen, Kinder und Erwachsene, KünstlerInnen und KulturvermittlerInnen, Kulturinteressierte und nicht-so-aber-dann-doch-Interessierte, KulturmanagerInnen, PolitikerInnen, MitarbeiterInnen der Presse verschiedenster Medien. Es waren viele tolle Begegnungen. Inspirierend, bereichernd, prägend. Engagierte und sympathische Menschen, die oft weit mehr tun und leisten, als das, was von ihnen bspw. jobtechnisch verlangt wird. Oftmals. Manchmal auch weniger.

Kunst und Kultur ist wichtiger Bestandteil der Region. Im Gespräch mit verschiedenen KünstlerInnen habe ich immer wieder die Erfahrung gemacht, dass sich von der künstlerischen Tätigkeit allein in der Regel aber nicht leben lässt. Entweder gibt es einen Job zur Sicherung des Lebensunterhalts. Oder aber das Angewiesen-Sein auf Stipendienprogramme. Alle Menschen, die ich getroffen habe, hatten eines gemein: die Bewegung. Im Alltag, in der Freizeit, im Job, im Privatleben. Und man kommt mit Ihnen ins Gespräch – wenn man aufrichtig interessiert ist und bereit, sich Zeit zu nehmen.

SLT:        In diesem Sinne: Vielen Dank für Ihre Zeit!

Ehlert:   Nich dafür!

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Wer schreibt das Sauerland? – Literaten und Landflucht

Große Werke sind in Abgeschiedenheit entstanden. In Bergen, Wäldern, in der Einöde. Moses, Jesus, Mohammed und L. Ron Hubbard hatten nicht in der Stadt, sondern in der Pampa ihren entscheidenden Moment – danach schrieb jemand ein Buch über sie oder sie schrieben es gleich selbst, geführt von „jenem höheren Wesen, das wir verehren“ (Heinrich Böll, Doktor Murkes gesammeltes Schweigen).

Sind Autoren – da Draußen in der Natur und allein mit sich und den Elementen – näher an der Muse, am Flow? Schreibt Langweile Bücher? Der Urtext de „Simplify Your Life“ Bewegung, „Walden“ von Thoreau entstand vor 150 Jahren in einer Hütte im Wald. Aber Thoreau ist zum Essen manchmal doch zu Mutti in die Stadt gegangen.

Peter Wohlleben geht mir mit seinen Baum-Erklärbüchern auf den Zwirn, aber findet LeserLeserLeser. Ein Sauerländer Autor hat sich auch damit befasst, höre ich immer wieder. Das Buch wird mir wie folgt vorgestellt: „Kennen Sie die Wohlleben Bücher, ja? Ein Sauerländer hat jetzt auch über Bäume geschrieben.“ Aha. Ein bisschen selbstbewussteres Marketing ohne Nachahmer-Geruch wäre wohl besser.

Womit ich endlich beim Thema wäre: Das Sauerland und die Bücher, das Sauerland und die Literatur. Es ist wohl so: Die allermeisten erfolgreichen oder bekannten oder jung und publizierten Autoren in Deutschland wohnen in Städten – wo auch immer sie aufgewachsen sind. Es gibt viele, ganz hervorragende Bücher, die auf dem Land spielen, mein letztes war „Grenzgang“ von Stephan Thome. Aber Thome, wie viel andere sind auf dem Land aufgewachsen, wohnen als Schriftsteller aber überall, nur nicht mehr auf dem Land.

Falsche Romantik
Land und Wald – derzeit jedenfalls Trends in Literatur und wohlständigen Weltfluchtgedanken. Das Sauerland hat beides zur Genüge. Die Schriftstellerin Juli Zeh sagte mal übers Landleben: „Menschen, die glauben, die Provinz sei eine Idylle, leben grundsätzlich in Städten“, und weiter: „Aus meiner Sicht ist der Unterschied zwischen Stadt und Land viel größer als zwischen Morgenland und Abendland.“

Ergänzen könnte man noch, dass die meisten, die mit dem Gedanken spielen, aufs Land zu ziehen, das nie tun werden. Und die, die dort schon leben, schreiben offenbar so lang nicht über ihre Erfahrung, bis sie dort nicht mehr leben. Die andere Erklärung wäre: Es gibt viele Autoren auf dem Land, aber sie werden nicht verlegt und gelesen. Und eine dritte: die Leute auf dem Land sind zu praktisch veranlagt. Sie wissen, es liest sowieso kaum noch jemand und lernen was Ordentliches. Bücher liegen im Ranking der Freizeitbeschäftigung auf einem „guten vierzehnten Platz“, sagte die Frankfurter Buchmesse halb zufrieden. Aber das ist weit abgeschlagen hinter „Kuchen essen“ und „Ausschlafen“.

Woher kommst du?
Ich kenne Friedrich Merz und Franz Müntefering und Susanne Veltins. Sauerländer Autoren kenne ich nicht. (Natürlich gibt es welche: hier Namen) Der letzte große Moment, der literarisch über die Grenzen des Sauerlands hinaus Bedeutung hatte, war kurz nach dem Krieg, der so genannte „Schmallenberger Dichterstreit“ über die Frage: Gibt es eine westfälische Literatur? Die Antwort der Alten: ja. Die Antwort der jüngeren Generation: nein, sondern nur gute und schlechte Literatur.

Beim Thema „gibt keine Sauerländer Autoren“ rufen viele sofort: Aber Peter Prange, 2,5 Millionen verkaufte Bücher, in soundsoviel Sprachen übersetzt! Ja, antworte ich dann, von dem habe ich hier auch schon gehört. Und auch, dass er seit den 70ern in Paris und sonstwo wohnt.
Ist wie mit dem von mir verehrten Ralf Rothmann, der vor 40 Jahren aus Oberhausen nach Berlin ging – und immer noch als Ruhrgebietsautor wahrgenommen wird – weil viele seiner Bücher dort spielen. Bei Prange kommt das Sauerland aber zum ersten Mal in seinem letzten Buch überhaupt vor. Paradox. Was es gibt, sind (natürlich!) auch Sauerland-Krimis. Dieses regionale Genre lässt ja kein Kleinst-Fleckchen der Republik mehr unbemordet. Und auch wenn das sicher Fans anders sehen: Literarisch sind diese Bücher nicht wirklich von Belang, eher buchgewordene Vorabendserien, manchmal auch nur erfolgreich, weil Dauertrend-Krimi und Da-wohn-ich zusammenkommen.

So, aber jetzt mal Hand aufs waldige Herz lieber HSKler: Wer von Euch kennt Christine Koch? Ach ja? Und wer hat schon etwas von ihr gelesen? … So viel dazu.

Die Sauerländer Nachtigall
Bei Christine Koch stolperte ich über ihren Spitznamen, die „Sauerländer Nachtigall“. Das klingt, sorry, nach singender Kneipenwirtin.
Die Frau schreibt Anfang des vergangenen Jahrhunderts Gedichte auf Sauerländer Platt, veröffentlicht in Heimatzeitschriften und später Bücher. Ihre Gedichte handeln von Natur, Heimatgefühlen und den „sauerländer Menschen“. Sie ist heute Namensgeberin der „Literarischen Gesellschaft Sauerland e.V., Christine-Koch-Gesellschaft“. Ich habe dann ein Buch mit Gedichten von ihr gelesen – die Übersetzung ins Hochdeutsch natürlich – wodurch, Netflix-Serienfreunde und OF-Fans wissen es, viel Originalität verloren geht.

Heimatliebe
Ich lese in vielen ihrer Texte den Wunsch, ihre Heimat zu verstehen und festzuahlten, die Menschen darin zu beschreiben. In ihren Gedichten kann man etwas von dem Leben spüren, das die Region lange prägte und das bis heute sichtbar ist. Das Landleben in seiner Abhängigkeit von Jahreszeiten, die harte Arbeit, die Entbehrungen. Aber sie findet in der Landschaft und den Menschen auch viel Schönheit, Feinheit, Weichheit, dazu Wünsche, Träume und in der Natur Kraft.
Manche Texte sind Sauerland unabhängig ein Memento Mori, ein melancholischer Versuch, Gefühle oder einen Augenblick festzuhalten. Nur weil sie auf Platt geschrieben sind und sehr oft Orte in der Region nennen, läuft das wohl als „sauerländer“ Dichtung. Aber ihre Themen sind universell. Sonst wäre es keine Literatur.

Der Regionale „Charakter“
So wie wir z.B. Walt Whitmans Naturelegien und Hymnen auf den neuen Menschen oder japanische Lyrik über Kischblüten und Kimonos lesen oder Mascha Kalékos Stadtgedichte, und vielleicht gepackt werden von Dingen, die wir nicht erlebt haben und kennen können, so kann man bei Christine Koch einige schöne Verse über das Leben – zu der Zeit in dieser Region finden.

Meine Allergie auf auf verallgemeinernde Zuschreibungen eines regionalen „Charakters“ macht mir allerdings in manchem Text zu schaffen. Solche Typisierungen sind eigentlich immer Quatsch, egal ob in USA, Japan oder dem Sauerland, weil die Gemeinsamkeiten mit anderen Regionen und Gegenden und Menschen doch überwiegen, nicht die Besonderheiten.

Literarische Gesellschaft Sauerland
Die Christine-Koch-Gesellschaft ist, wie ich immer wieder hörte, ein inzwischen etwas überalterter Club von rund 300 Menschen, die zum Teil auch selbst schreiben und sich der Förderung von Autoren und Literatur in der Region widmen.
Seit einigen Monaten gibt es nun einen neuen, jüngeren, Vorstand. 1. Vorsitzende ist die Bildhauerin Stephanie Schröter aus Arnsberg. Sie möchte im Verein einiges modernisieren, plant erstmal weniger Lesungen, vielleicht drei oder vier im Jahr. Im November kommt zu diesem Zweck der unvermeidliche Peter Prange. Außerdem wird es noch zwei oder drei Vorträge zu philosophischen oder Sachthemen geben. Weiterhin soll es im ganzen Sauerland Veranstaltungen geben, nicht nur in Schmallenberg oder Arnsberg. Nicht neu ist der Plan einer Schreibwerkstatt für junge Leute, aber sie soll nun durch jüngere Dozenten durchgeführt werden. Geplant ist ein  zeitgemäßer Internetauftritt und das Layout der Vereins-Literaturzeitschrift “Der Edelrabe” ins Heute zu bringen.

Der Vorstand ist ehrenamtlich tätig und der ganze Verein damit ein typisches Beispiel für die Kulturarbeit in dieser Region: Hier geht nichts ohne engagierte Einzelpersonen und fast immer geht alles ohne Geld von Mutter Staat. Die Regionale Kulturpolitik mag ihre Festivals haben, die Ganzjahresarbeit, z.B. für Literatur, bezahlen die Leute selbst – vor allem mit Zeit.

Ein Buchladen für jedes Tal
Jedenfalls beackert die Christine-Koch Gesellschaft fruchtbaren Boden. Denn im Gegensatz zu vielen Großstädten, die fest in der Hand von einer Mayerschen Buchhandlung oder einer anderen Kette sind und im Verhältnis zur Einwohnerzahl über wenige kleine Buchhandlungen verfügen, bin ich im Sauerland auf eine geradezu erstaunliche Zahl inhabergeführter, unabhängiger Buchläden gestoßen. Sie mögen kämpfen, aber sie leben.

Vielleicht wirkt hier ja die Dorfsolidarität positiv. Nachfrage beim Börsenverein des Deutschen Buchhandels: Etwa 60 Buchhandlungen der Region sind Mitglied, im Hochsauerlandkreis allein 20. Rechnen wir noch einige dazu, die ohne Verbandelung auskommen ist das eine erstaunliche Zahl. Wo doch die Wege weit sind und amazon über Nacht auch ins letzte Tälchen liefert.

WOLL, ne?
Und einen eigenen Verlag hat das Sauerland: WOLL verlegt unter anderem Bücher aus und über die Region, darunter Christine Kochs Gedichte. Im Sortiment aus Humorigem, Lebenserinnerungen, plattdeutscher Mundartforschung sowie Jugendbüchern und Regionalführern, gibt es aber weniger als fünf Romane. Am besten dürften die Poster des WOLL Verlags mit Sauerländer Umgangs- und Schimpfworten gehen, die ich überall hängen sehe. Literatur – wen wundert es – bringt nicht so richtig Umsatz.

Buchläden leben
In einer der größten Buchhandlungen der Region, bei „Bücher und mehr“, erfahre ich: Gut 40% des Geschäfts machen die Touristen aus. „Bücher und mehr“ ist ein schöner, gut sortierter Laden in Schmallenberg. Die beiden netten Eigentümerinnen kennen die Bücher in ihrem Laden, kennen überhaupt sehr viele Bücher und auch ihre Kunden. Der Online Shop ist nicht nur digitales Beiwerk, sondern offenbar echter Umsatzbringer, erzählen sie. Auch wenn sich viele die Bücher in den Laden bestellen. Was den beiden natürlich noch viel lieber ist. So geht das hier.

Aber auch mit weniger Sorgfalt scheint es zu gehen: Am anderen Ende des HSK, in Olsberg, ist die kleine Buchhandlung Käpt’n Book. Die vier großen Schaufenster zeigen so gut wie keine Bücher, sondern Firlefanz und Buchnippes und wirken vernachlässigt. Und auch Innen sieht es nicht nach moderner Buchhandlung oder wenigsten gemütlich-chaotisch aus: ein schlauchiger Raum, Kachelboden und eine Reihe von etwa zehn Regalen an der rechten Wand. Sortiment: von allem ein bisschen. Profil? Nicht erkennbar. Warum da kaufen, könnte man denken. Um die Ecke ist nur noch für die Internet-Verweigerer ein Argument.

In Verdrehung des Namens der Schmallenberger Kollegen konnte der Laden in Siedlinghausen: „Mehr und Bücher“ heißen. Keine richtige Buchhandlung. Das Schaufenster voller Krims und Krams, Puppen und Porzellan, Ratgeber und Setzkastenfiguren. Drinnen links Kiosk mit Kippen und Zeitungen und die Bestseller der Spiegel Liste auf einem Ständer, daneben Lotto, geradeaus Schreibwaren, mitten drin unfassbarer Nippes und Deko-Kram „für ein schönes Zuhause“ und hinten rechts die „Buchhandlung“ – 3 Regale mit undurchschaubarer Systematik. Bahnhofsbuchhandlung ohne Bahnhof.
Der nette Eigentümer erklärt, er schaue beim Sortiment auf die Liste des Spiegel, bestelle immer ein Exemplar, und dann, weil er sich für Politik interessiert, hat er rechts vor der Kasse noch ein Tischchen mit Biografien von Westerwelle bis Weißnichtwer. „Und wen meine Frau noch ein schönes Buch liest, kommt das auch hier hin.“ Er finden den Preis des neuen kenn Follet eine Frechheit. „Ich bin 72, ich höre in einem Jahr auf.“, sagt er dann noch. Und mit ihm auch der Laden. In Meschede, in Arnsberg und auch kleineren Städten – manchmal (über)leben hier zwei Buchhandlungen. Für mich immer Beleg eines lebenswerten Orts.

Amazon hat also auf dem Land offenbar noch nicht gewonnen. Aber Umsatzeinbrüche und die neue digitale Welt dürften hier nicht zeitverzögert, sondern früher als anderswo zu spüren sein. Und was die Literatur aus dem Sauerland angeht: Vielleicht wird bald ein Autor aus Oberhundem berühmt, schreibt bewegende Bücher und alle meine hier gemachten Behauptungen werden Lügen gestraft. Das wäre schön! Geschichten gibt es genug. Flaubert sagte: „Alles wird interessant und wichtig, wenn man nur lange genug hinsieht.“

 

Mehr von Christian Caravante

Jam-Session am Highway 2

Ort: Kulturgut Haus Nottbeck | Datum: Fr/Sa, 18./19.08.2017 | Wetter: bewölkt, Regen, 20°C

Aus der Helligkeit und Wärme des Cafés hinaus auf den Hof. Das Auge braucht einen Moment. Es ist dunkel. Nacht- und Land-dunkel. Die leuchtenden Linien um den Sandplatz und die Lichtsäulen vor den Gebäuden sind vor einer Stunde erloschen. Die umliegenden Höfe nur zu erahnen. Um die Ecke, verklingt Stimmengewirr. Das Glimmen von Zigarettenspitzen außer Sicht. Über Brücke und Gräfte auf die Streuobstwiese. Der Wind steht richtig. Man hört das Rauschen der A2.

Highway in Hörweite

Statt einer Tankstelle an einem Highway hier ein altes Rittergut mitten im Nichts. Hier hält nicht mal mehr ein Bus. Der ehemalige Sitz des Amtsdrosten. Kreisgrenze. Kulturregionsgrenze. Jetzt Ort der Westfälischen Literatur. Und statt amerikanischer Rockstars on the road Westfälische Literatinnen und Literaten. Ebenfalls auf Tour. Anreisende aus Berlin, Hamburg, dem Ruhrgebiet. Und hier: Stop! – And Read! Eine literarische Jam-Session umgeben von Klinker, Wassergraben und Münsterländischer Felderlandschaft. Unplugged und down-to-earth.

„Fast schon Natur-Kitsch hier. Aber wenn’s schon mal da ist…“

Lese-Sessions rund um das Kulturgut. Auf einer Picknickbank mit ehemaligem Stallgebäude im Rücken. Entlang der Gräfte gehend. Auf dem Fußballplatz gegenüber dem Kulturgut. Soundscapes im Gartenhaus und im Saal. –Verschränktes Gelände – Lügende Landschaft – Kreisverkehr – An der Tankstelle – am kai – Immer wieder: Orte. Räume. Blicke. Und Bewegungen. Über allem: Sprache(n). Und dazwischen: tauscht man sich aus.

Wir stehen dicht gedrängt unter einem Sonnenschirm aus meiner Camping-Bulli-Ausstattung. Auf dem Fußballplatz. Hinterm Parkplatz. Gegenüber vom Sandplatz. Philipp mit Kamera und Equipment neben mir. Daniel mit Zeichenblock und Stift hinter mir. Ich halte den Schirm. Ein paar Ausfallschritte entfernt das Tor. Darin: Christoph Wenzel. Ebenfalls mit Schirm. Um uns herum: Regen. Satte grüne Wiesen. Und Lyrik. Gelesen vom Autor himself. Live und unplugged.

„Wer Lyrik schreibt, ist verrückt, wer sie für wahr nimmt, wird es.“        (Peter Rühmkorf)

Am Samstag Lese-Live-Streams. Vom Stop am Highway raus ins Netz. Lokal & digital. Junge Lyrik aus Westfalen für ein paar Minuten fast weltweit. Nottbeck an den Kreis- und city limits: ein Ort, der verknüpft. Einige waren bereits hier. Eine Woche, um zu schreiben, zu sortieren. Gedanken und Texte. Andere sind das erste Mal da. Man kennt sich. Man sieht sich zum ersten Mal. Geht um das Gut, gen Stromberg, allein und gemeinsam.

Lyrik riecht nach Orangen und Zigarettenqualm. Schmeckt nach Ginger Ale und Bier. Und dem heimischen Klaren.


Seit Herbst 2016 geben sich Künstler und Künstlerinnen aus Westfalen auf dem Kulturgut Haus Nottbeck in Oelde-Stromberg die Klinke in die Hand. Stop ˈnˈ Read ist ein Projekt der LWL-Literaturkommission für Westfalen in Zusammenarbeit mit der Kulturgut Haus Nottbeck GmbH. Idee und Konzept stammen von Walter Gödden, die Kommunikation übernimmt Fiona Dummann.

Um die Kurzlesungen zu verfolgen, muss man nicht in die unendlichen Weiten der Westfälischen Provinz aufbrechen. Die Stops werden auf der Website des Projekts zugänglich gemacht. Mit vielen bekannten Gesichtern, gezeichnet von Daniel Unrau. Und den Clips von Philipp Wachowitz. Das Line-Up des Wochenendes und in Kürze auf der Homepage des Projekts Stop ˈnˈ Read zu sehen:

   Greta Ganderath | Marius Hulpe | Adrian Kasnitz | Georg Leß |              Arnold Maxwill | Sarah Marie Meinert | Hendrik Otremba | Charlotte Warsen | Christoph Wenzel | kolberg+stern


Die Veranstaltung „Junge Lyrik“ mit Live-Streams und Abendveranstaltung am Samstag fand im Rahmen des hier! festival. regional. international. des Netzwerks literaturland westfalen statt. Das Literaturfestival bietet noch bis zum 30. September verschiedenste Veranstaltungen in ganz Westfalen  – und auch über die Regionsgrenzen hinaus. Stadt.land.text NRW 2017 ist mit einer Lesung der RegionsschreiberInnen Westfalens am 26. September 2017  in der Studiobühne der KulturRäume Gütersloh dabei.

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