Ich hatte Angst vor der Hölle

Ich habe in den 90er Jahren in einer christlichen Versandbuchhandlung in Wuppertal gearbeitet und dabei den Begriff „christliche Nächstenliebe“ in einer ganz neuen Dimension kennen gelernt.

Rolf Urspruch

Vor dem Treffen mit Rolf Urspruch habe ich mich ein wenig gefürchtet. Nach seiner ersten Mail an mich war klar, da würde einer erzählen, wie zerstörerisch Arbeit für Menschen sein kann. Und, das war mein erstes Gefühl, da war noch etwas, das darüber hinaus ging.

Wir treffen uns am Hans-Dietrich-Genscher-Platz am Bahnhof Barmen, Rolf Urspruch ist pünktlich, ein eher scheuer, zurückhaltender Mensch, der aber umso entschlossener wirkt. Er rollt das R und vielleicht ist er mir deshalb gleich sympathisch.

Keine 1.700 DM habe er verdient, als er Anfang der 1990er Jahre in der christlichen Versandbuchhandlung Verlag und Schriftenmission eine Vollzeitstelle antrat. Das wären heute nicht einmal sechs Euro die Stunde.
Ich hatte damals keine Ahnung, sagt Rolf Urspruch, dass das Ausbeutung ist, über Gehalt hat man einfach nicht gesprochen, auch unter den Kollegen nicht.

Wir spazieren Richtung Barmer Anlagen, die ehemalige Trasse der Barmer Bergbahn entlang. Früher, erzählt Rolf Urspruch, sind die Familien am Wochenende und an Feiertagen mit der Bahn zum Toellerturm hoch. Da war immer was los. 1959 wurde sie leider wegen Unwirtschaftlichkeit geschlossen.

Die Sache in der christlichen Versandbuchhandlung fing gleich mit einem großen Hindernis an. Ein Teil meiner Tätigkeit bestand darin, Büchersendungen zu kontrollieren und dazu musste ich natürlich sitzen. Es gab aber keinen Stuhl zum Schreibtisch. Als mein Chef morgens reinkam, fragte ich ihn, ob er mir nicht einen Stuhl besorgen will. Aber das hat er abgelehnt: Sie bekommen keinen Stuhl. Und da hat meine Kollegin Martina mir etwas Gutes getan und aus ihrem Elternhaus einen Drehstuhl geholt.

Ich war sehr ängstlich damals

Dieser Stuhl, sagt Rolf Urspruch, während wir tapfer den Berg hochlaufen, war dann hart umkämpft. Komischerweise nur mein Stuhl, nie der Stuhl der Kolleginnen. Seitdem er da stand, wurde er von unseren Kunden mitgenutzt. Das waren Leute aus anderen Gemeinden, die Kommissionsware zurückbrachten und neue Bücher aussuchten. Die waren offensichtlich der Meinung, dass ich keine Berechtigung hatte, auf diesem Stuhl zu sitzen, da standen also ständig dreckige Bücherkartons darauf oder Mäntel oder Jacken lagen auf der Lehne, kaum war ich nur mal kurz weg. Manche setzten sich auch einfach und standen nicht mehr auf, selbst wenn ich direkt daneben stand. Und ich habe mich nicht getraut, denjenigen zu bitten, aufzustehen. Ich hatte Angst, der bleibt sitzen, der weigert sich und was mache ich dann? Das ist dann ja noch demütigender.

Auf den Aufnahmen höre ich, dass wir immer noch bergauf gehen. Ich sage nichts. Die Verletzung von damals ist bis heute in Rolf Urspruchs Stimme zu hören.

Seit ich sechs Jahre alt bin, zumindest kann ich mich solange zurück erinnern, war ich schwer depressiv. Bis vor zwei Jahren. Ich hatte Angstzustände, Angst vor Menschen, Angst vorm Leben, Angst vor der Hölle. Also sehr stark von meiner christlichen Erziehung beeinflusst. Und deshalb konnte ich auch nicht soweit denken, dass ich vielleicht zu wenig Gehalt bekam.

Ich war sehr ängstlich damals, sagt Rolf Urspruch, ich habe nur die Kartons genommen und in eine Ecke gestellt, wo sie niemanden störten. Und wenn ich dann wieder aufstand und an meinen Platz kam, stand wieder alles voll.
Einmal, erzählt er, war ein Ehepaar aus Leverkusen da, schon etwas älter, wieder stand der Karton auf meinem Platz, wieder stelle ich den Karton an eine andere Stelle, und da sagte der Mann zu mir, du kannst froh sein, dass du hier arbeiten darfst.

Der Vorwurf lautete auf Hurerei

Hier war mal ein Planetarium, sagt Rolf Urspruch. Es wurde im Krieg beim Fliegerangriff auf Barmen zerstört und leider nicht wieder aufgebaut. Bekannte von ihm, erzählt er, die damals Kinder waren, hätten sich in die Wupper geschmissen, um den Flammen zu entgehen, und dort in den Fluten haben sie sich kennengelernt und später geheiratet.

Seinem Arbeitgeber, der Stadtmission, gehörte auch ein Altenheim in der Nähe von Siegen, der Leiter hatte eine Mitarbeiterin, die mit ihrem Freund ohne Trauschein zusammenlebte.
Und das wurde ihr ständig vorgeworfen, der Vorwurf lautete auf Hurerei. Er muss die ziemlich terrorisiert werden. Wenn diese Menschen bei anderen Sünde feststellen, können sie wirklich zudringlich werden, sagt Rolf Urspruch, und er sagt es so, dass man die Zudringlichkeit förmlich spüren kann.
Was hat Sie denn an der Stelle interessiert, warum wollten Sie dort arbeiten, frage ich.
Ich war froh, dass ich etwas gekriegt hatte, ich wollte unbedingt eine Stelle haben. Vom Arbeitsamt wurde mir eine Ausbildung zum Bürokaufmann vorgeschlagen, in einem Ausbildungszentrum, aber mir ging es psychisch ganz schlecht und ich wusste, das halte ich nicht durch. Und zur selben Zeit hatte ich auch meine Freundin kennengelernt, die in Wuppertal lebte und mit der ich dann 27 Jahre lang zusammen war. So gesehen war es die richtige Entscheidung, ebenfalls nach Wuppertal zu ziehen.

Bei Gott entschuldigen für jeden Mist

Als Kind hatte ich das Pech, ich musste in die Sonntagsschule der Brüdergemeinde gehen, und da ging es viel um die Hölle. Ich hatte unheimlich viel Angst vor der Hölle, mein ganzes Leben lang, ich war mir sicher, dass ich in die Hölle kommen würde und habe angefangen, religiöse Zwänge zu entwickeln. Zum Beispiel, ich muss mich dauernd bei Gott entschuldigen, wegen jedem Mist. Wenn mir der Deckel vom Mülleimer runterknallte, musste ich mich bei Gott entschuldigen. Und wenn ich heil über die Straße gekommen bin, musste ich mich sofort bei Gott bedanken.

An Wuppertal liebt er die Industriearchitektur und vor allem liebt er die Schwebebahn. Besonders im Stadtteil Vohwinkel, das bis heute von der Konstruktion der überirdischen Bahngleise dominiert wird. Er selbst kommt vom Dorf, in der Nähe von Marburg in Hessen, die Gegend ist ländlich und auch stark religiös geprägt, viele Freikirchen gibt es dort, ähnlich wie im Bergischen Land.

Rolf Urspruch vor der Schwebebahn in Wuppertal

Allerdings hatte ich auch Angst vor Menschen, vor allem vor Männern. Und das wussten die in meiner Arbeitsstelle. Zum Beispiel mein Chef, der war ein erfahrener Mann mit viel Menschenkenntnis, als Missionsinspekteur bereiste er die ganze Welt und guckte sich die Arbeit der Missionare an; er war zuständig, wenn es Konflikte gab. Der konnte Menschen gut einschätzen und er hat sofort gesehen, dass ich mich nicht wehren konnte. Schon beim Bewerbungsgespräch hat er gemerkt, wie konfliktscheu und ängstlich ich war, sonst hätte er mir nie diesen schlecht bezahlten Job hingeknallt.

Die Sache mit der Schokolade

Was waren denn Ihre Aufgaben?
Wareneingang und Warenkontrolle und einfache Werbetätigkeit, Zettel falten und Sachen tackern, das war es in der Hauptsache.
Konnten Sie denn von dem Gehalt leben?
Ich hatte keine Gehaltsvorstellungen, aber ich habe schon bald gemerkt, ich komme nicht richtig aus mit dem Geld. Die Kollegen konnten sich ein Auto leisten und jedes Jahr in den Urlaub fahren. Ich dagegen bin immer zu meinen Eltern nach Hessen gefahren und mein Vater hat mir 100 Mark gegeben, damit ich die Fahrtkosten bezahlen konnte. Ich habe aber daraus geschlossen, dass ich eben nicht so gut mit Geld umgehen kann wie die anderen.

Eine andere Sache, sagt Rolf Urspruch, war die Sache mit der Schokolade. Auf meinem Platz stand immer eine Schale mit Schokolade. Die Leute mussten über meinen Kopf hinweggreifen, über meine Schulter hinweg, um an die Schokolade zu kommen. Dass ich da saß, war ihnen egal, fast so, als wäre ich gar nicht da.
Heute würde man das Mikroaggressionen nennen, denke ich, eine Aggression, die als solche nachzuweisen gar nicht so einfach ist, weil sie so harmlos daher kommt. Aus vielen kleinen Mikroaggressionen entsteht ein Dauerbeschuss, dem das Opfer kontinuierlich ausgesetzt ist.
Ich habe dann angefangen, selbst Schokolade zu essen. Ich war also ziemlich beleibt. Und auf einmal hing da eine Karte an unserer Pinnwand, auf der war eine ziemlich beleibte Person abgebildet. Man ist, was man isst, stand da drauf.
Damit war ich natürlich gemeint, sagt Rolf Urspruch. Er lacht. Das war ziemlich gemein.
Waren die froh, dass sie ein Opfer hatten in Ihnen?, frage ich.
Ja, meint er, das kann schon sein.

Haben Sie Angst vor Hunden?

Wir kommen an einem Kriegerdenkmal vorbei, hier liegen die Helden aus dem ersten Weltkrieg begraben, erklärt uns ein Schild, und Rolf Urspruch erzählt von Gerda, der Sekretärin des Chefs, die sehr tüchtig war und sehr viele Überstunden machte. Sie war allerdings ein bisschen labil. Sie war von meinem Chef abhängig, der hieß Becker, und meine Kollegin Martina sagte, wenn die mal einen neuen Chef kriegt, das kann die nicht. Die kann nur mit dem Becker zusammenarbeiten. Und das, sagt Rolf Urspruch, hat der Becker ausgenutzt. Er hat sie oft bis aufs Blut geärgert, solange, bis die Gerda ausgerastet ist. Und der Becker saß dann da und hat das richtig genossen.
Wie hat er das denn gemacht?
Ach, der war sehr kreativ, der wusste, wie man Menschen verletzen kann. Aber die Gerda nannte ihn immer liebevoll das Beckerle, das sagt ja viel aus. Als der Chef dann die Position aufgegeben und nur noch in der Missionsgesellschaft in Neukirchen gearbeitet hat, ist die Gerda ihm hinterhergezogen.
Er ist früh gestorben, sagt Rolf Urpruch, und was aus der Gerda geworden ist, weiß ich nicht.

Blick von den Barmer Anlage auf die Stadt Wuppertal

Wir sind nun oben angekommen auf dem Barmer Berg und schauen hoch zum Toellerturm, bevor wir zurück zum Bahnhof gehen. Ein Hund steht vor uns und schaut uns boshaft an.
Haben Sie Angst vor Hunden?, fragt Rolf Urspruch, vor manchen schon, sage ich, ich mag jedenfalls nicht, wenn sie mich beißen. Gerade die kleinen schnappen ja gerne mal.
Genau, sagt Rolf Urspruch, die Wadenbeißer, das sind die schlimmsten. Der Hund geht zum Glück zu seinem Frauchen zurück, sie nimmt ihn an die Leine.

Rolf Urspruch hat sich viele kleine Begebenheiten aus einem Arbeitsleben gemerkt, manche davon sogar aufgeschrieben. Meine Kolleginnen und mein Chef waren Mitglieder der Evangelischen Gesellschaft für Deutschland, Radevormwald. Ich gehörte nicht dazu, sagt er, weil ich von einer anderen Landesgemeinde kam. Und wer nicht dazugehört, läuft Gefahr, gemobbt zu werden.

Die nehmen mich nicht für voll

Wir unterhalten uns über die Frage, warum man es trotz schlechter Behandlung nicht schafft zu gehen. Ich denke an die Geschichte mit Gerda; vielleicht, weil man irgendwann kein Selbstwertgefühl mehr hat, schlage ich vor, weil man denkt, man kann es allein gar nicht schaffen? Ja, vielleicht stimmt das sogar, sagt Rolf Urspruch. Ich kam zu dem Schluss, das läuft überall so ab, ich kann mich nicht wehren und werde zum Spielball der anderen. Die nehmen mich einfach nicht für voll.

Nach neun Jahren schafft er es schlussendlich doch zu kündigen, aber ich war am Boden, sagt er.
Kurz danach hat der Laden übrigens pleite gemacht, erzählt Rolf Urspruch. Die hatten ja niemanden mehr, der die stupide Arbeit machte.

Erst als er vor zwei Jahren in das Pflegeheim gezogen ist, in dem er jetzt wohnt, ist plötzlich etwas mit ihm geschehen.
Die sind alle so engagiert da, sagt er. Die lieben dort alte Leute! Und da habe ich plötzlich meine Angst verloren. Er denkt viel über sein Leben nach und warum seine Eltern ihm nichts beigebracht haben. Schade, dass ich keine Kinder habe. Er würde gerne nochmal von vorne anfangen.

Wir trinken noch einen Kaffee, es ist ein warmer Tag im Juni, wir sitzen draußen. Rolf Urspruch möchte, dass ich seinen richtigen Namen veröffentliche. Es musste alles mal gesagt werden. Ein Foto machen wir auch noch. Vor der Konstruktion der schönen Schwebebahn, die ein paar Meter über uns vorbeislidet, Richtung Vohwinkel.

Weiterführende Links zur Straße der Arbeit

Spaziergang vom Bahnhof Barmen durch die Barmer Anlagen
Übersichtskarte (Sauerländischer Gebirgsverein, Bergisches Land)

Mehr von Ulrike Anna Bleier

Der Glaube

Wenn ich‘s doch sage. Fang du nicht auch noch an. Das geht so schnell heutzutage. Dass du in der Ecke stehst. Mit Twitter und allem. Das heißt gleich: Querdenker. Dabei hab ich mit denen nichts, gar nichts mit denen am Hut. 

Ich hab auch keinen Hut, das ist die andere Sache. Aber ich hab Augen im Kopf. Und ich sag dir jetzt: Das Virus. Das ist sowas von real! Ich brauch da auch keine Experten mehr für. Bin zweimal geimpft, und warte jetzt auf die dritte. 

Und deshalb glaub mir mal, dass ich viel bin. Aber keiner von den Spinnern. Weil, das denken die jetzt bei der Stadt. Weil, ist auch bequemer. Ist klar. Weil, wenn die mir glauben würden? Die müssten das ganze Ufer zusperren. 

Das mach jetzt ich. Also, wenn ich Zeit hab. Das geht jetzt aber nicht so schnell. Ist erst mal anderes zu tun. Wir müssen die Leute alarmieren, verstehst du? In der Wupper schwimmt ein Krokodil. 

Was weiß denn ich, wo das herkommt! Gibt doch Verrückte genug. Ich sag ja, das ist aus dem Zoo entwischt. Irgendwann bei dem Hochwasser vielleicht. Und jetzt wills keiner gewesen sein. Aber vielleicht ist es auch privat. 

Also, dass das von privat kommt. Weil es jemand gehalten hat. In der Badewanne, keine Ahnung. Und dann entkommt so ein Tier. Und dann sagst du ja auch nicht, verzeihung, haben sie mein Krokodil gesehen?

Aber ich hab‘s gesehen, na hör mal. Bin ich blind, oder was! Acht Tage ist das jetzt her. Seit acht Tagen dreht das Viech hier frei. Oder länger. Ich hab‘s untersucht. Siehst du das Häufchen? Da vorne?

Das ist kein gewöhnliches, glaub mir. Hund oder Katze sieht anders aus. Und daran kannst du‘s natürlich bemessen. Ich sag dir lieber nicht genau, wie. Hat was mit der Konsistenz zu tun. Bei Kuhfladen weißte ja auch: Sind sie ganz trocken, ist die Herde schon etwas länger vorbei. Und dieser staubtrockene Klumpen? Das ist Krokokot. 

Jetzt schau nicht so. Der ist nicht gefährlich. Gefährlich ist nur das Tier selbst! Da brauchst du Glück, das hab ich dem Wanni auch gesagt. Ich sag: Wanni, was hatten wir ein Schwein! Aber der Wanni wieder, weißte? Wir waren doch besoffen, und so. Ich sag, klar, sag ich, nicht mehr ganz nüchtern, und dunkel war es auch! Ist halt so, in der Nacht. Das heißt aber ja nicht, dass da kein Krokodil war! Ich glaub, der Wanni hat immer noch Angst. 

Wir nämlich: Da hinten, da hinten am Ufer gesessen. Und gib ihm, natürlich, aber moderat. Und dann hören wir so Fische. Das ist ja schon selten, dass man hier Fische hört. Eigentlich gibt‘s das gar nicht, aber so kleine Fische, so bisschen plitsch, plitsch, plitsch, platsch. Und dann auf einmal, flapp! Ein richtiger Schlag. Sind wir ganz nass geworden von. Dabei saßen wir gar nicht so nah. 

Da muss was richtig großes einmal raus sein und dann wieder rein. In die Wupper. Ich sag: Wanni, pass auf! Und dann seh ich die Zähne, ich seh den Schwanz und diese schuppige Haut. Und kleine Augen, so an den Seiten. Die blitzen! Ich bild mir das ja nicht ein. 

Acht Tage, wie gesagt. Und ich jetzt der einzige, der aufpasst. Ich hab den Fluss im Auge, aber das Vieh ist nicht noch einmal hochgeschwommen. Das ist natürlich clever. Das weiß jetzt Bescheid. Das sind ja Jäger, da, wo die herkommen. Im Nil und so. 

Aber ich bin auch clever. Ich halt die Leute vom Ufer fern. Ja, wer denn sonst? Nur bei den Kindern ist es schwierig. Da mach ich dann oft einen auf, du weißt schon. Bisschen Stulle, bisschen ballaballa. Und renn so auf die zu. Dann sind die Eltern gleich da, kannste mal sehen, zack zack. Da muss man sich nämlich eigentlich gar keine Sorgen machen. 

Und wegen dem Kroko auch nicht. Ich hab da nämlich einen Plan. Weil, wenn sonst keiner was tut? Dann muss ich Fakten schaffen. Ich sag dir, was ich mache, siehst du die Brücke, da? Da häng ich ein Hühnchen runter. Einfach so, an der Schnur. Keinen Broiler, noch roh. So eins aus dem Supermarkt. Weil, wenn das Krokodil Fisch mag? Dann kann das dem Hühnchen nicht widerstehen. 

Und dann schnappt es zu. 

Und dann sehen das alle. 

Und wenn nicht, muss ich es nachts wieder abhängen, klar.

Aber ich weiß schon, was du jetzt denkst. Nämlich, das ist ja ein schlauer Plan. Und jetzt will der Typ sicher gleich Geld von mir, für das Hühnchen. Aber nee, nee, nee, glaub mir mal. Das Geld für das Hühnchen hab ich schon. Hab ich schon längst. 

Ich brauch Geld für Kippen. Haste was?

Mehr von Tilman Strasser

Die Tauben

Weil die ja sonst keiner füttert, die haben doch gar nichts zu essen. 

Das stimmt nicht, die essen alles, was die Menschen wegwerfen. 

Aber die sollen ja keinen Müll essen! Ich will doch auch keinen Müll essen. Willst du Müll essen?

Nope. Deswegen füttern wir die ja. 

Mit Breze. Weil die das am liebsten mögen. 

Das dürfen wir aber deiner Mama nicht sagen. Die hat uns die Breze gekauft. 

Die ist doch eh noch einkaufen. Die bleibt immer voll lang shoppen. Sorry!

Wieso, stimmt ja. Ich mag nicht gern shoppen. 

Ich auch nicht. Sagen immer alle Jungs, dass Mädchen nur shoppen wollen.

Wir shoppen nur bei dm. 

True. Ich steh voll auf Crémes. 

Hast du die probiert, die wo wir auf Instagram gesehen haben?

Voll viele sagen, die ist voll gut. 

Die ist voll scheiße. 

Hä, woher willst du das wissen? 

Hab ich gehört.

Von wem?

Ist doch egal, die ist halt scheiße. Jedenfalls. 

Genau: Jedenfalls. Wir sind hier immer, wenn ihre Mama shoppen geht. 

Und dann füttern wir Tauben. 

Es gibt krass viele Tauben. 

Alle sagen, die sind voll eklig, aber ich find die eigentlich voll schön. 

Ich find die schon ein bisschen eklig. 

Ja klar, ich will die jetzt auch nicht als Haustier haben. 

Was findest du denn bitte schön?

Na, weil die voll schillern am Hals!

True. Aber die Augen sind echt scary. 

Aber die Augen sind bei allen Vögeln scary. 

Nope, bei Amseln sind die cool. 

Aber es gibt halt keine Amseln hier. Hast du hier schon mal eine Amsel gesehen?

Ich weiß gar nicht, ob Amseln auf Breze abgehen. 

Ich find halt eklig, wie die sich bewegen. Schau. 

Ja, die rucken so mit dem Kopf. Und sie sind immer voll aufgeregt. 

Ey, das ist dein Parfüm. 

Laber nicht. Ich hab früher immer gedacht, dass es Tauben nur hier gibt. 

Hä?

Nur in Wuppertal.

Hä?

Weil meine Schwester das erzählt hat. 

Hä, voll geil.

Die hat mich halt verarscht. 

Was ist los mit der?

Fand die funny. 

Wie Kastanien. 

Hä?

Kastanien gibt’s auch nur hier. 

Hä, die Bäume oder was?

Haha, jetzt hab ich dich auch verarscht. 

Alter. 

Kastanien gibt’s überall. 

Not true. 

Schon true. 

Nope. In Mexiko gibt’s keine Kastanien. 

Hä, woher willst du das wissen?

Weiß ich halt. 

Du warst doch nie in Mexiko. 

Hat meine Schwester erzählt. 

Die war auch nie in Mexiko.

Aber der ihr Freund. 

Der ist voll eklig. 

Stimmt. Wie die Tauben. 

Nope, anders. 

Stimmt, anders.

Hast du noch Breze?

Nope. 

Okay, dann musst du ihnen das sagen. 

Hä?

Den Tauben. 

Hä?

Dass das Füttern vorbei ist. 

Auf keinen Fall. Die picken mich tot. 

Sind Tauben eigentlich taub?

No way, Digger. Die sind schon wieder so aufgeregt. 

Wo würdest du hinfliegen, wenn du eine Taube wärst?

In Mexiko gibt’s bestimmt auch mehr Sonne. 

Ich steh voll auf Sonne. 

Meinst du, da gibt’s Brezen?

Meinst du, da gibt’s dm?

Wir müssen jetzt los. 

Mehr von Tilman Strasser

Die Fingernägel

Was glauben Sie denn? Dass ich nicht mehr putzen muss, oder wie? Da kann ich Sie aber beruhigen. Sind noch meine eigenen! Alle zusammen. Und die pfleg ich. Und dafür kauf ich auch mal neue Zahnpasta. Wenn Sie gestatten, junger Mann!

Ach so. Na, die neue hab ich gekauft, weil die alte nichts mehr getaugt hat. Obwohl ich die lange gehabt hab. Aber ich hab das im Blick! Und eins kann ich Ihnen sagen: Kommen Sie mal in mein Alter. Dann geben Sie sich auch nicht mehr zufrieden. Mit etwas, das nichts taugt. 

Ach, die Farbe gefällt mir sowieso. Aber ist doch Papperlapapp. Wissen Sie, was wichtig ist? Schmecken muss die. Ja, ja, ja, das wollen Sie jetzt nicht hören. Ich ess die ja nicht am Stück. Aber bei der Zahnpasta schmeckt man es heraus. Wenn die gut sauber macht? Dann brennt das auf der Zunge. 

Hab ich auch den Damen in der Drogerie gesagt. Da sind ja jetzt so junge Verkäuferinnen. Die kommen auch nicht alle von hier. Da schimpft die Hilde immer. Ach, die Hilde ist nur meine Nachbarin. Aber ich schimpf dann zurück. Warum? Ja, tüchtig sind sie, die jungen Frauen! Und ich sag Ihnen noch was. Solche Fingernägel haben die. 

Sie machen sich keine Vorstellung. Das hab ich denen auch schon gesagt. Ich sag: Wie räumen sie denn das Regal ein, mit diesen Pranken? Aber die Damen, die lachen da nur. Ich sag: Finden das denn die jungen Männer schön? Da sagt die eine, die immer auch Samstags da ist, die sagt: Mir doch egal. Ich find das schön, sagt die. Da bin ich aber zur Hilde. Ich sag: Die jungen Leute, die sind doch nicht ganz verkehrt. 

Sicher gehe ich gern hierher. Ich komme jeden Tag in die Drogerie. Das riecht, sage ich Ihnen! Da kann ich auch mal eine Stunde sein. Oder zwei. Man ist ja nicht mehr so flott unterwegs. Wenn es noch ein Kaffeechen gäbe, das wäre schön. Aber was es sonst alles gibt! Nur manchmal drucken die das so klein. Auf die Verpackung. Erzählen Sie mir nichts. Das kann doch kein Mensch lesen. Früher gab es das nicht. 

Früher war das ein ganz anderer Laden. Also, eine Drogerie war es auch. Aber die hat dem Dings gehört, dem Herrn mit dem Schnäuzer. Der hat sich immer neben einen gestellt. Wenn man mal ein bisschen länger gebraucht hat. Wenn ich mir meinen Tee ausgesucht hab, hat der immer so getan, als würde er da was einräumen müssen, genau an dem Regal. Ja, hören Sie mal! Unsereins klaut doch nichts? Da hat das auch noch nicht so gut gerochen, damals. 

Jetzt ist das so eine Kette. Da schimpft die Hilde auch immer drauf. Aber ich find die Kette gut. Ich weiß gar nicht, wie man das ausspricht. Der Laden ist auch viel größer geworden. Manchmal finde ich Sachen, die hab ich noch gar nicht entdeckt. Und einmal haben sie mir einen Stuhl geholt. Da ist mir ein bisschen flau geworden. Hinten bei den Windeln. Ich weiß gar nicht mehr, warum ich da hin bin. Den Stuhl hab ich ihnen dann aber schön ausgeredet. Ja, was meinen Sie? So alt bin ich nun doch noch nicht. 

Sicher, ich wohne schon immer hier. Nicht Wuppertal, ich bin aus Barmen. Meine liebe Mutter ist schon geboren in dem Haus. Und den Krieg hat das auch überlebt, also, die ersten Etagen. Das hat sich natürlich alles verändert. Außer mir wohnt da niemand mehr von früher. Die ganze Stadt ist ja ausgewechselt, inzwischen. Aber eins ändert sich nicht. Nämlich dass hier jeder sein eigenes Süppchen kocht. 

Ja, wie soll ich das meinen! Ich hab mich mal in einen verguckt. Aus Elberfeld war der. Da hat mir mein Vater aber was erzählt. Das kam für den sowieso nicht in Frage. Aber aus Elberfeld schon gleich gar nicht! Hab ich den dann heimlich getroffen. Aber das war auch nichts. Der wollte mir nur schöne Augen machen. Ich bin dann nur noch raus, weil ich eigentlich nicht mit einem aus Elberfeld gedurft hab. Übers Fenster, sag ich Ihnen. Wenn ich das heute sehe. Da wird mir sechzig Jahre später noch schwindelig bei. 

Die Hilde sagt, das ist alles nur wegen der jungen Leute. Weil die nicht mehr hilfsbereit sind. Aber das ist auch Kokolores. Manche Sachen, die waren wohl schon. Wobei, was ich mich ja frage. Wie machen das denn die Damen aus der Drogerie? Wenn die mal für einen aus Elberfeld aus dem Fenster klettern wollen? Mit diesen Fingernägeln? Die kommen doch keine Hauswand runter! Na, ich frag sie einfach mal. Wenn ich das nicht vergesse. Morgen. Da bin ich wieder hier. 

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Der Regen

Ich bin vor drei Jahren hierher gekommen. Ich bin zuerst nach Mannheim gekommen. Ich bin nach Deutschland gekommen, weil ich nach Österreich wollte. Ich wollte nach Österreich, weil ich gehört habe, dass es sehr schön dort ist. Ich bin aber nach Deutschland gegangen, weil ein Freund hier lebt. Mein Freund hat gesagt, in Deutschland ist alles umsonst und du musst die Sprache nicht lernen. Mein Freund hat mich ein bisschen verarscht. 

Danke schön. Ich habe Deutsch gelernt in einem Kurs. Und mit Fernsehen. Ich habe nicht immer Menschen gefunden zum Reden. Die Menschen im Fernsehen reden immer. Aber ich habe gemerkt: Die Menschen im Fernsehen reden manchmal nicht korrekt. 

Wuppertal finde ich eine sehr schöne Stadt. Viele Leute sagen, Wuppertal ist nicht schön. Aber ich finde: sehr schön. Mein Freund wohnt in Wuppertal. Mein Freund hat gesagt, in Wuppertal gibt es die meisten Religionen. Die meisten Religionen in einer Stadt. Da hat mich mein Freund nicht verarscht. 

Religion ist für mich sehr wichtig. Ich musste meine Heimat verlassen wegen Religion. Meine Heimat ist Iran. Ich vermisse meine Heimat. Ich vermisse meine Eltern. Meine Eltern sind noch dort. Sie haben zu mir gesagt, dass ich gehen soll. Ich soll ein gutes Leben haben. Das haben sie zu mir und meiner Schwester gesagt. Meine Schwester ist auch noch dort. 

Ich bin Christ. Die Leute in Wuppertal sagen, hier bist du sicher. Sie sagen, wir sind auch Christen. Die Leute sagen, sie mögen mich, weil ich Christ bin. Ich mag das nicht. Die Leute sollen mich mögen, weil ich auch ein Mensch bin. Meine Religion ist nur wichtig für mich. 

Ich habe eine kleine Wohnung. Es ist sehr schwierig, in Deutschland eine Wohnung zu finden. In Iran haben wir ein Haus. Aber ich bin sehr glücklich. Ich habe einen Schrank. Ich habe den Schrank gebaut. Nein, repariert. Der Schrank ist kaputt gewesen. Ich kann gut reparieren. Ich habe meinen Nachbarn gefragt, ob ich ihm auch einen Schrank reparieren soll. Jetzt suchen wir einen kaputten Schrank für ihn.

Ich suche eine Arbeit. Ich suche Freunde. Ich suche eine Freundin. Ich weiß nicht, wie die Leute in Deutschland etwas finden. Mein Deutsch ist nicht schlecht. Aber mein Deutsch ist auch nicht so gut. Ich muss noch besser sprechen. Ich hoffe, dass ich dann etwas finde in Wuppertal. 

Ich bin nicht viel hinausgegangen. Es war immer Corona und ich bin sehr vorsichtig. Aber ich gehe hinaus, wenn es regnet. In Wuppertal regnet es sehr viel. Die Leute in Wuppertal mögen den Regen nicht. Sie schimpfen und gehen in ein Haus. Aber ich mag den Regen. Regen ist für mich Deutschland. Regen ist für mich keine Angst. Ich mag das Gefühl auf meinem Gesicht. Ich gehe hinaus, wenn es regnet. 

Und ich habe gelernt, es gibt kein schlechtes Wetter. Es gibt nur schlechte Kleidung. Ich habe jetzt einen Anorak. 

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Der Akki

Fränk! Komm rüber! Ja, hast du frei oder was? Warst du beim Friseur? Ach komm. Trinken warst du! Bei Mazzino! Erzähl mir nix. Ich seh es dir doch an.
Es wird ernst, Fränk. Wir müssen zusammenhalten. Wegen Akki. Ja, was glaubst du, wo der ist? Zuhause ist der. Ich ärger den ja immer. Ich sag, wo soll der sonst sein, sag ich: Der kommt ja auch nicht hoch von der Couch.
Aber der Akki, mein Lieber, das ist ein Problem. Weil jetzt! Jetzt tut der sich gerade eine Schweinshaxe reinstellen. Fränk, mein Lieber, du kennst es doch auch. Eine Schweinshaxe oder was weiß ich, und dazu zwei Liter Weizen. Und dann raucht der sich einen.
Und das ist mein Punkt, Fränk. Ich lieg dem ja in den Ohren. Seit Jah-ren. Da muss was passieren. Aber mir erzählt der, dass er ins Fitness geht. Ich sag: wie denn! Ich sag: so? Ich würd dem da schön mal, weißte: Auflauern. Denn eins ist doch klar. Der geht auf der Rückseite direkt wieder raus!
Aber Akki sagt: Nee, nee. Der sagt, das schlägt nur nicht an bei dem. Wegen Stoffwechsel, sagt der Akki. Stoffwechsel, Fränk! Dabei muss der nur fuffzehn Liegestütze pro Tag machen, fuffzehn Liegestütze, das reicht.
Aber wenn ich bei dem bin? Dann seh ich den wieder Cola trinken. Klar kannste Cola trinken, Fränk! Aber erst, wenn du 25 Kilo runter hast. Das ist die Sache vom Kopf. Da ist der nicht stark, der Akki.
Weißte, Fränk? Ich bin jetzt auch 45. Da setzt das an, die Scheiße. Ich merk das ja bei mir. Und ich so zum Akki: Du musst wenigstens joggen gehen. Ich jogge ja acht Kilometer pro Tag. Ich zum Akki: Lauf mal mit! Dann kannste auch deine Pizzas essen! Ich ärger den ja immer. Ich ärger den gern.
Aber der Akki dann: Auf der Arbeit lauf ich ja genug. Auf der Arbeit, Fränk! Da hat der Körper doch nix von. Wegen dem Melatonin. Das glaubt mir keiner, aber das ist so: Du musst das wollen, du musst dem Körper das zeigen. Und wenn du im Stress bist, dann kommt das Melatonin und dann kannst du‘s nicht zeigen. Dann bleiben die Kilos drauf.
Ich weiß das. Ich hab ja Fußball gespielt. Über Jahre, Fränk, über Jahre. Ich also zum Akki, ich sag: Lass uns wenigstens schwimmen gehen. Im Wasser, viele Bewegungen. Ich zieh den ja immer auf. Ich sag, sonst kannste nächstes Jahr die T-Shirts XXXXL holen, sag ich: Kannste nach Holland fahren für. Oder nach Washington. Die Amis haben das auch.
Der Akki, ey. Ich mein, der könnte ja auch Paprika futtern. Mais, Paprika, aber nein. Der liegt auf dem Arsch, und unsereins muss Geld produzieren. Oder nicht, Fränk?Geht ja alles auf die Knete. Hilft ja nichts.
Ich bin da an so einer Immobilie dran. Das könnte jetzt ganz schnell gehen. Unten ist so eine alte Kneipe drin. Oben mach ich Büroräume draus. Würd‘ mich insgesamt so 130.000 kosten. Und nach einem Jahr für 280 weiterverkaufen, Fränk. Ich hab einen Kollegen, der ist Makler. Der sagt: Mach 390, oben schön Penthouse, komplett offen, ganz viel Glas. Brauchst du noch ein paar Jahre, aber dafür: die Kohle! Sagt der: Geduld. Sag ich: Nein, Fränk. Ich muss jetzt was machen. Den Kaufvertrag hab ich schon, ich warte nur noch auf die Bank.
Und da hab ich dem Akki auch wieder gesagt. Ich sag: Junge, geh mal zur Bank, hol mal Kredit! Mach dir einen Kiosk, das funktioniert. Ich geb dir 40 dazu, sag ich, 40 000. Ich ärger den ja immer. Aber der macht ja nicht, der Akki. Der macht ja nicht. 

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