Tanz den Flamingo
Veröffentlicht von am 27.07.2017 12:59 Schreibe einen Kommentar

Ort: Zwillbrock | Datum: So, 16.07.2017 | Wetter: bewölkt, 18°C

Rosafarbene Zuckerwatte am Stiel, wie auf der Kirmes. Nur mitten in den See gesteckt, unweit des Schilfgürtels in der Ferne. Kunst? Skulptur Projekte, eine Stunde Fahrt von Münster entfernt? Über allem das Geschrei der Lachmöwen, wenn auch heute verhältnismäßig ruhig, so Bettina. Als wüssten sie, dass Sonntag ist. Da vorn eine Gans, da drei Kormorane, unbeweglich, mitten im Grau. Der Nieselregen setzt wieder ein und ein leichter Wind kommt auf. Da, plötzlich, es muss ein Geräusch gewesen sein. Unruhe auf dem See. Die Zuckerwatte fliegt auf.

Flamingos. Im Münsterland. Nicht im Zoo, nicht im Kino. In freier Wildbahn. Ja, genau. An der Palme links und dann Sandstrand voraus? Nicht ganz. Im Naturschutzgebiet Zwillbrocker Venn, mitten im Lachmöwensee, liegt die Flamingoinsel. Von Strandbar, Cocktails und Sonnenschirmen sind wir hier allerdings weit entfernt. Seit 1982 kommt jedes Jahr eine Flamingokolonie hierher. Um zu balzen, zu brüten und die Küken großzuziehen. Bis es, wenn die Jungen flügge sind, zum Überwintern in die Niederlande ans Rheindelta geht.

Do the Flamingo Dance: head-flagging, marching und wing-salute

Ich bin heute Morgen an der Biologischen Station Zwillbrock verabredet. Mit sieben Kindern und Elternanhang geht es ins Zwillbrocker Venn. Geführt von Bettina. Und Frieda und Fred. Frieda ist ein Chileflamingo. Fred ein europäischer Flamingo. An den beiden kuscheligen Miniaturausgaben können wir die Unterschiede der beiden Arten erkennen. An der Farbe der Beine, des Schnabels und der Augen. Sie begleiten uns auf unsere Expedition. Und finden zeitweise Unterschlupf in Bettinas Tasche, als wir selber erproben, wie die Flamingos zur Balz tanzen. Oder herausfinden, dass sie sehr viel müheloser auf einem Bein stehen können als wir. Beneidenswert.

Wir stoßen entlang des Lachmöwensees auf einen Wasserskorpion, daumennagelgroße Frösche – die Saison hat gerade begonnen – und Moorschnucken. Die Flamingos hingegen habe sich in Richtung Insel verzogen, hinter den Zaun. Der wurde zum Schutz vor Meister Reineke im seichten Wasser aufgestellt. Um die brütenden Flamingos nicht zu stören. Heute dürfen wir, in Begleitung von Bettina, die öffentlichen Wege verlassen und schlüpfen durch ein Tor auf der gegenüberliegenden Seite des Zauns. Der Trampelpfad ist schmal. Als es über einen Steg geht, wird deutlich, dass wir tatsächlich mitten im Moor unterwegs sind.

Seeblick-WG mit Familienanschluss

Neben einer kleinen Holzhütte klettern wir auf einen Hügel. Tatsächlich: Flamingos im Münsterland. Mitten im See. Die sechs Flamingoküken tarnen sich in der Gruppe der Lachmöwen auf der Insel. Ebenso grau-weiß. Überhaupt eine gute Partnerschaft, erklärt Bettina. Denn es müsse eher Flamingoeltern statt Rabeneltern heißen. Naht ein Feind, lassen sie alles stehen und liegen. Auch ihre Küken. Da sind die Lachmöwen sehr viel verteidigungslustiger. Und sie sorgen dafür, dass der ansonsten nährstoffarme See mitten in der Moorlandschaft genügend Futter für die Flamingos und alles, was da sonst so kreucht und fleucht, bereithält.

Woher die nördlichste freilebende Flamingokolonie im Zwillbrocker Venn kommt, weiß niemand genau. Vielleicht aus einem Zoo oder aus privater Haltung entwischt? Eine Vermisstmeldung gab es jedoch diesbezüglich nie, so Bettina. Chileflamingos und europäische Rosaflamingos kommen seit Jahren gemeinsam zum Balzen und Brüten her. Bis im letzten Jahr war sogar ein Kuba-Flamingo dabei. In Zukunft gibt es dann vielleicht den Zwillbrocker Venn Flamingo. Darauf dann einen Cocktail!


Von März bis August kann man mit etwas Glück einen Blick auf die Flamingokolonie im Zwillbrocker Venn erhaschen. Entweder auf dem sechs Kilometer langen Rundweg aus der Ferne, oder, mit einer der geführten Wanderungen des Bildungswerks der Biologischen Station Zwillbrock, von einem näher gelegenen Beobachtungsposten. Zum Beispiel in Begleitung von Bettina und Flamingo Frieda. Bettina Hüning ist Diplom-Landschaftsökologin und führt für das Bildungswerk der Biologischen Station Zwillbrock Klein und Groß durch das Zwillbrocker Venn.

 

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