The Wennemen – Superhelden der Unsichtbarkeit
Veröffentlicht von am 18.07.2017 15:01 1 Kommentar

Sie sind mit Kryptonit nicht zu besiegen, sie sind fast unsichtbar aber schon sehr lang da. Sie wurden weder von radioaktiven Tieren gebissen noch durch ein fehlgeschlagenes Experiment zu den „Wennenmen“. Wo die Minutemen sich erst Ende der 1930er Jahre als eine Gruppe maskierter Personen formierten, die auf Verbrecherjagd gingen und später die Watchmen wurden, da warten und wirken die Wennemen schon viele 1000 Jahre – Spuren aus der Steinzeit künden im HSK von ihrer Kunst des Vergessen-Werdens.

Die Wennemen taten nichts und blieben da. Heute, nach Jahrhunderten, ist ihr Ort eine einzige Transitzone, kauert neben Highway 46 und der Route 743. Hier, unweit der großen Straßen, tun die Wennemen wie alle – aber wissen, was sonst niemand weiß: In Unsichtbarkeit und Ferne, abseits von allem und jenseits von jedem, liegt das Wissen.

Die Wennemen verbergen sich in doppelter Randlage, am Rand der Provinz, unbekannt selbst denen, nur ein Valley weiter. Hier, nicht weit vom Rue-River und in Richtung der City of Cities fließt, fühlen sie sich zu Haus. Und tun alles, nicht entdeckt und vergessen zu werden. Als man ihrem Ort 1966 den Bahnhof nahm, ihnen aber wie zum Hohn die Bahnhofsstraße ließ, da lächelten die Wennemen trotzdem – denn so tauchen sie nicht mal mehr auf Fahrplänen und Streckennetzen auf, versanken weiter im Ungefähren, die Hauptstraße ein Widerspruch in sich. 30 Jahre später, Geduld haben die Wennemen, wurde  die gesamte Bahnstrecke still gelegt – und wieder lächelten die Wennemen. Und mühen sich seitdem auch noch die Tankstelle zu schließen.
Ihr Glanzstück aber lieferten sie weitere 20 Jahre später ab, als es ihnen gelang, auch in der neuen, virtuellen Welt des WWW die Präsenz ihres Orts zu einem einzigen leuchtenden weißen Fleck auf dem Bildschirm zu machen. Keine Unsichtbarkeit ohne Geduld. Kein Vergessen, ohne das Verständnis von Zeit.

Die Wennemen verbergen sich hinter den pulsierenden Zentren Freenohl Downtown, Stassy (aka Stesse) und Stickyvillage. Wennemen könnte jeder sein, er ist wie alle, also niemand, ist wie die Fußgängzonen dieser Welt immer gleich, bloß an einem anderen Ort.
Aufmerksamkeit, die Währung unserer Zeit, fließt heute nur noch zu denen, die von einer Suchmaschine angezeigt werden, die ein Tourismusverband auswählt oder die sich hübsch zurechtmachen fürs Dabeisein. Wie die Bewohner von Narrow Montain da oben auf dem Hügel, einige Täler weiter, deren Ort sommers geflutet wird von Bewohnern der Flatlands mit ihrer kehligen Sprache, von beigefarbenen Old-People mit Fahrradhelmen und den Bikern der Sons auf Arthritis (Ibuprofen Chapter), während die Wennemen lächelnd, still, fast ein wenig überheblich geworden mit den Jahren, nur zuschauen. Die Wennemen, überall in der Welt heimisch am Rand der Ränder, in den Durchgangsräumen des Seins, sie sind viele, auch wenn sie allein scheinen. Sie werden immer hier sein und uns sehen ohne gesehen zu werden.

#stadtlandtext


Wennemen gehört zur Stadt Meschede im HSK und liegt am nördlichen Hang des Ruhrtals, südöstlich von Freienohl. Die Ruhr fließt an Wennemen vorbei. Angrenzende Orte sind Bockum, Stesse und Stockhausen. Hier wohnen derzeit rund 1800 Wennemen an der Abfahrt Wennemen, gleich neben der Autobahn A46. Wennemen ist so hübsch und fachbwerkbehaust wie die unzähligen, kleinen Orte im Sauerland – und ebenso unspezifisch und schnell vergessen. Was nicht unbedingt gegen sie spricht wie die Wennemen wissen.
Titelfoto: Cover DVD, The Invisible Men – Der Unsichtbare – auf einen Blick, SF-Krimi, USA (2000 – 2002)

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