Theorie
Veröffentlicht von am 03.04.2020 16:51 Schreibe einen Kommentar

Anfang März. Ich weiß noch genau, wo man suchen muss. Die Vermessung beginnt in einem Antiquariat. Der Buchhändler lässt seine Brille am Bügel im Mund baumeln, als er in einer Nische nach alten Karten kramt. „Die hier ist noch gestochen.“ Er überprüft den Vermerk des Kartographen, um das Erscheinungsjahr festzustellen. Der Vermerk fehlt. „Aber gegen 1880 vermutlich.“ Vorne habe er auch noch eine belgische aus dieser Zeit, aber die sei etwas teurer. Er sucht weiter in einem Haufen loser Papiere. Eine Weile tauchen wir beide in die Landschaften ein, die die Macher der Karten hinterlassen haben. Ein Exemplar von 1895, das im Regal zwischen den Lyrikbänden steckt, zeigt den „königlich-preußischen Forst“ von Aachen, Düren und Montjoie. Einzelne Bäume sind mit Namen verzeichnet: Kaiserbuche. Napoleonseiche. „Am Kirschbaum“ steht an einer Straße am unteren Rand, die nach Norden führt. Die Abzweigung von dort nach Nordosten sieht aus wie ein Ast. Die Höhenlinien, die sich darum winden, wie Zweige. Jedenfalls wenn man die Karte als Lyrik liest. Für 35 Euro kaufe ich einen Stapel historischer Karten. Eine belgische von Malmedy bekomme ich geschenkt. Ihr fehlt die Legende. Überhaupt sind mehrere der Karten Fragmente. Eine ist die linke, herausgerissene Seite aus einem französischen Atlas. Der Osten fehlt. Oder folgte auf der rechten Seite im Atlas etwas anderes? Auf einer Rad- und Wanderkarte von 1910 hat jemand mit Kugelschreiber einen Weg ergänzt, der über den Kartenrand hinausgeht. Durch die blaue Mine des Stiftes wirkt er wie ein Fluss. An seinem Ende ist, vorsichtig oder schon ausgeblichen, ein Kreuz gesetzt. Ist das die Quelle? Ein Treffpunkt? Das, was die Karte nicht mehr abbildet, scheint bedeutender als das, was sie zeigt.

 

Für mich hört sich alles französisch und flämisch an,

ob es um Strahlenschutz, Viren, um leere Regale geht.

In einer anderen Sprache möchte ich davon erfahren. In meinen vier

Wänden, drei leeren Etagen, zwei Welten (Skype/Zoom) gilt eine

nicht überprüfbare Theorie: X sei keine reelle Zahl, nicht ökonomisch,

kein Datum, nach dem wir fahnden. X sei ein Hashtag für alles Verschwindende

oder der Ort, wo der Schatz nicht mehr liegt. Noch nie lag. Hinter dem Kartenrand

lauern Gewissheit und Löwen auf uns.

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