Vier: Der Archivar
Veröffentlicht von am 20.04.2020 8:40 Schreibe einen Kommentar

Frederik reicht mir ein schweres Buch über den Tisch, der Umschlag waldgrün. Kleine Chronik des Dorfes Bellersen. Der Autor ist ein Horst-D. Krus. Schenk ich dir, sagt Frederik. Oh, wow, sage ich. Das Kind steht im Flur, lugt schüchtern in die Küche, versteckt sich dabei halb hinter der Mutter, ich sage hallo. Das Kind heißt Antonia, die Mutter Andrea, beide sind kränklich und heute zu Hause geblieben, erzählen sie. Antonia quengelt etwas, aber als ich mit Frederik aus der Haustür trete, läuft sie uns neugierig hinterher, ich winke, sie winkt, dann wird es ihr unheimlich, sie rennt zurück in die Küche. Was denn?, höre ich Andrea von dort. Was ist denn?

Draußen erzählt Frederik von Horst Krus, dem ehemaligen Kreisarchivar, kürzlich verstorben, ein herber Verlust für das Dorf und die ganze Region. Er führt mich durch das Werkhaus, dem Vereinssitz, zeigt mir eine Ausstellung, die Krus noch selbst kuratiert hat. Es geht um einen Mordfall, um Hermann Georg Winkelhan, der den jüdischen Händler Soistmann Berend hinterlistig ermorderte und dann floh. Um die von Haxthausens, das örtliche Adelsgeschlecht, das damals über Bellersen herrschte, und um die Tochter einer geborenen von Haxthausen, Annette von Droste-Hülshoff, die aus Winkelhan den Protagonisten ihrer Novelle „Die Judenbuche“ machte, Friedrich Mergel, das Opfer hieß dort schlicht: Aaron. Würde man heute alles anders machen, sagt Frederik, deutet auf die Exponate, aber trotzdem, damals haben wir einen Preis bekommen. Aha?, mache ich und fotografiere die Schautafeln, damit ich sie später in Ruhe lesen kann. Krus sei ein Getriebener gewesen, habe einen unendlichen Forscherdrang gehabt. Zuletzt habe er sich Arabisch beibringen wollen. Ich blicke auf. Aha?, mache ich wieder. Die deutschen Archive seien so schlecht, habe er immer gesagt. Er habe in Algier recherchieren wollen, wo Winkelhan in Gefangenschaft und Sklaverei geraten sei, bevor Napoleon ihn freikaufen ließ. Aha, mache ich. Und dann, zack bumm, sei er tot umgefallen, einfach so. Das habe keiner erwartet. Frederik schüttelt den Kopf. Schlimm sei das für das Dorf. Für den Verein. Schweigend gehen wir durch die Ausstellung, ich trete so weit von den Sperrholzwänden, wie möglich, um alles ins Objektiv zu bekommen. Er könne mir sein Haus zeigen, sagt Frederik irgendwann. Wessen Haus?, frage ich.

Warte hier, murmelt er, geht über die Straße, ich bleibe stehen, sehe an der Fassade hinauf, roter Klinker, Efeu und wilder Wein, nebenan ein schief stehender Verschlag mit Feuerholz, das feucht aussieht, der Garten ein Urwald, Gestrüpp und Sträucher mit verholzenden Stämmen. Der Aufgang zur Tür ist überdacht, eine Sitzbank mit Aschenbecher, der angefüllt ist mit verblichenen Zigarettenfiltern. Dann steht Frederik hinter mir, ein klingender Schlüsselbund in seiner Hand.

Innen riecht es, modrig und schwer. Moment, sagt Frederik, geht hinein, ein blechernes Geräusch, dann das Klicken eines Schalters, endlich Licht. Staub liegt auf dem Boden, vor einer alt gewordenen Tapete hängen Bilderrahmen, ein Glückwunschschreiben adressiert an den Kreisarchivar a.D., eine Urkunde, daneben das Bellerser Wappen als Schnitzarbeit aus dunklem Holz. Links geht ein Raum ab, Bücher bis unter die Decke, in den Regalen, vor den Regalen, in der Mitte des Raumes stehen Regale gestapelt. Er hat alles gesammelt, sagt Frederik, alles, was mit der Region zu tun hat, oder mit Irland, Irland war ein Hobby. Mhm, murmle ich, während ich die Buchrücken abgehe, sein Ablagesystem zu verstehen versuche. Die Säugetiere Westfalens. Die Amphibien und Reptilien Westfalens. Die Avifauna von Westfalen. Darunter: Die Geschichte des Corveyer Waldes. Verbreitungsatlas der Farn- und Blütenpflanzen Nordrhein-Westfalens. Historische Landkarten Europa. Dann eine Illustrierte Geschichte der Medizin in sechs Bänden. Ein biographisches Lexikon in zehn Bänden. Ein Nachschlagewerk zum Deutschen Aberglauben in zehn Bänden. Neben der Tür ein beinahe mannshoher Stapel von Jahrgangsbänden der Westfälischen Forschung, außerdem vierunddreißig Bände Grimm-Gesamtausgabe. Abwesend streife ich durch die Räume, lege den Kopf nach links, nach rechts, nach links. Burgenkunde. Europas Wehrbau. Die deutsche Stadt im Mittelalter. Jüdische Literatur in Westfalen. Historische Orgeln. Barock in Westfalen. Wie viel Geld hier drin steckt, sagt Frederik, sieht sich um. Er muss jeden Cent in Bücher investiert haben. Ja, sage ich, kniend, um mir die Bände in den unteren Fächern anzusehen. Lexikon für Theologie und Kirche. Dörfliche Gesellschaft und Kriminalität. Lexikon der Philatelie.

Wir haben schon etwas aufgeräumt, aber du siehst ja selbst, er zeigt auf einen schiefen Stapel Unterlagen, Broschüren und Ordner. Plötzlich ein Menschenschädel, grinsend starrt er zwischen Buchrücken hervor. Hm, ja, macht Frederik. Horst Krus war der Meinung, jeder große Denker müsse einen Schädel besitzen. Frederik zuckt mit den Schultern. Mir fällt ein: Goethe hat sich Schillers Schädel auf einem blauen Samtkissen bringen lassen. Er soll einen geblümten Gehrock getragen haben, während er in Schillers Mundhöhle umherfingerte.

Oben geht es weiter, mehrere Regalmeter voll nummerierter Aktenordner. Das ist die Chronik, sagt Frederik, zieht einen heraus und schlägt ihn auf. Ausgeschnittene Zeitungsartikel auf Kopierpapier geklebt, handschriftlich daneben Datum und Quellenangabe, manchmal zusätzlich mit Schlagworten versehen, dann in Klarsichthülle abgeheftet. Was für eine Fleißarbeit. Er hat alles archiviert, dokumentiert und abgelegt, alles, erzählt Frederik, während er den Ordner zurück ins Regal schiebt. Und das da ist das Fotoarchiv, ich drehe mich um, bemerke jetzt erst die Stapel von grauen und schwarzen Dia-Behältern. Bei jedem Dorffest, bei jedem runden Geburtstag ist er vorbeigekommen, hat fotografiert, das ist alles hier abgelegt, sagt er. Langsam wird mir klar, was hier lagert, zwischen staubigen Teppichen, vergilbten Tapeten, es ist das kollektive Gedächtnis eines Dorfes. Wahnsinn, sage ich. Wahnsinn, mehr bringe ich nicht heraus.

Frederik erzählt von Anträgen, die sie gestellt hätten, von einem riesigen Projekt. Sie wollten die Bibliothek unbedingt erhalten, das Archiv, und die Dias müssten digitalisiert werden. Unten solle ein Begegnungsraum für das Dorf entstehen, oben vielleicht ein Atelier für Kunstschaffende, Schreibende, wer auch immer sich mit Bellersen beschäftigen wolle, mit seiner Geschichte, mit der Region.

Am Ende des Ganges ein dunkles Zimmer, schemenhaft erkenne ich ein breites Doppelbett, darüber einen Bilderrahmen, verstreut stehende Möbelstücke. Ah, mache ich, das ist das Schlafzimmer gewesen? Nein, Frederik schüttelt den Kopf. Das war das Schlafzimmer seiner Eltern. Es wirkt unverändert, wie die Eltern es zurückgelassen haben. Echt? Frederik nickt. Das hat er also auch archiviert, murmle ich. Wir schweigen. Hm, ja, macht Frederik dann. Draußen dämmert es.

Ich gehe über die Straße, sehe mir von dort das Haus an, für einen Moment wirkt es beinahe belebt, bewohnt, aber innen läuft Frederik durch die Räume, ich höre seine Schritte, nach und nach erstirbt das Licht in den Fenstern, bis alles dunkel ist, verlassen liegt es da. Die Haustür scheppert hohl im Rahmen, dann kommt Frederik die Treppe herunter. Der Garten, sagt er, zeigt mit dem Daumen über die Schulter, wie er die Fahrbahn quert, ist eigentlich auch eine Sammlung. Er hat sich für Botanik interessiert, alle möglichen seltenen Pflanzen hat er da draußen gehabt, konnte dir genau sagen, was das eine ist und was das andere. Aber jetzt, Frederik guckt zurück, jetzt ist es ein Dschungel.

Mit der Chronik unterm Arm laufe ich durchs Dorf, die Laternen springen an. Als ich die Tür aufschließe, brüllen die Rinder von der Weide.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.