Von Kristallen. Und Kultur.
Veröffentlicht von am 14.08.2017 9:37 Schreibe einen Kommentar

Ankunft in Bad Sassendorf, Freitag Morgen. Erste Erwartungen werden mit dem ersten Eindruck bestätigt. Ein kleiner Bahnhof. Gegenüber des Gebäudes, in dem vermutlich einmal Fahrkarten gelöst werden konnten, Wohnhäuser mit Vorgarten und Carport. Ein Briefträger, Menschen, die Zeit und Ruhe haben. Für sich, für ein Pläuschchen mit der Nachbarin, für Ordnung und Sauberkeit. Für die Tageszeitung, die Unruhe stiftet.

Unweit dieses Orts der Ruhe die Bad Sassendorfer Salzwelten. Freundlicherweise wurde ich dorthin eingeladen, hier vorab: Keine Erwartungen, ich habe keine Vorstellung davon, was die Salzwelten mir nahebringen könnten. Ein Museum, das sich ausschließlich einem widmet: Salz. Spannend? Ja!

Frau Hartmann und Herr Melcher geben mir den Luxus einer Privatführung. Als Bruder und Schwager von Chemikern ist mir die Komplexität dessen bewusst, was in Deutschland auf keinem Frühstücksei fehlen darf. (In China übrigens sucht man Salz in der Küche oft vergebens.) Und doch bin ich überwältigt. Alltägliches und vermeintlich urvertrautes wird vielschichtig und komplex. In Bad Sassendorf werden mir Vorkommen, Gewinnung, Zustände, Verarbeitung, Verwendung anschaulich gemacht, tatsächlich be-greif-bar.

Salz im chemischen Modell. Unter dem Mikroskop in differenten Aggregatzuständen. Psychedelische Erfahrungen. Beispielhaft für die Unergründlichkeit des Bekannten. Alles ist bekannt. Alles ist fremd. Faszination für das Fremde. Ob Salz, ob Region, ob Kultur.

Modell NaCl – ©M. Bahr

Kristallwachstum ©mj

Salz unter dem Brennglas eines Mikroskops. Im chemischen Modell. Metaphorisch für mein Thema im Hellweg: Nachbarschaft.
Was ist Nachbarschaft, was kann es sein, in welchen Modellen zeigt es sich?

Das, was ich als Grundgerüst für Nachbarschaft erachte, ein konkreter Raum, in dem sich mindestens zwei Parteien begegnen. Zwei essentielle Säulen Engagement und Kultur.

Besonderes Engagement ist Ehrenamt. Herr Melcher, seit einigen Jahren in Pension, ist ehrenamtlicher Museumsführer der Salzwelten. Er vermittelt mehr als nur Informationen. Mehr als das, was auf weißen Karten neben Exponaten steht. Mehr als nur Hintergrundwissen. Begeisterung. Hingabe. Spaß.
Menschen, die mit viel Aufwand historische Dokumente ausfindig machen, auswerten, weiter verwertbar machen, sind schwer zu finden und kaum zu bezahlen. Herr Melcher in Bad Sassendorf: nicht schwer zu finden und unbedingt kennenlernenswert. Ehrenamt als große und selbstlose Bereicherung. Ein Vorbild.

Das Museum in dem kleinen Kurort überrascht mit moderner Architektur und neuen Medien. ‚Was hat das wohl gekostet?‘ Ein Gedanke für drei Sekunden, zugegeben.
Aber: Kultur muss kosten. Um zu überraschen. Neue Perspektiven und Fragen. Mehr als Luxus. Frei von Effizienz. Museen, Kunst, Theater, Parks, Literatur. Egal ob Hamburg, Magdeburg, Mülheim oder Bad Sassendorf. Nicht immer relevant eine Gegenüberstellung von Ausgaben und Einnahmen bzw. Besucherzahlen.
Bundestagswahlen in sechs Wochen. Verhandlungen für oder wider rote Zahlen. Für oder wider Effizienz, Engagement, Kultur.

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